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    IV

    Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer infantilen
    hysterischen Tierphobie, also z. B. der gewiß in allen Haupt-
    zügen typische Fall der Pferdphobie des „Kleinen Hans“.1
    Schon der erste Blick läßt uns erkennen, daß die Verhältnisse
    eines realen Falles von neurotischer Erkrankung weit kompli-
    zierter sind als unsere Erwartung, solange wir mit Abstrak-
    tionen arbeiten, sich vorstellt. Es gehört einige Arbeit dazu,
    sich zu orientieren, welches die verdrängte Regung, was ihr
    Symptomersatz ist, wo das Motiv der Verdrängung kenntlich
    wird.

    1)Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. [Ges.
    Schriften, Bd. VIII.]

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    Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße zu gehen,
    weil er Angst vor dem Pferd hat. Dies ist der Rohstoff. Was
    ist nun daran das Symptom: die Angstentwicklung, die Wahl
    des Angstobjekts, oder der Verzicht auf die freie Beweglich-
    keit, oder mehreres davon zugleich? Wo ist die Befriedigung,
    die er sich versagt? Warum muß er sich diese versagen?

    Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei nicht so viel
    rätselhaft. Die unverständliche Angst vor dem Pferd ist das
    Symptom, die Unfähigkeit, auf die Straße zu gehen, ist eine
    Hemmungserscheinung, eine Einschränkung, die sich das Ich
    auferlegt, um nicht das Angstsymptom zu wecken. Man sieht
    ohneweiters die Richtigkeit der Erklärung des letzten Punktes
    ein und wird nun diese Hemmung bei der weiteren Diskussion
    außer Betracht lassen. Aber die erste flüchtige Bekanntschaft
    mit dem Falle lehrt uns nicht einmal den wirklichen Ausdruck
    des vermeintlichen Symptoms kennen. Es handelt sich, wie wir
    bei genauerem Verhör erfahren, gar nicht um eine unbestimmte
    Angst vor dem Pferd, sondern um die bestimmte ängstliche
    Erwartung: das Pferd werde ihn beißen. Allerdings sucht sich
    dieser Inhalt dem Bewußtsein zu entziehen und sich durch
    die unbestimmte Phobie, in der nur noch die Angst und ihr
    Objekt vorkommen, zu ersetzen. Ist nun etwa dieser Inhalt
    der Kern des Symptoms?

    Wir kommen keinen Schritt weiter, solange wir nicht die
    ganze psychische Situation des Kleinen in Betracht ziehen,
    wie sie uns während der analytischen Arbeit enthüllt wird.
    Er befindet sich in der eifersüchtigen und feindseligen Ödipus-
    Einstellung zu seinem Vater, den er doch, soweit die Mutter
    nicht als Ursache der Entzweiung in Betracht kommt, herz-
    lich liebt. Also ein Ambivalenzkonflikt, gut begründete Liebe
    und nicht minder berechtigter Haß, beide auf dieselbe Person
    gerichtet. Seine Phobie muß ein Versuch zur Lösung dieses
    Konflikts sein. Solche Ambivalenzkonflikte sind sehr häufig,

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    wir kennen einen anderen typischen Ausgang derselben. Bei
    diesem wird die eine der beiden miteinander ringenden
    Regungen, in der Regel die zärtliche, enorm verstärkt, die
    andere verschwindet. Nur das Übermaß und das Zwangs-
    mäßige der Zärtlichkeit verrät uns, daß diese Einstellung
    nicht die einzig vorhandene ist, daß sie ständig auf der Hut
    ist, ihr Gegenteil in Unterdrückung zu halten, und läßt uns
    einen Hergang konstruieren, den wir als Verdrängung durch
    Reaktionsbildung (im Ich) beschreiben. Fälle wie
    der kleine Hans zeigen nichts von solcher Reaktionsbildung;
    es gibt offenbar verschiedene Wege, die aus einem Ambivalenz-
    konflikt herausführen.

    Etwas anderes haben wir unterdes mit Sicherheit erkannt.
    Die Triebregung, die der Verdrängung unterliegt, ist ein feind-
    seliger Impuls gegen den Vater. Die Analyse lieferte uns den
    Beweis hiefür, während sie der Herkunft der Idee des beißen-
    den Pferdes nachspürte. Hans hat ein Pferd fallen gesehen,
    einen Spielkameraden fallen und sich verletzen, mit dem er
    „Pferdl“ gespielt hatte. Sie hat uns das Recht gegeben, bei
    Hans eine Wunschregung zu konstruieren, die gelautet hat,
    der Vater möge hinfallen, sich beschädigen wie das Pferd
    und der Kamerad. Beziehungen zu einer beobachteten Abreise
    lassen vermuten, daß der Wunsch nach der Beseitigung des
    Vaters auch minder zaghaften Ausdruck gefunden hat. Ein
    solcher Wunsch ist aber gleichwertig mit der Absicht, ihn
    selbst zu beseitigen, mit der mörderischen Regung des Ödipus-
    Komplexes.

    Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt kein Weg
    zu dem Ersatz für sie, den wir in der Pferdphobie vermuten.
    Vereinfachen wir nun die psychische Situation des kleinen
    Hans, indem wir das infantile Moment und die Ambivalenz
    wegräumen; er sei etwa ein jüngerer Diener in einem Haushalt,
    der in die Herrin verliebt ist und sich gewisser Gunstbezeugunge

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    von ihrer Seite erfreue. Erhalten bleibt, daß er den
    stärkeren Hausherrn haßt und ihn beseitigt wissen möchte;
    dann ist es die natürlichste Folge dieser Situation, daß er die
    Rache dieses Herrn fürchtet, daß sich bei ihm ein Zustand
    von Angst vor diesem einstellt – ganz ähnlich wie die
    Phobie des kleinen Hans vor dem Pferd. Das heißt, wir
    können die Angst dieser Phobie nicht als Symptom bezeichnen;
    wenn der kleine Hans, der in seine Mutter verliebt ist,
    Angst vor dem Vater zeigen würde, hätten wir kein Recht,
    ihm eine Neurose, eine Phobie, zuzuschreiben. Wir hätten
    eine durchaus begreifliche affektive Reaktion vor uns. Was
    diese zur Neurose macht, ist einzig und allein ein anderer Zug,
    die Ersetzung des Vaters durch das Pferd. Diese Verschiebung
    stellt also das her, was auf den Namen eines Symptoms An-
    spruch hat. Sie ist jener andere Mechanismus, der die Erledi-
    gung des Ambivalenzkonflikts ohne die Hilfe der Reaktions-
    bildung gestattet. Ermöglicht oder erleichtert wird sie durch
    den Umstand, daß die mitgeborenen Spuren totemistischer
    Denkweise in diesem zarten Alter noch leicht zu beleben sind.
    Die Kluft zwischen Mensch und Tier ist noch nicht aner-
    kannt, gewiß nicht so überbetont wie später. Der erwachsene,
    bewunderte, aber auch gefürchtete Mann steht noch in einer
    Reihe mit dem großen Tier, das man um so vielerlei beneidet,
    vor dem man aber auch gewarnt worden ist, weil es gefähr-
    lich werden kann. Der Ambivalenzkonflikt wird also nicht
    an derselben Person erledigt, sondern gleichsam umgangen,
    indem man einer seiner Regungen eine andere Person als
    Ersatzobjekt unterschiebt.

    Soweit sehen wir ja klar, aber in einem anderen Punkte
    hat uns die Analyse der Phobie des kleinen Hans eine volle
    Enttäuschung gebracht. Die Entstellung, in der die Symptom-
    bildung besteht, wird gar nicht an der Repräsentanz (dem
    Vorstellungsinhalt) der zu verdrängenden Triebregung vorgenommen, 

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    genommen, sondern an einer davon ganz verschiedenen, die
    nur einer Reaktion auf das eigentlich Unliebsame entspricht.
    Unsere Erwartung fände eher Befriedigung, wenn der kleine
    Hans an Stelle seiner Angst vor dem Pferd eine Neigung ent-
    wickelt hätte, Pferde zu mißhandeln, sie zu schlagen, oder
    deutlich seinen Wunsch kundgegeben hätte, zu sehen, wie sie
    hinfallen, zu Schaden kommen, eventuell unter Zuckungen
    verenden (das Krawallmachen mit den Beinen). Etwas der
    Art tritt auch wirklich während seiner Analyse auf, aber es
    steht lange nicht voran in der Neurose und – sonderbar –
    wenn er wirklich solche Feindseligkeit, nur gegen das Pferd
    anstatt gegen den Vater gerichtet, als Hauptsymptom ent-
    wickelt hätte, würden wir gar nicht geurteilt haben, er be-
    finde sich in einer Neurose. Etwas ist also da nicht in Ord-
    nung, entweder an unserer Auffassung der Verdrängung oder
    in unserer Definition eines Symptoms. Eines fällt uns natürlich
    sofort auf: Wenn der kleine Hans wirklich ein solches Ver-
    halten gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja der Charakter
    der anstößigen, aggressiven Triebregung durch die Verdrängung
    gar nicht verändert, nur deren Objekt gewandelt worden.

    Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung gibt, die
    nicht mehr leisten als dies; bei der Genese der Phobie des
    kleinen Hans ist aber mehr geschehen. Um wieviel mehr,
    erraten wir aus einem anderen Stück Analyse.

    Wir haben bereits gehört, daß der kleine Hans als den
    Inhalt seiner Phobie die Vorstellung angab, vom Pferd ge-
    bissen zu werden. Nun haben wir später Einblick in die
    Genese eines anderen Falles von Tierphobie bekommen, in der
    der Wolf das Angsttier war, aber gleichfalls die Bedeutung
    eines Vaterersatzes hatte.2 Im Anschluß an einen Traum, den
    die Analyse durchsichtig machen konnte, entwickelte sich bei

    2)Aus der Geschichte einer infantilen Neurose [S. 37 ff. dieses
    Bandes].

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    diesem Knaben die Angst, vom Wolf gefressen zu werden,
    wie eines der sieben Geißlein im Märchen. Daß der Vater des
    kleinen Hans nachweisbar „Pferdl“ mit ihm gespielt hatte,
    war gewiß bestimmend für die Wahl des Angsttieres gewor-
    den; ebenso ließ sich wenigstens sehr wahrscheinlich machen,
    daß der Vater meines erst im dritten Jahrzehnt analysierten
    Russen in den Spielen mit dem Kleinen den Wolf gemimt
    und scherzend mit dem Auffressen gedroht hatte. Seither habe
    ich als dritten Fall einen jungen Amerikaner gefunden, bei
    dem sich zwar keine Tierphobie ausbildete, der aber gerade
    durch diesen Ausfall die anderen Fälle verstehen hilft. Seine
    sexuelle Erregung hatte sich an einer phantastischen Kinder-
    geschichte entzündet, die man ihm vorlas, von einem arabi-
    schen Häuptling, der einer aus eßbarer Substanz bestehenden
    Person (dem Gingerbreadman), nachjagt, um ihn zu verzehren.
    Mit diesem eßbaren Menschen identifizierte er sich selbst, der
    Häuptling war als Vaterersatz leicht kenntlich und diese
    Phantasie wurde die erste Unterlage seiner autoerotischen
    Betätigung. Die Vorstellung, vom Vater gefressen zu werden,
    ist aber typisches uraltes Kindergut; die Analogien aus der
    Mythologie (Kronos) und dem Tierleben sind allgemein
    bekannt.

    Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungsinhalt
    uns so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur ungläubig
    zugestehen können. Wir wissen auch nicht, ob er wirklich
    das bedeutet, was er auszusagen scheint, und verstehen nicht,
    wie er Gegenstand einer Phobie werden kann. Die analytische
    Erfahrung gibt uns allerdings die erforderlichen Auskünfte.
    Sie lehrt uns, daß die Vorstellung, vom Vater gefressen zu
    werden, der regressiv erniedrigte Ausdruck für eine passive
    zärtliche Regung ist, die vom Vater als Objekt im Sinne der
    Genitalerotik geliebt zu werden begehrt. Die Verfolgung der
    Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel an der Richtigkeit

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    dieser Deutung aufkommen. Die genitale Regung verrät frei
    lich nichts mehr von ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der
    Sprache der überwundenen Übergangsphase von der oralen
    sadistischen Libidoorganisation ausgedrückt wird. Handelt
    es sich übrigens nur um eine Ersetzung der Repräsentanz
    durch einen regressiven Ausdruck oder um eine wirkliche
    regressive Erniedrigung der genitalgerichteten Regung im Es?
    Das scheint gar nicht so leicht zu entscheiden. Die Kranken-
    geschichte des russischen „Wolfsmannes“ spricht ganz ent-
    schieden für die letztere ernstere Möglichkeit, denn er be-
    nimmt sich von dem entscheidenden Traum an „schlimm“,
    quälerisch, sadistisch und entwickelt bald darauf eine richtige
    Zwangsneurose. Jedenfalls gewinnen wir die Einsicht, daß die
    Verdrängung nicht das einzige Mittel ist, das dem Ich zur
    Abwehr einer unliebsamen Triebregung zu Gebote steht. Wenn
    es ihm gelingt, den Trieb zur Regression zu bringen, so hat es
    ihn im Grunde energischer beeinträchtigt, als durch die Ver-
    drängung möglich wäre. Allerdings läßt es manchmal der
    zuerst erzwungenen Regression die Verdrängung folgen.

    Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas einfachere
    beim kleinen Hans regen noch mancherlei andere Überlegun-
    gen an, aber zwei unerwartete Einsichten gewinnen wir schon
    jetzt. Kein Zweifel, die bei diesen Phobien verdrängte Trieb-
    regung ist eine feindselige gegen den Vater. Man kann sagen,
    sie wird verdrängt durch den Prozeß der Verwandlung ins
    Gegenteil; an Stelle der Aggression gegen den Vater tritt die
    Aggression – die Rache – des Vaters gegen die eigene
    Person. Da eine solche Aggression ohnedies in der sadistischen
    Libidophase wurzelt, bedarf sie nur noch einer gewissen Er-
    niedrigung zur oralen Stufe, die bei Hans durch das Gebissen-
    werden angedeutet, beim Russen aber im Gefressenwerden
    grell ausgeführt ist. Aber außerdem läßt ja die Analyse über
    jeden Zweifel gesichert feststellen, daß gleichzeitig noch eine

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    andere Triebregung der Verdrängung erlegen ist, die gegen-
    sinnige einer zärtlichen passiven Regung für den Vater, die
    bereits das Niveau der genitalen (phallischen) Libidoorgani-
    sation erreicht hatte. Die letztere scheint sogar die für das
    Endergebnis des Verdrängungsvorganges bedeutsamere zu sein,
    sie erfährt die weitergehende Regression, sie erhält den be-
    stimmenden Einfluß auf den Inhalt der Phobie. Wo wir also
    nur einer Triebverdrängung nachgespürt haben, müssen wir
    das Zusammentreffen von zwei solchen Vorgängen anerkennen;
    die beiden betroffenen Triebregungen – sadistische Aggression
    gegen den Vater und zärtlich passive Einstellung zu ihm –
    bilden ein Gegensatzpaar, ja noch mehr: wenn wir die Ge-
    schichte des kleinen Hans richtig würdigen, erkennen wir,
    daß durch die Bildung seiner Phobie auch die zärtliche
    Objektbesetzung der Mutter aufgehoben worden ist, wovon
    der Inhalt der Phobie nichts verrät. Es handelt sich bei Hans
    – beim Russen ist das weit weniger deutlich – um einen
    Verdrängungsvorgang, der fast alle Komponenten des 
    Ödipus‑Komplexes betrifft, die feindliche wie die zärtliche Regung
    gegen den Vater und die zärtliche für die Mutter.

    Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die wir
    nur einfache Fälle von Symptombildung infolge von Verdrän-
    gung studieren wollten und uns in dieser Absicht an die frü-
    hesten und anscheinend durchsichtigsten Neurosen der Kind-
    heit gewendet hatten. Anstatt einer einzigen Verdrängung
    fanden wir eine Häufung von solchen vor und überdies be-
    kamen wir es mit der Regression zu tun. Vielleicht haben wir
    die Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die beiden ver-
    fügbaren Analysen von Tierphobien – die des kleinen Hans
    und des Wolfsmannes – durchaus auf denselben Leisten
    schlagen wollten. Nun fallen uns gewisse Unterschiede der
    beiden auf. Nur vom kleinen Hans kann man mit Bestimmt-
    heit aussagen, daß er durch seine Phobie die beiden Hauptregungen 

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    des Ödipus‑Komplexes, die aggressive gegen den
    Vater und die überzärtliche gegen die Mutter, erledigt; die
    zärtliche für den Vater ist gewiß auch vorhanden, sie spielt
    ihre Rolle bei der Verdrängung ihres Gegensatzes, aber es ist
    weder nachweisbar, daß sie stark genug war, um eine Ver-
    drängung zu provozieren, noch daß sie nachher aufgehoben
    ist. Hans scheint eben ein normaler Junge mit sogenanntem
    „positiven“ Ödipus‑Komplex gewesen zu sein. Möglich, daß
    die Momente, die wir vermissen, auch bei ihm mittätig waren,
    aber wir können sie nicht aufzeigen, das Material selbst unserer
    eingehendsten Analysen ist eben lückenhaft, unsere Doku-
    mentierung unvollständig. Beim Russen ist der Defekt an an-
    derer Stelle; seine Beziehung zum weiblichen Objekt ist durch
    eine frühzeitige Verführung gestört worden, die passive,
    feminine Seite ist bei ihm stark ausgebildet und die Analyse
    seines Wolfstraumes enthüllt wenig von beabsichtigter Aggres-
    sion gegen den Vater, erbringt dafür die unzweideutigsten
    Beweise, daß die Verdrängung die passive, zärtliche Einstel-
    lung zum Vater betrifft. Auch hier mögen die anderen Fak-
    toren beteiligt gewesen sein, sie treten aber nicht vor. Wenn
    trotz dieser Unterschiede der beiden Fälle, die sich nahezu
    einer Gegensätzlichkeit nähern, der Enderfolg der Phobie
    nahezu der nämliche ist, so muß uns die Erklärung dafür
    von anderer Seite kommen; sie kommt von dem zweiten
    Ergebnis unserer kleinen vergleichenden Untersuchung. Wir
    glauben den Motor der Verdrängung in beiden Fällen zu
    kennen und sehen seine Rolle durch den Verlauf bestätigt, den
    die Entwicklung der zwei Kinder nimmt. Er ist in beiden
    Fällen der nämliche, die Angst vor einer drohenden Kastra-
    tion. Aus Kastrationsangst gibt der kleine Hans die Aggres-
    sion gegen den Vater auf; seine Angst, das Pferd werde ihn
    beißen, kann zwanglos vervollständigt werden, das Pferd
    werde ihm das Genitale abbeißen, ihn kastrieren. Aber aus

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    Kastrationsangst verzichtet auch der kleine Russe auf den
    Wunsch, vom Vater als Sexualobjekt geliebt zu werden, denn
    er hat verstanden, eine solche Beziehung hätte zur Voraus-
    setzung, daß er sein Genitale aufopfert, das, was ihn vom
    Weib unterscheidet. Beide Gestaltungen des Ödipus‑Komplexes,
    die normale, aktive, wie die invertierte, scheitern ja am
    Kastrationskomplex. Die Angstidee des Russen, vom Wolf
    gefressen zu werden, enthält zwar keine Andeutung der
    Kastration, sie hat sich durch orale Regression zu weit von
    der phallischen Phase entfernt, aber die Analyse seines
    Traumes macht jeden anderen Beweis überflüssig. Es ist auch
    ein voller Triumph der Verdrängung, daß im Wortlaut der
    Phobie nichts mehr auf die Kastration hindeutet.

    Hier nun das unerwartete Ergebnis: In beiden Fällen ist
    der Motor der Verdrängung die Kastrationsangst; die Angst-
    inhalte, vom Pferd gebissen und vom Wolf gefressen zu wer-
    den, sind Entstellungsersatz für den Inhalt, vom Vater
    kastriert zu werden. Dieser Inhalt ist es eigentlich, der die
    Verdrängung an sich erfahren hat. Beim Russen war er Aus-
    druck eines Wunsches, der gegen die Auflehnung der Männ-
    lichkeit nicht bestehen konnte, bei Hans Ausdruck einer Reak-
    tion, welche die Aggression in ihr Gegenteil umwandelte.
    Aber der Angstaffekt der Phobie, der ihr Wesen ausmacht,
    stammt nicht aus dem Verdrängungsvorgang, nicht aus den
    libidinösen Besetzungen der verdrängten Regungen, sondern
    aus dem Verdrängenden selbst; die Angst der Tierphobie ist
    die unverwandelte Kastrationsangst, also eine Realangst, Angst
    vor einer wirklich drohenden oder als real beurteilten Gefahr.
    Hier macht die Angst die Verdrängung, nicht, wie ich früher
    gemeint habe, die Verdrängung die Angst.

    Es ist nicht angenehm, daran zu denken, aber es hilft
    nichts, es zu verleugnen, ich habe oftmals den Satz vertreten,
    durch die Verdrängung werde die Triebrepräsentanz entstellt,

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    verschoben u. dgl., die Libido der Triebregung aber in Angst
    verwandelt. Die Untersuchung der Phobien, die vor allem
    berufen sein sollte, diesen Satz zu erweisen, bestätigt ihn also
    nicht, sie scheint ihm vielmehr direkt zu widersprechen. Die
    Angst der Tierphobien ist die Kastrationsangst des Ichs, die
    der weniger gründlich studierten Agoraphobie scheint Ver-
    suchungsangst zu sein, die ja genetisch mit der Kastrations-
    angst zusammenhängen muß. Die meisten Phobien gehen, so
    weit wir es heute übersehen, auf eine solche Angst des Ichs
    vor den Ansprüchen der Libido zurück. Immer ist dabei die
    Angsteinstellung des Ichs das Primäre und der Antrieb zur
    Verdrängung. Niemals geht die Angst aus der verdrängten
    Libido hervor. Wenn ich mich früher begnügt hätte zu sagen,
    nach der Verdrängung erscheint an Stelle der zu erwartenden
    Äußerung von Libido ein Maß von Angst, so hätte ich heute
    nichts zurückzunehmen. Die Beschreibung ist richtig und zwi-
    schen der Stärke der zu verdrängenden Regung und der In-
    tensität der resultierenden Angst besteht wohl die behaup-
    tete Entsprechung. Aber ich gestehe, ich glaubte mehr als
    eine bloße Beschreibung zu geben, ich nahm an, daß ich den
    metapsychologischen Vorgang einer direkten Umsetzung der
    Libido in Angst erkannt hatte; das kann ich also heute nicht
    mehr festhalten. Ich konnte auch früher nicht angeben, wie
    sich eine solche Umwandlung vollzieht.

    Woher schöpfte ich überhaupt die Idee dieser Umsetzung?
    Zur Zeit, als es uns noch sehr ferne lag, zwischen Vorgängen
    im Ich und Vorgängen im Es zu unterscheiden, aus dem Stu-
    dium der Aktualneurosen. Ich fand, daß bestimmte sexuelle
    Praktiken wie Coitus interruptus, frustrane Erregung, erzwun-
    gene Abstinenz Angstanbrüche und eine allgemeine Angst-
    bereitschaft erzeugen, also immer, wenn die Sexualerregung
    in ihrem Ablauf zur Befriedigung gehemmt, aufgehalten oder
    abgelenkt wird. Da die Sexualerregung der Ausdruck libidinöser 

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    Triebregungen ist, schien es nicht gewagt anzunehmen,
    daß die Libido sich durch die Einwirkung solcher Störungen
    in Angst verwandelt. Nun ist diese Beobachtung auch heute
    noch giltig; anderseits ist nicht abzuweisen, daß die Libido
    der Es‑Vorgänge durch die Anregung der Verdrängung eine
    Störung erfährt; es kann also noch immer richtig sein, daß
    sich bei der Verdrängung Angst aus der Libidobesetzung der
    Triebregungen bildet. Aber wie soll man dieses Ergebnis mit
    dem anderen zusammenbringen, daß die Angst der Phobien
    eine Ich‑Angst ist, im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung
    hervorgeht, sondern die Verdrängung hervorruft? Das scheint
    ein Widerspruch und nicht einfach zu lösen. Die Reduktion
    der beiden Ursprünge der Angst auf einen einzigen läßt sich
    nicht leicht durchsetzen. Man kann es mit der Annahme ver-
    suchen, daß das Ich in der Situation des gestörten Koitus, der
    unterbrochenen Erregung, der Abstinenz, Gefahren wittert,
    auf die es mit Angst reagiert, aber es ist nichts damit zu
    machen. Anderseits scheint die Analyse der Phobien, die wir
    vorgenommen haben, eine Berichtigung nicht zuzulassen. Non
    liquet!

    V

    Wir wollten die Symptombildung und den sekundären
    Kampf des Ichs gegen das Symptom studieren, aber wir haben
    offenbar mit der Wahl der Phobien keinen glücklichen Griff
    getan. Die Angst, welche im Bild dieser Affektionen vor-
    herrscht, erscheint uns nun als eine den Sachverhalt ver-
    hüllende Komplikation. Es gibt reichlich Neurosen, bei denen
    sich nichts von Angst zeigt. Die echte Konversionshysterie
    ist von solcher Art, deren schwerste Symptome ohne Bei-
    mung von Angst gefunden werden. Schon diese Tatsache
    müßte uns warnen, die Beziehungen zwischen Angst und
    Symptombildung nicht allzu fest zu knüpfen. Den