S.
220
IV
Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer infantilen
hysterischen Tierphobie, also z. B. der gewiß in allen Haupt-
zügen typische Fall der Pferdphobie des „Kleinen Hans“.1
Schon der erste Blick läßt uns erkennen, daß die Verhältnisse
eines realen Falles von neurotischer Erkrankung weit kompli-
zierter sind als unsere Erwartung, solange wir mit Abstrak-
tionen arbeiten, sich vorstellt. Es gehört einige Arbeit dazu,
sich zu orientieren, welches die verdrängte Regung, was ihr
Symptomersatz ist, wo das Motiv der Verdrängung kenntlich
wird.1)Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. [Ges.
Schriften, Bd. VIII.]S.
221
Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße zu gehen,
weil er Angst vor dem Pferd hat. Dies ist der Rohstoff. Was
ist nun daran das Symptom: die Angstentwicklung, die Wahl
des Angstobjekts, oder der Verzicht auf die freie Beweglich-
keit, oder mehreres davon zugleich? Wo ist die Befriedigung,
die er sich versagt? Warum muß er sich diese versagen?Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei nicht so viel
rätselhaft. Die unverständliche Angst vor dem Pferd ist das
Symptom, die Unfähigkeit, auf die Straße zu gehen, ist eine
Hemmungserscheinung, eine Einschränkung, die sich das Ich
auferlegt, um nicht das Angstsymptom zu wecken. Man sieht
ohneweiters die Richtigkeit der Erklärung des letzten Punktes
ein und wird nun diese Hemmung bei der weiteren Diskussion
außer Betracht lassen. Aber die erste flüchtige Bekanntschaft
mit dem Falle lehrt uns nicht einmal den wirklichen Ausdruck
des vermeintlichen Symptoms kennen. Es handelt sich, wie wir
bei genauerem Verhör erfahren, gar nicht um eine unbestimmte
Angst vor dem Pferd, sondern um die bestimmte ängstliche
Erwartung: das Pferd werde ihn beißen. Allerdings sucht sich
dieser Inhalt dem Bewußtsein zu entziehen und sich durch
die unbestimmte Phobie, in der nur noch die Angst und ihr
Objekt vorkommen, zu ersetzen. Ist nun etwa dieser Inhalt
der Kern des Symptoms?Wir kommen keinen Schritt weiter, solange wir nicht die
ganze psychische Situation des Kleinen in Betracht ziehen,
wie sie uns während der analytischen Arbeit enthüllt wird.
Er befindet sich in der eifersüchtigen und feindseligen Ödipus-
Einstellung zu seinem Vater, den er doch, soweit die Mutter
nicht als Ursache der Entzweiung in Betracht kommt, herz-
lich liebt. Also ein Ambivalenzkonflikt, gut begründete Liebe
und nicht minder berechtigter Haß, beide auf dieselbe Person
gerichtet. Seine Phobie muß ein Versuch zur Lösung dieses
Konflikts sein. Solche Ambivalenzkonflikte sind sehr häufig,S.
222
wir kennen einen anderen typischen Ausgang derselben. Bei
diesem wird die eine der beiden miteinander ringenden
Regungen, in der Regel die zärtliche, enorm verstärkt, die
andere verschwindet. Nur das Übermaß und das Zwangs-
mäßige der Zärtlichkeit verrät uns, daß diese Einstellung
nicht die einzig vorhandene ist, daß sie ständig auf der Hut
ist, ihr Gegenteil in Unterdrückung zu halten, und läßt uns
einen Hergang konstruieren, den wir als Verdrängung durch
Reaktionsbildung (im Ich) beschreiben. Fälle wie
der kleine Hans zeigen nichts von solcher Reaktionsbildung;
es gibt offenbar verschiedene Wege, die aus einem Ambivalenz-
konflikt herausführen.Etwas anderes haben wir unterdes mit Sicherheit erkannt.
Die Triebregung, die der Verdrängung unterliegt, ist ein feind-
seliger Impuls gegen den Vater. Die Analyse lieferte uns den
Beweis hiefür, während sie der Herkunft der Idee des beißen-
den Pferdes nachspürte. Hans hat ein Pferd fallen gesehen,
einen Spielkameraden fallen und sich verletzen, mit dem er
„Pferdl“ gespielt hatte. Sie hat uns das Recht gegeben, bei
Hans eine Wunschregung zu konstruieren, die gelautet hat,
der Vater möge hinfallen, sich beschädigen wie das Pferd
und der Kamerad. Beziehungen zu einer beobachteten Abreise
lassen vermuten, daß der Wunsch nach der Beseitigung des
Vaters auch minder zaghaften Ausdruck gefunden hat. Ein
solcher Wunsch ist aber gleichwertig mit der Absicht, ihn
selbst zu beseitigen, mit der mörderischen Regung des Ödipus-
Komplexes.Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt kein Weg
zu dem Ersatz für sie, den wir in der Pferdphobie vermuten.
Vereinfachen wir nun die psychische Situation des kleinen
Hans, indem wir das infantile Moment und die Ambivalenz
wegräumen; er sei etwa ein jüngerer Diener in einem Haushalt,
der in die Herrin verliebt ist und sich gewisser GunstbezeugungeS.
223
von ihrer Seite erfreue. Erhalten bleibt, daß er den
stärkeren Hausherrn haßt und ihn beseitigt wissen möchte;
dann ist es die natürlichste Folge dieser Situation, daß er die
Rache dieses Herrn fürchtet, daß sich bei ihm ein Zustand
von Angst vor diesem einstellt – ganz ähnlich wie die
Phobie des kleinen Hans vor dem Pferd. Das heißt, wir
können die Angst dieser Phobie nicht als Symptom bezeichnen;
wenn der kleine Hans, der in seine Mutter verliebt ist,
Angst vor dem Vater zeigen würde, hätten wir kein Recht,
ihm eine Neurose, eine Phobie, zuzuschreiben. Wir hätten
eine durchaus begreifliche affektive Reaktion vor uns. Was
diese zur Neurose macht, ist einzig und allein ein anderer Zug,
die Ersetzung des Vaters durch das Pferd. Diese Verschiebung
stellt also das her, was auf den Namen eines Symptoms An-
spruch hat. Sie ist jener andere Mechanismus, der die Erledi-
gung des Ambivalenzkonflikts ohne die Hilfe der Reaktions-
bildung gestattet. Ermöglicht oder erleichtert wird sie durch
den Umstand, daß die mitgeborenen Spuren totemistischer
Denkweise in diesem zarten Alter noch leicht zu beleben sind.
Die Kluft zwischen Mensch und Tier ist noch nicht aner-
kannt, gewiß nicht so überbetont wie später. Der erwachsene,
bewunderte, aber auch gefürchtete Mann steht noch in einer
Reihe mit dem großen Tier, das man um so vielerlei beneidet,
vor dem man aber auch gewarnt worden ist, weil es gefähr-
lich werden kann. Der Ambivalenzkonflikt wird also nicht
an derselben Person erledigt, sondern gleichsam umgangen,
indem man einer seiner Regungen eine andere Person als
Ersatzobjekt unterschiebt.Soweit sehen wir ja klar, aber in einem anderen Punkte
hat uns die Analyse der Phobie des kleinen Hans eine volle
Enttäuschung gebracht. Die Entstellung, in der die Symptom-
bildung besteht, wird gar nicht an der Repräsentanz (dem
Vorstellungsinhalt) der zu verdrängenden Triebregung vorgenommen,S.
224
genommen, sondern an einer davon ganz verschiedenen, die
nur einer Reaktion auf das eigentlich Unliebsame entspricht.
Unsere Erwartung fände eher Befriedigung, wenn der kleine
Hans an Stelle seiner Angst vor dem Pferd eine Neigung ent-
wickelt hätte, Pferde zu mißhandeln, sie zu schlagen, oder
deutlich seinen Wunsch kundgegeben hätte, zu sehen, wie sie
hinfallen, zu Schaden kommen, eventuell unter Zuckungen
verenden (das Krawallmachen mit den Beinen). Etwas der
Art tritt auch wirklich während seiner Analyse auf, aber es
steht lange nicht voran in der Neurose und – sonderbar –
wenn er wirklich solche Feindseligkeit, nur gegen das Pferd
anstatt gegen den Vater gerichtet, als Hauptsymptom ent-
wickelt hätte, würden wir gar nicht geurteilt haben, er be-
finde sich in einer Neurose. Etwas ist also da nicht in Ord-
nung, entweder an unserer Auffassung der Verdrängung oder
in unserer Definition eines Symptoms. Eines fällt uns natürlich
sofort auf: Wenn der kleine Hans wirklich ein solches Ver-
halten gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja der Charakter
der anstößigen, aggressiven Triebregung durch die Verdrängung
gar nicht verändert, nur deren Objekt gewandelt worden.Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung gibt, die
nicht mehr leisten als dies; bei der Genese der Phobie des
kleinen Hans ist aber mehr geschehen. Um wieviel mehr,
erraten wir aus einem anderen Stück Analyse.Wir haben bereits gehört, daß der kleine Hans als den
Inhalt seiner Phobie die Vorstellung angab, vom Pferd ge-
bissen zu werden. Nun haben wir später Einblick in die
Genese eines anderen Falles von Tierphobie bekommen, in der
der Wolf das Angsttier war, aber gleichfalls die Bedeutung
eines Vaterersatzes hatte.2 Im Anschluß an einen Traum, den
die Analyse durchsichtig machen konnte, entwickelte sich bei2)Aus der Geschichte einer infantilen Neurose [S. 37 ff. dieses
Bandes].S.
225
diesem Knaben die Angst, vom Wolf gefressen zu werden,
wie eines der sieben Geißlein im Märchen. Daß der Vater des
kleinen Hans nachweisbar „Pferdl“ mit ihm gespielt hatte,
war gewiß bestimmend für die Wahl des Angsttieres gewor-
den; ebenso ließ sich wenigstens sehr wahrscheinlich machen,
daß der Vater meines erst im dritten Jahrzehnt analysierten
Russen in den Spielen mit dem Kleinen den Wolf gemimt
und scherzend mit dem Auffressen gedroht hatte. Seither habe
ich als dritten Fall einen jungen Amerikaner gefunden, bei
dem sich zwar keine Tierphobie ausbildete, der aber gerade
durch diesen Ausfall die anderen Fälle verstehen hilft. Seine
sexuelle Erregung hatte sich an einer phantastischen Kinder-
geschichte entzündet, die man ihm vorlas, von einem arabi-
schen Häuptling, der einer aus eßbarer Substanz bestehenden
Person (dem Gingerbreadman), nachjagt, um ihn zu verzehren.
Mit diesem eßbaren Menschen identifizierte er sich selbst, der
Häuptling war als Vaterersatz leicht kenntlich und diese
Phantasie wurde die erste Unterlage seiner autoerotischen
Betätigung. Die Vorstellung, vom Vater gefressen zu werden,
ist aber typisches uraltes Kindergut; die Analogien aus der
Mythologie (Kronos) und dem Tierleben sind allgemein
bekannt.Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungsinhalt
uns so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur ungläubig
zugestehen können. Wir wissen auch nicht, ob er wirklich
das bedeutet, was er auszusagen scheint, und verstehen nicht,
wie er Gegenstand einer Phobie werden kann. Die analytische
Erfahrung gibt uns allerdings die erforderlichen Auskünfte.
Sie lehrt uns, daß die Vorstellung, vom Vater gefressen zu
werden, der regressiv erniedrigte Ausdruck für eine passive
zärtliche Regung ist, die vom Vater als Objekt im Sinne der
Genitalerotik geliebt zu werden begehrt. Die Verfolgung der
Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel an der RichtigkeitS.
226
dieser Deutung aufkommen. Die genitale Regung verrät frei
lich nichts mehr von ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der
Sprache der überwundenen Übergangsphase von der oralen
sadistischen Libidoorganisation ausgedrückt wird. Handelt
es sich übrigens nur um eine Ersetzung der Repräsentanz
durch einen regressiven Ausdruck oder um eine wirkliche
regressive Erniedrigung der genitalgerichteten Regung im Es?
Das scheint gar nicht so leicht zu entscheiden. Die Kranken-
geschichte des russischen „Wolfsmannes“ spricht ganz ent-
schieden für die letztere ernstere Möglichkeit, denn er be-
nimmt sich von dem entscheidenden Traum an „schlimm“,
quälerisch, sadistisch und entwickelt bald darauf eine richtige
Zwangsneurose. Jedenfalls gewinnen wir die Einsicht, daß die
Verdrängung nicht das einzige Mittel ist, das dem Ich zur
Abwehr einer unliebsamen Triebregung zu Gebote steht. Wenn
es ihm gelingt, den Trieb zur Regression zu bringen, so hat es
ihn im Grunde energischer beeinträchtigt, als durch die Ver-
drängung möglich wäre. Allerdings läßt es manchmal der
zuerst erzwungenen Regression die Verdrängung folgen.Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas einfachere
beim kleinen Hans regen noch mancherlei andere Überlegun-
gen an, aber zwei unerwartete Einsichten gewinnen wir schon
jetzt. Kein Zweifel, die bei diesen Phobien verdrängte Trieb-
regung ist eine feindselige gegen den Vater. Man kann sagen,
sie wird verdrängt durch den Prozeß der Verwandlung ins
Gegenteil; an Stelle der Aggression gegen den Vater tritt die
Aggression – die Rache – des Vaters gegen die eigene
Person. Da eine solche Aggression ohnedies in der sadistischen
Libidophase wurzelt, bedarf sie nur noch einer gewissen Er-
niedrigung zur oralen Stufe, die bei Hans durch das Gebissen-
werden angedeutet, beim Russen aber im Gefressenwerden
grell ausgeführt ist. Aber außerdem läßt ja die Analyse über
jeden Zweifel gesichert feststellen, daß gleichzeitig noch eineS.
227
andere Triebregung der Verdrängung erlegen ist, die gegen-
sinnige einer zärtlichen passiven Regung für den Vater, die
bereits das Niveau der genitalen (phallischen) Libidoorgani-
sation erreicht hatte. Die letztere scheint sogar die für das
Endergebnis des Verdrängungsvorganges bedeutsamere zu sein,
sie erfährt die weitergehende Regression, sie erhält den be-
stimmenden Einfluß auf den Inhalt der Phobie. Wo wir also
nur einer Triebverdrängung nachgespürt haben, müssen wir
das Zusammentreffen von zwei solchen Vorgängen anerkennen;
die beiden betroffenen Triebregungen – sadistische Aggression
gegen den Vater und zärtlich passive Einstellung zu ihm –
bilden ein Gegensatzpaar, ja noch mehr: wenn wir die Ge-
schichte des kleinen Hans richtig würdigen, erkennen wir,
daß durch die Bildung seiner Phobie auch die zärtliche
Objektbesetzung der Mutter aufgehoben worden ist, wovon
der Inhalt der Phobie nichts verrät. Es handelt sich bei Hans
– beim Russen ist das weit weniger deutlich – um einen
Verdrängungsvorgang, der fast alle Komponenten des
Ödipus‑Komplexes betrifft, die feindliche wie die zärtliche Regung
gegen den Vater und die zärtliche für die Mutter.Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die wir
nur einfache Fälle von Symptombildung infolge von Verdrän-
gung studieren wollten und uns in dieser Absicht an die frü-
hesten und anscheinend durchsichtigsten Neurosen der Kind-
heit gewendet hatten. Anstatt einer einzigen Verdrängung
fanden wir eine Häufung von solchen vor und überdies be-
kamen wir es mit der Regression zu tun. Vielleicht haben wir
die Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die beiden ver-
fügbaren Analysen von Tierphobien – die des kleinen Hans
und des Wolfsmannes – durchaus auf denselben Leisten
schlagen wollten. Nun fallen uns gewisse Unterschiede der
beiden auf. Nur vom kleinen Hans kann man mit Bestimmt-
heit aussagen, daß er durch seine Phobie die beiden HauptregungenS.
228
des Ödipus‑Komplexes, die aggressive gegen den
Vater und die überzärtliche gegen die Mutter, erledigt; die
zärtliche für den Vater ist gewiß auch vorhanden, sie spielt
ihre Rolle bei der Verdrängung ihres Gegensatzes, aber es ist
weder nachweisbar, daß sie stark genug war, um eine Ver-
drängung zu provozieren, noch daß sie nachher aufgehoben
ist. Hans scheint eben ein normaler Junge mit sogenanntem
„positiven“ Ödipus‑Komplex gewesen zu sein. Möglich, daß
die Momente, die wir vermissen, auch bei ihm mittätig waren,
aber wir können sie nicht aufzeigen, das Material selbst unserer
eingehendsten Analysen ist eben lückenhaft, unsere Doku-
mentierung unvollständig. Beim Russen ist der Defekt an an-
derer Stelle; seine Beziehung zum weiblichen Objekt ist durch
eine frühzeitige Verführung gestört worden, die passive,
feminine Seite ist bei ihm stark ausgebildet und die Analyse
seines Wolfstraumes enthüllt wenig von beabsichtigter Aggres-
sion gegen den Vater, erbringt dafür die unzweideutigsten
Beweise, daß die Verdrängung die passive, zärtliche Einstel-
lung zum Vater betrifft. Auch hier mögen die anderen Fak-
toren beteiligt gewesen sein, sie treten aber nicht vor. Wenn
trotz dieser Unterschiede der beiden Fälle, die sich nahezu
einer Gegensätzlichkeit nähern, der Enderfolg der Phobie
nahezu der nämliche ist, so muß uns die Erklärung dafür
von anderer Seite kommen; sie kommt von dem zweiten
Ergebnis unserer kleinen vergleichenden Untersuchung. Wir
glauben den Motor der Verdrängung in beiden Fällen zu
kennen und sehen seine Rolle durch den Verlauf bestätigt, den
die Entwicklung der zwei Kinder nimmt. Er ist in beiden
Fällen der nämliche, die Angst vor einer drohenden Kastra-
tion. Aus Kastrationsangst gibt der kleine Hans die Aggres-
sion gegen den Vater auf; seine Angst, das Pferd werde ihn
beißen, kann zwanglos vervollständigt werden, das Pferd
werde ihm das Genitale abbeißen, ihn kastrieren. Aber ausS.
229
Kastrationsangst verzichtet auch der kleine Russe auf den
Wunsch, vom Vater als Sexualobjekt geliebt zu werden, denn
er hat verstanden, eine solche Beziehung hätte zur Voraus-
setzung, daß er sein Genitale aufopfert, das, was ihn vom
Weib unterscheidet. Beide Gestaltungen des Ödipus‑Komplexes,
die normale, aktive, wie die invertierte, scheitern ja am
Kastrationskomplex. Die Angstidee des Russen, vom Wolf
gefressen zu werden, enthält zwar keine Andeutung der
Kastration, sie hat sich durch orale Regression zu weit von
der phallischen Phase entfernt, aber die Analyse seines
Traumes macht jeden anderen Beweis überflüssig. Es ist auch
ein voller Triumph der Verdrängung, daß im Wortlaut der
Phobie nichts mehr auf die Kastration hindeutet.Hier nun das unerwartete Ergebnis: In beiden Fällen ist
der Motor der Verdrängung die Kastrationsangst; die Angst-
inhalte, vom Pferd gebissen und vom Wolf gefressen zu wer-
den, sind Entstellungsersatz für den Inhalt, vom Vater
kastriert zu werden. Dieser Inhalt ist es eigentlich, der die
Verdrängung an sich erfahren hat. Beim Russen war er Aus-
druck eines Wunsches, der gegen die Auflehnung der Männ-
lichkeit nicht bestehen konnte, bei Hans Ausdruck einer Reak-
tion, welche die Aggression in ihr Gegenteil umwandelte.
Aber der Angstaffekt der Phobie, der ihr Wesen ausmacht,
stammt nicht aus dem Verdrängungsvorgang, nicht aus den
libidinösen Besetzungen der verdrängten Regungen, sondern
aus dem Verdrängenden selbst; die Angst der Tierphobie ist
die unverwandelte Kastrationsangst, also eine Realangst, Angst
vor einer wirklich drohenden oder als real beurteilten Gefahr.
Hier macht die Angst die Verdrängung, nicht, wie ich früher
gemeint habe, die Verdrängung die Angst.Es ist nicht angenehm, daran zu denken, aber es hilft
nichts, es zu verleugnen, ich habe oftmals den Satz vertreten,
durch die Verdrängung werde die Triebrepräsentanz entstellt,S.
230
verschoben u. dgl., die Libido der Triebregung aber in Angst
verwandelt. Die Untersuchung der Phobien, die vor allem
berufen sein sollte, diesen Satz zu erweisen, bestätigt ihn also
nicht, sie scheint ihm vielmehr direkt zu widersprechen. Die
Angst der Tierphobien ist die Kastrationsangst des Ichs, die
der weniger gründlich studierten Agoraphobie scheint Ver-
suchungsangst zu sein, die ja genetisch mit der Kastrations-
angst zusammenhängen muß. Die meisten Phobien gehen, so
weit wir es heute übersehen, auf eine solche Angst des Ichs
vor den Ansprüchen der Libido zurück. Immer ist dabei die
Angsteinstellung des Ichs das Primäre und der Antrieb zur
Verdrängung. Niemals geht die Angst aus der verdrängten
Libido hervor. Wenn ich mich früher begnügt hätte zu sagen,
nach der Verdrängung erscheint an Stelle der zu erwartenden
Äußerung von Libido ein Maß von Angst, so hätte ich heute
nichts zurückzunehmen. Die Beschreibung ist richtig und zwi-
schen der Stärke der zu verdrängenden Regung und der In-
tensität der resultierenden Angst besteht wohl die behaup-
tete Entsprechung. Aber ich gestehe, ich glaubte mehr als
eine bloße Beschreibung zu geben, ich nahm an, daß ich den
metapsychologischen Vorgang einer direkten Umsetzung der
Libido in Angst erkannt hatte; das kann ich also heute nicht
mehr festhalten. Ich konnte auch früher nicht angeben, wie
sich eine solche Umwandlung vollzieht.Woher schöpfte ich überhaupt die Idee dieser Umsetzung?
Zur Zeit, als es uns noch sehr ferne lag, zwischen Vorgängen
im Ich und Vorgängen im Es zu unterscheiden, aus dem Stu-
dium der Aktualneurosen. Ich fand, daß bestimmte sexuelle
Praktiken wie Coitus interruptus, frustrane Erregung, erzwun-
gene Abstinenz Angstanbrüche und eine allgemeine Angst-
bereitschaft erzeugen, also immer, wenn die Sexualerregung
in ihrem Ablauf zur Befriedigung gehemmt, aufgehalten oder
abgelenkt wird. Da die Sexualerregung der Ausdruck libidinöserS.
231
Triebregungen ist, schien es nicht gewagt anzunehmen,
daß die Libido sich durch die Einwirkung solcher Störungen
in Angst verwandelt. Nun ist diese Beobachtung auch heute
noch giltig; anderseits ist nicht abzuweisen, daß die Libido
der Es‑Vorgänge durch die Anregung der Verdrängung eine
Störung erfährt; es kann also noch immer richtig sein, daß
sich bei der Verdrängung Angst aus der Libidobesetzung der
Triebregungen bildet. Aber wie soll man dieses Ergebnis mit
dem anderen zusammenbringen, daß die Angst der Phobien
eine Ich‑Angst ist, im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung
hervorgeht, sondern die Verdrängung hervorruft? Das scheint
ein Widerspruch und nicht einfach zu lösen. Die Reduktion
der beiden Ursprünge der Angst auf einen einzigen läßt sich
nicht leicht durchsetzen. Man kann es mit der Annahme ver-
suchen, daß das Ich in der Situation des gestörten Koitus, der
unterbrochenen Erregung, der Abstinenz, Gefahren wittert,
auf die es mit Angst reagiert, aber es ist nichts damit zu
machen. Anderseits scheint die Analyse der Phobien, die wir
vorgenommen haben, eine Berichtigung nicht zuzulassen. Non
liquet!V
Wir wollten die Symptombildung und den sekundären
Kampf des Ichs gegen das Symptom studieren, aber wir haben
offenbar mit der Wahl der Phobien keinen glücklichen Griff
getan. Die Angst, welche im Bild dieser Affektionen vor-
herrscht, erscheint uns nun als eine den Sachverhalt ver-
hüllende Komplikation. Es gibt reichlich Neurosen, bei denen
sich nichts von Angst zeigt. Die echte Konversionshysterie
ist von solcher Art, deren schwerste Symptome ohne Bei-
mung von Angst gefunden werden. Schon diese Tatsache
müßte uns warnen, die Beziehungen zwischen Angst und
Symptombildung nicht allzu fest zu knüpfen. Den
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Hemmung, Angst und Symptom1926-001/1931