Die bestehenden Faksimile werden in Kürze automatisch aus einem neu hochgeladenen PDF ersetzt

  • S.

    245

    VII

    Kehren wir zu den infantilen Tierphobien zurück, wir ver-
    stehen diese Fälle doch besser als alle anderen. Das Ich muß

  • S.

    246

    also hier gegen eine libidinöse Objektbesetzung des Es (die 
    des positiven oder des negativen Ödipus‑Komplexes) ein-
    schreiten, weil es verstanden hat, ihr nachzugeben brächte
    die Gefahr der Kastration mit sich. Wir haben das schon
    erörtert und finden noch Anlaß, uns einen Zweifel klar zu
    machen, der von dieser ersten Diskussion erübrigt ist. Sollen
    wir beim kleinen Hans (also im Falle des positiven Ödipus-
    Komplexes) annehmen, daß es die zärtliche Regung für die
    Mutter oder die aggressive gegen den Vater ist, welche die
    Abwehr des Ichs herausfordert? Praktisch schiene das gleich-
    gültig, besonders da die beiden Regungen einander bedingen,
    aber ein theoretisches Interesse knüpft sich an die Frage, weil
    nur die zärtliche Strömung für die Mutter als eine rein eroti-
    sche gelten kann. Die aggressive ist wesentlich vom Destruk-
    tionstrieb abhängig, und wir haben immer geglaubt, bei der
    Neurose wehre sich das Ich gegen Ansprüche der Libido,
    nicht der anderen Triebe. In der Tat sehen wir, daß nach der
    Bildung der Phobie die zärtliche Mutterbindung wie ver-
    schwunden ist, sie ist durch die Verdrängung gründlich-
    erledigt worden, an der aggressiven Regung hat sich aber die
    Symptom‑ (Ersatz‑) Bildung vollzogen. Im Falle des Wolfs-
    mannes liegt es einfacher, die verdrängte Regung ist wirklich
    eine erotische, die feminine Einstellung zum Vater, und an
    ihr vollzieht sich auch die Symptombildung.

    Es ist fast beschämend, daß wir nach so langer Arbeit
    noch immer Schwierigkeiten in der Auffassung der funda-
    mentalsten Verhältnisse finden, aber wir haben uns vorge-
    nommen, nichts zu vereinfachen und nichts zu verheimlichen.
    Wenn wir nicht klar sehen können, wollen wir wenigstens
    die Unklarheiten scharf sehen. Was uns hier im Wege steht,
    ist offenbar eine Unebenheit in der Entwicklung unserer
    Trieblehre. Wir hatten zuerst die Organisationen der Libido
    von der oralen über die sadistisch‑anale zur genitalen Stufe

  • S.

    247

    verfolgt und dabei alle Komponenten des Sexualtriebs ein
    ander gleichgestellt. Später erschien uns der Sadismus als der
    Vertreter eines andern, dem Eros gegensätzlichen Triebes. Die
    neue Auffassung von den zwei Triebgruppen scheint die
    frühere Konstruktion von sukzessiven Phasen der Libidoorga-
    nisation zu sprengen. Die hilfreiche Auskunft aus dieser
    Schwierigkeit brauchen wir aber nicht neu zu erfinden. Sie
    hat sich uns längst geboten und lautet, daß wir es kaum
    jemals mit reinen Triebregungen zu tun haben, sondern
    durchweg mit Legierungen beider Triebe in verschiedenen
    Mengenverhältnissen. Die sadistische Objektbesetzung hat
    also auch ein Anrecht, als eine libidinöse behandelt zu werden,
    die Organisationen der Libido brauchen nicht revidiert zu
    werden, die aggressive Regung gegen den Vater kann mit dem
    selben Anrecht Objekt der Verdrängung werden wie die
    zärtliche für die Mutter. Immerhin setzen wir als Stoff für
    spätere Überlegung die Möglichkeit beiseite, daß die Verdrän-
    gung ein Prozeß ist, der eine besondere Beziehung zur Geni-
    talorganisation der Libido hat, daß das Ich zu anderen Me-
    thoden der Abwehr greift, wenn es sich der Libido auf ande-
    ren Stufen der Organisation zu erwehren hat, und setzen wir
    fort: Ein Fall wie der des kleinen Hans gestattet uns keine
    Entscheidung; hier wird zwar eine aggressive Regung durch
    Verdrängung erledigt, aber nachdem die Genitalorganisation
    bereits erreicht ist.

    Wir wollen diesmal die Beziehung zur Angst nicht aus den
    Augen lassen. Wir sagten, so wie das Ich die Kastrations-
    gefahr erkannt hat, gibt es das Angstsignal und inhibiert
    mittels der Lust-Unlust-Instanz auf eine weiter nicht einsicht-
    liche Weise den bedrohlichen Besetzungsvorgang im Es.
    Gleichzeitig vollzieht sich die Bildung der Phobie. Die Ka-
    strationsangst erhält ein anderes Objekt und einen entstellten
    Ausdruck: vom Pferd gebissen (vom Wolf gefressen), anstatt

  • S.

    248

    vom Vater kastriert zu werden. Die Ersatzbildung hat zwei
    offenkundige Vorteile, erstens, daß sie einem Ambivalenz-
    konflikt ausweicht, denn der Vater ist ein gleichzeitig geliebtes
    Objekt, und zweitens, daß sie dem Ich gestattet, die Angst-
    entwicklung einzustellen. Die Angst der Phobie ist nämlich
    eine fakultative, sie tritt nur auf, wenn ihr Objekt Gegen-
    stand der Wahrnehmung wird. Das ist ganz korrekt; nur
    dann ist nämlich die Gefahrsituation vorhanden. Von einem
    abwesenden Vater braucht man auch die Kastration nicht zu
    befürchten. Nun kann man den Vater nicht wegschaffen, er
    zeigt sich immer, wann er will. Ist er aber durch das Tier
    ersetzt, so braucht man nur den Anblick, d. h. die Gegenwart
    des Tieres zu vermeiden, um frei von Gefahr und Angst zu
    sein. Der kleine Hans legt seinem Ich also eine Einschränkung
    auf, er produziert die Hemmung nicht auszugehen, um nicht
    mit Pferden zusammenzutreffen. Der kleine Russe hat es noch
    bequemer, es ist kaum ein Verzicht für ihn, daß er ein ge-
    wisses Bilderbuch nicht mehr zur Hand nimmt. Wenn die
    schlimme Schwester ihm nicht immer wieder das Bild des
    aufrechtstehenden Wolfes in diesem Buch vor Augen halten
    würde, dürfte er sich vor seiner Angst gesichert fühlen.

    Ich habe früher einmal der Phobie den Charakter einer
    Projektion zugeschrieben, indem sie eine innere Triebgefahr
    durch eine äußere Wahrnehmungsgefahr ersetzt. Das bringt
    den Vorteil, daß man sich gegen die äußere Gefahr durch
    Flucht und Vermeidung der Wahrnehmung schützen kann,
    während gegen die Gefahr von innen keine Flucht nützt.
    Meine Bemerkung ist nicht unrichtig, aber sie bleibt an der
    Oberfläche. Der Triebanspruch ist ja nicht an sich eine
    Gefahr, sondern nur darum, weil er eine richtige äußere
    Gefahr, die der Kastration, mit sich bringt. So ist im Grunde
    bei der Phobie doch nur eine äußere Gefahr durch eine andere
    ersetzt. Daß das Ich sich bei der Phobie durch eine Vermeidung 

  • S.

    249

    oder ein Hemmungssymptom der Angst entziehen kann,
    stimmt sehr gut zur Auffassung, diese Angst sei nur ein
    Affektsignal und an der ökonomischen Situation sei nichts
    geändert worden.

    Die Angst der Tierphobien ist also eine Affektreaktion des
    Ichs auf die Gefahr; die Gefahr, die hier signalisiert wird,
    die der Kastration. Kein anderer Unterschied von der Real-
    angst, die das Ich normalerweise in Gefahrsituationen äußert,
    als daß der Inhalt der Angst unbewußt bleibt und nur in einer
    Entstellung bewußt wird.

    Dieselbe Auffassung wird sich uns, glaube ich, auch für die
    Phobien Erwachsener giltig erweisen, wenngleich das Material,
    das die Neurose verarbeitet, hier sehr viel reichhaltiger ist
    und einige Momente zur Symptombildung hinzukommen. Im
    Grunde ist es das nämliche. Der Agoraphobe legt seinem Ich
    eine Beschränkung auf, um einer Triebgefahr zu entgehen.
    Die Triebgefahr ist die Versuchung, seinen erotischen Gelü-
    sten nachzugeben, wodurch er wieder wie in der Kindheit
    die Gefahr der Kastration, oder eine ihr analoge, herauf-
    beschwören würde. Als einfaches Beispiel führe ich den Fall
    eines jungen Mannes an, der agoraphob wurde, weil er be-
    fürchtete, den Lockungen von Prostituierten nachzugeben und
    sich zur Strafe Syphilis zu holen.

    Ich weiß wohl, daß viele Fälle eine kompliziertere Struktur
    zeigen, und daß viele andere verdrängte Triebregungen in die
    Phobie einmünden können, aber diese sind nur auxiliär und
    haben sich meist nachträglich mit dem Kern der Neurose in
    Verbindung gesetzt. Die Symptomatik der Agoraphobie wird
    dadurch kompliziert, daß das Ich sich nicht damit begnügt,
    auf etwas zu verzichten; es tut noch etwas hinzu, um der
    Situation ihre Gefahr zu benehmen. Diese Zutat ist gewöhn-
    lich eine zeitliche Regression in die Kinderjahre (im extremen
    Fall bis in den Mutterleib, in Zeiten, in denen man gegen die

  • S.

    250

    heute drohenden Gefahren geschützt war) und tritt als die
    Bedingung auf, unter der der Verzicht unterbleiben kann. So
    kann der Agoraphobe auf die Straße gehen, wenn er wie ein
    kleines Kind von einer Person seines Vertrauens begleitet
    wird. Dieselbe Rücksicht mag ihm auch gestatten, allein aus-
    zugehen, wenn er sich nur nicht über eine bestimmte Strecke
    von seinem Haus entfernt, nicht in Gegenden geht, die er
    nicht gut kennt und wo er den Leuten nicht bekannt ist. In
    der Auswahl dieser Bestimmungen zeigt sich der Einfluß der
    infantilen Momente, die ihn durch seine Neurose beherrschen.
    Ganz eindeutig, auch ohne solche infantile Regression, ist
    die Phobie vor dem Alleinsein, die im Grunde der Versuchung
    zur einsamen Onanie ausweichen will. Die Bedingung dieser
    infantilen Regression ist natürlich die zeitliche Entfernung
    von der Kindheit.

    Die Phobie stellt sich in der Regel her, nachdem unter ge-
    wissen Umständen – auf der Straße, auf der Eisenbahn, im
    Alleinsein – ein erster Angstanfall erlebt worden ist. Dann
    ist die Angst gebannt, tritt aber jedesmal wieder auf, wenn
    die schützende Bedingung nicht eingehalten werden kann.
    Der Mechanismus der Phobie tut als Abwehrmittel gute
    Dienste und zeigt eine große Neigung zur Stabilität. Eine
    Fortsetzung des Abwehrkampfes, der sich jetzt gegen das
    Symptom richtet, tritt häufig, aber nicht notwendig, ein.

    Was wir über die Angst bei den Phobien erfahren haben,
    bleibt noch für die Zwangsneurose verwertbar. Es ist nicht
    schwierig, die Situation der Zwangsneurose auf die der
    Phobie zu reduzieren. Der Motor aller späteren Symptom-
    bildung ist hier offenbar die Angst des Ichs vor seinem Über-
    Ich. Die Feindseligkeit des Über-Ichs ist die Gefahrsituation,
    der sich das Ich entziehen muß. Hier fehlt jeder Anschein
    einer Projektion, die Gefahr ist durchaus verinnerlicht. Aber
    wenn wir uns fragen, was das Ich von seiten des Über‑Ichs

  • S.

    251

    befürchtet, so drängt sich die Auffassung auf, daß die Strafe
    des Über‑Ichs eine Fortbildung der Kastrationsstrafe ist. Wie
    das Über‑Ich der unpersönlich gewordene Vater ist, so hat
    sich die Angst vor der durch ihn drohenden Kastration zur
    unbestimmten sozialen oder Gewissensangst umgewandelt.
    Aber diese Angst ist gedeckt, das Ich entzieht sich ihr, indem
    es die ihm auferlegten Gebote, Vorschriften und Bußhand-
    lungen gehorsam ausführt. Wenn es daran gehindert wird,
    dann tritt sofort ein äußerst peinliches Unbehagen auf, in
    dem wir das Äquivalent der Angst erblicken dürfen, das die
    Kranken selbst der Angst gleichstellen. Unser Ergebnis lautet
    also: Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahrsituation; sie
    wird dadurch erspart, daß das Ich etwas tut, um die Situa-
    tion zu vermeiden oder sich ihr zu entziehen. Man könnte
    nun sagen, die Symptome werden geschaffen, um die Angst-
    entwicklung zu vermeiden, aber das läßt nicht tief blicken.
    Es ist richtiger zu sagen, die Symptome werden geschaffen,
    um die Gefahrsituation zu vermeiden, die durch die Angst-
    entwicklung signalisiert wird. Diese Gefahr war aber
    in den bisher betrachteten Fällen die Kastration oder etwas
    von ihr Abgeleitetes. 

    Wenn die Angst die Reaktion des Ichs auf die Gefahr ist,
    so liegt es nahe, die traumatische Neurose, welche sich so
    häufig an überstandene Lebensgefahr anschließt, als direkte
    Folge der Lebens‑ oder Todesangst mit Beiseitesetzung der
    Abhängigkeiten des Ichs und der Kastration aufzufassen.
    Das ist auch von den meisten Beobachtern der traumatischen
    Neurosen des letzten Krieges geschehen, und es ist triumphie-
    rend verkündet worden, nun sei der Beweis erbracht, daß
    eine Gefährdung des Selbsterhaltungstriebes eine Neurose
    erzeugen könne ohne jede Beteiligung der Sexualität und ohne
    Rücksicht auf die komplizierten Annahmen der Psychoanalyse.
    Es ist in der Tat außerordentlich zu bedauern, daß nicht eine

  • S.

    252

    einzige verwertbare Analyse einer traumatischen Neurose
    vorliegt. Nicht wegen des Widerspruches gegen die ätiologi-
    sche Bedeutung der Sexualität, denn dieser ist längst durch
    die Einführung des Narzißmus aufgehoben worden, der die
    libidinöse Besetzung des Ichs in eine Reihe mit den Objekt-
    besetzungen bringt und die libidinöse Natur des Selbsterhal-
    tungstriebes betont, sondern weil wir durch den Ausfall dieser
    Analysen die kostbarste Gelegenheit zu entscheidenden Auf-
    schlüssen über das Verhältnis zwischen Angst und Symptom-
    bildung versäumt haben. Es ist nach allem, was wir von der
    Struktur der simpleren Neurosen des täglichen Lebens wissen,
    sehr unwahrscheinlich, daß eine Neurose nur durch die
    objektive Tatsache der Gefährdung ohne Beteiligung der
    tieferen unbewußten Schichten des seelischen Apparats
    zustande kommen sollte. Im Unbewußten ist aber nichts vor-
    handen, was unserem Begriff der Lebensvernichtung Inhalt
    geben kann. Die Kastration wird sozusagen vorstellbar durch
    die tägliche Erfahrung der Trennung vom Darminhalt und
    durch den bei der Entwöhnung erlebten Verlust der mütter-
    lichen Brust; etwas dem Tod Ähnliches ist aber nie erlebt
    worden oder hat wie die Ohnmacht keine nachweisbare Spur
    hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung fest, daß
    die Todesangst als Analogon der Kastrationsangst aufzu-
    fassen ist, und daß die Situation, auf welche das Ich reagiert,
    das Verlassensein vom schützenden Über‑Ich – den Schick-
    salsmächten – ist, womit die Sicherung gegen alle Gefah-
    ren ein Ende hat. Außerdem kommt in Betracht, daß bei den
    Erlebnissen, die zur traumatischen Neurose führen, äußerer
    Reizschutz durchbrochen wird und übergroße Erregungs-
    mengen an den seelischen Apparat herantreten, so daß hier
    die zweite Möglichkeit vorliegt, daß Angst nicht nur als
    Affekt signalisiert, sondern auch aus den ökonomischen Be-
    dingungen der Situation neu erzeugt wird.

  • S.

    253

    Durch die letzte Bemerkung, das Ich sei durch regelmäßig
    wiederholte Objektverluste auf die Kastration vorbereitet
    worden, haben wir eine neue Auffassung der Angst gewon-
    nen. Betrachteten wir sie bisher als Affektsignal der Gefahr,
    so erscheint sie uns nun, da es sich so oft um die Gefahr
    der Kastration handelt, als die Reaktion auf einen Verlust,
    eine Trennung. Mag auch mancherlei, was sich sofort ergibt,
    gegen diesen Schluß sprechen, so muß uns doch eine sehr
    merkwürdige Übereinstimmung auffallen. Das erste Angst-
    erlebnis, des Menschen wenigstens, ist die Geburt und diese
    bedeutet objektiv die Trennung von der Mutter, könnte
    einer Kastration der Mutter (nach der Gleichung Kind =
    Penis) verglichen werden. Nun wäre es sehr befriedigend,
    wenn die Angst als Symbol einer Trennung bei jeder spä-
    teren Trennung wiederholt würde, aber leider steht einer Ver-
    wertung dieses Zusammenstimmens im Wege, daß ja die Ge-
    burt subjektiv nicht als Trennung von der Mutter erlebt
    wird, da diese als Objekt dem durchaus narzißtischen Fötus
    völlig unbekannt ist. Ein anderes Bedenken wird lauten, daß
    uns die Affektreaktionen auf eine Trennung bekannt sind,
    und daß wir sie als Schmerz und Trauer, nicht als Angst
    empfinden. Allerdings erinnern wir uns, wir haben bei der
    Diskussion der Trauer auch nicht verstehen können, warum
    sie so schmerzhaft ist.

    VIII

    Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar nach
    einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst erschließt, nach
    einem Entweder‑Oder, das die Wahrheit über sie vom
    Irrtum scheidet. Aber das ist schwer zu haben, die Angst ist
    nicht einfach zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreicht
    als Widersprüche, zwischen denen ohne Vorurteil keine Wahl
    möglich war. Ich schlage jetzt vor, es anders zu machen; wirv