S.
S.
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also hier gegen eine libidinöse Objektbesetzung des Es (die
des positiven oder des negativen Ödipus‑Komplexes) ein-
schreiten, weil es verstanden hat, ihr nachzugeben brächte
die Gefahr der Kastration mit sich. Wir haben das schon
erörtert und finden noch Anlaß, uns einen Zweifel klar zu
machen, der von dieser ersten Diskussion erübrigt ist. Sollen
wir beim kleinen Hans (also im Falle des positiven Ödipus-
Komplexes) annehmen, daß es die zärtliche Regung für die
Mutter oder die aggressive gegen den Vater ist, welche die
Abwehr des Ichs herausfordert? Praktisch schiene das gleich-
gültig, besonders da die beiden Regungen einander bedingen,
aber ein theoretisches Interesse knüpft sich an die Frage, weil
nur die zärtliche Strömung für die Mutter als eine rein eroti-
sche gelten kann. Die aggressive ist wesentlich vom Destruk-
tionstrieb abhängig, und wir haben immer geglaubt, bei der
Neurose wehre sich das Ich gegen Ansprüche der Libido,
nicht der anderen Triebe. In der Tat sehen wir, daß nach der
Bildung der Phobie die zärtliche Mutterbindung wie ver-
schwunden ist, sie ist durch die Verdrängung gründlich-
erledigt worden, an der aggressiven Regung hat sich aber die
Symptom‑ (Ersatz‑) Bildung vollzogen. Im Falle des Wolfs-
mannes liegt es einfacher, die verdrängte Regung ist wirklich
eine erotische, die feminine Einstellung zum Vater, und an
ihr vollzieht sich auch die Symptombildung.Es ist fast beschämend, daß wir nach so langer Arbeit
noch immer Schwierigkeiten in der Auffassung der funda-
mentalsten Verhältnisse finden, aber wir haben uns vorge-
nommen, nichts zu vereinfachen und nichts zu verheimlichen.
Wenn wir nicht klar sehen können, wollen wir wenigstens
die Unklarheiten scharf sehen. Was uns hier im Wege steht,
ist offenbar eine Unebenheit in der Entwicklung unserer
Trieblehre. Wir hatten zuerst die Organisationen der Libido
von der oralen über die sadistisch‑anale zur genitalen StufeS.
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verfolgt und dabei alle Komponenten des Sexualtriebs ein
ander gleichgestellt. Später erschien uns der Sadismus als der
Vertreter eines andern, dem Eros gegensätzlichen Triebes. Die
neue Auffassung von den zwei Triebgruppen scheint die
frühere Konstruktion von sukzessiven Phasen der Libidoorga-
nisation zu sprengen. Die hilfreiche Auskunft aus dieser
Schwierigkeit brauchen wir aber nicht neu zu erfinden. Sie
hat sich uns längst geboten und lautet, daß wir es kaum
jemals mit reinen Triebregungen zu tun haben, sondern
durchweg mit Legierungen beider Triebe in verschiedenen
Mengenverhältnissen. Die sadistische Objektbesetzung hat
also auch ein Anrecht, als eine libidinöse behandelt zu werden,
die Organisationen der Libido brauchen nicht revidiert zu
werden, die aggressive Regung gegen den Vater kann mit dem
selben Anrecht Objekt der Verdrängung werden wie die
zärtliche für die Mutter. Immerhin setzen wir als Stoff für
spätere Überlegung die Möglichkeit beiseite, daß die Verdrän-
gung ein Prozeß ist, der eine besondere Beziehung zur Geni-
talorganisation der Libido hat, daß das Ich zu anderen Me-
thoden der Abwehr greift, wenn es sich der Libido auf ande-
ren Stufen der Organisation zu erwehren hat, und setzen wir
fort: Ein Fall wie der des kleinen Hans gestattet uns keine
Entscheidung; hier wird zwar eine aggressive Regung durch
Verdrängung erledigt, aber nachdem die Genitalorganisation
bereits erreicht ist.Wir wollen diesmal die Beziehung zur Angst nicht aus den
Augen lassen. Wir sagten, so wie das Ich die Kastrations-
gefahr erkannt hat, gibt es das Angstsignal und inhibiert
mittels der Lust-Unlust-Instanz auf eine weiter nicht einsicht-
liche Weise den bedrohlichen Besetzungsvorgang im Es.
Gleichzeitig vollzieht sich die Bildung der Phobie. Die Ka-
strationsangst erhält ein anderes Objekt und einen entstellten
Ausdruck: vom Pferd gebissen (vom Wolf gefressen), anstattS.
248
vom Vater kastriert zu werden. Die Ersatzbildung hat zwei
offenkundige Vorteile, erstens, daß sie einem Ambivalenz-
konflikt ausweicht, denn der Vater ist ein gleichzeitig geliebtes
Objekt, und zweitens, daß sie dem Ich gestattet, die Angst-
entwicklung einzustellen. Die Angst der Phobie ist nämlich
eine fakultative, sie tritt nur auf, wenn ihr Objekt Gegen-
stand der Wahrnehmung wird. Das ist ganz korrekt; nur
dann ist nämlich die Gefahrsituation vorhanden. Von einem
abwesenden Vater braucht man auch die Kastration nicht zu
befürchten. Nun kann man den Vater nicht wegschaffen, er
zeigt sich immer, wann er will. Ist er aber durch das Tier
ersetzt, so braucht man nur den Anblick, d. h. die Gegenwart
des Tieres zu vermeiden, um frei von Gefahr und Angst zu
sein. Der kleine Hans legt seinem Ich also eine Einschränkung
auf, er produziert die Hemmung nicht auszugehen, um nicht
mit Pferden zusammenzutreffen. Der kleine Russe hat es noch
bequemer, es ist kaum ein Verzicht für ihn, daß er ein ge-
wisses Bilderbuch nicht mehr zur Hand nimmt. Wenn die
schlimme Schwester ihm nicht immer wieder das Bild des
aufrechtstehenden Wolfes in diesem Buch vor Augen halten
würde, dürfte er sich vor seiner Angst gesichert fühlen.Ich habe früher einmal der Phobie den Charakter einer
Projektion zugeschrieben, indem sie eine innere Triebgefahr
durch eine äußere Wahrnehmungsgefahr ersetzt. Das bringt
den Vorteil, daß man sich gegen die äußere Gefahr durch
Flucht und Vermeidung der Wahrnehmung schützen kann,
während gegen die Gefahr von innen keine Flucht nützt.
Meine Bemerkung ist nicht unrichtig, aber sie bleibt an der
Oberfläche. Der Triebanspruch ist ja nicht an sich eine
Gefahr, sondern nur darum, weil er eine richtige äußere
Gefahr, die der Kastration, mit sich bringt. So ist im Grunde
bei der Phobie doch nur eine äußere Gefahr durch eine andere
ersetzt. Daß das Ich sich bei der Phobie durch eine VermeidungS.
249
oder ein Hemmungssymptom der Angst entziehen kann,
stimmt sehr gut zur Auffassung, diese Angst sei nur ein
Affektsignal und an der ökonomischen Situation sei nichts
geändert worden.Die Angst der Tierphobien ist also eine Affektreaktion des
Ichs auf die Gefahr; die Gefahr, die hier signalisiert wird,
die der Kastration. Kein anderer Unterschied von der Real-
angst, die das Ich normalerweise in Gefahrsituationen äußert,
als daß der Inhalt der Angst unbewußt bleibt und nur in einer
Entstellung bewußt wird.Dieselbe Auffassung wird sich uns, glaube ich, auch für die
Phobien Erwachsener giltig erweisen, wenngleich das Material,
das die Neurose verarbeitet, hier sehr viel reichhaltiger ist
und einige Momente zur Symptombildung hinzukommen. Im
Grunde ist es das nämliche. Der Agoraphobe legt seinem Ich
eine Beschränkung auf, um einer Triebgefahr zu entgehen.
Die Triebgefahr ist die Versuchung, seinen erotischen Gelü-
sten nachzugeben, wodurch er wieder wie in der Kindheit
die Gefahr der Kastration, oder eine ihr analoge, herauf-
beschwören würde. Als einfaches Beispiel führe ich den Fall
eines jungen Mannes an, der agoraphob wurde, weil er be-
fürchtete, den Lockungen von Prostituierten nachzugeben und
sich zur Strafe Syphilis zu holen.Ich weiß wohl, daß viele Fälle eine kompliziertere Struktur
zeigen, und daß viele andere verdrängte Triebregungen in die
Phobie einmünden können, aber diese sind nur auxiliär und
haben sich meist nachträglich mit dem Kern der Neurose in
Verbindung gesetzt. Die Symptomatik der Agoraphobie wird
dadurch kompliziert, daß das Ich sich nicht damit begnügt,
auf etwas zu verzichten; es tut noch etwas hinzu, um der
Situation ihre Gefahr zu benehmen. Diese Zutat ist gewöhn-
lich eine zeitliche Regression in die Kinderjahre (im extremen
Fall bis in den Mutterleib, in Zeiten, in denen man gegen dieS.
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heute drohenden Gefahren geschützt war) und tritt als die
Bedingung auf, unter der der Verzicht unterbleiben kann. So
kann der Agoraphobe auf die Straße gehen, wenn er wie ein
kleines Kind von einer Person seines Vertrauens begleitet
wird. Dieselbe Rücksicht mag ihm auch gestatten, allein aus-
zugehen, wenn er sich nur nicht über eine bestimmte Strecke
von seinem Haus entfernt, nicht in Gegenden geht, die er
nicht gut kennt und wo er den Leuten nicht bekannt ist. In
der Auswahl dieser Bestimmungen zeigt sich der Einfluß der
infantilen Momente, die ihn durch seine Neurose beherrschen.
Ganz eindeutig, auch ohne solche infantile Regression, ist
die Phobie vor dem Alleinsein, die im Grunde der Versuchung
zur einsamen Onanie ausweichen will. Die Bedingung dieser
infantilen Regression ist natürlich die zeitliche Entfernung
von der Kindheit.Die Phobie stellt sich in der Regel her, nachdem unter ge-
wissen Umständen – auf der Straße, auf der Eisenbahn, im
Alleinsein – ein erster Angstanfall erlebt worden ist. Dann
ist die Angst gebannt, tritt aber jedesmal wieder auf, wenn
die schützende Bedingung nicht eingehalten werden kann.
Der Mechanismus der Phobie tut als Abwehrmittel gute
Dienste und zeigt eine große Neigung zur Stabilität. Eine
Fortsetzung des Abwehrkampfes, der sich jetzt gegen das
Symptom richtet, tritt häufig, aber nicht notwendig, ein.Was wir über die Angst bei den Phobien erfahren haben,
bleibt noch für die Zwangsneurose verwertbar. Es ist nicht
schwierig, die Situation der Zwangsneurose auf die der
Phobie zu reduzieren. Der Motor aller späteren Symptom-
bildung ist hier offenbar die Angst des Ichs vor seinem Über-
Ich. Die Feindseligkeit des Über-Ichs ist die Gefahrsituation,
der sich das Ich entziehen muß. Hier fehlt jeder Anschein
einer Projektion, die Gefahr ist durchaus verinnerlicht. Aber
wenn wir uns fragen, was das Ich von seiten des Über‑IchsS.
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befürchtet, so drängt sich die Auffassung auf, daß die Strafe
des Über‑Ichs eine Fortbildung der Kastrationsstrafe ist. Wie
das Über‑Ich der unpersönlich gewordene Vater ist, so hat
sich die Angst vor der durch ihn drohenden Kastration zur
unbestimmten sozialen oder Gewissensangst umgewandelt.
Aber diese Angst ist gedeckt, das Ich entzieht sich ihr, indem
es die ihm auferlegten Gebote, Vorschriften und Bußhand-
lungen gehorsam ausführt. Wenn es daran gehindert wird,
dann tritt sofort ein äußerst peinliches Unbehagen auf, in
dem wir das Äquivalent der Angst erblicken dürfen, das die
Kranken selbst der Angst gleichstellen. Unser Ergebnis lautet
also: Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahrsituation; sie
wird dadurch erspart, daß das Ich etwas tut, um die Situa-
tion zu vermeiden oder sich ihr zu entziehen. Man könnte
nun sagen, die Symptome werden geschaffen, um die Angst-
entwicklung zu vermeiden, aber das läßt nicht tief blicken.
Es ist richtiger zu sagen, die Symptome werden geschaffen,
um die Gefahrsituation zu vermeiden, die durch die Angst-
entwicklung signalisiert wird. Diese Gefahr war aber
in den bisher betrachteten Fällen die Kastration oder etwas
von ihr Abgeleitetes.Wenn die Angst die Reaktion des Ichs auf die Gefahr ist,
so liegt es nahe, die traumatische Neurose, welche sich so
häufig an überstandene Lebensgefahr anschließt, als direkte
Folge der Lebens‑ oder Todesangst mit Beiseitesetzung der
Abhängigkeiten des Ichs und der Kastration aufzufassen.
Das ist auch von den meisten Beobachtern der traumatischen
Neurosen des letzten Krieges geschehen, und es ist triumphie-
rend verkündet worden, nun sei der Beweis erbracht, daß
eine Gefährdung des Selbsterhaltungstriebes eine Neurose
erzeugen könne ohne jede Beteiligung der Sexualität und ohne
Rücksicht auf die komplizierten Annahmen der Psychoanalyse.
Es ist in der Tat außerordentlich zu bedauern, daß nicht eineS.
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einzige verwertbare Analyse einer traumatischen Neurose
vorliegt. Nicht wegen des Widerspruches gegen die ätiologi-
sche Bedeutung der Sexualität, denn dieser ist längst durch
die Einführung des Narzißmus aufgehoben worden, der die
libidinöse Besetzung des Ichs in eine Reihe mit den Objekt-
besetzungen bringt und die libidinöse Natur des Selbsterhal-
tungstriebes betont, sondern weil wir durch den Ausfall dieser
Analysen die kostbarste Gelegenheit zu entscheidenden Auf-
schlüssen über das Verhältnis zwischen Angst und Symptom-
bildung versäumt haben. Es ist nach allem, was wir von der
Struktur der simpleren Neurosen des täglichen Lebens wissen,
sehr unwahrscheinlich, daß eine Neurose nur durch die
objektive Tatsache der Gefährdung ohne Beteiligung der
tieferen unbewußten Schichten des seelischen Apparats
zustande kommen sollte. Im Unbewußten ist aber nichts vor-
handen, was unserem Begriff der Lebensvernichtung Inhalt
geben kann. Die Kastration wird sozusagen vorstellbar durch
die tägliche Erfahrung der Trennung vom Darminhalt und
durch den bei der Entwöhnung erlebten Verlust der mütter-
lichen Brust; etwas dem Tod Ähnliches ist aber nie erlebt
worden oder hat wie die Ohnmacht keine nachweisbare Spur
hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung fest, daß
die Todesangst als Analogon der Kastrationsangst aufzu-
fassen ist, und daß die Situation, auf welche das Ich reagiert,
das Verlassensein vom schützenden Über‑Ich – den Schick-
salsmächten – ist, womit die Sicherung gegen alle Gefah-
ren ein Ende hat. Außerdem kommt in Betracht, daß bei den
Erlebnissen, die zur traumatischen Neurose führen, äußerer
Reizschutz durchbrochen wird und übergroße Erregungs-
mengen an den seelischen Apparat herantreten, so daß hier
die zweite Möglichkeit vorliegt, daß Angst nicht nur als
Affekt signalisiert, sondern auch aus den ökonomischen Be-
dingungen der Situation neu erzeugt wird.S.
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Durch die letzte Bemerkung, das Ich sei durch regelmäßig
wiederholte Objektverluste auf die Kastration vorbereitet
worden, haben wir eine neue Auffassung der Angst gewon-
nen. Betrachteten wir sie bisher als Affektsignal der Gefahr,
so erscheint sie uns nun, da es sich so oft um die Gefahr
der Kastration handelt, als die Reaktion auf einen Verlust,
eine Trennung. Mag auch mancherlei, was sich sofort ergibt,
gegen diesen Schluß sprechen, so muß uns doch eine sehr
merkwürdige Übereinstimmung auffallen. Das erste Angst-
erlebnis, des Menschen wenigstens, ist die Geburt und diese
bedeutet objektiv die Trennung von der Mutter, könnte
einer Kastration der Mutter (nach der Gleichung Kind =
Penis) verglichen werden. Nun wäre es sehr befriedigend,
wenn die Angst als Symbol einer Trennung bei jeder spä-
teren Trennung wiederholt würde, aber leider steht einer Ver-
wertung dieses Zusammenstimmens im Wege, daß ja die Ge-
burt subjektiv nicht als Trennung von der Mutter erlebt
wird, da diese als Objekt dem durchaus narzißtischen Fötus
völlig unbekannt ist. Ein anderes Bedenken wird lauten, daß
uns die Affektreaktionen auf eine Trennung bekannt sind,
und daß wir sie als Schmerz und Trauer, nicht als Angst
empfinden. Allerdings erinnern wir uns, wir haben bei der
Diskussion der Trauer auch nicht verstehen können, warum
sie so schmerzhaft ist.VIII
Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar nach
einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst erschließt, nach
einem Entweder‑Oder, das die Wahrheit über sie vom
Irrtum scheidet. Aber das ist schwer zu haben, die Angst ist
nicht einfach zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreicht
als Widersprüche, zwischen denen ohne Vorurteil keine Wahl
möglich war. Ich schlage jetzt vor, es anders zu machen; wirv
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Hemmung, Angst und Symptom1926-001/1931