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    VIII

    Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar nach
    einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst erschließt, nach
    einem Entweder‑Oder, das die Wahrheit über sie vom
    Irrtum scheidet. Aber das ist schwer zu haben, die Angst ist
    nicht einfach zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreicht
    als Widersprüche, zwischen denen ohne Vorurteil keine Wahl
    möglich war. Ich schlage jetzt vor, es anders zu machen; wir

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    wollen unparteiisch alles zusammentragen, was wir von der
    Angst aussagen können, und dabei auf die Erwartung einer
    neuen Synthese verzichten.

    Die Angst ist also in erster Linie etwas Empfundenes. Wir
    heißen sie einen Affektzustand, obwohl wir auch nicht wissen,
    was ein Affekt ist. Sie hat als Empfindung offenbarsten Unlust-
    charakter, aber das erschöpft nicht ihre Qualität; nicht jede
    Unlust können wir Angst heißen. Es gibt andere Empfin-
    dungen mit Unlustcharakter (Spannungen, Schmerz, Trauer)
    und die Angst muß außer dieser Unlustqualität andere Beson-
    derheiten haben. Eine Frage: Werden wir es dazu bringen,
    die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Unlustaffekten
    zu verstehen?

    Aus der Empfindung der Angst können wir immerhin
    etwas entnehmen. Ihr Unlustcharakter scheint eine besondere
    Note zu haben; das ist schwer zu beweisen, aber wahrschein-
    lich; es wäre nichts Auffälliges. Aber außer diesem schwer
    isolierbaren Eigencharakter nehmen wir an der Angst
    bestimmtere körperliche Sensationen wahr, die wir auf be-
    stimmte Organe beziehen. Da uns die Physiologie der Angst
    hier nicht interessiert, genügt es uns, einzelne Repräsentanten
    dieser Sensationen hervorzuheben, also die häufigsten und
    deutlichsten an den Atmungsorganen und am Herzen. Sie
    sind uns Beweise dafür, daß motorische Innervationen, also
    Abfuhrvorgänge an dem Ganzen der Angst Anteil haben. Die
    Analyse des Angstzustandes ergibt also 1) einen spezifischen
    Unlustcharakter, 2) Abfuhrraktionen, 3) Wahrnehmungen
    derselben.

    Die Punkte 2 und 3 ergeben uns bereits einen Unterschied
    gegen die ähnlichen Zustände, z. B. der Trauer und des
    Schmerzes. Bei diesen gehören die motorischen Äußerungen
    nicht dazu; wo sie vorhanden sind, sondern sie sich deutlich
    nicht als Bestandteile des Ganzen, sondern als Konsequenzen

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    oder Reaktionen darauf. Die Angst ist also ein besonderer
    Unlustzustand mit Abfuhraktionen auf bestimmte Bahnen.
    Nach unseren allgemeinen Anschauungen werden wir glau-
    ben, daß der Angst eine Steigerung der Erregung zugrunde
    liegt, die einerseits den Unlustcharakter schafft, anderseits sie
    durch die genannten Abfuhren erleichtert. Diese rein physio-
    logische Zusammenfassung wird uns aber kaum genügen; wir
    sind versucht, anzunehmen, daß ein historisches Moment da
    ist, welches die Sensationen und Innervationen der Angst fest
    aneinander bindet. Mit anderen Worten, daß der Angst-
    zustand die Reproduktion eines Erlebnisses ist, das die Bedin-
    gungen einer solchen Reizsteigerung und der Abfuhr auf
    bestimmte Bahnen enthielt, wodurch also die Unlust der
    Angst ihren spezifischen Charakter erhält. Als solches vor-
    bildliches Erlebnis bietet sich uns für den Menschen die
    Geburt, und darum sind wir geneigt, im Angstzustand eine
    Reproduktion des Geburtstraumas zu sehen.

    Wir haben damit nichts behauptet, was der Angst eine
    Ausnahmestellung unter den Affektzuständen einräumen
    würde. Wir meinen, auch die anderen Affekte sind Repro-
    duktionen alter, lebenswichtiger, eventuell vorindividueller
    Ereignisse und wir bringen sie als allgemeine, typische, mit-
    geborene hysterische Anfälle in Vergleich mit den spät und
    individuell erworbenen Attacken der hysterischen Neurose,
    deren Genese und Bedeutung als Erinnerungssymbole uns
    durch die Analyse deutlich geworden ist. Natürlich wäre es
    sehr wünschenswert, diese Auffassung für eine Reihe anderer
    Affekte beweisend durchführen zu können, wovon wir heute
    weit entfernt sind.

    Die Zurückführung der Angst auf das Geburtsereignis hat
    sich gegen naheliegende Einwände zu verteidigen. Die Angst
    ist eine wahrscheinlich allen Organismen, jedenfalls allen
    höheren zukommende Reaktion, die Geburt wird nur von den

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    Säugetieren erlebt, und es ist fraglich, ob sie bei allen diesen
    die Bedeutung eines Traumas hat. Es gibt also Angst ohne
    Geburtsvorbild. Aber dieser Einwand setzt sich über die
    Schranken zwischen Biologie und Psychologie hinaus. Gerade
    weil die Angst eine biologisch unentbehrliche Funktion zu
    erfüllen hat, als Reaktion auf den Zustand der Gefahr, mag
    sie bei verschiedenen Lebewesen auf verschiedene Art einge-
    richtet worden sein. Wir wissen auch nicht, ob sie bei dem
    Menschen fernerstehenden Lebewesen denselben Inhalt an
    Sensationen und Innervationen hat wie beim Menschen. Das
    hindert also nicht, daß die Angst beim Menschen den
    Geburtsvorgang zum Vorbild nimmt.

    Wenn dies die Struktur und die Herkunft der Angst ist,
    so lautet die weitere Frage: Was ist ihre Funktion? Bei
    welchen Gelegenheiten wird sie produziert? Die Antwort
    scheint naheliegend und zwingend zu sein. Die Angst ent-
    stand als Reaktion auf einen Zustand der Gefahr, sie
    wird nun regelmäßig reproduziert, wenn sich ein solcher
    Zustand wieder einstellt.

    Dazu ist aber einiges zu bemerken. Die Innervationen des
    ursprünglichen Angstzustandes waren wahrscheinlich auch
    sinnvoll und zweckmäßig, ganz so wie die Muskelaktionen
    des ersten hysterischen Anfalls. Wenn man den hysterischen
    Anfall erklären will, braucht man ja nur die Situation zu
    suchen, in der die betreffenden Bewegungen Anteile einer
    berechtigten Handlung waren. So hat wahrscheinlich während
    der Geburt die Richtung der Innervation auf die Atmungs-
    organe die Tätigkeit der Lungen vorbereitet, die Beschleuni-
    gung des Herzschlags gegen die Vergiftung des Blutes
    arbeiten wollen. Diese Zweckmäßigkeit entfällt natürlich bei
    der späteren Reproduktion des Angstzustandes als Affekt, wie
    sie auch beim wiederholten hysterischen Anfall vermißt wird.
    Wenn also das Individuum in eine neue Gefahrsituation

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    gerät, so kann es leicht unzweckmäßig werden, daß es mit
    dem Angstzustand, der Reaktion auf eine frühere Gefahr,
    antwortet, anstatt die der jetzigen adäquate Reaktion einzu-
    schlagen. Die Zweckmäßigkeit tritt aber wieder hervor, wenn
    die Gefahrsituation als herannahend erkannt und durch den
    Angstausbruch signalisiert wird. Die Angst kann dann sofort
    durch geeignetere Maßnahmen abgelöst werden. Es sondern
    sich also sofort zwei Möglichkeiten des Auftretens der Angst:
    die eine, unzweckmäßige, in einer neuen Gefahrsituation, die
    andere, zweckmäßige, zur Signalisierung und Verhütung
    einer solchen.

    Was aber ist eine „Gefahr“? Im Geburtsakt besteht eine
    objektive Gefahr für die Erhaltung des Lebens, wir wissen,
    was das in der Realität bedeutet. Aber psychologisch sagt
    es uns gar nichts. Die Gefahr der Geburt hat noch keinen
    psychischen Inhalt. Sicherlich dürfen wir beim Fötus nichts
    voraussetzen, was sich irgendwie einer Art von Wissen um
    die Möglichkeit eines Ausgangs in Lebensvernichtung an-
    nähert. Der Fötus kann nichts anderes bemerken als eine
    großartige Störung in der Ökonomie seiner narzißtischen
    Libido. Große Erregungssummen dringen zu ihm, erzeugen
    neuartige Unlustempfindungen, manche Organe erzwingen
    sich erhöhte Besetzungen, was wie ein Vorspiel der bald
    beginnenden Objektbesetzung ist; was davon wird als Merk-
    zeichen einer „Gefahrsituation“ Verwertung finden?

    Wir wissen leider viel zu wenig von der seelischen Ver-
    fassung des Neugeborenen, um diese Frage direkt zu be-
    antworten. Ich kann nicht einmal für die Brauchbarkeit der
    eben gegebenen Schilderung einstehen. Es ist leicht zu sagen,
    das Neugeborene werde den Angstaffekt in allen Situationen
    wiederholen, die es an das Geburtsereignis erinnern. Der ent-
    scheidende Punkt bleibt aber, wodurch und woran es erinnert
    wird.

     

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    Es bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als die Anlässe zu
    studieren, bei denen der Säugling oder das ein wenig ältere Kind
    sich zur Angstentwicklung bereit zeigt. Rank hat in seinem
    Buch „Das Trauma der Geburt“1 einen sehr energischen Ver-
    such gemacht, die Beziehungen der frühesten Phobien des
    Kindes zum Eindruck des Geburtsereignisses zu erweisen,
    allein ich kann ihn nicht für geglückt halten. Man kann ihm
    zweierlei vorwerfen: Erstens, daß er auf der Voraus-
    setzung beruht, das Kind habe bestimmte Sinneseindrücke,
    insbesondere visueller Natur, bei seiner Geburt empfangen,
    deren Erneuerung die Erinnerung an das Geburtstrauma und
    somit die Angstreaktion hervorrufen kann. Diese Annahme
    ist völlig unbewiesen und sehr unwahrscheinlich; es ist nicht
    glaubhaft, daß das Kind andere als taktile und Allgemein-
    sensationen vom Geburtsvorgang bewahrt hat. Wenn es also
    später Angst vor kleinen Tieren zeigt, die in Löchern ver-
    schwinden oder aus diesen herauskommen, so erklärt Rank
    diese Reaktion durch die Wahrnehmung einer Analogie, die
    aber dem Kinde nicht auffällig werden kann. Zweitens, daß
    Rank in der Würdigung dieser späteren Angstsituationen je
    nach Bedürfnis die Erinnerung an die glückliche intrauterine
    Existenz oder an deren traumatische Störung wirksam werden
    läßt, womit der Willkür in der Deutung Tür und Tor ge-
    öffnet wird. Einzelne Fälle dieser Kinderangst widersetzen-
    sich direkt der Anwendung des Rankschen Prinzips. Wenn
    das Kind in Dunkelheit und Einsamkeit gebracht wird, so
    sollten wir erwarten, daß es diese Wiederherstellung der
    intrauterinen Situation mit Befriedigung aufnimmt, und
    wenn die Tatsache, daß es gerade dann mit Angst reagiert,
    auf die Erinnerung an die Störung dieses Glücks durch die

    1)Otto Rank: Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung
    für die Psychoanalyse. Wien, 1924.

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    Geburt zurückgeführt wird, so kann man das Gezwungene
    dieses Erklärungsversuches nicht länger verkennen.

    Ich muß den Schluß ziehen, daß die frühesten Kindheits-
    phobien eine direkte Rückführung auf den Eindruck des Ge-
    burtsaktes nicht zulassen und sich überhaupt bis jetzt der Er-
    klärung entzogen haben. Eine gewisse Angstbereitschaft des
    Säuglings ist unverkennbar. Sie ist nicht etwa unmittelbar
    nach der Geburt am stärksten, um dann langsam abzunehmen,
    sondern tritt erst später mit dem Fortschritt der seelischen
    Entwicklung hervor und hält über eine gewisse Periode der
    Kinderzeit an. Wenn sich solche Frühphobien über diese Zeit
    hinaus erstrecken, erwecken sie den Verdacht einer neuroti-
    schen Störung, wiewohl uns ihre Beziehung zu den späteren
    deutlichen Neurosen der Kindheit keineswegs einsichtlich ist.

    Nur wenige Fälle der kindlichen Angstäußerung sind uns
    verständlich; an diese werden wir uns halten müssen. So,
    wenn das Kind allein, in der Dunkelheit, ist und wenn es
    eine fremde Person an Stelle der ihm vertrauten (der Mutter)
    findet. Diese drei Fälle reduzieren sich auf eine einzige Be-
    dingung, das Vermissen der geliebten (ersehnten) Person. Von
    da an ist aber der Weg zum Verständnis der Angst und zur
    Vereinigung der Widersprüche, die sich an sie zu knüpfen
    scheinen, frei.

    Das Erinnerungsbild der ersehnten Person wird gewiß
    intensiv, wahrscheinlich zunächst halluzinatorisch besetzt.
    Aber das hat keinen Erfolg und nun hat es den Anschein, als
    ob diese Sehnsucht in Angst umschlüge. Es macht geradezu
    den Eindruck, als wäre diese Angst ein Ausdruck der Rat-
    losigkeit, als wüßte das noch sehr unentwickelte Wesen mit
    dieser sehnsüchtigen Besetzung nichts Besseres anzufangen.
    Die Angst erscheint so als Reaktion auf das Vermissen des
    Objekts und es drängen sich uns die Analogien auf, daß auch
    die Kastrationsangst die Trennung von einem hochgeschätzten

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    Objekt zum Inhalt hat, und daß die ursprünglichste
    Angst (die „Urangst“ der Geburt) bei der Trennung von
    der Mutter entstand.

    Die nächste Überlegung führt über diese Betonung des
    Objektverlustes hinaus. Wenn der Säugling nach der Wahr-
    nehmung der Mutter verlangt, so doch nur darum, weil er
    bereits aus Erfahrung weiß, daß sie alle seine Bedürfnisse
    ohne Verzug befriedigt. Die Situation, die er als „Gefahr“
    wertet, gegen die er versichert sein will, ist also die der Un-
    befriedigung, des Anwachsens der Bedürfnisspannung, 
    gegen die er ohnmächtig ist. Ich meine, von
    diesem Gesichtspunkt aus ordnet sich alles ein; die Situation
    der Unbefriedigung, in der Reizgrößen eine unlustvolle Höhe
    erreichen, ohne Bewältigung durch psychische Verwendung
    und Abfuhr zu finden, muß für den Säugling die Analogie
    mit dem Geburtserlebnis, die Wiederholung der Gefahrsitua-
    tion sein; das beiden Gemeinsame ist die ökonomische Störung
    durch das Anwachsen der Erledigung heischenden Reizgrößen,
    dieses Moment also der eigentliche Kern der „Gefahr“. In
    beiden Fällen tritt die Angstreaktion auf, die sich auch noch
    beim Säugling als zweckmäßig erweist, indem die Richtung
    der Abfuhr auf Atem- und Stimmmuskulatur nun die Mutter
    herbeiruft, wie sie früher die Lungentätigkeit zur Weg-
    schaffung der inneren Reize anregte. Mehr als diese Kenn-
    zeichnung der Gefahr braucht das Kind von seiner Geburt
    nicht bewahrt zu haben.

    Mit der Erfahrung, daß ein äußeres, durch Wahrnehmung
    erfaßbares Objekt der an die Geburt mahnenden gefährlichen
    Situation ein Ende machen kann, verschiebt sich nun der
    Inhalt der Gefahr von der ökonomischen Situation auf seine
    Bedingung, den Objektverlust. Das Vermissen der Mutter
    wird nun die Gefahr, bei deren Eintritt der Säugling das
    Angstsignal gibt, noch ehe die gefürchtete ökonomische Situation

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    eingetreten ist. Diese Wandlung bedeutet einen ersten
    großen Fortschritt in der Fürsorge für die Selbsterhaltung,
    sie schließt gleichzeitig den Übergang von der automatisch
    ungewollten Neuentstehung der Angst zu ihrer beabsichtig-
    ten Reproduktion als Signal der Gefahr ein.

    In beiden Hinsichten, sowohl als automatisches Phänomen
    wie als rettendes Signal, zeigt sich die Angst als Produkt der
    psychischen Hilflosigkeit des Säuglings, welche das selbst-
    verständliche Gegenstück seiner biologischen Hilflosigkeit ist.
    Das auffällige Zusammentreffen, daß sowohl die Geburtsangst
    wie die Säuglingsangst die Bedingung der Trennung von der
    Mutter anerkennt, bedarf keiner psychologischen Deutung;
    es erklärt sich biologisch einfach genug aus der Tatsache,
    daß die Mutter, die zuerst alle Bedürfnisse des Fötus durch
    die Einrichtungen ihres Leibes beschwichtigt hatte, dieselbe
    Funktion zum Teil mit anderen Mitteln auch nach der
    Geburt fortsetzt. Intrauterinleben und erste Kindheit sind
    weit mehr ein Kontinuum, als uns die auffällige Caesur des
    Geburtsaktes glauben läßt. Das psychische Mutterobjekt er-
    setzt dem Kinde die biologische Fötalsituation. Wir dürfen
    darum nicht vergessen, daß im Intrauterinleben die Mutter
    kein Objekt war, und daß es damals keine Objekte gab.

    Es ist leicht zu sehen, daß es in diesem Zusammenhange
    keinen Raum für ein Abreagieren des Geburtstraumas gibt,
    und daß eine andere Funktion der Angst als die eines Signals
    zur Vermeidung der Gefahrsituation nicht aufzufinden ist.
    Die Angstbedingung des Objektverlustes trägt nun noch ein
    ganzes Stück weiter. Auch die nächste Wandlung der Angst,
    die in der phallischen Phase auftretende Kastrationsangst, ist
    eine Trennungsangst und an dieselbe Bedingung gebunden.
    Die Gefahr ist hier die Trennung von dem Genitale. Ein voll-
    berechtigt scheinender Gedankengang von Ferenczi läßt
    uns hier die Linie des Zusammenhanges mit den früheren Inhalten 

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    der Gefahrsituation deutlich erkennen. Die hohe nar-
    zißtische Einschätzung des Penis kann sich darauf berufen,
    daß der Besitz dieses Organs die Gewähr für eine Wieder-
    vereinigung mit der Mutter (dem Mutterersatz) im Akt des
    Koitus enthält. Die Beraubung dieses Gliedes ist soviel wie
    eine neuerliche Trennung von der Mutter, bedeutet also wie-
    derum, einer unlustvollen Bedürfnisspannung (wie bei der
    Geburt) hilflos ausgeliefert zu sein. Das Bedürfnis, dessen An-
    steigen gefürchtet wird, ist aber nun ein spezialisiertes, das
    der genitalen Libido, nicht mehr ein beliebiges wie in der
    Säuglingszeit. Ich füge hier an, daß die Phantasie der Rück-
    kehr in den Mutterleib der Koitusersatz des Impotenten
    (durch die Kastrationsdrohung Gehemmten) ist. Im Sinne
    Ferenczis kann man sagen, das Individuum, das sich zur
    Rückkehr in den Mutterleib durch sein Genitalorgan ver-
    treten lassen wollte, ersetzt nun regressiv dies Organ durch
    seine ganze Person.

    Die Fortschritte in der Entwicklung des Kindes, die Zu-
    nahme seiner Unabhängigkeit, die schärfere Sonderung seines
    seelischen Apparats in mehrere Instanzen, das Auftreten neuer
    Bedürfnisse, können nicht ohne Einfluß auf den Inhalt der
    Gefahrsituation bleiben. Wir haben dessen Wandlung vom
    Verlust des Mutterobjekts zur Kastration verfolgt und sehen
    den nächsten Schritt durch die Macht des Über-Ichs ver-
    ursacht. Mit dem Unpersönlichwerden der Elterninstanz, von
    der man die Kastration befürchtete, wird die Gefahr unbe-
    stimmter. Die Kastrationsangst entwickelt sich zur Gewissens-
    angst, zur sozialen Angst. Es ist jetzt nicht mehr so leicht
    anzugeben, was die Angst befürchtet. Die Formel: „Tren-
    nung, Ausschluß aus der Horde“, trifft nur jenen späteren
    Anteil des Über‑Ichs, der sich in Anlehnung an soziale Vor-
    bilder entwickelt hat, nicht den Kern des Über‑Ichs, der der
    introjizierten Elterninstanz entspricht. Allgemeiner ausgedrückt, 

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    ist es der Zorn, die Strafe des Über‑Ichs, der Liebes-
    verlust von dessen Seite, den das Ich als Gefahr wertet und
    mit dem Angstsignal beantwortet. Als letzte Wandlung dieser
    Angst vor dem Über-Ich ist mir die Todes‑ (Lebens‑) Angst,
    die Angst vor der Projektion des Über-Ichs in den Schicksals-
    mächten erschienen.

    Ich habe früher einmal einen gewissen Wert auf die Dar-
    stellung gelegt, daß es die bei der Verdrängung abgezogene
    Besetzung ist, welche die Verwendung als Angstabfuhr er-
    fährt. Das erscheint mir nun heute kaum wissenswert. Der
    Unterschied liegt darin, daß ich vormals die Angst in jedem
    Falle durch einen ökonomischen Vorgang automatisch ent-
    standen glaubte, während die jetzige Auffassung der Angst
    als eines vom Ich beabsichtigten Signals zum Zweck der Be-
    einflussung der Lust‑Unlustinstanz uns von diesem ökono-
    mischen Zwange unabhängig macht. Es ist natürlich nichts
    gegen die Annahme zu sagen, daß das Ich gerade die durch
    die Abziehung bei der Verdrängung frei gewordene Energie
    zur Erweckung des Affekts verwendet, aber es ist bedeutungs-
    los geworden, mit welchem Anteil Energie dies geschieht.

    Ein anderer Satz, den ich einmal ausgesprochen, verlangt
    nun nach Überprüfung im Lichte unserer neuen Auffassung.
    Es ist die Behauptung, das Ich sei die eigentliche Angststätte;
    ich meine, sie wird sich als zutreffend erweisen. Wir haben
    nämlich keinen Anlaß, dem Über-Ich irgendeine Angstäuße-
    rung zuzuteilen. Wenn aber von einer „Angst des Es“ die
    Rede ist, so hat man nicht zu widersprechen, sondern einen
    ungeschickten Ausdruck zu korrigieren. Die Angst ist ein
    Affektzustand, der natürlich nur vom Ich verspürt werden
    kann. Das Es kann nicht Angst haben wie das Ich, es ist
    keine Organisation, kann Gefahrsituationen nicht beurteilen.
    Dagegen ist es ein überaus häufiges Vorkommnis, daß sich
    im Es Vorgänge vorbereiten oder vollziehen, die dem Ich

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    Anlaß zur Angstentwicklung geben; in der Tat sind die
    wahrscheinlich frühesten Verdrängungen, wie die Mehrzahl
    aller späteren, durch solche Angst des Ichs vor einzelnen
    Vorgängen im Es motiviert. Wir unterscheiden hier wiederum
    mit gutem Grund die beiden Fälle, daß sich im Es etwas
    ereignet, was eine der Gefahrsituationen fürs Ich aktiviert
    und es somit bewegt, zur Inhibition das Angstsignal zu geben,
    und den anderen Fall, daß sich im Es die dem Geburts-
    trauma analoge Situation herstellt, in der es automatisch zur
    Angstreaktion kommt. Man bringt die beiden Fälle einander
    näher, wenn man hervorhebt, daß der zweite der ersten und
    ursprünglichen Gefahrsituation entspricht, der erste aber einer
    der später aus ihr abgeleiteten Angstbedingungen. Oder auf
    die wirklich vorkommenden Affektionen bezogen: daß der
    zweite Fall in der Ätiologie der Aktualneurosen verwirklicht
    ist, der erste für die der Psychoneurosen charakteristisch
    bleibt.

    Wir sehen nun, daß wir frühere Ermittlungen nicht zu ent-
    werten, sondern bloß mit den neueren Einsichten in Ver-
    bindung zu bringen brauchen. Es ist nicht abzuzuweisen, daß
    bei Abstinenz, mißbräuchlicher Störung im Ablauf der Sexual-
    erregung, Ablenkung derselben von ihrer psychischen Ver-
    arbeitung, direkt Angst aus Libido entsteht, d. h. jener Zu-
    stand von Hilflosigkeit des Ichs gegen eine übergroße Be-
    dürfnisspannung hergestellt wird, der wie bei der Geburt in
    Angstentwicklung ausgeht, wobei es wieder eine gleichgültige,
    aber naheliegende Möglichkeit ist, daß gerade der Überschuß
    an unverwendeter Libido seine Abfuhr in der Angstentwick-
    lung findet. Wir sehen, daß sich auf dem Boden dieser
    Aktualneurosen besonders leicht Psychoneurosen entwickeln,
    d. h. wohl, daß das Ich Versuche macht, die Angst, die es
    eine Weile suspendiert zu erhalten gelernt hat, zu ersparen
    und durch Symptombildung zu binden. Wahrscheinlich

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    würde die Analyse der traumatischen Kriegsneurosen, welcher
    Name allerdings sehr verschiedenartige Affektionen umfaßt,
    ergeben haben, daß eine Anzahl von ihnen an den Charak-
    teren der Aktualneurosen Anteil hat.

    Als wir die Entwicklung der verschiedenen Gefahrsituatio-
    nen aus dem ursprünglichen Geburtsvorbild darstellten, lag
    es uns ferne zu behaupten, daß jede spätere Angstbedingung
    die frühere einfach außer Kraft setzt. Die Fortschritte der
    Ichentwicklung tragen allerdings dazu bei, die frühere Ge-
    fahrsituation zu entwerten und beiseite zu schieben, so daß
    man sagen kann, einem bestimmten Entwicklungsalter sei eine
    gewisse Angstbedingung wie adäquat zugeteilt. Die Gefahr
    der psychischen Hilflosigkeit paßt zur Lebenszeit der Unreife
    des Ichs, wie die Gefahr des Objektverlustes zur Unselb-
    ständigkeit der ersten Kinderjahre, die Kastrationsgefahr zur
    phallischen Phase, die Über-Ichangst zur Latenzzeit. Aber es
    können doch alle diese Gefahrsituationen und Angstbedingun-
    gen nebeneinander fortbestehen bleiben und das Ich auch zu
    späteren als den adäquaten Zeiten zur Angstreaktion veran-
    lassen, oder es können mehrere von ihnen gleichzeitig in
    Wirksamkeit treten. Möglicherweise bestehen auch engere
    Beziehungen zwischen der wirksamen Gefahrsituation und
    der Form der auf sie folgenden Neurose.6

    6)Seit der Unterscheidung von Ich und Es mußte auch unser
    Interesse an den Problemen der Verdrängung eine neue Belebung
    erfahren. Bisher hatte es uns genügt, die dem Ich zugewendeten
    Seiten des Vorgangs, die Abhaltung vom Bewußtsein und von der
    Motilität und die Ersatz‑ (Symptom‑) Bildung ins Auge zu fassen,
    von der verdrängten Triebregung selbst nahmen wir an, sie bleibe
    im Unbewußten unbestimmt lange unverändert bestehen. Nun
    wendet sich das Interesse den Schicksalen des Verdrängten zu
    und wir ahnen, daß ein solcher unveränderter und unveränder-
    licher Fortbestand nicht selbstverständlich, vielleicht nicht einmal
    gewöhnlich ist. Die ursprüngliche Triebregung ist jedenfalls durch
    die Verdrängung gehemmt und von ihrem Ziel abgelenkt worden.

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    Als wir in einem früheren Stück dieser Untersuchungen auf
    die Bedeutung der Kastrationsgefahr bei mehr als einer
    neurotischen Affektion stießen, erteilten wir uns die Mahnung,
    dies Moment doch nicht zu überschätzen, da es bei dem
    gewiß mehr zur Neurose disponierten weiblichen Geschlecht
    doch nicht ausschlaggebend sein könnte. Wir sehen jetzt, daß
    wir nicht in Gefahr sind, die Kastrationsangst für den ein-
    zigen Motor der zur Neurose führenden Abwehrvorgänge
    zu erklären. Ich habe an anderer Stelle auseinandergesetzt,
    wie die Entwicklung des kleinen Mädchens durch den Kastra-
    tionskomplex zur zärtlichen Objektbesetzung gelenkt wird.
    Gerade beim Weibe scheint die Gefahrsituation des Objekt-
    verlustes die wirksamste geblieben zu sein. Wir dürfen an
    ihrer Angstbedingung die kleine Modifikation anbringen, daß
    es sich nicht mehr um das Vermissen oder den realen Ver-
    lust des Objekts handelt, sondern um den Liebesverlust von

    Ist aber ihr Ansatz im Unbewußten erhalten geblieben und hat
    er sich resistent gegen die verändernden und entwertenden Ein-
    flüsse des Lebens erwiesen? Bestehen also die alten Wünsche noch,
    von deren früherer Existenz uns die Analyse berichtet? Die Ant-
    wort scheint naheliegend und gesichert: Die verdrängten alten
    Wünsche müssen im Unbewußten noch fortbestehen, da wir ihre
    Abkömmlinge, die Symptome, noch wirksam finden. Aber sie ist
    nicht zureichend, sie läßt nicht zwischen den beiden Möglich-
    keiten entscheiden, ob der alte Wunsch jetzt nur durch seine Ab-
    kömmlinge wirkt, denen er all seine Besetzungsenergie übertragen
    hat, oder ob er außerdem selbst erhalten geblieben ist. Wenn es
    sein Schicksal war, sich in der Besetzung seiner Abkömmlinge zu
    erschöpfen, so bleibt noch die dritte Möglichkeit, daß er im
    Verlauf der Neurose durch Regression wiederbelebt wurde, so
    unzeitgemäß er gegenwärtig sein mag. Man braucht diese Erwä-
    gungen nicht für müßig zu halten; vieles an den Erscheinungen
    des krankhaften wie des normalen Seelenlebens scheint solche
    Fragestellungen zu erfordern. In meiner Studie über den Unter-
    gang des Ödipus‑Komplexes bin ich auf den Unterschied zwischen
    der bloßen Verdrängung und der wirklichen Aufhebung einer
    alten Wunschregung aufmerksam geworden.

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    seiten des Objekts. Da es sicher steht, daß die Hysterie eine
    größere Affinität zur Weiblichkeit hat, ebenso wie die
    Zwangsneurose zur Männlichkeit, so liegt die Vermutung
    nahe, die Angstbedingung des Liebesverlustes spiele bei
    Hysterie eine ähnliche Rolle wie die Kastrationsdrohung bei
    den Phobien, die Über-Ichangst bei der Zwangsneurose.

    IX

    Was jetzt erübrigt, ist die Behandlung der Beziehungen
    zwischen Symptombildung und Angstentwicklung.

    Zwei Meinungen darüber scheinen weit verbreitet zu sein,
    Die eine nennt die Angst selbst ein Symptom der Neurose,
    die andere glaubt an ein weit innigeres Verhältnis zwischen
    beiden. Ihr zufolge würde alle Symptombildung nur unter-
    nommen werden, um der Angst zu entgehen; die Symptome
    binden die psychische Energie, die sonst als Angst abge-
    führt würde, so daß die Angst das Grundphänomen und
    Hauptproblem der Neurose wäre.

    Die zumindest partielle Berechtigung der zweiten Be-
    hauptung läßt sich durch schlagende Beispiele erweisen. Wenn
    man einen Agoraphoben, den man auf die Straße begleitet
    hat, dort sich selbst überläßt, produziert er einen Angstanfall;
    wenn man einen Zwangsneurotiker daran hindern läßt, sich
    nach einer Berührung die Hände zu waschen, wird er die
    Beute einer fast unerträglichen Angst. Es ist also klar, die
    Bedingung des Begleitetwerdens und die Zwangshandlung
    des Waschens hatten die Absicht und auch den Erfolg, solche
    Angstausbrüche zu verhüten. In diesem Sinne kann auch 
    jede Hemmung, die sich das Ich auferlegt, Symptom genannt
    werden.

    Da wir die Angstentwicklung auf die Gefahrsituation
    zurückgeführt haben, werden wir es vorziehen zu sagen, die