S.
253
VIII
Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar nach
einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst erschließt, nach
einem Entweder‑Oder, das die Wahrheit über sie vom
Irrtum scheidet. Aber das ist schwer zu haben, die Angst ist
nicht einfach zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreicht
als Widersprüche, zwischen denen ohne Vorurteil keine Wahl
möglich war. Ich schlage jetzt vor, es anders zu machen; wirS.
254
wollen unparteiisch alles zusammentragen, was wir von der
Angst aussagen können, und dabei auf die Erwartung einer
neuen Synthese verzichten.Die Angst ist also in erster Linie etwas Empfundenes. Wir
heißen sie einen Affektzustand, obwohl wir auch nicht wissen,
was ein Affekt ist. Sie hat als Empfindung offenbarsten Unlust-
charakter, aber das erschöpft nicht ihre Qualität; nicht jede
Unlust können wir Angst heißen. Es gibt andere Empfin-
dungen mit Unlustcharakter (Spannungen, Schmerz, Trauer)
und die Angst muß außer dieser Unlustqualität andere Beson-
derheiten haben. Eine Frage: Werden wir es dazu bringen,
die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Unlustaffekten
zu verstehen?Aus der Empfindung der Angst können wir immerhin
etwas entnehmen. Ihr Unlustcharakter scheint eine besondere
Note zu haben; das ist schwer zu beweisen, aber wahrschein-
lich; es wäre nichts Auffälliges. Aber außer diesem schwer
isolierbaren Eigencharakter nehmen wir an der Angst
bestimmtere körperliche Sensationen wahr, die wir auf be-
stimmte Organe beziehen. Da uns die Physiologie der Angst
hier nicht interessiert, genügt es uns, einzelne Repräsentanten
dieser Sensationen hervorzuheben, also die häufigsten und
deutlichsten an den Atmungsorganen und am Herzen. Sie
sind uns Beweise dafür, daß motorische Innervationen, also
Abfuhrvorgänge an dem Ganzen der Angst Anteil haben. Die
Analyse des Angstzustandes ergibt also 1) einen spezifischen
Unlustcharakter, 2) Abfuhrraktionen, 3) Wahrnehmungen
derselben.Die Punkte 2 und 3 ergeben uns bereits einen Unterschied
gegen die ähnlichen Zustände, z. B. der Trauer und des
Schmerzes. Bei diesen gehören die motorischen Äußerungen
nicht dazu; wo sie vorhanden sind, sondern sie sich deutlich
nicht als Bestandteile des Ganzen, sondern als KonsequenzenS.
255
oder Reaktionen darauf. Die Angst ist also ein besonderer
Unlustzustand mit Abfuhraktionen auf bestimmte Bahnen.
Nach unseren allgemeinen Anschauungen werden wir glau-
ben, daß der Angst eine Steigerung der Erregung zugrunde
liegt, die einerseits den Unlustcharakter schafft, anderseits sie
durch die genannten Abfuhren erleichtert. Diese rein physio-
logische Zusammenfassung wird uns aber kaum genügen; wir
sind versucht, anzunehmen, daß ein historisches Moment da
ist, welches die Sensationen und Innervationen der Angst fest
aneinander bindet. Mit anderen Worten, daß der Angst-
zustand die Reproduktion eines Erlebnisses ist, das die Bedin-
gungen einer solchen Reizsteigerung und der Abfuhr auf
bestimmte Bahnen enthielt, wodurch also die Unlust der
Angst ihren spezifischen Charakter erhält. Als solches vor-
bildliches Erlebnis bietet sich uns für den Menschen die
Geburt, und darum sind wir geneigt, im Angstzustand eine
Reproduktion des Geburtstraumas zu sehen.Wir haben damit nichts behauptet, was der Angst eine
Ausnahmestellung unter den Affektzuständen einräumen
würde. Wir meinen, auch die anderen Affekte sind Repro-
duktionen alter, lebenswichtiger, eventuell vorindividueller
Ereignisse und wir bringen sie als allgemeine, typische, mit-
geborene hysterische Anfälle in Vergleich mit den spät und
individuell erworbenen Attacken der hysterischen Neurose,
deren Genese und Bedeutung als Erinnerungssymbole uns
durch die Analyse deutlich geworden ist. Natürlich wäre es
sehr wünschenswert, diese Auffassung für eine Reihe anderer
Affekte beweisend durchführen zu können, wovon wir heute
weit entfernt sind.Die Zurückführung der Angst auf das Geburtsereignis hat
sich gegen naheliegende Einwände zu verteidigen. Die Angst
ist eine wahrscheinlich allen Organismen, jedenfalls allen
höheren zukommende Reaktion, die Geburt wird nur von denS.
256
Säugetieren erlebt, und es ist fraglich, ob sie bei allen diesen
die Bedeutung eines Traumas hat. Es gibt also Angst ohne
Geburtsvorbild. Aber dieser Einwand setzt sich über die
Schranken zwischen Biologie und Psychologie hinaus. Gerade
weil die Angst eine biologisch unentbehrliche Funktion zu
erfüllen hat, als Reaktion auf den Zustand der Gefahr, mag
sie bei verschiedenen Lebewesen auf verschiedene Art einge-
richtet worden sein. Wir wissen auch nicht, ob sie bei dem
Menschen fernerstehenden Lebewesen denselben Inhalt an
Sensationen und Innervationen hat wie beim Menschen. Das
hindert also nicht, daß die Angst beim Menschen den
Geburtsvorgang zum Vorbild nimmt.Wenn dies die Struktur und die Herkunft der Angst ist,
so lautet die weitere Frage: Was ist ihre Funktion? Bei
welchen Gelegenheiten wird sie produziert? Die Antwort
scheint naheliegend und zwingend zu sein. Die Angst ent-
stand als Reaktion auf einen Zustand der Gefahr, sie
wird nun regelmäßig reproduziert, wenn sich ein solcher
Zustand wieder einstellt.Dazu ist aber einiges zu bemerken. Die Innervationen des
ursprünglichen Angstzustandes waren wahrscheinlich auch
sinnvoll und zweckmäßig, ganz so wie die Muskelaktionen
des ersten hysterischen Anfalls. Wenn man den hysterischen
Anfall erklären will, braucht man ja nur die Situation zu
suchen, in der die betreffenden Bewegungen Anteile einer
berechtigten Handlung waren. So hat wahrscheinlich während
der Geburt die Richtung der Innervation auf die Atmungs-
organe die Tätigkeit der Lungen vorbereitet, die Beschleuni-
gung des Herzschlags gegen die Vergiftung des Blutes
arbeiten wollen. Diese Zweckmäßigkeit entfällt natürlich bei
der späteren Reproduktion des Angstzustandes als Affekt, wie
sie auch beim wiederholten hysterischen Anfall vermißt wird.
Wenn also das Individuum in eine neue GefahrsituationS.
257
gerät, so kann es leicht unzweckmäßig werden, daß es mit
dem Angstzustand, der Reaktion auf eine frühere Gefahr,
antwortet, anstatt die der jetzigen adäquate Reaktion einzu-
schlagen. Die Zweckmäßigkeit tritt aber wieder hervor, wenn
die Gefahrsituation als herannahend erkannt und durch den
Angstausbruch signalisiert wird. Die Angst kann dann sofort
durch geeignetere Maßnahmen abgelöst werden. Es sondern
sich also sofort zwei Möglichkeiten des Auftretens der Angst:
die eine, unzweckmäßige, in einer neuen Gefahrsituation, die
andere, zweckmäßige, zur Signalisierung und Verhütung
einer solchen.Was aber ist eine „Gefahr“? Im Geburtsakt besteht eine
objektive Gefahr für die Erhaltung des Lebens, wir wissen,
was das in der Realität bedeutet. Aber psychologisch sagt
es uns gar nichts. Die Gefahr der Geburt hat noch keinen
psychischen Inhalt. Sicherlich dürfen wir beim Fötus nichts
voraussetzen, was sich irgendwie einer Art von Wissen um
die Möglichkeit eines Ausgangs in Lebensvernichtung an-
nähert. Der Fötus kann nichts anderes bemerken als eine
großartige Störung in der Ökonomie seiner narzißtischen
Libido. Große Erregungssummen dringen zu ihm, erzeugen
neuartige Unlustempfindungen, manche Organe erzwingen
sich erhöhte Besetzungen, was wie ein Vorspiel der bald
beginnenden Objektbesetzung ist; was davon wird als Merk-
zeichen einer „Gefahrsituation“ Verwertung finden?Wir wissen leider viel zu wenig von der seelischen Ver-
fassung des Neugeborenen, um diese Frage direkt zu be-
antworten. Ich kann nicht einmal für die Brauchbarkeit der
eben gegebenen Schilderung einstehen. Es ist leicht zu sagen,
das Neugeborene werde den Angstaffekt in allen Situationen
wiederholen, die es an das Geburtsereignis erinnern. Der ent-
scheidende Punkt bleibt aber, wodurch und woran es erinnert
wird.S.
258
Es bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als die Anlässe zu
studieren, bei denen der Säugling oder das ein wenig ältere Kind
sich zur Angstentwicklung bereit zeigt. Rank hat in seinem
Buch „Das Trauma der Geburt“1 einen sehr energischen Ver-
such gemacht, die Beziehungen der frühesten Phobien des
Kindes zum Eindruck des Geburtsereignisses zu erweisen,
allein ich kann ihn nicht für geglückt halten. Man kann ihm
zweierlei vorwerfen: Erstens, daß er auf der Voraus-
setzung beruht, das Kind habe bestimmte Sinneseindrücke,
insbesondere visueller Natur, bei seiner Geburt empfangen,
deren Erneuerung die Erinnerung an das Geburtstrauma und
somit die Angstreaktion hervorrufen kann. Diese Annahme
ist völlig unbewiesen und sehr unwahrscheinlich; es ist nicht
glaubhaft, daß das Kind andere als taktile und Allgemein-
sensationen vom Geburtsvorgang bewahrt hat. Wenn es also
später Angst vor kleinen Tieren zeigt, die in Löchern ver-
schwinden oder aus diesen herauskommen, so erklärt Rank
diese Reaktion durch die Wahrnehmung einer Analogie, die
aber dem Kinde nicht auffällig werden kann. Zweitens, daß
Rank in der Würdigung dieser späteren Angstsituationen je
nach Bedürfnis die Erinnerung an die glückliche intrauterine
Existenz oder an deren traumatische Störung wirksam werden
läßt, womit der Willkür in der Deutung Tür und Tor ge-
öffnet wird. Einzelne Fälle dieser Kinderangst widersetzen-
sich direkt der Anwendung des Rankschen Prinzips. Wenn
das Kind in Dunkelheit und Einsamkeit gebracht wird, so
sollten wir erwarten, daß es diese Wiederherstellung der
intrauterinen Situation mit Befriedigung aufnimmt, und
wenn die Tatsache, daß es gerade dann mit Angst reagiert,
auf die Erinnerung an die Störung dieses Glücks durch die1)Otto Rank: Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung
für die Psychoanalyse. Wien, 1924.S.
259
Geburt zurückgeführt wird, so kann man das Gezwungene
dieses Erklärungsversuches nicht länger verkennen.Ich muß den Schluß ziehen, daß die frühesten Kindheits-
phobien eine direkte Rückführung auf den Eindruck des Ge-
burtsaktes nicht zulassen und sich überhaupt bis jetzt der Er-
klärung entzogen haben. Eine gewisse Angstbereitschaft des
Säuglings ist unverkennbar. Sie ist nicht etwa unmittelbar
nach der Geburt am stärksten, um dann langsam abzunehmen,
sondern tritt erst später mit dem Fortschritt der seelischen
Entwicklung hervor und hält über eine gewisse Periode der
Kinderzeit an. Wenn sich solche Frühphobien über diese Zeit
hinaus erstrecken, erwecken sie den Verdacht einer neuroti-
schen Störung, wiewohl uns ihre Beziehung zu den späteren
deutlichen Neurosen der Kindheit keineswegs einsichtlich ist.Nur wenige Fälle der kindlichen Angstäußerung sind uns
verständlich; an diese werden wir uns halten müssen. So,
wenn das Kind allein, in der Dunkelheit, ist und wenn es
eine fremde Person an Stelle der ihm vertrauten (der Mutter)
findet. Diese drei Fälle reduzieren sich auf eine einzige Be-
dingung, das Vermissen der geliebten (ersehnten) Person. Von
da an ist aber der Weg zum Verständnis der Angst und zur
Vereinigung der Widersprüche, die sich an sie zu knüpfen
scheinen, frei.Das Erinnerungsbild der ersehnten Person wird gewiß
intensiv, wahrscheinlich zunächst halluzinatorisch besetzt.
Aber das hat keinen Erfolg und nun hat es den Anschein, als
ob diese Sehnsucht in Angst umschlüge. Es macht geradezu
den Eindruck, als wäre diese Angst ein Ausdruck der Rat-
losigkeit, als wüßte das noch sehr unentwickelte Wesen mit
dieser sehnsüchtigen Besetzung nichts Besseres anzufangen.
Die Angst erscheint so als Reaktion auf das Vermissen des
Objekts und es drängen sich uns die Analogien auf, daß auch
die Kastrationsangst die Trennung von einem hochgeschätztenS.
260
Objekt zum Inhalt hat, und daß die ursprünglichste
Angst (die „Urangst“ der Geburt) bei der Trennung von
der Mutter entstand.Die nächste Überlegung führt über diese Betonung des
Objektverlustes hinaus. Wenn der Säugling nach der Wahr-
nehmung der Mutter verlangt, so doch nur darum, weil er
bereits aus Erfahrung weiß, daß sie alle seine Bedürfnisse
ohne Verzug befriedigt. Die Situation, die er als „Gefahr“
wertet, gegen die er versichert sein will, ist also die der Un-
befriedigung, des Anwachsens der Bedürfnisspannung,
gegen die er ohnmächtig ist. Ich meine, von
diesem Gesichtspunkt aus ordnet sich alles ein; die Situation
der Unbefriedigung, in der Reizgrößen eine unlustvolle Höhe
erreichen, ohne Bewältigung durch psychische Verwendung
und Abfuhr zu finden, muß für den Säugling die Analogie
mit dem Geburtserlebnis, die Wiederholung der Gefahrsitua-
tion sein; das beiden Gemeinsame ist die ökonomische Störung
durch das Anwachsen der Erledigung heischenden Reizgrößen,
dieses Moment also der eigentliche Kern der „Gefahr“. In
beiden Fällen tritt die Angstreaktion auf, die sich auch noch
beim Säugling als zweckmäßig erweist, indem die Richtung
der Abfuhr auf Atem- und Stimmmuskulatur nun die Mutter
herbeiruft, wie sie früher die Lungentätigkeit zur Weg-
schaffung der inneren Reize anregte. Mehr als diese Kenn-
zeichnung der Gefahr braucht das Kind von seiner Geburt
nicht bewahrt zu haben.Mit der Erfahrung, daß ein äußeres, durch Wahrnehmung
erfaßbares Objekt der an die Geburt mahnenden gefährlichen
Situation ein Ende machen kann, verschiebt sich nun der
Inhalt der Gefahr von der ökonomischen Situation auf seine
Bedingung, den Objektverlust. Das Vermissen der Mutter
wird nun die Gefahr, bei deren Eintritt der Säugling das
Angstsignal gibt, noch ehe die gefürchtete ökonomische SituationS.
261
eingetreten ist. Diese Wandlung bedeutet einen ersten
großen Fortschritt in der Fürsorge für die Selbsterhaltung,
sie schließt gleichzeitig den Übergang von der automatisch
ungewollten Neuentstehung der Angst zu ihrer beabsichtig-
ten Reproduktion als Signal der Gefahr ein.In beiden Hinsichten, sowohl als automatisches Phänomen
wie als rettendes Signal, zeigt sich die Angst als Produkt der
psychischen Hilflosigkeit des Säuglings, welche das selbst-
verständliche Gegenstück seiner biologischen Hilflosigkeit ist.
Das auffällige Zusammentreffen, daß sowohl die Geburtsangst
wie die Säuglingsangst die Bedingung der Trennung von der
Mutter anerkennt, bedarf keiner psychologischen Deutung;
es erklärt sich biologisch einfach genug aus der Tatsache,
daß die Mutter, die zuerst alle Bedürfnisse des Fötus durch
die Einrichtungen ihres Leibes beschwichtigt hatte, dieselbe
Funktion zum Teil mit anderen Mitteln auch nach der
Geburt fortsetzt. Intrauterinleben und erste Kindheit sind
weit mehr ein Kontinuum, als uns die auffällige Caesur des
Geburtsaktes glauben läßt. Das psychische Mutterobjekt er-
setzt dem Kinde die biologische Fötalsituation. Wir dürfen
darum nicht vergessen, daß im Intrauterinleben die Mutter
kein Objekt war, und daß es damals keine Objekte gab.Es ist leicht zu sehen, daß es in diesem Zusammenhange
keinen Raum für ein Abreagieren des Geburtstraumas gibt,
und daß eine andere Funktion der Angst als die eines Signals
zur Vermeidung der Gefahrsituation nicht aufzufinden ist.
Die Angstbedingung des Objektverlustes trägt nun noch ein
ganzes Stück weiter. Auch die nächste Wandlung der Angst,
die in der phallischen Phase auftretende Kastrationsangst, ist
eine Trennungsangst und an dieselbe Bedingung gebunden.
Die Gefahr ist hier die Trennung von dem Genitale. Ein voll-
berechtigt scheinender Gedankengang von Ferenczi läßt
uns hier die Linie des Zusammenhanges mit den früheren InhaltenS.
262
der Gefahrsituation deutlich erkennen. Die hohe nar-
zißtische Einschätzung des Penis kann sich darauf berufen,
daß der Besitz dieses Organs die Gewähr für eine Wieder-
vereinigung mit der Mutter (dem Mutterersatz) im Akt des
Koitus enthält. Die Beraubung dieses Gliedes ist soviel wie
eine neuerliche Trennung von der Mutter, bedeutet also wie-
derum, einer unlustvollen Bedürfnisspannung (wie bei der
Geburt) hilflos ausgeliefert zu sein. Das Bedürfnis, dessen An-
steigen gefürchtet wird, ist aber nun ein spezialisiertes, das
der genitalen Libido, nicht mehr ein beliebiges wie in der
Säuglingszeit. Ich füge hier an, daß die Phantasie der Rück-
kehr in den Mutterleib der Koitusersatz des Impotenten
(durch die Kastrationsdrohung Gehemmten) ist. Im Sinne
Ferenczis kann man sagen, das Individuum, das sich zur
Rückkehr in den Mutterleib durch sein Genitalorgan ver-
treten lassen wollte, ersetzt nun regressiv dies Organ durch
seine ganze Person.Die Fortschritte in der Entwicklung des Kindes, die Zu-
nahme seiner Unabhängigkeit, die schärfere Sonderung seines
seelischen Apparats in mehrere Instanzen, das Auftreten neuer
Bedürfnisse, können nicht ohne Einfluß auf den Inhalt der
Gefahrsituation bleiben. Wir haben dessen Wandlung vom
Verlust des Mutterobjekts zur Kastration verfolgt und sehen
den nächsten Schritt durch die Macht des Über-Ichs ver-
ursacht. Mit dem Unpersönlichwerden der Elterninstanz, von
der man die Kastration befürchtete, wird die Gefahr unbe-
stimmter. Die Kastrationsangst entwickelt sich zur Gewissens-
angst, zur sozialen Angst. Es ist jetzt nicht mehr so leicht
anzugeben, was die Angst befürchtet. Die Formel: „Tren-
nung, Ausschluß aus der Horde“, trifft nur jenen späteren
Anteil des Über‑Ichs, der sich in Anlehnung an soziale Vor-
bilder entwickelt hat, nicht den Kern des Über‑Ichs, der der
introjizierten Elterninstanz entspricht. Allgemeiner ausgedrückt,S.
263
ist es der Zorn, die Strafe des Über‑Ichs, der Liebes-
verlust von dessen Seite, den das Ich als Gefahr wertet und
mit dem Angstsignal beantwortet. Als letzte Wandlung dieser
Angst vor dem Über-Ich ist mir die Todes‑ (Lebens‑) Angst,
die Angst vor der Projektion des Über-Ichs in den Schicksals-
mächten erschienen.Ich habe früher einmal einen gewissen Wert auf die Dar-
stellung gelegt, daß es die bei der Verdrängung abgezogene
Besetzung ist, welche die Verwendung als Angstabfuhr er-
fährt. Das erscheint mir nun heute kaum wissenswert. Der
Unterschied liegt darin, daß ich vormals die Angst in jedem
Falle durch einen ökonomischen Vorgang automatisch ent-
standen glaubte, während die jetzige Auffassung der Angst
als eines vom Ich beabsichtigten Signals zum Zweck der Be-
einflussung der Lust‑Unlustinstanz uns von diesem ökono-
mischen Zwange unabhängig macht. Es ist natürlich nichts
gegen die Annahme zu sagen, daß das Ich gerade die durch
die Abziehung bei der Verdrängung frei gewordene Energie
zur Erweckung des Affekts verwendet, aber es ist bedeutungs-
los geworden, mit welchem Anteil Energie dies geschieht.Ein anderer Satz, den ich einmal ausgesprochen, verlangt
nun nach Überprüfung im Lichte unserer neuen Auffassung.
Es ist die Behauptung, das Ich sei die eigentliche Angststätte;
ich meine, sie wird sich als zutreffend erweisen. Wir haben
nämlich keinen Anlaß, dem Über-Ich irgendeine Angstäuße-
rung zuzuteilen. Wenn aber von einer „Angst des Es“ die
Rede ist, so hat man nicht zu widersprechen, sondern einen
ungeschickten Ausdruck zu korrigieren. Die Angst ist ein
Affektzustand, der natürlich nur vom Ich verspürt werden
kann. Das Es kann nicht Angst haben wie das Ich, es ist
keine Organisation, kann Gefahrsituationen nicht beurteilen.
Dagegen ist es ein überaus häufiges Vorkommnis, daß sich
im Es Vorgänge vorbereiten oder vollziehen, die dem IchS.
264
Anlaß zur Angstentwicklung geben; in der Tat sind die
wahrscheinlich frühesten Verdrängungen, wie die Mehrzahl
aller späteren, durch solche Angst des Ichs vor einzelnen
Vorgängen im Es motiviert. Wir unterscheiden hier wiederum
mit gutem Grund die beiden Fälle, daß sich im Es etwas
ereignet, was eine der Gefahrsituationen fürs Ich aktiviert
und es somit bewegt, zur Inhibition das Angstsignal zu geben,
und den anderen Fall, daß sich im Es die dem Geburts-
trauma analoge Situation herstellt, in der es automatisch zur
Angstreaktion kommt. Man bringt die beiden Fälle einander
näher, wenn man hervorhebt, daß der zweite der ersten und
ursprünglichen Gefahrsituation entspricht, der erste aber einer
der später aus ihr abgeleiteten Angstbedingungen. Oder auf
die wirklich vorkommenden Affektionen bezogen: daß der
zweite Fall in der Ätiologie der Aktualneurosen verwirklicht
ist, der erste für die der Psychoneurosen charakteristisch
bleibt.Wir sehen nun, daß wir frühere Ermittlungen nicht zu ent-
werten, sondern bloß mit den neueren Einsichten in Ver-
bindung zu bringen brauchen. Es ist nicht abzuzuweisen, daß
bei Abstinenz, mißbräuchlicher Störung im Ablauf der Sexual-
erregung, Ablenkung derselben von ihrer psychischen Ver-
arbeitung, direkt Angst aus Libido entsteht, d. h. jener Zu-
stand von Hilflosigkeit des Ichs gegen eine übergroße Be-
dürfnisspannung hergestellt wird, der wie bei der Geburt in
Angstentwicklung ausgeht, wobei es wieder eine gleichgültige,
aber naheliegende Möglichkeit ist, daß gerade der Überschuß
an unverwendeter Libido seine Abfuhr in der Angstentwick-
lung findet. Wir sehen, daß sich auf dem Boden dieser
Aktualneurosen besonders leicht Psychoneurosen entwickeln,
d. h. wohl, daß das Ich Versuche macht, die Angst, die es
eine Weile suspendiert zu erhalten gelernt hat, zu ersparen
und durch Symptombildung zu binden. WahrscheinlichS.
265
würde die Analyse der traumatischen Kriegsneurosen, welcher
Name allerdings sehr verschiedenartige Affektionen umfaßt,
ergeben haben, daß eine Anzahl von ihnen an den Charak-
teren der Aktualneurosen Anteil hat.Als wir die Entwicklung der verschiedenen Gefahrsituatio-
nen aus dem ursprünglichen Geburtsvorbild darstellten, lag
es uns ferne zu behaupten, daß jede spätere Angstbedingung
die frühere einfach außer Kraft setzt. Die Fortschritte der
Ichentwicklung tragen allerdings dazu bei, die frühere Ge-
fahrsituation zu entwerten und beiseite zu schieben, so daß
man sagen kann, einem bestimmten Entwicklungsalter sei eine
gewisse Angstbedingung wie adäquat zugeteilt. Die Gefahr
der psychischen Hilflosigkeit paßt zur Lebenszeit der Unreife
des Ichs, wie die Gefahr des Objektverlustes zur Unselb-
ständigkeit der ersten Kinderjahre, die Kastrationsgefahr zur
phallischen Phase, die Über-Ichangst zur Latenzzeit. Aber es
können doch alle diese Gefahrsituationen und Angstbedingun-
gen nebeneinander fortbestehen bleiben und das Ich auch zu
späteren als den adäquaten Zeiten zur Angstreaktion veran-
lassen, oder es können mehrere von ihnen gleichzeitig in
Wirksamkeit treten. Möglicherweise bestehen auch engere
Beziehungen zwischen der wirksamen Gefahrsituation und
der Form der auf sie folgenden Neurose.66)Seit der Unterscheidung von Ich und Es mußte auch unser
Interesse an den Problemen der Verdrängung eine neue Belebung
erfahren. Bisher hatte es uns genügt, die dem Ich zugewendeten
Seiten des Vorgangs, die Abhaltung vom Bewußtsein und von der
Motilität und die Ersatz‑ (Symptom‑) Bildung ins Auge zu fassen,
von der verdrängten Triebregung selbst nahmen wir an, sie bleibe
im Unbewußten unbestimmt lange unverändert bestehen. Nun
wendet sich das Interesse den Schicksalen des Verdrängten zu
und wir ahnen, daß ein solcher unveränderter und unveränder-
licher Fortbestand nicht selbstverständlich, vielleicht nicht einmal
gewöhnlich ist. Die ursprüngliche Triebregung ist jedenfalls durch
die Verdrängung gehemmt und von ihrem Ziel abgelenkt worden.S.
266
Als wir in einem früheren Stück dieser Untersuchungen auf
die Bedeutung der Kastrationsgefahr bei mehr als einer
neurotischen Affektion stießen, erteilten wir uns die Mahnung,
dies Moment doch nicht zu überschätzen, da es bei dem
gewiß mehr zur Neurose disponierten weiblichen Geschlecht
doch nicht ausschlaggebend sein könnte. Wir sehen jetzt, daß
wir nicht in Gefahr sind, die Kastrationsangst für den ein-
zigen Motor der zur Neurose führenden Abwehrvorgänge
zu erklären. Ich habe an anderer Stelle auseinandergesetzt,
wie die Entwicklung des kleinen Mädchens durch den Kastra-
tionskomplex zur zärtlichen Objektbesetzung gelenkt wird.
Gerade beim Weibe scheint die Gefahrsituation des Objekt-
verlustes die wirksamste geblieben zu sein. Wir dürfen an
ihrer Angstbedingung die kleine Modifikation anbringen, daß
es sich nicht mehr um das Vermissen oder den realen Ver-
lust des Objekts handelt, sondern um den Liebesverlust vonIst aber ihr Ansatz im Unbewußten erhalten geblieben und hat
er sich resistent gegen die verändernden und entwertenden Ein-
flüsse des Lebens erwiesen? Bestehen also die alten Wünsche noch,
von deren früherer Existenz uns die Analyse berichtet? Die Ant-
wort scheint naheliegend und gesichert: Die verdrängten alten
Wünsche müssen im Unbewußten noch fortbestehen, da wir ihre
Abkömmlinge, die Symptome, noch wirksam finden. Aber sie ist
nicht zureichend, sie läßt nicht zwischen den beiden Möglich-
keiten entscheiden, ob der alte Wunsch jetzt nur durch seine Ab-
kömmlinge wirkt, denen er all seine Besetzungsenergie übertragen
hat, oder ob er außerdem selbst erhalten geblieben ist. Wenn es
sein Schicksal war, sich in der Besetzung seiner Abkömmlinge zu
erschöpfen, so bleibt noch die dritte Möglichkeit, daß er im
Verlauf der Neurose durch Regression wiederbelebt wurde, so
unzeitgemäß er gegenwärtig sein mag. Man braucht diese Erwä-
gungen nicht für müßig zu halten; vieles an den Erscheinungen
des krankhaften wie des normalen Seelenlebens scheint solche
Fragestellungen zu erfordern. In meiner Studie über den Unter-
gang des Ödipus‑Komplexes bin ich auf den Unterschied zwischen
der bloßen Verdrängung und der wirklichen Aufhebung einer
alten Wunschregung aufmerksam geworden.S.
267
seiten des Objekts. Da es sicher steht, daß die Hysterie eine
größere Affinität zur Weiblichkeit hat, ebenso wie die
Zwangsneurose zur Männlichkeit, so liegt die Vermutung
nahe, die Angstbedingung des Liebesverlustes spiele bei
Hysterie eine ähnliche Rolle wie die Kastrationsdrohung bei
den Phobien, die Über-Ichangst bei der Zwangsneurose.IX
Was jetzt erübrigt, ist die Behandlung der Beziehungen
zwischen Symptombildung und Angstentwicklung.Zwei Meinungen darüber scheinen weit verbreitet zu sein,
Die eine nennt die Angst selbst ein Symptom der Neurose,
die andere glaubt an ein weit innigeres Verhältnis zwischen
beiden. Ihr zufolge würde alle Symptombildung nur unter-
nommen werden, um der Angst zu entgehen; die Symptome
binden die psychische Energie, die sonst als Angst abge-
führt würde, so daß die Angst das Grundphänomen und
Hauptproblem der Neurose wäre.Die zumindest partielle Berechtigung der zweiten Be-
hauptung läßt sich durch schlagende Beispiele erweisen. Wenn
man einen Agoraphoben, den man auf die Straße begleitet
hat, dort sich selbst überläßt, produziert er einen Angstanfall;
wenn man einen Zwangsneurotiker daran hindern läßt, sich
nach einer Berührung die Hände zu waschen, wird er die
Beute einer fast unerträglichen Angst. Es ist also klar, die
Bedingung des Begleitetwerdens und die Zwangshandlung
des Waschens hatten die Absicht und auch den Erfolg, solche
Angstausbrüche zu verhüten. In diesem Sinne kann auch
jede Hemmung, die sich das Ich auferlegt, Symptom genannt
werden.Da wir die Angstentwicklung auf die Gefahrsituation
zurückgeführt haben, werden wir es vorziehen zu sagen, die
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Hemmung, Angst und Symptom1926-001/1931