-
S.
Lieber Herr Doktor
Ich bin sehr überrascht durch die Beiträge zu meiner Selbstanalyse, die Sie mir spenden, u hoffe etwas aus ihnen zu lernen. ich getraue mich nämlich nicht, Ihnen in Bezug auf den Machtwillen zu widersprechen - weiß aber nichts davon. Ich vemute seit Langem daß nicht nur das Verdrängte ubw. ist, sondern auch das herrschende unseres Wesens, das Eigentliche unseres Ichs, - unbewusst, aber nicht bwunfähig. Ich leite dies davon ab, daß das Bw doch nur Sinnesorgan ie: nach einem Außen gerichtet ist, so daß es stets an einem selbst nicht wahrgenommenen Stück des Ich hängt.
Wenn Sie mit dem Machtwillen Recht haben, so hat sich die Verschiebung aufs Seelische vollzogen, weil mir zur Realisierung der direkten Ziele alle Mittel fehlten, Kraft, Schönheit, Geld usw.
-
S.
Das Motiv für die Ablehnung das Dankes durchschaue ich leichter. Man hat mich auf diesen Zug schon aufmerksam gemacht. In den meisten Fällen bedeutet er etwas das Schiller'sche: Den Dank, Dame, begehr ich nicht. Das heißt, seit meinem 14 Jahr habe ich es üben müssen, geliebte Personen, Mutter, Schwestern, später Frau, Kinder dazu mit geld zu unterstützen, u heute erschöpft sich die Libido des alten Mannes natürlich im Geldvertheilen. Also Motiv genug, die auf solches Schenken gegründete Liebesansprüche zu hemmen. Sicher gehört auch der zum Paradigma dienende Traum in dem kleinen Traumaufsatz in den Grenzfragen.
Ich danke Ihnen also dafür, dass Sie mich so interessant finden.
Für Adler haben Sie gewiss das richtige Wort geprägt. Da ich das Buch nicht bekommen habe, nehme ich mir den Exzeß von persönlciher Freiheit heraus, es nicht zu lesen. Leider fügt sich Jung da assoziativ an. Sie wissen, ich
-
S.
bin nicht Ihrer Ansicht in Betreff des mediz. Monopols an der PA. Gegen Pfister aber jetzt so Partei nehmen, ist besonders grausam. Was ich über Jung u die Vorgänge in Z. höre, läuft alles auf denselben Eindruck hinaus. Ich weiß nicht ob Sie schon wissen, daß ich Pfister für eine Woche in Wien gehabt habe. Meine Großpatientin, die ihn im voringen Sommer kennen gelernt hatte, ließ sich von ihm in einer Entwöhnung helfen.
Gegenwärtig weilt Jones hier, dessen sehr intelligente u recht kranke Frau ich for eine spätere behandlung vorbereite, u Oberholzer hat sich seit einigen Wochen selbst in Kur gegeben.
Von Rank ist ein dickes Buch über das Inzestproblem erschienen, von dem ich viel Gutes erwarte. Er ist ein anständiger Mensch u feiner Kopf.
-
S.
Schreib ich Ihnen wirklich etwas von einem neuen Einfall? Es war eine Kleinigkeit, eine Einheit zwischen der Kästchenszene im Kaufmann v Venedig, dem Urteil des Paris und der Eingangsszene des Lear. Es ist im Ganzen erledigt, es wäre angenehm, auf dem Spaziergang längs des Sees davon zu plaudern, nicht wichtig genug zum Schreiben.
Ich freue mich sehr zu hören, daß Sie sich so gut in die Arbeit finden. Grüßen Sie mir Ihre liebe Frau u alles angenehmen Leute auf u über Bellevue.
Ihr herzlich ergebener Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Brückenstrasse 9
Kreuzlingen 8280
Schweiz
C17F27