• S.

                                                              20.2.13

    PROF. DR. FREUD                    WIEN, IX. BERGGASSE 19

    Lieber Herr Doktor

    Nein, Briefschreiben ist keine Art des

    Verkehrs unter Leuten, die sich ezwas zu

    sagen haben. Seit 3 Wochen quält mich

    die Antwort auf Ihre letzte inhaltsreiche

    Zuschrift, aber gerade weil sie soviel

    Antwort erforderte, komme ich nicht

    dazu und musste auf diesen Abend warten ,

    an dem ich leicht fröstelnd von Influenza

    zu jeder sonstigen Arbeit unfähig bin.

    Wie Sie mir leicht glauben werden, haben

    sich meine Aufgaben seit all den letzten

    Krisen nur noch gesteigert, so daß ich

    meist mit dem Tag um die Existenz

    ringe.

    Gewiss haben Sie in Ihrer Auffassung der

    homosexuellen Objektwahl Recht, u viel=

    leicht noch weiter als Sie meinen.

    Das Objekt ist auch bei den meisten Normalen

    eine bisexuelle Wunscherfüllung und

    beständig wird vom Mann aufs Weib

    u umgekehrt, transponiert. So einfach

    wie die homosex. Wortführer es

    darstellen, ist die Sache längst nicht mehr.

    Das Problem der Gegenübertragung

    das Sie anführen, gehört zu den technisch

    schwierigsten der PA. Theoretisch halte

    ich es für leicht lösbar. Was man dem

  • S.

    Pat. giebt, soll aber niemals unmittelbarer

    Affekt, sondern stets bewusst zugeteilen

    sein, und dann je nach Notwendigkeit

    mehr oder weniger. Unter Umständen,

    sehr viel. aber niemals aus dem eigenen

    Ubw. Dies hielte ich für die Formel.

    Man muß also eine Gegenübertragung

    jedesmal erkennen, u überwinden,

    dann erst ist man selbst frei. Jemandem

    zu wenig zu geben, weil man ihn zu sehr

    liebt, ist ein Unrecht an dem Kranken

    und ein technischer Fehler. Leicht ist daß

    alles nicht, und vielleicht muss man dazu

    auch älter sein.

    Die Kastrationsphantasien sind bei Frauen

    enorm häufig, gewiß nicht hinter jedem

    Erbrechen zu suchen. Auf Penisneid und

    Kastrationsangst reduziert sich alles

    Wichtige zB. an den Adlerschen Annahmen.

    Ich sehe ich bin heute auch zum Brief

    schreiben nicht gut genug. Lassen Sie mich

    darum mit der Hoffnung schließen

    daß es Ihnen und Ihrer lieben Frau

    mit allen Kindern sehr gut geht, was

    ich natürlich gerne bestätigt hören

    möchte.

    Ihr herzlich ergebener

    Freud