• S.

    8.X.1936
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Lieber Freund!
    Eine Liebe Überraschung Ihr Vortrag! Die ihn angehört und mir berichtet hatten, waren sichtlich unberührt geblieben; es muß Ihnen auch zu schwer gewesen sein. Im Lesen freute ich mich Ihren schönen Diktion, Ihrer Gelehrsamkeit, das Umfangs Ihres Horizonts, des Taktes im Widersprechen. An Lob verträgt man bekanntlich ungemessene Mengen.
    Natürlich glaube ich Ihnen doch nicht. Ich habe mich immer nur im Parterre und Souterrain des Gebäudes aufgehalten, - Sie behaupten, wenn man den Gesichtspunkt wechselt sieht man auch ein oberes Stockwerk, in dem so distinguierte Gäste wie Religion, Kunst u.Ä.

  • S.

    hausen. Sie sind nicht der einzige darin, die meisten Kulturexemplare des Homo natura denken so. xxx Sie sind darin konservativ, ich revolutionär. Hätte ich noch ein Arbeitsleben vor mir, so getraute ich mich auch jenen Hochgeborenen eine Wohnstatt in meinem niedrigen Häuschen anzuweisen. Für die Religion habe ich es schon gefunden, seit dem ich auf die Kategorie "Menschheitsneurose" gestoßen bin. ber warscheinlich reden wir doch aneinander vorbei und unser Zwist wird erst nach Jahrhunderten zum Ausgleich kommen.
    In herzlicher Freundschaft und mit grüßen an Ihre
    liebe Frau

    Ihr Freud.