• S.

    PROF. DR FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
    27. II. 24

    Lieber Herr Doktor,
    Selbstverständlich beantworte ich gern Ihre wissenschaftlichen und persönlichen Anfragen. Den Satz, man müsse das Unbewusste des Analysierten mit seinem Unbewussten erfassen, ihm gewissermassen das unbewusste Ohr als receiver entgegenhalten, habe ich einem bescheidenen und rationalistischen Sinne ausgesprochen, obwohl ich nicht verkenne, dass sich hinter der Formulierung auch weitergehende Probleme verbergen. Ich meinte zunächst nur, man müsse sich frei halten von der bewussten Steigerung gewisser Erwartungen und als denselben Zustand in sich herbeiführen, den man vom Analysierten selbst verlangt. Jede Unklarheit verschwindet, wenn Sie annehmen, dass das Unbewusste in jenem Satze nur deskriptiv gemeint ist. In systematischer Ausdrucksweise sollte es lauten: vorbewusst anstatt unbewusst. Die tieferen Probleme braucht man dabei wohl nicht zu erörtern.

  • S.

    Von Fechner habe ich ausser der Psychophysik noch manche andere Schriften gelesen, aber gerade die "Ueber das höchste Gut", in der das Lust-Unlustproblem eine so grosse Rolle spielen soll, nicht. Es sollte mich sehr interessieren, wenn ich ihm auch ohne direkte Beeinflussung nahe gekommen wäre. David Friedrich Strauss und Feuerbach habe ich jungen Jahren allerdings mit Genuss und Eifer gelesen. Es scheint mir aber, dass die Wirkung keine nachhaltige geblieben ist. Die guten Nachrichten über Ihre Familie haben mich sehr erfreut.
    Herzlich
    Ihr Freud