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    MASSENPSYCHOLOGIE UND
    ICH-ANALYSE

    1921)

    I

    Einleitung

    Der Gegensatz von Individual- und Sozial- oder Massen-
    psychologie, der uns auf den ersten Blick als sehr bedeutsam
    erscheinen mag, verliert bei eingehender Betrachtung sehr viel
    von seiner Schärfe. Die Individualpsychologie ist zwar auf
    den einzelnen Menschen eingestellt und verfolgt, auf welchen
    Wegen derselbe die Befriedigung seiner Triebregungen zu
    erreichen sucht, allein sie kommt dabei nur selten, unter
    bestimmten Ausnahmsbedingungen, in die Lage, von den
    Beziehungen dieses Einzelnen zu anderen Individuen abzu-
    sehen. Im Seelenleben des Einzelnen kommt ganz regelmäßig
    der Andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als
    Gegner in Betracht und die Individualpsychologie ist daher
    von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem
    erweiterten, aber durchaus berechtigten Sinne.

    Das Verhältnis des Einzelnen zu seinen Eltern und Ge-
    schwistern, zu seinem Liebesobjekt, zu seinem Lehrer und zu

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    seinem Arzt, also alle die Beziehungen, welche bisher vorzugs-
    weise Gegenstand der psychoanalytischen Untersuchung ge-
    worden sind, können den Anspruch erheben, als soziale
    Phänomene gewürdigt zu werden, und stellen sich dann in
    Gegensatz zu gewissen anderen, von uns narzißtisch
    genannten Vorgängen, bei denen die Triebbefriedigung sich
    dem Einfluß anderer Personen entzieht oder auf sie ver-
    zichtet. Der Gegensatz zwischen sozialen und narzißtischen
    — Bleuler würde vielleicht sagen: autistischen —
    seelischen Akten fällt also durchaus innerhalb des Bereichs
    der Individualpsychologie und eignet sich nicht dazu, sie
    von einer Sozial- oder Massenpsychologie abzutrennen.

    In den erwähnten Verhältnissen zu Eltern und Geschwi-
    stern, zur Geliebten, zum Freund, Lehrer und zum Arzt er-
    fährt der Einzelne immer nur den Einfluß einer einzigen
    oder einer sehr geringen Anzahl von Personen, von denen
    eine jede eine großartige Bedeutung für ihn erworben hat.
    Man hat sich nun gewöhnt, wenn man von Sozial- oder
    Massenpsychologie spricht, von diesen Beziehungen abzusehen
    und die gleichzeitige Beeinflussung des Einzelnen durch eine
    große Anzahl von Personen, mit denen er durch irgend etwas
    verbunden ist, während sie ihm sonst in vielen Hinsichten
    fremd sein mögen, als Gegenstand der Untersuchung abzu-
    sondern. Die Massenpsychologie behandelt also den einzelnen
    Menschen als Mitglied eines Stammes, eines Volkes, einer
    Kaste, eines Standes, einer Institution oder als Bestandteil
    eines Menschenhaufens, der sich zu einer gewissen Zeit für
    einen bestimmten Zweck zur Masse organisiert. Nach dieser
    Zerreißung eines natürlichen Zusammenhanges lag es dann
    nahe, die Erscheinungen, die sich unter diesen besonderen
    Bedingungen zeigen, als Äußerungen eines besonderen, weiter
    nicht zurückführbaren Triebes anzusehen, des sozialen Triebes
    — herd instinct, group mind — der in anderen Situationen

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    nicht zum Ausdruck kommt. Wir dürfen aber wohl den
    Einwand erheben, es falle uns schwer, dem Moment der
    Zahl eine so große Bedeutung einzuräumen, daß es ihm allein
    möglich sein sollte, im menschlichen Seelenleben einen neuen
    und sonst nicht betätigten Trieb zu wecken. Unsere Erwar-
    tung wird somit auf zwei andere Möglichkeiten hingelenkt:
    daß der soziale Trieb kein ursprünglicher und unzerlegbarer
    sein mag, und daß die Anfänge seiner Bildung in einem
    engeren Kreis, wie etwa in dem der Familie, gefunden
    werden können.

    Die Massenpsychologie, obwohl erst in ihren Anfängen
    befindlich, umfaßt eine noch unübersehbare Fülle von Einzel-
    problemen und stellt dem Untersucher ungezählte, derzeit
    noch nicht einmal gut gesonderte Aufgaben. Die bloße
    Gruppierung der verschiedenen Formen von Massenbildung
    und die Beschreibung der von ihnen geäußerten psychischen
    Phänomene erfordern einen großen Aufwand von Beobach-
    tung und Darstellung und haben bereits eine reichhaltige
    Literatur entstehen lassen. Wer dies schmale Büchlein an
    dem Umfang der Massenpsychologie mißt, wird ohneweiters
    vermuten dürfen, daß hier nur wenige Punkte des ganzen
    Stoffes behandelt werden sollen. Es werden wirklich auch
    nur einige Fragen sein, an denen die Tiefenforschung der
    Psychoanalyse ein besonderes Interesse nimmt.

    II

    Le Bons Schilderung der Massenseele

    Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen scheint es,
    mit einem Hinweis auf das Erscheinungsgebiet zu beginnen
    und aus diesem einige besonders auffällige und charak-
    teristische Tatsachen herauszugreifen, an welche die Unter-