S.
263
persönliche Prestige haftet an wenigen Personen, die durch
dasselbe zu Führern werden, und macht, daß ihnen alles
wie unter der Wirkung eines magnetischen Zaubers gehorcht.
Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhängig und geht
durch Mißerfolge verloren (S. 103).Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei Le Bon die
Rolle der Führer und die Betonung des Prestiges in richtigen
Einklang mit der so glänzend vorgetragenen Schilderung der
Massenseele gebracht worden ist.III
Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens
Wir haben uns der Darstellung von Le Bon als Ein-
führung bedient, weil sie in der Betonung des unbewußten
Seelenlebens so sehr mit unserer eigenen Psychologie zu-
sammentrifft. Nun müssen wir aber hinzufügen, daß eigent-
lich keine der Behauptungen dieses Autors etwas Neues
bringt. Alles, was er Abträgliches und Herabsetzendes über
die Äußerungen der Massenseele sagt, ist schon vor ihm
ebenso bestimmt und ebenso feindselig von anderen gesagt
worden, wird seit den ältesten Zeiten der Literatur von
Denkern, Staatsmännern und Dichtern gleichlautend so
wiederholt10). Die beiden Sätze, welche die wichtigsten An-
sichten Le Bons enthalten, der von der kollektiven Hem-
mung der intellektuellen Leistung und der von der Steige-
rung der Affektivität in der Masse waren kurz vorher von10) Vergleiche den Text und das Literaturverzeichnis in
B. Kraškovic jun. Die Psychologie der Kollektivitäten. Aus
dem Kroatischen übersetzt von Siegmund von Posavec.
Vukovar 1915.S.
264
Sighele formuliert worden11). Im Grunde erübrigen als
Le Bon eigentümlich nur die beiden Gesichtspunkte des
Unbewußten und des Vergleiches mit dem Seelenleben der
Primitiven, auch diese natürlich oftmals vor ihm berührt.Aber noch mehr, die Beschreibung und Würdigung der
Massenſeele, wie Le Bon und die anderen sie geben, ist
auch keineswegs unangefochten geblieben. Kein Zweifel, daß
alle die vorhin beschriebenen Phänomene der Massenſeele
richtig beobachtet worden sind, aber es lassen sich auch
andere, geradezu entgegengesetzt wirkende Äußerungen der
Massenbildung erkennen, aus denen man dann eine weit
höhere Einschätzung der Massenſeele ableiten muß.Auch Le Bon war bereit, zuzugestehen, daß die Sitt-
lichkeit der Masse unter Umständen höher sein kann als
die der sie zusammensetzenden Einzelnen, und daß nur die
Gesamtheiten hoher Uneigennützigkeit und Hingebung
fähig sind.(S. 38.) „Während der persönliche Vorteil beim isolierten
Individuum so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er
bei den Massen sehr selten vorherrschend.“Andere machen geltend, daß es überhaupt erst die Gesell-
schaft ist, welche dem Einzelnen die Normen der Sittlich-
keit vorschreibt, während der Einzelne in der Regel irgend-
wie hinter diesen hohen Ansprüchen zurückbleibt. Oder daß
in Ausnahmszuständen in einer Kollektivität das Phänomen
der Begeisterung zustande kommt, welches die großartigsten
Massenleistungen ermöglicht hat.In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar be-
stehen, daß die großen Entscheidungen der Denkarbeit, die11) Siehe Walter Moede, Die Massen- und Sozialpsychologie
im kritischen Überblick. Zeitschrift für pädagogische Psychologie
und experimentelle Pädagogik von Meumann und Scheib-
ner, XVI, 1915.S.
265
folgenschweren Entdeckungen und Problemlösungen nur dem
Einzelnen, der in der Einsamkeit arbeitet, möglich sind. Aber
auch die Massenseele ist genialer geistiger Schöpfungen fähig,
wie vor allem die Sprache selbst beweist, sodann das Volks-
lied, Folklore und anderes. Und überdies bleibt es dahin-
gestellt, wieviel der einzelne Denker oder Dichter den An-
regungen der Masse, in welcher er lebt, verdankt, ob er
mehr als der Vollender einer seelischen Arbeit ist, an der
gleichzeitig die anderen mitgetan haben.Angesichts dieser vollkommenen Widersprüche scheint es
ja, daß die Arbeit der Massenpsychologie ergebnislos ver-
laufen müsse. Allein es ist leicht, einen hoffnungsvolleren
Ausweg zu finden. Man hat wahrscheinlich als „Massen“
sehr verschiedene Bildungen zusammengefaßt, die einer Son-
derung bedürfen. Die Angaben von Sighele, Le Bon
und anderen beziehen sich auf Massen kurzlebiger Art, die
rasch durch ein vorübergehendes Interesse aus verschieden-
artigen Individuen zusammengeballt werden. Es ist unver-
kennbar, daß die Charaktere der revolutionären Massen,
besonders der großen französischen Revolution, ihre Schil-
derungen beeinflußt haben. Die gegensätzlichen Behaup-
tungen stammen aus der Würdigung jener stabilen Massen
oder Vergesellschaftungen, in denen die Menschen ihr Leben
zubringen, die sich in den Institutionen der Gesellschaft ver-
körpern. Die Massen der ersten Art sind den letzteren gleich-
sam aufgesetzt, wie die kurzen, aber hohen Wellen den
langen Dünungen der See.Mc Dougall, der in seinem Buch The Group
Mind12) von dem nämlichen, oben erwähnten Widerspruch
ausgeht, findet die Lösung desselben im Moment der Orga-
nisation. Im einfachsten Falle, sagt er, besitzt die Masse12) Cambridge, 1920.
S.
266
(group) überhaupt keine Organisation oder eine kaum nen-
nenswerte. Er bezeichnet eine solche Masse als einen Haufen
(crowd). Doch gesteht er zu, daß ein Haufen Menschen
nicht leicht zusammenkommt, ohne daß sich in ihm wenig-
stens die ersten Anfänge einer Organisation bildeten, und
daß gerade an diesen einfachen Massen manche Grundtat-
sachen der Kollektivpsychologie besonders leicht zu erkennen
sind (S. 22). Damit sich aus den zufällig zusammengewehten
Mitgliedern eines Menschenhaufens etwas wie eine Masse
im psychologischen Sinne bilde, wird als Bedingung erfordert,
daß diese Einzelnen etwas miteinander gemein haben, ein
gemeinsames Interesse an einem Objekt, eine gleichartige
Gefühlsrichtung in einer gewissen Situation und (ich würde
einsetzen: infolgedessen) ein gewisses Maß von Fähigkeit,
sich untereinander zu beeinflussen. (Some degree of reciprocal
influence between the members of the group) (S. 23). Je
stärker diese Gemeinsamkeiten (this mental homogeneity)
sind, desto leichter bildet sich aus den Einzelnen eine psycho-
logische Masse und desto auffälliger äußern sich die Kund-
gebungen einer „Massenseele“.Das merkwürdigste und zugleich wichtigste Phänomen der
Massenbildung ist nun die bei jedem Einzelnen hervor-
gerufene Steigerung der Affektivität (exaltation or intensifi-
cation of emotion) (S. 24). Man kann sagen, meint McDou-
gall, daß die Affekte der Menschen kaum unter anderen
Bedingungen zu solcher Höhe anwachsen, wie es in einer
Masse geschehen kann, und zwar ist es eine genußreiche
Empfindung für die Beteiligten, sich so schrankenlos ihren
Leidenschaften hinzugeben und dabei in der Masse auf-
zugehen, das Gefühl ihrer individuellen Abgrenzung zu ver-
lieren. Dies Mitfortgerissenwerden der Individuen erklärt
McDougall aus dem von ihm so genannten „principle
of direct induction of emotion by way of the primitive sym-S.
267
pathetic response“ (S. 25), das heißt durch die uns bereits
bekannte Gefühlsansteckung. Die Tatsache ist die, daß die
wahrgenommenen Zeichen eines Affektzustandes geeignet
sind, bei dem Wahrnehmenden automatisch denselben Affekt
hervorzurufen. Dieser automatische Zwang wird um so
stärker, an je mehr Personen gleichzeitig derselbe Affekt be
merkbar ist. Dann schweigt die Kritik des Einzelnen, und er
läßt sich in denselben Affekt gleiten. Dabei erhöht er aber
die Erregung der anderen, die auf ihn gewirkt hatten, und
so steigert sich die Affektladung der Einzelnen durch gegen
seitige Induktion. Es ist unverkennbar etwas wie ein Zwang
dabei wirksam, es den anderen gleichzutun, im Einklang
mit den Vielen zu bleiben. Die gröberen und einfacheren
Gefühlsregungen haben die größere Aussicht, sich auf solche
Weise in einer Masse zu verbreiten (S. 39).Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch durch
einige andere, von der Masse ausgehende Einflüsse begün
stigt. Die Masse macht dem Einzelnen den Eindruck einer
unbeschränkten Macht und einer unbesiegbaren Gefahr. Sie
hat sich für den Augenblick an die Stelle der gesamten
menschlichen Gesellschaft gesetzt, welche die Trägerin der
Autorität ist, deren Strafen man gefürchtet, der zuliebe man
sich so viele Hemmungen auferlegt hat. Es ist offenbar ge
fährlich, sich in Widerspruch mit ihr zu setzen, und man
ist sicher, wenn man dem ringsumher sich zeigenden Beispiel
folgt, also eventuell sogar „mit den Wölfen heult“. Im
Gehorsam gegen die neue Autorität darf man sein früheres
„Gewissen“ außer Tätigkeit setzen und dabei der Lockung
des Lustgewinnes nachgeben, den man sicherlich durch die
Aufhebung seiner Hemmungen erzielt. Es ist also im ganzen
nicht so merkwürdig, wenn wir den Einzelnen in der Masse
Dinge tun oder gutheißen sehen, von denen er sich unter
seinen gewohnten Lebensbedingungen abgewendet hätte, undS.
268
wir können selbst die Hoffnung fassen, auf diese Weise ein
Stück der Dunkelheit zu lichten, die man mit dem Rätsel-
wort der „Suggestion“ zu decken pflegt.Dem Satz von der kollektiven Intelligenzhemmung in der
Masse widerspricht auch Mc Dougall nicht (S. 41). Er
sagt, die geringeren Intelligenzen ziehen die größeren auf
ihr Niveau herab. Die letzteren werden in ihrer Betätigung
gehemmt, weil die Steigerung der Affektivität überhaupt
ungünstige Bedingungen für korrekte geistige Arbeit schafft,
ferner weil die Einzelnen durch die Masse eingeschüchtert
sind und ihre Denkarbeit nicht frei ist, und weil bei jedem
Einzelnen das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für seine
Leistung herabgesetzt wird.Das Gesamturteil über die psychische Leistung einer ein-
fachen, „unorganisierten“ Masse lautet bei Mc Dougall
nicht freundlicher als bei Le Bon. Eine solche Masse ist
(S. 45): überaus erregbar, impulsiv, leidenschaftlich, wankel-
mütig, inkonsequent, unentschlossen und dabei zum Äußer-
sten bereit in ihren Handlungen, zugänglich nur für die
gröberen Leidenschaften und einfacheren Gefühle, außer-
ordentlich suggestibel, leichtsinnig in ihren Überlegungen,
heftig in ihren Urteilen, aufnahmsfähig nur für die ein-
fachsten und unvollkommensten Schlüsse und Argumente,
leicht zu lenken und zu erschüttern, ohne Selbstbewußtsein,
Selbstachtung und Verantwortlichkeitsgefühl, aber bereit,
sich von ihrem Kraftbewußtsein zu allen Untaten fortreißen
zu lassen, die wir nur von einer absoluten und unverant-
wortlichen Macht erwarten können. Sie benimmt sich also
eher wie ein ungezogenes Kind oder wie ein leidenschaft-
licher, nicht beaufsichtigter Wilder in einer ihm fremden
Situation; in den schlimmsten Fällen ist ihr Benehmen eher
das eines Rudels von wilden Tieren als von menschlichen
Wesen.S.
269
Da Mc Dougall das Verhalten der hoch organisierten
Massen in Gegensatz zu dem hier Geschilderten bringt, wer-
den wir besonders gespannt sein, zu erfahren, worin diese
Organisation besteht und durch welche Momente sie her-
gestellt wird. Der Autor zählt fünf dieser „principal con-
ditions“ für die Hebung des seelischen Lebens der Masse
auf ein höheres Niveau auf.Die erste grundlegende Bedingung ist ein gewisses Maß
von Kontinuität im Bestand der Masse. Diese kann eine
materielle oder eine formale sein, das erstere, wenn dieselben
Personen längere Zeit in der Masse verbleiben, das andere,
wenn innerhalb der Masse bestimmte Stellungen entwickelt
sind, die den einander ablösenden Personen angewiesen
werden.Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der Masse eine
bestimmte Vorstellung von der Natur, der Funktion, den
Leistungen und Ansprüchen der Masse gebildet hat, so daß
sich daraus für ihn ein Gefühlsverhältnis zum Ganzen der
Masse ergeben kann.Die dritte, daß die Masse in Beziehung zu anderen, ihr
ähnlichen, aber doch von ihr in vielen Punkten abweichen-
den Massenbildungen gebracht wird, etwa daß sie mit diesen
rivalisiert.Die vierte, daß die Masse Traditionen, Gebräuche und
Einrichtungen besitzt, besonders solche, die sich auf das Ver-
hältnis ihrer Mitglieder zueinander beziehen.Die fünfte, daß es in der Masse eine Gliederung gibt, die
sich in der Spezialisierung und Differenzierung der dem Ein-
zelnen zufallenden Leistung ausdrückt.Durch die Erfüllung dieser Bedingungen werden nach
Mc Dougall die psychischen Nachteile der Massenbildung
aufgehoben. Gegen die kollektive Herabsetzung der Intel-
ligenzleistung schützt man sich dadurch, daß man dieS.
270
Lösung der intellektuellen Aufgaben der Masse entzieht und
sie Einzelnen in ihr vorbehält.Es scheint uns, daß man die Bedingung, die Mc Dou-
gall als „Organisation“ der Masse bezeichnet hat, mit mehr
Berechtigung anders beschreiben kann. Die Aufgabe besteht
darin, der Masse gerade jene Eigenschaften zu verschaffen,
die für das Individuum charakteristisch waren und die bei
ihm durch die Massenbildung ausgelöscht wurden. Denn
das Individuum hatte – außerhalb der primitiven Masse
– seine Kontinuität, sein Selbstbewußtsein, seine Tradi-
tionen und Gewohnheiten, seine besondere Arbeitsleistung
und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert, mit
denen es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch seinen
Eintritt in die nicht „organisierte“ Masse für eine Zeit ver-
loren. Erkennt man so als Ziel, die Masse mit den Attri-
buten des Individuums auszustatten, so wird man an eine
gehaltreiche Bemerkung von W. Trotter13 gemahnt, der
in der Neigung zur Massenbildung eine biologische Fort-
führung der Vielzelligkeit aller höheren Organismen er-
blickt14.IV
Suggestion und Libido
Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, daß ein
Einzelner innerhalb einer Masse durch den Einfluß derselben13) Instincts of the Herd in Peace and War. London 1916.
14) Ich kann im Gegensatz zu einer sonst verständnisvollen und
scharfsinnigen Kritik von Hans Kelsen (Imago VIII/2, 1922)
nicht zugeben, daß eine solche Ausstattung der „Massenseele“ mit
Organisation eine Hypostasierung derselben, das heißt die Zuer-
kennung einer Unabhängigkeit von den seelischen Vorgängen im
Individuum bedeute.
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Massenpsychologie und Ich-Analyse1921-001/1931
1921-001/1931/3