• S.

    325

    in Betracht kommen zu lassen. Bei den spontanen kann man
    annehmen, daß das Ichideal zur Entfaltung einer besonderen
    Strenge neigt, die dann automatisch seine zeitweilige Auf-
    hebung zur Folge hat. Bei den psychogenen würde das Ich
    zur Auflehnung gereizt durch die Mißhandlung von seiten
    seines Ideals, die es im Fall der Identifizierung mit einem
    verworfenen Objekt erfährt.

    XII

    Nachträge

    Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem vorläufigen
    Abschluß gekommen ist, haben sich uns verschiedene Neben-
    wege eröffnet, die wir zuerst vermieden haben, auf denen
    uns aber manche nahe Einsicht winkte. Einiges von dem so
    Zurückgestellten wollen wir nun nachholen.

    A) Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und Ich-
    idealersetzung durch das Objekt findet eine interessante Er-
    läuterung an den zwei großen künstlichen Massen, die wir
    eingangs studiert haben, dem Heer und der christlichen
    Kirche.

    Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten, also
    eigentlich den Armeeführer, zum Ideal nimmt, während er
    sich mit seinesgleichen identifiziert und aus dieser Ichgemein-
    samkeit die Verpflichtungen der Kameradschaft zur gegen-
    seitigen Hilfeleistung und Güterteilung ableitet. Aber er wird
    lächerlich, wenn er sich mit dem Feldherrn identifizieren
    will. Der Jäger in „Wallensteins Lager“ verspottet darob
    den Wachtmeister:

    Wie er räuspert und wie er spuckt,
    Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt!…

    Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ liebt

  • S.

    326

    Christus als sein Ideal und fühlt sich den anderen Christen
    durch Identifizierung verbunden. Aber die Kirche fordert
    von ihm mehr. Er soll überdies sich mit Christus identifizie-
    ren und die anderen Christen lieben, wie Christus sie geliebt
    hat. Die Kirche fordert also an beiden Stellen die Ergänzung
    der durch die Massenbildung gegebenen Libidoposition. Die
    Identifizierung soll dort hinzukommen, wo die Objektwahl
    stattgefunden hat, und die Objektliebe dort, wo die Identi-
    fizierung besteht. Dieses Mehr geht offenbar über die Kon-
    stitution der Masse hinaus. Man kann ein guter Christ sein
    und doch könnte einem die Idee, sich an Christi Stelle zu
    setzen, wie er alle Menschen liebend zu umfassen, ferne
    liegen. Man braucht sich ja nicht als schwacher Mensch die
    Seelengröße und Liebesstärke des Heilandes zuzutrauen. Aber
    diese Weiterentwicklung der Libidoverteilung in der Masse
    ist wahrscheinlich das Moment, auf welches das Christentum
    den Anspruch gründet, eine höhere Sittlichkeit gewonnen zu
    haben.

    B) Wir sagten, es wäre möglich, die Stelle in der seelischen
    Entwicklung der Menschheit anzugeben, an der sich auch
    für den Einzelnen der Fortschritt von der Massen- zur In-
    dividualpsychologie vollzog54).

    Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaftlichen
    Mythus vom Vater der Urhorde zurückgreifen. Er wurde
    später zum Weltschöpfer erhöht, mit Recht, denn er hatte
    alle die Söhne erzeugt, welche die erste Masse zusammen-
    setzten. Er war das Ideal jedes einzelnen von ihnen, gleich-
    zeitig gefürchtet und verehrt, was für später den Begriff des
    Tabu ergab. Diese Mehrheit faßte sich einmal zusammen,
    tötete und zerstückelte ihn. Keiner der Massensieger konnte

    54) Das hier Folgende steht unter dem Einflusse eines Gedanken-
    austausches mit Otto Rank. (Siehe „Die Don Juan-Gestalt“,
    Imago, VIII, 1922); seither auch in Buchform, 1924.

  • S.

    327

    sich an seine Stelle setzen, oder wenn es einer tat, erneuerten
    sich die Kämpfe, bis sie einsahen, daß sie alle auf die Erb-
    schaft des Vaters verzichten mußten. Sie bildeten dann die
    totemistische Brüdergemeinschaft, alle mit gleichem Rechte
    und durch die Totemverbote gebunden, die das Andenken
    der Mordtat erhalten und sühnen sollten. Aber die Unzu-
    friedenheit mit dem Erreichten blieb und wurde die Quelle
    neuer Entwicklungen. Allmählich näherten sich die zur
    Brudermasse Verbundenen einer Herstellung des alten Zu-
    standes auf neuem Niveau, der Mann wurde wiederum
    Oberhaupt einer Familie und brach die Vorrechte der
    Frauenherrschaft, die sich in der vaterlosen Zeit festgesetzt
    hatte. Zur Entschädigung mag er damals die Muttergott-
    heiten anerkannt haben, deren Priester kastriert wurden zur
    Sicherung der Mutter nach dem Beispiel, das der Vater der
    Urhorde gegeben hatte; doch war die neue Familie nur ein
    Schatten der alten, der Väter waren viele und jeder durch
    die Rechte des anderen beschränkt.

    Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen Einzelnen
    bewogen haben, sich von der Masse loszulösen und sich in
    die Rolle des Vaters zu versetzen. Wer dies tat, war der
    erste epische Dichter, der Fortschritt wurde in seiner Phan-
    tasie vollzogen. Der Dichter log die Wirklichkeit um im
    Sinne seiner Sehnsucht. Er erfand den heroischen Mythus.
    Heros war, wer allein den Vater erschlagen hatte, der im
    Mythus noch als totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der
    Vater das erste Ideal des Knaben gewesen war, so schuf
    jetzt der Dichter im Heros, der den Vater ersetzen will,
    das erste Ichideal. Die Anknüpfung an den Heros bot wahr-
    scheinlich der jüngste Sohn, der Liebling der Mutter, den
    sie vor der väterlichen Eifersucht beschützt hatte, und der
    in Urhordenzeiten der Nachfolger des Vaters geworden war.

    In der lügenhaften Umdichtung der Urzeit wurde das Weib,

  • S.

    328

    das der Kampfpreis und die Verlockung des Mordes ge-
    wesen war, wahrscheinlich zur Verführerin und Anstifterin
    der Untat.

    Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, deren
    sich gewiß nur die Horde als Ganzes getraut hatte. Doch
    hat nach einer Bemerkung von Rank das Märchen deut-
    liche Spuren des verleugneten Sachverhaltes bewahrt. Denn
    dort kommt es häufig vor, daß der Held, der eine schwierige
    Aufgabe zu lösen hat – meist ein jüngster Sohn, nicht selten
    einer, der sich vor dem Vatersurrogat dumm, das heißt un-
    gefährlich gestellt hat – diese Aufgabe doch nur mit Hilfe
    einer Schar von kleinen Tieren (Bienen, Ameisen) lösen
    kann. Dies wären die Brüder der Urhorde, wie ja auch in
    der Traumsymbolik Insekten, Ungeziefer die Geschwister
    (verächtlich: als kleine Kinder) bedeuten. Jede der Aufgaben
    in Mythus und Märchen ist überdies leicht als Ersatz der
    heroischen Tat zu erkennen.

    Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Einzelne
    aus der Massenpsychologie austritt. Der erste Mythus war
    sicherlich der psychologische, der Heroenmythus; der er-
    klärende Naturmythus muß weit später aufgekommen sein.
    Der Dichter, der diesen Schritt getan und sich so in der
    Phantasie von der Masse gelöst hatte, weiß nach einer
    weiteren Bemerkung von Rank doch in der Wirklichkeit
    die Rückkehr zu ihr zu finden. Denn er geht hin und erzählt
    dieser Masse die Taten seines Helden, die er erfunden. Dieser
    Held ist im Grunde kein anderer als er selbst. Er senkt sich
    somit zur Realität herab und hebt seine Hörer zur Phan-
    tasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter, sie
    können sich auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen
    Beziehung zum Urvater mit dem Heros identifizieren55).

    55) Vgl. Hanns Sachs, Gemeinsame Tagträume, Autoreferat
    eines Vortrages auf dem VI. Psychoanalytischen Kongreß im

  • S.

    329

    Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Vergottung
    des Heros. Vielleicht war der vergottete Heros, früher als
    der Vatergott, der Vorläufer der Wiederkehr des Urvaters
    als Gottheit. Die Götterreihe liefe dann chronologisch so:
    Muttergöttin–Heros–Vatergott. Aber erst mit der Erhöhung
    des nie vergessenen Urvaters erhielt die Gottheit die Züge,
    die wir noch heute an ihr kennen56).

    C) Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten
    und von zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und dürfen
    hoffen, daß diese Unterscheidung nicht auf großen Wider-
    stand stoßen wird. Doch wird eine eingehende Erörterung
    darüber nicht unwillkommen sein, selbst wenn sie nur wieder-
    holt, was zum großen Teil bereits an früheren Stellen gesagt
    worden ist.

    Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter Sexual-
    triebe hat uns die Libidoentwicklung des Kindes kennen ge-
    lehrt. Alle die Gefühle, welche das Kind für seine Eltern
    und Pflegepersonen empfindet, setzen sich ohne Schranke in
    die Wünsche fort, welche dem Sexualstreben des Kindes
    Ausdruck geben. Das Kind verlangt von diesen geliebten
    Personen alle Zärtlichkeiten, die ihm bekannt sind, will sie
    küssen, berühren, beschauen, ist neugierig, ihre Genitalien zu
    sehen und bei ihren intimen Exkretionsverrichtungen an-
    wesend zu sein, es verspricht, die Mutter oder Pflegerin zu
    heiraten, was immer es sich darunter vorstellen mag, setzt
    sich vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw. Direkte Be-
    obachtung sowie die nachträgliche analytische Durchleuch-
    tung der Kindheitsreste lassen über das unmittelbare Zu-
    Haag, 1920. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI,
    (1920); seither auch in Buchform erschienen (Imago-Bücher,
    Bd. 5).

    56) In dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material aus
    Sage, Mythus, Märchen, Sittengeschichte usw. zur Stütze der
    Konstruktion verzichtet worden.

  • S.

    330

    sammenfließen zärtlicher und eifersüchtiger Gefühle und
    sexueller Absichten keinen Zweifel und legen uns dar, in
    wie gründlicher Weise das Kind die geliebte Person zum
    Objekt aller seiner noch nicht richtig zentrierten Sexual-
    bestrebungen macht. (Vgl. Sexualtheorie.)

    Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch dem
    Ödipuskomplex zugeordnet ist, erliegt dann, wie bekannt,
    vom Beginn der Latenzzeit an einem Verdrängungsschub.
    Was von ihr erübrigt, zeigt sich uns als rein zärtliche Ge-
    fühlsbindung, die denselben Personen gilt, aber nicht mehr
    als „sexuell“ bezeichnet werden soll. Die Psychoanalyse,
    welche die Tiefen des Seelenlebens durchleuchtet, hat es
    nicht schwer, aufzuweisen, daß auch die sexuellen Bindun-
    gen der ersten Kinderjahre noch fortbestehen, aber verdrängt
    und unbewußt. Sie gibt uns den Mut zu behaupten, daß
    überall, wo wir einem zärtlichen Gefühl begegnen, dies der
    Nachfolger einer voll„sinnlichen“ Objektbindung an die be-
    treffende Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann
    uns freilich nicht ohne besondere Untersuchung verraten,
    ob diese vorgängige sexuelle Vollströmung in einem gegebenen
    Fall noch als verdrängt besteht oder ob sie bereits aufgezehrt
    ist. Um es noch schärfer zu fassen: es steht fest, daß sie
    als Form und Möglichkeit noch vorhanden ist und jederzeit
    wieder durch Regression besetzt, aktiviert werden kann; es
    fragt sich nur und ist nicht immer zu entscheiden, welche
    Besetzung und Wirksamkeit sie gegenwärtig noch hat. Man
    muß sich hiebei gleichmäßig vor zwei Fehlerquellen in acht
    nehmen, vor der Scylla der Unterschätzung des verdrängten
    Unbewußten, wie vor der Charybdis der Neigung, das Nor-
    male durchaus mit dem Maß des Pathologischen zu messen.

    Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten nicht
    durchdringen will oder kann, stellen sich die zärtlichen
    Gefühlsbindungen jedenfalls als Ausdruck von Strebungen

  • S.

    331

    dar, die nicht nach dem Sexuellen zielen, wenngleich sie
    aus solchen, die danach gestrebt haben, hervorgegangen
    sind57)

    Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen sexuellen
    Zielen abgelenkt worden, wenngleich es seine Schwierig-
    keiten hat, in der Darstellung einer solchen Zielablenkung
    den Anforderungen der Metapsychologie zu entsprechen.
    Übrigens halten diese zielgehemmten Triebe immer noch
    einige der ursprünglichen Sexualziele fest; auch der zärtlich
    Anhängliche, auch der Freund, der Verehrer sucht die kör-
    perliche Nähe und den Anblick der nur mehr im „pau-
    linischen“ Sinne geliebten Person. Wenn wir es wollen,
    können wir in dieser Zielablenkung einen Beginn von
    Sublimierung der Sexualtriebe anerkennen oder aber
    die Grenze für letztere noch ferner stecken. Die zielgehemm-
    ten Sexualtriebe haben vor den ungehemmten einen großen
    funktionellen Vorteil. Da sie einer eigentlich vollen Befrie-
    digung nicht fähig sind, eignen sie sich besonders dazu,
    dauernde Bindungen zu schaffen, während die direkt
    sexuellen jedesmal durch die Befriedigung ihrer Energie ver-
    lustig werden und auf Erneuerung durch Wiederanhäufung
    der sexuellen Libido warten müssen, wobei inzwischen das
    Objekt gewechselt werden kann. Die gehemmten Triebe sind
    jedes Maßes von Vermengung mit den ungehemmten fähig,
    können sich in sie rückverwandeln, wie sie aus ihnen hervor-
    gegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht sich aus Gefühls-
    beziehungen freundschaftlicher Art, auf Anerkennung und
    Bewunderung gegründet, erotische Wünsche entwickeln (das
    Molièresche: Embrassez-moi pour l'amour du Grec),
    zwischen Meister und Schülerin, Künstler und entzückter
    Zuhörerin, zumal bei Frauen. Ja, die Entstehung solcher

    57)Die feindseligen Gefühle sind gewiß um ein Stück kompli-
    zierter aufgebaut.

  • S.

    332

    zuerst absichtsloser Gefühlsbindungen gibt direkt einen viel
    begangenen Weg zur sexuellen Objektwahl. In der „Fröm-
    migkeit des Grafen von Zinzendorf“ hat Pfister ein über-
    deutliches, gewiß nicht vereinzeltes Beispiel dafür aufgezeigt,
    wie nahe es liegt, daß auch intensive religiöse Bindung in
    brünstige sexuelle Erregung zurückschlägt. Anderseits ist auch
    die Umwandlung direkter, an sich kurzlebiger, sexueller
    Strebungen in dauernde, bloß zärtliche Bindung etwas sehr
    Gewöhnliches und die Konsolidierung einer aus verliebter
    Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu einem großen Teil
    auf diesem Vorgang.

    Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören, daß die
    zielgehemmten Sexualstrebungen sich aus den direkt sexuellen
    dann ergeben, wenn sich der Erreichung der Sexualziele
    innere oder äußere Hindernisse entgegenstellen. Die Ver-
    drängung der Latenzzeit ist ein solches inneres – oder besser:
    innerlich gewordenes – Hindernis. Vom Vater der Urhorde
    haben wir angenommen, daß er durch seine sexuelle Intole-
    ranz alle Söhne zur Abstinenz nötigt und sie so in ziel-
    gehemmte Bindungen drängt, während er sich selbst freien
    Sexualgenuß vorbehält und somit ungebunden bleibt. Alle
    Bindungen, auf denen die Masse beruht, sind von der Art
    der zielgehemmten Triebe. Damit aber haben wir uns der
    Erörterung eines neuen Themas genähert, welches die Be-
    ziehung der direkten Sexualtriebe zur Massenbildung be-
    handelt.

    D) Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen
    darauf vorbereitet zu finden, daß die direkten Sexual-
    strebungen der Massenbildung ungünstig sind. Es hat zwar
    auch in der Entwicklungsgeschichte der Familie Massen-
    beziehungen der sexuellen Liebe gegeben (die Gruppenehe),
    aber je bedeutungsvoller die Geschlechtsliebe für das Ich
    wurde, je mehr Verliebtheit sie entwickelte, desto eindring-
     

  • S.

    333

    licher forderte sie die Einschränkung auf zwei Personen –
    una cum uno, – die durch die Natur des Genitalzieles vor-
    gezeichnet ist. Die polygamen Neigungen wurden darauf
    angewiesen, sich im Nacheinander des Objektwechsels zu be-
    friedigen.

    Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung aufeinander
    angewiesenen Personen demonstrieren gegen den Herdentrieb,
    das Massengefühl, indem sie die Einsamkeit aufsuchen. Je
    verliebter sie sind, desto vollkommener genügen sie einander.
    Die Ablehnung des Einflusses der Masse äußert sich als
    Schamgefühl. Die äußerst heftigen Gefühlsregungen der Eifer-
    sucht werden aufgeboten, um die sexuelle Objektwahl gegen
    die Beeinträchtigung durch eine Massenbindung zu schützen.
    Nur wenn der zärtliche, also persönliche Faktor der Liebes-
    beziehung völlig hinter dem sinnlichen zurücktritt, wird der
    Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart anderer oder gleich-
    zeitige Sexualakte innerhalb einer Gruppe wie bei der Orgie
    möglich. Damit ist aber eine Regression zu einem frühen
    Zustand der Geschlechtsbeziehungen gegeben, in dem die
    Verliebtheit noch keine Rolle spielte, die Sexualobjekte
    einander gleichwertig erachtet wurden, etwa im Sinne von
    dem bösen Wort Bernard Shaws: Verliebtsein heiße,
    den Unterschied zwischen einem Weib und einem anderen
    ungebührlich überschätzen.

    Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß die Ver-
    liebtheit erst spät in die Sexualbeziehungen zwischen Mann
    und Weib Eingang fand, so daß auch die Gegnerschaft
    zwischen Geschlechtsliebe und Massenbindung eine spät ent-
    wickelte ist. Nun kann es den Anschein haben, als ob diese
    Annahme unverträglich mit unserem Mythus von der Ur-
    familie wäre. Die Brüderschar soll doch durch die Liebe zu
    den Müttern und Schwestern zum Vatermord getrieben wor-
    den sein, und es ist schwer, sich diese Liebe anders denn als

  • S.

    334

    eine ungebrochene, primitive, das heißt als innige Vereinigung
    von zärtlicher und sinnlicher vorzustellen. Allein bei weiterer
    Überlegung löst sich dieser Einwand in eine Bestätigung auf.
    Eine der Reaktionen auf den Vatermord war doch die Ein-
    richtung der totemistischen Exogamie, das Verbot jeder
    sexuellen Beziehung mit den von der Kindheit an zärtlich
    geliebten Frauen der Familie. Damit war der Keil zwischen
    die zärtlichen und sinnlichen Regungen des Mannes einge-
    trieben, der heute noch in seinem Liebesleben festsitzt58). In-
    folge dieser Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürfnisse
    der Männer mit fremden und ungeliebten Frauen begnügen.

    In den großen, künstlichen Massen, Kirche und Heer, ist
    für das Weib als Sexualobjekt kein Platz. Die Liebesbeziehung
    zwischen Mann und Weib bleibt außerhalb dieser Organi-
    sationen. Auch wo sich Massen bilden, die aus Männern und
    Weibern gemischt sind, spielt der Geschlechtsunterschied keine
    Rolle. Es hat kaum einen Sinn zu fragen, ob die Libido,
    welche die Massen zusammenhält, homosexueller oder hetero-
    sexueller Natur ist, denn sie ist nicht nach den Geschlechtern
    differenziert und sieht insbesondere von den Zielen der Geni-
    talorganisation der Libido völlig ab.

    Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für das sonst
    in der Masse aufgehende Einzelwesen ein Stück individueller
    Betätigung. Wo sie überstark werden, zersetzen sie jede
    Massenbildung. Die katholische Kirche hatte die besten Mo-
    tive, ihren Gläubigen die Ehelosigkeit zu empfehlen und
    ihren Priestern das Zölibat aufzuerlegen, aber die Verliebt-
    heit hat oft auch Geistliche zum Austritt aus der Kirche ge-
    trieben. In gleicher Weise durchbricht die Liebe zum Weibe
    die Massenbindungen der Rasse, der nationalen Absonderung
    und der sozialen Klassenordnung und vollbringt damit kul-
     

    58) S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. 1912.
    [Ges. Schriften, Bd. V.]

  • S.

    und Ich-Analyse 335

    turell wichtige Leistungen. Es scheint gesichert, daß sich die
    homosexuelle Liebe mit den Massenbindungen weit besser
    verträgt, auch wo sie als ungehemmte Sexualstrebung auf-
    tritt; cine merkwürdige Tatsache, deren Aufklärung weit
    führen dürfte,

    Die psychoanalytische Untersuchung der Psychoneurosen
    hat uns gelehrt, daß deren Symptome von verdrängten, aber
    aktiv gebliebenen direkten Sexualstrebungen abzuleiten sind.
    Man kann diese Formel vervollständigen, wenn man hinzu-
    fügt: oder von solchen zielgehemmten, bei denen die Hem-
    mung nicht durchgehends gelungen ist oder einer Rückkehr
    zum verdrängten Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem
    Verhältnis entspricht, daß die Neurose asozial macht, den
    von ihr Betroffenen aus den habituellen Massenbildungen
    heraushebt. Man kann sagen, die Neurose wirkt in ähnlicher
    Weise zersetzend auf die Masse wie die Verliebtheit. Dafür
    kann man sehen, daß dort, wo ein kräftiger Anstoß zur
    Massenbildung erfolgt ist, die Neurosen zurücktreten und
    wenigstens für eine Zeitlang schwinden können. Man hat
    auch mit Recht versucht, diesen Widerstreit von Neurose und
    Massenbildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das
    Schwinden der religiösen Illusionen in der heutigen Kultur-
    welt nicht bedauert, wird zugestehen, daß sie den durch sie
    Gebundenen den stärksten Schutz gegen die Gefahr der Neu-
    rose boten, so lange sis selbst noch in Kraft waren. Es ist
    auch nicht schwer, in all den Bindungen an mystisch-religiöse
    oder philosophisch-mystische Sekten und Gemeinschaften den
    Ausdruck von Schiefheilungen mannigfaltiger Neurosen zu
    erkennen. Das alles hängt mit dem Gegensatz der direkten
    und zielgehemmten Sexualstrebungen zusammen.

    Sich selbst überlassen, ist der Neurotiker genötigt, sich die
    großen Massenbildungen, von denen er ausgeschlossen ist,
    durch seine Symptombildungen zu ersetzen. Er schafft sich

  • S.

    336

    seine eigene Phantasiewelt, seine Religion, sein Wahnsystem
    und wiederholt so die Institutionen der Menschheit in einer
    Verzerrung, welche deutlich den übermächtigen Beitrag der
    direkten Sexualstrebungen bezeugt59).

    E) Fügen wir zum Schluß eine vergleichende Würdigung
    der Zustände, die uns beschäftigt haben, vom Standpunkt
    der Libidotheorie an, der Verliebtheit, Hypnose, Massen-
    bildung und der Neurose.

    Die Verliebtheit beruht auf dem gleichzeitigen Vor-
    handensein von direkten und von zielgehemmten Sexual-
    strebungen, wobei das Objekt einen Teil der narzißtischen
    Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum für das Ich und
    das Objekt.

    Die Hypnose teilt mit der Verliebtheit die Einschrän-
    kung auf diese beiden Personen, aber sie beruht durchaus auf
    zielgehemmten Sexualstrebungen und setzt das Objekt an die
    Stelle des Ichideals.

    Die Masse vervielfältigt diesen Vorgang, sie stimmt mit
    der Hypnose in der Natur der sie zusammenhaltenden Triebe
    und in der Ersetzung des Ichideals durch das Objekt über-
    ein, aber sie fügt die Identifizierung mit anderen Individuen
    hinzu, die vielleicht ursprünglich durch die gleiche Beziehung
    zum Objekt ermöglicht wurde.

    Beide Zustände, Hypnose wie Massenbildung, sind Erb-
    niederschläge aus der Phylogenese der menschlichen Libido,
    die Hypnose als Disposition, die Masse überdies als direktes
    Überbleibsel. Die Ersetzung der direkten Sexualstrebungen
    durch die zielgehemmten befördert bei beiden die Sonderung
    von Ich und Ichideal, zu der bei der Verliebtheit schon ein
    Anfang gemacht ist.

    Die Neurose tritt aus dieser Reihe heraus. Auch sie

    59) S. Totem und Tabu, zu Ende des Abschnittes II: Das Tabu
    und die Ambivalenz. [Ges. Schriften, Bd. X.]

  • S.

    337

    beruht auf einer Eigentümlichkeit der menschlichen Libidoentwicklung, auf dem durch die Latenzzeit unterbrochenen,
    doppelten Ansatz der direkten Sexualfunktion.60) Insoferne
    teilt sie mit Hypnose und Massenbildung den Charakter einer
    Regression, welcher der Verliebtheit abgeht. Sie tritt überall
    dort auf, wo der Fortschritt von direkten zu zielgehemmten
    Sexualtrieben nicht voll geglückt ist, und entspricht einem
    Konflikt zwischen den ins Ich aufgenommenen Trieben,
    welche eine solche Entwicklung durchgemacht haben, und
    den Anteilen derselben Triebe, welche vom verdrängten Un-
    bewußten her – ebenso wie andere völlig verdrängte Trieb-
    regungen – nach ihrer direkten Befriedigung streben. Sie ist
    inhaltlich ungemein reichhaltig, da sie alle möglichen Be-
    ziehungen zwischen Ich und Objekt umfaßt, sowohl die, in
    denen das Objekt beibehalten, als auch andere, in denen es
    aufgegeben oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso
    die Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem Ich-
    ideal.


    60) S. Sexualtheorie, 5. Auflage, 1922, S. 96. [Ges. Schriften,
    Bd. V, S. 109.]