• S.

    284

    von ihnen abhängigen libidinösen Bindungen zu suchen.
    Wenn eine andere Massenbindung an die Stelle der religiösen
    tritt, wie es jetzt der sozialistischen zu gelingen scheint, so
    wird sich dieselbe Intoleranz gegen die Außenstehenden er-
    geben wie im Zeitalter der Religionskämpfe, und wenn die
    Differenzen wissenschaftlicher Anschauungen je eine ähnliche
    Bedeutung für die Massen gewinnen könnten, würde sich
    dasselbe Resultat auch für diese Motivierung wiederholen.

    VI

    Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen

    Wir haben bisher zwei artifizielle Massen untersucht und
    gefunden, daß sie von zweierlei Gefühlsbindungen beherrscht
    werden, von denen die eine an den Führer – wenigstens für
    sie – bestimmender zu sein scheint als die andere, die der
    Massenindividuen aneinander.

    Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch viel zu
    untersuchen und zu beschreiben. Man hätte von der Fest-
    stellung auszugehen, daß eine bloße Menschenmenge noch
    keine Masse ist, solange sich jene Bindungen in ihr nicht
    hergestellt haben, hätte aber das Zugeständnis zu machen,
    daß in einer beliebigen Menschenmenge sehr leicht die
    Tendenz zur Bildung einer psychologischen Masse hervor-
    tritt. Man müßte den verschiedenartigen, mehr oder minder
    beständigen Massen, die spontan zustande kommen, Aufmerk-
    samkeit schenken, die Bedingungen ihrer Entstehung und
    ihres Zerfalls studieren. Vor allem würde uns der Unterschied
    zwischen Massen, die einen Führer haben, und führerlosen
    Massen beschäftigen. Ob nicht die Massen mit Führer die
    ursprünglicheren und vollständigeren sind, ob in den anderen
    der Führer nicht durch eine Idee, ein Abstraktum ersetzt

  • S.

    285

    sein kann, wozu ja schon die religiösen Massen mit ihrem
    unaufzeigbaren Oberhaupt die Überleitung bilden, ob nicht
    eine gemeinsame Tendenz, ein Wunsch, an dem eine Vielheit
    Anteil nehmen kann, den nämlichen Ersatz leistet. Dieses
    Abstrakte könnte sich wiederum mehr oder weniger voll-
    kommen in der Person eines gleichsam sekundären Führers
    verkörpern, und aus der Beziehung zwischen Idee und
    Führer ergäben sich interessante Mannigfaltigkeiten. Der
    Führer oder die führende Idee könnten auch sozusagen
    negativ werden; der Haß gegen eine bestimmte Person oder
    Institution könnte ebenso einigend wirken und ähnliche
    Gefühlsbindungen hervorrufen wie die positive Anhänglich-
    keit. Es fragt sich dann auch, ob der Führer für das Wesen
    der Masse wirklich unerläßlich ist und anderes mehr.

    Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der Literatur
    der Massenpsychologie behandelt sein mögen, werden nicht
    imstande sein, unser Interesse von den psychologischen
    Grundproblemen abzulenken, die uns in der Struktur einer
    Masse geboten werden. Wir werden zunächst von einer Über-
    legung gefesselt, die uns auf dem kürzesten Weg den Nach-
    weis verspricht, daß es Libidobindungen sind, welche eine
    Masse charakterisieren.

    Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im allgemeinen
    affektiv zueinander verhalten. Nach dem berühmten
    Schopenhauerschen Gleichnis von den frierenden
    Stachelschweinen verträgt keiner eine allzu intime Annähe-
    rung des anderen25).

    25) „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem
    kalten Wintertage recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige
    Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfan-
    den sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von-
    einander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie
    wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite
    Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen

  • S.

    286

    Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse enthält fast jedes
    intime Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen von längerer
    Dauer – Ehebeziehung, Freundschaft, Eltern- und Kind-
    schaft26) – einen Bodensatz von ablehnenden, feindseligen
    Gefühlen, der nur infolge von Verdrängung der Wahr-
    nehmung entgeht. Unverhüllter ist es, wenn jeder Kompagnon
    mit seinem Gesellschafter hadert, jeder Untergebene gegen
    seinen Vorgesetzten murrt. Dasselbe geschieht dann, wenn
    die Menschen zu größeren Einheiten zusammentreten. Jedes-
    mal, wenn sich zwei Familien durch eine Eheschließung ver-
    binden, hält sich jede von ihnen für die bessere oder vor-
    nehmere auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten
    Städten wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der an-
    deren; jedes Kantönli sieht geringschätzig auf das andere
    herab. Nächst verwandte Völkerstämme stoßen einander ab,
    der Süddeutsche mag den Norddeutschen nicht leiden, der
    Engländer sagt dem Schotten alles Böse nach, der Spanier
    verachtet den Portugiesen. Daß bei größeren Differenzen
    sich eine schwer zu überwindende Abneigung ergibt, des
    Galliers gegen den Germanen, des Ariers gegen den Semiten,
    des Weißen gegen den Farbigen, hat aufgehört, uns zu
    verwundern.

    Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte Personen
    richtet, bezeichnen wir es als Gefühlsambivalenz und erklären
    uns diesen Fall in sicherlich allzu rationeller Weise durch die
    vielfachen Anlässe zu Interessenkonflikten, die sich gerade in
    so intimen Beziehungen ergeben. In den unverhüllt hervor-
    wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten,
    in der sie es am besten aushalten konnten.“ (Parerga und Parali--
    pomena, II. Teil, XXXI., Gleichnisse und Parabeln.)

    26) Vielleicht mit einziger Ausnahme der Beziehung der Mutter
    zum Sohn, die, auf Narzißmus gegründet, durch spätere Rivalität
    nicht gestört und durch einen Ansatz zur sexuellen Objektwahl
    verstärkt wird.

  • S.

    287

    tretenden Abneigungen und Abstoßungen gegen nahe-
    stehende Fremde können wir den Ausdruck einer Selbstliebe,
    eines Narzißmus, erkennen, der seine Selbstbehauptung an-
    strebt und sich so benimmt, als ob das Vorkommen einer Ab-
    weichung von seinen individuellen Ausbildungen eine Kritik
    derselben und eine Aufforderung, sie umzugestalten, mit sich
    brächte. Warum sich eine so große Empfindlichkeit gerade
    auf diese Einzelheiten der Differenzierung geworfen haben
    sollte, wissen wir nicht; es ist aber unverkennbar, daß sich
    in diesem Verhalten der Menschen eine Haßbereitschaft, eine
    Aggressivität kundgibt, deren Herkunft unbekannt ist, und
    der man einen elementaren Charakter zusprechen möchte27).

    Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder dauernd,
    durch die Massenbildung und in der Masse. Solange die
    Massenbildung anhält oder soweit sie reicht, benehmen sich
    die Individuen, als wären sie gleichförmig, dulden sie die
    Eigenart des anderen, stellen sich ihm gleich und verspüren
    kein Gefühl der Abstoßung gegen ihn. Eine solche Ein-
    schränkung des Narzißmus kann nach unseren theoretischen
    Anschauungen nur durch ein Moment erzeugt werden, durch
    libidinöse Bindung an andere Personen. Die Selbstliebe findet
    nur an der Fremdliebe, Liebe zu Objekten, eine Schranke28).
    Man wird sofort die Frage aufwerfen, ob nicht die Inter-
    essengemeinschaft an und für sich und ohne jeden libidinösen
    Beitrag zur Duldung des anderen und zur Rücksichtnahme
    auf ihn führen muß. Man wird diesem Einwand mit dem
    Bescheid begegnen, daß auf solche Weise eine bleibende Ein-
     

    27) In einer kürzlich (1920) veröffentlichten Schrift „Jenseits des
    Lustprinzips“ habe ich versucht, die Polarität vom Lieben und
    Hassen mit einem angenommenen Gegensatz von Lebens- und
    Todestrieben zu verknüpfen und die Sexualtriebe als die reinsten
    Vertreter der ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen.

    28) S. Zur Einführung des Narzißmus 1914. (Seite 25 ff dieses
    Bandes.)

  • S.

    288

    schränkung des Narzißmus doch nicht zustande kommt, da
    diese Toleranz nicht länger anhält als der unmittelbare Vor-
    teil, den man aus der Mitarbeit des anderen zieht. Allein der
    praktische Wert dieser Streitfrage ist geringer, als man
    meinen sollte, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß sich im
    Falle der Mitarbeiterschaft regelmäßig libidinöse Bindungen
    zwischen den Kameraden herstellen, welche die Beziehung
    zwischen ihnen über das Vorteilhafte hinaus verlängern und
    fixieren. Es geschieht in den sozialen Beziehungen der Men-
    schen dasselbe, was der psychoanalytischen Forschung in dem
    Entwicklungsgang der individuellen Libido bekannt geworden
    ist. Die Libido lehnt sich an die Befriedigung der großen
    Lebensbedürfnisse an und wählt die daran beteiligten Per-
    sonen zu ihren ersten Objekten. Und wie beim Einzelnen, so
    hat auch in der Entwicklung der ganzen Menschheit nur die
    Liebe als Kulturfaktor im Sinne einer Wendung vom Egois-
    mus zum Altruismus gewirkt. Und zwar sowohl die ge-
    schlechtliche Liebe zum Weibe mit all den aus ihr fließenden
    Nötigungen, das zu verschonen, was dem Weibe lieb war,
    als auch die desexualisierte, sublimiert homosexuelle Liebe
    zum anderen Manne, die sich an die gemeinsame Arbeit
    knüpfte.

    Wenn also in der Masse Einschränkungen der narziß-
    tischen Eigenliebe auftreten, die außerhalb derselben nicht
    wirken, so ist dies ein zwingender Hinweis darauf, daß das
    Wesen der Massenbildung in neuartigen libidinösen Bindungen
    der Massenmitglieder aneinander besteht.

    Nun wird aber unser Interesse dringend fragen, welcher
    Art diese Bindungen in der Masse sind. In der psychoanaly-
    tischen Neurosenlehre haben wir uns bisher fast ausschließ-
    lich mit der Bindung solcher Liebestriebe an ihre Objekte
    beschäftigt, die noch direkte Sexualziele verfolgen. Um solche
    Sexualziele kann es sich in der Masse offenbar nicht handeln.

  • S.

    289

    Wir haben es hier mit Liebestrieben zu tun, die, ohne darum
    minder energisch zu wirken, doch von ihren ursprünglichen
    Zielen abgelenkt sind. Nun haben wir bereits im Rahmen der
    gewöhnlichen sexuellen Objektbesetzung Erscheinungen be-
    merkt, die einer Ablenkung des Triebes von seinem Sexualziel
    entsprechen. Wir haben sie als Grade von Verliebtheit be-
    schrieben und erkannt, daß sie eine gewisse Beeinträchtigung
    des Ichs mit sich bringen. Diesen Erscheinungen der Ver-
    liebtheit werden wir jetzt eingehendere Aufmerksamkeit zu-
    wenden, in der begründeten Erwartung, an ihnen Verhältnisse
    zu finden, die sich auf die Bindungen in den Massen über-
    tragen lassen. Außerdem möchten wir aber wissen, ob diese
    Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Geschlechts-
    leben kennen, die einzige Weise der Gefühlsbindung an eine
    andere Person darstellt, oder ob wir noch andere solche
    Mechanismen in Betracht zu ziehen haben. Wir erfahren
    tatsächlich aus der Psychoanalyse, daß es noch andere
    Mechanismen der Gefühlsbindung gibt, die sogenannten
    Identifizierungen, ungenügend bekannte, schwer
    darzustellende Vorgänge, deren Untersuchung uns nun eine
    gute Weile vom Thema der Massenpsychologie fernhalten
    wird.

    VII

    Die Identifizierung

    Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als früheste
    Äußerung einer Gefühlsbindung an eine andere Person be-
    kannt. Sie spielt in der Vorgeschichte des Ödipuskomplexes eine
    Rolle. Der kleine Knabe legt ein besonderes Interesse für
    seinen Vater an den Tag, er möchte so werden und so sein
    wie er, in allen Stücken an seine Stelle treten. Sagen wir