• S.

    297

    VIII

    Verliebtheit und Hypnose

    Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen Launen irgend
    einer Wirklichkeit treu. So nennt er zwar sehr mannigfaltige
    Gefühlsbeziehungen „Liebe“, die auch wir theoretisch als
    Liebe zusammenfassen, zweifelt aber dann wieder, ob diese
    Liebe die eigentliche, richtige, wahre sei, und deutet so auf
    eine ganze Stufenleiter von Möglichkeiten innerhalb der
    Liebesphänomene hin. Es wird uns auch nicht schwer, die-
    selbe in der Beobachtung aufzufinden.

    In einer Reihe von Fällen ist die Verliebtheit nichts an-
    deres als Objektbesetzung von seiten der Sexualtriebe zum
    Zwecke der direkten Sexualbefriedigung, die auch mit der
    Erreichung dieses Zieles erlischt; das ist das, was man die
    gemeine, sinnliche Liebe heißt. Aber wie bekannt, bleibt die
    libidinöse Situation selten so einfach. Die Sicherheit, mit der
    man auf das Wiedererwachen des eben erloschenen Bedürf-
    nisses rechnen konnte, muß wohl das nächste Motiv gewesen
    sein, dem Sexualobjekt eine dauernde Besetzung zuzuwenden,
    es auch in den begierdefreien Zwischenzeiten zu „lieben“.

    Aus der sehr merkwürdigen Entwicklungsgeschichte des
    menschlichen Liebeslebens kommt ein zweites Moment

    Identifizierung ist noch vieles aufzuklären. Sie hat unter anderem
    die Folge, daß man die Aggression gegen die Person, mit der man
    sich identifiziert hat, einschränkt, sie verschont und ihr Hilfe
    leistet. Das Studium solcher Identifizierungen, wie sie zum Bei-
    spiel der Clangemeinschaft zugrunde liegen, ergab Robertson
    Smith das überraschende Resultat, daß sie auf der Anerkennung
    einer gemeinsamen Substanz beruhen (Kinship and Marriage, 1885),
    daher auch durch eine gemeinsam genommene Mahlzeit geschaffen
    werden können. Dieser Zug gestattet es, eine solche Identifizierung
    mit der von mir in „Totem und Tabu“ konstruierten Urgeschichte
    der menschlichen Familie zu verknüpfen.

  • S.

    298

    hinzu. Das Kind hatte in der ersten, mit fünf Jahren meist
    schon abgeschlossenen Phase in einem Elternteil ein erstes
    Liebesobjekt gefunden, auf welches sich alle seine Befriedi-
    gung heischenden Sexualtriebe vereinigt hatten. Die dann
    eintretende Verdrängung erzwang den Verzicht auf die
    meisten dieser kindlichen Sexualziele und hinterließ eine tief-
    greifende Modifikation des Verhältnisses zu den Eltern. Das
    Kind blieb fernerhin an die Eltern gebunden, aber mit Trieben,
    die man „zielgehemmte“ nennen muß. Die Gefühle, die es
    von nun an für diese geliebten Personen empfindet, werden
    als „zärtliche“ bezeichnet. Es ist bekannt, daß im Un-
    bewußten die früheren „sinnlichen“ Strebungen mehr oder
    minder stark erhalten bleiben, so daß die ursprüngliche Voll-
    strömung in gewissem Sinne weiterbesteht34).

    Mit der Pubertät setzen bekanntlich neue, sehr intensive
    Strebungen nach den direkten Sexualzielen ein. In un-
    günstigen Fällen bleiben sie als sinnliche Strömung von den
    fortdauernden „zärtlichen“ Gefühlsrichtungen geschieden.
    Man hat dann das Bild vor sich, dessen beide Ansichten von
    gewissen Richtungen der Literatur so gerne idealisiert werden.
    Der Mann zeigt schwärmerische Neigungen zu hoch-
    geachteten Frauen, die ihn aber zum Liebesverkehr nicht
    reizen, und ist nur potent gegen andere Frauen, die er nicht
    „liebt“, geringschätzt oder selbst verachtet35). Häufiger indes
    gelingt dem Heranwachsenden ein gewisses Maß von
    Synthese der unsinnlichen, himmlischen und der sinnlichen,
    irdischen Liebe, und ist sein Verhältnis zum Sexualobjekt
    durch das Zusammenwirken von ungehemmten mit ziel-
    gehemmten Trieben gekennzeichnet. Nach dem Beitrag der
    zielgehemmten Zärtlichkeitstriebe kann man die Höhe der

    34) S. Sexualtheorie I. c.

    35) Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. Sammlung, 4. Folge, 1918. [Ges. Schriften, Bd. V.]

  • S.

    299

    Verliebtheit im Gegensatz zum bloß sinnlichen Begehren
    bemessen.

    Im Rahmen dieser Verliebtheit ist uns von Anfang an das
    Phänomen der Sexualüberschätzung aufgefallen, die Tat-
    sache, daß das geliebte Objekt eine gewisse Freiheit von der
    Kritik genießt, daß alle seine Eigenschaften höher einge-
    schätzt werden als die ungeliebter Personen oder als zu einer
    Zeit, da es nicht geliebt wurde. Bei einigermaßen wirksamer
    Verdrängung oder Zurücksetzung der sinnlichen Strebun-
    gen kommt die Täuschung zustande, daß das Objekt seiner
    seelischen Vorzüge wegen auch sinnlich geliebt wird, wäh-
    rend umgekehrt erst das sinnliche Wohlgefallen ihm diese
    Vorzüge verliehen haben mag.

    Das Bestreben, welches hier das Urteil fälscht, ist das der
    Idealisierung. Damit ist uns aber die Orientierung er-
    leichtert; wir erkennen, daß das Objekt so behandelt wird
    wie das eigene Ich, daß also in der Verliebtheit ein größeres
    Maß narzißtischer Libido auf das Objekt überfließt. Bei
    manchen Formen der Liebeswahl wird es selbst augenfällig,
    daß das Objekt dazu dient, ein eigenes, nicht erreichtes Ich-
    ideal zu ersetzen. Man liebt es wegen der Vollkommenheiten,
    die man fürs eigene Ich angestrebt hat und die man sich nun
    auf diesem Umweg zur Befriedigung seines Narzißmus ver-
    schaffen möchte.

    Nehmen Sexualüberschätzung und Verliebtheit noch
    weiter zu, so wird die Deutung des Bildes immer unverkenn-
    barer. Die auf direkte Sexualbefriedigung drängenden Stre-
    bungen können nun ganz zurückgedrängt werden, wie es
    zum Beispiel regelmäßig bei der schwärmerischen Liebe des
    Jünglings geschieht; das Ich wird immer anspruchsloser, be-
    scheidener, das Objekt immer großartiger, wertvoller; es
    gelangt schließlich in den Besitz der gesamten Selbstliebe des
    Ichs, so daß dessen Selbstaufopferung zur natürlichen Kon-
     

  • S.

    300

    sequenz wird. Das Objekt hat das Ich sozusagen aufgezehrt.
    Züge von Demut, Einschränkung des Narzißmus, Selbst-
    schädigung sind in jedem Falle von Verliebtheit vorhanden;
    im extremen Falle werden sie nur gesteigert und durch das
    Zurücktreten der sinnlichen Ansprüche bleiben sie allein
    herrschend.

    Dies ist besonders leicht bei unglücklicher, unerfüllbarer
    Liebe der Fall, da bei jeder sexuellen Befriedigung doch die
    Sexualüberschätzung immer wieder eine Herabsetzung er-
    fährt. Gleichzeitig mit dieser „Hingabe“ des Ichs an das
    Objekt, die sich von der sublimierten Hingabe an eine
    abstrakte Idee schon nicht mehr unterscheidet, versagen die
    dem Ichideal zugeteilten Funktionen gänzlich. Es schweigt
    die Kritik, die von dieser Instanz ausgeübt wird; alles, was
    das Objekt tut und fordert, ist recht und untadelhaft. Das
    Gewissen findet keine Anwendung auf alles, was zugunsten
    des Objektes geschieht; in der Liebesverblendung wird man
    reuelos zum Verbrecher. Die ganze Situation läßt sich restlos
    in eine Formel zusammenfassen: Das Objekt hat sich
    an die Stelle des Ichideals gesetzt.

    Der Unterschied der Identifizierung von der Verliebtheit
    in ihren höchsten Ausbildungen, die man Faszination, ver-
    liebte Hörigkeit heißt, ist nun leicht zu beschreiben. Im
    ersteren Falle hat sich das Ich um die Eigenschaften des
    Objektes bereichert, sich dasselbe nach Ferenczis Aus-
    druck „introjiziert“; im zweiten Fall ist es verarmt, hat sich
    dem Objekt hingegeben, dasselbe an die Stelle seines wich-
    tigsten Bestandteiles gesetzt. Indes merkt man bei näherer
    Erwägung bald, daß eine solche Darstellung Gegensätze vor-
    spiegelt, die nicht bestehen. Es handelt sich ökonomisch
    nicht um Verarmung oder Bereicherung, man kann auch die
    extreme Verliebtheit so beschreiben, daß das Ich sich das
    Objekt introjiziert habe. Vielleicht trifft eine andere Unter-
     

  • S.

    301

    scheidung eher das Wesentliche. Im Falle der Identifizierung
    ist das Objekt verloren gegangen oder aufgegeben worden;
    es wird dann im Ich wieder aufgerichtet, das Ich verändert
    sich partiell nach dem Vorbild des verlorenen Objektes. Im
    anderen Falle ist das Objekt erhalten geblieben und wird als
    solches von seiten und auf Kosten des Ichs überbesetzt. Aber
    auch hiegegen erhebt sich ein Bedenken. Steht es denn fest,
    daß die Identifizierung das Aufgeben der Objektbesetzung
    voraussetzt, kann es nicht Identifizierung bei erhaltenem
    Objekt geben? Und ehe wir uns in die Diskussion dieser
    heiklen Frage einlassen, kann uns bereits die Einsicht auf-
    dämmern, daß eine andere Alternative das Wesen dieses
    Sachverhaltes in sich faßt, nämlich ob das Objekt an
    die Stelle des Ichs oder des Ichideals ge-
    setzt wird.

    Von der Verliebtheit ist offenbar kein weiter Schritt zur
    Hypnose. Die Übereinstimmungen beider sind augenfällig.
    Dieselbe demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, Kritiklosig-
    keit gegen den Hypnotiseur wie gegen das geliebte Objekt.
    Dieselbe Aufsaugung der eigenen Initiative; kein Zweifel,
    der Hypnotiseur ist an die Stelle des Ichideals getreten. Alle
    Verhältnisse sind in der Hypnose nur noch deutlicher und
    gesteigerter, so daß es zweckmäßiger wäre, die Verliebtheit
    durch die Hypnose zu erläutern als umgekehrt. Der
    Hypnotiseur ist das einzige Objekt, kein anderes wird neben
    ihm beachtet. Daß das Ich traumhaft erlebt, was er fordert
    und behauptet, mahnt uns daran, daß wir verabsäumt
    haben, unter den Funktionen des Ichideals auch die Aus-
    übung der Realitätsprüfung zu erwähnen36). Kein Wunder,


    36) S. Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre, Sammlung
    kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Vierte Folge, 1918. [Seite 141 ff
    dieses Bandes.] Indes scheint ein Zweifel an der Berechtigung
    dieser Zuteilung, der eingehende Diskussion erfordert, zulässig.

  • S.

    302

    daß das Ich eine Wahrnehmung für real hält, wenn die sonst
    mit der Aufgabe der Realitätsprüfung betraute psychische
    Instanz sich für diese Realität einsetzt. Die völlige Abwesen-
    heit von Strebungen mit ungehemmten Sexualzielen trägt
    zur extremen Reinheit der Erscheinungen weiteres bei. Die
    hypnotische Beziehung ist eine uneingeschränkte verliebte
    Hingabe bei Ausschluß sexueller Befriedigung, während eine
    solche bei der Verliebtheit doch nur zeitweilig zurück-
    geschoben ist und als spätere Zielmöglichkeit im Hinter-
    grunde verbleibt.

    Anderseits können wir aber auch sagen, die hypnotische
    Beziehung sei – wenn dieser Ausdruck gestattet ist – eine
    Massenbildung zu zweien. Die Hypnose ist kein gutes Ver-
    gleichsobjekt mit der Massenbildung, weil sie vielmehr mit
    dieser identisch ist. Sie isoliert uns aus dem komplizierten
    Gefüge der Masse ein Element, das Verhalten des Massen-
    individuums zum Führer. Durch diese Einschränkung der
    Zahl scheidet sich die Hypnose von der Massenbildung,
    wie durch den Wegfall der direkt sexuellen Strebungen
    von der Verliebtheit. Sie hält insoferne die Mitte zwischen
    beiden.

    Es ist interessant zu sehen, daß gerade die zielgehemmten
    Sexualstrebungen so dauerhafte Bindungen der Menschen
    aneinander erzielen. Dies versteht sich aber leicht aus der
    Tatsache, daß sie einer vollen Befriedigung nicht fähig sind,
    während ungehemmte Sexualstrebungen durch die Abfuhr
    bei der Erreichung des jedesmaligen Sexualzieles eine außer-
    ordentliche Herabsetzung erfahren. Die sinnliche Liebe ist
    dazu bestimmt, in der Befriedigung zu erlöschen; um an-
    dauern zu können, muß sie mit rein zärtlichen, daß heißt
    zielgehemmten Komponenten von Anfang an versetzt sein
    oder eine solche Umsetzung erfahren.

    Die Hypnose würde uns das Rätsel der libidinösen Kon-
     

  • S.

    303

    stitution einer Masse glatt lösen, wenn sie selbst nicht noch
    Züge enthielte, die sich der bisherigen rationellen Auf-
    klärung – als Verliebtheit bei Ausschluß direkt sexueller
    Strebungen – entziehen. Es ist noch vieles an ihr als un-
    verstanden, als mystisch anzuerkennen. Sie enthält einen
    Zusatz von Lähmung aus dem Verhältnis eines Übermäch-
    tigen zu einem Ohnmächtigen, Hilflosen, was etwa zur
    Schreckhypnose der Tiere überleitet. Die Art, wie sie er-
    zeugt wird, ihre Beziehung zum Schlaf, sind nicht durch-
    sichtig, und die rätselhafte Auswahl von Personen, die sich
    für sie eignen, während andere sie gänzlich ablehnen, weist
    auf ein noch unbekanntes Moment hin, welches in ihr ver-
    wirklicht wird, und das vielleicht erst die Reinheit der
    Libidoeinstellungen in ihr ermöglicht. Beachtenswert ist
    auch, daß häufig das moralische Gewissen der hypnotisierten
    Person sich selbst bei sonst voller suggestiver Gefügigkeit
    resistent zeigen kann. Aber das mag daher kommen, daß bei
    der Hypnose, wie sie zumeist geübt wird, ein Wissen erhalten
    geblieben sein kann, es handle sich nur um ein Spiel, eine
    unwahre Reproduktion einer anderen, weit lebenswichtigeren
    Situation.

    Durch die bisherigen Erörterungen sind wir aber voll
    darauf vorbereitet, die Formel für die libidinöse Konstitution
    einer Masse anzugeben. Wenigstens einer solchen Masse, wie
    wir sie bisher betrachtet haben, die also einen Führer hat
    und nicht durch allzuviel „Organisation“ sekundär die Eigen-
    schaften eines Individuums erwerben konnte. Eine solche
    primäre Masse ist eine Anzahl von Indi-
    viduen, die ein und dasselbe Objekt an die
    Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich
    infolgedessen in ihrem Ich miteinander
    identifiziert haben. Dies Verhältnis läßt eine
    graphische Darstellung zu:

  • S.

    304

    IX
    Der Herdentrieb

    Wir werden uns nur kurze Zeit der Illusion freuen, durch
    diese Formel das Rätsel der Masse gelöst zu haben. Alsbald
    muß uns die Mahnung beunruhigen, daß wir ja im wesent-
    lichen die Verweisung auf das Rätsel der Hypnose ange-
    nommen haben, an dem so vieles noch unerledigt ist. Und nun
    zeigt uns ein anderer Einwand den weiteren Weg.

    Wir dürfen uns sagen, die ausgiebigen affektiven Bindun-
    gen, die wir in der Masse erkennen, reichen voll aus, um
    einen ihrer Charaktere zu erklären, den Mangel an Selb-
    ständigkeit und Initiative beim Einzelnen, die Gleichartigkeit
    seiner Reaktion mit der aller anderen, sein Herabsinken zum
    Massenindividuum sozusagen. Aber die Masse zeigt, wenn wir
    sie als Ganzes ins Auge fassen, mehr; die Züge von Schwä-
    chung der intellektuellen Leistung, von Ungehemmtheit der
    Affektivität, die Unfähigkeit zur Mäßigung und zum Auf-
    schub, die Neigung zur Überschreitung aller Schranken in der