• S.

    270

    Lösung der intellektuellen Aufgaben der Masse entzieht und
    sie Einzelnen in ihr vorbehält.

    Es scheint uns, daß man die Bedingung, die Mc Dou-
    gall als „Organisation“ der Masse bezeichnet hat, mit mehr
    Berechtigung anders beschreiben kann. Die Aufgabe besteht
    darin, der Masse gerade jene Eigenschaften zu verschaffen,
    die für das Individuum charakteristisch waren und die bei
    ihm durch die Massenbildung ausgelöscht wurden. Denn
    das Individuum hatte – außerhalb der primitiven Masse
    – seine Kontinuität, sein Selbstbewußtsein, seine Tradi-
    tionen und Gewohnheiten, seine besondere Arbeitsleistung
    und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert, mit
    denen es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch seinen
    Eintritt in die nicht „organisierte“ Masse für eine Zeit ver-
    loren. Erkennt man so als Ziel, die Masse mit den Attri-
    buten des Individuums auszustatten, so wird man an eine
    gehaltreiche Bemerkung von W. Trotter13) gemahnt, der
    in der Neigung zur Massenbildung eine biologische Fort-
    führung der Vielzelligkeit aller höheren Organismen er-
    blickt14).

    IV

    Suggestion und Libido

    Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, daß ein
    Einzelner innerhalb einer Masse durch den Einfluß derselben

    13) Instincts of the Herd in Peace and War. London 1916.

    14) Ich kann im Gegensatz zu einer sonst verständnisvollen und
    scharfsinnigen Kritik von Hans Kelsen (Imago VIII/2, 1922)
    nicht zugeben, daß eine solche Ausstattung der „Massenseele“ mit
    Organisation eine Hypostasierung derselben, das heißt die Zuer-
    kennung einer Unabhängigkeit von den seelischen Vorgängen im
    Individuum bedeute.

  • S.

    271

    eine oft tiefgreifende Veränderung seiner seelischen Tätig-
    keit erfährt. Seine Affektivität wird außerordentlich ge-
    steigert, seine intellektuelle Leistung merklich eingeschränkt,
    beide Vorgänge offenbar in der Richtung einer Angleichung
    an die anderen Massenindividuen; ein Erfolg, der nur durch
    die Aufhebung der jedem Einzelnen eigentümlichen Trieb-
    hemmungen und durch den Verzicht auf die ihm besonderen
    Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht werden kann. Wir
    haben gehört, daß diese oft unerwünschten Wirkungen durch
    eine höhere „Organisation“ der Massen wenigstens teilweise
    hintangehalten werden, aber der Grundtatsache der Massen-
    psychologie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung und
    der Denkhemmung in der primitiven Masse ist dadurch nicht
    widersprochen worden. Unser Interesse geht nun dahin, für
    diese seelische Wandlung des Einzelnen in der Masse die
    psychologische Erklärung zu finden.

    Rationelle Momente, wie die vorhin erwähnte Einschüch-
    terung des Einzelnen, also die Aktion seines Selbsterhaltungs-
    triebes, decken offenbar die zu beobachtenden Phänomene
    nicht. Was uns sonst als Erklärung von den Autoren über
    Soziologie und Massenpsychologie geboten wird, ist immer
    das nämliche, wenn auch unter wechselnden Namen: das
    Zauberwort der Suggestion. Bei Tarde hieß sie
    Nachahmung, aber wir müssen einem Autor recht
    geben, der uns vorhält, die Nachahmung falle unter den
    Begriff der Suggestion, sei eben eine Folge derselben15). Bei
    Le Bon wurde alles Befremdende der sozialen Erscheinun-
    gen auf zwei Faktoren zurückgeführt, auf die gegenseitige
    Suggestion der Einzelnen und das Prestige der Führer. Aber
    das Prestige äußert sich wiederum nur in der Wirkung,
    Suggestion hervorzurufen. Bei Mc Dougall konnten wir

    15) Brugeilles, L’essence du phénomène social: La suggestion. Revue philosophique XXV. 1913.

  • S.

    272

    einen Moment lang den Eindruck empfangen, daß sein Prin-
    zip der „primären Affektinduktion“ die Annahme der
    Suggestion entbehrlich mache. Aber bei weiterer Überlegung
    müssen wir doch einsehen, daß dies Prinzip nichts anderes
    aussagt als die bekannten Behauptungen der „Nachahmung“
    oder „Ansteckung“, nur unter entschiedener Betonung des
    affektiven Moments. Daß eine derartige Tendenz in uns be-
    steht, wenn wir ein Zeichen eines Affektzustandes bei einem
    anderen gewahren, in denselben Affekt zu verfallen, ist
    unzweifelhaft, aber wie oft widerstehen wir ihr erfolgreich,
    weisen den Affekt ab, reagieren oft in ganz gegensätzlicher
    Weise? Warum also geben wir dieser Ansteckung in der Masse
    regelmäßig nach? Man wird wiederum sagen müssen, es sei
    der suggestive Einfluß der Masse, der uns nötigt, dieser Nach-
    ahmungstendenz zu gehorchen, der den Affekt in uns indu-
    ziert. Übrigens kommen wir auch sonst bei Mc Dougall
    nicht um die Suggestion herum; wir hören von ihm wie von
    anderen: die Massen zeichnen sich durch besondere Sugge-
    stibilität aus.

    Man wird so für die Aussage vorbereitet, die Suggestion
    (richtiger die Suggerierbarkeit) sei eben ein weiter nicht
    reduzierbares Urphänomen, eine Grundtatsache des mensch-
    lichen Seelenlebens. So hielt es auch Bernheim, von
    dessen erstaunlichen Künsten ich im Jahre 1889 Zeuge war.
    Ich weiß mich aber auch damals an eine dumpfe Gegner-
    schaft gegen diese Tyrannei der Suggestion zu erinnern. Wenn
    ein Kranker, der sich nicht gefügig zeigte, angeschrieen wurde:
    Was tun Sie denn? Vous vous contresuggestionnez! so sagte
    ich mir, das sei offenbares Unrecht und Gewalttat. Der Mann
    habe zu Gegensuggestionen gewiß ein Recht, wenn man ihn
    mit Suggestionen zu unterwerfen versuche. Mein Widerstand
    nahm dann später die Richtung einer Auflehnung dagegen,
    daß die Suggestion, die alles erklärte, selbst der Erklärung

  • S.

    273

    entzogen sein sollte. Ich wiederhole mit Bezug auf sie die
    alte Scherzfrage16):

    Christoph trug Christum, – Christus trug die ganze Welt,
    Sag’, wo hat Christoph – Damals hin den Fuß gestellt?
    Christophorus Christum, sed Christus sustulit orbem:
    Constiterit pedibus dic ubi Christophorus?

    Wenn ich nun nach etwa dreißigjähriger Fernhaltung
    wieder an das Rätsel der Suggestion herantrete, finde ich, daß
    sich nichts daran geändert hat. Von einer einzigen Aus-
    nahme, die eben den Einfluß der Psychoanalyse bezeugt, darf
    ich ja bei dieser Behauptung absehen. Ich sehe, daß man sich
    besonders darum bemüht, den Begriff der Suggestion korrekt
    zu formulieren, also den Gebrauch des Namens konventionell
    festzulegen17), und dies ist nicht überflüssig, denn das Wort
    geht einer immer weiteren Verwendung mit aufgelockerter
    Bedeutung entgegen und wird bald jede beliebige Beein-
    flussung bezeichnen wie im Englischen, wo „to suggest,
    suggestion“ unserem „Nahelegen“, unserer „Anregung“ ent-
    spricht. Aber über das Wesen der Suggestion, das heißt über
    die Bedingungen, unter denen sich Beeinflussungen ohne zu-
    reichende logische Begründung herstellen, hat sich eine Auf-
    klärung nicht ergeben. Ich würde mich der Aufgabe nicht
    entziehen, diese Behauptung durch die Analyse der Literatur
    dieser letzten dreißig Jahre zu erhärten, allein ich unterlasse
    es, weil mir bekannt ist, daß in meiner Nähe eine ausführliche
    Untersuchung vorbereitet wird, welche sich eben diese Auf-
    gabe gestellt hat18).

    16) Konrad Richter. Der deutsche St. Christoph. Berlin 1896.
    Acta Germanica V, 1.

    17) So Mc Dougall im „Journal of Neurology and Psycho-
    pathology“, Vol. 1, No. 1, May 1920: A note on suggestion.

    18) [Zusatz 1924]: Diese Arbeit ist dann leider nicht zu-
    stande gekommen.

  • S.

    274

    Anstatt dessen werde ich den Versuch machen, zur Auf-
    klärung der Massenpsychologie den Begriff der Libido zu
    verwenden, der uns im Studium der Psychoneurosen so gute
    Dienste geleistet hat.

    Libido ist ein Ausdruck aus der Affektivitätslehre. Wir
    heißen so die als quantitative Größe betrachtete – wenn
    auch derzeit nicht meßbare – Energie solcher Triebe, welche
    mit all dem zu tun haben, was man als Liebe zusammen-
    fassen kann. Den Kern des von uns Liebe Geheißenen bildet
    natürlich, was man gemeinhin Liebe nennt und was die
    Dichter besingen, die Geschlechtsliebe mit dem Ziel der
    geschlechtlichen Vereinigung. Aber wir trennen davon nicht
    ab, was auch sonst an dem Namen Liebe Anteil hat, einer-
    seits die Selbstliebe, anderseits die Eltern- und Kindesliebe,
    die Freundschaft und die allgemeine Menschenliebe, auch
    nicht die Hingebung an konkrete Gegenstände und an ab-
    strakte Ideen. Unsere Rechtfertigung liegt darin, daß die
    psychoanalytische Untersuchung uns gelehrt hat, alle diese
    Strebungen seien der Ausdruck der nämlichen Triebregungen,
    die zwischen den Geschlechtern zur geschlechtlichen Ver-
    einigung hindrängen, in anderen Verhältnissen zwar von
    diesem sexuellen Ziel abgedrängt oder in der Erreichung des-
    selben aufgehalten werden, dabei aber doch immer genug von
    ihrem ursprünglichen Wesen bewahren, um ihre Identität
    kenntlich zu erhalten (Selbstaufopferung, Streben nach An-
    näherung).

    Wir meinen also, daß die Sprache mit dem Wort „Liebe“
    in seinen vielfältigen Anwendungen eine durchaus berech-
    tigte Zusammenfassung geschaffen hat, und daß wir nichts
    Besseres tun können, als dieselbe auch unseren wissenschaft-
    lichen Erörterungen und Darstellungen zugrunde zu legen.
    Durch diesen Entschluß hat die Psychoanalyse einen Sturm
    von Entrüstung entfesselt, als ob sie sich einer frevelhaften

  • S.

    275

    Neuerung schuldig gemacht hätte. Und doch hat die Psycho-
    analyse mit dieser „erweiterten“ Auffassung der Liebe nichts
    Originelles geschaffen. Der „Eros“ des Philosophen Plato
    zeigt in seiner Herkunft, Leistung und Beziehung zur
    Geschlechtsliebe eine vollkommene Deckung mit der Liebes-
    kraft, der Libido der Psychoanalyse, wie Nachmansohn
    und Pfister im Einzelnen dargelegt haben19), und wenn der
    Apostel Paulus in dem berühmten Brief an die Korinther
    die Liebe über alles andere preist, hat er sie gewiß im näm-
    lichen „erweiterten“ Sinn verstanden20), woraus nur zu lernen
    ist, daß die Menschen ihre großen Denker nicht immer ernst
    nehmen, auch wenn sie sie angeblich sehr bewundern.

    Diese Liebestriebe werden nun in der Psychoanalyse
    a potiori und von ihrer Herkunft her Sexualtriebe geheißen.
    Die Mehrzahl der „Gebildeten“ hat diese Namengebung als
    Beleidigung empfunden und sich für sie gerächt, indem sie
    der Psychoanalyse den Vorwurf des „Pansexualismus“ ent-
    gegenschleuderte. Wer die Sexualität für etwas die mensch-
    liche Natur Beschämendes und Erniedrigendes hält, dem
    steht es ja frei, sich der vornehmeren Ausdrücke Eros und
    Erotik zu bedienen. Ich hätte es auch selbst von Anfang an
    so tun können und hätte mir dadurch viel Widerspruch
    erspart. Aber ich mochte es nicht, denn ich vermeide gern
    Konzessionen an die Schwachmütigkeit. Man kann nicht
    wissen, wohin man auf diesem Wege gerät; man gibt zuerst
    in Worten nach und dann allmählich auch in der Sache. Ich
    kann nicht finden, daß irgend ein Verdienst daran ist, sich
    der Sexualität zu schämen; das griechische Wort Eros, das den

    19) Nachmansohn, Freuds Libidotheorie verglichen mit der
    Eroslehre Platos. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, III, 1915;
    Pfister, ebd. VII, 1921.

    20) „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete,
    und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine
    klingende Schelle,“ u. ff.

  • S.

    276

    Schimpf lindern soll, ist doch schließlich nichts anderes als
    die Übersetzung unseres deutschen Wortes Liebe, und endlich,
    wer warten kann, braucht keine Konzessionen zu machen.

    Wir werden es also mit der Voraussetzung versuchen, daß
    Liebesbeziehungen (indifferent ausgedrückt: Gefühlsbindun-
    gen) auch das Wesen der Massenseele ausmachen. Erinnern
    wir uns daran, daß von solchen bei den Autoren nicht die
    Rede ist. Was ihnen entsprechen würde, ist offenbar hinter
    dem Schirm, der spanischen Wand, der Suggestion ver-
    borgen. Auf zwei flüchtige Gedanken stützen wir zunächst
    unsere Erwartung. Erstens, daß die Masse offenbar durch
    irgend eine Macht zusammengehalten wird. Welcher Macht
    könnte man aber diese Leistung eher zuschreiben als dem
    Eros, der alles in der Welt zusammenhält? Zweitens, daß man
    den Eindruck empfängt, wenn der Einzelne in der Masse seine
    Eigenart aufgibt und sich von den Anderen suggerieren läßt,
    er tue es, weil ein Bedürfnis bei ihm besteht, eher im Ein-
    vernehmen mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu sein, also
    vielleicht doch „ihnen zuliebe“.

    V

    Zwei künstliche Massen; Kirche und Heer

    Aus der Morphologie der Massen rufen wir uns ins Ge-
    dächtnis, daß man sehr verschiedene Arten von Massen und
    gegensätzliche Richtungen in ihrer Ausbildung unterscheiden
    kann. Es gibt sehr flüchtige Massen und höchst dauerhafte;
    homogene, die aus gleichartigen Individuen bestehen, und
    nicht homogene; natürliche Massen und künstliche, die zu
    ihrem Zusammenhalt auch einen äußeren Zwang erfordern;
    primitive Massen und gegliederte, hoch organisierte. Aus
    Gründen aber, in welche die Einsicht noch verhüllt ist,