• S.

    250

    nicht zum Ausdruck kommt. Wir dürfen aber wohl den
    Einwand erheben, es falle uns schwer, dem Moment der
    Zahl eine so große Bedeutung einzuräumen, daß es ihm allein
    möglich sein sollte, im menschlichen Seelenleben einen neuen
    und sonst nicht betätigten Trieb zu wecken. Unsere Erwar-
    tung wird somit auf zwei andere Möglichkeiten hingelenkt:
    daß der soziale Trieb kein ursprünglicher und unzerlegbarer
    sein mag, und daß die Anfänge seiner Bildung in einem
    engeren Kreis, wie etwa in dem der Familie, gefunden
    werden können.

    Die Massenpsychologie, obwohl erst in ihren Anfängen
    befindlich, umfaßt eine noch unübersehbare Fülle von Einzel-
    problemen und stellt dem Untersucher ungezählte, derzeit
    noch nicht einmal gut gesonderte Aufgaben. Die bloße
    Gruppierung der verschiedenen Formen von Massenbildung
    und die Beschreibung der von ihnen geäußerten psychischen
    Phänomene erfordern einen großen Aufwand von Beobach-
    tung und Darstellung und haben bereits eine reichhaltige
    Literatur entstehen lassen. Wer dies schmale Büchlein an
    dem Umfang der Massenpsychologie mißt, wird ohneweiters
    vermuten dürfen, daß hier nur wenige Punkte des ganzen
    Stoffes behandelt werden sollen. Es werden wirklich auch
    nur einige Fragen sein, an denen die Tiefenforschung der
    Psychoanalyse ein besonderes Interesse nimmt.

    II

    Le Bons Schilderung der Massenseele

    Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen scheint es,
    mit einem Hinweis auf das Erscheinungsgebiet zu beginnen
    und aus diesem einige besonders auffällige und charak-
    teristische Tatsachen herauszugreifen, an welche die Unter-
     

  • S.

    251

    suchung anknüpfen kann. Wir erreichen beides durch einen
    Auszug aus dem mit Recht berühmt gewordenen Buch von
    Le Bon, Psychologie der Massen1).

    Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar: Wenn die
    Psychologie, welche die Anlagen, Triebregungen, Motive,
    Absichten eines einzelnen Menschen bis zu seinen Handlungen
    und in die Beziehungen zu seinen Nächsten verfolgt, ihre
    Aufgabe restlos gelöst und alle diese Zusammenhänge durch-
    sichtig gemacht hätte, dann fände sie sich plötzlich vor
    einer neuen Aufgabe, die sich ungelöst vor ihr erhebt. Sie
    müßte die überraschende Tatsache erklären, daß dies ihr
    verständlich gewordene Individuum unter einer bestimmten
    Bedingung ganz anders fühlt, denkt und handelt, als von
    ihm zu erwarten stand, und diese Bedingung ist die Ein-
    reihung in eine Menschenmenge, welche die Eigenschaft einer
    „psychologischen Masse“ erworben hat. Was ist nun eine
    „Masse“, wodurch erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelen-
    leben des Einzelnen so entscheidend zu beeinflussen, und
    worin besteht die seelische Veränderung, die sie dem Ein-
    zelnen aufnötigt?

    Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Aufgabe einer
    theoretischen Massenpsychologie. Man greift sie offenbar am
    besten an, wenn man von der dritten ausgeht. Es ist die
    Beobachtung der veränderten Reaktion des Einzelnen, welche
    der Massenpsychologie den Stoff liefert; jedem Erklärungs-
    versuch muß ja die Beschreibung des zu Erklärenden voraus-
    gehen.

    Ich lasse nun Le Bon zu Worte kommen. Er sagt (S. 13):
    „An einer psychologischen Masse ist das Sonderbarste dies:
    welcher Art auch die sie zusammensetzenden Individuen sein
    mögen, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Be-
     

    1) Übersetzt von Dr. Rudolf Eisler, zweite Auflage 1912.

  • S.

    252

    schäftigung, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch
    den bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen
    sie eine Kollektivseele, vermöge deren sie in ganz anderer
    Weise fühlen, denken und handeln, als jedes von ihnen für
    sich fühlen, denken und handeln würde. Es gibt Ideen und
    Gefühle, die nur bei den zu Massen verbundenen Individuen
    auftreten oder sich in Handlungen umsetzen. Die psycho-
    logische Masse ist ein provisorisches Wesen, das aus hetero-
    genen Elementen besteht, die für einen Augenblick sich mit-
    einander verbunden haben, genau so wie die Zellen des
    Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit
    ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen Zellen
    bilden.“

    Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung Le
    Bons durch unsere Glossen zu unterbrechen, geben wir hier
    der Bemerkung Raum: Wenn die Individuen in der Masse
    zu einer Einheit verbunden sind, so muß es wohl etwas
    geben, was sie aneinander bindet, und dies Bindemittel könnte
    gerade das sein, was für die Masse charakteristisch ist. Allein
    Le Bon beantwortet diese Frage nicht, er geht auf die Ver-
    änderung des Individuums in der Masse ein und beschreibt
    sie in Ausdrücken, welche mit den Grundvoraussetzungen
    unserer Tiefenpsychologie in guter Übereinstimmung stehen.

    (S. 14.) „Leicht ist die Feststellung des Maßes von Ver-
    schiedenheit des einer Masse angehörenden vom isolierten
    Individuum, weniger leicht ist aber die Entdeckung der Ur-
    sachen dieser Verschiedenheit.

    Um diese Ursachen wenigstens einigermaßen zu finden,
    muß man sich zunächst der von der modernen Psychologie
    gemachten Feststellung erinnern, daß nicht bloß im organi-
    schen Leben, sondern auch in den intellektuellen Funktionen
    die unbewußten Phänomene eine überwiegende Rolle spielen.
    Das bewußte Geistesleben stellt nur einen recht geringen

  • S.

    253

    Teil neben dem unbewußten Seelenleben dar. Die feinste
    Analyse, die schärfste Beobachtung gelangt nur zu einer
    kleinen Anzahl bewußter Motive des Seelenlebens. Unsere
    bewußten Akte leiten sich aus einem, besonders durch Ver-
    erbungseinflüsse geschaffenen, unbewußten Substrat her.
    Dieses enthält die zahllosen Ahnenspuren, aus denen sich
    die Rassenseele konstituiert. Hinter den eingestandenen
    Motiven unserer Handlungen gibt es zweifellos die geheimen
    Gründe, die wir nicht eingestehen, hinter diesen liegen aber
    noch geheimere, die wir nicht einmal kennen. Die Mehrzahl
    unserer alltäglichen Handlungen ist nur die Wirkung ver-
    borgener, uns entgehender Motive.“

    In der Masse, meint Le Bon, verwischen sich die indivi-
    duellen Erwerbungen der Einzelnen, und damit verschwindet
    deren Eigenart. Das rassenmäßige Unbewußte tritt hervor,
    das Heterogene versinkt im Homogenen. Wir würden sagen,
    der psychische Oberbau, der sich bei den Einzelnen so ver-
    schiedenartig entwickelt hat, wird abgetragen, entkräftet
    und das bei allen gleichartige unbewußte Fundament wird
    bloßgelegt (wirksam gemacht).

    Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher Charakter der
    Massenindividuen zustande. Allein Le Bon findet, sie
    zeigen auch neue Eigenschaften, die sie vorher nicht besessen
    haben, und sucht den Grund dafür in drei verschiedenen
    Momenten.

    (S. 15.) „Die erste dieser Ursachen besteht darin, daß das
    Individuum in der Masse schon durch die Tatsache der
    Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht erlangt, welches
    ihm gestattet, Trieben zu frönen, die es allein notwendig
    gezügelt hätte. Es wird dies nun um so weniger Anlaß haben,
    als bei der Anonymität und demnach auch Unverantwort-
    lichkeit der Masse das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die
    Individuen stets zurückhält, völlig schwindet.“

  • S.

    254

    Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger Wert auf
    das Auftauchen neuer Eigenschaften zu legen. Es genügte
    uns zu sagen, das Individuum komme in der Masse unter
    Bedingungen, die ihm gestatten, die Verdrängungen seiner
    unbewußten Triebregungen abzuwerfen. Die anscheinend
    neuen Eigenschaften, die es dann zeigt, sind eben die
    Äußerungen dieses Unbewußten, in dem ja alles Böse der
    Menschenseele in der Anlage enthalten ist; das Schwinden
    des Gewissens oder Verantwortlichkeitsgefühls unter diesen
    Umständen macht unserem Verständnis keine Schwierigkeit.
    Wir hatten längst behauptet, der Kern des sogenannten
    Gewissens sei „soziale Angst“2).

    (S. 16.) „Eine zweite Ursache, die Ansteckung, trägt ebenso
    dazu bei, bei den Massen die Äußerung spezieller Merkmale
    und zugleich deren Richtung zu bewerkstelligen. Die An-
    steckung ist ein leicht zu konstatierendes, aber unerklärliches
    Phänomen, das man den von uns sogleich zu studierenden
    Phänomenen hypnotischer Art zurechnen muß. In der Menge
    ist jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend, und zwar in so
    hohem Grade, daß das Individuum sehr leicht sein persön-
    liches Interesse dem Gesamtinteresse opfert. Es ist dies eine
    seiner Natur durchaus entgegengesetzte Fähigkeit, deren der
    Mensch nur als Massenbestandteil fähig ist.“

    2) Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung Le Bons
    und der unserigen stellt sich dadurch her, daß sein Begriff des
    Unbewußten nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse ange-
    nommenen zusammenfällt. Das Unbewußte Le Bons enthält vor
    allem die tiefsten Merkmale der Rassenseele, welche für die
    individuelle Psychoanalyse eigentlich außer Betracht kommt. Wir
    verkennen zwar nicht, daß der Kern des Ichs (das Es, wie ich es
    später genannt habe), dem die „archaische Erbschaft“ der Menschen-
    seele angehört, unbewußt ist, aber wir sondern außerdem das
    „unbewußte Verdrängte“ ab, welches aus einem Anteil dieser Erb-
    schaft hervorgegangen ist. Dieser Begriff des Verdrängten fehlt
    bei Le Bon.

  • S.

    255

    Wir werden auf diesem letzten Satz später eine wichtige
    Vermutung begründen.

    (S. 16.) „Eine dritte, und zwar die wichtigste Ursache
    bedingt in den zur Masse vereinigten Individuen besondere
    Eigenschaften, welche denen des isolierten Individuums völlig
    entgegengesetzt sind. Ich rede hier von der Suggestibilität,
    von der die erwähnte Ansteckung übrigens nur eine Wir-
    kung ist.

    Zum Verständnis dieser Erscheinung gehört die Vergegen-
    wärtigung gewisser neuer Entdeckungen der Physiologie. Wir
    wissen jetzt, daß ein Mensch mittels mannigfacher Proze-
    duren in einen solchen Zustand versetzt werden kann, daß
    er nach Verlust seiner ganzen bewußten Persönlichkeit allen
    Suggestionen desjenigen gehorcht, der ihn seines Persönlich-
    keitsbewußtseins beraubt hat, und daß er die zu seinem
    Charakter und seinen Gewohnheiten in schärfstem Gegen-
    satz stehenden Handlungen begeht. Nun scheinen sehr sorg-
    fältige Beobachtungen darzutun, daß ein, eine Zeitlang im
    Schoße einer tätigen Masse eingebettetes Individuum in
    Bälde – durch Ausströmungen, die von ihr ausgehen oder
    sonst eine unbekannte Ursache – sich in einem Sonder-
    zustand befindet, der sich sehr der Faszination nähert, die
    den Hypnotisierten unter dem Einfluß des Hypnotisators be-
    fällt… Die bewußte Persönlichkeit ist völlig geschwunden,
    Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle
    und Gedanken sind nach der durch den Hypnotisator her-
    gestellten Richtung orientiert.

    So ungefähr verhält sich auch der Zustand des einer
    psychologischen Masse angehörenden Individuums. Es ist
    sich seiner Handlungen nicht mehr bewußt. Wie beim
    Hypnotisierten können bei ihm, während zugleich gewisse
    Fähigkeiten aufgehoben sind, andere auf einen Grad höchster
    Stärke gebracht werden. Unter dem Einflusse einer Suggestion

  • S.

    256

    wird es sich mit einem unwiderstehlichen Triebe an die Aus-
    führung bestimmter Handlungen machen. Und dieses Unge-
    stüm ist bei den Massen noch unwiderstehlicher als beim
    Hypnotisierten, weil die für alle Individuen gleiche
    Suggestion durch Gegenseitigkeit anwächst.“

    (S. 17.) „Die Hauptmerkmale des in der Masse befindlichen
    Individuums sind demnach: Schwund der bewußten Per-
    sönlichkeit, Vorherrschaft der unbewußten Persönlichkeit,
    Orientierung der Gedanken und Gefühle in derselben Rich-
    tung durch Suggestion und Ansteckung, Tendenz zur unver-
    züglichen Verwirklichung der suggerierten Ideen. Das Indi-
    viduum ist nicht mehr es selbst, es ist ein willenloser Auto-
    mat geworden.“

    Ich habe dieses Zitat so ausführlich wiedergegeben, um zu
    bekräftigen, daß Le Bon den Zustand des Individuums in
    der Masse wirklich für einen hypnotischen erklärt, nicht etwa
    ihn bloß mit einem solchen vergleicht. Wir beabsichtigen hier
    keinen Widerspruch, wollen nur hervorheben, daß die beiden
    letzten Ursachen der Veränderung des Einzelnen in der
    Masse, die Ansteckung und die höhere Suggerierbarkeit,
    offenbar nicht gleichartig sind, da ja die Ansteckung auch
    eine Äußerung der Suggerierbarkeit sein soll. Auch die Wir-
    kungen der beiden Momente scheinen uns im Text Le
    Bons nicht scharf geschieden. Vielleicht deuten wir seine
    Äußerung am besten aus, wenn wir die Ansteckung auf die
    Wirkung der einzelnen Mitglieder der Masse aufeinander
    beziehen, während die mit den Phänomenen der hypnotischen
    Beeinflussung gleichgestellten Suggestionserscheinungen in der
    Masse auf eine andere Quelle hinweisen. Auf welche aber?
    Es muß uns als eine empfindliche Unvollständigkeit berühren,
    daß eines der Hauptstücke dieser Angleichung, nämlich die
    Person, welche für die Masse den Hypnotiseur ersetzt, in der
    Darstellung Le Bons nicht erwähnt wird. Immerhin unter-

  • S.

    257

    scheidet er von diesem im Dunkeln gelassenen faszinierenden
    Einfluß die ansteckende Wirkung, die die Einzelnen aufein-
    ander ausüben, durch welche die ursprüngliche Suggestion
    verstärkt wird.

    Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für die Beurteilung des
    Massenindividuums: (S. 17.) „Ferner steigt durch die bloße
    Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse der Mensch
    mehrere Stufen auf der Leiter der Zivilisation herab. In
    seiner Vereinzelung war er vielleicht ein gebildetes Indi-
    viduum, in der Masse ist er ein Barbar, das heißt ein Trieb-
    wesen. Er besitzt die Spontaneität, die Heftigkeit, die Wild-
    heit und auch den Enthusiasmus und Heroismus primitiver
    Wesen.“ Er verweilt dann noch besonders bei der Herab-
    setzung der intellektuellen Leistung, die der Einzelne durch
    sein Aufgehen in der Masse erfährt3).

    Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir uns zur
    Beschreibung der Massenseele, wie Le Bon sie entwirft. Es
    ist kein Zug darin, dessen Ableitung und Unterbringung
    dem Psychoanalytiker Schwierigkeiten bereiten würde. Le
    Bon weist uns selbst den Weg, indem er auf die Überein-
    stimmung mit dem Seelenleben der Primitiven und der
    Kinder hinweist (S. 19).

    Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird
    fast ausschließlich vom Unbewußten geleitet4). Die Impulse,
    denen die Masse gehorcht, können je nach Umständen edel
    oder grausam, heroisch oder feige sein, jedenfalls aber sind
    sie so gebieterisch, daß nicht das persönliche, nicht einmal
    das Interesse der Selbsterhaltung zur Geltung kommt. (S. 20.)


    3) Vergleiche das Schillersche Distichon:
    Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig;
    Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus.

    4) Unbewußt wird von Le Bon richtig im Sinne der Deskription
    gebraucht, wo es nicht allein das „Verdrängte“ bedeutet.

  • S.

    258

    Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn sie auch die Dinge
    leidenschaftlich begehrt, so doch nie für lange, sie ist unfähig
    zu einem Dauerwillen. Sie verträgt keinen Aufschub
    zwischen ihrem Begehren und der Verwirklichung des
    Begehrten. Sie hat das Gefühl der Allmacht, für das Indi-
    viduum in der Masse schwindet der Begriff des Unmöglichen5).

    Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leicht-
    gläubig, sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert für
    sie nicht. Sie denkt in Bildern, die einander assoziativ her-
    vorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen des
    freien Phantasierens einstellen, und die von keiner verstän-
    digen Instanz an der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit
    gemessen werden. Die Gefühle der Masse sind stets sehr ein-
    fach und sehr überschwenglich. Die Masse kennt also weder
    Zweifel noch Ungewißheit6).

    Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene Ver-
    dacht wandelt sich bei ihr sogleich in unumstößliche Gewiß-
    heit, ein Keim von Antipathie wird zum wilden Haß (S. 32)7).


    5) Vergleiche Totem und Tabu III., Animismus, Magie
    und Allmacht der Gedanken. [Ges. Schriften, Bd. X.]

    6) In der Deutung der Träume, denen wir ja unsere beste Kennt-
    nis vom unbewußten Seelenleben verdanken, befolgen wir die
    technische Regel, daß von Zweifel und Unsicherheit in der Traum-
    erzählung abgesehen und jedes Element des manifesten Traumes als
    gleich gesichert behandelt wird. Wir leiten Zweifel und Unsicher-
    heit von der Einwirkung der Zensur ab, welcher die Traumarbeit
    unterliegt, und nehmen an, daß die primären Traumgedanken
    Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung nicht kennen. Als
    Inhalte mögen sie natürlich, wie alles andere, in den zum Traum
    führenden Tagesresten vorkommen. (Traumdeutung, Ges. Schriften,
    Bd. II, S. 440.)

    7) Die nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Extremen
    und Maßlosen gehört auch der Affektivität des Kindes an und
    findet sich im Traumleben wieder, wo dank der im Unbewußten
    vorherrschenden Isolierung der einzelnen Gefühlsregungen ein
    leiser Ärger vom Tage sich als Todeswunsch gegen die schuldige
    Person zum Ausdruck bringt oder ein Anflug irgend einer Ver-
     

  • S.

    259

    Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse auch nur
    durch übermäßige Reize erregt. Wer auf sie wirken will,
    bedarf keiner logischen Abmessung seiner Argumente, er muß
    in den kräftigsten Bildern malen, übertreiben und immer das
    Gleiche wiederholen.

    Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen nicht im
    Zweifel ist und dabei das Bewußtsein ihrer großen Kraft hat,
    ist sie ebenso intolerant wie autoritätsgläubig. Sie respektiert
    die Kraft und läßt sich von der Güte, die für sie nur eine
    Art von Schwäche bedeutet, nur mäßig beeinflussen. Was sie
    von ihren Helden verlangt, ist Stärke, selbst Gewalttätigkeit.
    Sie will beherrscht und unterdrückt werden und ihren Herrn
    fürchten. Im Grunde durchaus konservativ, hat sie tiefen
    Abscheu vor allen Neuerungen und Fortschritten und unbe-
    grenzte Ehrfurcht vor der Tradition (S. 37).

    Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beurteilen, muß
    man in Betracht ziehen, daß im Beisammensein der Massen-
    individuen alle individuellen Hemmungen entfallen und alle
    grausamen, brutalen, destruktiven Instinkte, die als Über-
    bleibsel der Urzeit im Einzelnen schlummern, zur freien
    Triebbefriedigung geweckt werden. Aber die Massen sind auch
    unter dem Einfluß der Suggestion hoher Leistungen von Ent-
    sagung, Uneigennützigkeit, Hingebung an ein Ideal fähig.
    Während der persönliche Vorteil beim isolierten Individuum
    so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er bei den Massen
    sehr selten vorherrschend. Man kann von einer Versittlichung

    suchung zum Anstoß einer im Traum dargestellten verbrecherischen
    Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat Dr. Hanns Sachs die
    hübsche Bemerkung gemacht: „Was der Traum uns an Beziehungen
    zur Gegenwart (Realität) kundgetan hat, wollen wir dann auch im
    Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht wundern, wenn wir
    das Ungeheuer, das wir unter dem Vergrößerungsglas der Analyse
    gesehen haben, als Infusionstierchen wiederfinden.“ (Traum-
    deutung, Ges. Schriften, Bd. III, S. 171.)

  • S.

    260

    des Einzelnen durch die Masse sprechen (S. 39). Während die
    intellektuelle Leistung der Masse immer tief unter der des
    Einzelnen steht, kann ihr ethisches Verhalten dies Niveau
    ebenso hoch überragen, wie tief darunter herabgehen.
    Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massenseele mit
    der Seele der Primitiven zu identifizieren, werfen einige
    andere Züge der Le Bonschen Charakteristik. Bei den
    Massen können die entgegengesetztesten Ideen nebeneinander
    bestehen und sich miteinander vertragen, ohne daß sich aus
    deren logischem Widerspruch ein Konflikt ergäbe. Dasselbe
    ist aber im unbewußten Seelenleben der Einzelnen, der Kin-
    der und der Neurotiker der Fall, wie die Psychoanalyse
    längst nachgewiesen hat8).

    8) Beim kleinen Kinde bestehen zum Beispiel ambivalente
    Gefühlseinstellungen gegen die ihm nächsten Personen lange Zeit
    nebeneinander, ohne daß die eine die ihr entgegengesetzte in ihrem
    Ausdruck stört. Kommt es dann endlich zum Konflikt zwischen
    den beiden, so wird er oft dadurch erledigt, daß das Kind das
    Objekt wechselt, die eine der ambivalenten Regungen auf ein
    Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus der Entwicklungsgeschichte einer
    Neurose beim Erwachsenen kann man erfahren, daß eine unter-
    drückte Regung sich häufig lange Zeit in unbewußten oder selbst
    bewußten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt natürlich einer herr-
    schenden Strebung direkt zuwiderläuft, ohne daß sich aus diesem
    Gegensatz ein Einschreiten des Ichs gegen das von ihm Verwor-
    fene ergäbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile über toleriert,
    bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich infolge einer Steigerung der
    affektiven Besetzung derselben, der Konflikt zwischen ihr und dem
    Ich mit allen seinen Folgen herstellt.

    Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Er-
    wachsenen kommt es überhaupt zu einer immer weiter greifenden
    Integration der Persönlichkeit, zu einer Zusammenfassung der
    einzelnen, unabhängig voneinander in ihr gewachsenen Trieb-
    regungen und Zielstrebungen. Der analoge Vorgang auf dem
    Gebiet des Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung aller Sexual-
    triebe zur definitiven Genitalorganisation lange bekannt. (Drei
    Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905. Ges. Schriften, Bd. V.) Daß
    die Vereinheitlichung des Ichs übrigens dieselben Störungen er-
    fahren kann wie die der Libido, zeigen vielfache, sehr bekannte

  • S.

    261

    Ferner unterliegt die Masse der wahrhaft magischen Macht
    von Worten, die in der Massenseele die furchtbarsten Stürme
    hervorrufen und sie auch besänftigen können (S. 74). „Mit
    Vernunft und Argumenten kann man gegen gewisse Worte
    und Formeln nicht ankämpfen. Man spricht sie mit Andacht
    vor den Massen aus, und sogleich werden die Mienen respekt-
    voll und die Köpfe neigen sich. Von vielen werden sie als
    Naturkräfte oder als übernatürliche Mächte betrachtet.“
    (S. 75.) Man braucht sich dabei nur an die Tabu der Namen
    bei den Primitiven, an die magischen Kräfte, die sich ihnen
    an Namen und Worte knüpfen, zu erinnern9).

    Und endlich: Die Massen haben nie den Wahrheitsdurst
    gekannt. Sie fordern Illusionen, auf die sie nicht verzichten
    können. Das Irreale hat bei ihnen stets den Vorrang vor
    dem Realen, das Unwirkliche beeinflußt sie fast ebenso stark
    wie das Wirkliche. Sie haben die sichtliche Tendenz, zwischen
    beiden keinen Unterschied zu machen (S. 47).

    Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der vom un-
    erfüllten Wunsch getragenen Illusion haben wir als be-
    stimmend für die Psychologie der Neurosen aufgezeigt. Wir
    fanden, für die Neurotiker gelte nicht die gemeine objektive,
    sondern die psychische Realität. Ein hysterisches Symptom
    gründe sich auf Phantasie, anstatt auf die Wiederholung
    wirklichen Erlebens, ein zwangsneurotisches Schuldbewußt-
    sein auf die Tatsache eines bösen Vorsatzes, der nie zur
    Ausführung gekommen. Ja, wie im Traum und in der Hyp-
    nose, tritt in der Seelentätigkeit der Masse die Realitäts-
    prüfung zurück gegen die Stärke der affektiv besetzten
    Wunschregungen.

    Beispiele, wie das der Naturforscher, die bibelgläubig geblieben
    sind und andere. Die verschiedenen Möglichkeiten eines späteren
    Zerfalls des Ichs bilden ein besonderes Kapitel der Psycho-
    pathologie.

    9) Siehe „Totem und Tabu“.

  • S.

    262

    Was Le Bon über die Führer der Massen sagt, ist
    weniger erschöpfend und läßt das Gesetzmäßige nicht so
    deutlich durchschimmern. Er meint, sobald lebende Wesen
    in einer gewissen Anzahl vereinigt sind, einerlei, ob eine
    Herde Tiere oder eine Menschenmenge, stellen sie sich
    instinktiv unter die Autorität eines Oberhauptes (S. 86). Die
    Masse ist eine folgsame Herde, die nie ohne Herrn zu leben
    vermag. Sie hat einen solchen Durst zu gehorchen, daß sie
    sich jedem, der sich zu ihrem Herrn ernennt, instinktiv
    unterordnet.

    Kommt so das Bedürfnis der Masse dem Führer entgegen,
    so muß er ihm doch durch persönliche Eigenschaften ent-
    sprechen. Er muß selbst durch einen starken Glauben (an
    eine Idee) fasziniert sein, um Glauben in der Masse zu er-
    wecken, er muß einen starken, imponierenden Willen be-
    sitzen, den die willenlose Masse von ihm annimmt. Le
    Bon bespricht dann die verschiedenen Arten von Führern
    und die Mittel, durch welche sie auf die Masse wirken. Im
    ganzen läßt er die Führer durch die Ideen zur Bedeutung
    kommen, für die sie selbst fanatisiert sind.

    Diesen Ideen wie den Führern schreibt er überdies eine
    geheimnisvolle, unwiderstehliche Macht zu, die er „Prestige“
    benennt. Das Prestige ist eine Art Herrschaft, die ein In-
    dividuum, ein Werk oder eine Idee über uns übt. Sie lähmt
    all unsere Fähigkeit zur Kritik und erfüllt uns mit Staunen
    und Achtung. Sie dürfte ein Gefühl hervorrufen, ähnlich
    wie das der Faszination der Hypnose (S. 96).

    Er unterscheidet erworbenes oder künstliches und persön-
    liches Prestige. Das erstere wird bei Personen durch Name,
    Reichtum, Ansehen verliehen, bei Anschauungen, Kunst-
    werken und dergleichen durch Tradition. Da es in allen
    Fällen auf die Vergangenheit zurückgreift, wird es für das
    Verständnis dieses rätselhaften Einflusses wenig leisten. Das

  • S.

    263

    persönliche Prestige haftet an wenigen Personen, die durch
    dasselbe zu Führern werden, und macht, daß ihnen alles
    wie unter der Wirkung eines magnetischen Zaubers gehorcht.
    Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhängig und geht
    durch Mißerfolge verloren (S. 103).

    Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei Le Bon die
    Rolle der Führer und die Betonung des Prestiges in richtigen
    Einklang mit der so glänzend vorgetragenen Schilderung der
    Massenseele gebracht worden ist.

    III

    Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens

    Wir haben uns der Darstellung von Le Bon als Ein-
    führung bedient, weil sie in der Betonung des unbewußten
    Seelenlebens so sehr mit unserer eigenen Psychologie zu-
    sammentrifft. Nun müssen wir aber hinzufügen, daß eigent-
    lich keine der Behauptungen dieses Autors etwas Neues
    bringt. Alles, was er Abträgliches und Herabsetzendes über
    die Äußerungen der Massenseele sagt, ist schon vor ihm
    ebenso bestimmt und ebenso feindselig von anderen gesagt
    worden, wird seit den ältesten Zeiten der Literatur von
    Denkern, Staatsmännern und Dichtern gleichlautend so
    wiederholt10). Die beiden Sätze, welche die wichtigsten An-
    sichten Le Bons enthalten, der von der kollektiven Hem-
    mung der intellektuellen Leistung und der von der Steige-
    rung der Affektivität in der Masse waren kurz vorher von

    10) Vergleiche den Text und das Literaturverzeichnis in
    B. Kraškovic jun. Die Psychologie der Kollektivitäten. Aus
    dem Kroatischen übersetzt von Siegmund von Posavec.
    Vukovar 1915.