S.
289
Wir haben es hier mit Liebestrieben zu tun, die, ohne darum
minder energisch zu wirken, doch von ihren ursprünglichen
Zielen abgelenkt sind. Nun haben wir bereits im Rahmen der
gewöhnlichen sexuellen Objektbesetzung Erscheinungen be-
merkt, die einer Ablenkung des Triebes von seinem Sexualziel
entsprechen. Wir haben sie als Grade von Verliebtheit be-
schrieben und erkannt, daß sie eine gewisse Beeinträchtigung
des Ichs mit sich bringen. Diesen Erscheinungen der Ver-
liebtheit werden wir jetzt eingehendere Aufmerksamkeit zu-
wenden, in der begründeten Erwartung, an ihnen Verhältnisse
zu finden, die sich auf die Bindungen in den Massen über-
tragen lassen. Außerdem möchten wir aber wissen, ob diese
Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Geschlechts-
leben kennen, die einzige Weise der Gefühlsbindung an eine
andere Person darstellt, oder ob wir noch andere solche
Mechanismen in Betracht zu ziehen haben. Wir erfahren
tatsächlich aus der Psychoanalyse, daß es noch andere
Mechanismen der Gefühlsbindung gibt, die sogenannten
Identifizierungen, ungenügend bekannte, schwer
darzustellende Vorgänge, deren Untersuchung uns nun eine
gute Weile vom Thema der Massenpsychologie fernhalten
wird.VII
Die Identifizierung
Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als früheste
Äußerung einer Gefühlsbindung an eine andere Person be-
kannt. Sie spielt in der Vorgeschichte des Ödipuskomplexes eine
Rolle. Der kleine Knabe legt ein besonderes Interesse für
seinen Vater an den Tag, er möchte so werden und so sein
wie er, in allen Stücken an seine Stelle treten. Sagen wirS.
290
ruhig: er nimmt den Vater zu seinem Ideal. Dies Verhalten
hat nichts mit einer passiven oder femininen Einstellung
zum Vater (und zum Manne überhaupt) zu tun, es ist viel-
mehr exquisit männlich. Es verträgt sich sehr wohl mit dem
Ödipuskomplex, den es vorbereiten hilft.Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit dem Vater,
vielleicht sogar vorher, hat der Knabe begonnen, eine rich-
tige Objektbesetzung der Mutter nach dem Anlehnungstypus
vorzunehmen. Er zeigt also dann zwei psychologisch ver-
schiedene Bindungen, zur Mutter eine glatt sexuelle Objekt-
besetzung, zum Vater eine vorbildliche Identifizierung. Die
beiden bestehen eine Weile nebeneinander, ohne gegenseitige
Beeinflussung oder Störung. Infolge der unaufhaltsam fort-
schreitenden Vereinheitlichung des Seelenlebens treffen sie
sich endlich und durch dies Zusammenströmen entsteht der
normale Ödipuskomplex. Der Kleine merkt, daß ihm der
Vater bei der Mutter im Wege steht; seine Identifizierung
mit dem Vater nimmt jetzt eine feindselige Tönung an und
wird mit dem Wunsch identisch, den Vater auch bei der
Mutter zu ersetzen. Die Identifizierung ist eben von Anfang
an ambivalent, sie kann sich ebenso zum Ausdruck der Zärt-
lichkeit wie zum Wunsch der Beseitigung wenden. Sie be-
nimmt sich wie ein Abkömmling der ersten oralen Phase
der Libidoorganisation, in welcher man sich das begehrte
und geschätzte Objekt durch Essen einverleibte und es dabei
als solches vernichtete. Der Kannibale bleibt bekanntlich auf
diesem Standpunkt stehen; er hat seine Feinde zum Fressen
lieb, und er frißt die nicht, die er nicht irgendwie lieb
haben kann29).
29) S. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ und Abraham:
„Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe
der Libido.“ Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916, auch in
dessen „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse“, Wien 1921.S.
291
Das Schicksal dieser Vateridentifizierung verliert man
später leicht aus den Augen. Es kann dann geschehen, daß
der Ödipuskomplex eine Umkehrung erfährt, daß der Vater
in femininer Einstellung zum Objekte genommen wird, von
dem die direkten Sexualtriebe ihre Befriedigung erwarten,
und dann ist die Vateridentifizierung zum Vorläufer der
Objektbindung an den Vater geworden. Dasselbe gilt mit den
entsprechenden Ersetzungen auch für die kleine Tochter.Es ist leicht, den Unterschied einer solchen Vateridentifizie-
rung von einer Vaterobjektwahl in einer Formel auszu-
sprechen. Im ersten Falle ist der Vater das, was man sein,
im zweiten das, was man haben möchte. Es ist also der
Unterschied, ob die Bindung am Subjekt oder am Objekt des
Ichs angreift. Die erstere ist darum bereits vor jeder sexuellen
Objektwahl möglich. Es ist weit schwieriger, diese Verschie-
denheit metapsychologisch anschaulich darzustellen. Man er
kennt nur, die Identifizierung strebt danach, das eigene Ich
ähnlich zu gestalten wie das andere zum „Vorbild“ ge-
nommene.Aus einem verwickelteren Zusammenhange lösen wir die
Identifizierung bei einer neurotischen Symptombildung. Das
kleine Mädchen, an das wir uns jetzt halten wollen, bekomme
dasselbe Leidenssymptom wie seine Mutter, zum Beispiel den-
selben quälenden Husten. Das kann nun auf verschiedenen
Wegen zugehen. Entweder ist die Identifizierung dieselbe aus
dem Ödipuskomplexe, die ein feindseliges Ersetzenwollen der
Mutter bedeutet, und das Symptom drückt die Objektliebe
zum Vater aus; es realisiert die Ersetzung der Mutter unter
dem Einfluß des Schuldbewußtseins: Du hast die Mutter sein
wollen, jetzt bist du’s wenigstens im Leiden. Das ist dann
der komplette Mechanismus der hysterischen Symptom-
bildung. Oder aber das Symptom ist dasselbe wie das der ge-
liebten Person (so wie zum Beispiel Dora im „BruchstückS.
292
einer Hysterieanalyse“ den Husten des Vaters imitiert); dann
können wir den Sachverhalt nur so beschreiben, die Identi-
fizierung sei an Stelle der Objektwahl ge-
treten, die Objektwahl sei zur Identifizie-
rung regrediert. Wir haben gehört, daß die Identi-
fizierung die früheste und ursprünglichste Form der Gefühls-
bindung ist; unter den Verhältnissen der Symptombildung,
also der Verdrängung, und der Herrschaft der Mechanismen
des Unbewußten kommt es oft vor, daß die Objektwahl
wieder zur Identifizierung wird, also das Ich die Eigenschaften
des Objektes an sich nimmt. Bemerkenswert ist es, daß das
Ich bei diesen Identifizierungen das eine Mal die ungeliebte,
das andere Mal aber die geliebte Person kopiert. Es muß uns
auch auffallen, daß beide Male die Identifizierung eine par-
tielle, höchst beschränkte ist, nur einen einzigen Zug von der
Objektperson entlehnt.Es ist ein dritter, besonders häufiger und bedeutsamer Fall
der Symptombildung, daß die Identifizierung vom Objekt-
verhältnis zur kopierten Person ganz absieht. Wenn zum Bei-
spiel eines der Mädchen im Pensionat einen Brief vom geheim
Geliebten bekommen hat, der ihre Eifersucht erregt, und auf
den sie mit einem hysterischen Anfall reagiert, so werden
einige ihrer Freundinnen, die darum wissen, diesen Anfall
übernehmen, wie wir sagen, auf dem Wege der psychischen
Infektion. Der Mechanismus ist der der Identifizierung auf
Grund des sich in dieselbe Lage Versetzenkönnens oder Ver-
setzenwollens. Die anderen möchten auch ein geheimes Liebes-
verhältnis haben und akzeptieren unter dem Einfluß des
Schuldbewußtseins auch das damit verbundene Leid. Es wäre
unrichtig zu behaupten, sie eignen sich das Symptom aus Mit-
gefühl an. Im Gegenteil, das Mitgefühl entsteht erst aus der
Identifizierung, und der Beweis hiefür ist, daß sich solche
Infektion oder Imitation auch unter Umständen herstellt,S.
293
wo noch geringere vorgängige Sympathie zwischen beiden
anzunehmen ist, als unter Pensionsfreundinnen zu bestehen
pflegt. Das eine Ich hat am anderen eine bedeutsame Analogie
in einem Punkte wahrgenommen, in unserem Beispiel in der
gleichen Gefühlsbereitschaft, es bildet sich daraufhin eine
Identifizierung in diesem Punkte, und unter dem Einfluß der
pathogenen Situation verschiebt sich diese Identifizierung zum
Symptom, welches das eine Ich produziert hat. Die Identi-
fizierung durch das Symptom wird so zum Anzeichen für
eine Deckungsstelle der beiden Ich, die verdrängt gehalten
werden soll.Das aus diesen drei Quellen Gelernte können wir dahin
zusammenfassen, daß erstens die Identifizierung die ursprüng-
lichste Form der Gefühlsbindung an ein Objekt ist, zweitens
daß sie auf regressivem Wege zum Ersatz für eine libidinöse
Objektbindung wird, gleichsam durch Introjektion des Objekts
ins Ich, und daß sie drittens bei jeder neu wahrgenommenen
Gemeinsamkeit mit einer Person, die nicht Objekt der
Sexualtriebe ist, entstehen kann. Je bedeutsamer diese Ge-
meinsamkeit ist, desto erfolgreicher muß diese partielle
Identifizierung werden können und so dem Anfang einer
neuen Bindung entsprechen.Wir ahnen bereits, daß die gegenseitige Bindung der
Massenindividuen von der Natur einer solchen Identifizie-
rung durch eine wichtige affektive Gemeinsamkeit ist, und
können vermuten, diese Gemeinsamkeit liege in der Art der
Bindung an den Führer. Eine andere Ahnung kann uns
sagen, daß wir weit davon entfernt sind, das Problem der
Identifizierung erschöpft zu haben, daß wir vor dem Vor-
gang stehen, den die Psychologie „Einfühlung“ heißt, und
der den größten Anteil an unserem Verständnis für das Ich-
fremde anderer Personen hat. Aber wir wollen uns hier auf
die nächsten affektiven Wirkungen der Identifizierung be-
S.
294
schränken und auch ihre Bedeutung für unser intellektuelles
Leben beiseite lassen.Die psychoanalytische Forschung, die gelegentlich auch
schon die schwierigeren Probleme der Psychosen in Angriff
genommen hat, konnte uns auch die Identifizierung in
einigen anderen Fällen aufzeigen, die unserem Verständnis
nicht ohne weiteres zugänglich sind. Ich werde zwei dieser
Fälle als Stoff für unsere weiteren Überlegungen ausführlich
behandeln.Die Genese der männlichen Homosexualität ist in einer
großen Reihe von Fällen die folgende: Der junge Mann ist
ungewöhnlich lange und intensiv im Sinne des Ödipus-
komplexes an seine Mutter fixiert gewesen. Endlich kommt
doch nach vollendeter Pubertät die Zeit, die Mutter gegen
ein anderes Sexualobjekt zu vertauschen. Da geschieht eine
plötzliche Wendung; der Jüngling verläßt nicht seine Mutter,
sondern identifiziert sich mit ihr, er wandelt sich in sie um
und sucht jetzt nach Objekten, die ihm sein Ich ersetzen
können, die er so lieben und pflegen kann, wie er es von der
Mutter erfahren hatte. Dies ist ein häufiger Vorgang, der
beliebig oft bestätigt werden kann und natürlich ganz un-
abhängig von jeder Annahme ist, die man über die orga-
nische Triebkraft und die Motive jener plötzlichen Wand-
lung macht. Auffällig an dieser Identifizierung ist ihre Aus-
giebigkeit, sie wandelt das Ich in einem höchst wichtigen
Stück, im Sexualcharakter, nach dem Vorbild des bisherigen
Objekts um. Dabei wird das Objekt selbst aufgegeben; ob
durchaus oder nur in dem Sinne, daß es im Unbewußten
erhalten bleibt, steht hier außer Diskussion. Die Identifizie-
rung mit dem aufgegebenen oder verlorenen Objekt zum
Ersatz desselben, die Introjektion dieses Objekts ins Ich, ist
für uns allerdings keine Neuheit mehr. Ein solcher Vorgang
läßt sich gelegentlich am kleinen Kind unmittelbar be-
S.
295
obachten. Kürzlich wurde in der Internationalen Zeitschrift
für Psychoanalyse eine solche Beobachtung veröffentlicht,
daß ein Kind, das unglücklich über den Verlust eines Kätz-
chens war, frischweg erklärte, es sei jetzt selbst das Kätzchen,
dementsprechend auf allen Vieren kroch, nicht am Tische
essen wollte usw30).Ein anderes Beispiel von solcher Introjektion des Objekts
hat uns die Analyse der Melancholie gegeben, welche Affek-
tion ja den realen oder affektiven Verlust des geliebten
Objekts unter ihre auffälligsten Veranlassungen zählt. Ein
Hauptcharakter dieser Fälle ist die grausame Selbstherab-
setzung des Ichs in Verbindung mit schonungsloser Selbst-
kritik und bitteren Selbstvorwürfen. Analysen haben ergeben,
daß diese Einschätzung und diese Vorwürfe im Grunde dem
Objekt gelten und die Rache des Ichs an diesem darstellen.
Der Schatten des Objekts ist auf das Ich gefallen, sagte ich
an anderer Stelle31). Die Introjektion des Objekts ist hier von
unverkennbarer Deutlichkeit.Diese Melancholien zeigen uns aber noch etwas anderes,
was für unsere späteren Betrachtungen wichtig werden kann.
Sie zeigen uns das Ich geteilt, in zwei Stücke zerfällt, von
denen das eine gegen das andere wütet. Dies andere Stück
ist das durch Introjektion veränderte, das das verlorene
Objekt einschließt. Aber auch das Stück, das sich so grausam
betätigt, ist uns nicht unbekannt. Es schließt das Gewissen
ein, eine kritische Instanz im Ich, die sich auch in normalen
Zeiten dem Ich kritisch gegenübergestellt hat, nur niemals
so unerbittlich und so ungerecht. Wir haben schon bei
früheren Anlässen die Annahme machen müssen (Narzißmus,30) Markuszewicz, Beitrag zum autistischen Denken bei
Kindern. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920.31) Trauer und Melancholie. Sammlung kleiner Schriften zur
Neurosenlehre. IV. Folge, 1918. (Seite 157 ff dieses Bandes.)S.
296
Trauer und Melancholie), daß sich in unserem Ich eine solche
Instanz entwickelt, welche sich vom anderen Ich absondern
und in Konflikte mit ihm geraten kann. Wir nannten sie das
„Ichideal“ und schrieben ihr an Funktionen die Selbst-
beobachtung, das moralische Gewissen, die Traumzensur und
den Haupteinfluß bei der Verdrängung zu. Wir sagten, sie
sei der Erbe des ursprünglichen Narzißmus, in dem das
kindliche Ich sich selbst genügte. Allmählich nehme sie aus
den Einflüssen der Umgebung die Anforderungen auf, die
diese an das Ich stelle, denen das Ich nicht immer nach-
kommen könne, so daß der Mensch, wo er mit seinem Ich
selbst nicht zufrieden sein kann, doch seine Befriedigung in
dem aus dem Ich differenzierten Ichideal finden dürfe. Im
Beobachtungswahn, stellten wir ferner fest, werde der Zer-
fall dieser Instanz offenkundig und dabei ihre Herkunft aus
den Einflüssen der Autoritäten, voran der Eltern, auf-
gedeckt32). Wir haben aber nicht vergessen anzuführen, daß
das Maß der Entfernung dieses Ichideals vom aktuellen Ich
für das einzelne Individuum sehr variabel ist, und daß bei
vielen diese Differenzierung innerhalb des Ichs nicht weiter
reicht als beim Kinde.Ehe wir aber diesen Stoff zum Verständnis der libidinösen
Organisation einer Masse verwenden können, müssen wir
einige andere Wechselbeziehungen zwischen Objekt und Ich
in Betracht ziehen33).
32) Zur Einführung des Narzißmus, l. c.
33) Wir wissen sehr gut, daß wir mit diesen der Pathologie
entnommenen Beispielen das Wesen der Identifizierung nicht er-
schöpft haben und somit am Rätsel der Massenbildung ein Stück
unangerührt lassen. Hier müßte eine viel gründlichere und mehr
umfassende psychologische Analyse eingreifen. Von der Identi-
fizierung führt ein Weg über die Nachahmung zur Einfühlung,
das heißt zum Verständnis des Mechanismus, durch den uns
überhaupt eine Stellungnahme zu einem anderen Seelenleben
ermöglicht wird. Auch an den Äußerungen einer bestehenden
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Massenpsychologie und Ich-Analyse1921-001/1931
1921-001/1931/7