• S.

    I

    Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen
    gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und
    Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die
    wahren Werte des Lebens aber unterschätzen. Und doch ist man
    bei jedem solchen allgemeinen Urteil in Gefahr, an die Buntheit
    der Menschenwelt und ihres seelischen Lebens zu vergessen. Es
    gibt einzelne Männer, denen sich die Verehrung ihrer Zeitgenossen
    nicht versagt, obwohl ihre Größe auf Eigenschaften und Leistungen
    ruht, die den Zielen und Idealen der Menge durchaus fremd sind.
    Man wird leicht annehmen wollen, daß es doch nur eine Minder-
    zahl ist, welche diese großen Männer anerkennt, während die
    große Mehrheit nichts von ihnen wissen will. Aber es dürfte
    nicht so einfach zugehen, dank den Unstimmigkeiten zwischen
    dem Denken und dem Handeln der Menschen und der Viel-
    stimmigkeit ihrer Wunschregungen.

    Einer dieser ausgezeichneten Männer nennt sich in Briefen
    meinen Freund. Ich hatte ihm meine kleine Schrift zugeschickt,
    welche die Religion als Illusion behandelt, und er antwortete, er
    wire mit meinem Urteil über die Religion ganz einverstanden,
    bedauerte aber, daß ich die eigentliche Quelle der Religiositåt
    nicht gewiirdigt håtte. Diese sei ein besonderes Gefiihl, das ihn
    selbst nie zu verlassen pflege, das er von vielen anderen beståtigt
    gefunden und bei Millionen Menschen voraussetzen diirfe. Ein

  • S.

    30 Schriften aus den Jahren 1928—1933

    Gefühl, das er die Empfindung der „Ewigkeit“ nennen möchte,
    ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleich-
    sam ,,Ozeanischem“. Dies Gefühl sei eine rein subjektive Tatsache,
    kein Glaubenssatz; keine Zusicherung persónlicher Fortdauer knüpfe
    sich daran, aber es sei die Quelle der religiósen Energie, die von
    den verschiedenen Kirchen und Religionssystemen gefaDt, in be-
    stimmte Kanäle geleitet und gewiß auch aufgezehrt werde. Nur
    auf Grund dieses ozeanischen Gefühls dürfe man sich religiós
    heiBen, auch wenn man jeden Glauben und jede Illusion ablehne.

    Diese Äußerung meines verehrten Freundes, der selbst einmal
    den Zauber der Illusion poetisch gewürdigt hat, brachte mir nicht
    geringe Schwierigkeiten.‘ Ich selbst kann dies ,,ozeanische“ Gefühl
    nicht in mir entdecken. Es ist nicht bequem, Gefühle wissen-
    schaftlich zu bearbeiten. Man kann versuchen, ihre physiologischen
    Anzeichen zu beschreiben. Wo dies nicht angeht, — ich fürchte,
    auch das ozeanische Gefühl wird sich einer solchen Charakteristik
    entziehen, — bleibt doch nichts übrig, als sich an den Vorstellungs-
    inhalt zu halten, der sich assoziativ am ehesten zum Gefühl ge-
    sellt. Habe ich meinen Freund richtig verstanden, so meint er
    dasselbe, was ein origineller und ziemlich absonderlicher ‘Dichter
    seinem Helden als Trost vor dem freigewåhlten Tod mitgibt:
    „Aus dieser Welt können wir nicht fallen.““ Also ein Gefühl der
    unauflósbaren Verbundenheit, der Zusammengehórigkeit mit dem
    Ganzen der Außenwelt. Ich möchte sagen, für mich hat dies eher
    den Charakter einer intellektuellen Einsicht, gewiß nicht ohne
    begleitenden Gefühlston, wie er aber auch bei anderen Denkakten
    von ühnlicher Tragweite nicht fehlen wird. An meiner Person
    kónnte ich mich von der primiren Natur eines solchen Gefühls

    1) Liluli, 1925. — Seit dem Erscheinen der beiden Bücher „La vie de Ramakrishna*
    und „La vie de Vivekananda“ (1950) brauche ich nicht mehr zu verbergen, daß der
    im Text gemeinte Freund Romain Rolland ist.

    2) D. Chr. Grabbe, Hannibal: ,Ja, aus der Welt werden wir nicht fallen. Wir
    sind einmal darin.*

  • S.

    31

    nicht überzeugen. Darum darf ich aber sein tatsächliches Vor-
    kommen bei anderen nicht bestreiten. Es fragt sich nur, ob es
    richtig gedeutet wird und ob es als „fons et origo“ aller reli-
    giösen Bedürfnisse anerkannt werden soll.

    Ich habe nichts vorzubringen, was die Lösung dieses Problems
    entscheidend beeinflussen würde. Die Idee, daß der Mensch durch
    ein unmittelbares, von Anfang an hierauf gerichtetes Gefühl Kunde
    von seinem Zusammenhang mit der Umwelt erhalten sollte, klingt
    so fremdartig, fügt sich so übel in das Gewebe unserer Psycho-
    logie, daß eine psychoanalytische, d. i. genetische Ableitung eines
    solchen Gefühls versucht werden darf. Dann stellt sich uns folgender
    Gedankengang zur Verfügung: Normalerweise ist uns nichts ge-
    sicherter als das Gefühl unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies
    Ich erscheint uns selbständig, einheitlich, gegen alles andere gut
    abgesetzt. Daß dieser Anschein ein Trug ist, daß das Ich sich viel-
    mehr nach innen ohne scharfe Grenze in ein unbewußt seelisches
    Wesen fortsetzt, das wir als Es bezeichnen, dem es gleichsam als
    Fassade dient, das hat uns erst die psychoanalytische Forschung
    gelehrt, die uns noch viele Auskünfte über das Verhältnis des
    Ichs zum Es schuldet. Aber nach außen wenigstens scheint das
    Ich klare und scharfe Grenzlinien zu behaupten. Nur in einem
    Zustand, einem außergewöhnlichen zwar, den man aber nicht als
    krankhaft verurteilen kann, wird es anders. Auf der Höhe der
    Verliebtheit droht die Grenze zwischen Ich und Objekt zu ver-
    schwimmen. Allen Zeugnissen der Sinne entgegen behauptet der
    Verliebte, daß Ich und Du Eines seien, und ist bereit, sich, als
    ob es so wäre, zu benehmen. Was vorübergehend durch eine
    physiologische Funktion aufgehoben werden kann, muß natürlich
    auch durch krankhafte Vorgänge gestört werden können. Die
    Pathologie lehrt uns eine große Anzahl von Zuständen kennen,
    in denen die Abgrenzung des Ichs gegen die Außenwelt unsicher
    wird, oder die Grenzen wirklich unrichtig gezogen werden; Fälle,
    in denen uns Teile des eigenen Körpers, ja Stücke des eigenen

  • S.

    32

    Seelenlebens, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle wie fremd
    und dem Ich nicht zugehörig erscheinen, andere, in denen man
    der Außenwelt zuschiebt, was offenbar im Ich entstanden ist und
    von ihm anerkannt werden sollte. Also ist auch das Ichgefühl
    Störungen unterworfen und die Ichgrenzen sind nicht beständig.

    Eine weitere Überlegung sagt: Dies Ichgefühl des Erwachsenen
    kann nicht von Anfang an so gewesen sein. Es muß eine Ent-
    wicklung durchgemacht haben, die sich begreiflicherweise nicht
    nachweisen, aber mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit konstruieren
    läßt.1) Der Säugling sondert noch nicht sein Ich von einer Außenwelt
    als Quelle der auf ihn einströmenden Empfindungen. Er lernt es
    allmählich auf verschiedene Anregungen hin. Es muß ihm den
    stärksten Eindruck machen, daß manche der Erregungsquellen,
    in denen er später seine Körperorgane erkennen wird, ihm jeder-
    zeit Empfindungen zusenden können, während andere sich ihm
    zeitweise entziehen – darunter das Begehrteste: die Mutterbrust
    – und erst durch ein Hilfe heischendes Schreien herbeigeholt
    werden. Damit stellt sich dem Ich zuerst ein „Objekt“ entgegen,
    als etwas, was sich „außerhalb“ befindet und erst durch eine
    besondere Aktion in die Erscheinung gedrängt wird. Einen weiteren
    Antrieb zur Loslösung des Ichs von der Empfindungsmasse, also
    zur Anerkennung eines „Draußen“, einer Außenwelt, geben die
    häufigen, vielfältigen, unvermeidlichen Schmerz-
    empfindungen, die das unumschränkt herrschende Lustprinzip auf
    heben und vermeiden heißt. Es entsteht die Tendenz, alles, was
    Quelle solcher Unlust werden kann, vom Ich abzusondern, es
    nach außen zu werfen, ein reines Lust-Ich zu bilden, dem ein
    fremdes, drohendes Draußen gegenübersteht. Die Grenzen dieses
    primitiven Lust-Ichs können der Berichtigung durch die Erfahrung
    nicht entgehen. Manches, was man als lustspendend nicht auf-

    1)S. die zahlreichen Arbeiten über Ichentwicklung und Ichgefühl von Ferenczi,
    Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (1913), bis zu den Beiträgen von P. Federn
    1926, 1927 und später.

  • S.

    33

    geben möchte, ist doch nicht Ich, ist Objekt, und manche Qual,
    die man hinausweisen will, erweist sich doch als unabtrennbar
    vom Ich, als innerer Herkunft. Man lernt ein Verfahren kennen,
    wie man durch absichtliche Lenkung der Sinnestätigkeit und ge-
    eignete Muskelaktion Innerliches – dem Ich Angehöriges – und
    Äußerliches – einer Außenwelt Entstammendes – unterscheiden
    kann, und tut damit den ersten Schritt zur Einsetzung des Realitäts-
    prinzips, das die weitere Entwicklung beherrschen soll. Diese Unter-
    scheidung dient natürlich der praktischen Absicht, sich der ver-
    spürten und der drohenden Unlustempfindungen zu erwehren.
    Daß das Ich zur Abwehr gewisser Unlusterregungen aus seinem
    Inneren keine anderen Methoden zur Anwendung bringt, als deren
    es sich gegen Unlust von außen bedient, wird dann der Ausgangs-
    punkt bedeutsamer krankhafter Störungen.

    Auf solche Art löst sich also das Ich von der Außenwelt.
    Richtiger gesagt: Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet
    es eine Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ichgefühl ist also
    nur ein eingeschrumpfter Rest eines weitumfassenderen, ja –
    eines allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbunden-
    heit des Ichs mit der Umwelt entsprach. Wenn wir annehmen
    dürfen, daß dieses primäre Ichgefühl sich im Seelenleben vieler
    Menschen – in größerem oder geringerem Ausmaße – erhalten
    hat, so würde es sich dem enger und schärfer umgrenzten Ich-
    gefühl der Reifezeit wie eine Art Gegenstück an die Seite stellen,
    und die zu ihm passenden Vorstellungsinhalte wären gerade die
    der Unbegrenztheit und der Verbundenheit mit dem All, dieselben,
    mit denen mein Freund das „ozeanische“ Gefühl erläutert. Haben
    wir aber ein Recht zur Annahme des Überlebens des Ursprüng-
    lichen neben dem Späteren, das aus ihm geworden ist?

    Unzweifelhaft; ein solches Vorkommnis ist weder auf seelischem
    noch auf anderen Gebieten befremdend. Für die Tierreihe halten
    wir an der Annahme fest, daß die höchstentwickelten Arten aus
    den niedrigsten hervorgegangen sind. Doch finden wir alle ein-

  • S.

    34

    fachen Lebensformen noch heute unter den Lebenden. Das Ge-
    schlecht der großen Saurier ist ausgestorben und hat den Säuge-
    tieren Platz gemacht, aber ein richtiger Vertreter dieses Geschlechts,
    das Krokodil, lebt noch mit uns. Die Analogie mag zu entlegen
    sein, krankt auch an dem Umstand, daß die überlebenden niedri-
    gen Arten zumeist nicht die richtigen Ahnen der heutigen, höher
    entwickelten sind. Die Zwischenglieder sind in der Regel ausge-
    storben und nur durch Rekonstruktion bekannt. Auf seelischem
    Gebiet hingegen ist die Erhaltung des Primitiven neben dem
    daraus entstandenen Umgewandelten so häufig, daß es sich er-
    übrigt, es durch Beispiele zu beweisen. Meist ist dieses Vorkommen
    Folge einer Entwicklungsspaltung. Ein quantitativer Anteil einer
    Einstellung, einer Triebregung, ist unverändert erhalten geblieben,
    ein anderer hat die weitere Entwicklung erfahren.

    Wir rühren hiermit an das allgemeinere Problem der Erhaltung
    im Psychischen, das kaum noch Bearbeitung gefunden hat, aber
    so reizvoll und bedeutsam ist, daß wir ihm auch bei unzureichendem
    Anlaß eine Weile Aufmerksamkeit schenken dürfen. Seitdem wir
    den Irrtum überwunden haben, daß das uns geläufige Vergessen
    eine Zerstörung der Gedächtnisspur, also eine Vernichtung bedeutet,
    neigen wir zu der entgegengesetzten Annahme, daß im Seelenleben
    nichts, was einmal gebildet wurde, untergehen kann, daß alles
    irgendwie erhalten bleibt und unter geeigneten Umständen, z. B.
    durch eine so weit reichende Regression wieder zum Vorschein
    gebracht werden kann. Man versuche sich durch einen Vergleich
    aus einem anderen Gebiet klar zu machen, was diese Annahme
    zum Inhalt hat. Wir greifen etwa die Entwicklung der Ewigen
    Stadt als Beispiel auf.1) Historiker belehren uns, das älteste Rom
    war die Roma quadrata, eine umzäunte Ansiedlung auf dem Palatin.
    Dann folgte die Phase des Septimontium; eine Vereinigung der
    Niederlassungen auf den einzelnen Hügeln, darauf die Stadt, die

    1)Nach The Cambridge Ancient History, T. VII. 1928. „The founding of Rome“
    by Hugh Last.

  • S.

    35

    durch die Servianische Mauer begrenzt wurde, und noch später,
    nach all den Umwandlungen der republikanischen und der früheren
    Kaiserzeit die Stadt, die Kaiser Aurelianus durch seine Mauern
    umschloß. Wir wollen die Wandlungen der Stadt nicht weiter ver-
    folgen und uns fragen, was ein Besucher, den wir mit den voll-
    kommensten historischen und topographischen Kenntnissen aus-
    gestattet denken, im heutigen Rom von diesen frühen Stadien
    noch vorfinden mag. Die Aurelianische Mauer wird er bis auf wenige
    Durchbrüche fast unverändert sehen. An einzelnen Stellen kann
    er Strecken des Servianischen Walles durch Ausgrabung zutage
    gefördert finden. Wenn er genug weiß, – mehr als die heutige
    Archäologie, – kann er vielleicht den ganzen Verlauf dieser Mauer
    und den Umriß der Roma quadrata ins Stadtbild einzeichnen. Von
    den Gebäuden, die einst diese alten Rahmen ausgefüllt haben, findet
    er nichts oder geringe Reste, denn sie bestehen nicht mehr. Das
    Äußerste, was ihm die beste Kenntnis des Roms der Republik
    leisten kann, wäre, daß er die Stellen anzugeben weiß, wo die
    Tempel und öffentlichen Gebäude dieser Zeit gestanden hatten.
    Was jetzt diese Stellen einnimmt, sind Ruinen, aber nicht ihrer
    selbst, sondern ihrer Erneuerungen aus späteren Zeiten nach Bränden
    und Zerstörungen. Es bedarf kaum noch einer besonderen Er-
    wähnung, daß alle diese Überreste des alten Roms als Einsprengungen
    in das Gewirre einer Großstadt aus den letzten Jahrhunderten seit
    der Renaissance erscheinen. Manches Alte ist gewiß noch im Boden
    der Stadt oder unter ihren modernen Bauwerken begraben. Dies
    ist die Art der Erhaltung des Vergangenen, die uns an historischen
    Stätten wie Rom entgegentritt.

    Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom sei nicht eine
    menschliche Wohnstätte, sondern ein psychisches Wesen von ähnlich
    langer und reichhaltiger Vergangenheit, in dem also nichts, was
    einmal zustande gekommen war, untergegangen ist, in dem neben
    der letzten Entwicklungsphase auch alle früheren noch fortbestehen.
    Das würde für Rom also bedeuten, daß auf dem Palatin die Kaiser-

  • S.

    36

    paläste und das Septizonium des Septimius Severus sich noch zur
    alten Höhe erheben, daß die Engelsburg noch auf ihren Zinnen
    die schönen Statuen trägt, mit denen sie bis zur Gotenbelagerung
    geschmückt war, usw. Aber noch mehr: an der Stelle des Palazzo
    Caffarelli stünde wieder, ohne daß man dieses Gebäude abzutragen
    brauchte, der Tempel des Kapitolinischen Jupiter, und zwar dieser
    nicht nur in seiner letzten Gestalt, wie ihn die Römer der Kaiserzeit
    sahen, sondern auch in seiner frühesten, als er noch etruskische
    Formen zeigte und mit tönernen Antifixen geziert war. Wo jetzt
    das Coliseo steht, könnten wir auch die verschwundene Domus
    aurea des Nero bewundern; auf dem Pantheonplatze fänden wir
    nicht nur das heutige Pantheon, wie es uns von Hadrian hinter-
    lassen wurde, sondern auf demselben Grund auch den ursprüng-
    lichen Bau des M. Agrippa; ja, derselbe Boden trüge die Kirche
    Maria sopra Minerva und den alten Tempel, über dem sie gebaut
    ist. Und dabei brauchte es vielleicht nur eine Änderung der Blick-
    richtung oder des Standpunktes von seiten des Beobachters, um
    den einen oder den anderen Anblick hervorzurufen.

    Es hat offenbar keinen Sinn, diese Phantasie weiter auszuspinnen,
    sie führt zu Unvorstellbarem, ja zu Absurdem. Wenn wir das
    historische Nacheinander räumlich darstellen wollen, kann es nur
    durch ein Nebeneinander im Raum geschehen; derselbe Raum ver-
    trägt nicht zweierlei Ausfüllung. Unser Versuch scheint eine müßige
    Spielerei zu sein; er hat nur eine Rechtfertigung; er zeigt uns, wie
    weit wir davon entfernt sind, die Eigentümlichkeiten des seelischen
    Lebens durch anschauliche Darstellung zu bewältigen.

    Zu einem Einwand sollten wir noch Stellung nehmen. Er fragt
    uns, warum wir gerade die Vergangenheit einer Stadt ausgewählt
    haben, um sie mit der seelischen Vergangenheit zu vergleichen.
    Die Annahme der Erhaltung alles Vergangenen gilt auch für das
    Seelenleben nur unter der Bedingung, daß das Organ der Psyche
    intakt geblieben ist, daß sein Gewebe nicht durch Trauma oder
    Entzündung gelitten hat. Zerstörende Einwirkungen, die man diesen

  • S.

    37

    Krankheitsursachen gleichstellen könnte, werden aber in der Ge-
    schichte keiner Stadt vermißt, auch wenn sie eine minder bewegte
    Vergangenheit gehabt hat als Rom, auch wenn sie, wie London,
    kaum je von einem Feind heimgesucht wurde. Die friedlichste
    Entwicklung einer Stadt schließt Demolierungen und Ersetzungen
    von Bauwerken ein, und darum ist die Stadt von vorneherein für
    einen solchen Vergleich mit einem seelischen Organismus un-
    geeignet.

    Wir weichen diesem Einwand, wenden uns unter Verzicht auf
    eine eindrucksvolle Kontrastwirkung zu einem immerhin verwandteren
    Vergleichsobjekt, wie es der tierische oder menschliche Leib ist.
    Aber auch hier finden wir das nämliche. Die früheren Phasen
    der Entwicklung sind in keinem Sinn mehr erhalten, sie sind in
    den späteren, zu denen sie den Stoff geliefert haben, aufgegangen.
    Der Embryo läßt sich im Erwachsenen nicht nachweisen, die
    Thymusdrüse, die das Kind besaß, ist nach der Pubertät durch
    Bindegewebe ersetzt, aber selbst nicht mehr vorhanden; in den
    Röhrenknochen des reifen Mannes kann ich zwar den Umriß des
    kindlichen Knochens einzeichnen, aber dieser selbst ist vergangen,
    indem er sich streckte und verdickte, bis er seine endgültige Form
    erhielt. Es bleibt dabei, daß eine solche Erhaltung aller Vorstufen
    neben der Endgestaltung nur im Seelischen möglich ist, und daß
    wir nicht in der Lage sind, uns dies Vorkommen anschaulich zu
    machen.

    Vielleicht gehen wir in dieser Annahme zu weit. Vielleicht
    sollten wir uns zu behaupten begnügen, daß das Vergangene im
    Seelenleben erhalten bleiben kann, nicht notwendigerweise
    zerstört werden muß. Es ist immerhin möglich, daß auch im
    Psychischen manches Alte – in der Norm oder ausnahmsweise –
    so weit verwischt oder aufgezehrt wird, daß es durch keinen Vor-
    gang mehr wiederhergestellt und wiederbelebt werden kann, oder
    daß die Erhaltung allgemein an gewisse günstige Bedingungen
    geknüpft ist. Es ist möglich, aber wir wissen nichts darüber. Wir

  • S.

    38

    dürfen nur daran festhalten, daß die Erhaltung des Vergangenen
    im Seelenleben eher Regel als befremdliche Ausnahme ist.

    Wenn wir so durchaus bereit sind, anzuerkennen, es gebe bei
    vielen Menschen ein „ozeanisches“ Gefühl, und geneigt, es auf
    eine frühe Phase des Ichgefühls zurückzuführen, erhebt sich die
    weitere Frage, welchen Anspruch hat dieses Gefühl, als die Quelle
    der religiösen Bedürfnisse angesehen zu werden.

    Mir erscheint dieser Anspruch nicht zwingend. Ein Gefühl kann
    doch nur dann eine Energiequelle sein, wenn es selbst der Ausdruck
    eines starken Bedürfnisses ist. Für die religiösen Bedürfnisse scheint
    mir die Ableitung von der infantilen Hilflosigkeit und der durch
    sie geweckten Vatersehnsucht unabweisbar, zumal da sich dies Gefühl
    nicht einfach aus dem kindlichen Leben fortsetzt, sondern durch
    die Angst vor der Übermacht des Schicksals dauernd erhalten wird.
    Ein ähnlich starkes Bedürfnis aus der Kindheit wie das nach dem
    Vaterschutz wüßte ich nicht anzugeben. Damit ist die Rolle des
    ozeanischen Gefühls, das etwa die Wiederherstellung des unein-
    geschränkten Narzißmus anstreben könnte, vom Vordergrund ab-
    gedrängt. Bis zum Gefühl der kindlichen Hilflosigkeit kann man
    den Ursprung der religiösen Einstellung in klaren Umrissen ver-
    folgen. Es mag noch anderes dahinterstecken, aber das verhüllt
    einstweilen der Nebel.

    Ich kann mir vorstellen, daß das ozeanische Gefühl nachträglich
    in Beziehungen zur Religion geraten ist. Dies Eins-sein mit dem
    All, was als Gedankeninhalt ihm zugehört, spricht uns ja an wie
    ein erster Versuch einer religiösen Tröstung, wie ein anderer Weg
    zur Ableugnung der Gefahr, die das Ich als von der Außenwelt
    drohend erkennt. Ich wiederhole das Bekenntnis, daß es mir sehr
    beschwerlich ist, mit diesen kaum faßbaren Größen zu arbeiten.
    Ein anderer meiner Freunde, den ein unstillbarer Wissensdrang
    zu den ungewöhnlichsten Experimenten getrieben und endlich zum
    Allwisser gemacht hat, versicherte mir, daß man in den Yoga-
    praktiken durch Abwendung von der Außenwelt, durch Bindung

  • S.

    39

    der Aufmerksamkeit an körperliche Funktionen, durch besondere
    Weisen der Atmung tatsächlich neue Empfindungen und Allgemein-
    gefühle in sich erwecken kann, die er als Regressionen zu uralten,
    längst überlagerten Zuständen des Seelenlebens auffassen will. Er
    sieht in ihnen eine sozusagen physiologische Begründung vieler
    Weisheiten der Mystik. Beziehungen zu manchen dunklen Modi-
    fikationen des Seelenlebens, wie Trance und Ekstase, lägen hier
    nahe. Allein mich drängt es, auch einmal mit den Worten des
    Schillerschen Tauchers auszurufen:

    „Es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht.“

    II

    In meiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion“ handelte es sich
    weit weniger um die tiefsten Quellen des religiösen Gefühls, als
    vielmehr um das, was der gemeine Mann unter seiner Religion
    versteht, um das System von Lehren und Verheißungen, das ihm
    einerseits die Rätsel dieser Welt mit beneidenswerter Vollständig-
    keit aufklärt, anderseits ihm zusichert, daß eine sorgsame Vorsehung
    über sein Leben wachen und etwaige Versagungen in einer jen-
    seitigen Existenz gutmachen wird. Diese Vorsehung kann der gemeine
    Mann sich nicht anders als in der Person eines großartig erhöhten
    Vaters vorstellen. Nur ein solcher kann die Bedürfnisse des Menschen-
    kindes kennen, durch seine Bitten erweicht, durch die Zeichen
    seiner Reue beschwichtigt werden. Das Ganze ist so offenkundig
    infantil, so wirklichkeitsfremd, daß es einer menschenfreundlichen
    Gesinnung schmerzlich wird zu denken, die große Mehrheit der
    Sterblichen werde sich niemals über diese Auffassung des Lebens
    erheben können. Noch beschämender wirkt es zu erfahren, ein wie
    großer Anteil der heute Lebenden, die es einsehen müssen, daß
    diese Religion nicht zu halten ist, doch Stück für Stück von ihr
    in kläglichen Rückzugsgefechten zu verteidigen sucht. Man möchte
    sich in die Reihen der Gläubigen mengen, um den Philosophen,