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    VI

    Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung gehabt wie
    diesmal, daß ich allgemein Bekanntes darstelle, Papier und Tinte,
    in weiterer Folge Setzerarbeit und Druckerschwärze aufbiete, um
    eigentlich selbstverständliche Dinge zu erzählen. Darum greife ich
    es gerne auf, wenn sich der Anschein ergibt, daß die Anerkennung
    eines besonderen, selbständigen Aggressionstriebes eine Abänderung
    der psychoanalytischen Trieblehre bedeutet.

    Es wird sich zeigen, daß dem nicht so ist, daß es sich bloß
    darum handelt, eine Wendung, die längst vollzogen worden ist,
    schärfer zu fassen und in ihre Konsequenzen zu verfolgen. Von allen
    langsam entwickelten Stücken der analytischen Theorie hat sich die
    Trieblehre am mühseligsten vorwärts getastet. Und sie war doch
    dem Ganzen so unentbehrlich, daß irgend etwas an ihre Stelle
    gerückt werden mußte. In der vollen Ratlosigkeit der Anfänge
    gab mir der Satz des Dichterphilosophen Schiller den ersten
    Anhalt, daß „Hunger und Liebe“ das Getriebe der Welt zusam-
    menhalten. Der Hunger konnte als Vertreter jener Triebe gelten,
    die das Einzelwesen erhalten wollen, die Liebe strebt nach Ob-
    jekten; ihre Hauptfunktion, von der Natur in jeder Weise be-
    günstigt, ist die Erhaltung der Art. So traten zuerst Ichtriebe und
    Objekttriebe einander gegenüber. Für die Energie der letzteren, und
    ausschließlich für sie, führte ich den Namen Libido ein; somit lief der
    Gegensatz zwischen den Ichtrieben und den aufs Objekt gerichteten
    „libidinösen“ Trieben der Liebe im weitesten Sinne. Einer von diesen
    Objekttrieben, der sadistische, tat sich zwar dadurch hervor, daß sein
    Ziel so gar nicht liebevoll war, auch schloß er sich offenbar in
    manchen Stücken den Ichtrieben an, konnte seine nahe Verwandt-
    schaft mit Bemächtigungstrieben ohne libidinöse Absicht nicht ver-
    bergen, aber man kam über diese Unstimmigkeit hinweg; der
    Sadismus gehörte doch offenbar zum Sexualleben, das grausame Spiel

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    konnte das zärtliche ersetzen. Die Neurose erschien als der Ausgang
    eines Kampfes zwischen dem Interesse der Selbstbewahrung und den
    Anforderungen der Libido, ein Kampf, in dem das Ich gesiegt hatte,
    aber um den Preis schwerer Leiden und Verzichte.

    Jeder Analytiker wird zugeben, daß dies auch heute nicht wie
    ein längst überwundener Irrtum klingt. Doch wurde eine Ab-
    änderung unerläßlich, als unsere Forschung vom Verdrängten zum
    Verdrängenden, von den Objekttrieben zum Ich fortschritt. Ent-
    scheidend wurde hier die Einführung des Begriffes Narzißmus, d. h.
    die Einsicht, daß das Ich selbst mit Libido besetzt ist, sogar deren
    ursprüngliche Heimstätte sei und gewissermaßen auch ihr Haupt-
    quartier bleibe. Diese narzißtische Libido wendet sich den Ob-
    jekten zu, wird so zur Objektlibido und kann sich in narzißtische
    Libido zurückverwandeln. Der Begriff Narzißmus machte es möglich,
    die traumatische Neurose sowie viele den Psychosen nahestehende
    Affektionen und diese selbst analytisch zu erfassen. Die Deutung
    der Übertragungsneurosen als Versuche des Ichs, sich der Sexualität
    zu erwehren, brauchte nicht verlassen zu werden, aber der Begriff
    der Libido geriet in Gefahr. Da auch die Ichtriebe libidinös waren,
    schien es eine Weile unvermeidlich, Libido mit Triebenergie über-
    haupt zusammenfallen zu lassen, wie C. G. Jung schon früher
    gewollt hatte. Doch blieb etwas zurück wie eine noch nicht zu
    begründende Gewißheit, daß die Triebe nicht alle von gleicher
    Art sein können. Den nächsten Schritt machte ich in „Jenseits des
    Lustprinzips“ (1920), als mir der Wiederholungszwang und der
    konservative Charakter des Trieblebens zuerst auffiel. Ausgehend
    von Spekulationen über den Anfang des Lebens und von biologi-
    schen Parallelen zog ich den Schluß, es müsse außer dem Trieb,
    die lebende Substanz zu erhalten und zu immer größeren Ein-
    heiten zusammenzufassen,1) einen anderen, ihm gegensätzlichen,

    1)Der Gegensatz, in den hierbei die rastlose Ausbreitungstendenz des Eros zur
    allgemeinen konservativen Natur der Triebe tritt, ist auffällig und kann der Ausgangs-
    punkt weiterer Problemstellungen werden.

  • S.

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    geben, der diese Einheiten aufzulösen und in den uranfänglichen,
    anorganischen Zustand zurückzuführen strebe. Also außer dem Eros
    einen Todestrieb; aus dem Zusammen-
    und Gegeneinanderwirken
    dieser beiden ließen sich die Phänomene des Lebens erklären. Nun
    war es nicht leicht, die Tätigkeit dieses angenommenen Todestriebs
    aufzuzeigen. Die Äußerungen des Eros waren auffällig und geräusch-
    voll genug; man konnte annehmen, daß der Todestrieb stumm im
    Inneren des Lebewesens an dessen Auflösung arbeite, aber das
    war natürlich kein Nachweis. Weiter führte die Idee, daß sich
    ein Anteil des Triebes gegen die Außenwelt wende und dann als
    Trieb zur Aggression und Destruktion zum Vorschein komme.
    Der Trieb würde so selbst in den Dienst des Eros gezwängt,
    indem das Lebewesen anderes, Belebtes wie Unbelebtes, anstatt
    seines eigenen Selbst vernichtete. Umgekehrt würde die Ein-
    schränkung dieser Aggression nach außen die ohnehin immer
    vor sich gehende Selbstzerstörung steigern müssen. Gleichzeitig
    konnte man aus diesem Beispiel erraten, daß die beiden Trieb-
    arten selten – vielleicht niemals – voneinander isoliert auf-
    treten, sondern sich in verschiedenen, sehr wechselnden Men-
    gungsverhältnissen miteinander legieren und dadurch unserem
    Urteil unkenntlich machen. Im längst als Partialtrieb der Se-
    xualität bekannten Sadismus hätte man eine derartige besonders
    starke Legierung des Liebesstrebens mit dem Destruktionstrieb
    vor sich, wie in seinem Widerpart, im Masochismus, eine Ver-
    bindung der nach innen gerichteten Destruktion mit der Se-
    xualität, durch welche die sonst unwahrnehmbare Strebu-
    ng eben
    auffällig und fühlbar wird.

    Die Annahme des Todes- oder Destruktionstriebes hat selbst in
    analytischen Kreisen Widerstand gefunden; ich weiß, daß vielfach
    die Neigung besteht, alles, was an der Liebe gefährlich und feind-
    selig gefunden wird, lieber einer ursprünglichen Bipolarität ihres
    eigenen Wesens zuzuschreiben. Ich hatte die hier entwickelten
    Auffassungen anfangs nur versuchsweise vertreten, aber im Laufe

  • S.

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    der Zeit haben sie eine solche Macht über mich gewonnen, daß
    ich nicht mehr anders denken kann. Ich meine, sie sind theoretisch
    ungleich brauchbarer als alle möglichen anderen, sie stellen jene
    Vereinfachung ohne Vernachlässigung oder Vergewaltigung der
    Tatsachen her, nach der wir in der wissenschaftlichen Arbeit
    streben. Ich erkenne, daß wir im Sadismus und Masochismus
    die stark mit Erotik legierten Äußerungen des nach außen und
    nach innen gerichteten Destruktionstriebes immer vor uns ge-
    sehen haben, aber ich verstehe nicht mehr, daß wir die Ubi-
    quität der nicht erotischen Aggression und Destruktion über-
    sehen und versäumen konnten, ihr die gebührende Stellung in
    der Deutung des Lebens einzuräumen. (Die nach innen ge-
    wendete Destruktionssucht entzieht sich ja, wenn sie nicht erotisch
    gefärbt ist, meist der Wahrnehmung.) Ich erinnere mich meiner
    eigenen Abwehr, als die Idee des Destruktionstriebs zuerst in
    der psychoanalytischen Literatur auftauchte, und wie lange es
    dauerte, bis ich für sie empfänglich wurde. Daß andere die-
    selbe Ablehnung zeigten und noch zeigen, verwundert mich
    weniger. Denn die Kindlein, sie hören es nicht gerne, wenn
    die angeborene Neigung des Menschen zum „Bösen“, zur Ag-
    gression, Destruktion und damit auch zur Grausamkeit erwähnt
    wird. Gott hat sie ja zum Ebenbild seiner eigenen Vollkommen-
    heit geschaffen, man will nicht daran gemahnt werden, wie schwer
    es ist, die – trotz der Beteuerungen der Christian Science –
    unleugbare Existenz des Bösen mit seiner Allmacht oder seiner
    Allgüte zu vereinen. Der Teufel wäre zur Entschuldigung Gottes
    die beste Auskunft, er würde dabei dieselbe ökonomisch entlastende
    Rolle übernehmen, wie der Jude in der Welt des arischen Ideals.
    Aber selbst dann: man kann doch von Gott ebensowohl Rechen-
    schaft für die Existenz des Teufels verlangen, wie für die des
    Bösen, das er verkörpert. Angesichts dieser Schwierigkeiten ist es
    für jedermann ratsam, an geeigneter Stelle eine tiefe Verbeugung
    vor der tief sittlichen Natur des Menschen zu machen; es verhilft

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    einem zur allgemeinen Beliebtheit und es wird einem manches
    dafür nachgesehen.1)

    Der Name Libido kann wiederum für die Kraftäußerungen des
    Eros verwendet werden, um sie von der Energie des Todestriebs
    zu sondern.2) Es ist zuzugestehen, daß wir letzteren um so viel
    schwerer erfassen, gewissermaßen nur als Rückstand hinter dem
    Eros erraten und daß er sich uns entzieht, wo er nicht durch die
    Legierung mit dem Eros verraten wird. Im Sadismus, wo er das
    erotische Ziel in seinem Sinne umbiegt, dabei doch das sexuelle
    Streben voll befriedigt, gelingt uns die klarste Einsicht in sein
    Wesen und seine Beziehung zum Eros. Aber auch wo er ohne
    sexuelle Absicht auftritt, noch in der blindesten Zerstörungswut
    läßt sich nicht verkennen, daß seine Befriedigung mit einem außer-
    ordentlich hohen narzißtischen Genuß verknüpft ist, indem sie dem
    Ich die Erfüllung seiner alten Allmachtswünsche zeigt. Gemäßigt
    und gebändigt, gleichsam zielgehemmt, muß der Destruktionstrieb,
    auf die Objekte gerichtet, dem Ich die Befriedigung seiner Lebens-
    bedürfnisse und die Herrschaft über die Natur verschaffen. Da
    seine Annahme wesentlich auf theoretischen Gründen ruht, muß


    1)Ganz besonders überzeugend wirkt die Identifizierung des bösen Prinzips mit
    dem Destruktionstrieb in Goethes Mephistopheles:

    „Denn alles, was entsteht,
    Ist wert, daß es zu Grunde geht.
     



    So ist denn alles, was Ihr Sünde,
    Zerstörung, kurz das Böse nennt,
    Mein eigentliches Element.“

     

    Als seinen Gegner nennt der Teufel selbst nicht das Heilige, das Gute, sondern
    die Kraft der Natur zum Zeugen, zur Mehrung des Lebens, also den Eros.


    „Der Luft, dem Wasser, wie der Erden
    Entwinden tausend Keime sich,
    Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!
    Hätt’ ich mir nicht die Flamme vorbehalten,
    Ich hätte nichts Apartes für mich.“

    2)Unsere gegenwärtige Auffassung kann man ungefähr in dem Satz ausdrücken,
    daß an jeder Triebäußerung Libido beteiligt ist, aber daß nicht alles an ihr Libido ist.

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    man zugeben, daß sie auch gegen theoretische Einwendungen nicht
    voll gesichert ist. Aber so erscheint es uns eben jetzt beim gegen-
    wärtigen Stand unserer Einsichten; zukünftige Forschung und
    Überlegung wird gewiß die entscheidende Klarheit bringen.

    Für alles Weitere stelle ich mich also auf den Standpunkt, daß
    die Aggressionsneigung eine ursprüngliche, selbständige Trieban-
    lage des Menschen ist, und komme darauf zurück, daß die Kultur
    ihr stärkstes Hindernis in ihr findet. Irgendeinmal im Laufe dieser
    Untersuchung hat sich uns die Einsicht aufgedrängt, die Kultur
    sei ein besonderer Prozeß, der über die Menschheit abläuft, und
    wir stehen noch immer unter dem Banne dieser Idee. Wir fügen
    hinzu, sie sei ein Prozeß im Dienste des Eros, der vereinzelte
    menschliche Individuen, später Familien, dann Stämme, Völker,
    Nationen zu einer großen Einheit, der Menschheit, zusammenfassen
    wolle. Warum das geschehen müsse, wissen wir nicht; das sei eben
    das Werk des Eros. Diese Menschenmengen sollen libidinös an-
    einander gebunden werden; die Notwendigkeit allein, die Vorteile
    der Arbeitsgemeinschaft werden sie nicht zusammenhalten. Diesem
    Programm der Kultur widersetzt sich aber der natürliche Aggressions-
    trieb der Menschen, die Feindseligkeit eines gegen alle und aller
    gegen einen. Dieser Aggressionstrieb ist der Abkömmling und
    Hauptvertreter des Todestriebes, den wir neben dem Eros gefunden
    haben, der sich mit ihm in die Weltherrschaft teilt. Und nun,
    meine ich, ist uns der Sinn der Kulturentwicklung nicht mehr
    dunkel. Sie muß uns den Kampf zwischen Eros und Tod, Lebens-
    trieb und Destruktionstrieb zeigen, wie er sich an der Menschen-
    art vollzieht. Dieser Kampf ist der wesentliche Inhalt des Lebens
    überhaupt und darum ist die Kulturentwicklung kurzweg zu be-
    zeichnen als der Lebenskampf der Menschenart.1) Und diesen Streit
    der Giganten wollen unsere Kinderfrauen beschwichtigen mit dem
    „Eiapopeia vom Himmel“!


    1)Wahrscheinlich mit der näheren Bestimmung: wie er sich von einem gewissen,
    noch zu erratenden Ereignis an gestalten mußte.