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Vater begonnen wurde, vollendet sich an der Masse. Ist die Kultur
der notwendige Entwicklungsgang von der Familie zur Menschheit,
so ist unabosbar mit ihr verbunden, als Folge des mitgeborenen
Ambivalenzkonflikts, als Folge des ewigen Haders zwischen Liebe
und Todesstreben, die Steigerung des Schuldgefühls vielleicht bis
zu Höhen, die der Einzelne schwer erträglich findet. Man gedenkt
der ergreifenden Anklage des großen Dichters gegen die „himm-
lischen Mächte“:„Ihr führt in’s Leben uns hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt Ihr ihn der Pein,
Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.“1)Und man darf wohl aufseufzen bei der Erkenntnis, daß es ein-
zelnen Menschen gegeben ist, aus dem Wirbel der eigenen Gefühle
die tiefsten Einsichten doch eigentlich mühelos heraufzuholen, zu
denen wir anderen uns durch qualvolle Unsicherheit und rastloses
Tasten den Weg zu bahnen haben.VIII
Am Ende eines solchen Weges angelangt, muß der Autor seine
Leser um Entschuldigung bitten, daß er ihnen kein geschickter
Führer gewesen, ihnen das Erlebnis oder Strecken und beschwer-
licher Umwege nicht erspart hat. Es ist kein Zweifel, daß man
es besser machen kann. Ich will versuchen, nachträglich etwas gut-
zumachen.Zunächst vermute ich bei den Lesern den Eindruck, daß die
Erörterungen über das Schuldgefühl den Rahmen dieses Aufsatzes
sprengen, indem sie zuviel Raum für sich einnehmen und ihren
anderen Inhalt, mit dem sie nicht immer innig zusammenhängen,
an den Rand drängen. Das mag den Aufbau der Abhandlung ge-
stört haben, entspricht aber durchaus der Absicht, das Schuldgefühl1)Goethe, Lieder des Harfners in „Wilhelm Meister“.
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als das wichtigste Problem der Kulturentwicklung hinzustellen und
darzutun, daß der Preis für den Kulturfortschritt in der Glücks-
einbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird.1) Was
an diesem Satz, dem Endergebnis unserer Untersuchung, noch be-
fremdlich klingt, läßt sich wahrscheinlich auf das ganz sonderbare,
noch durchaus unverstandene Verhältnis des Schuldgefühls zu un-
serem Bewußtsein zurückführen. In den gemeinen, uns als normal
geltenden Fällen von Reue macht es sich dem Bewußtsein deutlich
genug wahrnehmbar; wir sind doch gewöhnt, anstatt Schuldgefühl
„Schuldbewußtsein“ zu sagen. Aus dem Studium der Neurosen,
denen wir doch die wertvollsten Winke zum Verständnis des Nor-
malen danken, ergeben sich widerspruchsvolle Verhältnisse. Bei
einer dieser Affektionen, der Zwangsneurose, drängt sich das Schuld-
gefühl überlaut dem Bewußtsein auf, es beherrscht das Krankheits-
bild wie das Leben der Kranken, läßt kaum anderes neben sich
aufkommen. Aber in den meisten anderen Fällen und Formen von
Neurose bleibt es völlig unbewußt, ohne darum geringfügigere
Wirkungen zu äußern. Die Kranken glauben uns nicht, wenn wir
ihnen ein „unbewußtes Schuldgefühl“ zumuten; um nur halbwegs
von ihnen verstanden zu werden, erzählen wir ihnen von einem
unbewußten Strafbedürfnis, in dem sich das Schuldgefühl äußert.
Aber die Beziehung zur Neurosenform darf nicht überschätzt werden;1)„So macht Gewissen Feige aus uns allen...“
Daß sie dem jugendlichen Menschen verheimlicht, welche Rolle die Sexualität in
seinem Leben spielen wird, ist nicht der einzige Vorwurf, den man gegen die heutige
Erziehung erheben muß. Sie sündigt außerdem darin, daß sie ihn nicht auf die
Aggression vorbereitet, deren Objekt er zu werden bestimmt ist. Indem sie die Jugend
mit so unrichtiger psychologischer Orientierung ins Leben entläßt, benimmt sich die
Erziehung nicht anders, als wenn man Leute, die auf eine Polarexpedition gehen, mit
Sommerkleidern und Karten der oberitalischen Seen ausrüsten würde. Dabei wird
ein gewisser Mißbrauch der ethischen Forderungen deutlich. Die Strenge derselben
würde nicht viel schaden, wenn die Erziehung sagte: So sollten die Menschen sein,
um glücklich zu werden und andere glücklich zu machen; aber man muß damit
rechnen, daß sie nicht so sind. Anstatt dessen läßt man den Jugendlichen glauben,
daß alle anderen die ethischen Vorschriften erfüllen, also tugendhaft sind. Damit
begründet man die Forderung, daß er auch so werde.S.
103
es gibt auch bei der Zwangsneurose Typen von Kranken, die ihr
Schuldgefühl nicht wahrnehmen oder es als ein quälendes Un-
behagen, eine Art von Angst erst dann empfinden, wenn sie an
der Ausführung gewisser Handlungen verhindert werden. Diese
Dinge sollte man endlich einmal verstehen können, man kann es
noch nicht. Vielleicht ist hier die Bemerkung willkommen, daß das
Schuldgefühl im Grunde nichts ist als eine topische Abart der Angst,
in seinen späteren Phasen fällt es ganz mit der Angst vor dem
Über-Ich zusammen. Und bei der Angst zeigen sich im Ver-
hältnis zum Bewußtsein dieselben außerordentlichen Variationen.
Irgendwie steckt die Angst hinter allen Symptomen, aber bald
nimmt sie lärmend das Bewußtsein ganz für sich in Anspruch,
bald verbirgt sie sich so vollkommen, daß wir genötigt sind, von un-
bewußter Angst oder – wenn wir ein reineres psychologisches
Gewissen haben wollen, da ja die Angst zunächst nur eine Emp-
findung ist, – von Angstmöglichkeiten zu reden. Und darum ist
es sehr wohl denkbar, daß auch das durch die Kultur erzeugte
Schuldbewußtsein nicht als solches erkannt wird, zum großen Teil
unbewußt bleibt oder als ein Unbehagen, eine Unzufriedenheit zum
Vorschein kommt, für die man andere Motivierungen sucht. Die
Religionen wenigstens haben die Rolle des Schuldgefühls in der
Kultur nie verkannt. Sie treten ja, was ich an anderer Stelle nicht
gewürdigt hatte,1) auch mit dem Anspruch auf, die Menschheit von
diesem Schuldgefühl, das sie Sünde heißen, zu erlösen. Aus der
Art, wie im Christentum diese Erlösung gewonnen wird, durch
den Opfertod eines Einzelnen, der damit eine allen gemeinsame
Schuld auf sich nimmt, haben wir ja einen Schluß darauf gezogen,
welches der erste Anlaß zur Erwerbung dieser Urschuld, mit der
auch die Kultur begann, gewesen sein mag.2)Es kann nicht sehr wichtig werden, mag aber nicht überflüssig
sein, daß wir die Bedeutung einiger Worte wie: Über-Ich, Ge-1)Ich meine: Die Zukunft einer Illusion (1927). (Ges. Schr. Bd. XI.)
2)Totem und Tabu (1912). (Ges. Schr. Bd. X.)
S.
104
wissen, Schuldgefühl, Strafbedürfnis, Reue erläutern, die wir viel-
leicht oft zu lose und eines fürs andere gebraucht haben. Alle
beziehen sich auf dasselbe Verhältnis, benennen aber verschiedene
Seiten desselben. Das Über-Ich ist eine von uns erschlossene Instanz,
das Gewissen eine Funktion, die wir ihm neben anderen zu-
schreiben, die die Handlungen und Absichten des Ichs zu über-
wachen und zu beurteilen hat, eine zensoriſche Tätigkeit ausübt.
Das Schuldgefühl, die Härte des Über-Ichs, ist also dasselbe wie
die Strenge des Gewissens, ist die dem Ich zugeteilte Wahrnehmung,
daß es in solcher Weise überwacht wird, die Abschätzung der
Spannung zwischen seinen Strebungen und den Forderungen des
Über-Ichs, und die der ganzen Beziehung zugrunde liegende Angst
vor dieser kritischen Instanz, das Strafbedürfnis, ist eine Trieb-
äußerung des Ichs, das unter dem Einfluß des sadistischen Über-
Ichs masochistisch geworden ist, d. h. ein Stück des in ihm vor-
handenen Triebes zur inneren Destruktion zu einer erotischen
Bindung an das Über-Ich verwendet. Vom Gewissen sollte man
nicht eher sprechen, als bis ein Über-Ich nachweisbar ist; vom
Schuldbewußtsein muß man zugeben, daß es früher besteht als
das Über-Ich, also auch als das Gewissen. Es ist dann der unmittel-
bare Ausdruck der Angst vor der äußeren Autorität, die Aner-
kennung der Spannung zwischen dem Ich und dieser letzteren,
der direkte Abkömmling des Konflikts zwischen dem Bedürfnis
nach deren Liebe und dem Drang nach Triebbefriedigung, dessen
Hemmung die Neigung zur Aggression erzeugt. Die Übereinander-
lagerung dieser beiden Schichten des Schuldgefühls – aus Angst
vor der äußeren und vor der inneren Autorität – hat uns manchem
Einblick in die Beziehungen des Gewissens erschwert. Reue ist
eine Gesamtbezeichnung für die Reaktion des Ichs in einem Falle
des Schuldgefühls, enthält das wenig umgewandelte Empfindungs-
material der dahinter wirksamen Angst, ist selbst eine Strafe und
kann das Strafbedürfnis einschließen; auch sie kann also älter sein
als das Gewissen.S.
105
Es kann auch nichts schaden, daß wir uns nochmals die Wider-
sprüche vorführen, die uns eine Weile bei unserer Untersuchung
verwirrt haben. Das Schuldgefühl sollte einmal die Folge unter-
lassener Aggressionen sein, aber ein andermal und gerade bei seinem
historischen Anfang, der Vatertötung, die Folge einer ausgeführten
Aggression. Wir fanden auch den Ausweg aus dieser Schwierigkeit.
Die Einsetzung der inneren Autorität, des Über-
Ichs, hat eben die
Verhältnisse gründlich geändert. Vorher fiel das Schuldgefühl mit
der Reue zusammen; wir merken dabei, daß die Bezeichnung Reue
für die Reaktion nach wirklicher Ausführung der Aggression zu
reservieren ist. Nachher verlor infolge der Allwissenheit des Über-
Ichs der Unterschied zwischen beabsichtigter und erfüllter Aggression
seine Kraft; nun konnte sowohl eine wirklich ausgeführte Gewalttat
Schuldgefühl erzeugen – wie alle Welt weiß – als auch eine
bloß beabsichtigte – wie die Psychoanalyse erkannt hat. Über die
Veränderung der psychologischen Situation hinweg hinterläßt der
Ambivalenzkonflikt der beiden Urtriebe die nämliche Wirkung.
Die Versuchung liegt nahe, hier die Lösung des Rätsels von der
wechselvollen Beziehung des Schuldgefühls zum Bewußtsein zu
suchen. Das Schuldgefühl aus Reue über die böse Tat mußte immer
bewußt sein, das aus Wahrnehmung des bösen Impulses könnte
unbewußt bleiben. Allein so einfach ist das nicht, die Zwangs-
neurose widerspricht dem energisch. Der zweite Widerspruch war,
daß die aggressive Energie, mit der man das Über-
Ich ausgestattet
denkt, nach einer Auffassung bloß die Strafenergie der äußeren
Autorität fortsetzt und für das Seelenleben erhält, während eine
andere Auffassung meint, es sei vielmehr die nicht zur Verwendung
gelangte eigene Aggression, die man gegen diese hemmende Autorität
aufbringt. Die erste Lehre schien sich der Geschichte, die zweite
der Theorie des Schuldgefühls besser anzupassen. Eingehendere
Überlegung hat den anscheinend unversöhnlichen Gegensatz beinahe
allzuviel verwischt; es blieb als wesentlich und gemeinsam übrig,
daß es sich um eine nach innen verschobene Aggression handelt.S.
106
Die klinische Beobachtung gestattet wiederum, wirklich zwei Quellen
für die dem Über-Ich zugeschriebene Aggression zu unterscheiden,
von denen im einzelnen Fall die eine oder die andere die stärkere
Wirkung ausübt, die im allgemeinen aber zusammenwirken.Hier ist, meine ich, der Ort, eine Auffassung ernsthaft zu ver-
treten, die ich vorhin zur vorläufigen Annahme empfohlen hatte.
In der neuesten analytischen Literatur zeigt sich eine Vorliebe für
die Lehre, daß jede Art von Versagung, jede verhinderte Trieb-
befriedigung eine Steigerung des Schuldgefühls zur Folge habe oder
haben könnte.1) Ich glaube, man schafft sich eine große theoretische
Erleichterung, wenn man das nur von den aggressiven Trieben
gelten läßt, und man wird nicht viel finden, was dieser Annahme
widerspricht. Wie soll man es denn dynamisch und ökonomisch
erklären, daß an Stelle eines nicht erfüllten erotischen Anspruchs
eine Steigerung des Schuldgefühls auftritt? Das scheint doch nur
auf dem Umwege möglich, daß die Verhinderung der erotischen
Befriedigung ein Stück Aggressionsneigung gegen die Person hervor-
ruft, welche die Befriedigung stört, und daß diese Aggression selbst
wieder unterdrückt werden muß. Dann aber ist es doch nur die
Aggression, die sich in Schuldgefühl umwandelt, indem sie unter-
drückt und dem Über-Ich zugeschoben wird. Ich bin überzeugt,
wir werden viele Vorgänge einfacher und durchsichtiger darstellen
können, wenn wir den Fund der Psychoanalyse zur Ableitung des
Schuldgefühls auf die aggressiven Triebe einschränken. Die Be-
fragung des klinischen Materials gibt hier keine eindeutige Antwort,
weil unserer Voraussetzung gemäß die beiden Triebarten kaum
jemals rein, voneinander isoliert, auftreten; aber die Würdigung
extremer Fälle wird wohl nach der Richtung weisen, die ich er-
warte. Ich bin versucht, von dieser strengeren Auffassung einen
ersten Nutzen zu ziehen, indem ich sie auf den Verdrängungs-
vorgang anwende. Die Symptome der Neurosen sind, wie wir ge-1)Insbesondere bei E. Jones, Susan Isaacs, Melanie Klein; wie ich verstehe,
aber auch bei Reik und Alexander.S.
107
lernt haben, wesentlich Ersatzbefriedigungen für unerfüllte sexuelle
Wünsche. Im Laufe der analytischen Arbeit haben wir zu unserer
Überraschung erfahren, daß vielleicht jede Neurose einen Betrag
von unbewußtem Schuldgefühl verhüllt, der wiederum die Sym-
ptome durch ihre Verwendung zur Strafe befestigt. Nun liegt es
nahe, den Satz zu formulieren: wenn eine Triebstrebung der Ver-
drängung unterliegt, so werden ihre libidinösen Anteile in Sym-
ptome, ihre aggressiven Komponenten in Schuldgefühl umgesetzt.
Auch wenn dieser Satz nur in durchschnittlicher Annäherung richtig
ist, verdient er unser Interesse.Manche Leser dieser Abhandlung mögen auch unter dem Ein-
druck stehen, daß sie die Formel vom Kampf zwischen Eros und
Todestrieb zu oft gehört haben. Sie sollte den Kulturprozeß kenn-
zeichnen, der über die Menschheit abläuft, wurde aber auch auf die
Entwicklung des Einzelnen bezogen und sollte überdies das Ge-
heimnis des organischen Lebens überhaupt enthüllt haben. Es
scheint unabweisbar, die Beziehungen dieser drei Vorgänge zu-
einander zu untersuchen. Nun ist die Wiederkehr derselben Formel
durch die Erwägung gerechtfertigt, daß der Kulturprozeß der
Menschheit wie die Entwicklung des Einzelnen auch Lebensvor-
gänge sind, also am allgemeinsten Charakter des Lebens Anteil
haben müssen. Anderseits trägt gerade darum der Nachweis dieses
allgemeinen Zuges nichts zur Unterscheidung bei, solange dieser
nicht durch besondere Bedingungen eingeengt wird. Wir können
uns also erst bei der Aussage beruhigen, der Kulturprozeß sei jene
Modifikation des Lebensprozesses, die er unter dem Einfluß einer
vom Eros gestellten, von der Ananke, der realen Not angeregten
Aufgabe erfährt, und diese Aufgabe ist die Vereinigung vereinzelter
Menschen zu einer unter sich libidinös verbundenen Gemeinschaft.
Fassen wir aber die Beziehung zwischen dem Kulturprozeß der
Menschheit und dem Entwicklungs- oder Erziehungsprozeß des ein-
zelnen Menschen ins Auge, so werden wir uns ohne viel Schwanken
dafür entscheiden, daß die beiden sehr ähnlicher Natur sind, wennS.
108
nicht überhaupt derselbe Vorgang an andersartigen Objekten. Der
Kulturprozeß der Menschenart ist natürlich eine Abstraktion von
höherer Ordnung als die Entwicklung des Einzelnen, darum schwerer
anschaulich zu erfassen, und die Aufspürung von Analogien soll
nicht zwanghaft übertrieben werden; aber bei der Gleichartigkeit
der Ziele – hier die Einreihung eines Einzelnen in eine mensch-
liche Masse, dort die Herstellung einer Masseneinheit aus vielen
Einzelnen – kann die Ähnlichkeit der dazu verwendeten Mittel und
der zustandekommenden Phänomene nicht überraschen. Ein die
beiden Vorgänge unterscheidender Zug darf wegen seiner außer-
ordentlichen Bedeutsamkeit nicht lange unerwähnt bleiben. Im
Entwicklungsprozeß des Einzelmenschen wird das Programm des
Lustprinzips, Glücksbefriedigung zu finden, als Hauptziel festgehalten,
die Einreihung in oder Anpassung an eine menschliche Gemein-
schaft erscheint als eine kaum zu vermeidende Bedingung, die auf
dem Wege zur Erreichung dieses Glücksziels erfüllt werden soll.
Ginge es ohne diese Bedingung, so wäre es vielleicht besser. Anders
ausgedrückt: die individuelle Entwicklung erscheint uns als ein
Produkt der Interferenz zweier Strebungen, des Strebens nach Glück,
das wir gewöhnlich „egoistisch“ und des Strebens nach Ver-
einigung mit den anderen in der Gemeinschaft, das wir „al-
truistisch“ heißen. Beide Bezeichnungen gehen nicht viel über die
Oberfläche hinaus. In der individuellen Entwicklung fällt, wie ge-
sagt, der Hauptakzent meist auf die egoistische oder Glücksstrebung,
die andere, „kulturell“ zu nennende, begnügt sich in der Regel
mit der Rolle einer Einschränkung. Anders beim Kulturprozeß;
hier ist das Ziel der Herstellung einer Einheit aus den menschlichen
Individuen bei weitem die Hauptsache, das Ziel der Beglückung
besteht zwar noch, aber es wird in den Hintergrund gedrängt;
fast scheint es, die Schöpfung einer großen menschlichen Gemein-
schaft würde am besten gelingen, wenn man sich um das Glück
des Einzelnen nicht zu kümmern brauchte. Der Entwicklungsprozeß
des Einzelnen darf also seine besonderen Züge haben, die sich imS.
109
Kulturprozeß der Menschheit nicht wiederfinden; nur insofern dieser
erstere Vorgang den Anschluß an die Gemeinschaft zum Ziel hat,
muß er mit dem letzteren zusammenfallen.Wie der Planet noch um seinen Zentralkörper kreist, außer daß
er um die eigene Achse rotiert, so nimmt auch der einzelne Mensch
am Entwicklungsgang der Menschheit teil, während er seinen
eigenen Lebensweg geht. Aber unserem blöden Auge scheint das
Kräftespiel am Himmel zu ewig gleicher Ordnung erstarrt; im
organischen Geschehen sehen wir noch, wie die Kräfte miteinander
ringen und die Ergebnisse des Konflikts sich beständig verändern.
So haben auch die beiden Strebungen, die nach individuellem Glück
und die nach menschlichem Anschluß, bei jedem Individuum mit
einander zu kämpfen, so müssen die beiden Prozesse der indivi-
duellen und der Kulturentwicklung einander feindlich begegnen
und sich gegenseitig den Boden bestreiten. Aber dieser Kampf
zwischen Individuum und Gesellschaft ist nicht ein Abkömmling
des wahrscheinlich unversöhnlichen Gegensatzes der Urtriebe, Eros
und Tod, er bedeutet einen Zwist im Haushalt der Libido, ver-
gleichbar dem Streit um die Aufteilung der Libido zwischen dem
Ich und den Objekten, und er läßt einen endlichen Ausgleich zu
beim Individuum, wie hoffentlich auch in der Zukunft der Kultur,
mag er gegenwärtig das Leben des Einzelnen noch so sehr be-
schweren.Die Analogie zwischen dem Kulturprozeß und dem Entwick-
lungsweg des Individuums läßt sich um ein bedeutsames Stück
erweitern. Man darf nämlich behaupten, daß auch die Gemein-
schaft ein Über-Ich ausbildet, unter dessen Einfluß sich die Kultur-
entwicklung vollzieht. Es mag eine verlockende Aufgabe für einen
Kenner menschlicher Kulturen sein, diese Gleichstellung ins Einzelne
zu verfolgen. Ich will mich auf die Hervorhebung einiger auf-
fälliger Punkte beschränken. Das Über-Ich einer Kulturepoche hat
einen ähnlichen Ursprung wie das des Einzelmenschen, es ruht
auf dem Eindruck, den große Führerpersönlichkeiten hinterlassenS.
110
haben, Menschen von überwältigender Geisteskraft oder solche, in
denen eine der menschlichen Strebungen die stärkste und reinste,
darum oft auch einseitigste, Ausbildung gefunden hat. Die Analogie
geht in vielen Fällen noch weiter, indem diese Personen – häufig
genug, wenn auch nicht immer – zu ihrer Lebenszeit von den
anderen verspottet, mißhandelt oder selbst auf grausame Art be-
seitigt wurden, wie ja auch der Urvater erst lange nach seiner
gewaltsamen Tötung zur Göttlichkeit aufstieg. Für diese Schicksals-
verknüpfung ist gerade die Person Jesu Christi das ergreifendste
Beispiel, wenn sie nicht etwa dem Myth-
us angehört, der sie in
dunkler Erinnerung an jenen Urvorgang ins Leben rief. Ein anderer
Punkt der Übereinstimmung ist, daß das Kultur-Über-Ich ganz wie
das des Einzelnen strenge Ideal-forderungen aufstellt, deren Nicht-
befolgung durch „Gewissensangst“ gestraft wird. Ja, hier stellt sich
der merkwürdige Fall her, daß die hierher gehörigen seelischen
Vorgänge uns von der Seite der Masse vertrauter, dem Bewußtsein
zugänglicher sind, als sie es beim Einzelmenschen werden können.
Bei diesem machen sich nur die Aggressionen des Über-Ichs im
Falle der Spannung als Vorwürfe überlaut vernehmbar, während
die Forderungen selbst im Hintergrunde oft unbewußt bleiben.
Bringt man sie zur bewußten Erkenntnis, so zeigt sich, daß sie
mit den Vorschriften des jeweiligen Kultur-Über-Ichs zusammen
fallen. An dieser Stelle sind sozusagen beide Vorgänge, der kulturelle
Entwicklungsprozeß der Menge und der eigene des Individuums
regelmäßig miteinander verklebt. Manche Äußerungen und Eigen-
schaften des Über-Ichs können darum leichter an seinem Verhalten
in der Kulturgemeinschaft als beim Einzelnen erkannt werden.Das Kultur-Über-Ich hat seine Ideale ausgebildet und erhebt
seine Forderungen. Unter den letzteren werden die, welche die
Beziehungen der Menschen zueinander betreffen, als Ethik zu-
sammengefaßt. Zu allen Zeiten wurde auf diese Ethik der größte
Wert gelegt, als ob man gerade von ihr besonders wichtige Lei-
stungen erwartete. Und wirklich wendet sich die Ethik jenemS.
111
Punkt zu, der als die wundeste Stelle jeder Kultur leicht kenntlich
ist. Die Ethik ist also als ein therapeutischer Versuch aufzufassen,
als Bemühung, durch ein Gebot des Über-Ichs zu erreichen, was
bisher durch sonstige Kulturarbeit nicht zu erreichen war. Wir
wissen bereits, es fragt sich hier darum, wie das größte Hindernis
der Kultur, die konstitutionelle Neigung der Menschen zur Aggression
gegeneinander, wegzuräumen ist, und gerade darum wird uns das
wahrschein-
lich jüngste der kulturellen Über-Ich-Gebote besonders
interessant, das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. In
der Neurosenforschung und Neurosentherapie kommen wir dazu,
zwei Vorwürfe gegen das Über-Ich des Einzelnen zu erheben: Es
kümmert sich in der Strenge seiner Gebote und Verbote zu wenig
um das Glück des Ichs, indem es die Widerstände gegen die
Befolgung, die Triebstärke des Es und die Schwierigkeiten der
realen Umwelt nicht genügend in Rechnung bringt. Wir sind
daher in therapeutischer Absicht sehr oft genötigt, das Über-Ich
zu bekämpfen, und bemühen uns, seine Ansprüche zu erniedrigen.
Ganz ähnliche Einwendungen können wir gegen die ethischen
Forderungen des Kultur-Über-Ichs erheben. Auch dies kümmert
sich nicht genug um die Tatsachen der seelischen Konstitution des
Menschen, es erläßt ein Gebot und fragt nicht, ob es dem Menschen
möglich ist, es zu befolgen. Vielmehr, es nimmt an, daß dem Ich
des Menschen alles psychologisch möglich ist, was man ihm auf-
trägt, daß dem Ich die unumschränkte Herrschaft über sein Es
zusteht. Das ist ein Irrtum, und auch bei den sogenannt normalen
Menschen läßt sich die Beherrschung des Es nicht über bestimmte
Grenzen steigern. Fordert man mehr, so erzeugt man bei dem Ein-
zelnen Auflehnung oder Neurose oder macht ihn unglücklich. Das
Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist die stärkste
Abwehr der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes Bei-
spiel für das unpsychologische Vorgehen des Kultur-Über-Ichs. Das
Gebot ist undurchführbar; eine so großartige Inflation der Liebe
kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die Not beseitigen. DieS.
112
Kultur vernachlässigt all das; sie mahnt nur, je schwerer die Be-
folgung der Vorschrift ist, desto verdienstvoller ist sie. Allein wer
in der gegenwärtigen Kultur eine solche Vorschrift einhält, setzt
sich nur in Nachteil gegen den, der sich über sie hinaussetzt.
Wie gewaltig muß das Kulturhindernis der Aggression sein, wenn
die Abwehr derselben ebenso unglücklich machen kann wie die
Aggression selbst! Die sogenannte natürliche Ethik hat hier nichts
zu bieten außer der narzißtischen Befriedigung, sich für besser
halten zu dürfen, als die anderen sind. Die Ethik, die sich an die
Religion anlehnt, läßt hier ihre Versprechungen eines besseren
Jenseits eingreifen. Ich meine, solange sich die Tugend nicht schon
auf Erden lohnt, wird die Ethik vergeblich predigen. Es scheint
auch mir unzweifelhaft, daß eine reale Veränderung in den Be-
ziehungen der Menschen zum Besitz hier mehr Abhilfe bringen
wird als jedes ethische Gebot; doch wird diese Einsicht bei den
Sozialisten durch ein neuerliches idealistisches Verkennen der mensch-
lichen Natur getrübt und für die Ausführung entwertet.Die Betrachtungsweise, die in den Erscheinungen der Kultur-
entwicklung die Rolle eines Über-Ichs verfolgen will, scheint mir
noch andere Aufschlüsse zu versprechen. Ich eile zum Abschluß.
Einer Frage kann ich allerdings schwer ausweichen. Wenn die
Kulturentwicklung so weitgehende Ähnlichkeit mit der des Einzelnen
hat und mit denselben Mitteln arbeitet, soll man nicht zur Diagnose
berechtigt sein, daß manche Kulturen, — oder Kulturepochen, —
möglicherweise die ganze Menschheit — unter dem Einfluß der
Kulturstrebungen „neurotisch“ geworden sind? An die analytische
Zergliederung dieser Neurosen könnten therapeutische Vorschläge
anschließen, die auf großes praktisches Interesse Anspruch hätten.
Ich könnte nicht sagen, daß ein solcher Versuch zur Übertragung
der Psychoanalyse auf die Kulturgemeinschaft unsinnig oder zur
Unfruchtbarkeit verurteilt wäre. Aber man müßte sehr vorsichtig
sein, nicht vergessen, daß es sich doch nur um Analogien handelt,
und daß es nicht nur bei Menschen, sondern auch bei BegriffenS.
113
gefährlich ist, sie aus der Sphäre zu reißen, in der sie entstan-
den und entwickelt worden sind. Auch stößt die Diagnose der Gemein-
schaftsneurosen auf eine besondere Schwierigkeit. Bei der Einzel-
neurose dient uns als nächster Anhalt der Kontrast, in dem sich
der Kranke von seiner als „normal“ angenommenen Umgebung
abhebt. Ein solcher Hintergrund entfällt bei einer gleichartig
affizierten Masse, er müßte anderswoher geholt werden. Und was
die therapeutische Verwendung der Einsicht betrifft, was hülfe die
zutreffendste Analyse der sozialen Neurose, da niemand die Autorität
besitzt, der Masse die Therapie aufzudrängen? Trotz aller dieser
Erschwerungen darf man erwarten, daß jemand eines Tages das
Wagnis einer solchen Pathologie der kulturellen Gemeinschaften
unternehmen wird.Eine Wertung der menschlichen Kultur zu geben, liegt mir aus
den verschiedensten Motiven sehr ferne. Ich habe mich bemüht,
das enthusiastische Vorurteil von mir abzuhalten, unsere Kultur
sei das Kostbarste, was wir besitzen oder erwerben können, und
ihr Weg müsse uns notwendigerweise zu Höhen ungeahnter Voll-
kommenheit führen. Ich kann wenigstens ohne Entrüstung den
Kritiker anhören, der meint, wenn man die Ziele der Kultur-
strebung und die Mittel, deren sie sich bedient, ins Auge faßt,
müsse man zu dem Schlusse kommen, die ganze Anstrengung sei
nicht der Mühe wert, und das Ergebnis könne nur ein Zustand
sein, den der Einzelne unerträglich finden muß. Meine Unpartei-
lichkeit wird mir dadurch leicht, daß ich über all diese Dinge
sehr wenig weiß, mit Sicherheit nur das eine, daß die Werturteile
der Menschen unbedingt von ihren Glückwünschen geleitet werden,
also ein Versuch sind, ihre Illusionen mit Argumenten zu stützen.
Ich verstünde es sehr wohl, wenn jemand den zwangsläufigen
Charakter der menschlichen Kultur hervorheben und z. B. sagen
würde, die Neigung zur Einschränkung des Sexuallebens oder zur
Durchsetzung des Humanitätsideals auf Kosten der natürlichen Aus-
lese seien Entwicklungsrichtungen, die sich nicht abwenden undS.
114
nicht ablenken lassen, und denen man sich am besten beugt, wie
wenn es Naturnotwendigkeiten wären. Ich kenne auch die Ein-
wendung dagegen, daß solche Strebungen, die man für unüber-
windbar hielt, oft im Laufe der Menschheitsgeschichte beiseite
geworfen und durch andere ersetzt worden sind. So sinkt mir der
Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich
beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich ihnen keinen Trost zu bringen
weiß, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Re-
volutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Fromm-
gläubigen.Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und
in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der
Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions-
und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug ver-
dient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Inter-
esse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Natur-
kräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben,
einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das,
daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks,
ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten, daß die andere
der beiden „himmlischen Mächte“, der ewige Eros, eine An-
strengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso
unsterblichen Gegner zu behaupten. Aber wer kann den Erfolg und
Ausgang voraussehen?
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Das Unbehagen in der Kultur1930-001/1934