S.
Das Unbehagen in der Kultur 39
der Aufmerksamkeit an körperliche Funktionen, durch besondere
Weisen der Atmung tatsächlich neue Empfindungen und Allgemein-
gefühle in sich erwecken kann, die er als Regressionen zu uralten,
längst überlagerten Zuständen des Seelenlebens auffassen will. Er
sieht in ihnen eine sozusagen physiologische Begründung vieler
Weisheiten der Mystik. Beziehungen zu manchen dunklen Modi-
fikationen des Seelenlebens, wie Trance und Ekstase, lägen hier
nahe. Allein mich drängt es, auch einmal mit den Worten des
Schillerschen Tauchers auszurufen:
„Es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht.“II
In meiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion" handelte es sich
weit weniger um die tiefsten Quellen des religiösen Gefiihls, als
vielmehr um das, was der gemeine Mann unter seiner Religion
versteht, um das System von Lehren und VerheiBungen, das ihm
einerseits die Rätsel dieser Welt mit beneidenswerter Vollståndig-
keit aufklårt, anderseits ihm zusichert, daß eine sorgsame Vorsehung
über sein Leben wachen und etwaige Versagungen in einer jen-
seitigen Existenz gutmachen wird. Diese Vorsehung kann der gemeine
Mann sich nicht anders als in der Person eines großartig erhöhten
Vaters vorstellen. Nur ein solcher kann die Bediirfnisse des Menschen-
kindes kennen, durch seine Bitten erweicht, durch die Zeichen
seiner Reue beschwichtigt werden. Das Ganze ist so offenkundig
infantil, so wirklichkeitsfremd, daB es einer menschenfreundlichen
Gesinnung schmerzlich wird zu denken, die große Mehrheit der
Sterblichen werde sich niemals über diese Auffassung des Lebens
erheben können. Noch beschämender wirkt es zu erfahren, ein wie
großer Anteil der heute Lebenden, die es einsehen müssen, daß
diese Religion nicht zu halten ist, doch Stück für Stück von ihr
in kläglichen Rückzugsgefechten zu verteidigen sucht. Man möchte
sich in die Reihen der Gläubigen mengen, um den Philosophen,S.
40 Schriften aus den Jahren 1928—1933
die den Gott der Religion zu retten glauben, indem sie ihn durch
ein unpersónliches, schattenhaft abstraktes Prinzip ersetzen, die
Mahnung vorzuhalten: Du sollst den Namen des Herrn nicht zum
Eitlen anrufen! Wenn einige der größten Geister vergangener
Zeiten das gleiche getan haben, so darf man sich hierin nicht auf
sie berufen. Man weiß, warum sie so mußten.Wir kehren zum gemeinen Mann und zu seiner Religion zurück,
der einzigen, die diesen Namen tragen sollte. Da tritt uns zunächst
die bekannte Äußerung eines unserer großen Dichter und Weisen
entgegen, die sich über das Verhältnis der Religion zur Kunst
und Wissenschaft ausspricht. Sie lautet:„Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
hat auch Religion;Wer jene beiden nicht besitzt,
der habe Religion!
Dieser Spruch bringt einerseits die Religion in einen Gegensatz
zu den beiden Hóchstleistungen des Menschen, anderseits behauptet
er, daB sie einander in ihrem Lebenswert vertreten oder ersetzen
können. Wenn wir auch dem gemeinen Mann die Religion be-
streiten wollen, haben wir offenbar die Autorität des Dichters nicht
auf unserer Seite. Wir versuchen einen besonderen Weg, um uns
der Würdigung seines Satzes zu nähern. Das Leben, wie es uns
auferlegt ist, ist zu schwer fiir uns, es bringt uns zuviel Schmerzen,
Enttäuschungen, unläsbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können
wir Linderungsmittel nicht entbehren. (Es geht nicht ohne Hilfs-
konstruktionen, hat uns Theodor Fontane gesagt.) Solcher Mittel
gibt es vielleicht dreierlei: michtige Ablenkungen, die uns unser
Elend gering schätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern,
Rauschstoffe, die uns fiir dasselbe unempfindlich machen. Irgend-
etwas dieser Art ist unerláBlich? Auf die Ablenkungen zielt Voltaire,1) Goethe in den ,Zahmen Xenien“ IX. (Gedichte aus dem Nachlaß).
2) Auf erniedrigtem Niveau sagt Wilhelm Busch in der ,Frommen Helene“
dasselbe: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“S.
Das Unbehagen in der Kultur 41
wenn er seinen , Candide“ in den Rat ausklingen läßt, seinen
Garten zu bearbeiten; solch eine Ablenkung ist auch die wissen-
schaftliche Titigkeit. Die Ersatzbefriedigungen, wie die Kunst sie
bietet, sind gegen die Realität Illusionen, darum nicht minder
psychisch wirksam dank der Rolle, die die Phantasie im Seelen-
leben behauptet hat. Die Rauschmittel beeinflussen unser Körper-
liches, ändern seinen Chemismus. Es ist nicht einfach, die Stellung
der Religion innerhalb dieser Reihe anzugeben. Wir werden weiter
ausholen miissen.Die Frage nach dem Zweck des menschlichen Lebens ist un-
gezåhlte Male gestellt worden; sie hat noch nie eine befriedigende
Antwort gefunden, läßt eine solche vielleicht überhaupt nicht zu.
Manche Fragesteller haben hinzugefiigt: wenn sich ergeben sollte,
daB das Leben keinen Zweck hat, dann wiirde es jeden Wert fiir
sie verlieren. Aber diese Drohung ändert nichts. Es scheint viel-
mehr, daB man ein Recht dazu hat, die Frage abzulehnen. Ihre
Voraussetzung scheint jene menschliche Uberhebung, von der wir
soviel andere AuBerungen bereits kennen. Von einem Zweck des
Lebens der Tiere wird nicht gesprochen, wenn deren Bestimmung
nicht etwa darin besteht, dem Menschen zu dienen. Allein auch
das ist nicht haltbar, denn mit vielen Tieren weiß der Mensch
nichts anzufangen — außer, daß er sie beschreibt, klassifiziert,
studiert — und ungezählte Tierarten haben sich auch dieser Ver-
wendung entzogen, indem sie lebten und ausstarben, ehe der Mensch
sie gesehen hatte. Es ist wiederum nur die Religion, die die Frage
nach einem Zweck des Lebens zu beantworten weiß. Man wird
kaum irren, zu entscheiden, daß die Idee eines Lebenszweckes mit
dem religiösen System steht und fällt.Wir wenden uns darum der anspruchsloseren Frage zu, was die
Menschen selbst durch ihr Verhalten als Zweck und Absicht ihres
Lebens erkennen lassen, was sie vom Leben fordern, in ihm er-
reichen wollen. Die Antwort darauf ist kaum zu verfehlen; sie
streben nach dem Glück, sie wollen glücklich werden und so bleiben.S.
42 Schriften aus den Jahren 1928—1933
Dies Streben hat zwei Seiten, ein positives und ein negatives Ziel,
es will einerseits die Abwesenheit von Schmerz und Unlust, ander-
seits das Erleben starker Lustgefiihle. Im engeren Wortsinne wird
„Glück“ nur auf das letztere bezogen. Entsprechend dieser Zwei-
teilung der Ziele entfaltet sich die Titigkeit der Menschen nach
zwei Richtungen, je nachdem sie das eine oder das andere dieser
Ziele — vorwiegend oder selbst ausschlieBlich — zu verwirklichen
sucht.Es ist, wie man merkt, einfach das Programm des Lustprinzips,
das den Lebenszweck setzt. Dies Prinzip beherrscht die Leistung
des seelischen Apparates vom Anfang an; an seiner Zweckdienlichkeit
kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader
mit der ganzen Welt, mit dem Makrokosmos ebensowohl wie mit
dem Mikrokosmos. Es ist überhaupt nicht durchführbar, alle Ein-
richtungen des Alls widerstreben ihm; man möchte sagen, die
Absicht, daß der Mensch „glücklich“ sei, ist im Plan der „Schöpfung“
nicht enthalten. Was man im strengsten Sinne Glück heißt, ent-
springt der eher plötzlichen Befriedigung hoch aufgestauter Be-
dürfnisse und ist seiner Natur nach nur als episodisches Phänomen
möglich. Jede Fortdauer einer vom Lustprinzip ersehnten Situation
ergibt nur ein Gefühl von lauem Behagen; wir sind so eingerichtet,
daß wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand
nur sehr wenig.‘ Somit sind unsere Glücksmöglichkeiten schon
durch unsere Konstitution beschränkt. Weit weniger Schwierigkeiten
hat es, Unglück zu erfahren. Von drei Seiten droht das Leiden,
vom eigenen Körper her, der, zu Verfall und Auflösung bestimmt,
sogar Schmerz und Angst als Warnungssignale nicht entbehren
kann, von der Außenwelt, die mit übermächtigen, unerbittlichen,
zerstörenden Kräften gegen uns wüten kann, und endlich aus den
Beziehungen zu anderen Menschen. Das Leiden, das aus dieser
Quelle stammt, empfinden wir vielleicht schmerzlicher als jedesı) Goethe mahnt sogar: „Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von
schönen Tagen“. Das mag immerhin eine Übertreibung sein.S.
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andere; wir sind geneigt, es als eine gewissermaßen überflüssige
Zutat anzusehen, obwohl es nicht weniger schicksalsmäßig unab-
wendbar sein dürfte als das Leiden anderer Herkunft.Kein Wunder, wenn unter dem Druck dieser Leidensmöglich-
keiten die Menschen ihren Glücksanspruch zu ermäßigen pflegen,
wie ja auch das Lustprinzip selbst sich unter dem Einfluß der
Außenwelt zum bescheideneren Realitätsprinzip umbildete, wenn
man sich bereits glücklich preist, dem Unglück entgangen zu sein,
das Leiden überstanden zu haben, wenn ganz allgemein die Auf-
gabe der Leidvermeidung die der Lustgewinnung in den Hinter-
grund drängt. Die Überlegung lehrt, daß man die Lösung dieser
Aufgabe auf sehr verschiedenen Wegen versuchen kann; alle diese
Wege sind von den einzelnen Schulen der Lebensweisheit empfohlen
und von den Menschen begangen worden. Uneingeschränkte Be-
friedigung aller Bedürfnisse drängt sich als die verlockendste Art
der Lebensführung vor, aber das heißt den Genuß vor die Vor-
sicht setzen und straft sich nach kurzem Betrieb. Die anderen
Methoden, bei denen die Vermeidung von Unlust die vorwiegende
Absicht ist, scheiden sich je nach der Unlustquelle, der sie die
größere Aufmerksamkeit zuwenden. Es gibt da extreme und ge-
mäßigte Verfahren, einseitige und solche, die zugleich an mehreren
Stellen angreifen. Gewollte Vereinsamung, Fernhaltung von den
anderen ist der nächstliegende Schutz gegen das Leid, das einem
aus menschlichen Beziehungen erwachsen kann. Man versteht: das
Glück, das man auf diesem Weg erreichen kann, ist das der Ruhe.
Gegen die gefürchtete Außenwelt kann man sich nicht anders als
durch irgendeine Art der Abwendung verteidigen, wenn man diese
Aufgabe für sich allein lösen will. Es gibt freilich einen anderen
und besseren Weg, indem man als ein Mitglied der menschlichen
Gemeinschaft mit Hilfe der von der Wissenschaft geleiteten Technik
zum Angriff auf die Natur übergeht und sie menschlichem Willen
unterwirft. Man arbeitet dann mit Allen am Glück Aller. Die
interessantesten Methoden zur Leidverhütung sind aber die, dieS.
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den eigenen Organismus zu beeinflussen versuchen. Endlich ist alles
Leid nur Empfindung, es besteht nur, insofern wir es verspüren,
und wir verspüren es nur infolge gewisser Einrichtungen unseres
Organismus.Die roheste, aber auch wirksamste Methode solcher Beeinflussung
ist die chemische, die Intoxikation. Ich glaube nicht, daß irgendwer
ihren Mechanismus durchschaut, aber es ist Tatsache, daß es
körperfremde Stoffe gibt, deren Anwesenheit in Blut und Geweben
uns unmittelbare Lustempfindungen verschafft, aber auch die Be-
dingungen unseres Empfindungslebens so verändert, daß wir zur
Aufnahme von Unlustregungen untauglich werden. Beide Wirkungen
erfolgen nicht nur gleichzeitig, sie scheinen auch innig miteinander
verknüpft. Es muß aber auch in unserem eigenen Chemismus
Stoffe geben, die ähnliches leisten, denn wir kennen wenigstens
einen krankhaften Zustand, die Manie, in dem dies rauschähnliche
Verhalten zustande kommt, ohne daß ein Rauschgift eingeführt
worden wäre. Überdies zeigt unser normales Seelenleben Schwan-
kungen von erleichterter oder erschwerter Lustentbindung, mit denen
eine verringerte oder vergrößerte Empfänglichkeit für Unlust parallel
geht. Es ist sehr zu bedauern, daß diese toxische Seite der seeli-
schen Vorgänge sich der wissenschaftlichen Erforschung bisher
entzogen hat. Die Leistung der Rauschmittel im Kampf um das
Glück und zur Fernhaltung des Elends wird so sehr als Wohl-
tat geschätzt, daß Individuen wie Völker ihnen eine feste Stellung
in ihrer Libidoökonomie eingeräumt haben. Man dankt ihnen
nicht nur den unmittelbaren Lustgewinn, sondern auch ein heiß
ersehntes Stück Unabhängigkeit von der Außenwelt. Man weiß
doch, daß man mit Hilfe des „Sorgenbrechers“ sich jederzeit dem
Druck der Realität entziehen und in einer eigenen Welt mit
besseren Empfindungsbedingungen Zuflucht finden kann. Es ist
bekannt, daß gerade diese Eigenschaft der Rauschmittel auch ihre
Gefahr und Schädlichkeit bedingt. Sie tragen unter Umständen
die Schuld daran, daß große Energiebeträge, die zur VerbesserungS.
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des menschlichen Loses verwendet werden könnten, nutzlos verloren gehen.
Der komplizierte Bau unseres seelischen Apparats gestattet aberauch eine ganze Reihe anderer Beeinflussungen. Wie Triebbefriedigung Glück ist, so wird es Ursache schweren Leidens, wenn dieAußenwelt uns darben läßt, die Sättigung unserer Bedürfnisseverweigert. Man kann also hoffen, durch Einwirkung auf dieseTriebregungen von einem Teil des Leidens frei zu werden. DieseArt der Leidabwehr greift nicht mehr am Empfindungsapparatan, sie sucht der inneren Quellen der Bedürfnisse Herr zu werden.In extremer Weise geschieht dies, indem man die Triebe ertötet,wie die orientalische Lebensweisheit lehrt und die Yogapraxisausführt. Gelingt es, so hat man damit freilich auch alle andereTätigkeit aufgegeben (das Leben geopfert), auf anderem Wegewieder nur das Glück der Ruhe erworben. Den gleichen Wegverfolgt man bei ermäßigten Zielen, wenn man nur die Beherrschung des Trieblebens anstrebt. Das Herrschende sind danndie höheren psychischen Instanzen, die sich dem Realitätsprinzipunterworfen haben. Hierbei wird die Absicht der Befriedigungkeineswegs aufgegeben; ein gewisser Schutz gegen Leiden wirddadurch erreicht, daß die Unbefriedigung der in Abhängigkeit gehaltenen Triebe nicht so schmerzlich empfunden wird wie dieder ungehemmten. Dagegen steht aber eine unleugbare Herabsetzung der Genußmöglichkeiten. Das Glücksgefühl bei Befriedigung einer wilden, vom Ich ungebändigten Triebregung ist unvergleichlich intensiver, als das bei Sättigung eines gezähmten Triebes.Die Unwiderstehlichkeit perverser Impulse, vielleicht der Anreiz desVerbotenen überhaupt, findet hierin eine ökonomische Erklärung.
Eine andere Technik der Leidabwehr bedient sich der Libidoverschiebungen, welche unser seelischer Apparat gestattet, durchdie seine Funktion so viel an Geschmeidigkeit gewinnt. Die zulösende Aufgabe ist, die Triebziele solcherart zu verlegen, daßsie von der Versagung der Außenwelt nicht getroffen werden
S.
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können. Die Sublimierung der Triebe leiht dazu ihre Hilfe. Am
meisten erreicht man, wenn man den Lustgewinn aus den Quellen
psychischer und intellektueller Arbeit genügend zu erhöhen ver-
steht. Das Schicksal kann einem dann wenig anhaben. Die Be-
friedigung solcher Art, wie die Freude des Künstlers am Schaffen,
an der Verkörperung seiner Phantasiegebilde, die des Forschers
an der Lösung von Problemen und am Erkennen der Wahrheit,
haben eine besondere Qualität, die wir gewiß eines Tages werden
metapsychologisch charakterisieren können. Derzeit können wir nur
bildweise sagen, sie erscheinen uns „feiner und höher“, aber ihre
Intensität ist im Vergleich mit der aus der Sättigung grober, pri-
märer Triebregungen gedämpft; sie erschüttern nicht unsere Leib-
lichkeit. Die Schwäche dieser Methode liegt aber darin, daß sie
nicht allgemein verwendbar, nur wenigen Menschen zugänglich
ist. Sie setzt besondere, im wirksamen Ausmaß nicht gerade häufige
Anlagen und Begabungen voraus. Auch diesen Wenigen kann sie
nicht vollkommenen Leidenschutz gewähren, sie schafft ihnen keinen
für die Pfeile des Schicksals undurchdringlichen Panzer und sie pflegt
zu versagen, wenn der eigene Leib die Quelle des Leidens wird.1)1)Wenn nicht besondere Veranlagung den Lebensinteressen gebieterisch die Rich-
tung vorschreibt, kann die gemeine, jedermann zugängliche Berufsarbeit an die Stelle
rücken, die ihr von dem weisen Ratschlag Voltaire’s angewiesen wird. Es ist nicht
möglich, die Bedeutung der Arbeit für die Libidoökonomie im Rahmen einer knappen
Übersicht ausreichend zu würdigen. Keine andere Technik der Lebensführung bindet
den Einzelnen so fest an die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens
in ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher einfügt. Die Mög-
lichkeit, ein starkes Ausmaß libidinöser Komponenten, narzißtische, aggressive und
selbst erotische, auf die Berufsarbeit und auf die mit ihr verknüpften menschlichen
Beziehungen zu verschieben, leiht ihr einen Wert, der hinter ihrer Unerläßlichkeit
zur Behauptung und Rechtfertigung der Existenz in der Gesellschaft nicht zurück-
steht. Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei ge-
wählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte
Triebregungen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet. Und dennoch wird
Arbeit als Weg zum Glück von den Menschen wenig geschätzt. Man drängt sich
nicht zu ihr wie zu anderen Möglichkeiten der Befriedigung. Die große Mehrzahl
der Menschen arbeitet nur notgedrungen, und aus dieser natürlichen Arbeitsscheu
der Menschen leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab.S.
47
Wenn schon bei diesem Verfahren die Absicht deutlich wird,
sich von der Außenwelt unabhängig zu machen, indem man seine
Befriedigungen in inneren, psychischen Vorgängen sucht, so treten
die gleichen Züge noch stärker bei dem nächsten hervor. Hier
wird der Zusammenhang mit der Realität noch mehr gelockert,
die Befriedigung wird aus Illusionen gewonnen, die man als solche
erkennt, ohne sich durch deren Abweichung von der Wirklichkeit
im Genuß stören zu lassen. Das Gebiet, aus dem diese Illusionen
stammen, ist das des Phantasielebens; es wurde seinerzeit, als sich
die Entwicklung des Realitätssinnes vollzog, ausdrücklich den An-
sprüchen der Realitätsprüfung entzogen und blieb für die Erfül-
lung schwer durchsetzbarer Wünsche bestimmt. Obenan unter
diesen Phantasiebefriedigungen steht der Genuß an Werken der
Kunst, der auch dem nicht selbst Schöpferischen durch die Ver-
mittlung des Künstlers zugänglich gemacht wird.1) Wer für den
Einfluß der Kunst empfänglich ist, weiß ihn als Lustquelle und
Lebenströstung nicht hoch genug einzuschätzen. Doch vermag die
milde Narkose, in die uns die Kunst versetzt, nicht mehr als eine
flüchtige Entrückung aus den Nöten des Lebens herbeizuführen
und ist nicht stark genug, um reales Elend vergessen zu machen.Energischer und gründlicher geht ein anderes Verfahren vor,
das den einzigen Feind in der Realität erblickt, die die Quelle alles
Leids ist, mit der sich nicht leben läßt, mit der man darum alle
Beziehungen abbrechen muß, wenn man in irgendeinem Sinne
glücklich sein will. Der Eremit kehrt dieser Welt den Rücken,
er will nichts mit ihr zu schaffen haben. Aber man kann mehr
tun, man kann sie umschaffen wollen, anstatt ihrer eine andere
aufbauen, in der die unerträglichsten Züge ausgetilgt und durch
andere im Sinne der eigenen Wünsche ersetzt sind. Wer in ver-
zweifelter Empörung diesen Weg zum Glück einschlägt, wird in1)Vgl. „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“,
1911, (Ges. Schriften Bd. VI) und „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“,
XXIII (Ges. Schriften Bd. VII).S.
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der Regel nichts erreichen; die Wirklichkeit ist zu stark für ihn.
Er wird ein Wahnsinniger, der in der Durchsetzung seines Wahns
meist keine Helfer findet. Es wird aber behauptet, daß jeder von
uns sich in irgendeinem Punkte ähnlich wie der Paranoiker be-
nimmt, eine ihm unleidliche Seite der Welt durch eine Wunsch-
bildung korrigiert und diesen Wahn in die Realität einträgt. Eine
besondere Bedeutung beansprucht der Fall, daß eine größere An-
zahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich
Glücksversicherung und Leidenschutz durch wahnhafte Umbil-
dung der Wirklichkeit zu schaffen. Als solchen Massenwahn müssen
wir auch die Religionen der Menschheit kennzeichnen. Den Wahn
erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.Ich glaube nicht, daß diese Aufzählung der Methoden, wie die
Menschen das Glück zu gewinnen und das Leiden fernzuhalten
bemüht sind, vollständig ist, weiß auch, daß der Stoff andere An-
ordnungen zuläßt. Eines dieser Verfahren habe ich noch nicht
angeführt; nicht daß ich daran vergessen hätte, sondern weil es
uns noch in anderem Zusammenhange beschäftigen wird. Wie
wäre es auch möglich, gerade an diese Technik der Lebenskunst
zu vergessen! Sie zeichnet sich durch die merkwürdigste Vereini-
gung von charakteristischen Zügen aus. Sie strebt natürlich auch
die Unabhängigkeit vom Schicksal – so nennen wir es am besten –
an und verlegt in dieser Absicht die Befriedigung in innere seelische
Vorgänge, bedient sich dabei der vorhin erwähnten Verschieb-
barkeit der Libido, aber sie wendet sich nicht von der Außen-
welt ab, klammert sich im Gegenteil an deren Objekte und ge-
winnt das Glück aus einer Gefühlsbeziehung zu ihnen. Sie gibt
sich dabei auch nicht mit dem gleichsam müde resignierenden
Ziel der Unlustvermeidung zufrieden, eher geht sie achtlos an
diesem vorbei und hält am ursprünglichen, leidenschaftlichen
Streben nach positiver Glückserfüllung fest. Vielleicht kommt sie
diesem Ziele wirklich näher als jede andere Methode. Ich meine
natürlich jene Richtung des Lebens, welche die Liebe zum Mittel-S.
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punkt nimmt, alle Befriedigung aus dem Lieben und Geliebtwerden
erwartet. Eine solche psychische Einstellung liegt uns allen nahe
genug; eine der Erscheinungsformen der Liebe, die geschlecht-
liche Liebe, hat uns die stärkste Erfahrung einer überwältigenden
Lustempfindung vermittelt und so das Vorbild für unser Glücks-
streben gegeben. Was ist natürlicher, als daß wir dabei beharren,
das Glück auf demselben Wege zu suchen, auf dem wir es zu-
erst begegnet haben. Die schwache Seite dieser Lebenstechnik liegt
klar zu Tage; sonst wäre es auch keinem Menschen eingefallen,
diesen Weg zum Glück für einen anderen zu verlassen. Niemals
sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben,
niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt
oder seine Liebe verloren haben. Aber die auf den Glückswert der
Liebe gegründete Lebenstechnik ist damit nicht erledigt, es ist viel
mehr darüber zu sagen.Hier kann man den interessanten Fall anschließen, daß das
Lebensglück vorwiegend im Genusse der Schönheit gesucht wird,
wo immer sie sich unseren Sinnen und unserem Urteil zeigt, der
Schönheit menschlicher Formen und Gesten, von Naturobjekten und
Landschaften, künstlerischen und selbst wissenschaftlichen Schöpfun-
gen. Diese ästhetische Einstellung zum Lebensziel bietet wenig
Schutz gegen drohende Leiden, vermag aber für vieles zu ent-
schädigen. Der Genuß an der Schönheit hat einen besonderen,
milde berauschenden Empfindungscharakter. Ein Nutzen der Schön-
heit liegt nicht klar zu Tage, ihre kulturelle Notwendigkeit ist
nicht einzusehen, und doch könnte man sie in der Kultur nicht
vermissen. Die Wissenschaft der Ästhetik untersucht die Bedin-
gungen, unter denen das Schöne empfunden wird; über Natur
und Herkunft der Schönheit hat sie keine Aufklärung geben können;
wie gebräuchlich, wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand
an volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt. Leider weiß auch
die Psychoanalyse über die Schönheit am wenigsten zu sagen. Einzig
die Ableitung aus dem Gebiet des Sexualempfindens scheint ge-
S.
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sichert; es wäre ein vorbildliches Beispiel einer zielgehemmten Re-
gung. Die „Schönheit“ und der „Reiz“ sind ursprünglich Eigen-
schaften des Sexualobjekts. Es ist bemerkenswert, daß die Geni-
talien selbst, deren Anblick immer erregend wirkt, doch fast nie
als schön beurteilt werden, dagegen scheint der Charakter der
Schönheit an gewissen sekundären Geschlechtsmerkmalen zu haften.
Trotz dieser Unvollständigkeit getraue ich mich bereits einiger
unsere Untersuchung abschließenden Bemerkungen. Das Programm,
welches uns das Lustprinzip aufdrängt, glücklich zu werden, ist
nicht zu erfüllen, doch darf man – nein, kann man – die
Bemühungen, es irgendwie der Erfüllung näherzubringen, nicht
aufgeben. Man kann sehr verschiedene Wege dahin einschlagen,
entweder den positiven Inhalt des Ziels, den Lustgewinn, oder den
negativen, die Unlustvermeidung, voranstellen. Auf keinem dieser
Wege können wir alles, was wir begehren, erreichen. Das Glück
in jenem ermäßigten Sinn, in dem es als möglich erkannt wird,
ist ein Problem der individuellen Libidoökonomie. Es gibt hier
keinen Rat, der für alle taugt; ein jeder muß selbst versuchen,
auf welche besondere Fasson er selig werden kann. Die mannig-
fachsten Faktoren werden sich geltend machen, um seiner Wahl die
Wege zu weisen. Es kommt darauf an, wieviel reale Befriedigung
er von der Außenwelt zu erwarten hat und inwieweit er veranlaßt
ist, sich von ihr unabhängig zu machen; zuletzt auch, wieviel Kraft
er sich zutraut, diese nach seinen Wünschen abzuändern. Schon
dabei wird außer den äußeren Verhältnissen die psychische Kon-
stitution des Individuums entscheidend werden. Der vorwiegend
erotische Mensch wird die Gefühlsbeziehungen zu anderen Personen
voranstellen, der eher selbstgenügsame Narzißtische die wesentlichen
Befriedigungen in seinen inneren seelischen Vorgängen suchen,
der Tatenmensch von der Außenwelt nicht ablassen, an der er seine
Kraft erproben kann. Für den mittleren dieser Typen wird die Art
seiner Begabung und das Ausmaß der ihm möglichen Trieb-
sublimierung dafür bestimmend werden, wohin er seine Interessen
S.
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verlegen soll. Jede extreme Entscheidung wird sich da-
daß sie das Individuum den Gefahren aussetzt, die die Unzulänglich-
keit der ausschließend gewählten Lebenstechnik mit sich bringt.
Wie der vorsichtige Kaufmann es vermeidet, sein ganzes Kapital
an einer Stelle festzulegen, so wird vielleicht auch die Lebens-
weisheit raten, nicht alle Befriedigung von einer einzigen Strebung
zu erwarten. Der Erfolg ist niemals sicher, er hängt vom Zu-
sammentreffen vieler Momente ab, von keinem vielleicht mehr als
von der Fähigkeit der psychischen Konstitution, ihre Funktion der
Umwelt anzupassen und diese für Lustgewinn auszunützen. Wer
eine besonders ungünstige Triebkonstitution mitgebracht und die
zur späteren Leistung unerläßliche Umbildung und Neuordnung
seiner Libidokomponenten nicht regelrecht durchgemacht hat, wird
es schwer haben, aus seiner äußeren Situation Glück zu gewinnen,
zumal wenn er vor schwierigere Aufgaben gestellt wird. Als letzte
Lebenstechnik, die ihm wenigstens Ersatzbefriedigungen verspricht,
bietet sich ihm die Flucht in die neurotische Krankheit, die er
meist schon in jungen Jahren vollzieht. Wer dann in späterer
Lebenszeit seine Bemühungen um das Glück vereitelt sieht, findet
noch Trost im Lustgewinn der chronischen Intoxikation, oder er
unternimmt den verzweifelten Auflehnungsversuch der Psychose.1)Die Religion beeinträchtigt dieses Spiel der Auswahl und An-
passung, indem sie ihren Weg zum Glückserwerb und Leidens-
schutz allen in gleicher Weise aufdrängt. Ihre Technik besteht
darin, den Wert des Lebens herabzudrücken und das Bild der
realen Welt wahnhaft zu entstellen, was die Einschüchterung der
Intelligenz zur Voraussetzung hat. Um diesen Preis, durch gewalt-
same Fixierung eines psychischen Infantilismus und Einbeziehung
1)Es drängt mich, wenigstens auf eine der Lücken hinzuweisen, die in obiger
Darstellung geblieben sind. Eine Betrachtung der menschlichen Glücksmöglichkeiten
sollte es nicht unterlassen, das relative Verhältnis des Narzißmus zur Objektlibido
in Rechnung zu bringen. Man verlangt zu wissen, was es für die Libidoökonomie
bedeutet, im wesentlichen auf sich selbst gestellt zu sein.S.
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in einen Massenwahn gelingt es der Religion, vielen Menschen die
individuelle Neurose zu ersparen. Aber kaum mehr; es gibt, wie
wir gesagt haben, viele Wege, die zu dem Glück führen können,
wie es dem Menschen erreichbar ist, keinen, der sicher dahin leitet.
Auch die Religion kann ihr Versprechen nicht halten. Wenn der
Gläubige sich endlich genötigt findet, von Gottes „unerforschlichem
Ratschluß“ zu reden, so gesteht er damit ein, daß ihm als letzte
Trostmöglichkeit und Lustquelle im Leiden nur die bedingungslose
Unterwerfung übriggeblieben ist. Und wenn er zu dieser bereit
ist, hätte er sich wahrscheinlich den Umweg ersparen können.III
Unsere Untersuchung über das Glück hat uns bisher nicht viel
gelehrt, was nicht allgemein bekannt ist. Auch wenn wir sie mit
der Frage fortsetzen, warum es für die Menschen so schwer ist,
glücklich zu werden, scheint die Aussicht, Neues zu erfahren, nicht
viel größer. Wir haben die Antwort bereits gegeben, indem wir auf
die drei Quellen hinwiesen, aus denen unser Leiden kommt: die
Übermacht der Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen Körpers und
die Unzulänglichkeit der Einrichtungen, welche die Beziehungen
der Menschen zueinander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln.
In betreff der beiden ersten kann unser Urteil nicht lange schwanken;
es zwingt uns zur Anerkennung dieser Leidensquellen und zur
Ergebung ins Unvermeidliche. Wir werden die Natur nie voll-
kommen beherrschen, unser Organismus, selbst ein Stück dieser
Natur, wird immer ein vergängliches, in Anpassung und Leistung
beschränktes Gebilde bleiben. Von dieser Erkenntnis geht keine
lähmende Wirkung aus; im Gegenteil, sie weist unserer Tätigkeit
die Richtung. Können wir nicht alles Leiden aufheben, so doch
manches, und anderes lindern, mehrtausendjährige Erfahrung hat
uns davon überzeugt. Anders verhalten wir uns zur dritten, zur
sozialen Leidensquelle. Diese wollen wir überhaupt nicht gelten
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Das Unbehagen in der Kultur1930-001/1934