• S.

    74

    V

    Die psychoanalytische Arbeit hat uns ge-
    lehrt, daß gerade diese
    Versagungen des Sexuallebens von den sogenannten Neurotikern
    nicht vertragen werden. Sie schaffen sich in ihren Symptomen
    Ersatzbefriedigungen, die aber entweder an sich Leiden schaffen

    zusammenfallen lassen, was sich in der Tierreihe keineswegs ausnahmslos bestätigt.
    Die Lehre von der Bisexualität liegt noch sehr im Dunkeln, und daß sie noch keine
    Verknüpfung mit der Trieblehre gefunden hat, müssen wir in der Psychoanalyse als
    schwere Störung verspüren. Wie dem auch sein mag, wenn wir als tatsächlich an-
    nehmen, daß der Einzelne in seinem Sexualleben männliche wie weibliche Wünsche
    befriedigen will, sind wir für die Möglichkeit vorbereitet, daß diese Ansprüche nicht
    durch das nämliche Objekt erfüllt werden und daß sie einander stören, wenn es nicht
    gelingt, sie auseinander zu halten und jede Regung in eine besondere, ihr angemessene
    Bahn zu leiten. Eine andere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß der erotischen
    Beziehung außer der ihr eigenen sadistischen Komponente so häufig ein Betrag von
    direkter Aggressionsneigung beigesellt ist. Das Liebesobjekt wird diesen Komplikationen
    nicht immer soviel Verständnis und Toleranz entgegenbringen, wie jene Bäuerin, die
    sich beklagt, daß ihr Mann sie nicht mehr liebt, weil er sie seit einer Woche nicht
    mehr geprügelt hat.

    Am tiefsten reicht aber die Vermutung, die an die Ausführungen in der Anmerkung
    S. 66 anknüpft, daß mit der Aufrichtung des Menschen und der Entwertung des
    Geruchssinnes die gesamte Sexualität, nicht nur die Analerotik, ein Opfer der organischen
    Verdrängung zu werden drohte, so daß seither die sexuelle Funktion von einem weiter
    nicht zu begründenden Widerstreben begleitet wird, das eine volle Befriedigung ver-
    hindert und vom Sexualziel verdrängt zu Sublimierungen und Libidoverschiebungen.
    Ich weiß, daß Bleuler („Der Sexualwiderstand“. Jahrbuch für psychoanalyt. und
    psychopathol. Forschungen, Bd. V, 1913) einmal auf das Vorhandensein einer solchen
    ursprünglichen abweisenden Einstellung zum Sexualleben hingewiesen hat. An der
    Tatsache des „Inter urinas et faeces nascimur“ nehmen alle Neurotiker und viele außer
    ihnen Anstoß. Die Genitalien erzeugen auch starke Geruchsempfindungen, die vielen
    Menschen unerträglich sind und ihnen den Sexualverkehr verleiden. So ergäbe sich
    als tiefste Wurzel der mit der Kultur fortschreitenden Sexualverdrängung die organische
    Abwehr der mit dem aufrechten Gang gewonnenen neuen Lebensform gegen die
    frühere animalische Existenz, ein Resultat wissenschaftlicher Erforschung, das sich
    in merkwürdiger Weise mit oft laut gewordenen banalen Vorurteilen deckt. Immer-
    hin sind dies derzeit nur ungesicherte, von der Wissenschaft nicht erhärtete Möglich-
    keiten. Wir wollen auch nicht vergessen, daß trotz der unleugbaren Entwertung der
    Geruchsreize es selbst in Europa Völker gibt, die die starken, uns so widrigen Genital-
    gerüche als Reizmittel der Sexualität hochschätzen und auf sie nicht verzichten wollen.
    (Siehe die folkloristischen Erhebungen auf die „Umfrage“ von Iwan Bloch „Über
    den Geruchssinn in der vita sexualis“ in verschiedenen Jahrgängen der „Anthro-
    prophyteia“ von Friedrich S. Krauß.)

  • S.

    75

    oder Leidensquelle werden, indem sie ihnen Schwierigkeiten mit
    Umwelt und Gesellschaft bereiten. Das letztere ist leicht verständ-
    lich, das andere gibt uns ein neues Rätsel auf. Die Kultur verlangt
    aber noch andere Opfer als an Sexualbefriedigung.

    Wir haben die Schwierigkeit der Kulturentwicklung als eine
    allgemeine Entwicklungsschwierigkeit aufgefaßt, indem wir sie auf
    die Trägheit der Libido zurückführten, auf deren Abneigung, eine
    alte Position gegen eine neue zu verlassen. Wir sagen ungefähr
    dasselbe, wenn wir den Gegensatz zwischen Kultur und Sexualität
    davon ableiten, daß die sexuelle Liebe ein Verhältnis zwischen zwei
    Personen ist, bei dem ein Dritter nur überflüssig oder störend sein
    kann, während die Kultur auf Beziehungen unter einer größeren
    Menschenanzahl ruht. Auf der Höhe eines Liebesverhältnisses bleibt
    kein Interesse für die Umwelt übrig; das Liebespaar genügt sich
    selbst, braucht auch nicht das gemeinsame Kind, um glücklich zu
    sein. In keinem anderen Falle verrät der Eros so deutlich den
    Kern seines Wesens, die Absicht, aus mehreren einen zu machen,
    aber wenn er dies, wie es sprichwörtlich geworden ist, in der Ver-
    liebtheit zweier Menschen zueinander erreicht hat, will er darüber
    nicht hinausgehen.

    Wir können uns bisher sehr gut vorstellen, daß eine Kultur-
    gemeinschaft aus solchen Doppelindividuen bestünde, die, in sich
    libidinös gesättigt, durch das Band der Arbeits- und Interessen-
    gemeinschaft miteinander verknüpft sind. In diesem Falle brauchte
    die Kultur der Sexualität keine Energie zu entziehen. Aber dieser
    wünschenswerte Zustand besteht nicht und hat niemals bestanden;
    die Wirklichkeit zeigt uns, daß die Kultur sich nicht mit den ihr
    bisher zugestandenen Bindungen begnügt, daß sie die Mitglieder
    der Gemeinschaft auch libidinös aneinander binden will, daß sie
    sich aller Mittel hierzu bedient, jeden Weg begünstigt, starke Identi-
    fizierungen unter ihnen herzustellen, im größten Ausmaße ziel-
    gehemmte Libido aufbietet, um die Gemeinschaftsbande durch
    Freundschaftsbeziehungen zu kräftigen. Zur Erfüllung dieser Ab-

  • S.

    76

    sichten wird die Einschränkung des Sexuallebens unvermeidlich.
    Uns fehlt aber die Einsicht in die Notwendigkeit, welche die Kultur
    auf diesen Weg drängt und ihre Gegnerschaft zur Sexualität be-
    gründet. Es muß sich um einen von uns noch nicht entdeckten
    störenden Faktor handeln.

    Eine der sogenannten Idealforderungen der Kulturgesellschaft
    kann uns hier die Spur zeigen. Sie lautet: „Du sollst den Nächsten
    lieben wie dich selbst“; sie ist weltberühmt, gewiß älter als das
    Christentum, das sie als seinen stolzesten Anspruch vorweist, aber
    sicherlich nicht sehr alt; in historischen Zeiten war sie den Menschen
    noch fremd. Wir wollen uns naiv zu ihr einstellen, als hörten
    wir von ihr zum ersten Male. Dann können wir ein Gefühl von
    Überraschung und Befremden nicht unterdrücken. Warum sollen
    wir das? Was soll es uns helfen? Vor allem aber, wie bringen
    wir das zustande? Wie wird es uns möglich? Meine Liebe ist etwas
    mir Wertvolles, das ich nicht ohne Rechenschaft verwerfen darf.
    Sie legt mir Pflichten auf, die ich mit Opfern zu erfüllen bereit
    sein muß. Wenn ich einen anderen liebe, muß er es auf irgend
    eine Art verdienen. (Ich sehe von dem Nutzen, den er mir bringen
    kann, sowie von seiner möglichen Bedeutung als Sexualobjekt für
    mich ab; diese beiden Arten der Beziehung kommen für die Vor-
    schrift der Nächstenliebe nicht in Betracht.) Er verdient es, wenn
    er mir in wichtigen Stücken so ähnlich ist, daß ich in ihm mich
    selbst lieben kann; er verdient es, wenn er so viel vollkommener
    ist als ich, daß ich mein Ideal von meiner eigenen Person in ihm
    lieben kann; ich muß ihn lieben, wenn er der Sohn meines Freundes
    ist, denn der Schmerz des Freundes, wenn ihm ein Leid zustößt,
    wäre auch mein Schmerz, ich müßte ihn teilen. Aber wenn er
    mir fremd ist und mich durch keinen eigenen Wert, keine bereits
    erworbene Bedeutung für mein Gefühlsleben anziehen kann, wird
    es mir schwer, ihn zu lieben. Ich tue sogar unrecht damit, denn
    meine Liebe wird von all den Meinen als Bevorzugung geschätzt;
    es ist ein Unrecht an ihnen, wenn ich den Fremden ihnen gleich-

  • S.

    77

    stelle. Wenn ich ihn aber lieben soll, mit jener Weltliebe, bloß
    weil er auch ein Wesen dieser Erde ist, wie das Insekt, der Regen-
    wurm, die Ringelnatter, dann wird, fürchte ich, ein geringer Be-
    trag Liebe auf ihn entfallen, unmöglich soviel, als ich nach dem
    Urteil der Vernunft berechtigt bin für mich selbst zurückzubehalten.
    Wozu eine so feierlich auftretende Vorschrift, wenn ihre Erfüllung
    sich nicht als vernünftig empfehlen kann?

    Wenn ich näher zusehe, finde ich noch mehr Schwierigkeiten.

    Dieser Fremde ist nicht nur im allgemeinen nicht liebenswert, ich
    muß ehrlich bekennen, er hat mehr Anspruch auf meine Feind-
    seligkeit, sogar auf meinen Haß. Er scheint nicht die mindeste
    Liebe für mich zu haben, bezeigt mir nicht die geringste Rück-
    sicht. Wenn es ihm einen Nutzen bringt, hat er kein Bedenken,
    mich zu schädigen, fragt sich dabei auch nicht, ob die Höhe seines
    Nutzens der Größe des Schadens, den er mir zufügt, entspricht.

    Ja, er braucht nicht einmal einen Nutzen davon zu haben; wenn
    er nur irgend eine Lust damit befriedigen kann, macht er sich
    nichts daraus, mich zu verspotten, zu beleidigen, zu verleumden, seine
    Macht an mir zu zeigen, und je sicherer er sich fühlt, je hilfloser ich
    bin, desto sicherer darf ich dies Benehmen gegen mich von ihm er-
    warten. Wenn er sich anders verhält, wenn er mir als Fremdem
    Rücksicht und Schonung erweist, bin ich ohnedies, ohne jene Vor-
    schrift, bereit, es ihm in ähnlicher Weise zu vergelten. Ja, wenn
    jenes großartige Gebot lauten würde: Liebe deinen Nächsten wie
    dein Nächster dich liebt, dann würde ich nicht widersprechen. Es
    gibt ein zweites Gebot, das mir noch unfaßbarer scheint und ein
    noch heftigeres Sträuben in mir entfesselt. Es heißt: Liebe deine

    Feinde. Wenn ich's recht überlege, habe ich unrecht, es als eine
    noch stärkere Zumutung abzuweisen. Es ist im Grunde dasselbe.1)

    1)Ein großer Dichter darf sich gestatten, schwer verpönte psychologische Wahr-
    heiten wenigstens scherzend zum Ausdruck zu bringen. So gesteht H. Heine: „Ich
    habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein
    Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem
    Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich

  • S.

    78

    Ich glaube nun von einer würdevollen Stimme die Mahnung
    zu hören: Eben darum, weil der Nächste nicht liebenswert und
    eher dein Feind ist, sollst du ihn lieben wie dich selbst. Ich ver-
    stehe dann, das ist ein ähnlicher Fall wie das Credo quia absurdum.
    Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der Nächste, wenn er auf-
    gefordert wird, mich so zu lieben wie sich selbst, genau so ant-
    worten wird wie ich und mich mit den nämlichen Begründungen
    abweisen wird. Ich hoffe, nicht mit demselben objektiven Recht,
    aber dasselbe wird auch er meinen. Immerhin gibt es Unterschiede
    im Verhalten der Menschen, die die Ethik mit Hinwegsetzung
    über deren Bedingtheit als „gut“ und „böse“ klassifiziert. Solange
    diese unleugbaren Unterschiede nicht aufgehoben sind, bedeutet
    die Befolgung der hohen ethischen Forderungen eine Schädigung
    der Kulturabsichten, indem sie direkte Prämien für das Bösesein
    aufstellt. Man kann hier die Erinnerung an einen Vorgang nicht
    abweisen, der sich in der französischen Kammer zutrug, als über
    die Todesstrafe verhandelt wurde; ein Redner hatte sich leiden-
    schaftlich für ihre Abschaffung eingesetzt und erntete stürmischen
    Beifall, bis eine Stimme aus dem Saale die Worte dazwischenrief:
    „Que messieurs les assassins commencent!“
    Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit hinter alledem ist, daß
    der Mensch nicht ein sanftes, liebebedürftiges Wesen ist, das sich
    höchstens, wenn angegriffen, auch zu verteidigen vermag, sondern
    daß er zu seinen Triebbegabungen auch einen mächtigen Anteil
    von Aggressionsneigung rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der
    Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt, sondern auch
    eine Versuchung, seine Aggression an ihm zu befriedigen, seine
    Arbeitskraft ohne Entschädigung auszunützen, ihn ohne seine Ein-
    willigung sexuell zu gebrauchen, sich in den Besitz seiner Habe
    ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen
    etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde
    ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt –
    ja, man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden.“
    (Heine, Gedanken und Einfälle.)

  • S.

    79

    Das Unbehagen in der Kultur

    zu setzen, ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereiten, zu martern
    und zu töten. Homo homini lupus; wer hat nach allen Erfahrungen
    des Lebens und der Geschichte den Mut, diesen Satz zu bestreiten?
    Diese grausame Aggression wartet in der Regel eine Provokation
    ab oder stellt sich in den Dienst einer anderen Absicht, deren
    Ziel auch mit milderen Mitteln zu erreichen wäre. Unter ihr
    günstigen Umständen, wenn die seelischen Gegenkräfte, die sie
    sonst hemmen, weggefallen sind, äußert sie sich auch spontan, ent-
    hüllt den Menschen als wilde Bestie, der die Schonung der eigenen
    Art fremd ist. Wer die Greuel der Völkerwanderung, der Ein-
    brüche der Hunnen, der sogenannten Mongolen unter Dschengis
    Khan und Timurlenk, der Eroberung Jerusalems durch die frommen
    Kreuzfahrer, ja selbst noch die Schrecken des letzten Weltkriegs
    in seine Erinnerung ruft, wird sich vor der Tatsächlichkeit dieser
    Auffassung demütig beugen müssen.

    Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei uns selbst
    verspüren können, beim anderen mit Recht voraussetzen, ist das
    Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur
    zu ihrem Aufwand nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit
    der Menschen gegeneinander ist die Kulturgesellschaft beständig
    vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde
    sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leidenschaften sind stärker
    als vernünftige Interessen. Die Kultur muß alles aufbieten, um
    den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen, ihre
    Äußerungen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten.
    Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu
    Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben
    sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch
    das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich
    wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ursprünglichen
    menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft. Durch alle ihre Mühen
    hat diese Kulturbestrebung bisher nicht sehr viel erreicht. Die
    gröbsten Ausschreitungen der brutalen Gewalt hofft sie zu verhüten,

  • S.

    80

    indem sie sich selbst das Recht beilegt, an den Verbrechern Gewalt
    zu üben, aber die vorsichtigeren und feineren Äußerungen der
    menschlichen Aggression vermag das Gesetz nicht zu erfassen. Jeder
    von uns kommt dahin, die Erwartungen, die er in der Jugend
    an seine Mitmenschen geknüpft, als Illusionen fallen zu lassen, und
    kann erfahren, wie sehr ihm das Leben durch deren Übelwollen
    erschwert und schmerzhaft gemacht wird. Dabei wäre es ein Un-
    recht, der Kultur vorzuwerfen, daß sie Streit und Wettkampf aus
    den menschlichen Betätigungen ausschließen will. Diese sind sicher-
    lich unentbehrlich, aber Gegnerschaft ist nicht notwendig Feind-
    schaft, wird nur zum Anlaß für sie mißbraucht.

    Die Kommunisten glauben den Weg zur Erlösung vom Übel
    gefunden zu haben. Der Mensch ist eindeutig gut, seinem Nächsten
    wohlgesinnt, aber die Einrichtung des privaten Eigentums hat seine
    Natur verdorben. Besitz an privaten Gütern gibt dem einen die
    Macht und damit die Versuchung, den Nächsten zu mißhandeln;
    der vom Besitz Ausgeschlossene muß sich in Feindseligkeit gegen
    den Unterdrücker auflehnen. Wenn man das Privateigentum auf-
    hebt, alle Güter gemeinsam macht und alle Menschen an deren
    Genuß teilnehmen läßt, werden Übelwollen und Feindseligkeit unter
    den Menschen verschwinden. Da alle Bedürfnisse befriedigt sind,
    wird keiner Grund haben, in dem anderen seinen Feind zu sehen;
    der notwendigen Arbeit werden sich alle bereitwillig unterziehen.
    Ich habe nichts mit der wirtschaftlichen Kritik des kommunistischen
    Systems zu tun, ich kann nicht untersuchen, ob die Abschaffung
    des privaten Eigentums zweckdienlich und vorteilhaft ist.1) Aber


    1)Wer in seinen eigenen jungen Jahren das Elend der Armut verkostet, die Gleich-
    gültigkeit und den Hochmut der Besitzenden erfahren hat, sollte vor dem Verdacht
    geschützt sein, daß er kein Verständnis und kein Wohlwollen für die Bestrebungen
    hat, die Besitzungleichheit der Menschen und was sich aus ihr ableitet, zu bekämpfen.
    Freilich, wenn sich dieser Kampf auf die abstrakte Gerechtigkeitsforderung der Gleich-
    heit aller Menschen berufen will, liegt der Einwand zu nahe, daß die Natur durch
    die höchst ungleichmäßige körperliche Ausstattung und geistige Begabung der Einzelnen
    Ungerechtigkeiten eingesetzt hat, gegen die es keine Abhilfe gibt.

  • S.

    81

    seine psychologische Voraussetzung vermag ich als haltlose Illusion
    zu erkennen. Mit der Aufhebung des Privateigentums entzieht
    man der menschlichen Aggressionslust eines ihrer Werkzeuge, gewiß
    ein starkes, und gewiß nicht das stärkste. An den Unterschieden
    von Macht und Einfluß, welche die Aggression für ihre Absichten
    mißbraucht, daran hat man nichts geändert, auch an ihrem Wesen
    nicht. Sie ist nicht durch das Eigentum geschaffen worden, herrschte
    fast uneingeschränkt in Urzeiten, als das Eigentum noch sehr arm
    selig war, zeigt sich bereits in der Kinderstube, kaum daß das
    Eigentum seine anale Urform aufgegeben hat, bildet den Boden
    satz aller zärtlichen und Liebesbeziehungen unter den Menschen,
    vielleicht mit alleiniger Ausnahme der einer Mutter zu ihrem
    männlichen Kind. Räumt man das persönliche Anrecht auf ding-
    liche Güter weg, so bleibt noch das Vorrecht aus sexuellen Be-
    ziehungen, das die Quelle der stärksten Mißgunst und der heftigsten
    Feindseligkeit unter den sonst gleichgestellten Menschen werden
    muß. Hebt man auch dieses auf durch die völlige Befreiung des
    Sexuallebens, beseitigt also die Familie, die Keimzelle der Kultur,
    so läßt sich zwar nicht vorhersehen, welche neuen Wege die
    Kulturentwicklung einschlagen kann, aber eines darf man erwarten,
    daß der unzerstörbare Zug der menschlichen Natur ihr auch dort-
    hin folgen wird.

    Es wird den Menschen offenbar nicht leicht, auf die Befriedigung
    dieser ihrer Aggressionsneigung zu verzichten; sie fühlen sich nicht
    wohl dabei. Der Vorteil eines kleineren Kulturkreises, daß er dem
    Trieb einen Ausweg an der Befreindung der Außenstehenden gestattet,
    ist nicht geringzuschätzen. Es ist immer möglich, eine größere
    Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur
    andere für die Äußerung der Aggression übrig bleiben. Ich habe
    mich einmal mit dem Phänomen beschäftigt, daß gerade benach-
    barte und einander auch sonst nahe stehende Gemeinschaften sich
    gegenseitig befehden und verspotten, so Spanier und Portugiesen,
    Nord- und Süddeutsche, Engländer und Schotten usw. Ich gab ihm

  • S.

    82

    den Namen „Narzißmus der kleinen Differenzen“, der nicht viel zur
    Erklärung beiträgt. Man erkennt nun darin eine bequeme und
    relativ harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung, durch die
    den Mitgliedern der Gemeinschaft das Zusammenhalten erleichtert
    wird. Das überallhin versprengte Volk der Juden hat sich in
    dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um die Kulturen seiner
    Wirtsvölker erworben; leider haben alle Judengemetzel des Mittel-
    alters nicht ausgereicht, dieses Zeitalter friedlicher und sicherer für
    seine christlichen Genossen zu gestalten. Nachdem der Apostel
    Paulus die allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner christ-
    lichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste Intoleranz des
    Christentums gegen die draußen Verbliebenen eine unvermeidliche
    Folge geworden; den Römern, die ihr staatliches Gemeinwesen
    nicht auf die Liebe begründet hatten, war religiöse Unduldsamkeit
    fremd gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache des Staates
    und der Staat von Religion durchtränkt war. Es war auch kein
    unverständlicher Zufall, daß der Traum einer germanischen Welt-
    herrschaft zu seiner Ergänzung den Antisemitismus aufrief, und
    man erkennt es als begreiflich, daß der Versuch, eine neue kommu-
    nistische Kultur in Rußland aufzurichten, in der Verfolgung der
    Bourgeoisie seine psychologische Unterstützung findet. Man fragt
    sich nur besorgt, was die Sowjets anfangen werden, nachdem sie
    ihre Bourgeoisie ausgerottet haben.

    Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität, sondern auch der
    Aggressionsneigung des Menschen so große Opfer auferlegt, so ver-
    stehen wir es besser, daß es dem Menschen schwer wird, sich in
    ihr beglückt zu finden. Der Urmensch hatte es in der Tat darin
    besser, da er keine Triebbeschränkungen kannte. Zum Ausgleich
    war seine Sicherheit, solches Glück lange zu genießen, eine sehr
    geringe. Der Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglichkeit
    ein Stück Sicherheit eingetauscht. Wir wollen aber nicht vergessen,
    daß in der Urfamilie nur das Oberhaupt sich solcher Triebfreiheit
    erfreute; die anderen lebten in sklavischer Unterdrückung. Der

  • S.

    85

    Gegensatz zwischen einer die Vorteile der Kultur genießenden
    Minderheit und einer dieser Vorteile beraubten Mehrzahl war also
    in jener Urzeit der Kultur aufs Äußerste getrieben. Über den heute
    lebenden Primitiven haben wir durch sorgfältigere Erkundung er-
    fahren, daß sein Triebleben keineswegs ob seiner Freiheit beneidet
    werden darf; es unterliegt Einschränkungen von anderer Art, aber
    vielleicht von größerer Strenge als das des modernen Kulturmenschen.

    Wenn wir gegen unseren jetzigen Kulturzustand mit Recht ein-
    wenden, wie unzureichend er unsere Forderungen an eine be-
    glückende Lebensordnung erfüllt, wie viel Leid er gewähren läßt,
    das wahrscheinlich zu vermeiden wäre, wenn wir mit schonungsloser
    Kritik die Wurzeln seiner Unvollkommenheit aufzudecken streben,
    üben wir gewiß unser gutes Recht und zeigen uns uns nicht als Kultur-
    feinde. Wir dürfen erwarten, allmählich solche Abänderungen unserer
    Kultur durchzusetzen, die unsere Bedürfnisse besser befriedigen
    und jener Kritik entgehen. Aber vielleicht machen wir uns uns auch
    mit der Idee vertraut, daß es Schwierigkeiten gibt, die dem Wesen
    der Kultur anhaften und die keinem Reformversuch weichen werden.
    Außer den Aufgaben der Triebenschränkung, auf die wir vor-
    bereitet sind, drängt sich uns die Gefahr eines Zustandes auf, den
    man „das psychologische Elend der Masse“ benennen kann. Diese
    Gefahr droht am ehesten, wo die gesellschaftliche Bindung haupt-
    sächlich durch Identifizierung der Teilnehmer untereinander her-
    gestellt wird, während Führerindividualitäten nicht zu jener Be-deutung kommen, die ihnen bei der Massenbildung zufallen sollte.1)
    Der gegenwärtige Kulturzustand Amerikas gäbe eine gute Gelegen-
    heit, diesen befürchteten Kulturschaden zu studieren. Aber ich
    vermeide die Versuchung, in die Kritik der Kultur Amerikas ein-
    zugehen; ich will nicht den Eindruck hervorrufen, als wollte ich
    mich selbst amerikanischer Methoden bedienen.

    1)Siehe: Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921. (Ges. Schr. Bd. VI.)