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66 Schriften aus den Jahren 1928—1933
Wenn wir aber wissen wollen, welchen Wert unsere Auffassung
der Kulturentwicklung als eines besonderen Prozesses, vergleichbar
der normalen Reifung des Individuums, beanspruchen kann, miissen
wir offenbar ein anderes Problem in Angriff nehmen, uns die
Frage stellen, welchen Einflüssen die Kulturentwicklung ihren
Ursprung dankt, wie sie entstanden ist und wodurch ihr Lauf
bestimmt wurde.IV
Diese: Aufgabe scheint iibergroB, man darf seine Verzagtheit ein-
gestehen. Hier das Wenige, was ich erraten konnte.Nachdem der Urmensch entdeckt hatte, daß es — wörtlich so
verstanden — in seiner Hand lag, sein Los auf der Erde durch
Arbeit zu verbessern, konnte es ihm nicht gleichgültig sein, ob
ein Anderer mit oder gegen ihn arbeitete. Der Andere gewann
får ihn den Wert des Mitarbeiters, mit dem zusammen zu leben
niitzlich war. Noch vorher, in seiner affenåhnlichen Vorzeit, hatte
er die Gewohnheit angenommen, Familien zu bilden; die Mit-
glieder der Familie waren wahrscheinlich seine ersten Helfer. Ver-
mutlich hing die Gründung der Familie damit zusammen, daß das
Bediirfnis genitaler Befriedigung nicht mehr wie ein Gast auftrat,
der pløtzlich bei einem erscheint und nach seiner Abreise lange
nichts mehr von sich høren låBt, sondern sich als Dauermieter
beim Einzelnen niederlieB. Damit bekam das Männchen ein Motiv,
das Weib oder allgemeiner: die Sexualobjekte bei sich zu behalten ;
die Weibchen, die sich von ihren hilflosen Jungen nicht trennen
wollten, mußten auch in deren Interesse beim stärkeren Männchen
bleiben.’ In dieser primitiven Familie vermissen wir noch einen1) Die organische Periodizität des Sexualvorgangs ist zwar erhalten geblieben, aber
ihr EinfluB auf die psychische Sexualerregung hat sich eher ins Gegenteil verkehrt.
Diese Veränderung hängt am ehesten zusammen mit dem Zuriicktreten der Geruchs-
reize, durch welche der Menstruationsvorgang auf die männliche Psyche einwirkte.
Deren Rolle wurde von Gesichtserregungen iibernommen, die im Gegensatz zu denS.
Das Unbehagen in der Kultur 67
wesentlichen Zug der Kultur; die Willkür des Oberhauptes und
Vaters war unbeschränkt. In „Totem und Tabu“ habe ich ver-
sucht, den Weg aufzuzeigen, der von dieser Familie zur nächsten
Stufe des Zusammenlebens in Form der Briiderbiinde fiihrte. Beiintermittierenden Geruchsreizen eine permanente Wirkung unterhalten konnten. Das
Tabu der Menstruation entstammt dieser „organischen Verdrängung“ als Abwehr einer
überwundenen Entwicklungsphase; alle anderen Motivierungen sind wahrscheinlich
sekundårer Natur. (Vgl. C. D. Daly, Hindumythologie und Kastrationskomplex,
Imago XIII, 1927.) Dieser Vorgang wiederholt sich auf anderem Niveau, wenn die
Götter einer iiberholten Kulturperiode zu Dämonen werden. Das Zuriicktreten der
Geruchsreize scheint aber selbst Folge der Abwendung des Menschen von der Erde,
des Entschlusses zum aufrechten Gang, der nun die bisher gedeckten Genitalien sicht-
bar und schutzbediirftig macht und so das Schämen hervorruft. Am Beginne des ver-
hångnisvollen Kulturprozesses stiinde also die Aufrichtung des Menschen. Die Ver-
kettung låuft von hier aus iiber die Entwertung der Geruchsreize und die Isolierung
der Periode zum Ubergewicht der Gesichtsreize, Sichtbarwerden der Genitalien, weiter
zur Kontinuität der Sexualerregung, Gründung der Familie und damit zur Schwelle
der menschlichen Kultur. Dies ist nur eine theoretische Spekulation, aber wichtig
genug, um eine exakte Nachprüfung an den Lebensverhältnissen der dem Menschen
nahestehenden Tiere zu verdienen.Auch in dem Kulturstreben nach Reinlichkeit, das in hygienischen Riicksichten
eine nachträgliche Rechtfertigung findet, aber sich bereits vor dieser Einsicht ge-
äußert hat, ist ein soziales Moment unverkennbar. Der Antrieb zur Reinlichkeit ent-
springt dem Drang nach Beseitigung der Exkremente, die der Sinneswahrnehmung
unangenehm geworden sind. Wir wissen, daB es in der Kinderstube anders ist. Die
Exkremente erregen beim Kinde keinen Abscheu, erscheinen ihm als losgelóster Teil
seines Körpers wertvoll. Die Erziehung dringt hier besonders energisch auf die Be-
schleunigung des bevorstehenden Entwicklungsganges, der die Exkremente wertlos,
ekelhaft, abscheulich und verwerflich machen soll. Eine solche Umwertung wire
kaum möglich, wenn diese dem Körper entzogenen Stoffe nicht durch ihre starken
Gerüche verurteilt wären, an dem Schicksal teilzunehmen, das nach der Aufrichtung
des Menschen vom Boden den Geruchsreizen vorbehalten ist. Die Analerotik erliegt
also zunächst der „organischen Verdrängung“, die den Weg zur Kultur gebahnt hat.
Der soziale Faktor, der die weitere Umwandlung der Analerotik besorgt, bezeugt
sich durch die Tatsache, daB trotz aller Entwicklungsfortschritte dem Menschen der
Geruch der eigenen Exkremente kaum anstóBig ist, immer nur der der Ausschei-
dungen des Anderen, Der Unreinliche, d. h. der, der seine Exkremente nicht ver-
birgt, beleidigt also den Anderen, zeigt keine Riicksicht fiir ihn, und dasselbe besagen
ja auch die kräftigsten, gebräuchlichsten Beschimpfungen. Es wäre auch unverstind-
lich, daB der Mensch den Namen seines treuesten Freundes in der Tierwelt als
Schimpfwort verwendet, wenn der Hund nicht durch zwei Eigenschaften die Verach-
tung des Menschen auf sich 2086, daß er ein Geruchstier ist, das sich vor Exkre-
menten nicht scheut, und daß er sich seiner sexuellen Funktionen nicht schämt.s*
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Die so gewonnene Libidoeinstellung wurde nun gefestigt,
als das Mädchen merkte, wie unangenehm sie dem Vater
war. Seit jener ersten Züchtigung wegen einer allzu zärt-
lichen Annäherung an eine Frau wußte sie, womit sie den
Vater kränken, und wie sie sich an ihm rächen konnte. Sie
blieb jetzt homosexuell aus Trotz gegen den Vater. Sie
machte sich auch kein Gewissen daraus, ihn auf jede Weise
zu hintergehen und zu belügen. Gegen die Mutter war sie
ja nur so weit unaufrichtig, als es nötig war, damit der
Vater nichts erfahre. Ich hatte den Eindruck, daß sie nach
dem Grundsatz der Talion handelte: Hast du mich betrogen,
so mußt du es dir gefallen lassen, daß ich auch dich betrüge.
Auch die auffälligen Unvorsichtigkeiten des sonst raffiniert
klugen Mädchens kann ich nicht anders beurteilen. Der
Vater mußte doch gelegentlich von ihrem Umgang mit der
Dame erfahren, sonst wäre ihr die Rachebefriedigung, die
ihr die dringendste war, entgangen. So sorgte sie dafür, in
dem sie sich mit der Angebeteten öffentlich zeigte, in den
Straßen nahe dem Geschäftslokal des Vaters spazieren ging
u. dgl. Auch diese Ungeschicklichkeiten geschahen nicht ab-
sichtslos. Es ist übrigens merkwürdig, daß beide Eltern sich
so benahmen, als ob sie die geheime Psychologie ihrer
Tochter verstünden. Die Mutter zeigte sich tolerant, als ob
sie das Ausweichen der Tochter als Gefälligkeit würdigte,
der Vater raste, als fühlte er die gegen seine Person ge-
richtete Racheabsicht.Die letzte Kräftigung erfuhr aber die Inversion des
Mädchens, als sie in der „Dame“ auf ein Objekt stieß, welches
gleichzeitig dem noch am Bruder haftenden Anteil ihrer
heterosexuellen Libido Befriedigung bot.S.
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drücklichst von diesem Lebensweg abgeraten; er hat dennoch für eine
große Anzahl von Menschenkindern seine Anziehung nicht verloren.Einer geringen Minderzahl wird es durch ihre Konstitution er-
möglicht, das Glück doch auf dem Wege der Liebe zu finden,
wobei aber weitgehende seelische Abänderungen der Liebesfunktion
unerläßlich sind. Diese Personen machen sich von der Zustimmung
des Objekts unabhängig, indem sie den Hauptwert vom Geliebt-
werden auf das eigene Lieben verschieben, sie schützen sich gegen
dessen Verlust, indem sie ihre Liebe nicht auf einzelne Objekte,
sondern in gleichem Maße auf alle Menschen richten, und sie
vermeiden die Schwankungen und Enttäuschungen der genitalen
Liebe dadurch, daß sie von deren Sexualziel ablenken, den Trieb
in eine zielgehemmte Regung verwandeln. Was sie auf diese
Art bei sich zustande bringen, der Zustand eines gleichschwebenden,
unbeirrbaren, zärtlichen Empfindens, hat mit dem stürmisch be-
wegten, genitalen Liebesleben, von dem es doch abgeleitet ist, nicht
mehr viel äußere Ähnlichkeit. Der heilige Franciscus von Assisi
mag es in dieser Ausnützung der Liebe für das innere Glücks-
gefühl am weitesten gebracht haben; was wir als eine der Tech-
niken der Erfüllung des Lustprinzips erkennen, ist auch viel
fach in Beziehung zur Religion gebracht worden, mit der es in
jenen entlegenen Regionen zusammenhängen mag, wo die Unter-
scheidung des Ichs von den Objekten und dieser voneinander ver-
nachlässigt wird. Eine ethische Betrachtung, deren tiefere Motivierung
uns noch offenbar werden wird, will in dieser Bereitschaft zur
allgemeinen Menschen- und Weltliebe die höchste Einstellung sehen,
zu der sich der Mensch erheben kann. Wir möchten schon hier
unsere zwei hauptsächlichsten Bedenken nicht zurückhalten. Eine
Liebe, die nicht auswählt, scheint uns einen Teil ihres eigenen
Werts einzubüßen, indem sie an dem Objekt ein Unrecht tut.
Und weiter: es sind nicht alle Menschen liebenswert.Jene Liebe, welche die Familie gründete, bleibt in ihrer ur-
sprünglichen Ausprägung, in der sie auf direkte sexuelle BefriedigungS.
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nicht verzichtet, sowie in ihrer Modifikation als zielgehemmte
Zärtlichkeit in der Kultur weiter wirksam. In beiden Formen setzt
sie ihre Funktion fort, eine größere Anzahl von Menschen an
einander zu binden und in intensiverer Art, als es dem Interesse
der Arbeitsgemeinschaft gelingt. Die Nachlässigkeit der Sprache in
der Anwendung des Wortes „Liebe“ findet eine genetische Recht-
fertigung. Liebe nennt man die Beziehung zwischen Mann und
Weib, die auf Grund ihrer genitalen Bedürfnisse eine Familie
gegründet haben, Liebe aber auch die positiven Gefühle zwischen
Eltern und Kindern, zwischen den Geschwistern in der Familie,
obwohl wir diese Beziehung als zielgehemmte Liebe, als Zärtlich-
keit, beschreiben müssen. Die zielgehemmte Liebe war eben ur-
sprünglich vollsinnliche Liebe und ist es im Unbewußten des
Menschen noch immer. Beide, vollsinnliche und zielgehemmte Liebe,
greifen über die Familie hinaus und stellen neue Bindungen an
bisher Fremde her. Die genitale Liebe führt zu neuen Familien-
bildungen, die zielgehemmte zu „Freundschaften“, welche kulturell
wichtig werden, weil sie manchen Beschränkungen der genitalen
Liebe, z. B. deren Ausschließlichkeit, entgehen. Aber das Verhältnis
der Liebe zur Kultur verliert im Verlaufe der Entwicklung seine
Eindeutigkeit. Einerseits widersetzt sich die Liebe den Interessen
der Kultur, anderseits bedroht die Kultur die Liebe mit emp-
findlichen Einschränkungen.Diese Entzweiung scheint unvermeidlich; ihr Grund ist nicht
sofort zu erkennen. Sie äußert sich zunächst als ein Konflikt
zwischen der Familie und der größeren Gemeinschaft, der der
Einzelne angehört. Wir haben bereits erraten, daß es eine der
Hauptbestrebungen der Kultur ist, die Menschen zu großen Ein-
heiten zusammenzuballen. Die Familie will aber das Individuum
nicht freigeben. Je inniger der Zusammenhalt der Familienmitglieder
ist, desto mehr sind sie oft geneigt, sich von anderen abzuschließen,
desto schwieriger wird ihnen der Eintritt in den größeren Lebens-
kreis. Die phylogenetisch ältere, in der Kindheit allein bestehendeS.
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Weise des Zusammenlebens wehrt sich, von der später erworbenen
kulturellen abgelöst zu werden. Die Ablösung von der Familie
wird für jeden Jugendlichen zu einer Aufgabe, bei deren Lösung
ihn die Gesellschaft oft durch Pubertäts-
und Aufnahmsriten unter
stützt. Man gewinnt den Eindruck, dies seien Schwierigkeiten,
die jeder psychischen, ja im Grunde auch jeder organischen Ent
wicklung anhängen.Ferner treten bald die Frauen in einen Gegensatz zur Kultur
strömung und entfalten ihren verzögernden und zurückhaltenden
Einfluß, dieselben, die anfangs durch die Forderungen ihrer Liebe
das Fundament der Kultur gelegt hatten. Die Frauen vertreten
die Interessen der Familie und des Sexuallebens; die Kulturarbeit
ist immer mehr Sache der Männer geworden, stellt ihnen immer
schwierigere Aufgaben, nötigt sie zu Triebsublimierungen, denen
die Frauen wenig gewachsen sind. Da der Mensch nicht über
unbegrenzte Quantitäten psychischer Energie verfügt, muß er seine
Aufgaben durch zweckmäßige Verteilung der Libido erledigen.
Was er für kulturelle Zwecke verbraucht, entzieht er großenteils
den Frauen und dem Sexualleben: das beständige Zusammensein
mit Männern, seine Abhängigkeit von den Beziehungen zu ihnen
entfremden ihn sogar seinen Aufgaben als Ehemann und Vater.
So sieht sich die Frau durch die Ansprüche der Kultur in den Hinter
grund gedrängt und tritt zu ihr in ein feindliches Verhältnis.Von Seiten der Kultur ist die Tendenz zur Einschränkung des
Sexuallebens nicht minder deutlich als die andere zur Ausdehnung
des Kulturkreises. Schon die erste Kulturphase, die des Totemis-
mus, bringt das Verbot der inzestuösen Objektwahl mit sich, viel
leicht die einschneidendste Verstümmelung, die das menschliche
Liebesleben im Laufe der Zeiten erfahren hat. Durch Tabu, Ge
setz und Sitte werden weitere Einschränkungen hergestellt, die
sowohl die Männer als die Frauen betreffen. Nicht alle Kulturen
gehen darin gleich weit; die wirtschaftliche Struktur der Ge
sellschaft beeinflußt auch das Maß der restlichen Sexualfreiheit.S.
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Wir wissen schon, daß die Kultur dabei dem Zwang der öko-
nomischen Notwendigkeit folgt, da sie der Sexualität einen großen
Betrag der psychischen Energie entziehen muß, die sie selbst ver-
braucht. Dabei benimmt sich die Kultur gegen die Sexualität wie
ein Volksstamm oder eine Schichte der Bevölkerung, die eine
andere ihrer Ausbeutung unterworfen hat. Die Angst vor dem
Aufstand der Unterdrückten treibt zu strengen Vorsichtsmaßregeln.
Einen Höhepunkt solcher Entwicklung zeigt unsere westeuropäische
Kultur. Es ist psychologisch durchaus berechtigt, daß sie damit
einsetzt, die Äußerungen des kindlichen Sexuallebens zu verpönen,
denn die Eindämmung der sexuellen Gelüste der Erwachsenen hat
keine Aussicht, wenn ihr nicht in der Kindheit vorgearbeitet wurde.
Nur läßt es sich auf keine Art rechtfertigen, daß die Kultur-
gesellschaft so weit gegangen ist, diese leicht nachweisbaren, ja
auffälligen Phänomene auch zu leugnen. Die Objektwahl des ge-
schlechtsreifen Individuums wird auf das gegenteilige Geschlecht ein-
geengt, die meisten außergenitalen Befriedigungen als Perversionen
untersagt. Die in diesen Verboten kundgegebene Forderung eines für
alle gleichartigen Sexuallebens setzt sich über die Ungleichheiten in
der angeborenen und erworbenen Sexualkonstitution der Menschen
hinaus, schneidet eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexual-
genuß ab und wird so die Quelle schwerer Ungerechtigkeit. Der
Erfolg dieser einschränkenden Maßregeln könnte nun sein, daß bei
denen, die normal, die nicht konstitutionell daran verhindert sind,
alles Sexualinteresse ohne Einbuße in die offen gelassenen Kanäle
einströmt. Aber was von der Ächtung frei bleibt, die heterosexuelle
genitale Liebe, wird durch die Beschränkungen der Legitimität und
der Ehehe weiter beeinträchtigt. Die heutige Kultur gibt deutlich
zu erkennen, daß sie sexuelle Beziehungen nur auf Grund einer
einmaligen, unauflösbaren Bindung eines Mannes an ein Weib ge-
statten will, daß sie die Sexualität als selbständige Lustquelle nicht
mag und sie nur als bisher unersetzte Quelle für die Vermehrung
der Menschen zu dulden gesinnt ist.S.
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Das ist natürlich ein Extrem. Es ist bekannt, daß es sich als
undurchführbar, selbst für kürzere Zeiten, erwiesen hat. Nur die
Schwächlinge haben sich einem so weitgehenden Einbruch in ihre
Sexualfreiheit gefügt, stärkere Naturen nur unter einer kompen-
sierenden Bedingung, von der später die Rede sein kann. Die
Kulturgesellschaft hat sich genötigt gesehen, viele Überschreitungen
stillschweigend zuzulassen, die sie nach ihren Satzungen hätte ver-
folgen müssen. Doch darf man nicht nach der anderen Seite irre-
gehen und annehmen, eine solche kulturelle Einstellung sei über-
haupt harmlos, weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das
Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer geschädigt, es
macht mitunter den Eindruck einer in Rückbildung befindlichen
Funktion, wie unser Gebiß und unsere Kopfhaare als Organe zu
sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein Recht anzunehmen,
daß seine Bedeutung als Quelle von Glücksempfindungen, also in
der Erfüllung unseres Lebenszweckes, empfindlich nachgelassen hat.1)Manchmal glaubt man zu erkennen, es sei nicht allein der Druck
der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion selbst versage
uns die volle Befriedigung und dränge uns auf andere Wege. Es
mag ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden.2)1)Unter den Dichtungen des feinsinnigen Engländers J. Galsworthy, der sich
heute allgemeiner Anerkennung erfreut, schätzte ich früh eine kleine Geschichte, be-
titelt: „The Appletree“. Sie zeigt in eindringlicher Weise, wie im Leben des heutigen
Kulturmenschen für die einfache, natürliche Liebe zweier Menschenkinder kein Raum
mehr ist.2)Folgende Bemerkungen, um die oben ausgesprochene Vermutung zu stützen:
Auch der Mensch ist ein Tierwesen von unzweideutig bisexueller Anlage. Das Indi-
viduum entspricht einer Verschmelzung zweier symmetrischer Hälften, von denen
nach Ansicht mancher Forscher die eine rein männlich, die andere weiblich ist. Eben-
sowohl ist es möglich, daß jede Hälfte ursprünglich hermaphroditisch war. Die Ge-
schlechtlichkeit ist eine biologische Tatsache, die, obwohl von außerordentlicher Be-
deutung für das Seelenleben, psychologisch schwer zu erfassen ist. Wir sind gewohnt
zu sagen: jeder Mensch zeige sowohl männliche als weibliche Triebregungen, Be-
dürfnisse, Eigenschaften, aber den Charakter des Männlichen und Weiblichen kann
zwar die Anatomie, aber nicht die Psychologie aufzeigen. Für sie verblaßt der ge-
schlechtliche Gegensatz zu dem von Aktivität und Passivität, wobei wir allzu unbe-
denklich die Aktivität mit der Männlichkeit, die Passivität mit der Weiblichkeit
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Das Unbehagen in der Kultur1930-001/1934