• S.

    [264]

    II

    LE BON’S SCHILDERUNG DER MASSENSEELE

    Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen scheint es,
    mit einem Hinweis auf das Erscheinungsgebiet zu beginnen und
    aus diesem einige besonders auffällige und charakteristische Tat-
    sachen herauszugreifen, an welche die Untersuchung anknüpfen
    kann. Wir erreichen beides durch einen Auszug aus dem mit
    Recht berühmt gewordenen Buch von Le Bon, Psycho-
    logie der Massen.1

    Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar: Wenn die
    Psychologie, welche die Anlagen, Triebregungen, Motive, Absichten
    eines einzelnen Menschen bis zu seinen Handlungen und in die
    Beziehungen zu seinen Nächsten verfolgt, ihre Aufgabe restlos
    gelöst und alle diese Zusammenhänge durchsichtig gemacht hätte,
    dann fände sie sich plötzlich vor einer neuen Aufgabe, die sich
    ungelöst vor ihr erhebt. Sie müßte die überraschende Tatsache
    erklären, daß dies ihr verständlich gewordene Individuum unter
    einer bestimmten Bedingung ganz anders fühlt, denkt und
    handelt, als von ihm zu erwarten stand, und diese Bedingung
    ist die Einreihung in eine Menschenmenge, welche die Eigen—
    schaft einer „psychologischen Masse“ erworben hat. Was ist nun
    eine „Masse“, wodurch erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelenleben
    des Einzelnen so entscheidend zu beeinflussen, und worin besteht
    die seelische Veränderung, die sie dem Einzelnen aufnötigt?

    1) Übersetzt von Dr. Rudolf Eisler, zweite Auflage 1912.

  • S.

    265

    Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Aufgabe einer theo-
    retischen Massenpsychologie. Man greift sie offenbar am besten
    an, wenn man von der dritten ausgeht. Es ist die Beobachtung
    der veränderten Reaktion des Einzelnen, welche der Massen-
    psychologie den Stoff liefert; jedem Erklärungsversuch muß ja
    die Beschreibung des zu Erklärenden vorausgehen.

    Ich lasse nun Le Bon zu Worte kommen. Er sagt (S. 15):
    „An einer psychologischen Masse ist das Sonderbarste dies:
    welcher Art auch die sie zusammensetzenden Individuen sein
    mögen, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäfti-
    gung, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den bloßen
    Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen sie eine Kollektiv-
    seele, vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und
    handeln, als jedes von ihnen für sich fühlen, denken und handeln
    würde. Es gibt Ideen und Gefühle, die nur bei den zu Massen
    verbundenen Individuen auftreten oder sich in Handlungen um-
    setzen. Die psychologische Masse ist ein provisorisches Wesen,
    das aus heterogenen Elementen besteht, die für einen Augenblick
    sich miteinander verbunden haben, genau so wie die Zellen
    des Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit
    ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen Zellen bilden.“

    Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung Le
    Bons durch unsere Glossen zu unterbrechen, geben wir hier
    der Bemerkung Raum: Wenn die Individuen in der Masse zu
    einer Einheit verbunden sind, so muß es wohl etwas geben, was
    sie aneinander bindet, und dies Bindemittel könnte gerade das
    sein, was für die Masse charakteristisch ist. Allein Le Bon
    beantwortet diese Frage nicht, er geht auf die Veränderung des
    Individuums in der Masse ein und beschreibt sie in Ausdrücken,
    welche mit den Grundvoraussetzungen unserer Tiefenpsychologie
    in guter Übereinstimmung stehen.

    (S. 14.) „Leicht ist die Feststellung des Maßes von Verschieden-
    heit des einer Masse angehörenden vom isolierten Individuum,

  • S.

    266

    weniger leicht ist aber die Entdeckung der Ursachen dieser
    Verschiedenheit.

    Um diese Ursachen wenigstens einigermaßen zu finden, muß
    man sich zunächst der von der modernen Psychologie gemachten
    Feststellung erinnern, daß nicht bloß im organischen Leben,
    sondern auch in den intellektuellen Funktionen die unbewußten
    Phänomene eine überwiegende Rolle spielen. Das bewußte
    Geistesleben stellt nur einen recht geringen Teil neben dem
    unbewußten Seelenleben dar. Die feinste Analyse, die schärfste
    Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen Anzahl bewußter
    Motive des Seelenlebens. Unsere bewußten Akte leiten sich aus
    einem, besonders durch Vererbungseinflüsse geschaffenen, unbe-
    wußten Substrat her. Dieses enthält die zahllosen Ahnenspuren‚
    aus denen sich die Rassenseele konstituiert. Hinter den eingestan-
    denen Motiven unserer Handlungen gibt es zweifellos die geheimen
    Gründe, die wir nicht eingestehen, hinter diesen liegen aber
    noch geheimere, die wir nicht einmal kennen. Die Mehrzahl
    unserer alltäglichen Handlungen ist nur die Wirkung verborgener,
    uns entgehender Motive.“

    In der Masse, meint Le Bon, verwischen sich die individuellen
    Erwerbungen der Einzelnen, und damit verschwindet deren
    Eigenart. Das rassenmäßige Unbewußte tritt hervor, das Heterogene
    versinkt im Homogenen. Wir würden sagen, der psychische
    Oberbau, der sich bei den Einzelnen so verschiedenartig entwickelt
    hat, wird abgetragen, entkräftet und das bei allen gleichartige
    unbewußte Fundament wird bloßgelegt (wirksam gemacht).

    Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher Charakter der
    Massenindividuen zustande. Allein Le Bon findet, sie zeigen auch
    neue Eigenschaften, die sie vorher nicht besessen haben, und
    sucht den Grund dafür in drei verschiedenen Momenten.

    (S. 15.) „Die erste dieser Ursachen besteht darin, daß das
    Individuum in der Masse schon durch die Tatsache der Menge
    ein Gefühl unüberwindlicher Macht erlangt, welches ihm gestattet,

  • S.

    267

    Trieben zu fröhnen, die es allein notwendig gezügelt hätte.
    Es wird dies nun um so weniger Anlaß haben, als bei der
    Anonymität und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse
    das Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Individuen stets zurück-
    hält, völlig schwindet.“

    Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger Wert auf
    das Autauchen neuer Eigenschaften zu legen. Es genügte uns
    zu sagen, das Individuum komme in der Masse unter Bedingungen,
    die ihm gestatten, die Verdrängungen seiner unbewußten Trieb-
    regungen abzuwerfen. Die anscheinend neuen Eigenschaften, die
    es dann zeigt, sind eben die Äußerungen dieses Unbewußten, in
    dem ja alles Böse der Menschenseele in der Anlage enthalten
    ist; das Schwinden des Gewissens oder Verantwortlichkeitsgefühls
    unter diesen Umständen macht unserem Verständnis keine
    Schwierigkeit. Wir hatten längst behauptet, der Kern des sogenannten
    Gewissens sei „soziale Angst“.1

    (S. 16.) „Eine zweite Ursache, die Ansteckung, trägt ebenso
    dazu bei, bei den Massen die Äußerung spezieller Merkmale und
    zugleich deren Richtung zu bewerkstelligen. Die Ansteckung ist
    ein leicht zu konstatierendes, aber unerklärliches Phänomen, das
    man den von uns sogleich zu studierenden Phänomenen hypno-
    tischer Art zurechnen muß. In der Menge ist jedes Gefühl, jede
    Handlung ansteckend, und zwar in so hohem Grade, daß das
    Individuum sehr leicht sein persönliches Interesse dem Gesamt-
    interesse opfert. Es ist dies eine seiner Natur durchaus entgegen-
    gesetzte Fähigkeit, deren der Mensch nur als Massenbestandteil
    fähig ist.“

    1) Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung Le Bons und der unserigen
    stellt sich dadurch her, daß sein Begriff des Unbewußten nicht ganz mit dem von
    der Psychoanalyse angenommenen zusammenfällt. Das Unbewußte Le Bons enthält
    vor allem die tiefsten Merkmale der Rassenseele, welche für die individuelle Psycho-
    analyse eigentlich außer Betracht kommt. Wir verkennen zwar nicht, daß der Kern
    des Ichs (das Es, wie ich es später genannt habe), dem die „archaische Erbschaft“
    der Menschenseele angehört, unbewußt ist, aber wir sondern außerdem das „unbewußte
    Verdrängte“ ab, welches aus einem Anteil dieser Erbschaft hervorgegangen ist. Dieser
    Begriff des Verdrängten fehlt bei Le Bon.

  • S.

    268

    Wir werden auf diesem letzten Satz später eine wichtige
    Vermutung begründen.

    (S. 16.) „Eine dritte, und zwar die wichtigste Ursache bedingt
    in den zur Masse vereinigten Individuen besondere Eigenschaften,
    welche denen des isolierten Individuums völlig entgegengesetzt
    sind. Ich rede hier von der Suggestibilität, von der die erwähnte
    Ansteckung übrigens nur eine Wirkung ist.

    Zum Verständnis dieser Erscheinung gehört die Vergegen-
    wärtigung gewisser neuer Entdeckungen der Physiologie. Wir
    wissen jetzt, daß ein Mensch mittels mannigfacher Prozeduren
    in einen solchen Zustand versetzt werden kann, daß er nach
    Verlust seiner ganzen bewußten Persönlichkeit allen Suggestionen
    desjenigen gehorcht, der ihn seines Persönlichkeitsbewußtseins
    beraubt hat, und daß er die zu Seinem Charakter und seinen
    Gewohnheiten in schärfstem Gegensatz stehenden Handlungen
    begeht. Nun scheinen sehr sorgfältige Beobachtungen darzutun,
    daß ein, eine Zeitlang im Schoße einer tätigen Masse eingebettetes
    Individuum in Bälde — durch Ausströmungen, die von ihr aus-
    gehen oder sonst eine unbekannte Ursache — sich in einem
    Sonderzustand befindet, der sich sehr der Faszination nähert, die
    den Hypnotisierten unter dem Einfluß des Hypnotisators befällt...
    Die bewußte Persönlichkeit ist völlig geschwunden, Wille und
    Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle und Gedanken
    sind nach der durch den Hypnotisator hergestellten Richtung
    orientiert.

    So ungefähr verhält sich auch der Zustand des einer psycho-
    logischen Masse angehörenden Individuums. Es ist sich seiner
    Handlungen nicht mehr bewußt. Wie beim Hypnotisierten können
    bei ihm, während zugleich gewisse Fähigkeiten aufgehoben sind,
    andere auf einen Grad höchster Stärke gebracht werden. Unter
    dem Einflusse einer Suggestion wird es sich mit einem unwider-
    stehlichen Triebe an die Ausführung bestimmter Handlungen
    machen. Und dieses Ungestüm ist bei den Massen noch unwider-

  • S.

    269

    stehlicher als beim Hypnotisierten, weil die für alle Individuen
    gleiche Suggestion durch Gegenseitigkeit anwächst.“

    (S. 17.) „Die Hauptmerkmale des in der Masse befindlichen
    Individuums sind demnach: Schwund der bewußten Persönlichkeit,
    Vorherrschaft der unbewußten Persönlichkeit, Orientierung der
    Gedanken und Gefühle in derselben Richtung durch Suggestion
    und Ansteckung, Tendenz zur unverzüglichen Verwirklichung der
    suggerierten Ideen. Das Individuum ist nicht mehr es selbst, es
    ist ein willenloser Automat geworden.“

    Ich habe dieses Zitat so ausführlich wiedergegeben, um zu
    bekräftigen, daß Le Bon den Zustand des Individuums in der
    Masse wirklich für einen hypnotischen erklärt, nicht etwa ihn
    bloß mit einem solchen vergleicht. Wir beabsichtigen hier keinen
    Widerspruch, wollen nur hervorheben, daß die beiden letzten
    Ursachen der Veränderung des Einzelnen in der Masse, die
    Ansteckung und die höhere Suggerierbarkeit, offenbar nicht gleich-
    artig sind, da ja die Ansteckung auch eine Äußerung der Suggerier-
    barkeit sein soll. Auch die Wirkungen der beiden Momente scheinen
    uns im Text Le Bons nicht scharf geschieden. Vielleicht deuten wir
    seine Äußerung am besten aus, wenn wir die Ansteckung auf die
    Wirkung der einzelnen Mitglieder der Masse aufeinander beziehen,
    während die mit den Phänomenen der hypnotischen Beeinflussung
    gleichgestellten Suggestionserscheinungen in der Masse auf eine
    andere Quelle hinweisen. Auf welche aber? Es muß uns als eine
    empfindliche Unvollständigkeit berühren, daß eines der Haupt-
    stücke dieser Angleichung, nämlich die Person, welche für die
    Masse den Hypnotiseur ersetzt, in der Darstellung Le Bons
    nicht erwähnt wird. Immerhin unterscheidet er von diesem im
    Dunkeln gelassenen faszinierenden Einfluß die ansteckende Wirkung,
    die die Einzelnen aufeinander ausüben, durch welche die ursprüng-
    liche Suggestion verstärkt wird.

    Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für die Beurteilung des
    Massenindividuums: (S. 17.) „Ferner steigt durch die bloße

  • S.

    270

    Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse der Mensch mehrere
    Stufen auf der Leiter der Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung
    war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er
    ein Barbar, das heißt ein Triebwesen. Er besitzt die Spontaneität,
    die Heftigkeit, die Wildheit und auch den Enthusiasmus und
    Heroismus primitiver Wesen.“ Er verweilt dann noch besonders
    bei der Herabsetzung der intellektuellen Leistung, die der Einzelne
    durch sein Aufgehen in der Masse erfährt.1

    Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir uns zur
    Beschreibung der Massenseele, wie Le Bon sie entwirft. Es ist
    kein Zug darin, dessen Ableitung und Unterbringung dem Psycho-
    analytiker Schwierigkeiten bereiten würde. Le Bon weist uns
    selbst den Weg, indem er auf die Übereinstimmung mit dem
    Seelehleben der Primitiven und der Kinder hinweist. (S. 19.)

    Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast
    ausschließlich vom Unbewußten geleitet.2 Die Impulse, denen die
    Masse gehorcht, können je nach Umständen edel oder grausam,
    heroisch oder feige sein, jedenfalls aber sind sie so gebieterisch,
    daß nicht das persönliche, nicht einmal das Interesse der Selbst-
    erhaltung zur Geltung kommt. (S. 20.) Nichts ist bei ihr vor-
    bedacht. Wenn sie auch die Dinge leidenschaftlich begehrt, so
    doch nie für lange, sie ist unfähig zu einem Dauerwillen. Sie
    verträgt keinen Aufschub zwischen ihrem Begehren und der
    Verwirklichung des Begehrten. Sie hat das Gefühl der allmacht‚
    für das Individuum in der Masse schwindet der Begriff des
    Unmöglichen.3

    Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leichtgläubig,
    sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert für sie nicht. Sie

    1) Vergleiche das Schillersche Distichon:
    Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig;
    Sind sie in corpore‚ gleich wird euch ein Dummkopf daraus.

    2) Unbewußt wird von Le Bon richtig im Sinne der Deskription gebraucht, wo
    es nicht allein das „Verdrängte“ bedeutet.

    3) Vergleiche Totem und Tabu III., Animismus, Magie und Allmacht der
    Gedanken. [Ges. Schriften, Bd. X.]

  • S.

    271

    denkt in Bildern, die einander assoziativ hervorrufen, wie sie
    sich beim Einzelnen in Zuständen des freien Phantasierens ein-
    stellen, und die von keiner verständigen Instanz an der Überein-
    stimmung mit der Wirklichkeit gemessen werden. Die Gefühle
    der Masse sind stets sehr einfach und sehr überschwenglich. Die
    Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewißheit.1

    Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene Verdacht
    wandelt sich bei ihr sogleich in unumstößliche Gewißheit, ein
    Keim von Antipathie wird zum wilden Haß. (S. 32.)2

    Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse auch nur
    durch übermäßige Reize erregt. Wer auf sie wirken will, bedarf
    keiner logischen Abmessung seiner Argumente, er muß in den
    kräftigsten Bildern malen, übertreiben und immer das Gleiche
    wiederholen.

    Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen nicht im
    Zweifel ist und dabei das Bewußtsein ihrer großen Kraft hat, ist
    sie ebenso intolerant wie autoritätsgläubig. Sie respektiert die
    Kraft und läßt sich von der Güte, die für sie nur eine Art von
    Schwäche bedeutet, nur mäßig beeinflussen. Was sie von ihren
    Helden verlangt, ist Stärke, selbst Gewalttätigkeit. Sie will

    1) In der Deutung der Träume, denen wir ja unsere beste Kenntnis vom unbe-
    wußten Seelenleben verdanken, befolgen wir die technische Regel, daß von Zweifel
    und Unsicherheit in der Traumerzählung abgesehen und jedes Element des manifesten
    Traumes als gleich gesichert behandelt wird. Wir leiten Zweifel und Unsicherheit
    von der Einwirkung der Zensur ab, welcher die Traumarbeit unterliegt, und nehmen
    an, daß die primären Traumgedanken Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung
    nicht kennen. Als Inhalte mögen sie natürlich, wie alles andere, in den zum Traum
    führenden Tagesresten vorkommen. (S. Traumdeutung, 7. Aufl. 1922, S. 386.)

    2) Die nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Extremen und. Maßloeen
    gehört auch der Affektivität des. Kindes an und findet sich im Traumleben wieder,
    wo dank der im Unhewußten vorherrschenden Isolierung der einzelnen Gefühle-
    regungen ein leiser Arger vom Tage sich als Todeswunsch gegen die schuldige
    Person zum Ausdruck bringt oder ein Anflug irgend einer Versuchung zum Anstoß
    einer irn Traum dargestellten verhrecherischen Handlung wird. Zu dieser Tatsache
    hat Dr. Hanns Sachs die hübsche Bemerkung gemacht: „Was der Traum uns an
    Beziehungen zur Gegenwart (Realität) kundgetan hat, wollen wir dann auch im
    Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer, das
    wir unter dem Vergrößerungsglas der Analyse gesehen haben, als Infusionstierchen
    wiederfinden.“ (Traumdeutung, S. 457.)

  • S.

    272

    beherrscht und unterdrückt werden und ihren Herrn fürchten.
    Im Grunde durchaus konservativ, hat sie tiefen Abscheu vor
    allen Neuerungen und Fortschritten und unbegrenzte Ehrfurcht
    vor der Tradition. (S. 37.)

    Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beurteilen, muß
    man in Betracht ziehen, daß im Beisammensein der Massen-
    individuen alle individuellen Hemmungen entfallen und alle
    grausamen, brutalen, destruktiven Instinkte, die als Überbleibsel
    der Urzeit im Einzelnen schlummern, zur freien Triebbefriedigung
    geweckt werden. Aber die Massen sind auch unter dem Einfluß
    der Suggestion hoher Leistungen von Entsagung, Uneigen-
    nützigkeit, Hingebung an ein Ideal fähig. Während der persön-
    liche Vorteil beim isolierten Individuum so ziemlich die einzige
    Triebfeder ist, ist er bei den Massen sehr selten vorherrschend.
    Man kann von einer Versittlichung des Einzelnen durch die Masse
    sprechen (S. 39). Während die intellektuelle Leistung der Masse
    immer tief unter der des Einzelnen steht, kann ihr ethisches
    Verhalten dies Niveau ebenso hoch überragen, wie tief darunter
    herabgehen.

    Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massenseele mit
    der Seele der Primitiven zu identifizieren, werfen einige andere
    Züge der Le Bonschen Charakteristik. Bei den Massen können
    die entgegengesetztesten Ideen nebeneinander bestehen und sich
    miteinander vertragen, ohne daß sich aus deren logischem Wider-
    spruch ein Konflikt ergäbe. Dasselbe ist aber im unbewußten
    Seelenleben der Einzelnen, der Kinder und der Neurotiker der
    Fall, wie die Psychoanalyse längst nachgewiesen hat.1

    1) Beim kleinen Kinde bestehen zum Beispiel ambivalente Gefühlseinstellungen
    gEgen die ihm nächsten Personen lange Zeit nebeneinander, ohne daß die eine die
    ihr entgegengesetzte in ihrem Ausdruck stört. Kommt es dann endlich zum Konflikt
    zwischen den beiden, so wird er oft dadurch erledigt, daß das Kind das Objekt
    wechselt, die eine der ambiValenten Regungen auf ein Ersatzobjekt verschiebt. Auch
    aus der Entwicklungsgeschichte einer Neurose beim Erwachsenen kann man erfahren,
    daß eine unterdrückte Regung sich häufig lange Zeit in unbewußten oder selbst
    bewußten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt natürlich einer herrschenden Strebung
    direkt zuwiderläuft, ohne daß sich aus diesem Gegensatz ein Einschreiten des Ichs

  • S.

    273

    Ferner unterliegt die Masse der wahrhaft magischen Macht
    von Worten, die in der Massenseele die furchtbarsten Stürme
    hervorrufen und sie auch besänftigen können (S. 74). „Mit
    Vernunft und Argumenten kann man gegen gewisse Worte und
    Formeln nicht ankämpfen. Man spricht sie mit Andacht vor den
    Massen aus, und sogleich werden die Mienen respektvoll und
    die Köpfe neigen sich. Von vielen werden sie als Naturkräfte
    oder als übernatürliche Mächte betrachtet.“ (S. 75.) Man braucht
    sich dabei nur an die Tabu der Namen bei den Primitiven, an
    die magischen Kräfte, die sich ihnen an Namen und Worte
    knüpfen, zu erinnern.1

    Und endlich: Die Massen haben nie den Wahrheitsdurst gekannt.
    Sie fordern Illusionen, auf die sie nicht verzichten können. Das
    Irreale hat bei ihnen stets den Vorrang vor dem Realen, das
    Unwirkliche beeinflußt sie fast ebenso stark wie das Wirkliche.
    Sie haben die sichtliche Tendenz, zwischen beiden keinen Unter-
    schied zu machen (S. 47).

    Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der vom unerfüllten
    Wunsch getragenen Illusion haben wir als bestimmend für die
    Psychologie der Neurosen aufgezeigt. Wir fanden, für die Neurotiker
    gelte nicht die gemeine objektive, sondern die psychische Realität.
    Ein hysterisches Symptom gründe sich auf Phantasie, anstatt auf

    gegen das von ihm Verworfene ergäbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile über
    toleriert bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich infolge einer Steigerung der effektiven
    Besetzung derselben, der Konflikt zwischen ihr und dem Ich mit allen seinen Folgen
    herstellt.

    Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Erwachsenen kommt es
    überhaupt zu einer immer weiter greifenden Integration der Persönlichkeit, zu
    einer Zusammenfassung der einzelnen, unabhängig voneinander in ihr gewachsenen
    Triehregungen und Zielstrehungen. Der analoge Vorgang auf dem Gebiet des
    Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung aller Sexualtriebe zur definitiven Genital-
    organisation lange bekannt. (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905. Ges. Schriften,
    Bd. V.) Daß die Vereinheitlichung des Ichs übrigens dieselben Störungen erfahren
    kann wie die der Libido, zeigen vielfache, sehr bekannte Beispiele, wie das
    der Naturforscher, die bibelgläubig geblieben sind und andere. Die verschiedenen
    Möglichkeiten eines späteren Zerfalls des Ichs bilden ein besonderes Kapitel der
    Pychopathologie.

    1) Siehe „Totem und Tabu“.

  • S.

    274

    die Wiederholung wirklichen Erlebens, ein zwangsneurotisches
    Schuldbewußtsein auf die Tatsache eines bösen Vorsatzes, der riie
    zur Ausführung gekommen. Ja, wie im Traum und in der
    Hypnose, tritt in der Seelentätigkeit der Masse die Realitäts-
    prüfung zurück gegen die Stärke der effektiv besetzten Wunsch-
    regungen.

    Was Le Bon über die Führer der Massen sagt, ist weniger
    erschöpfend und läßt das Gesetzmäßige nicht so deutlich durch-
    schimmern. Er meint, sobald lebende Wesen in einer gewissen
    Anzahl vereinigt sind, einerlei, ob eine Herde Tiere oder eine
    Menschenmenge, stellen sie sich instinktiv unter die Autorität
    eines Oberhauptes (S. 86). Die Masse ist eine folgsame Herde,
    die nie ohne Herrn zu leben vermag. Sie hat einen solchen
    Durst zu gehorchen, daß sie sich jedem, der sich zu ihrem Herrn
    ernennt, instinktiv unterordnet.

    Kommt so das Bedürfnis der Masse dem Führer entgegen, so
    muß er ihm doch durch persönliche Eigenschaften entsprechen.
    Er muß selbst durch einen starken Glauben (an eine Idee)
    fasziniert sein, um Glauben in der Masse zu erwecken, er muß
    einen starken, imponierenden Willen besitzen, den die willenlose
    Masse von ihm annimmt. Le Bon bespricht dann die verschiedenen
    Arten von Führern und die Mittel, durch welche sie auf die
    Masse wirken. Im ganzen läßt er die Führer durch die Ideen zur
    Bedeutung kommen, für die sie selbst fanatisiert sind.

    Diesen Ideen wie den Führern schreibt er überdies eine
    geheimnisvolle, unwiderstehliche Macht zu, die er „Prestige“
    benennt. Das Prestige ist eine Art Herrschaft, die ein Individuum,
    ein Werk oder eine Idee über uns übt. Sie lähmt all unsere
    Fähigkeit zur Kritik und erfüllt uns mit Staunen und Achtung.
    Sie dürfte ein Gefühl hervorrufen, ähnlich wie das der Faszination
    der Hypnose (S. 96).

    Er unterscheidet erworbenes oder künstliches und persönliches
    Prestige. Das erstere wird bei Personen durch Name, Reichtum,

  • S.

    275

    Ansehen verliehen, bei Anschauungen, Kunstwerken und dergleichen
    durch Tradition. Da es in allen Fällen auf die Vergangenheit
    zurückgreift, wird es für das Verständnis dieses rätselhaften Ein-
    flusses wenig leisten. Das persönliche Prestige haftet an wenigen
    Personen, die durch dasselbe zu Führern werden, und macht,
    daß ihnen alles wie unter der Wirkung eines magnetischen Zaubers
    gehorcht. Doch ist jedes Prestige auch vom Erfolg abhängig und
    geht durch Mißerfolge verloren (S. 103).

    Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei Le Bon die Rolle
    der Führer und die Betonung des Prestiges in richtigen Einklang
    mit der so glänzend vorgetragenen Schilderung der Massenseele
    gebracht worden ist.