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    [276]

    III
    ANDERE WÜRDIGUNGEN DES KOLLEKTIVEN
    SEELENLEBENS

    Wir haben uns der Darstellung von Le Bon als Einführung
    bedient, weil sie in der Betonung des unbewußten Seelenlebens
    so sehr mit unserer eigenen Psychologie zusammentrifft. Nun
    müssen wir aber hinzufügen, daß eigentlich keine der Behaup-
    tungen dieses Autors etwas Neues bringt. Alles, was er Abträg-
    liches und Herabsetzendes über die Äußerungen der Massenseele
    sagt, ist schon vor ihm ebenso bestimmt und ebenso feindselig
    von anderen gesagt werden, wird seit den ältesten Zeiten der
    Literatur von Denkern, Staatsmännern und Dichtern gleichlautend.
    so wiederholt.1 Die beiden Sätze, welche die wichtigsten Ansichten
    Le Bons enthalten, der von der kollektiven Hemmung der
    intellektuellen Leistung und der von der Steigerung der Alfektivität
    in der Masse waren kurz vorher von Sighele formuliert
    worden.2 Im Grunde erübrigen als Le Bon eigentümlich nur
    die beiden Gesichtspunkte des Umbewußten und des Vergleiches
    mit dem Seelenleben der Primitiven, auch diese natürlich oftmals
    vor ihm berührt.

    1) Vergleiche den Text und das Literaturverzeichnis in B. Kraškovic jun.
    Die Psychologie der Kollektivitäten. Aus dem Kroatischen übersetzt von Siegmund
    von Posavec. Vukovar 1915.

    2) Siehe Walter Moede, Die Massen- und Sozialpsychologie im kritischen Über-
    blick. Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik von
    Meumann und Scheibner, XVI, 1915.

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    277

    Aber noch mehr, die Beschreibung und Würdigung der Massen-
    seele, wie Le Bon und die anderen sie geben, ist auch keines-
    wegs unangefochten geblieben. Kein Zweifel, daß alle die vorhin
    beschriebenen Phänomene der Massenseele richtig beobachtet
    werden sind, aber es lassen sich auch andere, geradezu entgegen-
    gesetzt wirkende Äußerungen der Massenbildung erkennen, aus
    denen man dann eine weit höhere Einschätzung der Massenseele
    ableiten muß.

    Auch Le Bon war bereit, zuzugestehen, daß die Sittlichkeit
    der Masse unter Umständen höher sein kann als die der sie
    zusammensetzenden Einzelnen, und daß nur die Gesamtheiten
    hoher Uneigennützigkeit und Hingebung fähig sind.

    (S. 58.) „Während der persönliche Vorteil beim isolierten
    Individuum so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er bei den
    Massen sehr selten vorherrschend.“

    Andere machen geltend, daß es überhaupt erst die Gesellschaft ist,
    welche dem. Einzelnen die Normen der Sittlichkeit vorschreibt,
    während der Einzelne in der Regel irgendwie hinter diesen hohen
    Ansprüchen zurückbleibt. Oder daß in Ausnahmszuständen in einer
    Kollektivität das Phänomen der Begeisterung zustande kornmt,
    welches die großartigsten Massenleistungen ermöglicht hat.

    In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar bestehen,
    daß die großen Entscheidungen der Denkarbeit, die folgenschweren
    Entdeckungen und Problemlösungen nur dem Einzelnen, der in
    der Einsamkeit arbeitet, möglich sind. Aber auch die Massenseele
    ist genialer geistiger Schöpfungen fähig, wie vor allem die
    Sprache selbst beweist, sodann das Volkslied, Folklore und anderes.
    Und überdies bleibt es dahingestellt, wieviel der einzelne Denker
    oder Dichter den Anregungen der Masse, in welcher er lebt,
    verdankt, ob er mehr als der Vollender einer seelischen Arbeit
    ist, an der gleichzeitig die anderen mitgetan haben.

    Angesichts dieser vollkommenen Widersprüche scheint es ja,
    daß die Arbeit der Massenpsychologie ergebnislos verlaufen müsse.

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    Allein es ist leicht, einen hoffnungsvolleren Ausweg zu finden.
    Man hat wahrscheinlich als „Massen“ sehr verschiedene Bildungen
    zusammengefaßt, die einer Sonderung bedürfen. Die Angaben von
    Sighele, Le Bon und anderen beziehen sich auf Massen kurz-
    lebiger Art, die rasch durch ein vorübergehendes Interesse aus
    verschiedenartigen Individuen zusammengeballt werden. Es ist
    unverkennbar, daß die Charaktere der revolutionären Massen,
    besonders der großen französischen Revolution, ihre Schilderungen
    beeinflußt haben. Die gegensätzlichen Behauptungen stammen aus
    der Würdigung jener stabilen Massen oder Vergesellschaftungen,
    in denen die Menschen ihr Leben zubringen, die sich in den
    Institutionen der Gesellschaft verkörpern. Die Massen der ersten
    Art sind den letzteren gleichsam aufgesetzt, wie die kurzen, aber
    hohen Wellen den langen Dünungen der See.

    McDougall‚ der in seinem Buch The Group Mind1 von
    dem nämlichen, oben erwähnten Widerspruch ausgeht, findet die
    Lösung desselben im Moment der Organisation. Im einfachsten
    Falle, sagt er, besitzt die Masse (group) überhaupt keine Organi-
    sation oder eine kaum nennenswerte. Er bezeichnet eine solche
    Masse als einen Haufen (crowd). Doch gesteht er zu, daß ein
    Haufen Menschen nicht leicht zusammenkommt, ohne daß sich
    in ihm wenigstens die ersten Anfänge einer Organisation bildeten,
    und daß gerade an diesen einfachen Massen manche Grundtat-
    sachen der Kollektivpsychologie besonders leicht zu erkennen
    sind (S. 22). Damit sich aus den zufällig zusammengewehten
    Mitgliedern eines Menschenhaufens etwas wie eine Masse im
    psychologischen Sinne bilde, wird als Bedingung erfordert, daß
    diese Einzelnen etwas miteinander gemein haben, ein gemein-
    sames Interesse an einem Objekt, eine gleichartige Gefühlsrichtung
    in einer gewissen Situation und (ich würde einsetzen: infolge-
    dessen) ein gewisses Maß von Fähigkeit, sich untereinander zu
    beeinflussen. (Some degree of reciprocal influence between the

    1) Cambridge, 1920.

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    members of the group.) (S. 23.) Je stärker diese Gemeinsamkeiten
    (this mental homogeneity) sind, desto leichter bildet sich aus den
    Einzelnen eine psychologische Masse und desto auffälliger äußern
    sich die Kundgebungen einer „Massenseele“.

    Das merkwürdigste und zugleich wichtigste Phänomen der
    Massenbildung ist nun die bei jedem Einzelnen hervorgerufene
    Steigerung der Affektivität (exaltation of intensification of emotion)
    (S. 24). Man kann sagen, meint McDougall, daß die Affekte
    der Menschen kaum unter anderen Bedingungen zu solcher Höhe
    anwachsen, wie es in einer Masse geschehen kann, und zwar ist
    es eine genußreiche Empfindung für die Beteiligten, sich so
    schrankenlos ihren Leidenschaften hinzugeben und dabei in der
    Masse aufzugeben, das Gefühl ihrer individuellen Abgrenzung zu
    verlieren. Dies Mitfortgerissenwerden der Individuen erklärt
    McDougall aus dem von ihm so genannten „principle of direct
    induction of emotion by way of the primitive sympathetic response
    “
    (S. 25), das heißt durch die uns bereits bekannte Gefühls-
    ansteckung. Die Tatsache ist die, daß die wahrgenommenen
    Zeichen eines Affektzustandes geeignet sind, bei dem Wahr-
    nehmenden automatisch denselben Affekt hervorzurufen. Dieser
    automatische Zwang wird um so stärker, an je mehr Personen
    gleichzeitig derselbe Affekt bemerkbar ist. Dann schweigt die
    Kritik des Einzelnen und er läßt sich in denselben Affekt gleiten.
    Dabei erhöht er aber die Erregung der anderen, die auf ihn
    gewirkt hatten, und so steigert sich die Affektladung der Einzelnen
    durch gegenseitige Induktion. Es ist unverkennbar etwas wie
    ein Zwang dabei wirksam, es den anderen gleichzutun, im Ein-
    klang mit den Vielen zu bleiben. Die gröberen und einfacheren
    Gefühlsregungen haben die größere Aussicht, sich auf solche Weise
    in einer Masse zu verbreiten (S. 39).

    Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch durch
    einige andere, von der Masse ausgehende Einflüsse begünstigt.
    Die Masse macht dem Einzelnen den Eindruck einer unbeschränkten

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    Macht und einer unbesiegbaren Gefahr. Sie hat sich für den
    Augenblick an die Stelle der gesamten menschlichen Gesellschaft
    gesetzt, welche die Trägerin der Autorität ist, deren Strafen man
    gefürchtet, der zuliebe man sich so viele Hemmungen auferlegt
    hat. Es ist offenbar gefährlich, sich in Widerspruch mit ihr zu
    setzen, und man ist sicher, wenn man dem ringsumher sich
    zeigenden Beispiel folgt, also eventuell sogar „mit den Wölfen
    heult“. Im Gehorsam gegen die neue Autorität darf man sein
    früheres „Gewissen“ außer Tätigkeit setzen und dabei der Lockung
    des Lustgewinnes nachgehen, den man sicherlich durch die Auf-
    hebung seiner Hemmungen erzielt. Es ist also im ganzen nicht
    so merkwürdig, wenn wir den Einzelnen in der Masse Dinge
    tun oder gutheißen sehen, von denen er sich unter seinen
    gewohnten Lebenshedingungen abgewendet hätte, und wir können
    selbst die Hoffnung fassen, auf diese Weise ein Stück der Dunkelheit
    zu lichten, die man mit dem Bätselwort der „Suggestion“ zu
    decken pflegt.

    Dem Satz von der kollektiven Intelligenzhemmung in der Masse
    widerspricht auch McDougall nicht (S. 41). Er sagt, die
    geringeren Intelligenzen ziehen die größeren auf ihr Niveau
    herab. Die letzteren werden in ihrer Betätigung gehemmt, weil
    die Steigerung der Affektivität überhaupt ungünstige Bedingungen
    für korrekte geistige Arbeit schafft, ferner weil die Einzelnen
    durch die Masse eingeschüchtert sind und ihre Denkarbeit nicht
    frei ist, und weil bei jedem Einzelnen das Bewußtsein der Ver-
    antwortlichkeit für seine Leistung herabgesetzt wird.

    Das Gesamturteil über die psychische Leistung einer einfachen,
    „unorganisierten“ Masse lautet bei McDougall nicht freund-
    licher als bei Le Bon. Eine solche Masse ist (S. 45): überaus
    erregbar, impulsiv, leidenschaftlich, wankelmütig, inkonsequent,
    unantschlossen und dabei zum Äußersten bereit in ihren Hand-
    lungen, zugänglich nur für die gröberen Leidenschaften und ein-
    facheren Gefühle, außerordentlich suggestibel, leichtsinnig in ihren

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    281

    Überlegungen, heftig in ihren Urteilen, aufnahmsfähig nur für
    die einfachsten und unvollkommensten Schlüsse und Argumente,
    leicht zu lenken und zu erschüttern, ohne Selbstbewußtsein, Selbst-
    achtung und Verantwortlichkeitsgefühl, aber bereit, sich von ihrem
    Kraftbewußtsein zu allen Untaten fortreißen zu lassen, die wir
    nur von. einer absoluten und unverantwortlichen Macht erwarten
    können. Sie benimmt sich also eher wie ein ungezogenes Kind
    oder wie ein leidenschaftlicher, nicht beaufsichtigter Wilder in
    einer ihm fremden Situation, in den schlimmsten Fällen ist ihr
    Benehmen eher das eines Rudels von wilden Tieren als von
    menschlichen Wesen.

    Da McDougall das Verhalten der hoch organisierten Massen
    in Gegensatz zu dem hier Geschilderten bringt, werden wir
    besonders gespannt sein zu erfahren, worin diese Organisation
    besteht und durch welche Momente sie hergestellt wird. Der
    Autor zählt fünf dieser „principal conditions“ für die Hebung des
    seelischen Lebens der Masse auf ein höheres Niveau auf.

    Die erste grundlegende Bedingung ist ein gewisses Maß von
    Kontinuität im Bestand der Masse. Diese kann eine materielle
    oder eine formale sein, das erstere, wenn dieselben Personen längere
    Zeit in der Masse verbleiben, das andere, wenn innerhalb der
    Masse bestimmte Stellungen entwickelt sind, die den einander
    ablösenden Personen angewiesen werden.

    Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der Masse eine
    bestimmte Vorstellung von der Natur, der Funktion‚ den Leistungen
    und Ansprüchen der Masse gebildet hat, so daß sich daraus für
    ihn ein Gefühlsverhältnis zum Ganzen der Masse ergeben kann.

    Die dritte, daß die Masse in Beziehung zu anderen, ihr ähn-
    lichen, aber doch von ihr in vielen Punkten abweichenden
    Massenbildungen gebracht wird, etwa daß sie mit diesen rivalisiert.

    Die vierte, daß die Masse Traditionen, Gebräuche und Einrich-
    tungen besitzt, besonders solche, die sich auf das Verhältnis ihrer
    Mitglieder zueinander beziehen.

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    Die fünfte, daß es in der Masse eine Gliederung gibt, die sich
    in der Spezialisierung und Differenzierung der dem Einzelnen
    zufallenden Leistung ausdrückt.

    Durch die Erfüllung dieser Bedingungen werden nach McDougall
    die psychischen Nachteile der Massenbildung aufgehoben. Gegen
    die kollektive Herabsetzung der Intelligenzleistung schützt man sich
    dadurch, daß man die Lösung der intellektuellen Aufgaben der
    Masse entzieht und sie Einzelnen in ihr vorbehält.

    Es scheint uns, daß man die Bedingung, die McDougall
    als „Organisation“ der Masse bezeichnet hat, mit mehr Berechtigung
    anders beschreiben kann. Die Aufgabe besteht darin, der Masse
    ggade jene Eigenschaften zu verschaffen, die für das Individuiim
    charakteristisch waren und die bei ihm durch die Massenbildtfng
    adsgelöscht wurden. Denn das Individuum hatte — außerhalb
    der primitiven Masse — seine Kontinuität, sein Selbstbewußtsein,
    seine Traditionen und Gewohnheiten, seine besondere Arbeits-
    leistung und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert,
    mit denen es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch seinen
    Eintritt in die nicht „organisierte“ Masse für eine Zeit verloren.
    Erkennt man so als Ziel, die Masse mit den Attributen des Indi-
    viduums auszustatten, so wird man an eine gehaltreiche Bemerkung
    von W. Trotter1 gemahnt, der in der Neigung zur Massen-
    bildung eine biologische Fortführung der Vielzelligkeit aller höheren
    Organismen erblickt.2

    1) Instincts of the Herd in Peace and War. London 1916.

    2) Ich kann im Gegensatz zu einer sonst verständnisvollen und. scharfsinnigen
    Kritik von Hans Kelsen (Imago VIII/2, 1922) nicht zugeben, daß eine solche Aus-
    stattung der „Massenseele“ mit Organisation eine Hypostasierung derselben, das heißt
    die Zuerkennung einer Unabhängigkeit von den seelischen Vorgängen im Individuum
    bedeutete.