• S.

    [338]

    XII
    NACHTRÄGE

    Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem vorläufigen
    Abschluß gekommen ist, haben sich uns verschiedene Nebenwege
    eröffnet, die wir zuerst vermieden haben, auf denen uns. aber
    manche nahe Einsicht winkte. Einiges von dem so Zurückgestellten
    wollen wir nun nachholen.

    A) Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und Ichideal-
    ersetzung durch das Objekt findet eine interessante Erläuterung
    an den zwei großen künstlichen Massen, die wir eingangs studiert
    haben, dem Heer und der christlichen Kirche.

    Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten, also eigentlich
    den Armeeführer, zum Ideal nimmt, während er sich mit seines-
    gleichen identifiziert und aus dieser Ichgemeinsamkeit die Ver-
    pflichtungen der Kameradschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung
    und Güterteilung ableitet. Aber er wird lächerlich, wenn er sich
    mit dem Feldherrn identifizieren will. Der Jäger in Wallensteins
    Lager verspottet darob den Wachtmeister:

    Wie er räuspert und wie er spuckt,
    Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt!...

    Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ liebt Christus
    als sein Ideal und fühlt sich den anderen Christen durch Identi-
    fizierung verbunden. Aber die Kirche fordert von ihm mehr. Er
    soll überdies sich mit Christus identifizieren und die anderen

  • S.

    339

    Christen lieben, wie Christus sie geliebt hat. Die Kirche fordert
    also an beiden Stellen die Ergänzung der durch die Massen-
    bildung gegebenen Libidoposition. Die Identifizierung soll dort
    hinzuk0mmen, wo die Objektwahl stattgefunden hat, und. die
    Objektliebe dort, wo die Identifizierung besteht. Dieses Mehr
    geht offenbar über die Konstitution der Masse hinaus. Man kann
    ein guter Christ sein und doch könnte einem die Idee, sich an
    Christi Stelle zu setzen, wie er alle Menschen liebend zu umfassen,
    ferne liegen. Man braucht sich ja nicht als. schwacher Mensch
    die Seelengröße und Liebesstärke des Heilandes zuzutrauien. Aber
    diese Weiterentwicklung der Libidoverteilung in der Masse ist
    wahrscheinlich das Moment, auf welches das Christentum den
    AnSpruch gründet, eine höhere Sittlichkeit gewonnen zu haben.

    B) Wir sagten, es wäre möglich, die Stelle in der seelischen
    Entwicklung der Menschheit anzugeben, an der sich auch für
    den Einzelnen der Fortschritt von der Massen- zur Individual-
    psychologie vollzog.1

    Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaftlichen
    Mythus vom Vater der Urhorde zurückgreifen. Er wurde später
    zum Weltschöpfer erhöht, mit Recht, denn er hatte alle die
    Söhne erzeugt, welche die erste Masse zusammensetzten. Er war
    das Ideal jedes einzelnen, von ihnen, gleichzeitig gefürchtet und
    verehrt, was für später den Begriff des Tabu ergab. Diese Mehr-
    heit faßte sich einmal zusammen, tötete und zerstückelte ihn.
    Keiner der Massensieger konnte sich an seine Stelle setzen, oder
    wenn es einer tat, erneuerten sich die Kämpfe, bis sie einsahen,
    daß sie alle auf die Erbschaft des Vaters verzichten mußten. Sie
    bildeten dann die totemistische Brüdergemeinschaft, alle mit
    gleichem Rechte und durch die Totemverbote gebunden, die das

    1) Das hier Folgende steht unter dem Einflusse eines Gedankenaustausches mit
    Otto Bank. (Siehe „Die Don Juan-Gestalt“, Image, VIII, 1922); seither auch in
    Buchform, 1924.

  • S.

    340

    Andenken der Mordtat erhalten und sühnen sollten. Aber die
    Unzufriedenheit mit dem Erreichten blieb und wurde die Quelle
    neuer Entwicklungen. Allmählich näherten sich die zur Bruder-
    masse Verbundenen einer Herstellung des alten Zustandes auf
    neuem Niveau, der Mann wurde wiederum Oberhaupt einer
    Familie und brach die Vorrechte der Frauenherrschaft, die sich
    in der vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur Entschädigung mag
    er damals die Muttergottheiten anerkannt haben, deren Priester
    kastriert wurden zur Sicherung der Mutter nach dem Beispiel,
    das der Vater der Urhorde gegeben hatte; doch war die neue
    Familie nur ein Schatten der alten, der Väter waren viele und
    jeder durch die Rechte des anderen beschränkt.

    Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen Einzelnen
    bewogen haben, sich von der Masse loszulösen und sich in die
    Rolle des Vaters zu versetzen. Wer dies tat, war der erste
    epische Dichter, der Fortschritt wurde in seiner Phantasie voll-
    zogen. Der Dichter log die Wirklichkeit um im Sinne seiner
    Sehnsucht. Er erfand den heroischen Mythus. Heros war, wer
    allein den Vater erschlagen hatte, der im Mythus noch als tote-
    mistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das erste Ideal
    des Knabens gewesen war, so schuf jetzt der Dichter im Heros,
    der den Vater ersetzen will, das erste lchideal. Die Anknüpfimg
    an den Heros bot wahrscheinlich der jüngste Sohn, der Liebling
    der Mutter, den sie vor der väterlichen Eifersucht beschützt
    hatte, und der in Urhordenzeiten der Nachfolger des Vaters
    geworden war. In der lügenhaften Umdichtung der Urzeit wurde
    das Weib, das der Kampfpreis und die Verlockung des Mordes
    gewesen war, wahrscheinlich zur Verführerin und Anstifterin der
    Untat.

    Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, deren sich
    gewiß nur die Horde als Ganzes getraut hatte. Doch hat nach
    einer Bemerkung von Rank das Märchen deutliche Spuren des
    verleugneten Sachverhaltes bewahrt. Denn dort kommt es häufig

  • S.

    341

    vor, daß der Held, der eine schwierige Aufgabe zu lösen hat —
    meist ein jüngster Sohn, nicht selten einer, der sich vor dem
    Vatersurrogat dumm, das heißt ungefährlich gestellt hat — diese
    Aufgabe doch nur mit Hilfe einer Schar von kleinen Tieren
    (Bienen, Ameisen) lösen kann. Dies wären die Brüder der
    Urhorde, wie ja auch in der Traumsymbolik Insekten, Unge-
    ziefer die Geschwister (verächtlich: als kleine Kinder) bedeuten.
    Jede der Aufgaben in Mythus und Märchen ist überdies leicht
    als Ersatz der heroischen Tat zu erkennen.

    Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Einzelne aus
    der Massenpsychologie austritt. Der erste Mythus war sicherlich
    der psychologische, der Heroenmythus; der erklärende Natur-
    mythus muß weit später aufgekommen sein. Der Dichter, der
    diesen Schritt getan und sich so in der Phantasie von der Masse
    gelöst hatte, weiß nach einer weiteren Bemerkung von Bank
    doch in der Wirklichkeit die Rückkehr zu ihr zu finden. Denn
    er geht hin und erzählt dieser Masse die Taten seines Helden,
    die er erfunden. Dieser Held ist im Grunde kein anderer als er
    selbst. Er senkt sich somit zur Realität herab und hebt seine
    Hörer zur Phantasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter,
    sie können sich auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen Bezie-
    hung zum Urvater mit dem Heros identifizieren.1

    Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Vergottung
    des Heros. Vielleicht war der vergottete Heros früher als der
    Vatergott, der Vorläufer der Wiederkehr des Urvaters als Gott-
    heit. Die Götterreihe Hefe dann chronologisch so: Muttergöttin-
    Heros-Vatergott. Aber erst mit der Erhöhung des nie ver-
    gessenen Urvaters erhielt die Gottheit die Züge, die wir noch
    heute an ihr kennen.2

    1) Vgl. Hanns Sachs, Gemeinsame Tagträume, Autoreferat eines Vertrages auf
    dem VI. Psychoanalytischen Kongreß im Haag, 1920. Internationale Zeitschrift für
    Psychoanalyse, VI, (1920); seither auch in Buchform erschienen (Imago-Bücher, Bd. 5).

    2) In dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material aus Sage, Mythus,
    Märchen, Sittengeschichte usw. zur Stütze der Konstruktion verzichtet worden.

  • S.

    342

    C) Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten und
    von zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und dürfen hoffen,
    daß diese Unterscheidung nicht auf großen Widerstand stoßen
    wird. Doch wird eine eingehende Erörterung darüber nicht unwill-
    kommen sein, selbst wenn sie nur wiederholt, was zum großen
    Teil bereits an früheren Stellen gesagt worden ist.

    Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter Sexual-
    triebe hat uns die Libidoentwicklung des Kindes kennen gelehrt.
    Alle die Gefühle, welche das Kind für seine Eltern und Pflege-
    personen empfindet, setzen sich ohne Schranke in die Wünsche
    fort, welche dem Sexualstreben des Kindes Ausdruck geben1. Das
    Kind verlangt von diesen geliebten Personen alle Zärtlichkeiten,
    die ihm bekannt sind, will sie küssen, berühren, beschauen, ist
    neugierig, ihre Genitalien zu sehen und bei ihren intimen Exkre-
    tionsverrichtungen anwesend zu sein, es verspricht, die Mutter
    oder Pflegerin zu heiraten, was immer es sich darunter vor-
    stellen mag, setzt sich vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw.
    Direkte Beobachtung sowie die nachträgliche analytische Durch-
    leuchtung der Kindheitsreste lassen über das unmittelbare
    Zusanimenfließen zärtlicher und eifersüchtiger Gefühle und
    sexueller Absichten keinen Zweifel und legen uns dar, in wie
    gründlicher Weise das Kind die geliebte Person zum Objekt
    aller seiner noch nicht richtig zentrierten Sexualbestrebungen
    macht. (Vgl. Sexualtheorie.)

    Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch dem
    Ödipuskomplex zugeordnet ist, erliegt dann, wie bekannt, vom
    Beginn der Latenzzeit an einem Verdrängungsschub. Was von ihr
    erübrigt, zeigt sich uns als rein zärtliche Gefühlsbindung, die den-
    selben Personen gilt, aber nicht mehr als „sexuell“ bezeichnet
    werden soll. Die Psychoanalyse, welche die Tiefen des Seelen-
    lebens durchleuchtet‚ hat es nicht schwer, aufzuweisen, daß auch
    die sexuellen Bindungen der ersten Kinderjahre noch fortbestehen,
    aber verdrängt und unbewußt. Sie gibt uns den Mut zu behaupten,

  • S.

    343

    daß überall, wo wir ein zärtliches Gefühl begegnen, dies der
    Nachfolger einer voll „sinnlichen“ Objektbindung an die betreffende
    Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann uns freilich
    nicht ohne besondere Untersuchung verraten, ob diese vorgängige
    sexuelle Vollströmung in einem gegebenen Fall noch als ver-
    drängt besteht oder ob sie bereits aufgezehrt ist. Um es noch
    schärfer zu fassen: es steht fest, daß sie als Form und Möglichkeit
    noch vorhanden ist und jederzeit wieder durch Regression besetzt,
    aktiviert werden kann, es fragt sich nur und ist nicht immer zu
    entscheiden, welche Besetzung und Wirksamkeit sie gegenwärtig
    noch hat. Man muß sich hiebei gleichmäßig vor zwei Fehler-
    quellen in acht nehmen, vor der Scylla der Unterschätzung des
    verdrängten Unbewußten, wie vor der Charybdis der Neigung,
    das Normale durchaus mit dem Maß des Pathologischen zu
    messen.

    Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten nicht durch-
    dringen will oder kann, stellen sich die zärtlichen Gefühls-
    bindungei1 jedenfalls als Ausdruck von Strebungen dar, die nicht
    nach dem Sexuellen zielen, wenngleich sie aus solchen, die danach
    gestrebt haben, hervorgegangen sind.1

    Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen sexuellen
    Zielen abgelenkt werden, wenngleich es seine Schwierigkeiten
    hat, in der Darstellung einer solchen Zielablenkung den Anfor-
    derungen der Metapsychologie zu ent3prechen. Übrigens halten
    diese zielgehemmten Triebe immer noch einige der ursprüng-
    lichen Sexualziele fest. auch der zärtlich Anhängliche, auch der
    Freund, der Verehrer sucht die körperliche Nähe und den
    Anblick der nur mehr im „paulinischen“ Sinne geliebten Person.
    Wenn wir es wollen, können wir in dieser Zielablenkung einen
    Beginn von Sublimierung der Sexualtriebe anerkennen oder
    aber die Grenze für letztere noch ferner stecken. Die ziel-
    gehenimten Sexualtriebe haben vor den ungehemmten einen

    1) Die feindseligen Gefühle sind gewiß um ein Stück komplizierter aufgebaut

  • S.

    344

    großen funktionellen Vorteil. Da sie einer eigentlich vollen Befrie-
    digung nicht fähig sind, eignen sie sich besonders dazu, dauernde
    Bindungen zu schaffen, während die direkt sexuellen jedesmal
    durch die Befriedigung ihrer Energie verlustig werden und auf
    Erneuerung durch Wiederanhäufung der sexuellen Libido warten
    müssen, wobei inzwischen das Objekt gewechselt werden kann.
    Die gehemmten Triebe sind jedes Maßes von Vermengung mit
    den ungehemmten fähig, können sich in sie rückverwandeln, wie
    sie aus ihnen hervorgegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht
    sich aus Gefühlsbeziehungen freundschaftlicher Art, auf Aner-
    kennung und Bewunderung gegründet, erotische Wünsche ent-
    wickeln (das Moliéresche: Embrassez-moi pour l’amour du
    Grec
    ), zwischen Meister und Schülerin, Künstler und entzückter
    Zuhörerin, zumal bei Frauen. Ja, die Entstehung solcher zuerst
    absichtsloser Gefühlsbindungen gibt direkt einen viel begangenen
    Weg zur sexuellen Objektwahl. In der „Frömmigkeit des Grafen
    von Zinzendorf“ hat Pfister ein überdeutliches, gewiß nicht
    vereinzeltes Beispiel dafür aufgezeigt, wie nahe es liegt, daß
    auch intensive religiöse Bindung in brünstige sexuelle Erregung
    zurückschlägt. Anderseits ist auch die Umwandlung direkter, an
    sich kurzlebiger, sexueller Strebungen in dauernde, bloß zärtliche
    Bindung etwas sehr Gewöhnliches und die Konsolidierung einer
    aus verliebter Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu einem
    großen Teil auf diesem Vorgang.

    Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören, daß die
    zielgehemmten Sexualstrebungen sich aus den direkt sexuellen
    dann ergeben, wenn sich der Erreichung der Sexualziele innere
    oder äußere Hindernisse entgegenstellen. Die Verdrängung der
    Latenzzeit ist ein solches inneres — oder besser: innerlich
    gewordenes — Hindernis. Vom Vater der Urhorde haben wir
    angenommen, daß er durch seine sexuelle Intoleranz alle Söhne
    zur Abstinenz nötigt und sie so in zielgehemmte Bindungen
    drängt, während er sich selbst freien Sexualgenuß vorbehält und

  • S.

    345

    somit angebunden bleibt. Alle Bindungen, auf denen die Masse
    beruht, sind von der Art der zielgehemmten Triebe. Damit aber
    haben wir uns der Erörterung eines neuen Themas genähert,
    welches die Beziehung der direkten Sexualtriebe zur Massen-
    bildung behandelt.

    D) Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen
    darauf vorbereitet zu finden, daß die direkten Sexualstrebungen
    der Massenbildung ungünstig sind. Es hat zwar auch in der
    Entwicklungsgeschichte der Familie Massenbeziehungen der sexuellen
    Liebe gegeben (die Gruppenehe), aber je bedeutungsvoller die
    Geschlechtsliebe für das Ich wurde, je mehr Verliebtheit sie
    entwickelte, desto eindringlicher forderte sie die Einschränkung
    auf zwei Personen — una cum uno, — die durch die Natur
    des Genitalzieles vorgezeichnet ist. Die polygamen Neigungen
    wurden darauf angewiesen, sich im Nacheinander des Objekt-
    wechsels zu befriedigen.

    Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung aufeinander
    angewiesenen Personen demonstrieren gegen den Herdentrieb, das
    Massengefühl, indem sie die Einsamkeit aufsuchen. Je verliebter
    sie sind, desto vollkommener genügen sie einander. Die Ablehnung
    des Einflusses der Masse äußert sich als Schamgefühl. Die äußerst
    heftigen Gefühlsregungen der Eifersucht werden aufgeboten, um
    die sexuelle Objektwahl gegen die Beeinträchtigung durch eine
    Massenbindung zu schützen. Nur wenn der zärtliche, also persönliche
    Faktor der Liebesbeziehung völlig hinter dem sinnlichen zurück-
    tritt, wird der Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart anderer
    oder gleichzeitige Sexualakte innerhalb einer Gruppe wie bei der
    Orgie möglich. Damit ist aber eine Regression zu einem frühen
    Zustand der Geschlechtsbeziehungen gegeben, in dem die Verliebtheit
    noch keine Rolle spielte, die Sexualobjekte einander gleichwertig
    erachtet wurden, etwa im Sinne von dem bösen Wort Bernard
    Shaw‘s: Verliebtsein heiße, den Unterschied zwischen einem
    Weib und einem anderen ungebührlich überschätzen.

  • S.

    346

    Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß die
    Verliebtheit erst spät in die Sexualbeziehungen zwischen Mann
    und Weib Eingang fand, so daß auch die Gegnerschaft zwischen
    Geschlechtsliebe und Massenbindung eine spät entwickelte ist.
    Nun kann es den Anschein haben, als ob diese Annahme unver-
    träglich mit unserem Mythus von der Urfamilie wäre. Die
    Brüderschar soll doch durch die Liebe zu den Müttern und
    Schwestern zum Vatermord getrieben worden sein, und es ist
    schwer, sich diese Liebe anders denn als eine ungehrochene,
    primitive, das heißt als innige Vereinigung von zärtlicher und
    sinnlicher vorzustellen. Allein bei weiterer Überlegung löst sich
    dieser Einwand in eine Bestätigung auf. Eine der Reaktionen
    auf. den Vatermord war doch die Einrichtung der totemistischen
    Exogamie, das Verbot jeder sexuellen Beziehung mit den von
    der Kindheit an zärtlich geliebten Frauen der Familie.. Damit
    war der Keil zwischen die zärtlichen und sinnlichen Regungen
    des Mannes eingetrieben, der heute noch in seinem Liebesleben fest-
    sitzt.1 Infolge dieser Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürf-
    nisse der Männer mit fremden und ungeliebten Frauen begnügen.

    In den großen, künstlichen Massen, Kirche und Heer, ist für
    das Weib als Sexualobjekt kein Platz. Die Liebesbeziehung zwischen
    Mann und Weib bleibt außerhalb dieser Organisationen. Auch
    wo sich Massen bilden, die aus Männern und Weibern gemischt
    sind, spielt der Geschlechtsunterschied keine Rolle. Es hat kaum
    einen Sinn zu fragen, ob die Libido, welche die Massen zusammen-
    hält, homosexueller oder heterosexueller Natur ist, denn sie ist
    nicht nach den Geschlechtern differenziert und sieht insbesondere
    von den Zielen der Genitalorganisation der Libido völlig ab.

    Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für das sonst in
    der Masse aufgehende Einzelwesen ein Stück individueller
    Betätigung. Wo sie überstark werden, zersetzen sie jede Massen-

    1) S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. 1912. [Ges. Schriften,
    Bd. V.]

  • S.

    347

    bildung. Die katholische Kirche hatte die besten Motive, ihren
    Gläubigen die Ehelosigkeit zu empfehlen und ihren Priestern
    das Zölibat aufzuerlegen, aber die Verliebtheit hat oft auch
    Geistliche zum Austritt aus der Kirche getrieben. In gleicher
    Weise durchbricht die Liebe zum Weihe die Massenbindungen
    der Rasse, der nationalen Absonderung und der sozialen Klassen-
    ordnung und vollbringt damit kulturell wichtige Leistungen. Es
    scheint gesichert, daß sich die homosexuelle Liebe mit den
    Massenbindungen weit besser verträgt, auch wo sie als ungehemmte
    Sexualstrebung auftritt; eine merkwürdige Tatsache, deren Auf-
    klärung weit führen dürfte.

    Die psychoanalytische Untersuchung der Psychoneurosen hat
    uns gelehrt, daß deren Symptome von verdrängten, aber aktiv
    gebliebenen direkten Sexualstrebungen abzuleiten sind. Man kann
    diese Formel vervollständigen, wenn man hinzufügt: oder von
    solchen zielgehemmten, bei denen die Hemmung nicht durch-
    gehends gelungen ist oder einer Rückkehr zum verdrängten
    Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem Verhältnis entspricht, daß die
    Neurose asozial macht, den von ihr Betroffenen aus den habituellen
    Massenbildungen heraushebt. Man kann sagen, die Neurose wirkt
    in ähnlicher Weise zersetzend auf die Masse wie die Verliebtheit.
    Dafür kann man sehen, daß dort, wo ein kräftiger Anstoß zur
    Massenbildung erfolgt ist, die Neurosen zurücktreten und
    wenigstens für eine Zeitlang schwinden können. Man hat auch
    mit Recht versucht, diesen Widerstreit von Neurose und Massen-
    bildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das Schwinden
    der religiösen Illusionen in der heutigen Kulturwelt nicht
    bedauert, wird zugestehen, daß sie den durch sie Gebundenen
    den stärksten Schutz gegen die Gefahr der Neurose boten, so
    lange sie selbst noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer,
    in all den Bindungen an mystisch-religiöse oder philosophisch-
    mystische Sekten und Gemeinschaften den Ausdruck von Schief-
    heilungen mannigfaltiger Neurosen zu erkennen. Das alles hängt

  • S.

    348

    mit dem Gegensatz der direkten und zielgehemmten Sexual-
    strebungen zusammen.

    Sich selbst überlassen, ist der Neurotiker genötigt, sich die
    großen Massenbildungen, von denen er ausgeschlossen ist, durch
    seine Symptombildungen zu ersetzen. Er schafft sich seine eigene
    Phantasiewelt, seine Religion, sein Wahnsystem und wiederholt
    so die Institutionen der Menschheit in einer Verzerrung, welche
    deutlich den übermächtigen Beitrag der direkten Sexualstrebungen
    bezeugt.1

    E) Fügen wir zum Schluß eine vergleichende Würdigung der
    Zustände, die uns beschäftigt haben, vom Standpunkt der Libido-
    theorie an, der Verliebtheit, Hypnose, Massenbildung und der
    Neurose.

    Die Verliebtheit beruht auf dem gleichzeitigen Vorhanden-
    sein von direkten und von zielgehemmten Sexualstrebungen,
    wobei das Objekt einen Teil der narzißtischen Ichlibido auf sich
    zieht. Sie hat nur Raum für das Ich und das Objekt.

    Die Hypnose teilt mit der Verliebtheit die Einschränkung
    auf diese beiden Personen, aber sie beruht durchaus auf ziel-
    gehemrnten Sexualstrebungen und setzt das Objekt an die Stelle
    des lchideals.

    Die Masse vervielfältigt diesen Vorgang, sie stimmt mit der
    Hypnose in der Natur der sie zusammenhaltenden Triebe und
    in der Ersetzung des Ichideals durch das Objekt überein, aber
    sie fügt die Identifizierung mit anderen Individuen hinzu, die
    vielleicht ursprünglich durch die gleiche Beziehung zum Objekt
    ermöglicht wurde.

    Beide Zustände, Hypnose wie Massenbildung, sind Erbnieder-
    schläge aus der Phylogenese der menschlichen Libido, die Hypnose
    als Disposition, die Masse überdies als direktes Überbleibsel. Die
    Ersetzung der direkten Sexualstrebungen durch die zielgehemmten

    1) S. Totem und Tabu, zu Ende des Abschnittes II: Das Tabu und die Ambivalenz.
    [Ges. Schriften, Bd. X.]

  • S.

    349

    befördert bei beiden die Sonderung von Ich und Ichideal, zu der
    bei der Verliebtheit schon ein Anfang gemacht ist.

    Die Neurose tritt aus dieser Reihe heraus. Auch sie beruht
    auf einer Eigentümlichkeit der menschlichen Libidoentwicklung,
    auf dem durch die Latenzzeit unterbrochenen, doppelten Ansatz
    der direkten Sexualfunktion.1 Insoferne teilt sie mit Hypnose und
    Massenbildung den Charakter einer Regression, welcher der
    Verliebtheit abgeht. Sie tritt überall dort auf, wo der Fortschritt
    von direkten zu zielgehemmten Sexualtrieben nicht voll geglückt
    ist, und entspricht einem Konflikt zwischen den ins Ich auf-
    genommenen Trieben, welche eine solche Entwicklung durch-
    gemacht haben, und den Anteilen derselben Triebe, welche
    vom verdrängten Unbewußten her — ebenso wie andere völlig
    verdrängte Triebregungen — nach ihrer direkten Befriedigung
    streben. Sie ist inhaltlich ungemein reichhaltig, da sie alle
    möglichen Beziehungen zwischen Ich und Objekt umfaßt, sowohl
    die, in denen das Objekt beibehalten, als auch andere, in denen
    es aufgegeben oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso
    die Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem Ichideal.

    1) S. Sexualtheorie, 5. Auflage, 1922, S. 96. [Ges. Schriften, Bd. V., S. 109.]