S.
[338]
XII
NACHTRÄGEIm Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem vorläufigen
Abschluß gekommen ist, haben sich uns verschiedene Nebenwege
eröffnet, die wir zuerst vermieden haben, auf denen uns. aber
manche nahe Einsicht winkte. Einiges von dem so Zurückgestellten
wollen wir nun nachholen.A) Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und Ichideal-
ersetzung durch das Objekt findet eine interessante Erläuterung
an den zwei großen künstlichen Massen, die wir eingangs studiert
haben, dem Heer und der christlichen Kirche.Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten, also eigentlich
den Armeeführer, zum Ideal nimmt, während er sich mit seines-
gleichen identifiziert und aus dieser Ichgemeinsamkeit die Ver-
pflichtungen der Kameradschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung
und Güterteilung ableitet. Aber er wird lächerlich, wenn er sich
mit dem Feldherrn identifizieren will. Der Jäger in Wallensteins
Lager verspottet darob den Wachtmeister:Wie er räuspert und wie er spuckt,
Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt!...Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ liebt Christus
als sein Ideal und fühlt sich den anderen Christen durch Identi-
fizierung verbunden. Aber die Kirche fordert von ihm mehr. Er
soll überdies sich mit Christus identifizieren und die anderenS.
339
Christen lieben, wie Christus sie geliebt hat. Die Kirche fordert
also an beiden Stellen die Ergänzung der durch die Massen-
bildung gegebenen Libidoposition. Die Identifizierung soll dort
hinzuk0mmen, wo die Objektwahl stattgefunden hat, und. die
Objektliebe dort, wo die Identifizierung besteht. Dieses Mehr
geht offenbar über die Konstitution der Masse hinaus. Man kann
ein guter Christ sein und doch könnte einem die Idee, sich an
Christi Stelle zu setzen, wie er alle Menschen liebend zu umfassen,
ferne liegen. Man braucht sich ja nicht als. schwacher Mensch
die Seelengröße und Liebesstärke des Heilandes zuzutrauien. Aber
diese Weiterentwicklung der Libidoverteilung in der Masse ist
wahrscheinlich das Moment, auf welches das Christentum den
AnSpruch gründet, eine höhere Sittlichkeit gewonnen zu haben.B) Wir sagten, es wäre möglich, die Stelle in der seelischen
Entwicklung der Menschheit anzugeben, an der sich auch für
den Einzelnen der Fortschritt von der Massen- zur Individual-
psychologie vollzog.1Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaftlichen
Mythus vom Vater der Urhorde zurückgreifen. Er wurde später
zum Weltschöpfer erhöht, mit Recht, denn er hatte alle die
Söhne erzeugt, welche die erste Masse zusammensetzten. Er war
das Ideal jedes einzelnen, von ihnen, gleichzeitig gefürchtet und
verehrt, was für später den Begriff des Tabu ergab. Diese Mehr-
heit faßte sich einmal zusammen, tötete und zerstückelte ihn.
Keiner der Massensieger konnte sich an seine Stelle setzen, oder
wenn es einer tat, erneuerten sich die Kämpfe, bis sie einsahen,
daß sie alle auf die Erbschaft des Vaters verzichten mußten. Sie
bildeten dann die totemistische Brüdergemeinschaft, alle mit
gleichem Rechte und durch die Totemverbote gebunden, die das1) Das hier Folgende steht unter dem Einflusse eines Gedankenaustausches mit
Otto Bank. (Siehe „Die Don Juan-Gestalt“, Image, VIII, 1922); seither auch in
Buchform, 1924.S.
340
Andenken der Mordtat erhalten und sühnen sollten. Aber die
Unzufriedenheit mit dem Erreichten blieb und wurde die Quelle
neuer Entwicklungen. Allmählich näherten sich die zur Bruder-
masse Verbundenen einer Herstellung des alten Zustandes auf
neuem Niveau, der Mann wurde wiederum Oberhaupt einer
Familie und brach die Vorrechte der Frauenherrschaft, die sich
in der vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur Entschädigung mag
er damals die Muttergottheiten anerkannt haben, deren Priester
kastriert wurden zur Sicherung der Mutter nach dem Beispiel,
das der Vater der Urhorde gegeben hatte; doch war die neue
Familie nur ein Schatten der alten, der Väter waren viele und
jeder durch die Rechte des anderen beschränkt.Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen Einzelnen
bewogen haben, sich von der Masse loszulösen und sich in die
Rolle des Vaters zu versetzen. Wer dies tat, war der erste
epische Dichter, der Fortschritt wurde in seiner Phantasie voll-
zogen. Der Dichter log die Wirklichkeit um im Sinne seiner
Sehnsucht. Er erfand den heroischen Mythus. Heros war, wer
allein den Vater erschlagen hatte, der im Mythus noch als tote-
mistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das erste Ideal
des Knabens gewesen war, so schuf jetzt der Dichter im Heros,
der den Vater ersetzen will, das erste lchideal. Die Anknüpfimg
an den Heros bot wahrscheinlich der jüngste Sohn, der Liebling
der Mutter, den sie vor der väterlichen Eifersucht beschützt
hatte, und der in Urhordenzeiten der Nachfolger des Vaters
geworden war. In der lügenhaften Umdichtung der Urzeit wurde
das Weib, das der Kampfpreis und die Verlockung des Mordes
gewesen war, wahrscheinlich zur Verführerin und Anstifterin der
Untat.Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, deren sich
gewiß nur die Horde als Ganzes getraut hatte. Doch hat nach
einer Bemerkung von Rank das Märchen deutliche Spuren des
verleugneten Sachverhaltes bewahrt. Denn dort kommt es häufigS.
341
vor, daß der Held, der eine schwierige Aufgabe zu lösen hat —
meist ein jüngster Sohn, nicht selten einer, der sich vor dem
Vatersurrogat dumm, das heißt ungefährlich gestellt hat — diese
Aufgabe doch nur mit Hilfe einer Schar von kleinen Tieren
(Bienen, Ameisen) lösen kann. Dies wären die Brüder der
Urhorde, wie ja auch in der Traumsymbolik Insekten, Unge-
ziefer die Geschwister (verächtlich: als kleine Kinder) bedeuten.
Jede der Aufgaben in Mythus und Märchen ist überdies leicht
als Ersatz der heroischen Tat zu erkennen.Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Einzelne aus
der Massenpsychologie austritt. Der erste Mythus war sicherlich
der psychologische, der Heroenmythus; der erklärende Natur-
mythus muß weit später aufgekommen sein. Der Dichter, der
diesen Schritt getan und sich so in der Phantasie von der Masse
gelöst hatte, weiß nach einer weiteren Bemerkung von Bank
doch in der Wirklichkeit die Rückkehr zu ihr zu finden. Denn
er geht hin und erzählt dieser Masse die Taten seines Helden,
die er erfunden. Dieser Held ist im Grunde kein anderer als er
selbst. Er senkt sich somit zur Realität herab und hebt seine
Hörer zur Phantasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter,
sie können sich auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen Bezie-
hung zum Urvater mit dem Heros identifizieren.1Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Vergottung
des Heros. Vielleicht war der vergottete Heros früher als der
Vatergott, der Vorläufer der Wiederkehr des Urvaters als Gott-
heit. Die Götterreihe Hefe dann chronologisch so: Muttergöttin-
Heros-Vatergott. Aber erst mit der Erhöhung des nie ver-
gessenen Urvaters erhielt die Gottheit die Züge, die wir noch
heute an ihr kennen.21) Vgl. Hanns Sachs, Gemeinsame Tagträume, Autoreferat eines Vertrages auf
dem VI. Psychoanalytischen Kongreß im Haag, 1920. Internationale Zeitschrift für
Psychoanalyse, VI, (1920); seither auch in Buchform erschienen (Imago-Bücher, Bd. 5).2) In dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material aus Sage, Mythus,
Märchen, Sittengeschichte usw. zur Stütze der Konstruktion verzichtet worden.S.
342
C) Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten und
von zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und dürfen hoffen,
daß diese Unterscheidung nicht auf großen Widerstand stoßen
wird. Doch wird eine eingehende Erörterung darüber nicht unwill-
kommen sein, selbst wenn sie nur wiederholt, was zum großen
Teil bereits an früheren Stellen gesagt worden ist.Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter Sexual-
triebe hat uns die Libidoentwicklung des Kindes kennen gelehrt.
Alle die Gefühle, welche das Kind für seine Eltern und Pflege-
personen empfindet, setzen sich ohne Schranke in die Wünsche
fort, welche dem Sexualstreben des Kindes Ausdruck geben1. Das
Kind verlangt von diesen geliebten Personen alle Zärtlichkeiten,
die ihm bekannt sind, will sie küssen, berühren, beschauen, ist
neugierig, ihre Genitalien zu sehen und bei ihren intimen Exkre-
tionsverrichtungen anwesend zu sein, es verspricht, die Mutter
oder Pflegerin zu heiraten, was immer es sich darunter vor-
stellen mag, setzt sich vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw.
Direkte Beobachtung sowie die nachträgliche analytische Durch-
leuchtung der Kindheitsreste lassen über das unmittelbare
Zusanimenfließen zärtlicher und eifersüchtiger Gefühle und
sexueller Absichten keinen Zweifel und legen uns dar, in wie
gründlicher Weise das Kind die geliebte Person zum Objekt
aller seiner noch nicht richtig zentrierten Sexualbestrebungen
macht. (Vgl. Sexualtheorie.)Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch dem
Ödipuskomplex zugeordnet ist, erliegt dann, wie bekannt, vom
Beginn der Latenzzeit an einem Verdrängungsschub. Was von ihr
erübrigt, zeigt sich uns als rein zärtliche Gefühlsbindung, die den-
selben Personen gilt, aber nicht mehr als „sexuell“ bezeichnet
werden soll. Die Psychoanalyse, welche die Tiefen des Seelen-
lebens durchleuchtet‚ hat es nicht schwer, aufzuweisen, daß auch
die sexuellen Bindungen der ersten Kinderjahre noch fortbestehen,
aber verdrängt und unbewußt. Sie gibt uns den Mut zu behaupten,S.
343
daß überall, wo wir ein zärtliches Gefühl begegnen, dies der
Nachfolger einer voll „sinnlichen“ Objektbindung an die betreffende
Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann uns freilich
nicht ohne besondere Untersuchung verraten, ob diese vorgängige
sexuelle Vollströmung in einem gegebenen Fall noch als ver-
drängt besteht oder ob sie bereits aufgezehrt ist. Um es noch
schärfer zu fassen: es steht fest, daß sie als Form und Möglichkeit
noch vorhanden ist und jederzeit wieder durch Regression besetzt,
aktiviert werden kann, es fragt sich nur und ist nicht immer zu
entscheiden, welche Besetzung und Wirksamkeit sie gegenwärtig
noch hat. Man muß sich hiebei gleichmäßig vor zwei Fehler-
quellen in acht nehmen, vor der Scylla der Unterschätzung des
verdrängten Unbewußten, wie vor der Charybdis der Neigung,
das Normale durchaus mit dem Maß des Pathologischen zu
messen.Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten nicht durch-
dringen will oder kann, stellen sich die zärtlichen Gefühls-
bindungei1 jedenfalls als Ausdruck von Strebungen dar, die nicht
nach dem Sexuellen zielen, wenngleich sie aus solchen, die danach
gestrebt haben, hervorgegangen sind.1Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen sexuellen
Zielen abgelenkt werden, wenngleich es seine Schwierigkeiten
hat, in der Darstellung einer solchen Zielablenkung den Anfor-
derungen der Metapsychologie zu ent3prechen. Übrigens halten
diese zielgehemmten Triebe immer noch einige der ursprüng-
lichen Sexualziele fest. auch der zärtlich Anhängliche, auch der
Freund, der Verehrer sucht die körperliche Nähe und den
Anblick der nur mehr im „paulinischen“ Sinne geliebten Person.
Wenn wir es wollen, können wir in dieser Zielablenkung einen
Beginn von Sublimierung der Sexualtriebe anerkennen oder
aber die Grenze für letztere noch ferner stecken. Die ziel-
gehenimten Sexualtriebe haben vor den ungehemmten einen1) Die feindseligen Gefühle sind gewiß um ein Stück komplizierter aufgebaut
S.
344
großen funktionellen Vorteil. Da sie einer eigentlich vollen Befrie-
digung nicht fähig sind, eignen sie sich besonders dazu, dauernde
Bindungen zu schaffen, während die direkt sexuellen jedesmal
durch die Befriedigung ihrer Energie verlustig werden und auf
Erneuerung durch Wiederanhäufung der sexuellen Libido warten
müssen, wobei inzwischen das Objekt gewechselt werden kann.
Die gehemmten Triebe sind jedes Maßes von Vermengung mit
den ungehemmten fähig, können sich in sie rückverwandeln, wie
sie aus ihnen hervorgegangen sind. Es ist bekannt, wie leicht
sich aus Gefühlsbeziehungen freundschaftlicher Art, auf Aner-
kennung und Bewunderung gegründet, erotische Wünsche ent-
wickeln (das Moliéresche: Embrassez-moi pour l’amour du
Grec), zwischen Meister und Schülerin, Künstler und entzückter
Zuhörerin, zumal bei Frauen. Ja, die Entstehung solcher zuerst
absichtsloser Gefühlsbindungen gibt direkt einen viel begangenen
Weg zur sexuellen Objektwahl. In der „Frömmigkeit des Grafen
von Zinzendorf“ hat Pfister ein überdeutliches, gewiß nicht
vereinzeltes Beispiel dafür aufgezeigt, wie nahe es liegt, daß
auch intensive religiöse Bindung in brünstige sexuelle Erregung
zurückschlägt. Anderseits ist auch die Umwandlung direkter, an
sich kurzlebiger, sexueller Strebungen in dauernde, bloß zärtliche
Bindung etwas sehr Gewöhnliches und die Konsolidierung einer
aus verliebter Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu einem
großen Teil auf diesem Vorgang.Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören, daß die
zielgehemmten Sexualstrebungen sich aus den direkt sexuellen
dann ergeben, wenn sich der Erreichung der Sexualziele innere
oder äußere Hindernisse entgegenstellen. Die Verdrängung der
Latenzzeit ist ein solches inneres — oder besser: innerlich
gewordenes — Hindernis. Vom Vater der Urhorde haben wir
angenommen, daß er durch seine sexuelle Intoleranz alle Söhne
zur Abstinenz nötigt und sie so in zielgehemmte Bindungen
drängt, während er sich selbst freien Sexualgenuß vorbehält undS.
345
somit angebunden bleibt. Alle Bindungen, auf denen die Masse
beruht, sind von der Art der zielgehemmten Triebe. Damit aber
haben wir uns der Erörterung eines neuen Themas genähert,
welches die Beziehung der direkten Sexualtriebe zur Massen-
bildung behandelt.D) Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen
darauf vorbereitet zu finden, daß die direkten Sexualstrebungen
der Massenbildung ungünstig sind. Es hat zwar auch in der
Entwicklungsgeschichte der Familie Massenbeziehungen der sexuellen
Liebe gegeben (die Gruppenehe), aber je bedeutungsvoller die
Geschlechtsliebe für das Ich wurde, je mehr Verliebtheit sie
entwickelte, desto eindringlicher forderte sie die Einschränkung
auf zwei Personen — una cum uno, — die durch die Natur
des Genitalzieles vorgezeichnet ist. Die polygamen Neigungen
wurden darauf angewiesen, sich im Nacheinander des Objekt-
wechsels zu befriedigen.Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung aufeinander
angewiesenen Personen demonstrieren gegen den Herdentrieb, das
Massengefühl, indem sie die Einsamkeit aufsuchen. Je verliebter
sie sind, desto vollkommener genügen sie einander. Die Ablehnung
des Einflusses der Masse äußert sich als Schamgefühl. Die äußerst
heftigen Gefühlsregungen der Eifersucht werden aufgeboten, um
die sexuelle Objektwahl gegen die Beeinträchtigung durch eine
Massenbindung zu schützen. Nur wenn der zärtliche, also persönliche
Faktor der Liebesbeziehung völlig hinter dem sinnlichen zurück-
tritt, wird der Liebesverkehr eines Paares in Gegenwart anderer
oder gleichzeitige Sexualakte innerhalb einer Gruppe wie bei der
Orgie möglich. Damit ist aber eine Regression zu einem frühen
Zustand der Geschlechtsbeziehungen gegeben, in dem die Verliebtheit
noch keine Rolle spielte, die Sexualobjekte einander gleichwertig
erachtet wurden, etwa im Sinne von dem bösen Wort Bernard
Shaw‘s: Verliebtsein heiße, den Unterschied zwischen einem
Weib und einem anderen ungebührlich überschätzen.S.
346
Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß die
Verliebtheit erst spät in die Sexualbeziehungen zwischen Mann
und Weib Eingang fand, so daß auch die Gegnerschaft zwischen
Geschlechtsliebe und Massenbindung eine spät entwickelte ist.
Nun kann es den Anschein haben, als ob diese Annahme unver-
träglich mit unserem Mythus von der Urfamilie wäre. Die
Brüderschar soll doch durch die Liebe zu den Müttern und
Schwestern zum Vatermord getrieben worden sein, und es ist
schwer, sich diese Liebe anders denn als eine ungehrochene,
primitive, das heißt als innige Vereinigung von zärtlicher und
sinnlicher vorzustellen. Allein bei weiterer Überlegung löst sich
dieser Einwand in eine Bestätigung auf. Eine der Reaktionen
auf. den Vatermord war doch die Einrichtung der totemistischen
Exogamie, das Verbot jeder sexuellen Beziehung mit den von
der Kindheit an zärtlich geliebten Frauen der Familie.. Damit
war der Keil zwischen die zärtlichen und sinnlichen Regungen
des Mannes eingetrieben, der heute noch in seinem Liebesleben fest-
sitzt.1 Infolge dieser Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürf-
nisse der Männer mit fremden und ungeliebten Frauen begnügen.In den großen, künstlichen Massen, Kirche und Heer, ist für
das Weib als Sexualobjekt kein Platz. Die Liebesbeziehung zwischen
Mann und Weib bleibt außerhalb dieser Organisationen. Auch
wo sich Massen bilden, die aus Männern und Weibern gemischt
sind, spielt der Geschlechtsunterschied keine Rolle. Es hat kaum
einen Sinn zu fragen, ob die Libido, welche die Massen zusammen-
hält, homosexueller oder heterosexueller Natur ist, denn sie ist
nicht nach den Geschlechtern differenziert und sieht insbesondere
von den Zielen der Genitalorganisation der Libido völlig ab.Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für das sonst in
der Masse aufgehende Einzelwesen ein Stück individueller
Betätigung. Wo sie überstark werden, zersetzen sie jede Massen-1) S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. 1912. [Ges. Schriften,
Bd. V.]S.
347
bildung. Die katholische Kirche hatte die besten Motive, ihren
Gläubigen die Ehelosigkeit zu empfehlen und ihren Priestern
das Zölibat aufzuerlegen, aber die Verliebtheit hat oft auch
Geistliche zum Austritt aus der Kirche getrieben. In gleicher
Weise durchbricht die Liebe zum Weihe die Massenbindungen
der Rasse, der nationalen Absonderung und der sozialen Klassen-
ordnung und vollbringt damit kulturell wichtige Leistungen. Es
scheint gesichert, daß sich die homosexuelle Liebe mit den
Massenbindungen weit besser verträgt, auch wo sie als ungehemmte
Sexualstrebung auftritt; eine merkwürdige Tatsache, deren Auf-
klärung weit führen dürfte.Die psychoanalytische Untersuchung der Psychoneurosen hat
uns gelehrt, daß deren Symptome von verdrängten, aber aktiv
gebliebenen direkten Sexualstrebungen abzuleiten sind. Man kann
diese Formel vervollständigen, wenn man hinzufügt: oder von
solchen zielgehemmten, bei denen die Hemmung nicht durch-
gehends gelungen ist oder einer Rückkehr zum verdrängten
Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem Verhältnis entspricht, daß die
Neurose asozial macht, den von ihr Betroffenen aus den habituellen
Massenbildungen heraushebt. Man kann sagen, die Neurose wirkt
in ähnlicher Weise zersetzend auf die Masse wie die Verliebtheit.
Dafür kann man sehen, daß dort, wo ein kräftiger Anstoß zur
Massenbildung erfolgt ist, die Neurosen zurücktreten und
wenigstens für eine Zeitlang schwinden können. Man hat auch
mit Recht versucht, diesen Widerstreit von Neurose und Massen-
bildung therapeutisch zu verwerten. Auch wer das Schwinden
der religiösen Illusionen in der heutigen Kulturwelt nicht
bedauert, wird zugestehen, daß sie den durch sie Gebundenen
den stärksten Schutz gegen die Gefahr der Neurose boten, so
lange sie selbst noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer,
in all den Bindungen an mystisch-religiöse oder philosophisch-
mystische Sekten und Gemeinschaften den Ausdruck von Schief-
heilungen mannigfaltiger Neurosen zu erkennen. Das alles hängtS.
348
mit dem Gegensatz der direkten und zielgehemmten Sexual-
strebungen zusammen.Sich selbst überlassen, ist der Neurotiker genötigt, sich die
großen Massenbildungen, von denen er ausgeschlossen ist, durch
seine Symptombildungen zu ersetzen. Er schafft sich seine eigene
Phantasiewelt, seine Religion, sein Wahnsystem und wiederholt
so die Institutionen der Menschheit in einer Verzerrung, welche
deutlich den übermächtigen Beitrag der direkten Sexualstrebungen
bezeugt.1E) Fügen wir zum Schluß eine vergleichende Würdigung der
Zustände, die uns beschäftigt haben, vom Standpunkt der Libido-
theorie an, der Verliebtheit, Hypnose, Massenbildung und der
Neurose.Die Verliebtheit beruht auf dem gleichzeitigen Vorhanden-
sein von direkten und von zielgehemmten Sexualstrebungen,
wobei das Objekt einen Teil der narzißtischen Ichlibido auf sich
zieht. Sie hat nur Raum für das Ich und das Objekt.Die Hypnose teilt mit der Verliebtheit die Einschränkung
auf diese beiden Personen, aber sie beruht durchaus auf ziel-
gehemrnten Sexualstrebungen und setzt das Objekt an die Stelle
des lchideals.Die Masse vervielfältigt diesen Vorgang, sie stimmt mit der
Hypnose in der Natur der sie zusammenhaltenden Triebe und
in der Ersetzung des Ichideals durch das Objekt überein, aber
sie fügt die Identifizierung mit anderen Individuen hinzu, die
vielleicht ursprünglich durch die gleiche Beziehung zum Objekt
ermöglicht wurde.Beide Zustände, Hypnose wie Massenbildung, sind Erbnieder-
schläge aus der Phylogenese der menschlichen Libido, die Hypnose
als Disposition, die Masse überdies als direktes Überbleibsel. Die
Ersetzung der direkten Sexualstrebungen durch die zielgehemmten1) S. Totem und Tabu, zu Ende des Abschnittes II: Das Tabu und die Ambivalenz.
[Ges. Schriften, Bd. X.]S.
349
befördert bei beiden die Sonderung von Ich und Ichideal, zu der
bei der Verliebtheit schon ein Anfang gemacht ist.Die Neurose tritt aus dieser Reihe heraus. Auch sie beruht
auf einer Eigentümlichkeit der menschlichen Libidoentwicklung,
auf dem durch die Latenzzeit unterbrochenen, doppelten Ansatz
der direkten Sexualfunktion.1 Insoferne teilt sie mit Hypnose und
Massenbildung den Charakter einer Regression, welcher der
Verliebtheit abgeht. Sie tritt überall dort auf, wo der Fortschritt
von direkten zu zielgehemmten Sexualtrieben nicht voll geglückt
ist, und entspricht einem Konflikt zwischen den ins Ich auf-
genommenen Trieben, welche eine solche Entwicklung durch-
gemacht haben, und den Anteilen derselben Triebe, welche
vom verdrängten Unbewußten her — ebenso wie andere völlig
verdrängte Triebregungen — nach ihrer direkten Befriedigung
streben. Sie ist inhaltlich ungemein reichhaltig, da sie alle
möglichen Beziehungen zwischen Ich und Objekt umfaßt, sowohl
die, in denen das Objekt beibehalten, als auch andere, in denen
es aufgegeben oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso
die Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem Ichideal.1) S. Sexualtheorie, 5. Auflage, 1922, S. 96. [Ges. Schriften, Bd. V., S. 109.]
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Massenpsychologie und Ich-Analyse1921-001/1925
1921-001/1925/12