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    [332]

    XI
    EINE STUFE IM ICH

    Wenn man, eingedenk der einander ergänzenden Beschreibungen
    der Autoren über Massenpsychologie, das Leben der heutigen
    Einzelrnenschen überblickt, mag man vor den Komplikationen, die
    sich hier zeigen, den Mut zu einer zusammenfassenden Dar-
    stellung verlieren. Jeder Einzelne ist ein Bestandteil von vielen
    Massen, durch Identifizierung vielseitig gebunden, und hat sein
    Ichideal nach den verschiedensten Vorbildern aufgebaut. Jeder
    Einzelne hat so Anteil an vielen Massenseelen, an der seiner
    Rasse, des Standes, der Glaubensgemeinschaft, der Staatlichkeit usw.
    und kann sich darüber hinaus zu einem Stückchen Selb-
    ständigkeit und Originalität erheben. Diese ständigen und dauer-
    haften Massenbildungen fallen in ihren gleichmäßig anhaltenden
    Wirkungen der Beobachtung weniger auf als die rasch gebildeten,
    vergänglichen Massen, nach denen Le Bon die glänzende psy-
    chologische Charakteristik der Massenseele entworfen hat, und
    in diesen lärmenden, ephemeren, den anderen gleichsam super-
    ponierten Massen begibt sich eben das Wunder, daß dasjenige,
    was wir eben als die individuelle Ausbildung anerkannt haben,
    spurlos, wenn auch nur zeitweilig, untergeht.

    Wir haben dies Wunder so verstanden, daß der Einzelne sein
    Ichideal aufgibt und es gegen das im Führer verkörperte Massen-
    ideal vertauscht. Das Wunder, dürfen wir berichtigend hinzu-
    fügen, ist nicht in allen Fällen gleich groß. Die Sonderung von
    Ich und Ichideal ist bei vielen Individuen nicht weit vor-

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    geschritten, die beiden fallen noch leicht zusammen, das Ich hat,
    sich oft die frühere narzißtische Selbstgefälligkeit bewahrt Die
    Wahl des F ührers wird durch dies Verhältnis sehr erleichtert.
    Er braucht oft. nur die typischen Eigenschaften dieser Individuen
    in besonders scharfer und reiner Ausprägung zu besitzen und den
    Eindruck größerer Kraft und libidinöser Freiheit zu machen, so
    kommt ihm das Bedürfnis nach einem starken Oberhaupt entgegen
    und bekleidet ihn mit der Übermacht, auf die er sonst vielleicht
    keinen Anspruch hätte. Die anderen, deren Ichideal sich in seiner
    Person sonst nicht ohne Korrektur verkörpert hätte, werden
    dann „suggestiv“, das heißt durch Identifizierung mitgerissen.

    Wir erkennen, was wir zur Aufklärung der libidinösen Struktur
    einer Masse beitragen konnten, führt sich auf die Unterscheidung
    des Ichs vom Ichideal und auf die dadurch ermöglichte doppelte
    Art der Bindung — Identifizierung und Einsetzung des Objekts
    an die Stelle des Ichideals — zurück. Die Annahme einer solchen
    Stufe im Ich als erster Schritt einer Ichanalyse muß ihre Recht-
    fertigung allmählich auf den verschiedensten Gebieten der
    Psychologie erweisen. In meiner Schrift „Zur Einführung des
    Narzißmus“1 habe ich zusammengetragen, was sich zunächst von
    pathologischem Material zur Stütze dieser Sonderung verwerten
    ließ. Aber man darf erwarten, daß sich ihre Bedeutung bei
    weiterer Vertiefung in die Psychologie der Psychosen als eine
    viel größere enthüllen wird. Denken wir daran, daß das Ich nun
    in die Beziehung eines Objekts zu dem aus ihm entwickelten
    Ichideal tritt, und daß möglicherweise alle Wechselwirkungen,
    die wir zwischen äußerem Objekt und Gesamt-Ich in der Neurosen-
    lehre kennen gelernt haben, auf diesem neuen Schauplatz inner-
    halb des Ichs zur Wiederholung kommen.

    Ich will hier nur einer der von diesem Standpunkt aus möglichen
    Folgerungen nachgehen und damit die Erörterung eines Problems

    1) Jahrbuch für Psychoanalyse, VI, 1914. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen-
    lehre, 4. Folge. [Ges. Schriften. Bd. VI.]

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    fortsetzen, das ich an anderer Stelle ungelöst verlassen mußte.1
    Jede der seelischen Differenzierungen, die uns bekannt geworden
    sind, stellt eine neue Erschwerung der seelischen Funktion dar,
    steigert deren Labilität und kann der Ausgangspunkt eines
    Versagens der Funktion, einer Erkrankung werden. So haben wir
    mit dem Geborenwerden den Schritt vom absolut selbstgenüg-
    samen Narzißmus zur Wahrnehmung einer veränderlichen Außen-
    welt und zum Beginn der Objektfindung gemacht, und damit ist
    verknüpft, daß wir den neuen Zustand nicht dauernd ertragen,
    daß wir ihn periodisch rückgängig machen und im Schlaf zum
    früheren Zustand der Reizlosigkeit und Objektvermeidung zurück-
    kehren. Wir folgen dabei allerdings einem Wink der Außenwelt,
    die uns durch den periodischen Wechsel von Tag und Nacht
    zeitweilig den größten Anteil der auf uns wirkenden Reize
    entzieht. Keiner ähnlichen Einschränkung ist das zweite, für die
    Pathologie bedeutsamere Beispiel unterworfen. Im Laufe unserer
    Entwicklung haben wir eine Sonderung unseres seelischen Bestandes
    in ein kohärentes Ich und ein außerhalb dessen gelassenes,
    unbewußtes Verdrängtes vorgenommen, und wir wissen, daß die
    Stabilität dieser Neuerwerbung beständigen Erschütterungen aus-
    gesetzt ist. Im Traum und in der Neurose pocht dieses Aus-
    geschlossene um Einlaß an den von Widerständen bewachten
    Pforten, und in wacher Gesundheit bedienen wir uns besonderer
    Kunstgriffe, um das Verdrängte mit Umgehung der Widerstände
    und unter Lustgewinn zeitweilig in unser Ich aufzunehmen.
    Witz und Humor, zum Teil auch das Komische überhaupt,
    dürfen in diesem Licht betrachtet werden. Jedem Kenner der
    Neurosenpsychologie werden ähnliche Beispiele von geringerer
    Tragweite einfallen, aber ich eile zu der beabsichtigten An-
    wendung.

    1) Trauer und Melancholie. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, IV,
    1916/18. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge. [Ges. Schriften,
    Bd. V.]

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    Es wäre gut denkbar, daß auch die Scheidung des Ichideals
    vom Ich nicht dauernd vertragen wird und sich zeitweilig
    zurückbilden muß. Bei allen Verzichtén und Einschränkungen,
    die dem Ich auferlegt werden, ist der periodische Durchbruch
    der Verbote Regel, wie ja die Institution der Feste zeigt, die
    ursprünglich nichts anderes sind als vom Gesetz gebotene Exzesse
    und dieser Befreiung auch ihren heiteren Charakter verdanken.1
    Die Saturnalien der Römer und unser heutiger Karneval treffen
    in diesem wesentlichen Zug mit den Festen der Primitiven
    zusammen, die in Ausschweifungen jeder Art mit Übertretung
    der sonst heiligsten Gebote auszugehen pflegen. Das Ichideal
    umfaßt aber die Summe aller Einschränkungen, denen das Ich
    sich fügen soll, und darum müßte die Einziehung des Ideals ein
    großartiges Fest für das Ich sein, das dann wieder einmal mit
    sich selbst zufrieden sein dürfte.2

    Es kommt immer zu einer Empfindung von Triumph, wenn
    etwas im Ich mit dem Ichideal zusammenfällt. Als Ausdruck
    der Spannung zwischen Ich und Ideal kann auch das Schuld-
    gefühl (und Minderwertigkeitsgefühl) verstanden werden.

    Es gibt bekanntlich Menschen, bei denen das Allgemeingefühl
    der Stimmung in periodischer Weise schwankt, von einer über-
    mäßigen Gedrücktheit durch einen gewissen Mittelzustand zu
    einem erhöhten Wohlbefinden, und zwar treten diese Schwan-
    kungen in sehr verschieden großen Amplitüden auf, vom eben
    Merklichen bis zu jenen Extremen, die als Melancholie und
    Manie höchst qualvoll oder störend in das Leben der Betroffenen
    eingreifen. In typischen Fällen dieser zyklischen Verstimmung
    scheinen äußere Veranlassungen keine entscheidende Rolle zu
    spielen; von inneren Motiven findet man bei diesen Kranken

    1) Totem und Tabu.

    2) Trotter läßt die Verdrängung vom Herdentrieb ausgehen. Es ist eher eine
    Übersetzung in eine andere Ausdrucksweise als ein Widerspruch, wenn ich in der
    „Einführung des Narzißmus“ gesagt habe: die Idealbildung wäre von seiten des Ichs
    die Bedingung der Verdrängung.

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    nicht mehr oder nichts anderes als bei allen anderen. Man hat sich
    deshalb gewöhnt, diese Fälle als nicht psychogene zu beurteilen.
    Von anderen, ganz ähnlichen Fällen zyklischer Verstimmung, die
    sich aber leicht auf seelische Traumen zurückführen, soll später
    die Rede sein.

    Die Begründung dieser spontanen Stimmungsschwankungen
    ist also unbekannt; in den Mechanismus der Ablösung einer
    Melancholie durch eine Manie fehlt uns die Einsicht. Somit
    wären dies die Kranken, für welche unsere Vermutung Geltung
    haben könnte, daß ihr Ichideal zeitweilig ins Ich aufgelöst wird,
    nachdem es vorher besonders strenge regiert hat.

    Halten wir zur Vermeidung von Unklarheiten fest: Auf dem
    Boden unserer Ichanalyse ist es nicht zweifelhaft, daß beim
    Manischen Ich und Ichideal zusammengeflossen sind, so daß die
    Person sich in einer durch keine Selbstkritik gestörten Stimmung
    von Triumph und Selbstbeglücktheit des Wegfalles von Hem-
    mungen, Rücksichten und Selbstvorwürfen erfreuen kann. Es ist
    minder evident, aber doch recht wahrscheinlich, daß das Elend
    des Melancholikers der Ausdruck eines scharfen Zwiespalts
    zwischen beiden Instanzen des Ichs ist, in dem das übermäßig
    empfindliche Ideal seine Verurteilung des lchs im Kleinheitswahn
    und in der Selbsterniedrigung schonungslos zum Vorschein bringt.
    In Frage steht nur, ob man die Ursache dieser veränderten
    Beziehungen zwischen Ich und Ichideal in den oben postulierten
    periodischen Auflehnungen gegen die neue Institution suchen,
    oder andere Verhältnisse dafür verantwortlich machen soll.

    Der Umschlag in Manie ist kein notwendiger Zug im Krank-
    heitsbild der melancholischen Depression. Es gibt einfache,
    einmalige und auch periodisch wiederholte Melancholien, welche
    niemals dieses Schicksal haben. Anderseits gibt es Melancholien,
    bei denen die Veranlassung offenbar eine ätiologische Rolle spielt.
    Es sind die nach dem Verlust eines geliebten Objekts, sei es
    durch den Tod desselben oder infolge von Umständen, die zum

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    Rückzug der Libido vom Objekt genötigt haben. Eine solche
    psychogene Melancholie kann ebensowohl in Manie ausgehen und
    dieser Zyklus mehrmals wiederholt werden wie bei einer
    anscheinend spontanen. Die Verhältnisse sind also ziemlich
    undurchsichtig, zumal da bisher nur wenige Formen und Fälle
    von Melancholie der psychoanalytischen Untersuchung unterzogen
    worden sind.1 Wir verstehen bis jetzt nur jene Fälle, in denen
    das Objekt aufgegeben wurde, weil es sich der Liebe unwürdig
    gezeigt hatte. Es wird dann durch Identifizierung im Ich wieder
    aufgerichtet und vom Ichideal streng gerichtet. Die Vorwürfe
    und Agressionen gegen das Objekt kommen als melancholische
    Selbstvorwürfe zum Vorschein.2

    Auch an eine solche Melancholie kann sich der Umschlag in
    Manie anschließen, so daß diese Möglichkeit einen von den
    übrigen Charakteren des Krankheitsbildes unabhängigen Zug
    darstellt.

    Ich sehe indes keine Schwierigkeit, das Moment der periodischen
    Auflehnung des Ichs gegen das Ichideal für beide Arten der
    Melancholien, die psychogenen wie die spontanen, in Betracht
    kommen zu lassen. Bei den spontanen kann man annehmen, daß
    das Ichideal zur Entfaltung einer besonderen Strenge neigt, die
    dann automatisch seine zeitweilige Aufhebung zur Folge hat. Bei
    den psychogenen würde das Ich zur Auflehnung gereizt durch
    die Mißhandlung von seiten seines Ideals, die es im Fall der
    Identifizierung mit einem verworfenen Objekt erfährt.

    1) Vgl. Abraham, Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung
    des manisch-depressiven Irreseins usw., 1912, in „Klinische Beiträge zur Psycho-
    analyse“ 1921.

    2) Genauer gesagt: sie verbergen sich hinter den Vorwürfen gegen das eigene
    Ich, verleihen ihnen die Festigkeit, Zähigkeit und Unabweisbarkeit, durch welche
    sich die Selbstvorwürfe der Melancholiker auszeichnen.