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WEITERE AUFGABEN UND ARBEITSRICHTUNGENWir haben bisher zwei artifizielle Massen untersucht und
gefunden, daß sie von zweierlei Gefühlsbindungen beherrscht
werden, von denen die eine an den Führer — wenigstens für sie
— bestimmender zu sein scheint als die andere, die der Massen-
individuen aneinander.Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch viel zu
untersuchen und zu beschreiben. Man hätte von der Feststellung
auszugehen, daß eine bloße Menschenmenge noch keine Masse
ist, so lange sich jene Bindungen in ihr nicht hergestellt haben,
hätte aber das Zugeständnis zu machen, daß in einer beliebigen
Menschenmenge sehr leicht die Tendenz zur Bildung einer
psychologischen Masse hervortritt. Man müßte den verschieden-
artigen, mehr oder minder beständigen Massen, die spontan
zustande kommen, Aufmerksamkeit schenken, die Bedingungen
ihrer Entstehung und ihres Zerfalls studieren. Vor allem würde
uns der Unterschied zwischen Massen, die einen Führer haben
und führerlosen Massen beschäftigen. Ob nicht die Massen mit
Führer die ursprünglicheren und vollständigeren sind, ob in den
anderen der Führer nicht durch eine Idee, ein Abstraktum ersetzt
sein kann, wozu ja schon die religiösen Massen mit ihrem unauf-
zeigbaren Oberhaupt die Überleitung bilden, ob nicht eine gemein-
same Tendenz, ein Wunsch, an dem eine Vielheit Anteil nehmen
kann, den nämlichen Ersatz leistet. Dieses Abstrakte könnte sich
wiederum mehr oder weniger vollkommen in der Person einesS.
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gleichsam sekundären F ührers verkörpern, und aus der Beziehung
zwischen Idee und Führer ergäben sich interessante Mannig-
faltigkeiten. Der Führer oder die führende Idee könnten auch
sozusagen negativ werden; der Haß gegen eine bestimmte Person
oder Institution könnte ebenso einigend wirken und ähnliche
Gefühlsbindungen hervorrufen wie die positive Anhänglichkeit.
Es fragt sich dann auch, ob der Führer für das Wesen der
Masse wirklich unerläßlich ist und anderes mehr.Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der Literatur der
Massenpsychologie behandelt sein mögen, werden nicht imstande
sein, unser Interesse von den psychologischen Grundproblemen
abzulenken, die uns in der Struktur einer Masse geboten werden.
Wir werden zunächst von einer Überlegung gefesselt, die uns
auf dem kürzesten Weg den Nachweis verspricht, daß es Libido-
bindungen sind, welche eine Masse charakterisieren.Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im allgemeinen
effektiv zueinander verhalten. Nach dem berühmten Schopen-
hauerschen Gleichnis von den frierenden Stachelschweinen ver-
trägt keiner eine allzu intime Annäherung des anderen.1Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse enthält fast jedes intime
Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen von längerer Dauer
— Ehebeziehung, Freundschaft, Eltern- und Kindschaft2 — einen
Bodensatz von ablehnenden, feindseligen Gefühlen, der nur infolge
von Verdrängung der Wahrnehmung entgeht. Unverhüllter ist es,
wenn jeder Kampagnen mit seinem Gesellschafter hadert, jeder1) „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage
recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu
schützen. Jedoch bald empfunden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann
wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder
näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen
beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung heraus-
gefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.“ [Parerga und Parali-
pomena, II. Teil, XXXI, Gleichnisse und Parabeln.)2) Vielleicht mit einziger Ausnahme der Beziehung der Mutter zum Sohn, die,
auf Narzißmus gegründet, durch spätere Rivalität nicht gestört und durch einen
Ansatz zur sexuellen Objektwahl verstärkt wird.S.
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Untergebene gegen seinen Vorgesetzten murrt. Dasselbe geschieht
dann, wenn die Menschen zu größeren Einheiten zusammen-
treten. Jedesmal, wenn sich zwei Familien durch eine Ehe-
schließung verbinden, hält sich jede von ihnen für die bessere
oder vornehmere auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten
Städten wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der anderen;
jedes Kantönli sieht geringschätzig auf das andere herab. Nächst
verwandte Völkerstämme stoßen einander ab, der Süddeutsche
mag den Norddeutschen nicht leiden, der Engländer sagt dem
Schotten alles Böse nach, der Spanier verachtet den Portugiesen.
Daß bei größeren Differenzen sich eine schwer zu überwindende
Abneigung ergibt, des Galliers gegen den Germanen, des Ariers
gegen den Semiten, des Weißen gegen den Farbigen, hat auf-
gehört, uns zu verwundern.Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte Personen
richtet, bezeichnen wir es als Gefühlambivalenz und erklären uns
diesen Fall in sicherlich allzu rationeller Weise durch die viel-
fachen Anlässe zu Interessenkonflikten, die sich gerade in so
intimen Beziehungen ergeben. In den unverhüllt hervortretenden
Abneigungen und Abstoßungen gegen nahestehende Fremde
können wir den Ausdruck einer Selbstliebe, eines Narzißmus,
erkennen, der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich so benimmt,
als ob das Vorkommen einer Abweichung von seinen individuellen
Ausbildungen eine Kritik derselben und eine Aufforderung, sie
umzugestalten, mit sich brächte. Warum sich eine so große
Empfindlichkeit gerade auf diese Einzelheiten der Differenzierung
geworfen haben sollte, wissen wir nicht; es ist aber unverkenn-
bar, daß sich in diesem Verhalten der Menschen eine Haß-
bereitschaft, eine Aggressivität kundgibt, deren Herkunft unbe-
kannt ist, und der man einen elementaren Charakter zusprechen
möchte.11) In einer kürzlich (1920) veröffentlichten Schrift „Jenseits des Lustprinzips“
habe ich versucht, die Polarität vom Lieben und Hassen mit einem angenommenenS.
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Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder dauernd,
durch die Massenbildung und in der Masse. Solange die Massen-
bildung anhält oder soweit sie reicht, benehmen sich die Individuen,
als wären sie gleichförmig, dulden sie die Eigenart des anderen,
stellen sich ihm gleich und verspüren kein Gefühl der Abstol3ung
gegen ihn. Eine solche Einschränkung des Narzißmus kann nach
unseren theoretischen Anschauungen nur durch ein Moment
erzeugt werden, durch libidinöse Bindung an andere Personen.
Die Selbstliebe findet nur an der Fremdliebe, Liebe zu Objekten,
eine Schranke.1 Man wird sofort die Frage aufwerfen, ob nicht
die Interessengemeinschaft an und für sich und ohne jeden
libidinösen Beitrag zur Duldung des anderen und zur Rücksicht-
nahme auf ihn führen muß. Man wird diesem Einwand mit
dem Bescheid begegnen, daß auf solche Weise eine bleibende
Einschränkung des Narzißmus doch nicht zustande kommt, da
diese Toleranz nicht länger anhält als der unmittelbare Vorteil,
den man aus der Mitarbeit des anderen zieht. Allein der prak-
tische Wert dieser Streitfrage ist geringer, als man meinen sollte,
denn die Erfahrung hat gezeigt, daß sich im Falle der Mit-
arbeiterschaft regelmäßig libidinöse Bindungen zwischen den
Kameraden herstellen, welche die Beziehung zwischen ihnen über
das Vorteilhafte hinaus verlängern und fixieren. Es geschieht in
den sozialen Beziehungen der Menschen dasselbe, was der psycho-
analytischen Forschung in dem Entwicklungsgang der individuellen
Libido bekannt geworden ist. Die Libido lehnt sich an die
Befriedigung der großen Lebensbedürfnisse an und wählt die
daran beteiligten Personen zu ihren ersten Objekten. Und wie
beim Einzelnen, so hat auch in der Entwicklung der ganzen
Menschheit nur die Liebe als Kulturfaktor im Sinne einer
Wendung vom Egoismus zum Altruismus gewirkt. Und zwarGegensatz von Lebens- und Todestrieben zu verknüpfen und die Sexualtriehe als die
remsten Vertreter der ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen.1) S. Zur Einführung des Narzißmus 1914. [Ges. Schriften VI].
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sowohl die geschlechtliche Liebe zum Weihe mit all den aus
ihr fließenden Nötigungen, das zu verschonen, was dem Weihe
lieb war, als auch die desexualisierte, sublimiert homosexuelle
Liebe zum anderen Manne, die sich an die gemeinsame Arbeit
knüpfte.Wenn also in der Masse Einschränkungen der narzißtischen
Eigenliebe auftreten, die außerhalb derselben nicht wirken, so
ist dies ein zwingender Hinweis darauf, daß das Wesen der
Massenbildung in neuartigen libidinösen Bindungen der Massen-
mitglieder aneinander besteht.Nun wird aber unser Interesse dringend fragen, welcher Art
diese Bindungen in der Masse sind. In der psychoanalytischen
Neurosenlehre haben wir uns bisher fast ausschließlich mit der
Bindung solcher Liebestriebe an ihre Objekte beschäftigt, die
noch direkte Sexualziele verfolgen. Um solche Sexualziele kann
es sich in der Masse offenbar nicht handeln. Wir haben es hier
mit Liebestrieben zu tun, die, ohne darum minder energisch zu
wirken, doch von ihren ursprünglichen Zielen abgelenkt sind.
Nun haben wir bereits im Rahmen der gewöhnlichen sexuellen
Objektbesetzung Erscheinungen bemerkt, die einer Ablenkung des
Triebes von seinem Sexualziel entsprechen. Wir haben sie als
Grade von Verliebtheit beschrieben und erkannt, daß sie eine
gewisse Beeinträchtigung des Ichs mit sich bringen. Diesen
Erscheinungen der Verliebtheit werden wir jetzt eingehendere
Aufmerksamkeit zuwenden, in der begründeten Erwartung, an
ihnen Verhältnisse zu finden, die sich auf die Bindungen in den
Massen übertragen lassen. Außerdem möchten wir aber wissen,
ob diese Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Geschlechts-
leben kennen, die einzige Weise der Gefühlsbindung an eine
andere Person darstellt, oder ob wir noch andere solche
Mechanismen in Betracht zu ziehen haben. Wir erfahren tat-
sächlich aus der Psychoanalyse, daß es noch andere Mechanismen
der Gefühlsbindung gibt, die sogenannten Identifizierungen,S.
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Massenpsychologie und Ich-Analyse1921-001/1925
1921-001/1925/6