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    [310]

    VIII
    VERLIEBTHEIT UND HYPNOSE

    Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen Launen irgend
    einer Wirklichkeit treu. So nennt er zwar sehr mannigfaltige
    Gefühlsbeziehungen „Liebe“, die auch wir theoretisch als Liebe
    zusammenfassen, zweifelt aber dann wieder, ob diese Liebe die
    eigentliche, richtige, wahre sei, und deutet so auf eine ganze
    Stufenleiter von Möglichkeiten innerhalb der Liebesphänomene
    hin. Es wird uns auch nicht schwer, dieselbe in der Beobach-
    tung aufzufinden.

    In einer Reihe von Fällen ist die Verliebtheit nichts anderes
    als Objektbesetzung von seiten der Sexualtriebe zum Zwecke der
    direkten Sexualbefriedigung, die auch mit der Erreichung dieses
    Zieles erlischt; das ist das, was man die gemeine, sinnliche
    Liebe heißt. Aber wie bekannt, bleibt die libidinöse Situation
    selten so einfach. Die Sicherheit, mit der man auf das Wieder-
    erwachen des eben erloschenen Bedürfnisses rechnen konnte, muß
    wohl das nächste Motiv gewesen sein, dem Sexualobjekt eine
    dauernde Besetzung zuzuwenden, es auch in den begierdefreien
    Zwischenzeiten zu „lieben“.

    Aus der sehr merkwürdigen Entwicklungsgeschichte des mensch-
    lichen Liebeslebens kommt ein zweites Moment hinzu. Das Kind
    hatte in der ersten, mit fünf Jahren meist schon abgeschlossenen
    Phase in einem Elternteil ein erstes Liebesobjekt gefunden, auf
    welches sich alle seine Befriedigung heischenden Sexualtriebe
    vereinigt hatten. Die dann eintretende Verdrängung erzwang den

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    Verzicht auf die meisten dieser kindlichen Sexualziele und hinter-
    ließ eine tiefgreifende Modifikation des Verhältnisses zu den
    Eltern. Das Kind blieb fernerhin an die Eltern gebunden, aber
    mit Trieben, die man „zielgehemmte“ nennen muß. Die Gefühle,
    die es von nun an für diese geliebten Personen empfindet, werden
    als „zärtliche“ bezeichnet. Es ist bekannt, daß im Unbewußten
    die früheren „sinnlichen“ Strebungen mehr oder minder stark
    erhalten bleiben, so daß die ursprüngliche Vollströmung in
    gewissem Sinne weiterbesteht.1

    Mit der Pubertät setzen bekanntlich neue, sehr intensive
    Strebungen nach den direkten Sexualzielen ein. In ungünstigen
    Fällen bleiben sie als sinnliche Strömung von den fortdauernden
    „zärtlichen“ Gefühlsrichtungen geschieden. Man hat dann das
    Bild vor sich, dessen beide Ansichten von gewissen Richtungen
    der Literatur so gerne idealisiert werden. Der Mann zeigt
    schwärmerische Neigungen zu hochgeachteten Frauen, die ihn
    aber zum Liebesverkehr nicht reizen, und ist nur potent gegen
    andere Frauen, die er nicht „liebt“, geringschätzt oder selbst
    verachtet.2 Häufiger indes gelingt dem Heranwachsenden ein
    gewisses Maß von Synthese der unsinnlichen, himmlischen und
    der sinnlichen, irdischen Liebe, und ist sein Verhältnis zum
    Sexualobjekt durch das Zusammenwirken von ungehemmten mit
    zielgehemmten Trieben gekennzeichnet. Nach dem Beitrag der
    zielgehemmten Zärtlichkeitstriebe kann man die Höhe der
    Verliebtheit im Gegensatz zum bloß sinnlichen Begehren
    bemessen.

    Im Rahmen dieser Verliebtheit ist uns von Anfang an das
    Phänomen der Sexualüberschätzung aufgefallen, die Tatsache, daß
    das geliebte Objekt eine gewisse Freiheit von der Kritik genießt,
    daß alle seine Eigenschaften höher eingeschätzt werden als die

    1) S. Sexualtheorie l. c.
    2) Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. Sammlung, 4. Folge,
    1918. [Ges. Schriften, Bd. V.]

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    ungeliebter Personen oder als zu einer Zeit, da es nicht geliebt
    wurde. Bei einigermaßen wirksamer Verdrängung oder Zurück-
    setzung der sinnlichen Strebungen kommt die Täuschung zustande,
    daß das Objekt seiner seelischen Vorzüge wegen auch sinnlich
    geliebt wird, während umgekehrt erst das sinnliche Wohlgefallen
    ihm diese Vorzüge verliehen haben mag.

    Das Bestreben, welches hier das Urteil falscht‚ ist das der
    Idealisierung. Damit ist uns aber die Orientierung erleichtert;
    wir erkennen, daß das Objekt so behandelt wird wie das eigene
    Ich, daß also in der Verliebtheit ein größeres Maß narzißtischer
    Libido auf das Objekt überfließt. Bei manchen Formen der
    Liebeswahl wird es selbst augenfällig, daß das Objekt dazu dient,
    ein eigenes, nicht erreichtes Ichideal zu ersetzen. Man liebt es
    wegen der Vollkommenheiten, die man fürs eigene Ich angestrebt
    hat und die man sich nun auf diesem Umweg zur Befriedigung
    seines Narzißmus verschaffen möchte.

    Nehmen Sexualüberschätzung und Verliebtheit noch weiter zu,
    so wird die Deutung des Bildes immer unverkennbarer. Die auf
    direkte Sexualbefriedigung drängenden Strebungen können nun
    ganz zurückgedrängt werden, wie es zum Beispiel regelmäßig
    bei der schwärmerischen Liebe des Jünglings geschieht; das Ich
    wird immer anspruchsloser, bescheidener, das Objekt immer groß-
    artiger, wertvoller; es gelangt schließlich in den Besitz der
    gesamten Selbstliebe des Ichs, so daß dessen Selbstaufopferung zur
    natürlichen Konsequenz wird. Das Objekt hat das Ich sozusagen
    aufgezehrt. Züge von Demut, Einschränkung des Narzißmus,
    Selbstschädigung sind in jedem Falle von Verliebtheit vorhanden;
    im extremen Falle werden sie nur gesteigert und durch das
    Zurücktreten der sinnlichen Ansprüche bleiben sie allein
    herrschend.

    Dies ist besonders leicht bei unglücklicher, unerfüllbarer Liebe
    der Fall, da bei jeder sexuellen Befriedigung doch die Sexual-
    überschätzung immer wieder eine Herabsetzung erfährt. Gleich-

  • S.

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    zeitig mit dieser „Hingabe“ des Ichs an das Objekt, die sich von
    der sublimierten Hingabe an eine abstrakte Idee schon nicht
    mehr unterscheidet, versagen die dem Ichideal zugeteilten F unk-
    tionen gänzlich. Es schweigt die Kritik, die von dieser Instanz
    ausgeübt wird; alles, was das Objekt tut und fordert, ist recht
    und untadelhaft. Das Gewissen findet keine Anwendung auf alles,
    was zugunsten des Objektes geschieht; in der Liebesverblendung
    wird man reuelos zum Verbrecher. Die ganze Situation läßt sich
    restlos in eine Formel zusammenfassen: Das Objekt hat sich
    an die Stelle des Ichideals gesetzt.

    Der Unterschied der Identifizierung von der Verliebtheit in
    ihren höchsten Ausbildungen, die man Faszination, verliebte
    Hörigkeit heißt, ist nun leicht zu beschreiben. Im ersteren Falle
    hat sich das Ich um die Eigenschaften des Objektes bereichert,
    sich dasselbe nach Ferenczis Ausdruck „introjiziert“; im zweiten
    Fall ist es verarmt, hat sich dem Objekt hingegeben, dasselbe
    an die Stelle seines wichtigsten Bestandteiles gesetzt. Indes merkt
    man bei näherer Erwägung bald, daß eine solche Darstellung
    Gegensätze vorspiegelt, die nicht bestehen. Es handelt sich
    ökonomisch nicht um Verarmung oder Bereicherung, man kann
    auch die extreme Verliebtheit so beschreiben, daß das Ich sich
    das Objekt introjiziert habe. Vielleicht trifft eine andere Unter-
    scheidung eher das Wesentliche. Im Falle der Identifizierung ist
    das Objekt verloren gegangen oder aufgegeben worden; es wird
    dann im Ich wieder aufgerichtet, das Ich verändert sich partiell
    nach dem Vorbild des verlorenen Objektes. Im anderen Falle ist
    das Objekt erhalten geblieben und wird als solches von seiten
    und auf Kosten des Ichs überbesetzt. Aber auch hiegegen erhebt
    sich ein Bedenken. Steht es denn fest, daß die Identifizierung
    das Aufgeben der Objektbesetzung voraussetzt, kann es nicht
    Identifizierung bei erhaltenem Objekt geben? Und ehe wir uns
    in die Diskussion dieser heiklen Frage einlassen, kann uns bereits
    die Einsicht aufdämmern, daß eine andere Alternative das Wesen

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    dieses Sachverhaltes in sich faßt, nämlich ob das Objekt
    an die Stelle des Ichs oder des Ichideals gesetzt
    wird.

    Von der Verliebtheit ist offenbar kein weiter Schritt zur
    Hypnose. Die Übereinstimmungen beider sind augenfällig. Dieselbe
    demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, Kritiklosigkeit gegen den
    Hypnotiseur wie gegen das geliebte Objekt. Dieselbe Aufsaugung
    der eigenen Initiative; kein Zweifel, der Hypnotiseur ist an die
    Stelle des Ichideals getreten. Alle Verhältnisse sind in der Hypnose
    nur noch deutlicher und gesteigerter, so daß es zweckmäßiger
    wäre, die Verliebtheit durch die Hypnose zu erläutern als um-
    gekehrt. Der Hypnotiseur ist das einzige Objekt, kein anderes
    wird neben ihm beachtet. Daß das Ich traumhaft erlebt, was er
    fordert und behauptet, mahnt uns daran, daß wir verabsäumt
    haben, unter den Funktionen des Ichideals auch die Ausübung
    der Realitätsprüfung zu erwähnen.1 Kein Wunder, daß das Ich
    eine Wahrnehmung für real hält, wenn die sonst mit der
    Aufgabe der Realitätsprüfung betraute psychische Instanz sich für
    diese Realität einsetzt. Die völlige Abwesenheit von Strebungen
    mit ungehemmten Sexualzielen trägt zur extremen Reinheit der
    Erscheinungen weiteres bei. Die hypnotische Beziehung ist eine
    uneingeschränkte verliebte Hingabe bei Ausschluß sexueller
    Befriedigung, während eine solche bei der Verliebtheit doch nur
    zeitweilig zurückgeschoben ist und als spätere Zielmöglichkeit im
    Hintergrunde verbleibt.

    Anderseits können wir aber auch sagen, die hypnotische Beziehung
    sei — wenn dieser Ausdruck gestattet ist — eine Massenbildung
    zu zweien. Die Hypnose ist kein gutes Vergleichsobjekt mit der
    Massenbildung, weil sie vielmehr mit dieser identisch ist. Sie
    isoliert uns aus dem komplizierten Gefüge der Masse ein Element,

    1) S. Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre, Sammlung kleiner Schriften
    zur Neurosenlehre, Vierte Folge, 1918. [Ges. Schriften, Bd. V.] Indes scheint ein
    Zweifel an der Berechtigung dieser Zuteilung, der eingehende Diskussion erfordert,
    zulässig.

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    das Verhalten des Massenindividuums zum Führer. Durch diese
    Einschränkung der Zahl scheidet sich die Hypnose von der
    Massenbildung, wie durch den Wegfall der direkt sexuellen
    Strebungen von der Verliebtheit. Sie hält insoferne die Mitte
    zwischen beiden.

    Es ist interessant zu sehen, daß gerade die zielgehemmten
    Sexualstrebungen so dauerhafte Bindungen der Menschen aneinander
    erzielen. Dies versteht sich aber leicht aus der Tatsache, daß sie
    einer vollen Befriedigung nicht fähig sind, während ungehemmte
    Sexualstrebungen durch die Abfuhr bei der Erreichung des jedes-
    maligen Sexualzieles eine außerordentliche Herabsetzung erfahren.
    Die sinnliche Liebe ist dazu bestimmt, in der Befriedigung zu
    erlöschen; um andauern zu können, muß sie mit rein zärtlichen,
    das heißt zielgehemmten Komponenten von Anfang an versetzt
    sein oder eine solche Umsetzung erfahren.

    Die Hypnose würde uns das Rätsel der libidinösen Konstitution
    einer Masse glatt lösen, wenn sie selbst nicht noch Züge enthielte,
    die sich der bisherigen rationellen Aufklärung — als Verliebtheit
    bei Ausschluß direkt sexueller Strebungen — entziehen. Es ist
    noch vieles an ihr als unverstanden, als mystisch anzuerkennen.
    Sie enthält einen Zusatz von Lähmung aus dem Verhältnis eines
    Übermächtigen zu einem Ohnmächtigen, Hilflosen, was etwa zur
    Schreckhypnose der Tiere überleitet. Die Art, wie sie erzeugt
    wird, ihre Beziehung zum Schlaf, sind nicht durchsichtig, und
    die rätselhafte Auswahl von Personen, die sich für sie eignen,
    während andere sie gänzlich ablehnen, weist auf ein noch
    unbekanntes Moment hin, welches in ihr verwirklicht wird, und
    das vielleicht erst die Reinheit der Libidoeinstellungen in ihr
    ermöglicht. Beachtenswert ist auch, daß häufig das moralische
    Gewissen der hypnotisierten Person sich selbst bei sonst voller
    suggestiver Gefügigkeit resistent zeigen kann. Aber das mag daher
    kommen, daß bei der Hypnose, wie sie zumeist geübt wird, ein
    Wissen erhalten geblieben sein kann, es handle sich nur um ein

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    Spiel, eine unwahre Reproduktion einer anderen, weit lebens-
    wichtigeren Situation.

    Durch die bisherigen Erörterungen sind wir aber voll darauf
    vorbereitet, die Formel für die libidinöse Konstitution einer Masse
    anzugeben. Wenigstens einer solchen Masse, wie wir sie bisher
    betrachtet haben, die also einen Führer hat und nicht durch
    allzuviel „Organisation“ sekundär die Eigenschaften eines Indivi-
    duums erwerben konnte. Eine solche primäre Masse ist
    eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe
    Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und
    sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander
    identifiziert haben.
    Dies Verhältnis läßt eine graphische
    Darstellung zu:

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