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    [317]

    IX
    DER HERDENTRIEB

    Wir werden uns nur kurze Zeit der Illusion freuen, durch
    diese Formel das Rätsel der Masse gelöst zu haben. Alsbald muß
    uns die Mahnung beunruhigen, daß wir ja im wesentlichen die
    Verweisung auf das Rätsel der Hypnose angenommen haben, an
    dem so vieles noch unerledigt ist. Und nun zeigt uns ein anderer
    Einwand den weiteren Weg.

    Wir dürfen uns sagen, die ausgiebigen afl'ektiven Bindungen,
    die wir in der Masse erkennen, reichen voll aus, um einen ihrer
    Charaktere zu erklären, den Mangel an Selbständigkeit und
    Initiative beim Einzelnen, die Gleichartigkeit seiner Reaktion mit
    der aller anderen, sein Herabsinken zum Massenindividuum sozu-
    sagen. Aber die Masse zeigt, wenn wir sie als Ganzes ins Auge
    fassen, mehr; die Züge von Schwächung der intellektuellen Leistung,
    von Ungehemmtheit der Affektivität, die Unfähigkeit zur Mäßigung
    und zum Aufschub, die Neigung zur Überschreitung aller
    Schranken in der Gefühlsäußerung und zur vollen Abfuhr derselben
    in Handlung, dies und alles Ähnliche, was wir bei Le Bon so
    eindrucksvoll geschildert finden, ergibt ein unverkennbares Bild
    von Regression der seelischen Tätigkeit auf eine frühere Stufe,
    wie wir sie bei Wilden oder bei Kindern zu finden nicht erstaunt
    sind. Eine solche Regression gehört insbesondere zum Wesen
    der gemeinen Massen, während sie, wie wir gehört haben, bei
    hoch organisierten, künstlichen, weitgehend hintangehalten werden
    kann.

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    Wir erhalten so den Eindruck eines Zustandes, in dem die
    vereinzelte Gefühlsregung und der persönliche intellektuelle Akt
    des Individuums zu schwach sind, um sich allein zur Geltung
    zu bringen, und durchaus auf Bekräftigung durch gleichartige
    Wiederholung von seiten der anderen warten müssen. Wir werden
    daran erinnert, wieviel von diesen Phänomenen der Abhängigkeit
    zur normalen Konstitution der menschlichen Gesellschaft gehört,
    wie wenig Originalität und persönlicher Mut sich in ihr findet,
    wie sehr jeder Einzelne durch die Einstellungen einer Massenseele
    beherrscht wird, die sich als Rasseneigentümlichkeiten, Standes-
    vorurteile, öffentliche Meinung und dergleichen kundgeben. Das
    Rätsel des suggestiven Einflusses vergrößert sich für uns, wenn
    wir zugeben, daß ein solcher nicht allein vom Führer, sondern
    auch von jedem Einzelnen auf jeden Einzelnen geübt wird, und
    wir machen uns den Vorwurf, daß wir die Beziehung zum
    Führer einseitig herausgehoben, den anderen Faktor der gegen-
    seitigen Suggestion aber ungebührend zurückgedrängt haben.

    Auf solche Weise zur Bescheidenheit gewiesen, werden wir
    geneigt sein, auf eine andere Stimme zu horchen, welche uns
    Erklärung auf einfacheren Grundlagen verspricht. Ich entnehme
    eine solche dem klugen Buch von W. Trotter über den
    Herdentrieb, an dem ich nur bedauere, daß es sich den durch
    den letzten großen Krieg entfesselten Antipathien nicht ganz
    entzogen hat.1

    Trotter leitet die an der Masse beschriebenen seelischen
    Phänomene von einem Herdeninstinkt (gregariousness) ab, der
    dem Menschen wie anderen Tierarten angeboren zukommt. Diese
    Herdenhaftigkeit ist biologisch eine Analogie und gleichsam eine
    Fortführung der Vielzelligkeit, im Sinne der Libidotheorie eine
    weitere Äußerung der von der Libido ausgehenden Neigung aller
    gleichartigen Lebewesen, sich zu immer umfassenderen Einheiten

    1) W. Trotter, Instincts of the Herd in Peace and War. London 1916. Zweite
    Auflage.

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    zu vereinigen.1 Der Einzelne fühlt sich unvollständig (incomplete),
    wenn er allein ist. Schon die Angst des kleinen Kindes sei eine
    Äußerung dieses Herdeninstinkts. Widerspruch gegen die Herde
    ist soviel wie Trennung von ihr und wird darum angstvoll
    vermieden. Die Herde lehnt aber alles Neue, Ungewohnte ab.
    Der Herdeninstinkt sei etwas Primäres, nicht weiter Zerlegbares
    (which cannot be split up).

    Trotter gibt als die Reihe der von ihm als primär ange-
    nommenen Triebe (oder Instinkte): den Selbstbehauptungs-,
    Ernährungs-, Geschlechts- und Herdentrieb. Der letztere gerate
    oft in die Lage, sich den anderen gegenüberzustellen. Schuld-
    bewußtsein und Pflichtgefühl seien die charakteristischen Besitz-
    tümer eines gregarious animal. Vom Herdeninstinkt läßt Trotter
    auch die verdrängenden Kräfte ausgehen, welche die Psycho-
    analyse im Ich aufgezeigt hat, und folgerichtig gleicherweise die
    Vl’iderstände, auf welche der Arzt bei der psychoanalytischen
    Behandlung stößt. Die Sprache verdanke ihre Bedeutung ihrer
    Eignung zur gegenseitigen Verständigung in der Herde, auf
    ihr beruhe zum großen Teil die Identifizierung der Einzelnen
    miteinander.

    Wie Le Bon vorwiegend die charakteristischen flüchtigen
    Massenbildungen und McDougall die stabilen Vergesellschaf-
    tungen, so hat Trotter die allgemeinsten Verbände, in denen
    der Mensch, dies alt-gr. Zeichen einfügen lebt, in den Mittelpunkt seines
    Interesses gerückt und deren psychologische Begründung angegeben.
    Für Trotter bedarf es aber keiner Ableitung des Herdentriebes,
    da er ihn als primär und nicht weiter auflösbar bezeichnet.
    Seine Bemerkung, Boris Sidis leite den Herdentrieb von der
    Suggestibilität ab, ist zum Glück für ihn überflüssig; es ist
    eine Erklärung nach bekanntem, unbefriedigendem Muster, und
    die Umkehr dieses Satzes, also daß die Suggestibilität ein

    1) Siehe meinen Aufsatz: Jenseits des Lustprinzips, 1920 [Ges. Schriften Bd. VI].

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    Abkömmling des Herdeninstinkts sei, erschiene mir bei weitem
    einleuchtender.

    Aber gegen Trotters Darstellung läßt sich mit noch besserem
    Recht als gegen die anderen einwenden, daß sie auf die Rolle
    des F ührers in der Masse zu wenig Rücksicht nimmt, während
    wir doch eher zum gegenteiligen Urteil neigen, daß das Wesen
    der Masse bei Vernachlässigung des Führers nicht zu begreifen
    sei. Der Herdeninstinkt läßt überhaupt für den Führer keinen
    Raum, dieser kommt nur so zufällig zur Herde hinzu, und im
    Zusammenhange damit steht, daß von diesem Trieb aus auch
    kein Weg zu einem Gottesbedürfnis führt; es fehlt der Hirt zur
    Herde. Außerdem aber kann man Trotters Darstellung psycho-
    logisch untergraben, das heißt man kann es zum mindesten
    wahrscheinlich machen, daß der Herdentrieb nicht unzerlegbar,
    nicht in dem Sinne primär ist wie der Selbsterhaltungstrieb und
    der Geschlechtstrieb.

    Es ist natürlich nicht leicht, die Ontogenese des Herdentriebes
    zu verfolgen. Die Angst des kleinen Kindes, wenn es allein
    gelassen wird, die Trotter bereits als Äußerung des Triebes in
    Anspruch nehmen will, legt doch eine andere Deutung näher.
    Sie gilt der Mutter, später anderen vertrauten Personen, und ist
    der Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht, mit der das Kind
    noch nichts anderes anzufangen weiß, als sie in Angst zu
    verwandeln.1 Die Angst des einsamen kleinen Kindes wird auch
    nicht durch den Anblick eines beliebigen anderen „aus der Herde“
    beschwichtigt, sondern im Gegenteil durch das Hinzukommen
    eines solchen „Fremden“ erst hervorgerufen. Dann merkt man
    beim Rinde lange nichts von einem Herdeninstinkt oder Massen-
    gefühl. Ein solches bildet sich zuerst in der mehrzähligen Kinder-
    stube aus dem Verhältnis der Kinder zu den Eltern, und zwar
    als Reaktion auf den anfänglichen Neid, mit dem das ältere Kind

    1) Siehe „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“, Vorlesung XXV
    über die Angst [Ges. Schriften Bd. VII‚ S. 407 ff.].

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    das jüngere aufnimmt. Das ältere Kind möchte gewiß das nach-
    kommende eifersüchtig verdrängen, von den Eltern fernhalten
    und es aller Anrechte berauben, aber angesichts der Tatsache,
    daß auch dieses Kind — wie alle späteren — in gleicher Weise
    von den Eltern geliebt wird, und infolge der Unmöglichkeit,
    seine feindselige Einstellung ohne eigenen Schaden festzuhalten,
    wird es zur Identifizierung mit den anderen Kindern gezwungen,
    und es bildet sich in der Kinderschar ein Massen- oder Gemein-
    schaftsgefühl, welches dann in der Schule seine weitere Entwicklung
    erfährt. Die erste Forderung dieser Reaktionsbildung ist die nach
    Gerechtigkeit, gleicher Behandlung für alle. Es ist bekannt, wie
    laut und unbestechlich sich dieser Anspruch in der Schule
    äußert. Wenn man schon selbst nicht der Bevorzugte sein kann,
    so soll doch wenigstens keiner von allen bevorzugt werden. Man
    könnte diese Umwandlung und Ersetzung der Eifersucht durch
    ein Massengefühl in Kinderstube und Schulzimmer für unwahn
    scheinlich halten, wenn man nicht den gleichen Vorgang später
    unter anderen Verhältnissen neuerlich beobachten würde. Man
    denke an die Schar von schwärmerisch verliebten Frauen und
    Mädchen, die den Sänger oder Pianisten nach seiner Produktion
    umdrängen. Gewiß läge es jeder von ihnen nahe, auf die andere
    eifersüchtig zu sein, allein angesichts ihrer Anzahl und der damit
    verbundenen Unmöglichkeit, das Ziel ihrer Verliebtheit zu erreichen,
    verzichten sie darauf, und anstatt sich gegenseitig die Haare aus-
    zuraufen, handeln sie wie eine einheitliche Masse, huldigen dem
    Gefeierten in gemeinsamen Aktionen und wären etwa froh, sich
    in seinen Lockenschmuck zu teilen. Sie haben sich, ursprünglich
    Rivalinnen, durch die gleiche Liebe zu dem nämlichen Objekt
    miteinander identifizieren können. Wenn eine Triebsituation, wie
    ja gewöhnlich, verschiedener Ausgänge fähig ist, so werden wir
    uns nicht verwundern, daß jener Ausgang zustande kommt, mit
    dem die Möglichkeit einer gewissen Befriedigung verbunden ist,
    während ein anderer, selbst ein näher liegender, unterbleibt,

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    weil die realen Verhältnisse ihm die Erreichung dieses Zieles
    versagen.

    Was man dann später in der Gesellschaft als Gemeingeist,
    esprit de corps usw. wirksam findet, verleugnet nicht seine
    Abkunft vom ursprünglichen Neid. Keiner soll sich hervortun
    wollen, jeder das gleiche sein und haben. Soziale Gerechtigkeit
    will bedeuten, daß man sich selbst vieles versagt, damit auch
    die anderen darauf verzichten müssen, oder was dasselbe ist, es
    nicht fordern können. Diese Gleichheitsforderung ist die Wurzel
    des sozialen Gewissens und des Pflichtgefühls. In unerwarteter
    Weise enthüllt sie sich in der Infektionsangst der Syphilitiker,
    die wir durch die Psychoanalyse verstehen gelernt haben. Die
    Angst dieser Armen entspricht ihrem heftigen Sträuben gegen
    den unbewußten Wunsch, ihre Infektion auf die anderen aus-
    zubreiten, denn warum sollten sie allein infiziert und von so
    vielem ausgeschlossen sein und die anderen nicht? Auch die
    schöne Anekdote vom Urteil Salomonis hat denselben Kern. Wenn
    der einen Frau das Kind gestorben ist, soll auch die andere kein
    lebendes haben. An diesem Wunsch wird die Verlustträgerin
    erkannt.

    Das soziale Gefühl ruht also auf der Umwendung eines erst
    feindseligen Gefühls in eine positiv betonte Bindung von der
    Natur einer Identifizierung. Soweit wir den Hergang bis jetzt
    durchschauen können, scheint sich diese Umwendung unter dem
    Einfluß einer gemeinsamen zärtlichen Bindung an eine außer
    der Masse stehende Person zu vollziehen. Unsere Analyse der
    Identifizierung erscheint uns selbst nicht als erschöpfend, aber
    unserer gegenwärtigen Absicht genügt es, wenn wir auf den
    einen Zug, daß die konsequente Durchführung der Gleichstellung
    gefordert wird, zurückkommen. Wir haben bereits bei der
    Erörterung der beiden künstlichen Massen, Kirche und Armee,
    gehört, ihre Voraussetzung sei, daß alle von einem, dem Führer,
    in gleicher Weise geliebt werden. Nun vergessen wir aber nicht,

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    daß die Gleichheitsforderung der Masse nur für die Einzelnen
    derselben, nicht für den Führer gilt. Alle Einzelnen sollen
    einander gleich sein, aber alle wollen sie von einem beherrscht
    werden. Viele Gleiche, die sich miteinander identifizieren können,
    und ein einziger, ihnen allen Überlegener, das ist die Situation,
    die wir in der lebensfähigen Masse verwirklicht finden. Getrauen
    wir uns also, die Aussage Trotters, der Mensch sei ein
    Herdentier, dahin zu korrigieren, er sei vielmehr ein
    Hordentier, ein Einzelwesen einer von einem Oberhaupt
    angeführten Horde.