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    [324]

    X
    DIE MASSE UND DIE URHORDE

    Im Jahre 1912 habe ich die Vermutung von Ch. Darwin
    aufgenommen, daß die Urform der menschlichen Gesellschaft die
    von einem starken Männchen unumschränkt beherrschte Horde
    war. Ich habe darzulegen versucht, daß die Schicksale dieser
    Horde unzerstörbare Spuren in der menschlichen Erbgeschichte
    hinterlassen haben, speziell, daß die Entwicklung des Totemismus,
    der die Anfänge von Religion, Sittlichkeit und sozialer Gliederung
    in sich faßt, mit der gewaltsamen Tötung des Oberhauptes und
    der Umwandlung der Vaterhorde in eine Brüdergemeinde zusammen-
    hängt.1 Es ist dies zwar nur eine Hypothese wie so viele andere,
    mit denen die Prähistoriker das Dunkel der Urzeit aufzuhellen
    versuchen — eine „just so story“ nannte sie witzig ein nicht
    unliebenswürdiger englischer Kritiker — aber ich meine, es ist
    ehrenvoll für eine solche Hypothese, wenn sie sich geeignet zeigt,
    Zusammenhang und Verständnis auf immer neuen Gebieten zu
    schaffen.

    Die menschlichen Massen zeigen uns wiederum das vertraute
    Bild des überstarken Einzelnen inmitten einer Schar von gleichen
    Genossen, das auch in unserer Vorstellung von der Urhorde
    enthalten ist. Die Psychologie dieser Masse, wie wir sie aus den
    oft erwähnten Beschreibungen kennen, — der Schwund der

    1) Totem und Tabu, 1912/1915 in „Imago“ („Einige Übereinstimmungen im
    Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“), in Buchform 1915, 4. Auflage 1925.
    [Ges. Schriften, Bd. X.]

  • S.

    325

    bewußten Einzelpersönlichkeit, die Orientierung von Gedanken
    und Gefühlen nach gleichen Richtungen, die Vorherrschaft der
    Affektivität und des unbewußten Seelischen, die Tendenz zur
    unverzüglichen Ausführung auftauchender Absichten, — das
    alles entspricht einem Zustand von Regression zu einer primi-
    tiven Seelentätigkeit, wie man sie gerade der Urhorde zuschreiben
    möchte.1

    Die Masse erscheint uns so als ein Wiederaufleben der
    Urhorde. So wie der Urmensch in jedem Einzelnen virtuell
    erhalten ist, so kann sich aus einem beliebigen Menschenhaufen
    die Urhorde wieder herstellen; soweit die Massenbildung die
    Menschen habituell beherrscht, erkennen wir den Fortbestand
    der Urhorde in ihr. Wir müssen schließen, die Psychologie der
    Masse sei die älteste Menschenpsychologie; was wir unter Vernach-
    lässigung aller Massenreste als Individualpsychologie isoliert haben,
    hat sich erst Später, allmählich und sozusagen immer noch nur
    partiell aus der alten Massenpsychologie herausgehoben. Wir
    werden noch den Versuch wegen, den Ausgangspunkt dieser
    Entwicklung anzugeben.

    Eine nächste Überlegung zeigt uns, in welchem Punkt diese
    Behauptung einer Berichtigung bedarf. Die Individualpsychologie
    muß vielmehr ebenso alt sein wie die Massenpsychologie, denn
    von Anfang an gab es zweierlei Psychologien, die der Massen-

    1) Für die Urhorde muß insbesondere gelten, was wir vorhin in der allgemeinen
    Charakteristik der Menschen beschrieben haben. Der Wille des Einzelnen war zu
    schwach, er getrennte sich nicht der Tat. Es kamen gar keine anderen Impulse
    zustande als kollektive, es gab nur einen Gemeinwillen, keinen singuläxen. Die Vor-
    stellung wagte es nicht, sich in Willen umzusetzen, wenn sie sich nicht durch die
    Wahrnehmung ihrer allgemeinen Verbreitung gestärkt fand. Diese Schwäche der
    Vorstellung findet ihre Erklärung in der Stärke der allen gemeinsamen Gefühls-
    bindung, aber die Gleichartigkeit der Lebensumstände und das Fehlen eines
    privaten Eigentums kommen hinzu, um die Gleichförmigkeit der seelischen Akte
    bei den Einzelnen zu bestimmen. — Auch die exkrementellen Bedürfnisse schließen,
    wie man an Kindern und Soldaten merken kann, die Gemeinsamkeit nicht aus. Die
    einzige mächtige Ausnahme macht der sexuelle Akt, bei dem der Dritte zumindest
    überflüssig, im äußersten Fall zu einem peinlichen Abwarten verurteilt ist. Über die
    Reaktion des Sexualbedürfnisses (der Genitalbefriedigung) gegen das Herdenhafte
    siehe unten.

  • S.

    326

    individuen und die des Vaters, Oberhauptes, Führers. Die Einzelnen
    der Masse waren so gebunden, wie wir sie heute finden, aber
    der Vater der Urhorde war frei. Seine intellektuellen Akte waren
    auch in der Vereinzelung stark und unabhängig, sein Wille bedurfte
    nicht der Bekräftigung durch den anderer. Wir nehmen konsequenter-
    weise an, daß sein Ich wenig libidinös gebunden war, er liebte
    niemand außer sich, und die anderen nur, insoweit sie seinen
    Bedürfnissen dienten. Sein Ich gab nichts Überschüssiges an die
    Objekte ab.

    Zu Eingang der Menschheitsgeschichte war er der Über-
    mensch
    , den Nietzsche erst von der Zukunft erwartete.
    Noch heute bedürfen die Massenindividuen der Vorspiegelung,
    daß sie in gleicher und gerechter Weise vom Führer geliebt
    werden, aber der Führer selbst braucht niemand anderen zu lieben,
    er darf von Herrennatur sein, absolut narzißtisch, aber selbst-
    sicher und selbständig. Wir wissen, daß die Liebe den Narziß-
    mus eindämmt, und könnten nachweisen, wie sie durch diese
    Wirkung Kulturfaktor geworden ist.

    Der Urvater der Horde war noch nicht unsterblich, wie er es
    später durch Vergottung wurde. Wenn er starb, mußte er ersetzt
    werden; an seine Stelle trat wahrscheinlich ein jüngster Sohn, der
    bis dahin Massenindividuum gewesen war wie ein anderer. Es
    muß also eine Möglichkeit geben, die Psychologie der Masse in
    Individualpsychologie umzuwandeln, es muß eine Bedingung
    gefunden werden, unter der sich solche Umwandlung leicht voll-
    zieht, ähnlich wie es den Bienen möglich ist, aus einer Larve im
    Bedarfsfalle eine Königin anstatt einer Arbeiterin zu ziehen. Man
    kann sich da nur dies eine vorstellen: Der Urvater hatte seine
    Söhne an der Befriedigung ihrer direkten sexuellen Strebungen
    verbinden; er zwang sie zur Abstinenz und infolgedessen zu den
    Gefühlsbindungen an ihn und aneinander, die aus den Strebungen
    mit gehemmtem Sexualziel hervorgehen konnten. Er zwang sie
    sozusagen in die Massenpsychologie. Seine sexuelle Eifersucht und

  • S.

    327

    Intoleranz sind in letzter Linie die Ursache der Massenpsycho-
    logie geworden.1

    Für den, der sein Nachfolger wurde, war auch die Möglich-
    keit der sexuellen Befriedigung gegeben und damit der Austritt
    aus den Bedingungen der Massenpsychologie eröffnet. Die Fixie-
    rung der Libido an das Weib, die Möglichkeit der Befriedigung
    ohne Aufschub und Aufspeicherung machte der Bedeutung ziel-
    gehemmter Sexualstrebungen ein Ende und ließ den Narzißmus
    immer zur gleichen Höhe ansteigen. Auf diese Beziehung der
    Liebe zur Charakterbildung werden wir in einem Nachtrag
    zurückkommen.

    Heben wir noch als besonders lehrreich hervor, in welcher
    Beziehung zur Konstitution der Urhorde die Veranstaltung steht,
    mittels derer — abgesehen von Zwangsmitteln — eine künst-
    liche Masse zusammengehalten wird. Bei Heer und Kirche haben
    wir gesehen, es ist die Vorspiegelung, daß der Führer alle Ein-
    zelnen in gleicher und gerechter Weise liebt. Dies ist aber
    geradezu die idealistische Umarbeitung der Verhältnisse der
    Urhorde, in der sich alle Söhne in gleicher Weise vom Urvater
    verfolgt wußten und ihn in gleicher Weise fürchteten. Schon die
    nächste Form der menschlichen Sozietät, der totemistische Clan,
    hat diese Umformung, auf die alle sozialen Pflichten aufgebaut
    sind, zur Voraussetzung. Die unverwüstliche Stärke der Familie
    als einer natürlichen Massenbildung beruht darauf, daß diese not-
    wendige Voraussetzung der gleichen Liebe des Vaters für sie
    wirklich zutreffen kann.

    Aber wir erwarten noch mehr von der Zurückführung der
    Masse auf die Urhorde. Sie soll uns auch das noch Unverstan-
    dene, Geheimnisvolle an der Massenbildung näher bringen, das
    sich hinter den Rätselworten Hypnose und Suggestion verbirgt.

    1) Es läßt sich etwa auch annehmen, daß die vertriebenen Söhne, vom Vater
    getrennt, den Fortschritt von der Identifizierung miteinander zur homosexuellen
    Objektliebe machten und so die Freiheit gewannen, den Vater zu töten.

  • S.

    328

    Und ich meine, sie kann es auch leisten. Erinnern wir uns daran,
    daß die Hypnose etwas direkt Unheimliches an sich hat; der
    Charakter des Unheimlichen deutet aber auf etwas der Verdrän-
    gung verfallenes Altes und Wohlvertrautes hin.1 Denken wir
    daran, wie die Hypnose eingeleitet wird. Der Hypnotiseur behauptet
    im Besitz einer geheimnisvollen Macht zu sein, die dem
    Subjekt den eigenen Willen raubt‚ oder, was dasselbe ist, das
    Subjekt glaubt es von ihm. Diese geheimnisvolle Macht — populär
    noch oft als tierischer Magnetismus bezeichnet — muß dieselbe
    sein, welche den Primitiven als Quelle des Tabu gilt, dieselbe,
    die von Königen und Häuptlingen ausgeht und die es gefährlich
    macht, sich ihnen zu nähern (Mana). Im Besitz dieser Macht
    will nun der Hypnotiseur sein und wie bringt er sie zur Erschei-
    nung? Indem er die Person auffordert, ihm in die Augen zu
    sehen; er hypnotisiert in typischer Weise durch seinen Blick.
    Gerade der Anblick des Häuptlings ist aber für den Primitiven
    gefährlich und unerträglich, wie später der der Gottheit für den
    Sterblichen. Noch Moses muß den Mittelsmann zwischen seinem
    Volke und. Jehova machen, da das Volk den Anblick Gottes nicht
    ertrüge, und wenn er von der Gegenwart Gottes zurückkehrt,
    strahlt sein Antlitz, ein Teil des „Mana“ hat sich wie beim
    Mittler2 der Primitiven auf ihn übertragen.

    Man kann die Hypnose allerdings auch auf anderen Wegen
    hervorrufen, was irreführend ist und zu unzulänglichen physim
    logischen Theorien Anlaß gegeben hat, zum Beispiel durch das
    Fixieren eines glänzenden Gegenstandes oder durch das Horchen
    auf ein monotones Geräusch. In Wirklichkeit dienen diese Ver-
    fahren nur der Ablenkung und Fesselung der bewußten Auf-
    merksamkeit. Die Situation ist die nämliche, als ob der Hypno-
    tiseur der Person gesagt hätte: Nun beschäftigen Sie sich aus-
    schließlich mit meiner Person, die übrige Welt ist ganz uninter-

    1) Das Unheimliche. Imago, V (1919). [Ges. Schriften, Bd. X.]

    2) S. „Totem und Tabu“ und die dort zitierten Quellen.

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    essent. Gewiß wäre es technisch unzweckrnäßig, wenn der Hyp-
    notiseur eine solche Rede hielte, das Subjekt würde durch sie
    aus seiner unbewußten Einstellung gerissen und zum bewußten
    Widerspruch aufgereizt werden. Aber während der Hypnotiseur
    es vermeidet, das bewußte Denken des Subjekts auf seine
    Absichten zu richten, und die Versuchsperson sich in eine
    Tätigkeit versenkt, bei der ihr die Welt uninteressant vorkommen
    muß, geschieht es, daß sie unbewußt wirklich ihre ganze Auf-
    merksamkeit auf den Hypnotiseur konzentriert, sich in die Ein-
    stellung des Rapportes, der Übertragung, zum Hypnotiseur begibt.
    Die indirekten Methoden des Hypnotisierens haben also, ähnlich
    wie manche Techniken des Witzes, den Erfolg, gewisse Ver-
    teilungen der seelischen Energie, welche den Ablauf des unbe-
    wußten Vorganges stören würden, hintanzuhalten, und sie führen
    schließlich zum gleichen Ziel wie die direkten Beeinflussungen
    durch Anstarren oder Streichen.1

    Ferenczi hat richtig herausgefunden, daß sich der Hypno-
    tiseur mit dem Schlafgebot, welches oft zur Einleitung der Hyp-
    nose gegeben wird, an die Stelle der Eltern setzt. Er meinte zwei
    Arten der Hypnose unterscheiden zu sollen, eine schmeichlerisch
    begütigende, die er dem Muttervorbild, und eine drohende, die
    er dem Vater zuschrieb.2 Nun bedeutet das Gebot zu schlafen in

    1) Die Situation, daß die Persen unbewußt auf den Hypnotiseur eingestellt ist,
    Während sie sich bewußt mit gleichbleibenden, uninteressanten Wahrnehmungen
    beschäftigt, findet ein Gegenstück in den Vorkommnissen der psychoanalytischen
    Behandlung, des hier erwähnt zu werden verdient. In jeder Analyse ereignet es sich
    mindestens einmal, daß der Patient hartnäckig behauptet,jetzt fiele ihm aber ganz
    bestimmt nichts ein. Seine freien Assoziationen stecken und die gewöhnlichen
    Antriebe, sie in Gang zu bringen, schlagen fehl. Durch Drängen erreicht man end-
    lich das Eingeständnis, der Patient denke an die Aussicht aus dem Fenster des
    Behandlungsraumes, an die Tapete der Wand, die er vor sich sieht, oder andie Gas-
    lampe, die von der Zimmerdecke herahhängt. Man weiß dann sofort, daß er sich in
    die Übertragung begeben hat, von noch unbewußten Gedanken in Anspruch genommen
    wird, die sich auf den Arzt beziehen, und sieht die Stockung in den Einfällen des
    Patienten schwinden, sobald man ihm diese Aufklärung gegeben hat.

    2) Ferenczi, Introjektion und Übertragung. Jahrbuch f. psychoanalytische; u.
    psychopathol. Forschungen, I, 1909.

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    330

    der Hypnose auch nichts anderes, als die Aufforderung, alles
    Interesse von der Welt abzuziehen und auf die Person des Hyp-
    notiseurs zu konzentrieren; es wird auch vom Subjekt so ver-
    standen, denn in dieser Abziehung des Interesses von der Außen-
    welt liegt die psychologische Charakteristik des Schlafes und auf
    ihr beruht die Verwandtschaft des Schlafes mit dem hypnotischen
    Zustand.

    Durch seine Maßnahmen weckt also der Hypnotiseur beim
    Subjekt ein Stück von dessen archaischer Erbschaft, die auch den
    Eltern entgegenkam und im Verhältnis zum Vater eine indivi-
    duelle Wiederbelebung erfuhr, die Vorstellung von einer über-
    mächtigen und gefährlichen Persönlichkeit, gegen die man sich
    nur passiv-masochistisch einstellen konnte, an die man seinen
    Willen verlieren mußte, und mit der allein zu sein, „ihr unter
    die Augen zu treten“ ein bedenkliches Wagnis schien. Nur so
    etwa können wir uns das Verhältnis eines Einzelnen der Urhorde
    zum Urvater vorstellen. Wie wir aus anderen Reaktionen wissen,
    hat der Einzelne ein variables Maß von persönlicher Eignung
    zur Wiederbelebung solch alter Situationen bewahrt. Ein Wissen,
    daß die Hypnose doch nur ein Spiel, eine lügenhafte Erneuerung
    jener alten Eindrücke ist, kann aber erhalten bleiben und für
    den Widerstand gegen allzu ernsthafte Konsequenzen der hypno-
    tischen Willensaufhebung sorgen.

    Der unheimliche, zwanghafte Charakter der Massenbildung,
    der sich in ihren Suggestionserscheinungen zeigt, kann also wohl
    mit Recht auf ihre Abkunft von der Urhorde zurückgeführt
    werden. Der Führer der Masse ist noch immer der gefürchtete
    Urvater, die Masse will immer noch von unbeschränkter Gewalt
    beherrscht werden, sie ist im höchsten Grade autoritätssüchtig,
    hat nach Le Bons Ausdruck den Durst nach Unterwerfung.
    Der Urvater ist das Massenideal, das an Stelle des Ichideals
    das Ich beherrscht. Die Hypnose hat ein gutes Anrecht auf
    die Bezeichnung: eine Masse zu zweit; für die Suggestion

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    erübrigt die Definition einer Überzeugung, die nicht auf Wahr-
    nehmung und Denkarbeit, sondern auf erotische Bindung
    gegründet ist.1

    1) Es erscheint mir der Hervorhebung wert, daß wir durch die Erörterungen
    dieses Abschnittes veranlaßt werden, von der Bernheimschen Auffassung der Hyp-
    nose auf die naive ältere derselben zurückzugreifen. Nach Bernheim sind alle
    hypnotischen Phänomene von dem weiter nicht aufzuklärenden Moment der Sug-
    gestion abzuleiten. Wir schließen, daß die Suggestion eine Teilerscheinung des hypno-
    tischen Zustandes ist, der in einer unbewußt erhaltenen Disposition aus der Urge-
    schichte der menschlichen Familie seine gute Begründung hat.