-
S.
PROF. DR. FREUD
WIEN IX., BERGGASSE 1924. III.24.
Lieber Herr Doktor,
Ihren Brief habe ich nur mit gemischten
Gefühlen lesen können. Einerseits war ich froh
darüber, dass Sie von so starken Interessen und
Absichten erfüllt, daran denken, sie mir vorzu-
legen, anderseits betrübt, dass ich Ihrer
Meinung widersprechen muss, ich sei wieder im
vollsten Besitz meiner Gesundheit und Schaffenskraf
Diesen schönen Optimismus sehe ich ich genötigt
zu dementieren. Ich bringe eben zur Not meine
6 Analysenstunden fertig, dann aber bin ich mit
meinen Kräften zu Ende und zu nichts mehr zu
gebrauchen. Der Tag hat ja auch für mich mehr als
6 Stunden des Wachseins, aber ich verbringe noch
täglich eine bis anderthalb bei dem Chirurgen,
der an meiner Prothese arbeitet und dem ich eine
halbwegs erträgliche Sprachfähigkeit verdanke.Sie sehen, ich bin nicht mehr der, an den
-
S.
Sie sich zu wenden gedachten. Da Sie schreiben,
Sie möchten in der Woche vor dem Kongress nach
Wien kommen, muss ich Ihnen mitteilen, dass
Dr. Eitingon sich nicht abhälten lässt, die
nämliche Zeit, vom 13. bis zum 20. in Wien
zu verbringen. Mit ihm mache ich allerdings
nicht viel Umstände.Wenn meine Befinden es gestattet – eine
Influenza vor 2 Wochen hat mich recht herunter-
gebracht – gedenke ich, den Kongress in Salz-
burg mitzumachen. Dort fände sich leicht eine
Stunde, in der wir besprechen könnten, was
Ihnen am Herzen liegt. Ich bedauere daher sehr,
dass Sie schreiben, Sie legen Wert darauf, dass
diese Besprechung vor dem Kongress stattfindet.
Vielleicht können Sie auf diesen Punkt noch
verzichten.Mit herzlichem Gruss
Ihr
Freud