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S.
PROF. DR. FREUD
WIEN, IX., BERGGASSE 19.Berchtesgaden
1.7.1927
Schneewinkel
Lieber Herr Doktor
Ich beneide Sie um Ihre
Geduld, wenn Sie sich länger
mit dem unredlichen Volk
herumschlagen wollen. Ich
brächte es nicht zustande, aber
vielleicht treffen Sie es
besser. Wenigstens sollten Sie
sich nicht soviel Mühe geben,
die Leute zu überzeugen,
die nicht überzeugt werden
wollen, und nicht den Eindruck
machen, als ob Sie es hofften.
Es giebt eine Art, seine
Sache zu vertreten und
dabei die Hörer so kühl
geringschätzig zu behandeln,
daß sie merken müßen,
man thue es nicht ihnen
zu Gefallen. – Grundsatz soll
doch bleiben, denen nicht
entgegen zu kom̄en, von
denen man nichts zu empfangen
hat und die alles von
uns zu nehmen haben. Wir
können warten, bis sie -
S.
über alle Stationen weg zum
Kreuz gekrochen kom̄en,
mag es auch noch längere Zeit
brauchen bis dahin.Einen Ihrer wackeren Auf-
sätze habe ich schon gelesen;
den anderen studire ich
eben mit Zagen, meiner
Fremdheit gegen alles Schizo-
phrenie wol bewußt.Ich mache Ihnen kein Hehl
aus meinem Streben mich
von Berlin zu emanzipiren,
so angenehm auch Tegel als
Wohnort u so vortrefflich
Schröder als Arzt ist. Vor-
läufig scheint es, als ob es
mir gelingen sollte.Mit herzlichem Gruß
Ihr
Freud
Schneewinkel
Berchtesgaden 83471
Deutschland
C42F2