S.
87 V Und dabei brauchte es vielleicht nur eine Änder-
ung der Blickrichtung oder des Standpunktes von
Seiten des Beobachters um den einen oder
den anderen Anblick hervorzurufen.812 V sich auf dieser Voraussetzung entzogen, indem
sie lebten und ausstarben, ehe845 t Es ist immer möglich eine größere Menge
von Menschen in Liebe an einander zu
binden, wenn nur andere für die Äußerung
der Aggression übrig bleiben.819 t Wie der vorsichtige Kaufmann es vermeidet,
sein ganzes Kapital an einer Stelle festzu-
legen, so wird vielleicht auch die Lebensweisheit
raten, nicht alle Befriedigung von einer
einzigen Strebung zu erwarten.850 f Note Wenn man zugesteht, daß an jeder Triebäußerung
Libido beteiligt ist, aber daß nicht alles an
ihr Libido ist.855 f Note42 Note Ein großer Dichter darf sich gestatten schwer verpönte
psychologische Wahrheiten auch scherzend zum
Ausdruck zu bringen. So sagt H. Heine: „Ich habe
die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene
Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und
Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür
einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz
glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben,
daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner
Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde
ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie
mir im Leben zugefügt – ja man muß seinen Feinden ver-
zeihen, aber nicht früher, als bis sie gehängt werden.“
(Heine, Gedanken und Einfälle.)862 Note „So macht Gewissen Feige aus uns
allen ...
Daß sie dem jugendlichen Menschen ver-
heimlicht, welche Rolle die Sexualität
in seinem Leben spielen wird, ist nicht
der einzige Vorwurf, den man gegen die
heutige Erziehung erheben muß. Sie sündigt
außerdem darin, daß sie ihn nicht auf die
Aggression vorbereitet, deren Objekt er
zu werden bestimmt ist. Indem sie die
Jugend mit so unrichtiger psychologischer
Orientierung in's Leben entläßt, benimmt
sie sich nicht anders, als wenn man Leute,
die auf eine Polarexpedition gehen, mit
Sommerkleidern und Karten der oberitalischen
Seen ausrüsten würde. Es wird hier ein gewisser
Mißbrauch der ethischen Forderungen deutlich.
Die Strenge derselben würde nicht viel schaden, wenn
die Erziehung sagte: So sollten die Menschen
sein, um glücklich zu werden und Andere glücklich
zu machen, aber man muß damit rechnen,
daß sie nicht so sind. Anstatt dessen läßt
man den Jugendlichen glauben, daß alle
Anderen die ethischen Vorschriften erfüllen,
also tugendhaft sind. Damit begründet
man die Forderung, daß er es auch
werde.S.
839 VINote
folgende Bemerkungen um die oben ausge-
sprochene Vermutung zu stützen: Auch der
Mensch ist ein Tierwesen von unzweideutig
bisexueller Anlage! Das Individuum entspricht
einer Verschmelzung zweier symmetrischer Hälften,
von denen nach Ansicht mancher Forscher die
eine rein männlich die andere weiblich
ist. Ebensowol ist es möglich daß jede Hälfte
ursprünglich hermaphroditisch war. Die Geschlecht-
lichkeit ist eine biologische Tatsache, die obwol
von außerordentlicher Bedeutung für das
Seelenleben psychologisch schwer zu erfassen ist.
Wir sind gewohnt zu sagen: jeder Mensch zeige
sowol männliche als weibliche Triebregungen,
Bedürfnisse, Eigenschaften, aber den Charakter
des Männlichen und Weiblichen kann zwar
die Anatomie, aber nicht die Psychologie
aufzeigen. Für sie verblaßt der geschlechtliche Ge-
gensatz zu dem von Aktivität und
Passivität, wobei wir allzu unbedenklich
die Aktivität mit der Männlichkeit, die
Passivität mit der Weiblichkeit zusammen-
fallen lassen, was sich in der Tierreihe
keineswegs ausnahmslos bestätigt. Die Lehre
von der Bisexualität liegt noch sehr im Dunkeln
und daß sie noch keine Verknüpfung mit
der Trieblehre gefunden hat, müssen wir
in der Psychoanalyse als schwere Störung
verspüren. Wie dem auch sein mag, wenn
wir als tatsächlich annehmen, daß der Einzelne
in seinem Sexualleben männliche wie
weibliche Wünsche befriedigen will, sind wir
für die Möglichkeit vorbereitet, daß diese
Ansprüche nicht durch das nämliche Objekt
erfüllt werden und daß sie einander stören,
wenn es nicht gelingt, sie auseinander zu
halten und jede Regung in eine besondere,
ihr angemessene Bahn zu leiten. Eine andere
Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß der erot-
ischen Beziehung außer der ihr eigenen sadist-
ischen Komponente so häufig ein Betrag von
direkter Aggressionsneigung beigesellt ist.
Das Liebesobjekt wird diesen Komplikationen nicht
immer soviel Verständnis und Toleranz
entgegenbringen, wie jene Bäuerin, die
sich beklagt, daß ihr Mann sie nicht
mehr liebt, weil er sie seit einer Woche
nicht mehr geschlagen hat.S.
839 Note (Fortsetzg)Am tiefsten reicht aber die Vermutung die
an die Ausführungen in der Anmerkung S. 52
anknüpft, daß mit der Aufrichtung des Menschen
und der Entwertung des Geruchssinnes die gesamte
Sexualität, nicht nur die Analerotik, ein Opfer
der organischen Verdrängung zu werden drohte,
sodaß seither die sexuelle Funktion von einem
weiter nicht zu begründenden Widerstreben
begleitet wird, das eine volle Befriedigung
verhindert und vom Sexualziel wegdrängt
zu Sublimierungen und Libidoverschiebungen.
Ich glaube, daß Bleuler einmal (Der Sexualwider-
stand. Jahrbuch für psychoanalyt. und psycho-
patholog. Forschungen Bd V, 1913) auf das Vorhanden-
sein einer solchen ursprünglichen abweisenden
Einstellung zum Sexualleben hingewiesen hat.
An der Tatsache des „Inter urinas et faeces nascimur“
nehmen alle Neurotiker und viele außer
ihnen Anstoß. Die Genitalien erzeugen auch
starke Geruchsempfindungen, die vielen
Menschen unerträglich sind und ihnen den
Sexualverkehr verleiden. So ergäbe sich
als tiefste Wurzel der mit der Kultur
fortschreitenden Sexualverdrängung
die organische Abwehr der mit dem
aufrechten Gang gewonnenen neuen
Lebensform gegen die frühere animalische
Existenz, einSchicksalwissenschaftliches Forschungs-
Resultat, das sich in merkwürdiger Weise mit
oft laut gewordenen banalen Vorurteilen
deckt. Immerhin sind dies derzeit nur
ungesicherte, von der Wissenschaft nicht er-
härtete Möglichkeiten. Wir wollen auch
nicht vergessen, daß trotz der unleugbaren
Entwertung der Geruchsreize es selbst in
Europa Völker gibt, die die starken, uns
so widrigen Genitalgerüche als Reizmittel
der Sexualität hochschätzen und auf sie nicht
verzichten wollen. (s. F. S. Krauss.)S.
834 Note VAuch in dem Kulturstreben nach Reinlichkeit, das in
hygienischen Rücksichten eine nachträgliche Recht-
fertigung findet, aber bereits sich vor dieser
Einsicht geäußert hat, ist ein soziales Moment
unverkennbar. Der Antrieb zur Reinlichkeit
entspringt dem Drang nach Beseitigung der
Exkremente, die der Sinneswahrnehmung unan-
genehm geworden sind. Wir wissen, daß es in
der Kinderstube anders ist. Die Exkremente
erregen beim Kinde keinen Abscheu, erscheinen
ihm als losgelöster Teil seines Körpers wertvoll.
Die Erziehung dringt hier besonders energisch
auf die Beschleunigung des bevorstehenden
Entwicklungsganges, der die Exkremente
wertlos, ekelhaft, abscheulich und verwerflich machen soll.
Eine solche Umwertung wäre kaum möglich,
wenn diese dem Körper entzogenen Stoffe
nicht durch ihre starken Gerüche verurteilt
wären, an dem Schicksal teilzunehmen, das
nach der Aufrichtung des Menschen vom Boden
den Geruchsreizen vorbehalten ist. Die
Analerotik erliegt also zunächst der „organischen
Verdrängung“, die den Weg zur Kultur
gebahnt hat. Der soziale Faktor, der die weitere
Umwandlung der Analerotik besorgt, bezeugt
sich durch die Tatsache, daß trotz aller Ent-
wicklungsfortschritte dem Menschen der
Geruch der eigenen Exkremente kaum anstößig
ist, immer nur der der Ausscheidungen des
Anderen. Da alles Beschmutzte stinkt, Der Unreinliche, d. h. der, der seine
Exkremente nicht verbirgt, beleidigt also
den Anderen, zeigt keine Rücksicht für
ihn, und dasselbe besagen ja auch die kräftig-
sten, gebräuchlichsten Beschimpfungen. Es wäre
auch unverständlich, daß der Mensch den
Namen seines treuesten Freundes in der
Tierwelt als Schimpfwort verwendet, wenn
der Hund nicht durch zwei Eigenschaften die
Verachtung des Menschen auf sich zöge, daß
er ein Geruchstier ist, das sich vor Exkrement-
en nicht scheut, und daß er sich seiner
sexuellen Funktionen nicht schämt.S.
844 bildet den Bodensatz aller zärtlichen und
Liebesbeziehungen unter den Menschen, vielleicht
mit alleiniger Ausnahme der einer Mutter
zu ihrem männlichen Kind.842 Note Ein großer Dichter darf sich gestattenschwer verpönte psychologische Wahrheiten wenigstensscherzend zum Ausdruck zu bringen. Sosagt H. Heine: „826 V mit der Brille korrigiert er die Mängel
seiner Augenlinse,in seinem Auge,819 # Hier kann man den interessanten Fall
anschließen, daß das Lebensglück vorwiegend
im Genusse der Schönheit gesucht wird, wo
immer sie sich unserem Urteil zeigt, der Schönheit
menschlicher Formen und Gesten, Natur-
objekte und Landschaften, künstlerischer
und selbst wissenschaftlicher Schöpfungen.
Diese ästhetische Einstellung zum Lebensziel
vermag aber für vieles zu entschädigen, sie
bietet wenig Schutz gegen drohende Leiden.
Der Genuß der Schönheit hat einen besonderen
milde berauschenden Empfindungscharakter.
Ein Nutzen der Schönheit
liegt nicht klar zu Tage, ihre kulturelle
Notwendigkeit ist nicht einzusehen und
doch könnte man sie in der Kultur nicht
vermissen. Die Wissenschaft der Ästhetik
untersucht die Bedingungen, unter denen
das Schöne empfunden wird; über Natur und
Herkunft der Schönheit hat sie keine Auf-
klärung geben können; wie gebräuchlich
wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand
an volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt.
Leider weiß auch die Psychoanalyse über die
Schönheit am wenigsten zu sagen. Einzig
die Ableitung aus dem Gebiet des Sexual-
empfindens scheint gesichert, es wäre ein
vorbildliches Beispiel einer zielgehemmten
Regung. Die „Schönheit“ und der „Reiz“ sind
ursprünglich Eigenschaften des Sexualobjekts.
Es ist bemerkenswert, daß die Genitalien
selbst, deren Anblick immer erregend wirkt
doch fast nie selbst als schön beurteilt
werden, dagegen scheint der Charakter
der Schönheit an gewissen sekundären
Geschlechtsmerkmalen zu haften.
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Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
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