Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
  • S.

    87 V Und dabei brauchte es vielleicht nur eine Änder-
    ung der Blickrichtung oder des Standpunktes von
    Seiten des Beobachters um den einen oder
    den anderen Anblick hervorzurufen.
    812 V sich auf dieser Voraussetzung entzogen, indem
    sie lebten und ausstarben, ehe
    845 t Es ist immer möglich eine größere Menge
    von Menschen in Liebe an einander zu
    binden, wenn nur andere für die Äußerung
    der Aggression übrig bleiben.
    819 t Wie der vorsichtige Kaufmann es vermeidet,
    sein ganzes Kapital an einer Stelle festzu-
    legen, so wird vielleicht auch die Lebensweisheit
    raten, nicht alle Befriedigung von einer
    einzigen Strebung zu erwarten.
    850 f Note Wenn man zugesteht, daß an jeder Triebäußerung
    Libido beteiligt ist, aber daß nicht alles an
    ihr Libido ist.
    855 f Note 42 Note Ein großer Dichter darf sich gestatten schwer verpönte
    psychologische Wahrheiten auch scherzend zum
    Ausdruck zu bringen. So sagt H. Heine: „Ich habe
    die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene
    Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und
    Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür
    einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz
    glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben,
    daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner
    Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde
    ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie
    mir im Leben zugefügt – ja man muß seinen Feinden ver-
    zeihen, aber nicht früher, als bis sie gehängt werden.“
    (Heine, Gedanken und Einfälle.)
    862 Note „So macht Gewissen Feige aus uns
    allen ...
    Daß sie dem jugendlichen Menschen ver-
    heimlicht, welche Rolle die Sexualität
    in seinem Leben spielen wird, ist nicht
    der einzige Vorwurf, den man gegen die
    heutige Erziehung erheben muß. Sie sündigt
    außerdem darin, daß sie ihn nicht auf die
    Aggression vorbereitet, deren Objekt er
    zu werden bestimmt ist. Indem sie die
    Jugend mit so unrichtiger psychologischer
    Orientierung in's Leben entläßt, benimmt
    sie sich nicht anders, als wenn man Leute,
    die auf eine Polarexpedition gehen, mit
    Sommerkleidern und Karten der oberitalischen
    Seen ausrüsten würde. Es wird hier ein gewisser
    Mißbrauch der ethischen Forderungen deutlich.
    Die Strenge derselben würde nicht viel schaden, wenn
    die Erziehung sagte: So sollten die Menschen
    sein, um glücklich zu werden und Andere glücklich
    zu machen, aber man muß damit rechnen,
    daß sie nicht so sind. Anstatt dessen läßt
    man den Jugendlichen glauben, daß alle
    Anderen die ethischen Vorschriften erfüllen,
    also tugendhaft sind. Damit begründet
    man die Forderung, daß er es auch
    werde.

  • S.

    839 VI

    Note

    folgende Bemerkungen um die oben ausge-
    sprochene Vermutung zu stützen: Auch der
    Mensch ist ein Tierwesen von unzweideutig
    bisexueller Anlage! Das Individuum entspricht
    einer Verschmelzung zweier symmetrischer Hälften,
    von denen nach Ansicht mancher Forscher die
    eine rein männlich die andere weiblich
    ist. Ebensowol ist es möglich daß jede Hälfte
    ursprünglich hermaphroditisch war. Die Geschlecht-
    lichkeit ist eine biologische Tatsache, die obwol
    von außerordentlicher Bedeutung für das
    Seelenleben psychologisch schwer zu erfassen ist.
    Wir sind gewohnt zu sagen: jeder Mensch zeige
    sowol männliche als weibliche Triebregungen,
    Bedürfnisse, Eigenschaften, aber den Charakter
    des Männlichen und Weiblichen kann zwar
    die Anatomie, aber nicht die Psychologie
    aufzeigen. Für sie verblaßt der geschlechtliche Ge-
    gensatz zu dem von Aktivität und
    Passivität, wobei wir allzu unbedenklich
    die Aktivität mit der Männlichkeit, die
    Passivität mit der Weiblichkeit zusammen-
    fallen lassen, was sich in der Tierreihe
    keineswegs ausnahmslos bestätigt. Die Lehre
    von der Bisexualität liegt noch sehr im Dunkeln
    und daß sie noch keine Verknüpfung mit
    der Trieblehre gefunden hat, müssen wir
    in der Psychoanalyse als schwere Störung
    verspüren. Wie dem auch sein mag, wenn
    wir als tatsächlich annehmen, daß der Einzelne
    in seinem Sexualleben männliche wie
    weibliche Wünsche befriedigen will, sind wir
    für die Möglichkeit vorbereitet, daß diese
    Ansprüche nicht durch das nämliche Objekt
    erfüllt werden und daß sie einander stören,
    wenn es nicht gelingt, sie auseinander zu
    halten und jede Regung in eine besondere,
    ihr angemessene Bahn zu leiten. Eine andere
    Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß der erot-
    ischen Beziehung außer der ihr eigenen sadist-
    ischen Komponente so häufig ein Betrag von
    direkter Aggressionsneigung beigesellt ist.
    Das Liebesobjekt wird diesen Komplikationen nicht
    immer soviel Verständnis und Toleranz
    entgegenbringen, wie jene Bäuerin, die
    sich beklagt, daß ihr Mann sie nicht
    mehr liebt, weil er sie seit einer Woche
    nicht mehr geschlagen hat.

  • S.

    839 Note (Fortsetzg)

    Am tiefsten reicht aber die Vermutung die
    an die Ausführungen in der Anmerkung S. 52
    anknüpft, daß mit der Aufrichtung des Menschen
    und der Entwertung des Geruchssinnes die gesamte
    Sexualität, nicht nur die Analerotik, ein Opfer
    der organischen Verdrängung zu werden drohte,
    sodaß seither die sexuelle Funktion von einem
    weiter nicht zu begründenden Widerstreben
    begleitet wird, das eine volle Befriedigung
    verhindert und vom Sexualziel wegdrängt
    zu Sublimierungen und Libidoverschiebungen.
    Ich glaube, daß Bleuler einmal (Der Sexualwider-
    stand. Jahrbuch für psychoanalyt. und psycho-
    patholog. Forschungen Bd V, 1913) auf das Vorhanden-
    sein einer solchen ursprünglichen abweisenden
    Einstellung zum Sexualleben hingewiesen hat.
    An der Tatsache des „Inter urinas et faeces nascimur“
    nehmen alle Neurotiker und viele außer
    ihnen Anstoß. Die Genitalien erzeugen auch
    starke Geruchsempfindungen, die vielen
    Menschen unerträglich sind und ihnen den
    Sexualverkehr verleiden. So ergäbe sich
    als tiefste Wurzel der mit der Kultur
    fortschreitenden Sexualverdrängung
    die organische Abwehr der mit dem
    aufrechten Gang gewonnenen neuen
    Lebensform gegen die frühere animalische
    Existenz, ein Schicksal wissenschaftliches Forschungs-
    Resultat, das sich in merkwürdiger Weise mit
    oft laut gewordenen banalen Vorurteilen
    deckt. Immerhin sind dies derzeit nur
    ungesicherte, von der Wissenschaft nicht er-
    härtete Möglichkeiten. Wir wollen auch
    nicht vergessen, daß trotz der unleugbaren
    Entwertung der Geruchsreize es selbst in
    Europa Völker gibt, die die starken, uns
    so widrigen Genitalgerüche als Reizmittel
    der Sexualität hochschätzen und auf sie nicht
    verzichten wollen. (s. F. S. Krauss.)

  • S.

    834 Note V

    Auch in dem Kulturstreben nach Reinlichkeit, das in
    hygienischen Rücksichten eine nachträgliche Recht-
    fertigung findet, aber bereits sich vor dieser
    Einsicht geäußert hat, ist ein soziales Moment
    unverkennbar. Der Antrieb zur Reinlichkeit
    entspringt dem Drang nach Beseitigung der
    Exkremente, die der Sinneswahrnehmung unan-
    genehm geworden sind. Wir wissen, daß es in
    der Kinderstube anders ist. Die Exkremente
    erregen beim Kinde keinen Abscheu, erscheinen
    ihm als losgelöster Teil seines Körpers wertvoll.
    Die Erziehung dringt hier besonders energisch
    auf die Beschleunigung des bevorstehenden
    Entwicklungsganges, der die Exkremente
    wertlos, ekelhaft, abscheulich und verwerflich machen soll.
    Eine solche Umwertung wäre kaum möglich,
    wenn diese dem Körper entzogenen Stoffe
    nicht durch ihre starken Gerüche verurteilt
    wären, an dem Schicksal teilzunehmen, das
    nach der Aufrichtung des Menschen vom Boden
    den Geruchsreizen vorbehalten ist. Die
    Analerotik erliegt also zunächst der „organischen
    Verdrängung“, die den Weg zur Kultur
    gebahnt hat. Der soziale Faktor, der die weitere
    Umwandlung der Analerotik besorgt, bezeugt
    sich durch die Tatsache, daß trotz aller Ent-
    wicklungsfortschritte dem Menschen der
    Geruch der eigenen Exkremente kaum anstößig
    ist, immer nur der der Ausscheidungen des
    Anderen. Da alles Beschmutzte stinkt, Der Unreinliche, d. h. der, der seine
    Exkremente nicht verbirgt, beleidigt also
    den Anderen, zeigt keine Rücksicht für
    ihn, und dasselbe besagen ja auch die kräftig-
    sten, gebräuchlichsten Beschimpfungen. Es wäre
    auch unverständlich, daß der Mensch den
    Namen seines treuesten Freundes in der
    Tierwelt als Schimpfwort verwendet, wenn
    der Hund nicht durch zwei Eigenschaften die
    Verachtung des Menschen auf sich zöge, daß
    er ein Geruchstier ist, das sich vor Exkrement-
    en nicht scheut, und daß er sich seiner
    sexuellen Funktionen nicht schämt.

  • S.

    844 bildet den Bodensatz aller zärtlichen und
    Liebesbeziehungen unter den Menschen, vielleicht
    mit alleiniger Ausnahme der einer Mutter
    zu ihrem männlichen Kind.
    842 Note Ein großer Dichter darf sich gestatten
    schwer verpönte psychologische Wahrheiten wenigstens
    scherzend zum Ausdruck zu bringen. So
    sagt H. Heine: „
    826 V mit der Brille korrigiert er die Mängel
    seiner Augenlinse, in seinem Auge,
    819 # Hier kann man den interessanten Fall
    anschließen, daß das Lebensglück vorwiegend
    im Genusse der Schönheit gesucht wird, wo
    immer sie sich unserem Urteil zeigt, der Schönheit
    menschlicher Formen und Gesten, Natur-
    objekte und Landschaften, künstlerischer
    und selbst wissenschaftlicher Schöpfungen.
    Diese ästhetische Einstellung zum Lebensziel
    vermag aber für vieles zu entschädigen, sie
    bietet wenig Schutz gegen drohende Leiden.
    Der Genuß der Schönheit hat einen besonderen
    milde berauschenden Empfindungscharakter.
    Ein Nutzen der Schönheit
    liegt nicht klar zu Tage, ihre kulturelle
    Notwendigkeit ist nicht einzusehen und
    doch könnte man sie in der Kultur nicht
    vermissen. Die Wissenschaft der Ästhetik
    untersucht die Bedingungen, unter denen
    das Schöne empfunden wird; über Natur und
    Herkunft der Schönheit hat sie keine Auf-
    klärung geben können; wie gebräuchlich
    wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand
    an volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt.
    Leider weiß auch die Psychoanalyse über die
    Schönheit am wenigsten zu sagen. Einzig
    die Ableitung aus dem Gebiet des Sexual-
    empfindens scheint gesichert, es wäre ein
    vorbildliches Beispiel einer zielgehemmten
    Regung. Die „Schönheit“ und der „Reiz“ sind
    ursprünglich Eigenschaften des Sexualobjekts.
    Es ist bemerkenswert, daß die Genitalien
    selbst, deren Anblick immer erregend wirkt
    doch fast nie selbst als schön beurteilt
    werden, dagegen scheint der Charakter
    der Schönheit an gewissen sekundären
    Geschlechtsmerkmalen zu haften.