TEXT 1930-001/1929.01
  • S.

    Das Unglück in der Kultur.

    von

    Sigm. Freud.

  • S.

    1.

    Das Glück und die Kultur
    Das Unglück in der Kultur
    I.

        Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren,
    daß die Menschen gemeinhin mit falschen
    Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum
    für sich anstreben und bei anderen be-
    wundern, die wahren Werte des Lebens
    aber unterschätzen. Und doch ist man bei
    jedem solchen allgemeinen Urteil in Gefahr,
    die Buntheit der Menschenwelt und ihres
    seelischen Lebens zu vergessen. Es giebt
    einzelne Männer, denen sich die Verehrung
    ihrer Zeitgenossen nicht versagt, obwohl ihre
    Größe auf Eigenschaften und Leistungen ruht,
    die den Zielen und Idealen der Menge
    durchaus fremd sind. Man wird leicht an-
    nehmen wollen, daß es doch nur eine
    Minderzahl ist, welche diese großen Männer
    anerkennt, während die große Mehrheit
    nichts von ihnen wissen will. Aber so
    einfach dürfte es nicht zugehen dank den
    Unstimmigkeiten zwischen dem Denken und
    dem Handeln der Menschen und der
    Vielstimmigkeit ihrer Wunschregungen.

        Einer dieser ausgezeichneten Männer
    nennt sich in Briefen meinen Freund. Ich
    hatte ihm meine kleine Schrift zugeschickt,
    welche die Religion als Illusion behandelt,
    und er antwortete, er wäre mit meinem
    Urteil über die Religion ganz einver-
    standen, bedauerte aber, daß ich die
    eigentliche Quelle der Religiösität nicht
    gewürdigt hätte. Diese sei ein besonderes
    Gefühl, das ihn selbst nie zu verlassen pflege,
    das er von vielen anderen bestätigt
    gefunden und bei Millionen Menschen
    voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er
    die „Empfindung der Ewigkeit“ nennen
    möchte, ein Gefühl wie von etwas
    Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam
    „Ozeanischem“. Dies Gefühl sei eine rein
    subjektive Tatsache, kein Glaubenssatz;
    keine Zusicherung persönlicher Fortdauer
    knüpfe sich daran, aber es sei die Quelle
    der religiösen Energie, die von den
    verschiedenen Kirchen und Religionssystemen
    gefaßt, in bestimmte Kanäle geleitet
    und gewiß auch aufgezehrt werde.

  • S.

    2

    Nur auf Grund dieses ozeanischen Gefühls dürfe
    man sich religiös heißen, auch wenn man jeden
    Glauben und jede Illusion ablehne.

        Diese Äußerung meines verehrten
    Freundes, der selbst einmal den Zauber
    der Illusion poetisch gewürdigt hat, brachte
    mir nicht geringe Schwierigkeiten. Ich selbst
    kann dies „ozeanische“ Gefühl nicht in mir
    entdecken. Es ist nicht bequem, Gefühle
    wissenschaftlich zu bearbeiten. Man kann
    versuchen, ihre physiologischen Anzeichen zu
    beschreiben. Wo dies nicht angeht, — ich
    fürchte, auch das ozeanische Gefühl wird
    sich einer solchen Charakteristik ent-
    ziehen, — bleibt doch nichts übrig, als sich
    an den Vorstellungsinhalt zu halten,
    der sich assoziativ am ehesten zum Gefühl
    gesellt. Habe ich meinen Freund richtig
    verstanden, so meint er dasselbe, was
    ein origineller und ziemlich absonderlicher
    Dichter seinem Helden als Trost vor dem
    freigewählten Tod mitgiebt: „Aus dieser
    Welt können wir nicht fallen.“x) Also
    _________________
    x) Chr Grabbe: Hannibal.
    ein Gefühl der unauflösbaren Verbundenheit,
    der Zusammengehörigkeit mit dem
    Ganzen der Außenwelt. Ich möchte sagen,
    für mich hat dies eher den Charakter
    einer intellektuellen Einsicht, gewiß
    nicht ohne begleitenden Gefühlston, wie
    er aber auch bei anderen Intell Denk-
    akten von ähnlicher Tragweite nicht fehlen
    wird. An meiner Person könnte ich
    mich von der primären Natur eines
    solchen Gefühles nicht überzeugen. Darum
    darf ich aber sein tatsächliches Vorkommen
    bei Anderen nicht bestreiten. Es fragt
    sich nur, ob es richtig gedeutet wird und
    ob es als Ursprung fons et origo aller religiösen Bedürfnisse
    anerkannt werden soll.

        Ich habe nichts vorzubringen, was die
    Lösung dieses Problems entscheidend beein-
    flussen würde. Die Idee, daß der Mensch
    durch ein unmittelbares, von Anfang an
    hierauf gerichtetes Gefühl Kunde von
    seinem Zusammenhang mit der Umwelt
    erhalten sollte, klingt so fremdartig,
    fügt sich so übel in das Gewebe unserer
    Psychologie, daß eine psychoanalytische,

  • S.

    3

    d. i. genetische Ableitung eines solchen Gefühls versucht
    werden darf. Dann stellt sich uns folgender Ge-
    dankengang zur Verfügung. Normalerweise
    ist uns nichts nichts gesicherter als das Gefühl
    unseres Selbst, unseres eigenen Ichs. Dies Ich
    erscheint uns selbständig, einheitlich, gegen alles
    andere gut abgesetzt. Daß dieser Anschein ein
    Trug ist, daß das Ich sich vielmehr nach innen
    ohne scharfe Grenze in ein unbewußtes see-
    lisches Wesen fortsetzt, das wir als Es bezeich-
    nen, dem es gleichsam als Fassade dient,
    das hat uns erst die psychoanalytische Forschung
    gelehrt, die uns noch viele Auskünfte
    über das Verhältnis des Ichs zum Es schuldet.
    Aber nach außen wenigstens scheint das Ich
    klare und scharfe Grenzlinien zu
    behaupten. Nur in einem Zustand, einem
    außergewöhnlichen zwar, den man aber
    nicht als krankhaft verurteilen kann,
    wird es anders. Auf der Höhe der Verliebtheit
    droht die Grenze zwischen Ich und Objekt zu
    verschwimmen. Allen Zeugnissen der Sinne ent-
    gegen behauptet der Verliebte, daß Ich und Du Eines seien
    und ist bereit, sich als ob es so wäre, zu benehmen.
    Was so vorübergehend durch eine physiologische
    Funktion aufgehoben werden kann, muß
    natürlich auch durch krankhafte Vorgänge
    gestört werden können. Die Pathologie
    lehrt uns eine große Anzahl von Zuständen
    kennen, in denen die Abgrenzung des Ichs
    gegen die Außenwelt unsicher wird oder
    die Grenzen wirklich unrichtig gezogen
    werden; Fälle in denen uns Teile des
    eigenen Körpers, ja Stücke des eigenen Seelenlebens,
    Wahrnehmungen, Gefühle, wie fremd und dem Ich nicht zugehörig
    erscheinen, andere in denen man der
    Außenwelt zuschiebt, was offenbar im
    Ich entstanden ist und von ihm anerkannt
    werden sollte. Also ist auch das Ichgefühl
    Störungen unterworfen und die Ichgrenzen
    sind nicht beständig.

        Eine weitere Überlegung sagt: dies Ichgefühl
    des Erwachsenen kann nicht von Anfang
    an so gewesen sein. Es muß eine Entwick-
    lung durchgemacht haben, die sich begreiflicher
    Weise nicht nachweisen, aber mit ziemlicher
    Wahrscheinlichkeit konstruieren läßt. Der
    Säugling sondert noch nicht sein Ich von einer
    Außenwelt als Quelle der auf ihn ein-
    strömenden Empfindungen. Er lernt es

  • S.

    4.

    allmählich auf verschiedene Anregungen hin. Es muß
    ihm den stärksten Eindruck machen, daß manche
    der Erregungsquellen, in denen er später
    seine Körperorgane erkennen wird,
    ihm jederzeit Empfindungen zusenden
    können, während andere sich ihm zeitweise
    entziehen – darunter das Begehrteste, die
    Mutterbrust – und erst durch ein hilfe-
    heischendes Schreien herbeigeholt werden.
    Damit stellt sich dem Ich zuerst ein
    „Objekt“ entgegen, als etwas was sich
    „außerhalb“ befindet und erst durch eine
    besondere Aktion in die Erscheinung
    gedrängt wird. Einen weiteren Antrieb
    zur Loslösung des Ichs von der Empfindungs-
    masse, also zur Anerkennung eines „Draußen“
    einer Außenwelt, geben die häufigen,
    vielfältigen, unvermeidlichen Schmerz- und
    Unlustempfindungen, die das unum-
    schränkt herrschende Lustprinzip aufheben
    und vermeiden heißt. Es entsteht die
    Tendenz alles was Quelle solcher Unlust
    werden kann, vom Ich abzusondern, es
    nach außen zu werfen, ein reines Lust-
    ich zu bilden, dem ein fremdes, drohendes
    „Draußen“ gegenübersteht. Die Grenzen dieses primitiven
    Lust-Ichs können der Berichtigung durch
    die Erfahrung nicht entgehen. Manches
    was man als lustspendend nicht aufgeben
    möchte, ist doch nicht Ich, ist Objekt, und
    manche Qual, die man hinausweisen will,
    erweist sich doch als unabtrennbar von
    Ich, als innerer Herkunft. Man lernt
    ein Verfahren kennen, wie man
    durch absichtliche Lenkung der Sinnestätigkeit
    und geeignete Muskelaktion Innerliches
    – dem Ich angehöriges – und Äußerliches – einer
    Außenwelt entstammendes – unterscheiden
    kann und tut damit den ersten Schritt
    zur Einsetzung des Realitätsprinzips,
    das die weitere Entwicklung beherrschen
    soll. Diese Unterscheidung dient natürlich
    der praktischen Absicht sich der verspürten
    und der drohenden Unlustempfindungen
    zu erwehren. Daß das Ich zur Abwehr
    gewisser Unlusterregungen aus seinem Inneren
    keine anderen Methoden zur Anwendung bringt

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    als deren es sich gegen Unlust von außen bedient,
    wird dann der Ausgangspunkt bedeutsamer
    krankhafter Störungen.

        Auf solche Art löst sich also das Ich von der
    Außenwelt. Richtiger gesagt: Ursprünglich
    enthält das Ich alles, später scheidet es eine
    Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ich-
    gefühl ist also nur ein eingeschrumpfter Rest
    eines weitumfassenderen, ja eines allumfassenden
    Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit
    des Ichs mit der Umwelt entsprach. Wenn
    wir annehmen dürfen, daß dieses primäre
    Ichgefühl sich im Seelenleben vieler Menschen
    – in größerem oder geringerem Ausmaße –
    erhalten hat, so würde es sich dem enger
    und schärfer umgrenzten Ichgefühl der
    Reifezeit wie eine Art Gegenstück
    an die Seite stellen und die zu
    ihm passenden Vorstellungsinhalte wären
    gerade die der Unbegrenztheit und der Ver-
    bundenheit mit dem All, dieselben mit
    denen mein Freund das „ozeanische“ Gefühl
    erläutert. Haben wir aber ein Recht zur
    Annahme des Überlebens des Ursprünglichen
    neben dem Späteren das aus ihm geworden
    ist?

        Unzweifelhaft, ein solches Vorkommnis ist weder
    auf seelischem noch auf anderen Gebieten be-
    fremdend. Für die Tierreihe halten wir
    an der Annahme fest, daß die höchstentwick-
    elten Arten aus den niedrigsten hervor-
    gegangen sind. Doch finden wir alle
    einfachen Lebensformen noch heute unter
    den Lebenden. Das Geschlecht der großen
    Saurier ist ausgestorben und hat den Säuge-
    tieren Platz gemacht, aber ein richtiger
    Vertreter dieses Geschlechts, das Krokodil,
    lebt noch mit uns. Die Analogie mag
    zu entlegen sein, krankt auch an dem
    Umstand daß die überlebenden niedrigen
    Arten zumeist nicht die richtigen Ahnen
    der heutigen, höher entwickelten sind. Die
    Zwischenglieder sind in der Regel ausge-
    storben und nur durch Rekonstruktion
    bekannt. Auf seelischem Gebiet hingegen
    ist die Erhaltung des Primitiven neben
    dem daraus entstandenen Umgewandelten
    so häufig, daß es sich erübrigt es durch Bei-
    spiele zu beweisen. Meist ist dieses
    Vorkommen Folge einer Entwicklungs-
    spaltung. Ein quantitativer Anteil

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    einer Triebregung ist unverändert erhalten ge-
    blieben, ein anderer hat die weitere Entwick-
    lung erfahren.

        Wir rühren hiermit an das allgemeinere Problem
    der Erhaltung im Psychischen das kaum noch
    Bearbeitung gefunden hat, aber so reizvoll
    und bedeutsam ist, daß wir ihm auch bei unzu-
    reichendem Anlaß eine Weile Auf-
    merksamkeit schenken dürfen. Seitdem
    wir den Irrtum überwunden haben, daß
    das uns geläufige Vergessen eine Zerstörung
    der Gedächtnisspur, also eine Vernichtung
    bedeutet, neigen wir zu der entgegengesetzten
    Annahme, daß im Seelenleben nichts was
    einmal gebildet wurde untergehen kann, daß
    alles irgendwie erhalten bleibt und unter
    geeigneten Umständen z. B. durch eine so weit
    reichende Regression wieder zum Vorschein
    gebracht werden kann. Man versuche
    sich etwa durch einen Vergleich aus einem
    anderen Gebiet klar zu machen, was
    diese Annahme zum Inhalt hat. Wir greifen
    etwa die Entwicklung der Ewigen Stadt
    als Beispiel auf. Historiker belehren uns,
    das älteste Rom war die Roma quadrata,
    eine umzäunte Ansiedlung auf dem Palatin.
    Dann folgte die Phase des Septimontium,
    eine Vereinigung der Niederlassungen auf
    den einzelnen Hügeln, darauf die Stadt,
    die durch die Servianische Mauer umschlossen
    begrenzt wurde, und noch später nach all den Umwand-
    lungen der Republikanischen und der frühen
    Kaiserzeit die Stadt, die Kaiser Aurelianus
    durch seine Mauern umschloß. Wir wollen
    die Wandlungen der Stadt nicht weiter
    verfolgen und uns fragen, was ein
    Besucher, den wir mit den vollkommensten
    historischen und topographischen Kenntnissen
    ausgestattet denken, im heutigen Rom
    von diesen frühen Stadien noch
    vorfinden mag. Die aurelianische Mauer
    wird er bis auf wenige Durchbrüche fast
    unverändert sehen. An einzelnen Stellen
    kann er Strecken des Servianischen Walles
    durch Ausgrabung zu Tage gefördert finden.
    Wenn er genug weiß, – kann er vielleicht mehr als die heutige Archaeologie – kann er vielleicht den ganzen
    Verlauf dieser Mauer und den Umriß
    der Roma quadrata in’s Stadtbild ein-
    zeichnen. Von den Gebäuden, die einst
    diese alten Rahmen ausgefüllt haben,
    findet er nichts oder geringe Reste,

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    denn sie bestehen nicht mehr. Das Äußerste, was ihm
    die beste Kenntnis des Roms der Republik
    leisten kann, wäre, daß er die Stellen anzu-
    geben weiß, wo die Tempel und öffentlichen Gebäu-
    de dieser Zeit gestanden waren hatten. Was jetzt diese
    Stellen einnimmt, sind Ruinen, aber nicht ihrer
    selbst, sondern ihrer Erneuerungen aus späteren
    Zeiten nach Bränden und Zerstörungen. Es
    bedarf kaum noch einer besonderen Erwähnung,
    daß alle diese Überreste des alten Roms als Ein-
    sprengungen in das Gewirre einer Großstadt
    aus den letzten Jahrhunderten seit der Re-
    naissance erscheinen. Manches Alte ist ge-
    wiß noch im Boden der Stadt oder unter
    ihren modernen Bauwerken begraben. Dies
    ist die Art der Erhaltung des Vergangenen, die uns an histori-
    schen Städten wie Rom entgegentritt.

        Nun machen wir die phantastische Annahme, Rom
    sei nicht eine menschliche Wohnstätte, sondern
    ein psychisches Wesen von ähnlich langer und
    reichhaltiger Vergangenheit. In dem
    also nichts, was einmal zustande gekommen war,
    untergegangen ist, in dem neben der letzten
    Entwicklungsphase auch alle früheren noch
    fortbestehen. Das würde für Rom also bedeuten,
    daß auf dem Palatin die Kaiserpaläste und
    das Septizonium des Septimius Severus
    sich noch zur alten Höhe erheben, daß die Engels-
    burg noch auf ihren Zinnen die schönen Statuen
    trägt, mit denen sie bis zur Gothenbelagerung ge-
    schmückt war, usw. Aber noch mehr: an der
    Stelle des Palazzo Caffarelli stünde wieder
    ohne daß man dieses Gebäude abzutragen
    brauchte, der Tempel des Kapitolinischen
    Jupiter, und zwar dieser nicht nur in seiner
    letzten Gestalt, wie ihn die Römer der
    Kaiserzeit sahen, sondern auch in seiner
    frühesten, als er noch etruskische Formen
    zeigte und mit tönernen Antefixen ge-
    ziert war. Wo jetzt das Coliseo steht,
    könnten wir auch die verschwundene Domus aurea
    des Nero bewundern, auf dem Pantheonplatz
    fänden wir nicht nur das heutige Pantheon,
    wie es uns von Hadrian hinterlassen
    wurde, sondern auf demselben Grund auch
    den ursprünglichen Bau des M. Agrippa,
    ja, derselbe Boden trüge die Kirche Maria
    sopra Minerva und den alten Tempel über
    dem sie gebaut ist. Und dabei brauchte es
    vielleicht nur eine Änderung der Blickrichtung
    oder des Standpunktes von seiten des Beobachters
    um den einen oder den anderen Anblick hervor-
    zurufen.

  • S.

    8

        Es hat offenbar keinen Sinn diese Phantasie
    weiter auszuspinnen, sie führt zu Unvor-
    stellbarem, ja zu Absurdem. Wenn wir das
    historische Nacheinander räumlich dar-
    stellen wollen, kann es nur durch ein Neben-
    einander im Raum geschehen; derselbe Raum
    verträgt nicht zweierlei Ausfüllung. Unser Versuch scheint eine müßige
    Spielerei zu sein; Unser Versuch er hat nur die eine
    Rechtfertigung; er zeigt uns, wie weit wir
    davon entfernt sind, die Eigentümlichkeiten
    des seelischen Lebens durch anschauliche Dar-
    stellung zu bewältigen.

        Zu einem Einwand sollten wir noch Stellung
    nehmen. Er fragt uns, warum wir gerade die
    Vergangenheit einer Stadt ausgewählt haben,
    um sie mit der seelischen Vergangenheit
    zu vergleichen. Die Annahme der Erhaltung
    alles Vergangenen gilt doch auch für das
    Seelenleben nur unter der Bedingung, daß
    das Organ der Psyche intakt geblieben ist,
    daß sein Gewebe nicht durch Trauma oder
    Entzündung gelitten hat. Zerstörende Ein-
    wirkungen, die man diesen Krankheitsursachen
    gleichstellen könnte, werden aber in der
    Geschichte keiner Stadt vermißt, auch wenn sie eine
    minder bewegte Vergangenheit
    gehabt hat als Rom, auch wenn sie wie
    London kaum je von einem Feind heim-
    gesucht wurde. Die friedlichste Entwick-
    lung einer Stadt schließt Demolierungen
    und Ersetzungen von Gebäuden Bauwerken ein,
    und darum ist die Stadt von vornherein
    für einen solchen Vergleich mit einem
    seelischen Organismus ungeeignet.

        Wir weichen diesem Einwand, wenden
    uns unter Verzicht auf eine eindrucksvolle
    Kontrastwirkung zu einem immerhin ver-
    wandteren Vergleichsobjekt, wie es der
    tierische oder menschliche Leib ist. Aber
    auch hier finden wir das nämliche. Die
    früheren Phasen der Entwicklung sind in
    keinem Sinn mehr erhalten, sie sind in den
    späteren, zu denen sie den Stoff
    geliefert haben, aufgegangen. Der Embryo
    läßt sich im Erwachsenen nicht nach-
    weisen; die Thymusdrüse, die das Kind
    besaß, ist nach der Pubertät durch Binde-
    gewebe ersetzt, aber selbst nicht mehr vorhanden;
    in den Röhrenknochen des reifen Mannes
    kann ich zwar den Umriß des kindlichen
    Knochens einzeichnen, aber dieser selbst
    ist vergangen, indem er sich streckte und
    verdickte bis er seine endgiltige Form
    erhielt. Es bleibt dabei, daß eine solche
    Erhaltung aller Vorstufen neben der
    Endgestaltung nur im Seelischen
    möglich ist und daß wir nicht in der Lage
    sind uns dies Vorkommen anschaulich
    zu machen.

  • S.

    9.

        Vielleicht gehen wir in dieser Annahme zu weit.
    Vielleicht sollten wir uns zu behaupten begnügen,
    daß das Vergangene im Seelenleben erhalten
    bleiben kann, nicht notwendiger Weise zerstört
    werden muß. Es ist immerhin möglich, daß
    auch im Psychischen manches Alte – in der Norm
    oder ausnahmsweise – soweit verwischt oder
    aufgezehrt wird, daß es durch keinen Vorgang
    mehr wiederhergestellt und wiederbelebt werden
    kann, oder daß die Erhaltung allgemein
    an gewisse günstige Bedingungen geknüpft
    ist. Es ist möglich, aber wir wissen nichts darüber.
    Wir dürfen nur daran festhalten, daß die Er-
    haltung des Vergangenen im Seelenleben
    eher Regel als befremdliche Ausnahme ist.

        Wenn wir so durchaus bereit sind anzuer-
    kennen, es gebe bei vielen Menschen ein
    „ozeanisches“ Gefühl und geneigt, es auf eine
    frühe Phase des Ichgefühls zurückzuführen,
    erhebt sich die weitere Frage, welchen
    Anspruch hat dieses Gefühl für als die Quelle
    der religiösen Bedürfnisse angesehen zu werden.

        Mir erscheint dieser Anspruch nicht zwingend.
    Ein Gefühl kann doch nur dann eine Energiequelle
    sein, wenn es selbst der Ausdruck eines
    starken Bedürfnisses ist. Für die religiösen
    Bedürfnisse scheint mir die Ableitung von der
    infantilen Hilflosigkeit und der durch sie geweckten Vater-
    sehnsucht unabweisbar, zumal da sich dies
    Gefühl nicht einfach aus dem kindlichen
    Leben fortsetzt, sondern durch die Angst
    vor der Übermacht des Schicksals dauernd
    erhalten wird. Ein ähnlich starkes Bedürfnis
    aus der Kindheit wie das nach dem Vater-
    schutz wüßte ich nicht anzugeben. Damit ist
    die Rolle des ozeanischen Gefühls, das etwa
    die Wiederherstellung des uneingeschränkten
    Narzissmus anstreben könnte, vom Vordergrund abgedrängt. Bis
    zum Gefühl der kindlichen Hilflosigkeit
    kann man den Ursprung der religiösen
    Einstellung in klaren Umrissen verfolgen.
    Es mag noch anderes dahinter stecken, aber
    das verhüllt einstweilen der Nebel.

        Ich kann mir vorstellen, daß das ozeanische
    Gefühl nachträglich in Beziehungen zur Religion
    geraten ist. Dies Einssein mit dem All,
    was als Gedankeninhalt ihm zugehört,
    spricht uns ja an wie ein erster Versuch
    einer religiösen Tröstung, wie ein
    anderer Weg zur Ableugnung der Gefahr,
    die das Ich als von der Außenwelt drohend
    erkennt.

  • S.

    10.

    erkennt. Ich wiederhole das Bekenntnis, daß
    es mir sehr beschwerlich ist, mit diesen kaum
    faßbaren Größen zu arbeiten. Ein anderer
    meiner Freunde, den ein unstillbarer
    Wissensdrang zu den ungewöhnlichsten Experi-
    menten getrieben und endlich zum Allwisser
    gemacht hat, versicherte mir, daß man in
    den Yogapraktiken durch Abwendung von
    der Außenwelt, durch Bindung der Auf-
    merksamkeit an körperliche Funktionen,
    durch besondere Weisen der Atmung
    tatsächlich neue Empfindungen und Allgemein-
    gefühle in sich erwecken kann, die er als
    Regressionen zu uralten, längst über-
    lagerten Zuständen des Seelenlebens
    auffassen will. Er sieht in ihnen eine
    sozusagen physiologische Begründung vieler
    Weisheiten der Mystik. Beziehungen
    zu manchen dunkeln Modifikationen
    des Seelenlebens wie Trance und Ekstase
    lägen hier nahe. Allein mich drängt es
    auch einmal mit den Worten des Tauchers Schillerschen Tauchers auszurufen,
            „Es freue sich, wer da atmet im
            rosigen Licht.“

    II.

        In meiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion“
    handelte es sich weit weniger um die tiefsten
    Quellen des religiösen Gefühls, sondern als vielmehr
    um das, was der gemeine Mann unter
    seiner Religion versteht, um das System
    von Lehren und Verheißungen, das
    ihm einerseits die Rätsel dieser
    Welt mit beneidenswerter Vollständigkeit
    aufklärt, anderseits ihm zusichert, daß
    eine sorgsame Vorsehung über sein
    Leben wachen und etwaige Versagungen
    in einer jenseitigen Existenz gutmachen
    wird. Diese Vorsehung kann der gemeine
    Mann sich nicht anders als in der Person
    eines großartig erhöhten Vaters vorstellen.
    Nur ein solcher kann die Bedürfnisse der
    Menschenkinder kennen, durch seine Bitten
    erweicht, durch die Zeichen seiner Reue
    beschwichtigt werden. Das Ganze ist so
    offenkundig infantil, so wirklichkeits-
    fremd, daß es einer menschenfreundlichen
    Gesinnung schmerzlich wird zu denken,
    die große Mehrheit der Sterblichen
    werde sich niemals über diese Auffassung
    des Lebens erheben können. Noch

  • S.

    11

    beschämender wirkt es zu erfahren, ein wie
    großer Anteil der heute Lebenden, die es
    einsehen müssen, daß diese Religion nicht zu
    halten ist, doch Stück für Stück von ihr
    in kläglichen Rückzugsgefechten zu verteidigen
    sucht. Man möchte sich in die Reihen der Gläubigen
    mengen, um den Philosophen, die den Gott der
    Religion zu retten glauben, indem sie ihn
    durch ein unpersönliches, schattenhaft abstraktes
    Prinzip ersetzen, die Mahnung vorzuhalten:
    Du sollst den Namen des Herrn nicht zum
    Eitlen anrufen! Wenn einige der größten
    Geister vergangener Zeiten das Gleiche getan
    haben, so darf man sich hierin nicht auf sie
    berufen. Man weiß, warum sie so mußten.

        Wir kehren zum gemeinen Mann und
    zu seiner Religion zurück, der einzigen
    die diesen Namen verdient. tragen sollte. Da
    tritt uns zunächst die bekannte Äußerung
    eines unserer großen Dichter und Weisen
    entgegen, die sich über das Verhältnis der Religion
    zur Kunst und Wissenschaft ausspricht.
    Sie lautet:
        Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
        hat auch Religion;
        Wer jene beiden nicht besitzt,
        der habe Religion!

        Dieser Spruch bringt einerseits die Religion
    in einen Gegensatz zu den beiden Höchstleist-
    ungen der Menschen, anderseits behauptet er,
    daß sie einander in ihrem Lebenswert vertreten
    oder ersetzen können. Wenn wir auch dem ge-
    meinen Mann die Religion absprechen bestreiten wollen,
    haben wir offenbar die Autorität des Dichters
    nicht auf unserer Seite. Wir versuchen einen besonderen
    Weg, um uns der Würdigung seines Satzes zu nähern.
    Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel
    Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben.
    Um es zu ertragen, können wir Linderungs-
    mittel nicht entbehren. (Es geht nicht ohne
    Hilfskonstruktionen, hat uns Th. Fontane gesagt.)
    Solcher Mittel giebt es vielleicht dreierlei:
    mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend
    gering schätzen lassen, Ersatzbefriedigungen,
    die es verringern, Rauschstoffe, die uns für
    dasselbe unempfindlich machen. Irgend etwas
    dieser Art ist unerläßlich.x) Auf die Ablenk-
    ungen zielt offenbar Voltaire, wenn er seinen
    Candide in den Rat ausklingen läßt, seinen
    Garten zu bearbeiten; solch eine Ablenkung
    ist auch die wissenschaftliche Tätigkeit. Die Ersatzbefriedig-
    ungen, wie die Kunst sie bietet, sind gegen
    die Realität Illusionen, darum nicht minder
    psychisch wirksam dank der Rolle, die die
    Phantasie im Seelenleben behauptet hat. Die
    Rauschmittel beeinflussen unser Körperliches,
    ändern seinen Chemismus. Es ist nicht einfach,
    die Stellung der Religion in dieser
    Reihe anzugeben. Wir werden weiter
    ausholen müssen.

    x) Auf erniedrigtem Niveau sagt Wilh. Busch
    dasselbe: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.

  • S.

    12

        Die Frage nach dem Zweck des menschlichen
    Lebens ist ungezählte Male gestellt worden; sie
    hat noch nie eine befriedigende Antwort ge-
    funden, läßt eine solche vielleicht überhaupt
    nicht zu. Manche Fragesteller haben
    hinzugefügt, wenn sich ergeben sollte,
    daß das Leben keinen Zweck hat, dann
    würde es jeden Wert für sie verlieren.
    Aber diese Drohung ändert nichts. Es scheint
    vielmehr, daß man die Frage ein Recht dazu hat die Frage
    abzulehnen berechtigt ist. abzulehnen. Ihre Voraussetzung scheint jene
    menschliche Überhebung, von der wir so viel
    andere Äußerungen bereits kennen.
    Von einem Zweck des Lebens der Tiere
    wird nicht gesprochen, wenn deren Bestim-
    mung nicht etwa darin besteht, dem Menschen
    zu dienen. Allein auch das ist nicht haltbar,
    denn mit vielen Tieren weiß der Mensch
    nichts anzufangen – außer daß er sie beschreibt,
    klassifiziert, studiert – und ungezählte Tier-
    arten haben sich auch dieser Verwendung
    entzogen, indem sie lebten und ausstarben,
    ehe der Mensch sie gesehen hatte.
    Es ist wiederum nur die Religion, die die
    Frage nach einem Zweck des Lebens zu
    beantworten weiß. Man wird kaum irren,
    zu entscheiden, daß die Idee eines Lebenszwecks mit
    dem religiösen System steht und fällt.

        Wir wenden uns darum der anspruchs-
    loseren Frage zu, was die Menschen selbst
    durch ihr Verhalten als Zweck und Absicht
    ihres Lebens erkennen lassen, was sie vom
    Leben fordern, in ihm erreichen wollen.
    Die Antwort darauf ist kaum zu verfehlen;
    sie streben nach dem Glück, sie wollen
    glücklich werden und so bleiben. Dies
    Streben hat zwei Seiten, ein positives und
    ein negatives Ziel, es will einerseits
    die Abwesenheit von Schmerz und Unlust,
    anderseits das Erleben starker Lustempfind-
    gefühle zu gewinnen. Im engeren Wortsinn wird
    „Glück“ nur auf das letztere bezogen. Ent-
    sprechend dieser Zweiteilung der Ziele
    entfaltet sich die Tätigkeit der Menschen
    nach zwei Richtungen, je nachdem sie das eine oder
    das andere dieser Ziele – vorwiegend oder
    selbst ausschließlich – zu verwirklichen sucht.

        Es ist wie man merkt einfach das Programm
    des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt.
    Dies Prinzip beherrscht die Leistung des seelischen
    Apparates vom Anfang an; an seiner
    Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein,

  • S.

    13

    und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen
    Welt, mit dem Makrokosmos ebensowohl wie mit
    dem Mikrokosmos. Es ist überhaupt nicht durchführbar,
    alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihm; man
    möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch „glücklich“
    sei, ist im Plan der „Schöpfung“ nicht enthalten.
    Was man im strengsten Sinne Glück heißt, entspringt
    der eher plötzlichen Befriedigung hoch aufgestauter
    Bedürfnisse und ist seiner Natur nach nur als
    episodisches Phänomen möglich. Jede Fortdauer
    einer vom Lustprinzip ersehnten Situation
    ergiebt nur ein Gefühl von lauem Behagen;
    wir sind so eingerichtet, daß wir nur den
    Kontrast intensiv genießen können, den
    Zustand nur sehr wenig.x) Somit sind unsere
    Glücksmöglichkeiten schon durch unsere Konstitution
    beschränkt. Weit weniger Schwierigkeiten
    hat es, Unglück zu erfahren. Von drei Seiten
    droht das Leiden, vom eigenen Körper her,
    der zu Verfall und Auflösung bestimmt sogar
    Schmerz und Angst als Warnungssignale nicht
    entbehren kann, von der Außenwelt, die
    mit übermächtigen, unerbittlichen, zerstörenden Kräften
    gegen uns wüten kann, und endlich aus den
    Beziehungen zu anderen Menschen. Das Leiden,
    das aus dieser Quelle stammt, empfinden wir
    vielleicht schmerzlicher als jedes andere; wir
    sind geneigt, es als eine gewissermaßen über-
    flüssige Zutat anzusehen, obwohl es nicht
    weniger schicksalsmäßig unabwendbar sein
    dürfte als das Leiden anderer Herkunft.

        Kein Wunder, wenn unter dem Druck
    dieser Leidensmöglichkeiten die Menschen
    ihren Glücksanspruch zu ermäßigen pflegen,
    wie ja auch das Lustprinzip selbst sich
    unter dem Einfluß der Außenwelt zum bescheideneren Realitätsprinzip umbildete,
    wenn man sich bereits glücklich preist, dem
    Unglück entgangen zu sein, das Leiden überstanden
    zu haben, wenn ganz allgemein die Aufgabe der
    Leidvermeidung die der Lustgewinnung
    in den Hintergrund drängt. Die Überleg-
    ung lehrt, daß man die Lösung dieser Aufgabe
    auf sehr verschiedenen Wegen versuchen
    kann; alle diese Wege sind von den
    einzelnen Schulen der Lebensweisheit empfohlen und
    von den Menschen begangen worden.

    x) Goethe mahnt sogar: Nichts ist schwerer zu ertragen
    als eine Reihe von schönen Tagen.
    Das ist wol eine Übertreibung; man darf
    annehmen der Dichter meint nicht oder
    nicht nur Tage mit schönem Wetter.

  • S.

    14

    Uneingeschränkte Befriedigung aller Bedürfnisse
    drängt sich als die verlockendste Art der Lebens-
    führung vor, aber das heißt den Genuß vor die
    Vorsicht setzen und straft sich nach kurzem
    Betrieb. Die anderen Methoden, bei denen
    die Vermeidung von Unlust die vorwiegende
    Absicht ist, scheiden sich je nach der Unlustquelle
    der sie die größere Aufmerksamkeit zu-
    wenden. Es giebt da extreme und gemäßigte
    Verfahren, einseitige und solche die zugleich
    an mehreren Stellen angreifen.
    Gewollte Vereinsamung, Fernhaltung von den
    anderen, ist der nächstliegende Schutz gegen
    das Leid, das einem aus menschlichen Be-
    ziehungen erwachsen kann. Man versteht, das
    Glück das man auf diesem Weg erreichen
    kann, ist das der Ruhe. Gegen die gefürchtete
    Außenwelt kann man sich nicht anders
    als durch irgend eine Art der Abwendung
    verteidigen, wenn man diese Aufgabe
    für sich allein lösen will. Es giebt freilich
    einen anderen und besseren Weg, indem
    man als ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft mit
    Hilfe der von der Wissenschaft geleiteten
    Technik zum Angriff auf die Natur
    übergeht und sie menschlichem Willen
    unterwirft. Man arbeitet dann mit Allen
    am Glück Aller. Die interessantesten Metho-
    den zur Leidverhütung sind aber die, die den
    eigenen Organismus zu beeinflussen
    versuchen. Endlich ist alles Leid nur Empfindung,
    es besteht nur insofern wir es verspüren,
    und wir verspüren es nur infolge gewisser
    Einrichtungen unseres Organismus.

        Die roheste, aber auch wirksamste Methode dieser
    Beeinflussung ist die chemische, die Intoxikation.
    Ich glaube nicht, daß irgendwer ihren Mechanis-
    mus durchschaut, aber es ist Tatsache, daß
    es körperfremde Stoffe giebt, deren
    Anwesenheit in Blut und Geweben
    uns unmittelbare Lustempfindungen verschafft,
    aber auch die Bedingungen unseres Empfind-
    ungslebens so verändert, daß wir zur Auf-
    nahme von Unlustregungen untauglich werden.
    Beide Wirkungen erfolgen nicht nur gleichzeitig,
    sie scheinen auch innig mit einander verknüpft.
    Es muß aber auch in unserem eigenen Stoffe Chemismus Stoffe geben, die ähnliches leisten,
    denn wir kennen wenigstens einen
    krankhaften Zustand, die Manie, in dem
    dies rauschähnliche Verhalten zustande kommt,
    ohne daß ein Rauschgift eingeführt worden
    wäre. Überdies zeigt unser normales
    Seelenleben

  • S.

    15

    Schwankungen von erleichterter oder erschwerter
    Lustentbindung, mit denen eine verringerte oder
    vergrößerte Empfänglichkeit für Unlust parallel
    geht. Es ist sehr zu bedauern, daß diese toxische
    Seite der seelischen Vorgänge sich der wissen-
    schaftlichen Erforschung bisher entzogen hat. Die
    Leistung der Rauschmittel im Kampf um das Glück
    und zur Fernhaltung des Elends wird so sehr als
    Wohltat geschätzt, daß Individuen wie Völker
    ihnen eine feste Stellung in ihrer Libido-
    ökonomie eingeräumt haben. Man dankt ihnen
    nicht nur den unmittelbaren Lustgewinn sondern
    auch ein heiß ersehntes Stück Unabhängigkeit von
    der Außenwelt. Man weiß doch, daß man mit
    Hilfe des „Sorgenbrechers“ sich jederzeit dem
    Druck der Realität entziehen und in einer
    eigenen Welt mit besseren Empfindungsbeding-
    ungen Zuflucht finden kann. Es ist bekannt,
    daß gerade diese Eigenschaft der Rauschmittel auch
    ihre Gefahr und Schädlichkeit bedingt. Sie sind tragen
    unter Umständen die Schuld daran, daß große
    Energiebeträge, die zur Verbesserung
    des menschlichen Loses verwendet werden
    könnten, nutzlos verloren gehen.

        Der komplizierte Bau unseres seelischen Apparats
    gestattet aber auch eine ganze Reihe anderer
    Beeinflussungen. Wie Triebbefriedigung Glück
    ist, so wird es Ursache schweren Leidens, wenn die
    Außenwelt uns darben läßt, die Sättigung
    unserer Bedürfnisse verweigert. Man kann
    also hoffen, durch Einwirkung auf diese Triebreg-
    ungen von einem Teil des Leidens frei zu
    werden. Diese Art der Leidabwehr greift nicht
    mehr am Empfindungsapparat an, sie sucht der
    inneren Quellen der Bedürfnisse Herr zu
    werden. In extremer Weise geschieht dies
    indem man die Triebe ertödtet, wie die
    orientalische Lebensweisheit lehrt und die
    Yogapraxis ausführt. Gelingt es, so hat man freilich
    damit auch alle andere Tätigkeit aufgegeben
    (das Leben geopfert), auf anderem Wege wieder
    nur das Glück der Ruhe erworben. Den
    gleichen Weg verfolgt man bei ermäßigten
    Zielen, wenn man nur die Beherrschung
    des Trieblebens anstrebt. Das Herrschende
    sind dann die höheren psychischen Instanzen, die
    sich dem Realitätsprinzip unterworfen
    haben. Hiebei wird die Absicht der Befried-
    igung keineswegs aufgegeben; ein gewisser
    Schutz gegen Leiden wird dadurch erreicht, daß
    die Unbefriedigung der in Abhängigkeit ge-
    haltenen Triebe nicht so schmerzlich empfunden
    wird wie die der ungehemmten. Dagegen steht

  • S.

    16

    aber eine unleugbare Herabsetzung der Genußmög-
    lichkeiten. Das Glücksgefühl bei Befriedigung
    einer wilden, vom Ich ungebändigten Trieb-
    regung ist unvergleichlich intensiver als das
    bei Sättigung eines gezähmten Triebes. Die
    Unwiderstehlichkeit perverser Impulse, vielleicht
    der Anreiz des Verbotenen überhaupt, findet
    hierin eine ökonomische Erklärung.

        Eine andere Technik der Leidabwehr bedient
    sich der Libidoverschiebungen, welche unser
    seelischer Apparat gestattet, durch die seine
    Funktion so viel an Geschmeidigkeit gewinnt.
    Die zu lösende Aufgabe ist, die Triebziele solcher
    Art zu verlegen, daß sie von der Versagung
    Außenwelt nicht getroffen werden können.
    Die Sublimierung der Triebe leiht dazu ihre Hilfe.
    Am meisten erreicht man, wenn man den Lust-
    gewinn aus den Quellen psychischer und intellekt-
    ueller Arbeit genügend zu erhöhen versteht.
    Das Schicksal kann einem dann wenig anhaben.
    Die Befriedigungen solcher Art, wie die Freude
    des Künstlers am Schaffen, an der Verkörper-
    ung seiner Phantasiegebilde, die des Forschers
    an der Lösung von Problemen, haben eine besondere
    Qualität, die wir gewiß eines Tages werden
    metapsychologisch charakterisieren können. Derzeit
    können wir nur bildweise sagen, sie erscheinen
    uns „feiner und höher“, aber ihre Intensität
    ist im Vergleich mit der aus der Sättigung
    grober primärer Triebregungen gedämpft; sie
    erschüttern nicht unsere Leiblichkeit. Die
    Schwäche dieser Methode liegt aber darin, daß
    sie nicht allgemein verwendbar, nur wenigen
    Menschen zugänglich ist. Sie setzt besondere
    im wirksamen Ausmaß nicht gerade häufige
    Anlagen und Begabungen voraus. Auch diesen
    Wenigen kann sie nicht vollkommenen Leidens-
    schutz gewähren, sie schafft ihnen keinen
    für die Pfeile des Schicksals undurchdringlichen
    Panzer und sie pflegt zu versagen, wenn der eigene Leib die
    Quelle des Leidens wird.

        Wenn schon bei diesem Verfahren die Absicht
    deutlich wird, sich von der Außenwelt
    unabhängig zu machen, indem man seine
    Befriedigungen in inneren psychischen Vor-
    gängen sucht, so treten die gleichen Züge
    noch stärker bei dem nächsten hervor.
    Hier wird der Zusammenhang mit der
    Realität noch mehr gelockert; die

  • S.

    17

    Befriedigung wird aus Illusionen gewonnen, die man
    als solche erkennt ohne sich durch deren Abweichung
    von der Wirklichkeit im Genuß stören zu
    lassen. Das Gebiet aus dem diese Illusionen
    stammen, ist das des Phantasielebens; es wurde
    seinerzeit als sich die Entwicklung des Realitäts-
    sinnes vollzog, ausdrücklich den Ansprüchen
    der Realitätsprüfung entzogen und blieb für
    die Erfüllung schwer durchsetzbarer Wünsche
    bestimmt. Obenan unter diesen Phantasie-
    befriedigungen steht der Genuß an Werken
    der Kunst, der auch dem nicht selbst Schöpferischen
    durch die Vermittlung des Künstlers zugänglich
    gemacht wird.x) Wer für den Einfluß der Kunst
    x) _________________________________
    empfänglich ist, weiß ihn als Lustquelle und
    Lebenströstung nicht hoch genug einzuschätzen.
    Doch vermag die milde Narkose, in die
    uns die Kunst versetzt, nicht mehr als eine
    flüchtige Entrückung aus den Nöten des
    Lebens herbeizuführen und ist nicht stark
    genug, um reales Elend vergessen zu
    machen.

        Energischer und gründlicher geht ein anderes
    Verfahren vor, das den einzigen Feind
    in der Realität erblickt, die die Quelle
    alles Leids ist, mit der sich nicht leben läßt,
    mit der man darum alle Beziehungen ab-
    brechen muß, wenn man in irgend einem
    Sinne glücklich sein will. Der Eremit kehrt
    dieser Welt den Rücken, er will nichts
    mit ihr zu schaffen haben. Aber man kann
    mehr tun, man kann sie umschaffen wollen,
    anstatt ihrer eine andere aufbauen, in der die
    unerträglichsten Züge ausgetilgt und
    durch andere im Sinne der eigenen Wünsche
    ersetzt sind. Wer in verzweifelter Em-
    pörung diesen Weg zum Glück einschlägt,
    wird in der Regel nichts erreichen; die
    Wirklichkeit ist zu stark für ihn. Er wird
    ein Wahnsinniger, der in der Durch-
    setzung seines Wahns meist keine Helfer
    findet. Es wird aber behauptet,
    daß jeder von uns sich in irgend einem
    Punkte ähnlich wie der Paranoiker
    benimmt, eine ihm unleidliche Seite der
    Welt durch eine Wunschbildung korrigiert
    und diesen Wahn in die Realität ein-
    trägt. Eine besondere Bedeutung bean-
    sprucht der Fall, daß eine größere
    Anzahl von Menschen gemeinsam den Ver-
    such unternimmt, sich Glücksversicherung
    und Leidenschutz durch wahnhafte
    Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als

  • S.

    18

    Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als
    solchen Massenwahn müssen wir auch die
    Religionen der Menschheit kennzeichnen.
    Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer
    ihn selbst noch teilt.

        Ich glaube nicht, daß diese Aufzählung der
    Methoden, wie die Menschen das Glück
    zu gewinnen und das Leiden fernzuhalten
    bemüht sind, vollständig ist, weiß auch, daß
    der Stoff andere Anordnungen zuläßt. Eines
    dieser Verfahren habe ich noch nicht angeführt,
    nicht aus Vergeßlichkeit daß ich daran vergessen hätte, sondern weil es uns noch in anderem
    Zusammenhange beschäftigen wird. Wie
    wäre es auch möglich, gerade an diese Technik
    der Lebenskunst zu vergessen. Sie zeichnet
    sich durch die merkwürdigste Vereinigung
    von charakteristischen Zügen aus. Sie strebt
    natürlich auch die Unabhängigkeit vom
    Schicksal – so nennen wir es am besten – an
    und verlegt in dieser Absicht die Befriedigung
    in innere psychische Vorgänge, bedient sich
    dabei der vorhin erwähnten Verschiebarkeit
    der Libido, aber sie wendet sich nicht von
    der Außenwelt ab, klammert sich im Gegen-
    teil an deren Objekte und gewinnt das
    Glück aus einer Gefühlsbeziehung zu ihnen.
    Sie giebt sich dabei auch nicht mit dem gleichsam
    müde resignierenden Ziel der Unlustver-
    meidung zufrieden, eher geht sie achtlos
    an diesem vorbei und hält am ursprüng-
    lichen leidenschaftlichen Streben nach positiver
    Glückserfüllung fest. Vielleicht kommt sie
    diesem Ziel wirklich näher als jede andere
    Methode. Ich meine natürlich jene Richtung
    des Lebens, welche die Liebe zum Mittel-
    punkt nimmt, alle Befriedigung aus dem
    Lieben und Geliebtwerden erwartet.
    Eine solche psychische Einstellung liegt uns
    allen nahe genug; eine der Erscheinungs-
    formen der Liebe, die geschlechtliche
    Liebe hat uns die stärkste Erfahrung einer
    überwältigenden Lustempfindung ver-
    mittelt und so das Vorbild für unser
    Glücksstreben gegeben. Was ist natürlicher
    als daß wir dabei beharren, das Glück
    auf demselben Wege zu suchen, auf
    dem wir es zuerst begegnet haben. Die
    schwache Seite dieser Lebenstechnik liegt
    klar zu Tage; sonst wäre es auch keinem
    Menschen eingefallen, diesen Weg
    zum Glück für einen anderen zu
    verlassen. Niemals sind wir ungeschützter
    gegen das Leiden, als wenn wir lieben,
    niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir

  • S.

    19

    das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren
    haben. Aber die auf den Glückswert der Liebe
    gegründete Lebenstechnik ist damit nicht erledigt,
    es ist viel mehr darüber zu sagen.

        Trotz dieser Unvollständigkeit getraue ich mich
    bereits einiger unserer Untersuchung abschließ-
    ender Bemerkungen. Das Programm, welches uns
    das Lustprinzip aufdrängt, glücklich zu werden,
    ist nicht zu erfüllen, doch darf man – nein
    kann man – die Bemühungen es irgendwie
    der Erfüllung näher zu bringen, nicht aufgeben.
    Man kann sehr verschiedene Wege dahin ein-schlagen,
    entweder den positiven Inhalt des Ziels, den Lust-
    gewinn, oder den negativen, die Unlust-
    vermeidung, voranstellen. Auf keinem dieser
    Wege können wir alles was wir begehren
    erreichen. Das Glück, in jenem ermäßigten
    Sinn, in dem es als möglich erkannt wird,
    ist ein Problem der individuellen Libido-
    ökonomie. Es giebt hier keinen Rat der
    für alle taugt; ein jeder muß selbst ver-
    suchen auf welche besondere Façon er
    selig werden kann. Die mannigfachsten
    Faktoren werden sich geltend machen, um
    seiner Wahl die Wege zu weisen. Es kommt
    darauf an, wieviel reale Befriedigung er
    von der Außenwelt zu erwarten hat und in
    wie weit er veranlaßt ist, sich von ihr unabhängig
    zu machen, zuletzt auch, wieviel Kraft er sich
    zutraut, diese nach seinen Wünschen abzu-
    ändern. Schon dabei wird außer den äußeren
    Verhältnissen die psychische Konstitution des Indi-
    viduums entscheidend werden. Der vorwiegend
    erotische Mensch wird die Gefühlsbeziehungen
    zu anderen Personen voranstellen, der
    eher selbstgenügsame Narzißtische die
    wesentlichen Befriedigungen in seinen inneren
    psychischen Vorgängen suchen, der Tatenmensch
    von der Außenwelt nicht ablassen, an der
    er seine Kraft erproben kann. Für den
    mittleren dieser Typen wird die Art seiner
    Begabung und das Ausmaß der ihm mög-
    lichen Triebsublimierung dafür bestimmend
    werden, wohin er seine Interessen verlegen
    soll. Jede extreme Entscheidung wird sich
    dadurch strafen, daß sie das Individuum
    den Gefahren aussetzt, die die Unzuläng-
    lichkeit der allzu ausschließlich gewählten
    Lebenstechnik mit sich bringt. Wie der vorsich-
    tige Kaufmann es vermeidet, sein ganzes Kapital
    an einer Stelle festzulegen, so wird vielleicht
    auch die Lebensweisheit raten, nicht alle Befriedigung
    von einer einzigen Strebung zu erwarten.
    Der Erfolg ist niemals sicher, er hängt vom Zusammentreffen
    vieler Momente ab, von keinem
    vielleicht mehr als von der Fähigkeit der
    psychischen Konstitution, ihre Funktion der

  • S.

    20

    Umwelt anzupassen und diese für Lustgewinn aus-
    zunutzen. Wer eine besonders ungünstige
    Triebkonstitution mitgebracht und die zur späteren
    Leistung unerläßliche Umbildung und Neu-
    ordnung seiner Libidokomponenten nicht
    regelrecht durchgemacht hat, wird es schwer haben,
    aus seiner äußeren Situation Glück zu ge-
    winnen, zumal wenn er vor schwierigere
    Aufgaben gestellt wird. Als letzte Lebens-
    technik, die ihm wenigstens Ersatzbefriedig-
    ungen verspricht, bietet sich ihm die
    Flucht in die neurotische Krankheit, die
    er meist schon in jungen Jahren vollzieht.
    Wer dann in späterer Lebenszeit seine
    Bemühungen um das Glück vereitelt findet,
    findet noch Trost im Lustgewinn der
    chronischen Intoxikation, oder er unternimmt
    den verzweifelten Auflehnungsversuch
    der Psychose.

        Die Religion beeinträchtigt dieses Spiel der
    Auswahl und Anpassung, indem sie ihren
    Weg zum Glückserwerb und Leidenschutz
    allen in gleicher Weise aufdrängt. Ihre
    Technik besteht darin, den Wert des Lebens
    herabzudrücken und das Bild der realen
    Welt wahnhaft zu entstellen, was die
    Einschüchterung der Intelligenz zur Voraus-
    setzung hat. Um diesen Preis, durch gewalt-
    same Fixierung eines psychischen Infantilismus
    und Einbeziehung in einen Massenwahn
    gelingt es der Religion, vielen Menschen
    die individuelle Neurose zu ersparen. Aber
    kaum mehr; es giebt, wie wir gesagt haben, viele
    Wege, die zu dem Glück führen können,
    wie es dem Menschen erreichbar ist,
    keinen, der sicher dahin leitet. Auch die
    Religion kann ihr Versprechen nicht
    halten. Wenn der Gläubige sich endlich
    genötigt findet, von Gottes unerforschlichem
    Ratschluß zu reden, so gesteht er damit ein,
    daß ihm als letzte Trostmöglichkeit und
    Lustquelle im Leiden nur die bedingungslose
    Unterwerfung übrig geblieben ist. Und
    wenn er zu dieser bereit ist, hätte
    er sich wahrscheinlich den Umweg
    ersparen können.

  • S.

    21

    III.

        Unsere Untersuchung über das Glück hat uns
    bisher nicht viel gelehrt, was nicht allgemein
    bekannt ist. Auch wenn wir sie mit der Frage
    fortsetzen, warum es für die Menschen so
    schwer ist, glücklich zu werden, scheint die Aus-
    sicht, Neues zu erfahren, nicht viel größer.
    Wir haben die Antwort bereits gegeben, indem
    wir auf die drei Quellen hinwiesen, aus denen
    unser Leiden kommt: die Übermacht der
    Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen
    Körpers und die Unzulänglichkeit der Einricht-
    ungen, welche die Beziehungen der Menschen
    zu einander in Familie, Staat und Gesellschaft
    regeln. In Betreff der beiden ersten kann
    unser Urteil nicht lange schwanken; es
    zwingt uns zur Anerkennung dieser Leidensquellen
    und zur Ergebung in’s Unvermeidliche. Wir
    werden die Natur nie vollkommen beherrschen,
    unser Organismus, selbst ein Stück dieser Natur,
    wird immer ein vergängliches, in Anpassung
    und Leistung beschränktes Gebilde bleiben.
    Von dieser Erkenntnis geht keine lähmende Wirkung
    aus; im Gegenteil, sie weist unserer Tätigkeit
    die Richtung. Können wir nicht alles Leiden
    aufheben, so doch manches, und anderes lindern,
    mehrtausendjährige Erfahrung hat uns davon
    überzeugt. Anders verhalten wir uns zur
    dritten, zur sozialen Leidensquelle. Diese wollen
    wir überhaupt nicht gelten lassen, können
    nicht einsehen, warum die von uns selbst
    geschaffenen Einrichtungen nicht vielmehr
    Schutz und Wohltat für uns alle sein sollten.
    Allerdings, wenn wir bedenken, wie schlecht
    uns gerade dieses Stück der Leidverhütung
    gelungen ist, erwacht der Verdacht, es könnte
    auch hier ein Stück der unbesiegbaren Natur
    dahinter stecken, diesmal unserer eigenen
    psychischen Beschaffenheit.

        Auf dem Wege uns mit dieser Möglichkeit
    zu beschäftigen, treffen wir auf eine Behaupt-
    ung, die so erstaunlich ist, daß wir bei ihr
    verweilen wollen. Sie lautet, einen großen
    Teil der Schuld an unserem Elend trage
    unsere sogenannte Kultur; wir wären
    viel glücklicher, wenn wir sie aufgeben
    und in primitive Verhältnisse zurückfinden
    würden. Ich heiße sie erstaunlich, weil – wie
    immer man den Begriff Kultur be-
    stimmen mag – es doch feststeht, daß alles,
    womit wir uns gegen die Bedrohung
    aus den Quellen des Leidens zu schützen
    versuchen, eben der nämlichen Kultur zugehört.

  • S.

    22

        Auf welchem Weg sind wol so viele Menschen zu
    diesem Standpunkt befremdlicher Kulturfeind-
    lichkeit gekommen? Ich meine eine tiefe, lang
    bestehende Unzufriedenheit mit dem jeweiligen
    Kulturzustand stellte den Boden her, auf dem
    sich dann bei bestimmten historischen Anlässen diese
    Verurteilung erhob. Den letzten und den vor-
    letzten dieser Anlässe glaube ich zu erkennen;
    ich bin nicht gelehrt genug um die Kette der-
    selben weit genug in die Geschichte der mensch-
    lichen Art zurückzuverfolgen. Schon beim
    Sieg des Christentums über die heidnischen
    Religionen muß ein solcher kulturfeindlicher
    Faktor beteiligt gewesen sein, der durch
    die christliche Lehre vollzogenen Entwertung
    des irdischen Lebens stand er ja sehr nahe.
    Die vorletzte Veranlassung ergab sich, als man
    im Fortschritt der Entdeckungsreisen in Be-
    rührung mit primitiven Völkern und Stämmen
    kam. Bei ungenügender Beobachtung und
    mißverständlicher Auffassung ihrer Sitten und
    Gebräuche schienen sie den Europäern ein
    einfaches, bedürfnisarmes, glückliches Leben
    zu führen, wie es den kulturell überlegenen
    Besuchern unerreichbar war. Die spätere Er-
    fahrung hat manches Urteil dieser Art
    berichtigt; in vielen Fällen hatte man irr-
    tümlich ein Maß von Lebenserleichterung,
    das der Großmut der Natur und der Bequem-
    lichkeit in der Befriedigung der großen Be-
    dürfnisse zu danken war, dem Mangel
    von verwickelten kulturellen Anforderungen
    zugeschrieben. Die letzte Veranlassung
    ist uns besonders vertraut; sie trat auf
    als man den Mechanismus der Neurosen
    kennen lernte, die das bißchen Glück des
    Kulturmenschen zu untergraben drohen. Man
    fand, daß der Mensch neurotisch wird, weil
    er das Maß von Versagung nicht er-
    tragen kann, das ihm die Gesellschaft
    im Dienste ihrer kulturellen Ideale
    auferlegt und man schloß daraus, daß es
    eine Rückkehr zu Glücksmöglichkeiten
    bedeutete wenn diese Anforderungen
    aufgehoben oder sehr herabgesetzt würden.

        Es kommt noch ein Moment der Ent-
    täuschung dazu. In den letzten Generationen
    haben die Menschen außerordentliche
    Fortschritte in den Naturwissenschaften
    und in ihrer technischen Anwendung gemacht,
    ihre Herrschaft über die Natur in einer
    früher unvorstellbaren Weise befestigt.

  • S.

    23

    Die Einzelheiten dieser Fortschritte sind allgemein
    bekannt, es erübrigt sich sie aufzuzählen. Die
    Menschen sind stolz auf diese Errungenschaften
    und haben ein Recht dazu. Aber sie glauben
    bemerkt zu haben, daß diese neu gewonnene
    Verfügung über Raum und Zeit, diese Unter-
    werfung der Naturkräfte, die Erfüllung jahr-
    tausende alter Sehnsucht, das Maß von
    Lustbefriedigung, das sie vom Leben erwarten,
    nicht erhöht, sie nach ihren Empfindungen nicht
    glücklicher gemacht hat. Man sollte sich
    begnügen aus dieser Feststellung den Schluß
    zu ziehen, die Macht über die Natur sei
    nicht die einzige Bedingung des Menschenglücks,
    wie sie ja auch nicht das einzige Ziel der
    Kulturbestrebungen ist, und nicht die Wertlosigkeit
    der technischen Fortschritte für unsere Glücksöko-
    nomie daraus ableiten. Man möchte einwenden,
    ist es denn nicht ein positiver Lustgewinn, ein
    unzweideutiger Zuwachs an Glücksgefühl, wenn ich
    beliebig oft die Stimme des Kindes hören
    kann, das hunderte von Kilometern weit
    entfernt von mir lebt, wenn ich die kürzeste
    Zeit nach der Landung des Freundes erfahren
    kann, daß er die lange, beschwerliche Reise
    gut bestanden hat? Bedeutet es nichts, daß
    es der Medizin gelungen ist, die Sterblichkeit
    der kleinen Kinder, die Infektionsgefahr der
    gebärenden Frauen so außerordentlich herab-
    zusetzen, ja die mittlere Lebensdauer der
    Kulturmenschen um eine beträchtliche Anzahl
    von Jahren zu verlängern? Und solcher
    Wohltaten, die wir dem vielgeschmähten
    Zeitalter der wissenschaftlichen und technischen
    Fortschritte verdanken, können wir noch
    eine große Reihe anführen, – aber da
    läßt sich die Stimme der pessimistischen
    Kritik vernehmen und mahnt, die meisten
    dieser Befriedigungen folgten dem Muster
    jenes „billigen Vergnügens“, das in einer
    bekannten Anekdote angepriesen wird.
    Man verschafft sich diesen Genuß indem man
    in kalter Winternacht ein Bein nackt
    aus der Decke herausstreckt und es dann
    wieder einzieht. Gäbe es keine Eisenbahn,
    die die Entfernungen überwindet, so hätte
    das Kind die Vaterstadt nie verlassen, man
    brauchte kein Telephon um seine Stimme zu
    hören. Wäre nicht die Schiffahrt über den
    Ozean eingerichtet, so hätte der Freund
    nicht die Seereise unternommen, ich brauchte
    den Telegraphen nicht, um meine Sorge
    um ihn zu beschwichtigen. Was nützt
    uns die Einschränkung der Kindersterb-
    lichkeit, wenn gerade sie uns die äuße-
    rste

  • S.

    24

    Zurückhaltung in der Kinderzeugung aufnötigt,
    so daß wir im Ganzen doch nicht mehr Kinder
    aufziehen, als in den Zeiten vor der Herrschaft
    der Hygiene, dabei aber unser Sexualleben
    in der Ehe unter schwierige Bedingungen ge-
    bracht und wahrscheinlich der wohltätigen,
    natürlichen Auslese entgegen gearbeitet
    haben? Und was soll uns endlich ein langes
    Leben, wenn es beschwerlich, arm an Freuden
    und so leidvoll ist, daß wir den Tod nur als
    Erlöser bewillkomnen können?

        Es scheint fest zu stehen, daß wir uns in unserem
    heutigen Kulturzustand nicht wohl fühlen, aber es ist
    sehr schwer, sich ein Urteil darüber zu bilden,
    ob und inwieweit die Menschen früherer
    Zeiten sich glücklicher gefühlt haben und welchen
    Anteil ihre Kulturbedingungen daran hatten.
    Wir werden immer die Neigung haben, das Elend
    objektiv zu erfassen, d. h. uns mit unseren
    Ansprüchen und Empfänglichkeiten in jene
    Bedingungen zu versetzen, um dann zu
    prüfen, welche Anlässe zu Glücks- und Un-
    glücksempfindungen wir in ihnen fänden.
    Diese Art der Betrachtung, die objektiv scheint,
    weil sie von den Variationen der subjektiven
    Empfindlichkeit absieht, ist in Wirklichkeit
    natürlich die subjektivste, die möglich ist, indem sie
    an die Stelle aller anderen unbekannten
    seelischen Verfassungen die eigene einsetzt.
    Das Glück ist aber etwas durch und durch Subjektives.
    Wir mögen noch so sehr vor gewissen Situationen
    zurückschrecken, der des antiken Galeerensklaven,
    des Bauern im dreißigjährigen Krieg, des Opfers
    der heiligen Inquisition, des Juden, der den
    Pogrom erwartet, es ist uns doch unmöglich,
    uns in diese Personen einzufühlen, die
    Veränderungen zu erraten, die ursprüngliche
    Stumpfheit, allmähliche Abstumpfung, Einstellung
    der Erwartungen, gröbere und feinere
    Weisen der Narkotisierung in der Empfäng-
    lichkeit für Lust- und Unlustempfindungen
    herbeigeführt haben. Im Falle äußerster
    Leidmöglichkeit werden auch bestimmte
    seelische Schutzvorrichtungen in Tätigkeit ver-
    setzt. Es scheint mir unfruchtbar, diese
    Seite des Problems weiter zu verfolgen.

  • S.

    25

    Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen dieser
    Kultur kümmern, deren Glückswert in Zweifel
    gezogen wird. Wir werden keine Formel
    fordern, die dieses Wesen in wenigen
    Worten ausdrückt, noch ehe wir etwas
    aus der Untersuchung erfahren haben. Es
    genügt uns also zu wiederholen, daß das
    Wort „Kultur“ die ganze Summe der Leistung[en]
    bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem
    unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei
    Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen
    gegen die Natur und der Regelung der Bezieh-
    ungen der Menschen unter einander. Um mehr
    zu verstehen, werden wir die Züge der
    Kultur im einzelnen zusammensuchen, wie
    sie sich in menschlichen Gemeinschaften zeigen.
    Wir lassen uns dabei ohne Bedenken vom
    Sprachgebrauch oder wie man auch sagt:
    Sprachgefühl leiten im Vertrauen darauf,
    daß wir so inneren Einsichten gerecht
    werden, die sich dem Ausdruck in abstrakten Worten noch
    widersetzen.

        Der Eingang ist leicht. Als kulturell anerkennen
    wir alle Tätigkeiten und Werte, die den
    Menschen nützen, indem sie ihm die Erde
    dienstbar machen, ihn gegen die Gewalt der
    Naturkräfte schützen u. dgl. Über diese Seite
    des Kulturellen besteht ja am wenigsten
    Zweifel. Um weit genug zurückzugehen, die
    ersten kulturellen Taten waren der Gebrauch
    von Werkzeugen, die Zähmung des Feuers,
    der Bau von Wohnstätten. Unter ihnen
    ragt die Zähmung des Feuers als eine ganz
    außerordentliche, vorbildlose Leistung
    hervor, mit den anderen schlug der
    Mensch Wege ein, die er seither immer
    weiter verfolgt hat, zu denen die Anregung
    leicht zu erraten ist. Mit all seinen
    Werkzeugen vervollkommnet der Mensch
    seine Organe – die motorischen wie die senso-
    rischen – oder räumt die Schranken für ihre
    Leistung weg. Die Motoren stellen ihm riesige
    Kräfte zur Verfügung, die er wie seine
    Muskeln in beliebige Richtungen schicken
    kann, das Schiff und das Flugzeug machen, daß
    weder Wasser noch Luft seine Fortbewegung hindern
    können. Mit der Brille korrigiert er die
    Mängel der Linse in seinem Auge, mit
    dem Fernrohr schaut er in entfernte
    Weiten, mit dem Mikroskop überwindet er die
    Grenzen der Sichtbarkeit, die durch den Bau
    seiner Netzhaut abgesteckt werden. In der
    photographischen Kamera hat er ein
    Instrument geschaffen, das die flüchtigen
    Seheindrücke festhält, was ihm die
    Grammophonplatte für die ebenso
    vergänglichen Schalleindrücke leisten
    muß, beides im Grunde Materialisationen
    des ihm gegebenen Vermögens der Erinnerung,
    seines Gedächtnisses. Mit Hilfe
    des Telephons hört er aus Entfernungen, die
    selbst das Märchen als unerreichbar
    respektieren würde; die Schrift ist ursprünglich
    die Sprache des Abwesenden, das
    Wohnhaus ein Ersatz für den Mutterleib,
    die erste, wahrscheinlich noch immer ersehnte
    Behausung, in der man sicher war und sich
    so wol fühlte.

    x) S. Zukunft einer Illusion

    x) Psychoanalytisches Material unvollständig, nicht
    sicher deutbar, läßt doch wenigstens eine
    – phantastisch klingende – Vermutung über den
    Ursprung dieser menschlichen Großtat zu.
    Als wäre der Urmensch gewohnt gewesen, wenn
    er dem Feuer begegnete, eine infantile Lust
    an ihm zu befriedigen, indem er es durch
    seinen Harnstrahl auslöschte. An der ur-
    sprünglichen phallischen Auffassung der
    züngelnden, sich in die Höhe reckenden
    Flamme kann nach vorhandenen Sagen
    kein Zweifel sein. Das Feuerlöschen

  • S.

    26

    durch Urinieren – auf das noch die später Riesenkinder
    Gulliver in Liliput und Rabelais Gargantua zurück-
    greifen – war also wie ein sexueller Akt mit
    einem homosexuell Mann, ein Genuß der männlichen
    Potenz im homosexuellen Wettkampf. Wer nun zuerst
    auf diese Lust verzichtete, das Feuer verschonte,
    konnte es mit sich forttragen und in seinen
    Dienst zwingen. Dadurch daß er das Feuer seiner
    eigenen sexuellen Erregung dämpfte, hatte er
    die Naturkraft des Feuers gezähmt. Diese große
    kulturelle Eroberung wäre also der Lohn
    für einen Triebverzicht. Und weiter, als hätte
    man das Weib zur Hüterin des einmal auf dem häuslichen
    Herd gefangenen Feuers bestellt, weil ihr
    anatomischer Bau es ihr verbietet, einer
    solchen Lustversuchung nachzugeben. Es ist auch
    bemerkenswert, wie regelmäßig die analytischen
    Erfahrungen den Zusammenhang von Ehrgeiz,
    Feuer und Harnerotik bezeugen.

        Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist
    direkt die Erfüllung aller – nein der meisten –
    Märchenwünsche, was der Mensch durch
    seine Wissenschaft und Technik auf dieser
    Erde hergestellt hat, auf der er zuerst als
    ein schwaches Tierwesen auftrat und auf der
    jedes Individuum seiner Art wiederum als
    hilfloser Säugling – oh inch of nature – ein-
    treten muß. All diesen Besitz darf
    er als Kulturerwerb ansprechen. Er

  • S.

    27

    hatte sich seit langen Zeiten eine Idealvorstellung
    von Allmacht und Allwissenheit gebildet, die er in
    seinen Göttern verkörperte. Ihnen schrieb er
    alles zu was seinen Wünschen unerreichbar
    schien, – oder ihm verboten war. Man darf
    also sagen diese Götter waren Kulturideale.
    Nun hat er sich der Erreichung dieses Ideals sehr
    angenähert, ist beinahe selbst ein Gott geworden.
    Freilich nur so, wie man nach allgemein menschlichem
    Urteil Ideale zu erreichen pflegt. Nicht vollkommen,
    in einigen Stücken gar nicht, in anderen nur
    so halbwegs. Der Mensch ist sozusagen eine Art
    Prothesengott geworden, recht großartig wenn
    er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie
    sind nicht mit ihm verwachsen und machen
    ihm gelegentlich noch viel zu schaffen. Er hat
    übrigens ein Recht sich damit zu trösten,
    daß diese Entwicklung nicht gerade mit dem
    Jahr 1930 A.D. abgeschlossen sein wird. Ferne
    Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar
    große Fortschritte auf diesem Gebiet der
    Kultur mit sich bringen, die Gottähnlichkeit
    noch weiter steigern. Im Interesse unserer
    Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran
    vergessen, daß der heutige Mensch sich in seiner
    Gottähnlichkeit nicht glücklich fühlt.

        Wir anerkennen also die Kulturhöhe eines
    Landes, wenn wir finden, daß alles in ihm ge-
    pflegt und zweckmäßig besorgt wird, was der
    Ausnützung der Erde durch den Menschen und
    dem Schutz desselben vor den Naturkräften
    dienlich, also kurz zusammengefaßt, ihm nützlich
    ist. In einem solchen Land seien Flüsse,
    die mit Überschwemmungen drohen, in ihrem
    Lauf reguliert, ihr Wasser durch Kanäle hinge-
    leitet, wo es entbehrt wird. Der Erdboden
    werde sorgfältig bearbeitet und mit den
    Gewächsen beschickt, die er zu tragen geeignet
    ist, die mineralischen Schätze der Tiefe
    emsig zu Tage gefördert und zu den verlangten
    Werkzeugen und Geräten verarbeitet. Die
    Verkehrsmittel seien reichlich, rasch und zuver-
    lässig, die wilden und gefährlichen Tiere
    seien ausgerottet, die Zucht der zu Haustieren
    gezähmten sei in Blüte. Wir haben aber
    an die Kultur noch andere Anforderungen
    zu stellen und hoffen bemerkenswerter
    Weise sie in denselben Ländern verwirk-
    licht zu finden. Als wollten wir unseren
    zuerst erhobenen Anspruch verleugnen,
    begrüßen wir es auch als kulturell, wenn wir
    sehen, daß sich die Sorgfalt der Menschen
    auch Dingen zuwendet, die ganz und gar
    nicht nützlich sind, eher unnütz erscheinen,
    z. B. wenn die in einer Stadt als Spielplätze
    und Luftreservoirs notwendigen Garten-
    flächen auch Blumenbeete tragen, oder

  • S.

    28

    wenn die Fenster der Wohnungen mit Blumentöpfen
    geschmückt sind. Wir merken bald, das Unnütze,
    dessen Schätzung wir von der Kultur erwarten,
    ist die Schönheit; wir fordern, daß der Kultur-
    mensch die Schönheit verehre, wo sie ihm in
    der Natur begegnet, und sie herstelle an Gegen-
    ständen, soweit seiner Hände Arbeit es vermag.
    Weit entfernt, daß unsere Ansprüche an die
    Kultur damit erschöpft wären. Wir verlangen
    noch die Zeichen von Reinlichkeit und Ordnung
    zu sehen. Wir denken nicht hoch von der Kultur
    einer englischen Landstadt zur Zeit Shakespeares,
    wenn wir lesen, daß ein hoher Misthaufen
    vor der Türe seines väterlichen Hauses
    in Stratford lagerte; wir sind ungehalten und
    schelten es „barbarisch“, was der Gegensatz zu
    kulturell ist, wenn wir die Wege des Wiener
    Waldes mit weggeworfenen Papieren bestreut
    finden. Unsauberkeit jeder Art scheint uns
    mit Kultur unvereinbar; auch auf den mensch-
    lichen Körper dehnen wir die Forderung
    der Reinlichkeit aus, hören mit Erstaunen,
    welch üblen Geruch die Person des Roi Soleil
    zu verbreiten pflegte, und schütteln den Kopf,
    wenn uns auf Isola bella die winzige Wasch-
    schüssel gezeigt wird, deren sich Napoleon bei
    seiner Morgentoilette bediente. Ja wir
    sind nicht überrascht, wenn jemand den Gebrauch
    von Seife direkt als Kulturmesser aufstellt.
    Ähnlich ist es mit der Ordnung, die ebenso wie
    die Reinlichkeit sich ganz auf Menschenwerk
    bezieht. Aber während wir Reinlichkeit in der
    Natur nicht erwarten dürfen, ist die Ord-
    nung vielmehr der Natur abgelauscht; die
    Beobachtung der großen astronomischen
    Regelmäßigkeiten hat dem Menschen nicht
    nur das Vorbild, sondern die ersten An-
    haltspunkte für die Einführung der Ord-
    nung in sein Leben gegeben. Die Ord-
    nung ist eine Art Wiederholungszwang, die
    durch einmalige Einrichtung entscheidet, wann,
    wo und wie etwas getan werden soll, so daß
    man in jedem gleichen Falle Zögern
    und Schwanken erspart. Die Wohltat
    der Ordnung ist ganz unleugbar, sie er-
    möglicht dem Menschen die beste Aus-
    nützung von Raum und Zeit, während sie
    seine psychischen Kräfte schont. Man hätte
    ein Recht zu erwarten, daß sie sich von
    Anfang an und zwanglos im mensch-
    lichen Tun durchsetzt und darf erstaunen,
    daß dies nicht der Fall ist, daß der Mensch
    vielmehr einen natürlichen
    Hang zur Nachlässigkeit, Unregel-
    mäßigkeit

  • S.

    29

    und Unzuverlässigkeit in seiner Arbeit an den Tag
    legt und erst mühselig zur Nachahmung der himmlischen
    Vorbilder erzogen werden muß.

        Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung nehmen offenbar
    eine besondere Stellung unter den Kultur-
    anforderungen ein. Niemand wird behaupten, daß
    sie ebenso lebenswichtig seien wie die Beherr-
    schung der Naturkräfte und andere Momente die
    wir noch kennen lernen sollen, und doch wird
    niemand gern sie als Nebensächlichkeiten zurück-
    stellen wollen. Daß die Kultur nicht allein
    auf Nutzen bedacht ist, zeigt schon das Beispiel
    der Schönheit, die wir unter den Interessen
    der Kultur nicht vermissen wollen. Der
    Nutzen der Ordnung ist ganz offenbar; bei
    der Reinlichkeit haben wir zu bedenken
    daß sie auch von der Hygiene gefordert
    wird, und können vermuten, daß dieser
    Zusammenhang den Menschen auch vor der
    Zeit einer wissenschaftlichen Krankheitsver-
    hütung nicht ganz fremd war. Aber der
    Nutzen erklärt uns das Streben nicht ganz,
    es muß noch etwas anderes im Spiele sein.

        Durch keinen anderen Zug vermeinen wir
    aber die Kultur besser zu kennzeichnen als
    durch die Schätzung und Pflege der höheren
    psychischen Tätigkeiten, der intellektuellen, wissen-
    schaftlichen und künstlerischen Leistungen, der
    führenden Rolle, welche den Ideen im Leben
    der Menschen eingeräumt wird. Unter
    diesen Ideen stehen obenan die religiösen
    Systeme, auf deren verwickelten Aufbau ich an
    anderer Stelle Licht zu werfen versuchte, neben
    ihnen die philosophischen Spekulationen und
    endlich, was man die Idealbildungen der Menschen
    heißen kann, ihre Vorstellungen von einer
    möglichen Vollkommenheit der einzelnen
    Person, des Volkes, der ganzen Menschheit
    und die Anforderungen, die sie auf Grund
    solcher Vorstellungen erheben. Daß diese Schöpfungen
    nicht unabhängig von einander, vielmehr innig unter-
    einander verwoben sind, erschwert sowohl ihre
    Darstellung wie ihre psychologische Ableitung. Wenn
    wir ganz allgemein annehmen, die Triebfeder
    aller menschlichen Tätigkeiten sei das Streben
    nach den beiden zusammenfließenden Zielen,
    Nutzen und Lustgewinn, so müssen wir dasselbe
    auch für die hier angeführten kulturellen
    Äußerungen gelten lassen, obwohl es nur
    für die wissenschaftliche und künstlerische
    Tätigkeit leicht ersichtlich ist. Man kann
    aber nicht bezweifeln, daß auch die anderen
    starken Bedürfnissen der Menschen ent-
    sprechen, vielleicht solchen die nur bei
    einer Minderzahl entwickelt sind. Auch
    darf man sich nicht durch Werturteile über

  • S.

    30

    einzelne dieser religiösen, philosophischen Systeme
    und dieser Ideale beirren lassen; ob man die höchste
    Leistung des Menschengeistes in ihnen sucht
    oder ob man sie als Verirrungen beklagt,
    man muß anerkennen, daß ihr Vorhandensein, besonders
    ihre Vorherrschaft, einen Hochstand der Kultur
    bedeutet.

        Als letzten, gewiß nicht unwichtigsten Charakterzug
    einer Kultur haben wir ins Auge zu fassen, in
    welcher Weise die Beziehungen der
    Menschen zu einander, die sozialen Beziehungen,
    geregelt sind, die den Menschen als Nachbarn, als
    Hilfskraft, als Sexualobjekt eines anderen, betreffen,
    als Mitglied einer Familie, eines Staates. Es wird
    hier besonders schwer sich von bestimmten
    Idealforderungen frei zu halten und das, was
    überhaupt kulturell ist, zu erfassen. Vielleicht
    beginnt man mit der Erklärung, das kulturelle
    Element sei mit dem ersten Versuch, diese
    sozialen Beziehungen zu regeln, gegeben.
    Unterbliebe ein solcher Versuch, so wären
    diese Beziehungen der Willkür des Einzelnen
    unterworfen, d. h. der physisch Stärkere würde
    sie im Sinne seiner Interessen und Trieb-
    regungen entscheiden. Daran änderte sich
    nichts, wenn dieser Stärkere seinerseits
    einen Einzelnen noch Stärkeren fände.
    Das menschliche Zusammenleben wird erst
    ermöglicht, wenn sich eine Mehrheit zusammenfindet,
    die stärker ist als jeder Einzelne und gegen
    jeden Einzelnen zusammenhält. Die Macht
    dieser Gemeinschaft stellt sich nun als „Recht“ der
    Macht des Einzelnen, die als „rohe Gewalt“
    verurteilt wird, entgegen. Diese Ersetzung
    der Macht des Einzelnen durch die der
    Gemeinschaft ist der entscheidende kulturelle
    Schritt. Ihr Wesen besteht darin, daß sich
    die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren
    Befriedigungsmöglichkeiten beschränken, während
    der Einzelne keine solche Schranke kannte.
    Die nächste kulturelle Anforderung ist also
    die der Gerechtigkeit, d. h. die Versicherung,
    daß die einmal gegebene Rechtsordnung
    nicht wieder zu Gunsten eines Einzelnen
    durchbrochen werde. Über den ethischen
    Wert eines solchen Rechts wird hiermit
    nicht entschieden. Der weitere Weg der
    kulturellen Entwicklung scheint dahin zu
    streben, daß dieses Recht nicht mehr der
    Willensausdruck einer kleinen Gemeinschaft
    – Kaste, Bevölkerungsschichte, Volksstammes – sei,
    welche sich zu anderen und vielleicht um-
    fassenderen solchen Massen wieder wie ein
    gewalttätiges Individuum benimmt. Das
    Endergebnis soll ein Recht sein, zu dem
    Alle – wenigstens alle Gemeinschaftsfähigen –

  • S.

    31

    durch ihre Triebopfer beigetragen haben und das keinen
    – wiederum mit der gleichen Ausnahme – Opfer
    der rohen Gewalt werden läßt.

        Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie
    war am größten vor jeder Kultur, allerdings
    damals meist ohne Wert, weil das Individuum
    kaum im Stande war, sie zu verteidigen.
    Durch die Kulturentwicklung erfährt sie Ein-
    schränkungen und die Gerechtigkeit fordert,
    daß keinem diese Einschränkungen erspart
    werden. Was sich in einer menschlichen Gemein-
    schaft als Freiheitsdrang regt, kann Auf-
    lehnung gegen eine bestehende Ungerechtig-
    keit sein und so einer weiteren Ent-
    wicklung der Kultur günstig werden, mit
    der Kultur verträglich bleiben. Es kann aber
    auch dem Rest der ursprünglichen, von der
    Kultur ungebändigten Persönlichkeit ent-
    stammen und so Grundlage der Kulturfeind-
    seligkeit werden. Der Freiheitsdrang richtet
    sich also gegen bestimmte Formen und Ansprüche
    der Kultur oder gegen Kultur überhaupt.
    Es scheint nicht, daß man den Menschen durch irgend
    welche Beeinflussung dazu bringen kann,
    seine Natur in die eines Termiten umzu-
    wandeln, er wird wohl immer seinen Anspruch
    auf individuelle Freiheit gegen den Willen
    der Masse verteidigen. Ein gut Teil des
    Ringens der Menschheit staut sich um die eine Auf-
    gabe, einen zweckmäßigen, d. h. beglückenden
    Ausgleich zwischen diesen individuellen und
    den kulturellen Massenansprüchen zu finden;
    es ist eines ihrer Schicksalsprobleme, ob dieser Ausgleich
    durch eine bestimmte Gestaltung der
    Kultur erreichbar oder ob der Konflikt
    unversöhnlich ist.

        Indem wir uns vom gemeinen Empfinden
    sagen ließen, welche Züge im Leben der
    Menschen kulturell zu nennen sind, haben
    wir einen deutlichen Eindruck vom Gesamt-
    bild der Kultur bekommen, freilich zu-
    nächst erfahren, was auch allgemein bekannt
    ist. Dabei haben wir uns gehütet, dem Vorurteil
    beizustimmen, Kultur sei gleichbedeutend mit
    Vervollkommnung, sei der Weg zur Voll-
    kommenheit, die dem Menschen vorgezeichnet
    ist. Nun aber drängt sich uns eine Auffassung
    auf, die vielleicht anderswohin führt. Die
    Kulturentwicklung erscheint uns als ein
    eigenartiger Prozeß, der über die Menschheit
    abläuft, an dem uns manches wie vertraut
    anmutet. Diesen Prozeß können wir durch
    die Veränderungen charakterisieren, die er
    mit den bekannten menschlichen Trieban-
    lagen vornimmt, deren Befriedigung doch die ökonomische
    Aufgabe unseres Lebens ist. Einige dieser

  • S.

    32

    Triebe werden in solcher Weise aufgezehrt, daß an ihrer
    Stelle etwas auftritt, was wir beim Einzelindivid-
    uum als Charaktereigenschaft beschreiben. Das
    merkwürdigste Beispiel dieses Vorganges haben
    wir an der Analerotik des jugendlichen Menschen
    gefunden. Sein ursprüngliches Interesse an
    der Exkretionsfunktion, ihren Organen und Pro-
    dukten wandelt sich im Lauf des Wachstums
    in die Gruppe von Eigenschaften um, die uns
    als Sparsamkeit, Sinn für Ordnung und
    Reinlichkeit bekannt sind, die, an und für
    sich wertvoll und willkommen, sich zu auf-
    fälliger Vorherrschaft steigern können und
    dann das ergeben, was man den Anal-
    charakter heißt. Wie das zugeht, wissen wir
    nicht, an der Richtigkeit dieser Auffassung ist
    kein Zweifel.x) Nun haben wir gefunden,

        daß Ordnung und Reinlichkeit wesentliche Kultur-
    ansprüche sind, obgleich ihre Lebensnotwendigkeit
    nicht gerade einleuchtet, ebensowenig wie ihre
    Eignung als Genußquellen. An dieser Stelle
    mußte sich uns die Ähnlichkeit des Kulturpro-
    zesses mit der Libidoentwicklung des
    Einzelnen zuerst aufdrängen. Andere Triebe
    werden dazu veranlaßt, die Bedingungen ihrer
    Befriedigung zu verschieben, auf andere Wege
    zu verlegen, was in den meisten Fällen
    mit der uns wohlbekannten Sublimierung (der
    Triebziele) zusammenfällt, in anderen sich noch
    von ihr sondern läßt. Die Triebsublimierung
    ist ein besonders hervorstechender Zug der
    Kulturentwicklung, sie macht es möglich, daß
    höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche,
    künstlerische, ideologische, eine so bedeutsame
    Rolle im Kulturleben spielen. Wenn man
    dem ersten Eindruck nachgiebt, ist man
    versucht zu sagen, die Sublimierung sei über-
    haupt ein von der Kultur erzwungenes
    Triebschicksal. Aber man tut besser, sich das
    noch länger zu überlegen. Drittens endlich,
    und das scheint das Wichtigste, ist es un-
    möglich zu übersehen, in welchem Ausmaß
    die Kultur auf Triebverzicht aufgebaut
    ist, wie sehr sie gerade die Nichtbefriedigung
    (Unterdrückung, Verdrängung oder sonst etwas?)
    von mächtigen Trieben zur Voraussetzung
    hat. Diese „Kulturversagung“ beherrscht das große
    Gebiet der sozialen Beziehungen der Menschen;
    wir wissen bereits, sie ist die Ursache der
    Feindseligkeit, gegen die alle Kulturen
    zu kämpfen haben. Sie wird auch an unsere
    wissenschaftliche Arbeit schwere Anforde-
    rungen stellen, wir haben da viel Aufklärung
    zu geben. Es ist nicht leicht zu verstehen,

  • S.

    33

    wie man es möglich macht, einem Trieb die Befriedigung
    zu entziehen. Es ist gar nicht so ungefährlich; wenn
    man es nicht ökonomisch kompensiert, kann man
    sich auf ernste Störungen gefaßt machen.

        Wenn wir aber wissen wollen, welchen Wert
    unsere Auffassung der Kulturentwicklung als
    eines besonderen Prozesses, vergleichbar der
    normalen Reifung des Individuums, beanspruchen
    kann, müssen wir offenbar ein anderes Problem
    in Angriff nehmen, uns die Frage stellen, welchen
    Einflüssen die Kulturentwicklung ihren Ur-
    sprung dankt, wie sie entstanden ist und
    wodurch ihr Lauf bestimmt wurde.

    IV

        Diese Aufgabe scheint übergroß, man darf
    seine Verzagtheit eingestehen. Hier das
    Wenige was ich erraten konnte.
    Nachdem der Urmensch entdeckt hatte, daß es
    – wörtlich so verstanden – in seiner Hand lag,
    sein Los auf der Erde durch Arbeit
    zu verbessern, konnte es ihm nicht gleich-
    giltig sein, ob ein anderer mit oder
    gegen ihn arbeitete. Der andere gewann
    für ihn den Wert des Mitarbeiters, mit
    dem zusammen zu leben nützlich war. Noch
    vorher, in seiner affenähnlichen Vorzeit
    hatte er die Gewohnheit angenommen,
    Familien zu bilden; die Mitglieder der
    Familie waren wahrscheinlich seine ersten
    Helfer. Vermutlich hing die Gründung
    der Familie damit zusammen, daß das Bedürfnis
    genitaler Befriedigung nicht mehr wie ein
    Gast auftrat, der plötzlich bei einem er-
    scheint und nach seiner Abreise lange nichts
    von sich hören läßt, sondern sich als Dauer-
    mieter beim Einzelnen niederließ. Damit
    bekam das Männchen ein Motiv, das Weib,
    oder allgemeiner: die Sexualobjekte bei sich
    zu behalten; die Weibchen, die sich von
    ihren hilflosen Jungen nicht trennen
    wollten, mußten auch in deren Interesse
    beim stärkeren Männchen bleiben.x)

    x) Die organische Periodizität des Sexualvorgangs
    ist zwar erhalten geblieben aber ihr Einfluß
    auf die psychische Sexualerregung hat sich eher
    in’s Gegenteil verkehrt. Diese Veränderung
    hängt am ehesten zusammen mit dem Zurück-
    treten der Geruchsreize durch welche der
    Menstruationsvorgang auf die Psyche ein-
    wirkte. Deren Rolle wurde von Gesichts-
    erregungen übernommen, die im Gegen-
    satz zu den intermittierenden Geruchsreizen
    eine permanente Wirkung unterhalten
    konnten. Das Tabu der Menstruation ent-
    stammt dieser „organischen Verdrängung“

  • S.

    34

    als Abwehr einer überwundenen Entwicklungsphase;
    alle anderen Motivierungen sind wahrscheinlich
    sekundärer Natur. Dieser Vorgang wiederholt
    sich auf anderem Niveau, wenn die Götter
    einer überholten Kulturperiode zu Dämonen
    werden. Das Zurücktreten der Geruchsreize scheint
    aber selbst Folge der Abwendung des Menschen
    von der Erde, des Entschlusses zum aufrechten
    Gang, der nun die bisher gedeckten
    Genitalien sichtbar und schutzbedürftig macht
    und so das Schämen hervorruft. Am Beginn
    des verhängnisvollen Kulturprozesses stünde
    also die Aufrichtung des Menschen, die
    Verkettung läuft von hier aus über die Entwert-
    ung der Geruchsreize und Isolierung
    der Periode zum Übergewicht der Gesichts-
    reize, Sichtbarwerden der Genitalien, weiter
    zur Kontinuität der Sexualerregung, Gründung
    der Familie und damit zur Schwelle der
    menschlichen Kultur. Dies ist nur eine theoreti-
    sche Spekulation, aber wichtig genug um eine exakte
    Nachprüfung an den Lebensverhältnissen
    der dem Menschen nah stehenden Tiere
    zu verdienen.

        In dieser primitiven Familie vermissen wir noch
    einen wesentlichen Zug der Kultur, die Willkür
    des Oberhaupts und Vaters war unbeschränkt.
    In „Totem und Tabu“ habe ich versucht den Weg
    aufzuzeigen, der von dieser Familie zur nächsten
    Stufe des Zusammenlebens in Form der
    Brüderbünde führte. Bei der Überwältigung
    des Vaters hatten die Söhne die Erfahrung
    gemacht, daß eine Vereinigung stärker
    sein kann als der Einzelne. Die totemistische
    Kultur ruht auf den Einschränkungen, die
    sie zur Aufrechterhaltung des neuen Zustandes
    einander auferlegen mußten. Die Tabu-
    vorschriften waren das erste „Recht“.
    Das Zusammenleben der Menschen war
    also zweifach begründet durch den Zwang zur
    Arbeit, den die äußere Not schuf, und
    durch die Macht der Liebe, die von Seiten
    des Mannes das Sexualobjekt im Weibe,
    von Seiten des Weibes das von ihm ab-
    gelöste Teilstück des Kindes nicht entbehren
    wollte. Eros und Ananke sind auch die
    Eltern der menschlichen Kultur geworden.
    Der erste Kulturerfolg war, daß nun auch
    eine größere Anzahl von Menschen in
    Gemeinschaft bleiben konnten. Und da beide
    großen Mächte dabei zusammenwirkten,
    könnte man erwarten, daß sich die
    weitere Entwicklung glatt vollziehen
    würde, zu immer besserer Beherrschung
    der Außenwelt, wie zur weiteren
    Ausdehnung der von der Gemeinschaft
    umfaßten Menschenzahl. Man versteht
    auch nicht leicht

  • S.

    35

    daß eine solche Kultur auf ihre
    Teilnehmer anders als beglückend wirken kann.

        Ehe wir noch untersuchen, woher eine Störung
    kommen kann, lassen wir uns durch die
    Anerkennung der Liebe als einer Grundlage
    der Kultur ablenken, um eine Lücke in
    einer früheren Erörterung auszufüllen. Wir
    sagten, die Erfahrung, daß die geschlechtliche (genitale)
    Liebe dem Menschen die stärksten Befriedig-
    ungserlebnisse gewähre, ihm eigentlich das Vorbild für alles
    Glück gebe, müßte es nahe gelegt haben, die
    Glücksbefriedigung im Leben auch weiterhin auf
    dem Gebiet der geschlechtlichen Beziehungen
    zu suchen, die genitale Erotik in den Mittelpunkt
    des Lebens zu stellen. Wir setzten fort, daß
    man sich auf diesem Wege in bedenklichster
    Weise von einem Stück der Außenwelt, näm-
    lich vom gewählten Liebesobjekt, abhängig mache
    und dem stärksten Leiden aussetze, wenn man
    von diesem verschmäht werde oder es durch
    Untreue oder Tod verliere. Die Weisen
    aller Zeiten haben darum nachdrücklichst von
    diesem Lebensweg abgeraten; er hat dennoch
    für eine große Anzahl von Menschenkindern
    seine Anziehung nicht verloren.

        Einer geringen Minderzahl wird es durch ihre
    Konstitution ermöglicht, das Glück doch auf dem
    Wege der Liebe zu finden, wobei aber
    weitgehende seelische Abänderungen der
    Liebesfunktion unerläßlich sind. Diese
    Personen machen sich von der Zustimmung der
    Objekte unabhängig, indem sie den Hauptwert
    vom Geliebtwerden auf das eigene Lieben
    verschieben, sie schützen sich gegen dessen Ver-
    lust, indem sie ihre Liebe nicht auf einzelne
    Objekte, sondern in gleichem Maße auf
    alle Menschen richten, und sie vermeiden
    die Schwankungen und Enttäuschungen der
    genitalen Liebe dadurch, daß sie von
    deren Sexualziel ablenken, den Trieb in
    eine zielgehemmte Regung verwandeln.
    Was sie auf diese Art bei sich zustande
    bringen, der Zustand eines gleichschwebenden
    unbeirrbaren, zärtlichen Empfindens, hat mit
    dem stürmisch bewegten genitalen
    Liebesleben, von dem es doch abgeleitet ist, nicht mehr viel
    äußere Ähnlichkeit. Der heilige Franciscus von Assisi mag
    es in dieser Ausnützung der Liebe für das
    innere Glücksgefühl am weitesten gebracht
    haben; was wir als eine der Techniken der
    Erfüllung des Lustprinzips erkennen,
    ist gewiß vielfach in Beziehung zur
    Religion gebracht worden, mit der es
    in jenen entlegenen Regionen zusammen-
    hängen mag

  • S.

    36

    wo die Unterscheidung des Ichs von
    den Objekten und dieser von einander
    vernachlässigt wird. Eine ethische höchste Wertung
    deren tiefere Motivierung uns noch offenbar
    werden wird, will in dieser Bereitschaft
    zur allgemeinen Menschen- und Weltliebe
    die höchste Einstellung sehen, zu der sich der
    Mensch erheben kann. Wir möchten schon
    hier unsere zwei hauptsächlichen Bedenken
    nicht zurückhalten. Eine Liebe, die nicht
    auswählt, scheint uns einen Teil ihres
    eigenen Wertes einzubüßen, indem sie
    auf dem Objekt ein Unrecht tut, und weiter:
    es sind nicht alle Menschen liebenswert.

        Jene Liebe, welche die Familie gründete,
    bleibt in ihrer ursprünglichen Ausprägung,
    in der sie auf direkte sexuelle Befried-
    igung nicht verzichtet und in ihrer Modifi-
    kation als zielgehemmte Zärtlichkeit in
    der Kultur weiter wirksam. In beiden
    Formen setzt sie ihre Funktion fort, eine
    größere Anzahl von Menschen an einander
    zu binden und in intensiverer Art als es
    dem Interesse der Arbeitsgemeinschaft gelingt.
    Die Nachlässigkeit der Sprache in
    der Anwendung des Wortes „Liebe“
    findet eine genetische Rechtfertigung. Liebe
    nennt man die Beziehung zwischen Mann
    und Weib, die auf Grund ihrer genitalen
    Bedürfnisse eine Familie gegründet haben,
    Liebe aber auch die positiven Gefühle
    zwischen Eltern und Kindern, zwischen den
    Geschwistern in der Familie, obwohl wir
    diese Beziehung als zielgehemmte
    Liebe, als Zärtlichkeit, beschreiben müssen. Die
    zielgehemmte Liebe war eben ursprünglich voll-
    sinnliche Liebe und ist es im Unbewußten
    des Menschen noch immer. Beide, voll-
    sinnliche und zielgehemmte Liebe, greifen
    über die Familie hinaus und stellen
    neue Bindungen an bisher Fremde her. Die
    genitale Liebe führt zu neuen Familienbild-
    ungen, die zielgehemmte zu „Freundschaften“,
    welche kulturell wichtig werden, weil sie
    manchen Beschränkungen der genitalen Liebe,
    z. B. deren Ausschließlichkeit, entgehen.
    Aber das Verhältnis der Liebe zur
    Kultur verliert im Verlaufe der Entwick-
    lung seine Eindeutigkeit. Einerseits wider-
    setzt sich die Liebe den Interessen der
    Kultur, anderseits bedroht die Kultur
    die Liebe mit empfindlichen Einschränk-
    ungen.

  • S.

    37

    Diese Entzweiung scheint unvermeidlich, ihr Grund ist
    nicht sofort zu erkennen. Sie äußert sich zunächst als
    ein Konflikt zwischen der Familie und der größeren
    Gemeinschaft, der das Einzelne angehört. Man beginnt
    bereits zu ahnen, daß es eine der Hauptbestrebungen der
    Kultur ist, die Menschen zu großen Einheiten
    zusammen zu ballen. Die Familie will aber
    das Individuum nicht freigeben. Je inniger
    der Zusammenhalt der Familienmitglieder ist,
    desto mehr sind sie oft geneigt, sich von anderen
    abzuschließen, desto schwieriger wird ihnen
    der Eintritt in den größeren Lebenskreis.
    Die phylogenetisch ältere, in der Kind-
    heit allein bestehende Weise des Zusammen-
    lebens wehrt sich, von der später erworbenen
    kulturellen abgelöst zu werden. Die Ab-
    lösung von der Familie wird für jeden Jugend-
    lichen zu einer Aufgabe, bei deren Lösung
    ihn die Gesellschaft oft durch Pubertäts-
    und Aufnahmsriten unterstützt. Man gewinnt
    den Eindruck, dies seien Schwierigkeiten, die
    jeder psychischen, ja im Grunde auch jeder
    organischen Entwicklung anhängen.

        Ferner treten bald die Frauen in einen
    Gegensatz zur Kulturströmung und entfalten
    ihren verzögernden und zurückhaltenden Einfluß,
    dieselben, die anfangs durch die Forderungen
    ihrer Liebe das Fundament der Kultur gelegt
    hatten. Die Frauen vertreten die Interessen
    der Familie und des Sexuallebens; die Kultur-
    arbeit ist immer mehr Sache der Männer ge-
    worden, sie stellt ihnen immer schwierigere Aufgaben,
    nötigt sie zu Triebsublimierungen, denen die
    Frauen wenig gewachsen sind. Da der Mensch
    nicht über unbegrenzte Quantitäten psychischer
    Energie verfügt, muß er seine Aufgaben
    durch zweckmäßige Verteilung der Libido
    erledigen. Was er für kulturelle Zwecke
    verbraucht, entzieht er großenteils den
    Frauen und dem Sexualleben; das beständige
    Zusammensein mit Männern, seine Abhängigkeit
    von den Beziehungen zu ihnen entfremden
    ihn sogar seinen Aufgaben als Ehemann und
    Vater. So sieht sich die Frau durch die Ansprüche
    der Kultur in den Hintergrund gedrängt
    und tritt zu ihr in ein feindliches Verhältnis.

        Von Seiten der Kultur ist die Tendenz
    zur Einschränkung des Sexuallebens nicht
    minder deutlich als die andere zur Aus-
    dehnung des Kulturkreises. Schon die
    erste Kulturphase, die des Totemismus,
    bringt das Verbot der inzestuösen Ob-
    jektwahl mit sich, vielleicht die ein-
    schneidendste Verstümmelung, die das
    menschliche Liebesleben im Laufe
    der Zeiten erfahren hat. Durch Tabu,
    Gesetz und Sitte werden weitere

  • S.

    38

    Einschränkungen hergestellt, die sowohl die
    Männer als die Frauen betreffen. Nicht alle
    Kulturen gehen darin gleich weit; die wirtschaft-
    liche Struktur der Gesellschaft beeinflußt
    auch das Maß der restlichen Sexualfreiheit.
    Wir wissen schon, daß die Kultur dabei dem Zwang
    der ökonomischen Notwendigkeit folgt, da
    sie der Sexualität einen großen Betrag
    der psychischen Energie entziehen muß, die
    sie selbst verbraucht. Dabei benimmt sich
    die Kultur gegen die Sexualität wie ein
    Volksstamm oder eine Schichte der Bevölkerung,
    die eine andere ihrer Ausbeutung unter-
    worfen hat. Die Angst vor dem Aufstand der
    Unterdrückten treibt zu strengen Vorsichtsmaßregeln.
    Einen Höhepunkt solcher
    Entwicklung zeigt unsere westeuropäische
    Kultur. Es ist psychologisch durchaus berechtigt,
    daß sie damit einsetzt, die Äußerungen
    des kindlichen Sexuallebens zu verpönen,
    denn die Eindämmung der sexuellen Gelüste
    des Erwachsenen hat keine Aussicht, wenn
    ihr nicht in der Kindheit vorgearbeitet
    wurde. Nur läßt es sich auf keine Art
    rechtfertigen, daß die Kulturgesellschaft
    so weit gegangen ist, diese leicht nachweisbaren,
    ja auffälligen Phänomene auch zu leugnen.
    Die Objektwahl des geschlechtsreifen Individuums
    wird auf das gegenteilige Geschlecht eingeengt,
    die meisten außergenitalen Befriedigungen
    als Perversionen untersagt. Die in diesen
    Verboten kundgegebene Forderung eines
    für alle gleichartigen Sexuallebens setzt sich über die
    Ungleichheiten in der angeborenen und erworbenen
    Sexualkonstitution der Menschen hinaus, schneidet
    eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexualgenuß
    ab und wird so die Quelle schwerer Unge-
    rechtigkeit. Der Erfolg dieser einschränkenden
    Maßregeln könnte nun sein, daß bei denen,
    die normal, die nicht konstitutionell daran
    verhindert sind, alles Sexualinteresse ohne
    Einbuße in die offen gelassenen Kanäle
    einströmt. Aber was von der Ächtung frei
    bleibt, die heterosexuelle genitale Liebe,
    wird durch die Beschränkungen der Legitimität
    und der Ehe einfach weiter beeinträchtigt.
    Die Kultur giebt deutlich zu erkennen, daß
    sie sexuelle Beziehungen nur auf Grund einer
    einmaligen unauflösbaren Bindung eines
    Mannes an ein Weib gestatten will, daß
    sie die Sexualität als selbständige Lustquelle
    nicht mag und sie nur als bisher unersetzte
    Quelle für die Vermehrung der Menschen
    zu dulden gesinnt ist.

        Das ist natürlich ein Extrem. Es ist bekannt, daß
    es sich als undurchführbar, selbst für kürzere
    Zeiten erwiesen hat. Nur die Schwächlinge

  • S.

    39

    haben sich einem soweit gehenden Einbruch in ihre Sexual-
    freiheit gefügt, stärkere Naturen nur unter einer
    kompensierenden Bedingung, von der später die Rede
    sein kann. Die Kulturgesellschaft hat sich genötigt
    gesehen, viele Überschreitungen stillschweigend
    zuzulassen, die sie nach ihren Satzungen hätte
    verfolgen müssen. Doch darf man nicht nach
    der anderen Seite irre gehen und annehmen,
    eine solche kulturelle Einstellung sei überhaupt harmlos,
    weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das
    Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer
    geschädigt, es macht mitunter den Eindruck einer
    in Rückbildung befindlichen Funktion, wie
    unser Gebiß und unsere Kopfhaare als Organe
    zu sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein
    Recht anzunehmen, daß seine Bedeutung als Quelle
    von Glücksempfindungen, also in der Erfüllung
    unseres Lebenszweckes, empfindlich
    nachgelassen hat. Manchmal glaubt man zu er-
    kennen, es sei nicht allein der Druck
    der Kultur, etwas am Wesen der Funktion
    selbst versage uns die volle Befriedigung
    und dränge uns auf andere Wege. Es mag
    ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden.

    x) Unter den Dichtungen des feinsinnigen Engländers
    J. Galsworthy, der sich heute allgemeiner Aner-
    kennung erfreut, schätzte ich früh eine
    kleine Geschichte, betitelt The Appletree. Sie
    zeigt in eindringlicher Weise, wie im Leben
    des heutigen Kulturmenschen für die einfache,
    natürliche Liebe zweier Menschenkinder kein Raum mehr ist.

    V.

        Die psychoanalytische Arbeit hat uns gelehrt, daß
    gerade diese Versagungen des Sexuallebens
    von den sogenannten Neurotikern nicht ver-
    tragen werden. Sie schaffen sich in ihren Symptomen
    Ersatzbefriedigungen, die aber entweder an
    sich Leiden schaffen oder Leidensquelle
    werden, indem sie ihnen Schwierigkeiten
    mit Umwelt und Gesellschaft bereiten.
    Das Letztere ist leicht verständlich, das andere
    giebt uns ein neues Rätsel auf. Die Kultur
    verlangt aber noch andere Opfer als an
    Sexualbefriedigung.
    Wir haben die Schwierigkeit der Kulturent-
    wicklung als eine allgemeine Entwicklungs-
    schwierigkeit aufgefaßt, indem wir sie auf
    die Trägheit der Libido zurückführten,
    auf deren Abneigung, eine alte Lebens-
    position gegen eine neue zu verlassen.
    Wir sagen ungefähr dasselbe, wenn wir den
    Gegensatz zwischen Kultur und Sexualität
    davon ableiten, daß die sexuelle Liebe
    ein Verhältnis zwischen zwei Personen

  • S.

    40

    das auf seiner Höhe ist, bei dem ein Dritter nur
    überflüssig oder störend sein kann, während
    die Kultur auf Beziehungen unter einer größeren
    Menschenanzahl ruht. Auf der Höhe eines Liebes-
    verhältnisses bleibt kein Interesse für die
    Umwelt übrig, das Liebespaar genügt sich selbst,
    braucht auch nicht das Kind, um glücklich zu sein.
    In keinem anderen Falle verrät der Eros
    so deutlich den Kern seines Wesens, die
    Absicht aus mehreren eines zu machen, aber
    wenn er dies, wie es sprichwörtlich geworden
    ist, in der Verliebtheit zweier Menschen zu einander
    erreicht hat, will er darüber nicht hinausgehen.

        Wir können uns bisher sehr gut vorstellen,
    daß eine Kulturgemeinschaft aus solchen Doppel-
    individuen bestünde, die in sich libidinös
    gesättigt, durch das Band der Arbeits- und Interessengemein-
    schaft mit einander verknüpft sind. In
    diesem Falle brauchte die Kultur der
    Sexualität keine Energie zu entziehen.
    Aber dieser wünschenswerte Zustand besteht nicht
    und hat niemals bestanden. Die Wirklichkeit
    zeigt uns, daß die Kultur sich nicht mit den
    ihr bisher zugestandenen Bindungen begnügt, daß
    sie die Mitglieder der Gemeinschaft auch
    libidinös an einander binden will, daß
    sie sich aller Mittel hiezu bedient, jeden
    Weg begünstigt, starke Identifizierungen unter
    ihnen herzustellen, im größten Ausmaße ziel-
    gehemmte Libido aufbietet, um die Gemeinschafts-
    beziehungen durch Freundschaftsbande
    zu kräftigen. Zur Erfüllung dieser Ab-
    sichten wird die Einschränkung des Sexual-
    lebens unvermeidlich. Uns fehlt aber die
    Einsicht in die Notwendigkeit, welche die
    Kultur auf diesen Weg drängt und
    ihre Gegnerschaft zur Sexualität begründet.
    Es muß sich um einen, von uns noch
    nicht entdeckten, störenden Faktor
    handeln.

        Eine der sogenannten Idealforderungen der
    Kulturgesellschaft kann uns hier die Spur zeigen.
    Sie lautet: Du sollst den Nächsten lieben
    wie dich selbst; sie ist weltberühmt, gewiß
    älter als das Christentum, das sie als
    seinen stolzesten Anspruch vorweist, aber
    sicherlich nicht sehr alt; in historischen Zeiten
    war sie den Menschen noch fremd. Wir wollen
    uns naiv zu ihr einstellen, als hörten wir
    von ihr zum ersten Mal. Dann können
    wir ein Gefühl von Überraschung und
    Befremden nicht unterdrücken. Warum
    sollen wir das? Was soll es uns helfen?
    Vor allem aber, wie bringen wir das
    zustande? Wie wird es uns möglich?

  • S.

    41

    Meine Liebe ist etwas mir Wertvolles, das
    ich nicht ohne Rechenschaft wegwerfen darf.
    Sie legt mir Pflichten auf, die ich mit Opfern
    zu erfüllen bereit sein muß. Wenn ich
    einen anderen liebe, muß er es auf irgend
    eine Art verdienen. (Ich sehe von dem Nutzen,
    den er mir bringen kann, sowie von seiner
    möglichen Bedeutung als Sexualobjekt für mich
    ab; diese beiden Arten der Beziehung kommen
    für die Vorschrift der Nächstenliebe nicht in
    Betracht.) Er verdient es, wenn er mir in
    wichtigen Stücken so ähnlich ist, daß ich in ihm mich
    selbst lieben kann; er verdient es, wenn
    er so viel vollkommener ist als ich, daß ich
    mein Ideal von meiner eigenen Person in
    ihm lieben kann; ich muß ihn lieben, wenn
    er der Sohn meines Freundes ist, denn der
    Schmerz des Freundes, wenn ihm ein Leid
    zustößt, wäre auch mein Schmerz, ich müßte
    ihn teilen. Aber wenn er mir fremd ist
    und mich durch keinen eigenen Wert, keine
    bereits erworbene Bedeutung für mein
    Gefühlsleben anziehen kann, wird es mir schwer,
    ihn zu lieben. Ich tue sogar Unrecht damit,
    denn meine Liebe wird von allen den
    Meinen als Bevorzugung geschätzt; es ist
    ein Unrecht an ihnen, wenn ich den Fremden
    ihnen gleichstelle. Wenn ich ihn aber lieben
    soll, mit jener Weltliebe, bloß weil er auch
    ein Wesen dieser Erde ist, wie das Insekt,
    der Regenwurm, die Ringelnatter, dann
    wird, fürchte ich, ein geringer Betrag Liebe
    auf ihn entfallen, unmöglich soviel, als ich
    nach dem Urteil der Vernunft berechtigt
    bin, für mich selbst zurückzubehalten. Wozu
    eine so feierlich auftretende Vorschrift, wenn
    ihre Erfüllung sich nicht als vernünftig empfehlen
    kann?

        Wenn ich näher zusehe, finde ich noch mehr Schwierig-
    keiten. Dieser Fremde ist nicht nur im All-
    gemeinen nicht liebenswert, ich muß ehrlich
    bekennen, er hat mehr Anspruch auf meine
    Feindseligkeit, sogar auf meinen Haß. Er teilt
    mir nicht die mindeste Liebe für mich zu haben, zeigt
    mir nicht die geringste Rücksicht. Wenn es
    ihm einen Nutzen bringt, hat er kein Bedenken
    mich zu schädigen, fragt sich dabei auch nicht,
    ob die Höhe seines Nutzens der Größe des
    Schadens den er mir zufügt entspricht.
    Ja, er braucht nicht einmal einen Nutzen davon
    zu haben; wenn er nur irgend eine Lust damit
    befriedigen kann, macht er sich nichts daraus
    mich zu verspotten, zu demütigen, zu verleumden,
    seine Macht an mir zu zeigen, und je sicherer
    er sich fühlt, je hilfloser ich bin, desto mehr
    ist er

  • S.

    42

    darf ich dies Benehmen gegen mich von ihm erwarten.
    Wenn er sich anders verhält, wenn er mir als
    Fremden Rücksicht und Schonung erweist, bin
    ich ohnedies, ohne jene Vorschrift, bereit,
    es ihm in ähnlicher Weise zu vergelten. Ja,
    wenn jenes großartige Gebot lauten würde:
    Liebe deinen Nächsten wie dein Nächster
    dich liebt, dann würde ich nicht widersprechen.
    Es giebt ein zweites Gebot, das mir noch unfaßbarer
    scheint und ein noch heftigeres Sträuben
    in mir entfesselt. Es heißt: Liebe deine
    Feinde. Wenn ich’s recht überlege, habe
    ich unrecht, es als eine noch stärkere Zu-
    mutung abzuweisen. Es ist im Grunde dasselbe.

        Ich glaube nun von einer würdevollen Stimme
    die Mahnung zu hören: Eben darum, weil
    der Nächste nicht liebenswert und eher dein
    Feind ist, sollst du ihn lieben wie dich selbst.
    Ich verstehe dann, das ist ein ähnlicher Fall
    wie das Credo quia absurdum.

        Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der Nächste,
    wenn er aufgefordert wird, mich so zu lieben
    wie sich selbst, genau so antworten wird wie
    ich und mich mit den nämlichen Begründ-
    ungen abweisen wird. Ich hoffe, nicht mit dem-
    selben objektiven Recht, aber dasselbe wird auch er
    meinen. Immerhin giebt es Unterschiede
    im Verhalten der Menschen, die die
    Ethik mit Hinwegsetzung über deren Bedingtheit
    als „gut“ und „böse“ klassifiziert. Solange diese
    unleugbaren Unterschiede nicht aufgehoben
    sind, bedeutet die Befolgung der hohen ethischen
    Forderungen eine Schädigung der Kultur-
    absichten, indem sie direkte Prämien
    für das Bösesein aufstellt. Man kann
    hier die Erinnerung an einen Vorgang
    nicht abweisen, der sich in der französischen
    Kammer zutrug, als über die Todesstrafe
    verhandelt wurde; ein Redner hatte
    sich leidenschaftlich für ihre Abschaffung
    eingesetzt und erntete stürmischen Beifall,
    bis eine Stimme aus dem Saale die
    Worte dazwischenrief: Que messieurs
    les assassins commencent!

        Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit
    hinter alledem ist, daß der Mensch
    nicht ein sanftes, liebedürftiges Wesen
    ist, das sich, wenn angegriffen, auch zu
    verteidigen vermag, sondern daß er
    zu seinen Triebbegabungen auch einen
    mächtigen Anteil von Aggressionsneigung
    rechnen darf. Infolge dessen ist ihm der

  • S.

    43

    Nächste nicht nur mögliches Helfer und Sexualobjekt,
    sondern auch eine Versuchung, seine Aggression
    an ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne
    Entschädigung auszunützen, ihn ohne seine Ein-
    willigung sexuell zu gebrauchen, sich in den Besitz
    seiner Habe zu setzen, ihn zu demütigen, ihm
    Schmerzen zu bereiten, zu martern und zu
    töten. Homo homini lupus; wer hat nach allen
    Erfahrungen des Lebens und der Geschichte
    den Mut, diesen Satz zu bestreiten? Diese
    grausame Aggression wartet in der Regel eine
    Provokation ab oder stellt sich in den Dienst
    einer anderen Absicht, deren Ziel auch mit
    milderen Mitteln zu erreichen wäre. Unter
    ihr günstigen Umständen, wenn die seelischen
    Gegenkräfte, die sie sonst hemmen, weggefallen
    sind, äußert sie sich auch spontan, enthüllt den
    Menschen als wilde Bestie, der die Schonung
    der eigenen Art fremd ist. Wer die Greuel
    der Völkerwanderung, der Einbrüche der Hunnen,
    der sogenannten Mongolen unter Dschengis Khan
    und Timur-lenk, der Eroberung Jerusalems durch
    die frommen Kreuzfahrer, ja selbst noch die
    Schrecken des letzten Weltkrieges in seine
    Erinnerung ruft, wird sich vor der Tatsächlichkeit
    dieser Auffassung demütig beugen müssen.

        Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die
    wir bei uns selbst verspüren können, beim
    anderen mit Recht voraussetzen, ist das
    Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten
    stört und die Kultur zu ihrem Aufwand
    nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit
    der Menschen für einander ist die Kultur-
    gesellschaft beständig vom Zerfall bedroht.
    Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde sie nicht
    zusammenhalten, triebhafte Leidens-
    schaften sind stärker als vernünftige Interessen.
    Die Kultur muß alles aufbieten, um den Aggres-
    sionstrieben der Menschen Schranken zu setzen,
    ihre Äußerungen durch psychische Reaktionsbild-
    ungen niederzuhalten. Daher also das Aufgebot
    von Methoden, die die Menschen zu Identifizier-
    ungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen
    antreiben sollen, daher die Einschränkung der
    Sexualleben und daher auch das Idealgebot,
    den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das
    sich wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes
    der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr
    zuwiderläuft. Durch alle ihre Mühen haben die
    Kulturstrebungen bisher nicht sehr viel erreicht.
    Die gröbsten Ausschreitungen der brutalen Gewalt
    hofft sie zu verhüten, indem sie sich
    selbst das Recht beilegt, an den Verbrechern

  • S.

    44

    Gewalt zu üben, aber die vorsichtigeren und feineren
    Äußerungen der menschlichen Aggression vermag
    das Gesetz nicht zu erfassen. Jeder von uns kommt dahin,
    die Erwartungen, die er in der Jugend
    an seine Mitmenschen geknüpft, als Illusionen fallen zu lassen,
    und kann erfahren, wie sehr ihm das Leben
    durch ihr Übelwollen erschwert und schmerzhaft
    gemacht wird. Dabei wäre es ein Unrecht der
    Kultur vorzuwerfen, daß sie Streit und
    Wettkampf aus den menschlichen Betätigungen
    ausschließen will. Diese sind sicherlich unent-
    behrlich, aber Gegnerschaft ist nicht notwendig
    Feindschaft, wird nur zum Anlaß für sie
    mißbraucht.

        Die Kommunisten glauben den Weg zur Erlösung
    vom Übel gefunden zu haben. Der Mensch ist
    eindeutig gut, seinem Nächsten wohlgesinnt, aber
    die Einrichtung des privaten Eigentums hat
    seine Natur verdorben. Der Besitz an privaten
    Gütern giebt dem einen die Macht und
    damit die Versuchung den Nächsten zu
    mißhandeln; der vom Besitz Ausgeschlossene
    muß sich in Feindseligkeit gegen den Unter-
    drücker auflehnen. Wenn man das Privat-
    eigentum aufhebt, alle Güter gemeinsam
    macht und alle Menschen an deren Genuß
    teilnehmen läßt, werden Übelwollen und
    Feindseligkeit unter den Menschen ver-
    schwinden. Da alle Bedürfnisse befriedigt sind,
    wird keiner Grund haben, in
    dem anderen seinen Feind zu sehen; der
    notwendigen Arbeit werden sich alle be-
    reitwillig unterziehen. Ich habe nichts mit
    der wirtschaftlichen Kritik des kommunistischen
    Systems zu tun, ich kann nicht untersuchen, ob die
    Voraussetzung der Abschaffung
    des Privateigentums zweckdienlich und vorteilhaft ist.
    Aber seine psychologische Voraussetzung vermag ich als haltlose
    Illusion zu erkennen. Mit der Aufhebung
    des Privateigentums entzieht man der
    menschlichen Aggressionslust eines ihrer
    Werkzeuge, gewiß ein starkes, und gewiß aber
    nicht das stärkste. An den Unterschieden
    von Macht und Einfluß, welche die Ag-
    gression mißbrauchen, daran hat man nichts
    geändert, auch an ihrem Wesen nicht. Sie
    ist nicht durch das Eigentum geschaffen worden,
    herrschte fast uneingeschränkt in Urzeiten, als das Eigen-
    tum noch sehr armselig war, zeigt sich
    bereits in der Kinderstube, kaum daß
    das Eigentum seine anale Urform aufge-
    geben hat, bildet den Bodensatz aller
    zärtlichen und Liebesbeziehungen unter
    den Menschen, vielleicht mit alleiniger
    Ausnahme der einer Mutter zu ihrem
    männlichen Kind. Räumt man das persönliche
    Anrecht auf dingliche Güter weg, so bleibt
    noch das Vorrecht aus sexuellen Beziehungen,
    das die Quelle der stärksten Mißgunst und
    der heftigsten Feindseligkeit unter den sonst
    gleichgestellten Menschen werden muß.

  • S.

    45

    Hebt man auch dieses auf durch die völlige Befreiung
    des Sexuallebens, beseitigt also die Familie, die
    Keimzelle der Kultur, so läßt sich zwar nicht
    vorhersehen, welche neuen Wege die Kultur-
    entwicklung einschlagen kann, aber eines darf
    man erwarten, daß der unzerstörbare Zug
    der menschlichen Natur ihr auch dorthin folgen
    wird.

        Es wird den Menschen offenbar nicht leicht,
    auf die Befriedigung dieser ihrer Aggressions-
    neigung zu verzichten; sie fühlen sich nicht
    wohl dabei. Der Vorteil eines kleineren
    Kulturkreises, daß er dem Trieb einen Ausweg
    an der Befehdung der Außenstehenden
    gestattet, ist nicht gering zu schätzen. Es ist immer
    möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe
    an einander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung
    der Aggression übrig bleiben. Ich habe mich einmal
    mit dem Phänomen beschäftigt, daß
    gerade benachbarte und einander auch sonst nahe
    stehende Gemeinschaften sich gegenseitig befehden
    und verspotten, so Spanier und Portugiesen, Nord-
    und Süddeutsche, Engländer und Schotten usw. Ich gab
    ihm den Namen „Narzißmus der kleinen Differenzen“,
    der nicht viel zur Erklärung beiträgt. Man
    erkennt nun darin eine bequeme und relativ
    harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung,
    durch die den Mitgliedern der Gemeinschaft
    das Zusammenhalten erleichtert wird. Das
    überall hin versprengte Volk der Juden hat sich
    in dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um die
    Kulturen seiner Wirtschaftsvölker erworben; leider
    haben alle Judenmetzeleien des Mittelalters nicht ausgereicht,
    dieses Zeitalter friedlicher und sicherer für
    seine christlichen Genossen zu gestalten. Nachdem
    der Apostel Paulus die allgemeine Menschenliebe zu
    seinem Fundament seiner christlichen Gemeinde gemacht
    hatte, war die äußerste Intoleranz des Christen-
    tums gegen die draußen Verbliebenen eine unver-
    meidliche Folge geworden; den Römern,
    die ihr staatliches Gemeinwesen nicht auf die Liebe be-
    gründet hatten, war religiöse Unduldsamkeit fremd
    gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache
    des Staates und der Staat von Religion
    durchtränkt war. Es war auch kein unverständlicher Zufall, daß der
    Traum einer germanischen Weltherrschaft zu
    seiner Ergänzung den Antisemitismus aufrief,
    und man erkennt es als begreiflich, daß
    der Versuch, eine neue kommunistische Kultur
    in Rußland aufzurichten, in der Verfolgung
    der Bourgeoisie seine psychologische Unterstützung
    findet. Man fragt sich nur besorgt, was die
    Sowjets anfangen werden, nachdem sie ihre
    Bourgeois ausgerottet haben.

  • S.

    46

        Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität,
    sondern auch der Aggressionsneigung des
    Menschen so große Opfer auferlegt, so verstehen
    wir es besser, daß es dem Menschen schwer
    wird, sich in ihr beglückt zu finden. Der
    Urmensch hatte es in der Tat darin besser, da
    er keine Triebbeschränkungen kannte.
    Zum Ausgleich war seine Sicherheit, solches Glück
    lange zu genießen, eine sehr geringe. Der
    Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglich-
    keit ein Stück Sicherheit eingetauscht. Wir
    wollen aber nicht vergessen, daß in der Urfamilie
    nur das Oberhaupt sich solcher Triebfreiheit
    erfreute, die anderen lebten in sklavischer
    Unterdrückung. Der Gegensatz zwischen einer
    die Vorteile der Kultur genießenden
    Minderheit und einer dieser Vorteile be-
    raubten Mehrzahl war also in jener Urzeit
    der Kultur auf’s Äußerste getrieben.
    Über die heute lebenden Primitiven haben wir
    durch sorgfältigere Erkundung erfahren, daß
    sein Triebleben keineswegs ob seiner Frei-
    heit beneidet werden darf; es unterliegt Ein-
    schränkungen von anderer Art, aber vielleicht
    von größerer Strenge als das des modernen
    Kulturmenschen.

        Wenn wir gegen unseren jetzigen Kulturzustand
    mit Recht einwenden, wie unzureichend
    er unsere Forderungen an eine beglückende
    Lebensordnung erfüllt, wie viel Leid er gewähren
    läßt, das wahrscheinlich zu vermeiden wäre,
    wenn wir mit schonungsloser Kritik die Wurzeln
    seiner Unvollkommenheit aufzudecken streben,
    üben wir gewiß unser gutes Recht und zeigen
    uns nicht als Kulturfeinde. Wir dürfen
    erwarten, allmählich solche Abänderungen
    unserer Kultur durchzusetzen, die unsere Bedürfnisse
    besser befriedigen und jener Kritik entgehen.
    Aber vielleicht machen wir uns auch mit der
    Idee vertraut, daß es Schwierigkeiten giebt,
    die dem Wesen der Kultur anhaften
    und die keinem Reformversuch weichen
    werden. Außer den Aufgaben der Trieb-
    einschränkung, auf die wir vorbereitet sind,
    drängt sich uns die Gefahr eines Zustandes
    auf, den man „das psychologische Elend der
    Masse“ benennen kann. Diese Gefahr droht
    am ehesten, wo die gesellschaftliche Bindung
    hauptsächlich durch Identifizierung der Teilnehmer
    unter einander hergestellt wird, während
    Führerindividualitäten nicht zu jener Be-
    deutung kommen, die ihnen bei der
    Massenbildung zufallen sollte.x) Der gegen-
    _________________
    x) S. Massenpsychologie und Ich-Analyse.

  • S.

    47

    wärtige Kulturzustand Amerikas gäbe eine gute
    Gelegenheit, diesen befürchteten Kulturschaden zu
    studieren. Aber ich vermeide die Versuchung,
    in die Kritik der Kultur Amerikas einzugehen;
    ich will nicht den Eindruck hervorrufen, als wollte
    ich mich selbst amerikanischer Methoden bedienen.

    VI.

        Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung
    gehabt wie diesmal, daß ich allgemein
    Bekanntes darstelle, Papier und Tinte in weiterer Folge Setzerarbeit und
    Druckerschwärze aufbiete, um eigentlich
    selbstverständliche Dinge zu erzählen. Darum
    greife ich es gerne auf, wenn sich der Anschein
    ergiebt, daß die Anerkennung eines besonderen,
    selbständigen Aggressionstriebes eine Abände-
    rung der psychoanalytischen Trieblehre be-
    deutet.

        Es wird sich zeigen, daß dem nicht so ist, daß es sich
    bloß darum handelt, eine Wendung, die längst
    vollzogen worden ist, schärfer zu fassen und
    in ihre Konsequenzen zu verfolgen. Von
    allen langsam entwickelten Stücken der
    analytischen Theorie hat sich die Trieblehre am
    mühseligsten vorwärts getastet. Und sie war
    doch dem Ganzen so unentbehrlich, daß irgend
    etwas an ihre Stelle gerückt werden mußte.
    In der vollen Ratlosigkeit der Anfänge gab
    mir der Satz des Dichterphilosophen Schiller den
    ersten Anhalt, daß „Hunger und Liebe“ das Getriebe
    der Welt zusammenhalten. Der Hunger konnte
    als Vertreter jener Triebe gelten, die das
    Einzelwesen erhalten wollen, die Liebe strebt
    nach Objekten, ihre Hauptfunktion, von der
    Natur in jeder Weise begünstigt, ist die
    Erhaltung der Art. So traten zuerst Ichtriebe
    und Objekttriebe einander gegenüber. Für
    die Energie der letzteren, und ausschließlich
    für sie, führte ich den Namen Libido ein;
    somit lief der Gegensatz zwischen den Ichtrieben
    und den auf’s Objekt gerichteten „libidinösen“
    Trieben der Liebe im weitesten Sinne. Einer
    von diesen Objekttrieben, der sadistische,
    tat sich zwar dadurch hervor, daß sein Ziel
    so gar nicht liebevoll war, auch schloß er sich
    offenbar in manchen Stücken den Ichtrieben
    an, konnte seine nahe Verwandtschaft mit
    Bemächtigungstrieben ohne libidinöse Absicht
    nicht verbergen, aber man kam über diese
    Unstimmigkeit hinweg; der Sadismus gehörte
    doch offenbar zum Sexualleben, das grausame
    Spiel konnte das zärtliche ersetzen, die
    Neurose erschien als der Ausgang eines
    Kampfes zwischen dem Interesse der

  • S.

    48

    Selbstbewahrung und den Anforderungen der Libido,
    ein Kampf, in dem das Ich gesiegt hatte, aber
    um den Preis schwerer Leiden und Verzichte.

        Jeder Analytiker wird zugeben, daß dies
    auch heute nicht wie ein längst überwundener
    Irrtum klingt. Doch wurde eine Abänderung un-
    erläßlich, als unsere Forschung vom Verdrängten
    zum Verdrängenden, von den Objekttrieben
    zum Ich fortschritt. Entscheidend wurde hier
    die Einführung des Begriffes Narzißmus,
    d. h. die Einsicht, daß das Ich selbst mit Libido
    besetzt ist, sogar deren ursprüngliche Heim-
    stätte sei und gewissermaßen auch ihr Haupt-
    quartier bleibe. Diese narzißtische Libido
    wendet sich den Objekten zu, wird so zur Objekt-
    libido und kann sich in narzißtische Libido
    zurückverwandeln. Der Begriff des Narzißmus
    machte es möglich, die traumatische Neurose,
    sowie viele den Psychosen nahe stehenden Affekt-
    ionen und diese selbst analytisch zu erfassen.
    Die Deutung der Übertragungsneurosen als
    Versuche des Ichs sich der Sexualität zu erwehren,
    brauchte nicht verlassen zu werden, aber der
    Begriff der Libido geriet in Gefahr. Da auch die
    Ichtriebe libidinös waren, schien es eine
    Weile unvermeidlich, Libido mit Trieb-
    energie überhaupt zusammenfallen zu lassen,
    wie C. G. Jung schon früher gewollt hatte. Doch
    blieb etwas zurück wie eine noch nicht zu
    begründende Gewißheit, daß diese Triebe nicht
    alle von gleicher Art sein können. Den
    nächsten Schritt machte ich in „Jenseits des Lust-
    prinzips“ (1920) als mir der Wiederholungszwang und
    der konservative Charakter des Trieblebens
    zuerst auffiel. Ausgehend von Spekulationen
    über den Anfang des Lebens und von bio-
    logischen Parallelen zog ich den Schluß,
    es müsse außer dem Trieb, die lebende
    Substanz zu erhalten und zu immer größeren
    Einheiten zusammenzufassen, einen anderen
    ihm gegensätzlichen geben, der diese Einheiten
    aufzulösen und in den uranfänglichen, an-
    organischen Zustand zurückzuführen strebe.
    Also außer dem Eros einen Todestrieb,
    aus dem Zusammen- und
    Gegeneinanderwirken dieser beiden ließen
    sich die Phänomene des Lebens erklären.
    Nun war es nicht leicht, die Tätigkeit dieses
    angenommenen Todestriebs aufzuzeigen. Die
    Äußerungen des Eros waren auffällig und
    geräuschvoll genug; man konnte annehmen,
    daß der Todestrieb stumm im Inneren des
    Lebewesens an dessen Auflösung arbeite,
    aber das war natürlich kein Nachweis.

  • S.

    49

    Weiter führte die Idee, daß sich ein Anteil des Triebes
    gegen die Außenwelt wende und dann als Trieb
    zur Destruktion (Aggression) zum Vorschein
    komme. Der Trieb würde so selbst in den
    Dienst des Eros gezwängt, indem das Lebewesen
    anderes, Belebtes wie Unbelebtes anstatt seines
    eigenen Selbst vernichte. Umgekehrt würde die
    Einstellung dieser Aggression nach außen
    die ohnehin immer vor sich gehende Selbstzerstörung
    steigern müssen. Gleichzeitig konnte man aus
    diesem Beispiel erraten, daß die beiden
    Triebarten selten – vielleicht niemals – von einander
    isoliert auftreten, sondern sich in verschiedensten
    Mischungen mit einander legieren und dadurch unserem
    Urteil unkenntlich machen. Im längst als Partialtrieb der
    Sexualität bekannten
    Sadismus hätte man eine derartig besonders starke Legierung des Liebes-
    strebens mit dem Destruktionstrieb vor
    sich, wie in seinem Widerpart, im Masoch-
    ismus eine Verbindung der nach innen
    gerichteten Destruktion mit der Sexualität,
    durch welche die sonst unwahrnehmbare Streb-
    ung eben auffällig und fühlbar wird.

        Die Annahme des Todes- oder Destruktions-
    triebes hat selbst in analytischen Kreisen
    Widerstand gefunden; ich weiß, daß vielfach die
    Neigung besteht, alles was an der Liebe
    gefährlich und feindselig gefunden wird, lieber einer ursprüng-
    lichen Bipolarität ihres eigenen Wesens zuzu-
    schreiben. Ich hatte die hier entwickelten
    Auffassungen anfangs nur versuchsweise ver-
    treten, aber im Laufe der Zeit haben sie
    eine solche Macht über mich gewonnen, daß
    ich nicht mehr anders denken kann. Ich meine
    sie sind theoretisch ungleich brauchbarer als alle
    möglichen anderen, sie stellen jene Vereinfa-
    chung ohne Vernachlässigung oder Vergewaltigung
    der Tatsachen her, nach der wir in der wissen-
    schaftlichen Arbeit streben. Ich erkenne
    daß wir im Sadismus und Masochismus
    die stark mit Erotik legierten Äußerungen des nach
    außen und nach innen gerichteten Destruk-
    tionstriebes immer vor uns gesehen haben,
    aber ich verstehe nicht mehr, daß wir die
    Ubiquität der nicht erotischen Aggression
    und Destruktion übersehen und versäumen
    konnten, ihr die gebührende Stellung in
    der Deutung des Lebens einzuräumen.
    (Die nach innen gewendete Destruktionssucht
    entzieht sich ja, wenn sie nicht erotisch gefärbt
    ist, meist der Wahrnehmung.) Ich erinnere

  • S.

    50

    mich meiner eigenen Abwehr, als die Idee des Destruk-
    tionstriebs zuerst in der psychoanalytischen Literatur
    auftauchte und wie lange es dauerte, bis ich für sie
    empfänglich wurde. Daß andere dieselbe Ablehnung
    zeigten und noch zeigen, verwundert mich weniger.
    Denn die Kindlein, sie hören es nicht gerne,
    wenn die angeborene Neigung des Menschen
    zum Bösen, zur Aggression, Destruktion und
    damit auch zur Grausamkeit erwähnt wird. Gott
    hat sie ja zum Ebenbilde seiner eigenen Vollkommen-
    heit geschaffen, man will nicht daran gemahnt
    werden, wie schwer es ist, die – trotz der Beteue-
    rungen der Christian Science – unleugbare
    Existenz des Bösen mit seiner Allmacht und
    seiner Allgüte zu vereinen. Der Teufel wäre zur
    Entlastung Entschuldigung Gottes die beste Auskunft, er würde
    dabei dieselbe ökonomisch entlastende Rolle
    übernehmen, wie der Jude in der
    Welt des arischen Ideals. Aber selbst
    dann: man kann doch von Gott ebensowol Rechen-
    schaft für die Existenz des Teufels verlangen
    wie für die des Bösen, das er ver-
    körpert. Angesichts dieser Schwierigkeiten
    ist es für jedermann ratsam, an geeigneter
    Stelle eine tiefe Verbeugung vor der tief
    sittlichen Natur des Menschen zu machen;
    es verhilft einem zur allgemeinen Beliebt-
    heit und es wird einem manches dafür
    nachgesehen. x)

    x) Ganz besonders überzeugend wirkt die Identifiz-
    ierung des bösen Prinzips mit dem Destruktions-
    trieb in Goethes Mephistopheles.
        Denn alles was entsteht
        Ist wert, daß es zu Grunde geht.
        Als seine eigene nennt der Teufel selbst auf Be-
    fragen das Heilige, das Gute nicht das Böse sondern die Kraft der
    Natur, die dem Jetzigen, zur Mehrung des Lebens,
    also dem Eros

    Hätt' ich mir nicht die Flamme vorbehalten,
    Ich hätte nichts Aparts für mich.

        Der Name Libido kann wiederum
    für die Kraftäußerungen des Eros verwendet
    werden um sie von der Energie des Todes-
    triebs zu sondern. Es ist zuzugestehen, daß
    wir letzteren um so viel schwerer erfassen,
    gewissermaßen nur als Rückstand hinter
    dem Eros erraten und daß er uns sich uns
    entzieht, wo er nicht durch die Legierung
    mit dem Eros verraten wird. Im Sadis-
    mus, wo er ins erotische das erotische Ziel in seinem
    Sinne umbiegt, dabei doch das sexuelle
    Streben voll befriedigt, gelingt uns

  • S.

    51

    die klarste Einsicht in sein Wesen und seine Beziehung
    zum Eros. Aber auch, wo er ohne sexuelle Absicht auf-
    tritt, noch in der blindesten Zerstörungswut läßt
    sich nicht verkennen, daß seine Befriedigung
    mit einem außerordentlich hohen narzißtischen
    Genuß verknüpft ist, indem sie dem Ich die
    Erfüllung seiner alten Allmachtswünsche
    zeigt. Gemäßigt und gebändigt, gleichsam zielge-
    hemmt, muß der Destruktionstrieb auf die
    Objekte gerichtet dem Ich die Befriedigung seiner
    Lebensbedürfnisse und die Herrschaft über die
    Natur verschaffen. Da seine Annahme wesent-
    lich auf theoretischen Gründen ruht, muß
    man zugeben, daß sie auch gegen theoretische
    Einwendungen nicht voll gesichert ist. Aber
    so erscheint es uns eben jetzt beim gegenwärt-
    igen Stand unserer Einsichten; zukünftige
    Forschung und Überlegung wird gewiß die
    entscheidende Klarheit bringen.

        Für alles Weitere stelle ich mich also auf den
    Standpunkt, daß die Aggressionsneigung eine
    ursprüngliche, selbständige Triebanlage des
    Menschen ist und komme darauf zurück,
    daß die Kultur ihr stärkstes Hindernis in
    ihr findet. Irgend einmal im Laufe dieser
    Untersuchung hat sich uns die Einsicht aufge-
    drängt, die Kultur sei ein besonderer Prozeß,
    der über die Menschheit abläuft,
    und wir stehen noch immer unter dem
    Banne dieser Idee. Wir fügen hinzu, sie
    sei ein Prozeß im Dienste des Eros, der
    vereinzelte menschliche Individuen, später
    Familien, dann Stämme, Völker, Nationen
    zu einer großen Einheit der Menschheit
    zusammenfassen wolle. Warum das geschehen
    müsse, wissen wir nicht; das sei eben das
    Werk des Eros. Diese Menschenmengen
    sollen libidinös an einander gebunden
    werden; die Notwendigkeit allein, die Vor-
    teile der Arbeitsgemeinschaft werden sie
    nicht zusammenhalten. Diesem Programm
    der Kultur widersetzt sich aber der natürliche
    Aggressionstrieb der Menschen, die Feindselig-
    keit eines gegen alle und aller gegen
    einen. Dieser Aggressionstrieb ist der Ab-
    kömmling und Hauptvertreter des Todestriebes,
    den wir neben dem Eros gefunden haben, der
    sich mit ihm in die Weltherrschaft teilt.
    Und nun, meine ich, ist uns der Sinn der
    Kulturentwicklung nicht mehr dunkel. Sie
    muß uns den Kampf zwischen Eros und Tod,
    Lebenstrieb und Destruktionstrieb zeigen,
    wie er sich an der Menschenart vollzieht.

  • S.

    52

    Dieser Kampf ist der wesentliche Inhalt des Lebens
    überhaupt und darum ist die Kulturentwicklung
    kurzweg zu bezeichnen als der Lebenskampf
    der Menschenart. Und diesen Streit der Giganten
    wollen unsere Kinderfrauen beschwichtigen
    mit dem „Eiapopeia vom Himmel“!

    VII.

        Warum zeigen unsere Verwandten, die Tiere,
    keinen solchen Kulturkampf? O wir wissen
    es nicht. Sehr wahrscheinlich haben einige unter
    ihnen, die Bienen, Ameisen, Termiten durch
    Jahrhunderttausende gerungen, bis sie jene
    staatlichen Institutionen, jene Verteilung der
    Funktionen, jene Einschränkung der Individuen
    gefunden haben, die wir heute bei ihnen be-
    wundern. Kennzeichnend für unseren gegen-
    wärtigen Zustand ist es, daß unsere Empfindungen
    uns sagen, in keinem dieser Tierstaaten
    und in keiner der dort dem Einzelwesen
    zugeteilten Rollen würden wir uns glücklich
    schätzen. Bei anderen Tierarten mag es zum
    zeitweiligen Ausgleich zwischen den Einflüssen
    der Umwelt und den in ihnen sich bekämpfenden Trieben,
    somit zu einem Stillstand der Entwicklung
    gekommen sein. Beim Urmenschen mag ein
    neuer Vorstoß der Libido ein neuerliches Sträuben
    des Destruktionstriebes angefacht haben. Es ist
    da sehr viel zu fragen, worauf es noch keine
    Antwort giebt.

        Eine andere Frage liegt uns näher. Welcher Mittel
    bedient sich die Kultur, um die ihr entgegenstehende
    Aggression zu hemmen, unschädlich zu machen,
    vielleicht auszuschalten? Einige solcher Methoden
    haben wir bereits kennen gelernt, die anschein-
    end wichtigste aber noch nicht. Wir können sie
    an der Entwicklungsgeschichte des Einzelnen
    studieren. Was geht mit ihm vor, um seine
    Aggressionslust unschädlich zu machen? Etwas sehr
    merkwürdiges, das wir nicht erraten hätten und
    das doch so nahe liegt. Die Aggression wird
    introjiziert, verinnerlicht, eigentlich aber dorthin
    zurückgeschickt, woher sie gekommen ist, also
    gegen das eigene Ich gewendet. Dort wird sie
    von einem Anteil des Ichs übernommen,
    der sich als Über-Ich dem übrigen entgegen-
    stellt und nun als „Gewissen“ gegen das
    Ich dieselbe strenge Aggressionsbereitschaft
    ausübt, die das Ich gerne an anderen
    fremden Individuen befriedigt hätte. Die
    Spannung zwischen dem gestrengen Über-Ich und dem
    ihm unterworfenen Ich heißen wir Schuld-
    bewußtsein; sie äußert sich als Strafbedürfnis.
    Die Kultur bewältigt also die gefährliche Aggress-
    ionslust des Individuums, indem sie es schwächt,
    entwaffnet und durch eine Besatzung in der eroberten
    Stadt überwachen läßt.

  • S.

    53

    Über die Entstehung des Schuldgefühls denkt
    der Analytiker anders als sonst die Psychologen;
    ihm wird es nicht leicht darüber auch ihm wird es nicht leicht, darüber Rechenschaft zu geben.
    Zunächst, wenn man fragt, wie kommt einer zu einem
    Schuldgefühl, erhält man eine Antwort, der man
    nicht widersprechen kann: Man fühlt sich schuldig
    (Fromme sagen: sündig), wenn man etwas getan
    hat, was man als „böse“ erkennt. Dann merkt man,
    wie wenig diese Antwort giebt. Vielleicht nach
    einigem Schwanken wird man hinzusetzen, auch
    wer dies Böse nicht getan hat, sondern bloß
    die Absicht, es zu tun, bei sich erkennt, kann
    sich für schuldig halten, und dann wird man
    die Frage aufwerfen, warum hier die Absicht
    der Ausführung gleichgeachtet wird. Beide
    Fälle setzen aber voraus, daß man das Böse
    bereits als verwerflich, als von der Ausführung
    auszuschließen erkannt hat. Wie kommt man zu
    dieser Entscheidung? Ein ursprüngliches, sozusagen
    natürliches Unterscheidungsvermögen für Gut
    und Böse darf man ablehnen. Das Böse ist
    oft gar nicht das dem Ich Schädliche oder Gefährliche,
    im Gegenteil auch etwas, was ihm erwünscht ist,
    ihm Vergnügen bereitet. Darin zeigt sich
    also fremder Einfluß; dieser bestimmt, was Gut
    und Böse heißen soll. Da eigene Empfindung
    den Menschen nicht auf denselben Weg geführt
    hatte, muß er ein Motiv haben, sich diesem
    fremden Einfluß zu unterwerfen. Es ist in seiner Hilflosig-
    keit und Abhängigkeit von anderen leicht zu
    entdecken, kann am besten als Angst vor dem
    Liebesverlust bezeichnet werden. Verliert er
    die Liebe des anderen, von dem er so abhängig
    ist, so büßt er auch den Schutz vor mancherlei
    Gefahren ein, setzt sich vor allem der Gefahr
    aus, daß dieser Übermächtige ihm in der
    Form der Bestrafung seine Überlegenheit
    erweist. Das Böse ist also anfänglich dasjenige,
    wofür man mit Liebesverlust bedroht wird;
    aus Angst vor diesem Verlust muß man
    es vermeiden. Darum macht es auch wenig
    aus, ob man das Böse bereits getan hat
    oder es erst tun will; in beiden Fällen
    tritt die Gefahr erst ein, wenn die
    Autorität es entdeckt, und sie würde
    sich in beiden Fällen ähnlich benehmen.

        Man heißt diesen Zustand „schlechtes Gewissen“,
    aber so eigentlich verdient er diesen
    Namen nicht, denn auf dieser Stufe ist das
    Schuldbewußtsein offenbar nur Angst vor
    dem Liebesverlust, „soziale“ Angst. Beim
    kleinen Kind kann es niemals etwas
    anderes sein, aber auch bei vielen Er-
    wachsenen ändert sich nicht mehr daran,

  • S.

    54

    als daß an Stelle des Vaters oder beider Eltern die
    größere menschliche Gemeinschaft tritt. Darum gestatten
    sie sich regelmäßig das Böse, das ihnen Annehm-
    lichkeiten verspricht, auszuführen, wenn sie nur
    sicher sind, daß die Autorität nichts davon erfährt
    oder ihnen nichts anhaben kann, und ihre Angst
    gilt allein der Entdeckung. Mit diesem Zustand
    hat die Gesellschaft unserer Tage im Allge-
    meinen zu rechnen.

        Eine große Änderung tritt erst ein, wenn die
    Autorität durch die Aufrichtung eines Über-Ichs
    verinnerlicht wird. Damit werden die Gewissens-
    phänomene auf eine neue Stufe gehoben, im
    Grunde sollte man erst jetzt von Gewissen
    und Schuldgefühl sprechen. x) Jetzt entfällt auch

    x) daß in dieser übersichtlichen Darstellung
    scharf getrennt wird, was sich in Wirklichkeit
    in fließenden Übergängen vollzieht, daß es
    sich nicht um die Existenz eines Über-Ichs allein
    sondern um dessen relative Stärke und
    Einflußsphäre handelt, wird jeder Einsichtige
    verstehen und in Rechnung bringen. Alles bis-
    herige über Gewissen und Schuld ist ja all-
    gemein bekannt und nahezu unbestritten.

    die Angst vor dem Entdecktwerden und
    vollends der Unterschied zwischen böses Tun
    und böses Wollen, denn vor dem Überich
    kann sich nichts verbergen, auch Gedanken
    nicht. Der reale Ernst der Situation ist
    allerdings vergangen, denn die neue
    Autorität, das Überich, hat unseres Wissens
    kein Motiv, das Ich mit dem es so innig
    zusammengehört, zu mißhandeln. Aber der
    Einfluß der Genesis, der das Vergangene und
    Überwundene weiterleben läßt, äußert sich
    darin, daß es im Grunde so bleibt, wie es zu
    Anfang war. Das Überich peinigt das sündige
    Ich mit den nämlichen Angstempfindungen und
    lauert auf Gelegenheiten, es von der Außen-
    welt bestrafen zu lassen.

        Auf dieser zweiten Entwicklungsstufe zeigt
    das Gewissen eine Eigentümlichkeit, die
    der ersten fremd war und die nicht
    mehr leicht zu erklären ist. Es benimmt
    sich nämlich umso strenger und mißtrauischer,
    je tugendhafter der Mensch ist, so daß am
    Ende gerade die es in der Heiligkeit
    am weitesten gebracht, sich der ärgsten
    Sündhaftigkeit beschuldigen. Die Tugend
    büßt dabei ein Stück des ihr zugesagten
    Lohnes ein, das gefügige und enthaltsame
    Ich genießt nicht das Vertrauen seines
    Mentors, bemüht sich, wie es scheint, ver-
    geblich es zu erwerben. Nun wird man

  • S.

    55

    bereit sein einzuwenden: das seien künstlich zurecht
    gemachte Schwierigkeiten. Das strengere und wachsamere
    Gewissen sei eben der ihn kennzeichnende Zug
    des sittlichen Menschen, und wenn die Heiligen
    sich für Sünder ausgeben, so täten sie es nicht
    mit Unrecht unter Berufung auf die Versuchungen
    zur Triebbefriedigung, denen sie in besonderem
    hohem Maße ausgesetzt sind, da Versuchungen
    bekanntlich durch beständige Versagung nur wachsen,
    während sie bei gelegentlicher Befriedigung
    wenigstens zeitweilig nachlassen. Eine andere
    Tatsache des an Problemen so reichen Gebiets
    der Ethik ist die, daß Mißgeschick, also äußere
    Versagung die Macht des Gewissens im
    Über-Ich so sehr fördert. Solange es dem
    Menschen gut geht, ist auch sein Gewissen
    milde und läßt dem Ich allerlei angehen; wenn
    ihn ein Unglück getroffen hat, hält er Einkehr
    in sich, erkennt seine Sündhaftigkeit, steigert
    seine Gewissensansprüche, legt sich Enthaltungen
    auf und bestraft sich durch Bußen. x) Ganze

    x) Diese Förderung der Moral durch Mißgeschick
    behandelt Mark Twain in einer köstlichen
    kleinen Geschichte: The first melon I ever
    stole. Diese erste Melone ist zufällig unreif.
    Ich hörte Mark Twain diese kleine Geschichte selbst vortragen.
    Nachdem er ihren Titel ausgesprochen hatte, hielt er
    inne und fragte sich wie zweifelnd: Was it the first?
    Damit hatte er alles gesagt.

    x) Eine bestimmte Haltung im Verhalten von
    Völkern nach einem großen nationalen
    Unglück wäre erst später verständlich gemacht
    worden.

    Völker haben sich ebenso benommen und
    benehmen sich noch immer so. Aber dies
    erklärt sich bequem aus der ursprünglichen
    infantilen Stufe des Gewissens, die also nicht
    nach der Introjektion in's Überich verlassen
    wird, sondern neben und hinter ihr fortbesteht.
    Das Schicksal wird als Ersatz der Elterninstanz ange-
    sehen; wenn man Unglück hat, bedeutet es, daß
    man von dieser höchsten Macht nicht mehr ge-
    liebt wird, und von diesem Liebesverlust bedroht,
    beugt man sich von Neuem vor der Eltern-
    vertretung im Überich, die man im Glück
    vernachlässigen wollte. Dies wird besonders
    deutlich, wenn man in streng religiösem Sinne
    im Schicksal nur den Ausdruck des göttlichen
    Willens erkennt. Das Volk Israel hatte sich
    für Gottes bevorzugtes Kind gehalten, und als
    der große Vater Unglück über Unglück
    über dies sein Volk hereinbrechen ließ,
    wurde es nicht irre an dieser
    Beziehung oder zweifelte an Gottes Macht und
    Gerechtigkeit, sondern erzeugte die

  • S.

    56

    Propheten, die ihm seine Sündhaftigkeit vorhielten
    und schuf aus seinem Schuldbewußtsein die über-
    strengen Vorschriften seiner Priesterreligion.
    Es ist merkwürdig wie anders sich der Primitive
    benimmt! Wenn er Unglück gehabt hat, giebt
    er nicht sich die Schuld, sondern dem Fetisch,
    der offenbar seine Schuldigkeit nicht getan
    hat, und verprügelt ihn anstatt sich selbst zu
    bestrafen.

        Wir kennen also zwei Ursprünge des Schuldgefühls,
    den aus der Angst vor der Autorität und
    den späteren aus der Angst vor dem Überich.
    Das erstere zwingt dazu, auf Triebbefriedigungen
    zu verzichten, das andere drängt, da man den
    Fortbestand der verbotenen Wünsche vor dem
    Überich nicht verbergen kann, außerdem
    zur Bestrafung. Wir haben auch gehört, wie
    man die Strenge des Über-Ichs, also die
    Gewissensforderung verstehen kann. Sie setzt
    einfach die Strenge der äußeren Autorität
    fort, die von ihr abgelöst und teilweise ersetzt
    wird. Wir sehen nun, in welcher Beziehung
    der Triebverzicht zum Schuldbewußtsein
    steht. Ursprünglich ist ja der Triebverzicht die
    Folge der Angst vor der äußeren Autorität; man
    verzichtet auf Befriedigungen, um deren
    Liebe nicht zu verlieren. Hat man diesen
    Verzicht geleistet, so ist man sozusagen mit
    ihr quitt, es sollte kein Schuldgefühl erübrigen.
    Anders ist es im Falle der Angst vor dem
    Überich. Hier hilft der Triebverzicht nicht
    genug, denn der Wunsch bleibt bestehen
    und läßt sich vor dem Überich nicht
    verheimlichen. Es wird also trotz des erfolgten
    Verzichts ein Schuldgefühl zustande kommen
    und dies ist ein großer ökonomischer
    Nachteil der Überich-Einsetzung, wie
    man sagen kann, der Gewissensbildung.
    Der Triebverzicht hat nun keine voll befreiende
    Wirkung mehr, die tugendhafte Enthaltung
    wird nicht durch die Sicherung der
    Liebe gelohnt, für ein drohendes äußeres
    Unglück – Liebesverlust und Strafe von
    Seiten der äußeren Autorität – hat
    man ein andauerndes inneres Un-
    glück, die Spannung des Schuldbewußtseins,
    eingetauscht.

  • S.

    57

    Diese Verhältnisse sind so verwickelt und zugleich
    so wichtig, daß ich sie trotz der Gefahren der
    Wiederholung noch von anderer Seite angreifen
    möchte. Die zeitliche Reihenfolge wäre also die:
    zunächst Triebverzicht infolge der Angst vor der
    Aggression der äußeren Autorität, – darauf
    läuft ja die Angst vor dem Liebesverlust
    hinaus, die Liebe schützt vor dieser Aggression
    der Strafe, – dann Aufrichtung der inneren
    Autorität, Triebverzicht infolge der Angst vor ihr,
    Gewissensangst. Im zweiten Falle Gleichwertung
    von böser Tat und böser Absicht, daher Schuld-
    bewußtsein, Strafbedürfnis. Die Aggression
    des Gewissens konserviert die Aggression der
    Autorität. Soweit ist es wol klar geworden,
    aber wo bleibt Raum für den das Gewissen
    verstärkenden Einfluß des Unglücks (des von
    außen auferlegten Verzichts), für die außer-
    ordentliche Strenge des Gewissens bei den
    Besten und Fügsamsten? Wir haben beide Besonder-
    heiten des Gewissens bereits erklärt, aber
    wahrscheinlich den Eindruck übrig behalten,
    daß diese Erklärungen nicht bis zum Grunde
    reichen, einen Rest unerklärt lassen. Und hier
    greift endlich eine Idee ein, die durchaus
    der Psychoanalyse eigen und dem gewöhnlichen
    Denken der Menschen fremd ist. Sie ist von
    solcher Art, daß sie uns verstehen läßt, wie
    uns der Gegenstand so verworren und undurch-
    sichtig erscheinen mußte. Sie sagt nämlich,
    anfangs ist zwar das Gewissen (richtiger: die
    Angst, die später Gewissen wird) Ursache des
    Triebverzichts, aber später kehrt sich das Ver-
    hältnis um. Jeder Triebverzicht wird nun
    eine dynamische Quelle des Gewissens, jeder
    neue Verzicht steigert dessen Strenge und
    Intoleranz, und wenn wir es nur mit der
    uns bekannten Entstehungsgeschichte des
    Gewissens besser in Einklang bringen
    könnten, wären wir versucht, uns zu dem
    paradoxen Satz zu bekennen: Das Gewissen
    ist die Folge des Triebverzichts; oder: der
    (uns von außen auferlegte) Triebverzicht
    schafft das Gewissen, das dann weiteren
    Triebverzicht fordert.

        Eigentlich ist der Widerspruch dieses Satzes gegen
    die gegebene Genese des Gewissens nicht so groß,
    und wir sehen einen Weg, ihn weiter
    zu verringern. Greifen wir zum Zwecke
    leichterer Darstellung das Beispiel der Aggres-
    sionstriebe heraus und nehmen wir an, es

  • S.

    58

    handle sich in diesen Verhältnissen immer um
    Aggressionsverzicht. Dies soll natürlich nur eine
    vorläufige Annahme sein. Die Wirkung des
    Triebverzichts auf das Gewissen geht dann so vor
    sich, daß jedes Stück Aggression, dessen Befriedig-
    ung wir unterlassen, vom Überich übernommen
    wird und dessen Aggression (gegen das Ich) steigert.
    Es stimmt dazu nicht recht, daß die ursprüngliche
    Aggression des Gewissens die fortgesetzte Strenge
    der äußeren Autorität ist, also mit Verzicht
    nichts zu tun hat. Diese Unstimmigkeit
    bringen wir aber zum Schwinden, wenn
    wir für diese erste Aggressionsausstattung des
    Überichs eine andere Ableitung annehmen.
    Gegen die Autorität, welche das Kind an den ersten,
    aber auch bedeutsamsten Befriedigungen verhindert,
    muß sich bei diesem ein erhebliches Maß von
    Aggressionsneigung entwickelt haben, gleichgiltig,
    welcher Art die geforderten Triebversagungen
    waren. Notgedrungen mußte das Kind auf die
    Befriedigung dieser rachsüchtigen Aggression ver-
    zichten. Es hilft sich aus dieser schwierigen öko-
    nomischen Situation auf dem Wege bekannter
    Mechanismen, indem es diese unangreifbare
    Autorität durch Identifizierung in sich aufnimmt, die
    nun das Überich wird und in den Besitz all der Aggression all der Aggression
    in den Besitz gerät, die man gerne als Kind
    gegen sie ausgeübt hätte. Das Ich des Kindes
    muß sich mit der traurigen Rolle der so
    erniedrigten Autorität – des Vaters – begnügen.
    Es ist eine Umkehrung der Situation wie
    so häufig. „Wenn ich der Vater wäre, und du
    das Kind, ich würde dich schlecht behandeln.“ Die
    Beziehung zwischen Überich und Ich ist die durch
    den Wunsch entstellte Wiederkehr realer
    Beziehungen zwischen dem noch un-
    geteilten Ich und einem äußeren Objekt.
    Auch das ist typisch. Der wesentliche Unter-
    schied aber ist, daß die ursprüngliche Strenge
    des Überichs nicht die – oder nicht so sehr –
    die ist, die man von ihm erfahren hat
    oder die man ihm zumutet, sondern die
    eigene Aggression gegen ihn vertritt. Wenn
    das zutrifft, darf man wirklich behaupten,
    das Gewissen sei im Anfang entstanden
    durch die Unterdrückung einer Aggression
    und verstärke sich im weiteren Verlauf
    durch neue solche Unterdrückungen.

        Welche der beiden Auffassungen hat
    nun Recht? Die frühere, die uns genetisch
    so unanfechtbar erschien, oder die neuere,
    welche die Theorie in so will-
    kommener Weise abrundet? Offenbar

  • S.

    59

    – auch nach dem Zeugnis der direkten Beobachtung – sind
    beides berechtigt. Sie widerstreiten einander nicht,
    treffen sogar an einer Stelle zusammen, denn
    die rachsüchtige Aggression des Kindes wird durch das
    Maß der strafenden Aggression, die es vom
    Vater erwartet, mitbestimmt werden. Die Erfahr-
    ung aber lehrt, daß die Strenge des Überichs, das
    ein Kind entwickelt, keineswegs die Strenge
    der Behandlung, die es selbst erfahren hat, wieder-
    giebt. Sie erscheint unabhängig von ihr, bei sehr
    milder Erziehung kann ein Kind ein sehr strenges
    Gewissen bekommen. Doch wäre es auch unrichtig,
    wollte man diese Unabhängigkeit übertreiben; es
    ist nicht schwer sich zu überzeugen,
    daß die Strenge der Erziehung auch auf
    die Bildung des kindlichen Überichs einen
    starken Einfluß übt. Es kommt darauf hinaus,
    daß bei der Bildung des Überichs und Entstehung
    des Gewissens mitgebrachte konstitutionelle
    Faktoren und Einflüsse des Milieus, der
    realen Umgebung zusammenwirken, und das
    ist keineswegs befremdend, sondern die
    allgemeine aetiologische Bedingung all solcher
    Vorgänge.

        Man kann auch sagen, wenn das Kind auf die
    ersten großen Triebversagungen mit überstarker
    Aggression und entsprechender Strenge des
    Überichs reagiert, folgt es dabei einem phylo-
    genetischen Vorbild und setzt sich über die
    aktuell gerechtfertigte Entgegnung hinaus, denn
    der Vater der Vorzeit war gewiß fürchterlich
    und ihm durfte man das äußerste Maß von
    Aggression zumuten. Die Unterschiede der beiden
    Auffassungen von der Genese des Gewissens ver-
    ringern sich also noch mehr, wenn man
    von der individuellen zur phylogenetischen Ent-
    wicklungsgeschichte übergeht. Dafür zeigt sich
    ein neuer bedeutsamer Unterschied in
    diesen beiden Vorgängen. Wir können
    nicht über die Annahme hinaus, daß das
    Schuldgefühl der Menschheit aus dem Oedipus-
    komplex stammt und bei der Tötung des
    Urvaters durch die Brüdervereinigung erworben
    wurde. Damals wurde eine Aggression nicht
    unterdrückt, sondern ausgeführt, dieselbe
    Aggression, deren Unterdrückung beim
    Kinde die Quelle des Schuldgefühls sein
    soll. Nun würde ich mich nicht verwundern, wenn
    ein Leser ärgerlich ausriefe: Es ist
    also ganz gleichgiltig, ob man den Vater
    umbringt oder nicht, ein Schuldgefühl
    bekommt man auf alle Fälle! Da
    darf man sich einige Zweifel erlauben.

  • S.

    60

    Entweder ist es falsch, daß das Schuldgefühl von unter-
    drückten Aggressionen herrührt oder die ganze
    Geschichte von der Vatertötung ist ein
    Roman, und die Urmenschenkinder haben
    ihre Väter nicht häufiger umgebracht als
    es die heutigen pflegen. Übrigens, wenn
    es kein Roman sondern plausible Historie
    ist, so hätte man einen Fall, in dem das
    geschieht was alle Welt erwartet, nämlich
    daß man sich schuldig fühlt, weil man wirklich
    etwas, was nicht zu rechtfertigen ist, getan
    hat. Und für diesen Fall, der sich immerhin
    alle Tage ereignet, ist uns die Psychoanalyse
    die Erklärung schuldig geblieben.

        Das ist wahr und soll nachgeholt werden. Es
    ist auch kein besonderes Geheimnis. Wenn
    man ein Schuldgefühl hat, nachdem und weil
    man etwas verbrochen hat, so sollte man dies
    Gefühl eher Reue nennen. Es bezieht sich
    nur auf eine Tat, setzt natürlich voraus,
    daß man ein Gewissen, die Bereitschaft
    sich schuldig zu fühlen, bereits vor der
    Tat besaß. Eine solche Reue kann uns
    also nie dazu verhelfen, den Ursprung
    des Gewissens überhaupt zu finden. Der
    Hergang dieser alltäglichen Fälle ist ge-
    wöhnlich der, daß ein Triebbedürfnis die
    Stärke erworben hat, sich gegen das in
    seiner Stärke auch nur begrenzte Gewissen durchzusetzen
    und daß mit der natürlichen Abschwächung
    des Bedürfnisses durch seine Befriedigung
    das frühere Kräfteverhältnis wieder herge-
    stellt wird. Die Psychoanalyse tut also
    recht daran, den Fall des Schuldgefühls
    aus Reue von diesen Erörterungen auszu-
    schließen, so häufig er vorkommt und so groß
    seine praktische Bedeutung ist.

        Aber wenn das menschliche Schuldgefühl auf
    die Tötung des Urvaters zurückgeht, das war
    doch ein Fall von „Reue“ und damals soll
    der Voraussetzung nach Gewissen und Schuld-
    gefühl vor der Tat nicht bestanden haben?
    Woher kam in diesem Fall die Reue? Gewiß,
    dieser Fall muß uns das Geheimnis des Schuld-
    gefühls aufklären, unseren Verlegenheiten
    ein Ende machen. Und ich meine, er leistet
    es auch. Diese Reue war das Ergebnis der
    uranfänglichen Gefühlsambivalenz gegen den
    Vater; die Söhne haßten ihn aber sie
    liebten ihn auch; nachdem der Haß durch
    die Aggression befriedigt war, kam in

  • S.

    61

    der Reue über die Tat die Liebe zum Vorschein, richtete
    durch Identifizierung mit dem Vater das Überich
    auf, gab ihm die Macht des Vaters wie zur Bestraf-
    ung für die gegen ihn verübte Tat der Aggression,
    schuf die Einschränkungen, die eine Wiederholung
    der Tat verhüten sollten. Und da die Aggress-
    ionsneigung gegen den Vater sich in den
    folgenden Geschlechtern wiederholte, blieb
    auch das Schuldgefühl bestehen und verstärkte
    sich von Neuem durch jede unterdrückte
    und dem Überich übertragene Aggression.
    Nun meine ich, erfassen wir endlich zweierlei
    in voller Klarheit, den Anteil der Liebe
    an der Entstehung des Gewissens und die
    verhängnisvolle Unvermeidlichkeit des Schuld-
    gefühls. Es ist wirklich nicht entscheidend, ob man
    den Vater getötet oder sich der Tat ent-
    halten hat, man muß sich in beiden Fällen
    schuldig finden, denn das Schuldgefühl ist
    der Ausdruck des Ambivalenzkonflikts, des
    ewigen Kampfes zwischen dem Eros und dem
    Destruktions- oder Todestrieb. Dieser Konflikt
    wird angefacht, sobald den Menschen die Auf-
    gabe des Zusammenlebens gestellt wird;
    solange diese Gemeinschaft nur die Form der
    Familie kennt, muß er sich im Oedipuskomplex
    äußern, das Gewissen einsetzen, das
    erste Schuldgefühl schaffen. Wenn eine Erweiterung
    dieser Gemeinschaft versucht wird, wird derselbe
    Konflikt in Formen, die von der Vergangen-
    heit abhängig sind, fortgesetzt, verstärkt und
    hat eine weitere Steigerung des Schuldgefühls
    zur Folge. Da die Kultur einem inneren
    erotischen Antrieb gehorcht, der sie die Menschen
    zu einer innig verbundenen Masse vereinigen heißt,
    kann sie dies Ziel nicht auf einem Wege
    einer immer wachsenden Verstärkung des
    Schuldgefühls erreichen. Was am Vater be-
    gonnen wurde, vollendet sich an der
    Masse. Ist die Kultur der notwendige
    Entwicklungsgang von der Familie zur
    Menschheit, so ist untrennbar
    mit ihr verbunden als Folge des mitge-
    borenen Ambivalenzkonflikts, als Folge
    des ewigen Haders zwischen Liebe und
    Todesstreben, die Steigerung des Schuldgefühls
    vielleicht bis zu Höhen, die der Einzelne
    schwer erträglich findet. Man gedenkt
    der ergreifenden Anklage des großen
    Dichters gegen die „himmlischen Mächte“:
        „Ihr führt in’s Leben uns hinein,
        Ihr laßt den Armen schuldig werden
        Dann überlaßt Ihr ihn der Pein,
        Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.“

  • S.

    62

    Und man darf wol aufseufzen bei der Er-
    kenntnis daß es einzelnen Menschen gegeben
    ist aus dem Wirbel der eigenen Gefühle
    die tiefsten Einsichten doch eigentlich mühelos
    heraufzuholen, zu denen wir anderen uns
    den Weg durch qualvolle Unsicherheit und
    rastloses Tasten zu bahnen haben.

    VIII.

        Am Ende eines solchen Weges angelangt,
    muß der Autor seine Leser um Entschuld-
    igung bitten, daß er ihnen kein geschickter
    Führer gewesen, ihnen das Erlebnis öder
    Strecken und beschwerlicher Umwege nicht
    erspart hat. Es ist kein Zweifel, daß man
    es besser machen kann. Ich will versuchen,
    nachträglich etwas gut zu machen.

        Zunächst vermute ich bei den Lesern den Ein-
    druck, daß die Erörterungen über das Schuldgefühl
    den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, indem sie
    zu viel Raum für sich einnehmen und
    ihren anderen Inhalt, mit dem sie nicht
    immer innig zusammenhängen, an den Rand
    drängen. Das mag den Aufbau der Abhandlung
    gestört haben, entspricht aber durchaus der
    Absicht, das Schuldgefühl als das wichtigste
    Problem der Kulturentwicklung hinzustellen
    und darzutun, daß der Preis für den Kultur-
    fortschritt in der Glückseinbuße durch die
    Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird. x)
    Was an diesem Satz, dem Endergebnis unserer
    Untersuchung noch befremdlich klingt, läßt
    sich wahrscheinlich auf das ganz sonderbare, noch
    durchaus unverstandene Verhältnis des
    Schuldgefühls zu unserem Bewußtsein zurück-
    führen. In den gemeinen, uns als
    normal geltenden Fällen von Reue
    macht es sich dem Bewußtsein deutlich genug
    wahrnehmbar; wir sind doch gewohnt
    anstatt Schuldgefühl „Schuldbewußtsein“
    zu sagen. Aus dem Studium der Neurosen,
    denen wir doch die wertvollsten
    Winke zum Verständnis des Normalen
    danken, ergeben sich widerspruchsvolle
    Verhältnisse. Bei einer dieser Affektionen,
    der Zwangsneurose drängt sich das Schuldgefühl
    überlaut dem Bewußtsein auf, es beherrscht
    das Krankheitsbild wie das Leben
    der Kranken, läßt kaum anderes neben sich aufkommen.
    Aber in den meisten anderen Fällen
    und Formen von Neurose bleibt es
    völlig unbewußt, ohne darum gering-
    fügigere Wirkungen zu äußern. Die

  • S.

    63.

    Kranken glauben uns nicht, wenn wir ihnen ein
    unbewußtes Schuldgefühl zumuten; um nur
    halbwegs von ihnen verstanden zu werden,
    erzählen wir ihnen von einem unbewußten
    Strafbedürfnis in dem sich das Schuldgefühl äußert.
    Aber die Beziehung zur Neurosenform darf nicht
    überschätzt werden; es giebt auch bei der Zwangs-
    neurose Typen von Kranken, die ihr Schuld-
    gefühl nicht wahrnehmen oder es als ein
    quälendes Unbehagen, eine Art von Angst
    erst dann empfinden, wenn sie an der
    Ausführung gewisser Handlungen verhindert
    werden. Diese Dinge sollte man endlich einmal
    verstehen können, man kann es noch nicht.
    Vielleicht ist hier die Bemerkung willkommen,
    daß das Schuldgefühl im Grunde nichts ist als
    eine topische Abart der Angst, in seinen
    späteren Phasen fällt es ganz mit der
    Angst vor dem Überich zusammen. Und bei
    der Angst zeigen sich im Verhältnis
    zum Bewußtsein dieselben außerordentlichen
    Variationen. Irgendwie steckt die Angst
    hinter allen Symptomen, aber bald nimmt
    sie lärmend das Bewußtsein ganz für
    sich in Anspruch, bald verbirgt sie sich so
    vollkommen, daß wir genötigt sind, von unbe-
    wußter Angst – oder wenn wir ein reineres
    psychologisches Gewissen haben wollen,
    da ja die Angst zunächst nur eine
    Empfindung ist – von Angstmöglichkeiten
    zu reden. Und darum ist es sehr wol denkbar,
    daß auch das durch die Kultur erzeugte
    Schuldbewußtsein nicht als solches erkannt wird,
    zum großen Teil unbewußt bleibt oder
    als ein Unbehagen, eine Unzufriedenheit
    zum Vorschein kommt, für die man
    andere Motivierungen sucht. Die Religionen
    wenigstens haben die Rolle des Schuldgefühls
    in der Kultur nie verkannt. Sie treten
    ja, was ich an anderer Stelle nicht gewürdigt
    hatte, x) auch mit dem Anspruch auf, die
    Menschheit von diesem Schuldgefühl, das
    sie Sünde heißen, zu erlösen. Aus der
    Art, wie im Christentum diese Erlösung
    gewonnen wird, durch den Opfertod eines
    Einzelnen, der damit eine Allen gemeinsame
    Schuld auf sich nimmt, haben wir ja einen
    Schluß gezogen, welches der erste Anlaß
    zur Erwerbung dieser Urschuld, mit der
    auch die Kultur begann, gewesen sein
    mag. x)

    x) Ich meine: Die Zukunft einer Illusion

    x) Totem und Tabu.

  • S.

    64

    Es kann nicht sehr wichtig werden, mag aber nicht
    überflüssig sein, daß wir die Bedeutung einiger
    Worte wie Überich, Gewissen, Schuldgefühl, Straf-
    bedürfnis, Reue erläutern, die wir vielleicht oft
    zu lose und eines für’s andere gebraucht haben.
    Alle beziehen sich auf dasselbe Verhältnis, benennen
    aber verschiedene Seiten desselben. Das
    Überich ist eine von uns erschlossene Instanz,
    das Gewissen eine Funktion, die wir ihm
    neben anderen zuschreiben, die die Handlungen
    und Absichten des Ichs zu überwachen und
    zu beurteilen hat, eine zensorische Tätigkeit ausübt.
    Das Schuldgefühl, die Härte des Überichs,
    ist also dasselbe wie die Strenge des Gewissens,
    ist die dem Ich zugeteilte Wahrnehmung, daß es
    in solcher Weise überwacht wird, die Abschätzung
    der Spannung zwischen seinen Strebungen
    und den Forderungen des Überichs, und die
    der ganzen Beziehung zu Grunde liegende Angst
    vor dieser kritischen Instanz, das Straf-
    bedürfnis ist eine Triebäußerung des Ichs, das
    unter dem Einfluß des sadistischen Überichs masoch-
    istisch geworden ist, d. h. ein Stück des in ihm
    vorhandenen Triebes zur inneren Destruktion
    zu einer erotischen Bindung an das Überich
    verwendet. Vom Gewissen sollte man nicht
    eher sprechen, als bis ein Überich nachweisbar
    ist; vom Schuldbewußtsein muß man zugeben,
    daß es früher besteht als das Überich, also auch
    als das Gewissen. Es ist dann der unmittelbare Ausdruck
    der Angst vor der äußeren Autorität, die Anerkennung
    der Spannung zwischen dem Ich und dieser
    letzteren, der direkte Abkömmling des
    Konflikts zwischen dem Bedürfnis nach deren
    Liebe und dem Drang nach Triebbefriedigung,
    dessen Hemmung die Neigung zur Aggression
    erzeugt. Die Übereinanderlagerung dieser
    beiden Schichten des Schuldgefühls – aus Angst
    vor der äußeren und vor der inneren
    Autorität – hat uns manchen Einblick in
    die Beziehungen des Gewissens erschwert.
    Reue ist eine Gesamtbezeichnung für die
    Reaktion des Ichs in einem Falle des Schuld-
    gefühls, enthält das wenig umgewandelte
    Empfindungsmaterial der dahinter wirksa-
    men Angst, ist selbst eine Strafe und
    kann das Strafbedürfnis einschließen;
    auch sie kann also älter sein als das
    Gewissen.

        Es kann auch nichts schaden, daß wir uns
    nochmals die Widersprüche vorführen, die
    uns eine Weile bei unserer Untersuchung
    verwirrt haben. Das Schuldgefühl sollte
    einmal die Folge unterlassener Aggress-
    ionen sein, aber ein andermal und
    gerade bei seinem historischen Anfang,

  • S.

    65

    der Vatertötung, die Folge einer ausgeführten Aggress-
    ion. Wir fanden auch den Ausweg aus dieser
    Schwierigkeit. Die Einsetzung der inneren Autorität,
    des Überichs, hat eben die Verhältnisse gründlich
    geändert. Vorher fiel das Schuldgefühl mit der
    Reue zusammen; wir merken dabei, daß die
    Bezeichnung Reue für die Reaktion nach wirk-
    licher Ausführung der Aggression zu reservieren
    ist. Nachher verlor infolge der Allwissenheit
    des Überichs der Unterschied zwischen beabsichtigter
    und erfüllter Aggression seine Kraft; nun
    konnte sowol eine wirklich ausgeführte
    Gewalttat Schuldgefühl erzeugen – wie alle
    Welt weiß – als auch eine bloß beabsichtigte –
    wie die Psychoanalyse erkannt hat. Über die
    Veränderung der psychologischen Situation hinweg
    hinterläßt der Ambivalenzkonflikt der beiden
    Urtriebe die nämliche Wirkung. Die Ver-
    suchung liegt nahe, hier die Lösung des Rätsels
    von der wechselvollen Beziehung des Schuldgefühls
    zum Bewußtsein zu suchen. Das Schuldgefühl
    aus Reue über die böse Tat müßte immer
    bewußt sein, das aus Wahrnehmung des bösen
    Impulses könnte unbewußt bleiben. Allein
    so einfach ist das nicht, die Zwangsneurose
    widerspricht dem energisch. Der zweite
    Widerspruch war, daß die aggressive Energie,
    mit der man das Überich ausgestattet denkt,
    nach einer Auffassung bloß die Strafenergie der
    äußeren Autorität fortsetzt und für das
    Seelenleben erhält, während eine andere
    Auffassung meint, es sei vielmehr die
    nicht zur Verwendung gelangte eigene
    Aggression, die man gegen diese hemmende Autorität auf-
    bringt. Die erste Lehre schien sich der Geschichte
    die zweite der Theorie des Schuldgefühls
    besser anzupassen. Eingehendere Überlegung
    hat den anscheinend unversöhnlichen Gegensatz
    beinahe allzuviel verwischt; es blieb als
    wesentlich und gemeinsam übrig, daß es sich
    um eine nach innen verschobene Aggression
    handelt. Die klinische Beobachtung gestattet
    wiederum wirklich zwei Quellen für die
    dem Überich zugeschriebene Aggression zu
    unterscheiden, von denen im einzelnen
    Fall die eine oder die andere die
    stärkere Wirkung ausübt, die im Allge-
    meinen aber zusammenwirken.

        Hier ist, meine ich, der Ort, eine Auffassung ernst-
    haft zu vertreten, die ich vorhin zur vor-
    läufigen Annahme empfohlen hatte. In der
    neuesten analytischen Literatur zeigt sich
    eine Vorliebe für die Lehre, daß jede
    Art von Versagung, jede verhinderte

  • S.

    66

    Triebbefriedigung eine Steigerung des Schuldgefühls
    zur Folge habe oder haben könne. Ich glaube,
    man schafft sich eine große theoretische Erleich-
    terung, wenn man das nur von den aggressiven
    Trieben gelten läßt, und man wird nicht viel
    finden, was dieser Annahme widerspricht.
    Wie soll man es denn dynamisch und ökonomisch
    erklären, daß an Stelle eines unerfüllten
    erotischen Anspruchs eine Steigerung des
    Schuldgefühls auftritt? Das scheint doch nur auf
    dem Umwege möglich, daß die Verhinderung
    der erotischen Befriedigung ein Stück Aggress-
    ionsneigung gegen die Person hervorruft, welche
    die Befriedigung stört, und daß diese Aggress-
    ion selbst wieder unterdrückt werden
    muß. Dann aber ist es doch nur die Aggression,
    die sich in Schuldgefühl umwandelt, indem sie
    unterdrückt und dem Überich zugeschoben wird. Unterdrückt
    Ich bin überzeugt, wir werden viele Vorgänge
    einfacher und durchsichtiger darstellen können,
    wenn wir den Fund der Psychoanalyse zur
    Ableitung des Schuldgefühls auf die aggressiven
    Triebe einschränken. Die Befragung des
    klinischen Materials hie giebt hier keine
    eindeutige Antwort, weil unserer Voraus-
    setzung gemäß die beiden Triebarten
    kaum jemals rein, von einander isoliert auf-
    treten; aber die Würdigung extremer Fälle
    wird wol nach der Richtung weisen, die ich
    erwarte. Ich bin versucht von dieser strengeren
    Auffassung einen ersten Nutzen zu ziehen, in-
    dem ich sie auf den Verdrängungsvorgang
    anwende. Die Symptome der Neurosen sind, wie
    wir gelernt haben, Ersatzbefriedigungen für
    unerfüllte sexuelle Wünsche. Im Laufe der analytischen Arbeit
    haben wir zu unserer Überraschung erfahren,
    daß vielleicht jede Neurose einen Betrag von
    unbewußtem Schuldgefühl verhüllt, der
    wiederum die Symptome durch ihre Verwend-
    ung zur Strafe befestigt. Nun liegt es
    nahe, den Satz zu formulieren: wenn eine
    Triebstrebung der Verdrängung unterliegt,
    so werden ihre libidinösen Anteile
    in Symptome, ihre aggressiven Komponenten
    in Schuldgefühl umgesetzt. Auch wenn dieser
    Satz nur in durchschnittlicher Annäherung
    richtig ist, verdient er unser Interesse.

  • S.

    67

        Manche Leser dieser Abhandlung mögen auch unter
    dem Eindruck stehen, daß sie die Formel vom
    Kampf zwischen Eros und Todestrieb zu oft gehört
    haben. Sie sollte den Kulturprozeß kennzeichnen,
    der über die Menschheit abläuft, wurde aber
    auch auf die Entwicklung des Einzelnen bezogen
    und sollte überdies das Geheimnis des organischen
    Lebens überhaupt enthüllt haben. Es scheint
    unabweisbar, die Beziehungen dieser drei
    Vorgänge zu einander zu untersuchen. Nun
    ist die Wiederkehr derselben Formel durch
    die Erwägung gerechtfertigt, daß der Kulturprozeß
    der Menschheit wie die Entwicklung des
    Einzelnen auch Lebensvorgänge sind, also am
    allgemeinsten Charakter des Lebens Anteil
    haben müssen. Anderseits trägt gerade darum
    der Nachweis dieses allgemeinen Zuges nichts
    zur Unterscheidung bei, solange dieser nicht
    durch besondere Bedingungen eingeengt wird.
    Wir können uns also erst bei der Aussage be-
    ruhigen, der Kulturprozeß sei jene Modifikation
    des Lebensprozesses, die er unter dem
    Einfluß einer vom Eros gestellten, von der
    realen Not, der Ananke, angeregten
    Aufgabe erfährt, und diese Aufgabe ist die
    Vereinigung vereinzelter Menschen zu einer
    unter sich libidinös verbundenen Gemeinschaft.
    Fassen wir aber die Beziehung zwischen dem
    Kulturprozeß der Menschheit und dem Ent-
    wicklungsprozeß – oder Erziehungsprozeß – des einzelnen
    Menschen in’s Auge, so werden wir uns
    ohne viel Schwanken dafür entscheiden, daß
    die beiden sehr ähnlicher Natur sind, wenn
    nicht überhaupt derselbe Vorgang an anders-
    artigen Objekten. Der Kulturprozeß der
    Menschheit ist natürlich eine Abstraktion
    von höherer Ordnung als die Entwicklung
    des Einzelnen, darum schwerer anschaulich
    zu erfassen, und die Aufspürung von Analo-
    gien soll nicht zwanghaft übertrieben werden;
    aber bei der Gleichartigkeit der Ziele – hier
    die Einreihung eines Einzelnen in eine mensch-
    liche Masse, dort die Herstellung einer
    Masseneinheit aus vielen Einzelnen – kann
    die Ähnlichkeit der dazu verwendeten
    Mittel und der zustande kommenden Phäno-
    mene nicht überraschen. Ein die beiden
    Vorgänge unterscheidender Zug darf wegen
    seiner außerordentlichen Bedeutsamkeit
    nicht lange unerwähnt bleiben. Im Ent-
    wicklungsprozeß des Einzelmenschen wird
    das Programm des Lustprinzips, Glücksbefriedi-
    gung zu finden, als Hauptziel festgehalten,
    die Einreihung in oder Anpassung an eine
    menschliche Gemeinschaft erscheint als eine

  • S.

    68

    kaum zu vermeidende Bedingung, die auf dem
    Wege zur Erreichung dieses Glücksziel erfüllt
    werden soll. Ginge es ohne diese Bedingung,
    so wäre es vielleicht besser. Anders ausgedrückt:
    die individuelle Entwicklung erscheint uns als
    ein Produkt der Interferenz zweier Streb-
    ungen, des Strebens nach Glück, das wir ge-
    wöhnlich „egoistisch“, und des Strebens nach Ein-
    reihung in die und Anschluß an die Gemeinschaft,
    das wir „altruistisch“ heißen. Beide Bezeichnungen
    gehen nicht viel über die Oberfläche hinaus.
    In der individuellen Entwicklung fällt, wie gesagt,
    der Hauptakzent meist auf die egoistische
    oder Glücksstrebung, die andere, „kulturell“
    zu nennende, begnügt sich in der Regel mit
    der Rolle einer Einschränkung. Anders
    beim Kulturprozeß; hier ist das Ziel der
    Herstellung einer Einheit aus den menschlichen
    Individuen bei Weitem die Hauptsache,
    das Ziel der Beglückung besteht zwar noch,
    aber es wird in den Hintergrund gedrängt;
    fast scheint es, die Schöpfung einer großen
    menschlichen Gemeinschaft würde am besten gelingen,
    wenn man sich um das Glück des Einzelnen
    nicht zu kümmern brauchte. Der Entwicklungsprozeß
    des Einzelnen darf also seine besonderen
    Züge haben, die sich im Kulturprozeß der
    Menschheit nicht wiederfinden; nur insofern
    dieser erstere Vorgang den Anschluß an
    die Gemeinschaft zum Ziel hat, muß er
    mit dem letzteren zusammenfallen.

        Wie der Planet noch um seinen Zentral-
    körper kreist, außer daß er um die eigene
    Achse rotiert, so nimmt auch der einzelne Mensch
    am Entwicklungsgang der Menschheit teil, während
    er seinen eigenen Lebensweg geht. Aber unserem
    blöden Auge scheint das Kräftespiel am
    Himmel zu ewiger gleicher Ordnung erstarrt;
    im organischen Geschehen sehen wir noch, wie die
    Kräfte mit einander ringen und die Ergeb-
    nisse des Konflikts sich beständig verändern.
    So haben auch die beiden Strebungen, die nach
    individuellem Glück und die nach menschlichem
    Anschluß, bei jedem Individuum mit einander
    zu kämpfen, so müssen die beiden Prozesse,
    der individuelle und der Kulturentwicklung,
    einander feindlich begegnen und sich gegen-
    seitig den Boden bestreiten. Aber dieser
    Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft ist
    nicht ein Abkömmling des wahrscheinlich
    unversöhnlichen Gegensatzes der Urtriebe,
    Eros und Tod, er bedeutet einen Zwist
    im Haushalt der Libido, vergleichbar dem
    Streit um die Aufteilung der Libido
    zwischen dem Ich und den Objekten, und er
    läßt einen endlichen Ausgleich zu, beim
    Individuum wie in der Zukunft auch auf
    der Kultur, mag er gegenwärtig das Leben

  • S.

    69

    des Einzelnen noch so sehr beschweren.

        Die Analogie zwischen dem Kulturprozeß
    und dem Entwicklungsweg des Individuums läßt
    sich um ein bedeutsames Stück erweitern. Man
    darf nämlich behaupten, daß auch die Gemeinschaft
    ein Überich ausbildet, unter dessen Einfluß
    sich die Kulturentwicklung vollzieht. Es mag
    eine verlockende Aufgabe für einen Kenner
    menschlicher Kulturen sein, diese Gleichstellung
    in’s Einzelne zu verfolgen; ich will mich
    auf die Hervorhebung einiger auffälliger
    Punkte beschränken. Das Kulturüberich
    einer Kulturepoche hat einen ähnlichen Ursprung
    wie das des Einzelmenschen, es ruht auf dem
    Eindruck, den große Führerpersönlichkeiten hinter-
    lassen haben, Menschen von überwältigender Geisteskraft
    oder solche, in denen eine der menschlichen
    Strebungen die stärkste und reinste, darum
    oft auch einseitigste, Ausbildung gefunden hat.
    Die Analogie geht in vielen Fällen noch weiter,
    indem diese Personen – häufig genug, wenn
    auch nicht immer – zu ihren Lebzeiten von den
    Anderen verspottet, mißhandelt oder selbst auf
    grausame Art beseitigt wurden, wie ja auch
    der Urvater erst lange nach seiner gewaltsamen
    Tötung zur Göttlichkeit aufstieg. Für diese
    Schicksalsverknüpfung ist gerade die Person
    Jesu Christi das ergreifendste Beispiel, wenn
    sie nicht etwa dem Mythus angehört, der
    sie in dunkler Erinnerung an jenen Ur-
    vorgang in’s Leben rief. Ein anderer Punkt
    der Übereinstimmung ist, daß das Kulturüberich
    ganz wie das des Einzelnen strenge Ideal-
    forderungen aufstellt, deren Nichtbefolg-
    ung durch „Gewissensangst“ gestraft wird. Ja,
    hier stellt sich der merkwürdige Fall her,
    daß die hierher gehörigen seelischen Vorgänge
    uns von der Seite der Masse vertrauter,
    dem Bewußtsein zugänglicher sind, als sie es
    beim Einzelmenschen werden können. Bei
    diesem machen sich nur die Aggressionen des
    Überichs im Falle der Spannung als Vorwürfe
    überlaut vernehmbar, während die Forder-
    ungen selbst im Hintergrunde oft unbewußt
    bleiben. Bringt man sie zur bewußten Erkenntnis,
    so zeigt sich, daß sie mit den Vorschriften des jeweiligen Kulturüber-
    ichs zusammenfallen. An dieser Stelle sind sozusagen
    beide Vorgänge, der kulturelle Entwicklungs-
    prozeß der Menge und der eigene des Individ-
    uums regelmäßig mit einander verklebt.
    Manche Äußerungen und Eigenschaften des
    Überichs können darum leichter an
    seinem Verhalten in der Kulturgemein-
    schaft als beim Einzelnen erkannt
    werden.

  • S.

    70

        Das Kulturüberich hat seine Ideale ausgebildet
    und erhebt seine Forderungen. Unter den
    Letzteren werden die, welche die Bezieh-
    ungen der Menschen zu einander betreffen,
    als Ethik zusammengefaßt. Zu allen Zeiten
    wurde auf diese Ethik der größte Wert
    gelegt, als ob man gerade von ihr besonders
    wichtige Leistungen erwartete. Und wirklich
    wendet sich die Ethik jenem Punkt zu, der
    als die wundeste Stelle jeder Kultur leicht
    kenntlich ist. Die Ethik ist also als ein
    therapeutischer Versuch aufzufassen, als Be-
    mühung, durch ein Gebot des Überichs
    zu erreichen, was bisher durch sonstige Kulturarbeit
    nicht zu erreichen war. Wir wissen bereits,
    es fragt sich hier darum, wie das größte
    Hindernis der Kultur, die konstitutionelle
    Neigung der Menschen zur Aggression
    gegen einander, wegzuräumen ist, und gerade
    darum wird uns das wahrscheinlich jüngste der
    kulturellen Überich-Gebote besonders inter-
    essant, das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie
    dich selbst. In der Neurosenforschung und
    Neurosentherapie kommen wir dazu, zwei
    Vorwürfe gegen das Überich des Einzelnen
    zu erheben: Es kümmert sich in der Strenge
    seiner Gebote und Verbote zu wenig
    um das Glück des Ichs, indem es die Wider-
    stände gegen die Befolgung, die Triebstärke
    des Es und die Schwierigkeiten der realen
    Umwelt nicht genügend in Rechnung bringt.
    Wir sind daher in therapeutischer Absicht sehr
    oft genötigt, das Überich zu bekämpfen und
    bemühen uns, seine Ansprüche zu erniedrigen.
    Ganz ähnliche Einwendungen können wir gegen
    die ethischen Forderungen des Kulturüberichs
    erheben. Auch dies kümmert sich nicht um
    die Tatsachen der seelischen Konstitution des
    Menschen, es erläßt ein Gebot und fragt
    nicht, ob es dem Menschen möglich ist, es
    zu befolgen. Vielmehr es nimmt an, daß
    dem Ich des Menschen alles psychologisch möglich
    ist, was man ihm aufträgt, daß dem
    Ich die unumschränkte Herrschaft über
    sein Es zusteht. Das ist ein Irrtum und
    auch bei den sogenannt normalen Menschen
    läßt sich die Beherrschung des Es nicht
    über bestimmte Grenzen steigern. Fordert
    man mehr, so erzeugt man beim Einzelnen
    Auflehnung oder Neurose oder macht ihn
    unglücklich. Das Gebot „Liebe deinen Nächsten
    wie dich selbst“ ist die stärkste Abwehr
    der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes
    Beispiel für das unpsychologische Vorgehen
    des Kulturüberichs. Das Gebot ist undurch-
    führbar; eine so großartige Inflation

  • S.

    71

    der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die
    Not beseitigen. Die Kultur vernachlässigt all das;
    sie mahnt nur, je schwerer die Befolgung
    der Vorschrift ist, desto verdienstvoller ist sie.
    Allein wer in der gegenwärtigen Kultur eine solche
    Vorschrift einhält, setzt sich nur in Nachteil
    gegen den, der sich über sie hinaussetzt. Wie
    gewaltig muß das Kulturhindernis der Aggression
    sein, wenn die Abwehr derselben ebenso
    unglücklich machen kann wie die Aggression
    selbst! Die sogenannte natürliche Ethik hat
    hier nichts zu bieten, außer der narzißtischen
    Befriedigung, sich für besser halten zu dürfen als
    die anderen sind. Die Ethik, die sich an die Religion
    anlehnt, läßt hier ihre Versprechungen eines
    besseren Jenseits eingreifen. Ich meine, solange
    sich die Tugend nicht schon auf Erden
    lohnt, wird die Ethik vergeblich predigen.
    Es scheint auch mir unzweifelhaft, daß eine reale
    Veränderung in den Beziehungen der
    Menschen zum Besitz hier mehr Abhilfe bringen wird
    als jedes ethische Gebot; doch wird diese
    Einsicht bei den Sozialisten durch ein neuer-
    liches idealistisches Verkennen der menschlichen
    Natur getrübt und für die Ausführung ent-
    wertet.

        Die Betrachtungsweise, die in den Erscheinungen
    der Kulturentwicklung die Rolle eines
    Überichs verfolgen will, scheint mir
    noch andere Aufschlüsse zu versprechen. Ich eile
    zum Abschluß. Einer Frage kann ich allerdings
    schwer ausweichen. Wenn die Kulturentwick-
    lung so weitgehende Ähnlichkeit mit der des
    Einzelnen hat und mit denselben Mitteln
    arbeitet, soll man nicht zur Diagnose be-
    rechtigt sein, daß manche Kulturen oder
    Kulturepochen – möglicherweise die ganze Mensch-
    heit – unter dem Einfluß der Kulturstrebungen
    „neurotisch“ geworden sind? An die analyt-
    ische Zergliederung dieser Neurosen könnten
    therapeutische Vorschläge anschließen, die
    auf großes praktisches Interesse Anspruch
    hätten. Ich könnte nicht sagen, daß ein
    solcher Versuch zur Übertragung der Psycho-
    analyse auf die Kulturgemeinschaft unsinnig
    oder zur Unfruchtbarkeit verurteilt
    wäre. Aber man müßte sehr vorsichtig
    sein, nicht vergessen, daß es sich doch
    nur um Analogien handelt, und daß es
    nicht nur bei Menschen sondern auch bei Begriffen
    gefährlich ist, sie aus der Sphäre zu reißen,
    in der sie entstanden sind und entwickelt
    worden sind. Auch stößt die Diagnose

  • S.

    72

    der Gemeinschaftsneurosen auf eine besondere
    Schwierigkeit. Bei der Einzelneurose dient uns
    als nächster Anhalt der Kontrast, in dem sich
    der Kranke von seiner als „normal“ angenommenen
    Umgebung abhebt. Ein solcher Hintergrund entfällt
    bei einer gleichartig affizierten Masse; er müßte
    anderswoher geholt werden. Und was die
    therapeutische Verwendung der Einsicht be-
    trifft, was hülfe die zutreffendste Analyse
    der sozialen Neurose, da niemand die
    Autorität besitzt, der Masse die Therapie
    aufzudrängen? Trotz aller dieser Erschwer-
    ungen darf man erwarten, daß jemand
    eines Tages das Wagnis einer solchen
    Pathologie der kulturellen Gemeinschaften unter-
    nehmen wird.

        Eine Wertung der menschlichen Kultur zu geben,
    liegt mir aus den verschiedensten Motiven
    sehr ferne. Ich habe mich bemüht, das enthusiastische
    Vorurteil von mir abzuhalten, unsere
    Kultur sei das Kostbarste, was wir besitzen
    oder erwerben können, und ihr Weg
    müsse uns notwendiger Weise zu Höhen
    ungeahnter Vollkommenheit führen. Ich kann
    wenigstens ohne Entrüstung den Kritiker an-
    hören, der meint, wenn man die Ziele der
    Kulturstrebung und die Mittel, deren sie
    sich bedient, in’s Auge faßt, müßte man
    zu dem Schluß kommen, die ganze
    Anstrengung sei nicht der Mühe wert und
    das Ergebnis könne nur ein Zustand sein,
    den der Einzelne unerträglich finden
    muß. Meine Unparteilichkeit wird mir
    dadurch leicht, daß ich über all diese Dinge
    sehr wenig weiß, mit Sicherheit nur das
    eine, daß die Werturteile der Menschen
    unbedingt von ihren Glückswünschen geleitet
    werden, also ein Versuch sind, ihre Illusionen
    mit Argumenten zu stützen.
    Ich verstünde es sehr wol, wenn jemand den zwangs-
    läufigen Charakter der menschlichen Kultur
    hervorheben und z. B. sagen würde, die Neigung
    zur Einschränkung des Sexuallebens oder
    zur Durchsetzung des Humanitätsideals
    auf Kosten der natürlichen Auslese seien
    Entwicklungseinrichtungen, die sich nicht abwenden
    und nicht ablenken lassen, und denen man
    sich am besten beugt, wie wenn es
    Naturnotwendigkeiten wären. Ich kenne
    auch die Einwendung dagegen, daß solche Streb-
    ungen, die man für unüberwindbar hielt,
    oft im Laufe der Menschheitsgeschichte bei Seite
    geworfen und durch andere ersetzt worden
    sind. So sinkt mir der Mut, vor

  • S.

    73

    meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen und ich
    beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich ihnen keinen Trost
    zu bringen weiß, denn das verlangen
    im Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht
    weniger leidenschaftlich als die bravsten
    Frommgläubigen.

        Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir
    zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung
    gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens
    durch den menschlichen Aggressions- und Selbst-
    vernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem
    Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige
    Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen
    haben es jetzt in der Beherrschung der Natur-
    kräfte so weit gebracht, daß sie es mit deren
    Hilfe leicht haben, einander bis auf den
    letzten Mann auszurotten. Sie wissen das,
    daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe,
    ihres Unglücks, ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten,
    daß die andere der beiden „himmlischen Mächte“,
    der ewige Eros, eine Anstrengung machen
    wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso
    unsterblichen Gegner zu behaupten.

  • S.

    7 V

    Und dabei brauchte es vielleicht nur eine Änder-
    ung der Blickrichtung oder des Standpunkts von
    seiten des Beobachters um den einen oder
    den anderen Anblick hervorzurufen.

    12 V sie auch dieser Verwendung entzogen, indem
    sie lebten und ausstarben, ehe ...

    15 t Es ist immer möglich eine größere Menge
    von Menschen in Liebe an einander zu
    binden wenn nur andere für die Äußerung
    der Aggression übrig bleiben.

    19 t Wie der vorsichtige Kaufmann es vermeidet
    sein ganzes Kapital an einer Stelle festzu-
    legen so wird vielleicht auch die Lebensweisheit
    raten nicht alle Befriedigung von einer
    Strebung zu erwarten.

    50 f Note Unsere gegenwärtige Auffassung
    kann man ungefähr so ausdrücken, daß
    Libido die Energie des Eros ist, aber daß nicht alles
    ist Libido ist.

    55 f Note Ich hörte Mark Twain diese
    kleine Geschichte selbst vortragen. Nachdem
    er ihren Titel ausgesprochen hatte, unter-
    brach er sich und fragte sich wie zweifelnd:
    Was it the first? Damit hatte er alles gesagt.

    62 Note So macht Gewissen Feige aus uns
    allen...
    daß sie dem jugendlichen Menschen verheimlicht
    welche Rolle die Sexualität
    in seinem Leben spielen wird, ist nicht
    der einzige Vorwurf, den man gegen die
    heutige Erziehung erheben muß. Sie sündigt
    außerdem darin, daß sie ihn nicht auf die
    Aggression vorbereitet, deren Objekt er
    zu werden bestimmt ist. Indem sie die Jugend
    mit so unrichtiger psychologischer Orient-
    ierung in’s Leben entläßt, benimmt sich die
    Erziehung nicht anders als wenn
    man Leute, die auf eine Polarexpedition gehen,
    mit Sommerkleidern ausstatten würde und
    ihnen Karten der oberitalischen Seen auf den
    Weg gäbe. Dabei wird ein gewisser Mißbrauch
    der ethischen Forderungen deutlich. Die Strenge derselben
    würde nicht viel schaden, wenn die Erziehung
    sagte: So sollten die Menschen
    sein um glücklich zu werden und andere
    glücklich zu machen; aber man muß damit
    rechnen, daß sie nicht so sind. Anstatt
    dessen läßt man den Jugendlichen glauben,
    daß alle anderen die ethischen Forderungen
    erfüllen, also tugendhaft sind. Damit begründet
    man die Forderung, daß er es auch
    werde.

  • S.

    39 VI Note

    Folgende Bemerkungen um die oben ausge-
    sprochene Vermutung zu stützen: Auch der
    Mensch ist ein Tierwesen von unzweideutig
    bisexueller Anlage. Das Individuum entspricht
    einer Verschmelzung zweier symmetrischer Hälften,
    von denen nach Ansicht mancher Forscher die
    eine rein männlich, die andere weiblich
    ist. Daß die Geschlechtlichkeit eine biologische
    Tatsache ist, die, obwohl von außerordentlicher Bedeut-
    ung für das Seelenleben psychologisch schwer zu erfassen ist.
    Wir sind gewohnt zu sagen: jeder Mensch zeige
    sowohl männliche als weibliche Triebregungen,
    Bedürfnisse, Eigenschaften, aber den Charakter
    des Männlichen und Weiblichen kann zwar
    die Anatomie, aber nicht die Psychologie
    aufzeigen. Für sie verblaßt der geschlechtliche
    Gegensatz zu dem von Aktivität und
    Passivität, wobei wir allzu unbedenklich
    die Aktivität mit der Männlichkeit, die
    Passivität mit der Weiblichkeit zusammen-
    fallen lassen, was sich in der Tierreihe
    keineswegs ausnahmslos bestätigt. Die Lehre
    von der Bisexualität liegt noch sehr im Dunkeln
    und daß sie noch keine Verknüpfung mit
    der Trieblehre gefunden hat, müssen wir
    in der Psychoanalyse als schwere Störung
    verspüren. Wie dem auch sein mag, wenn
    wir als tatsächlich annehmen, daß der Einzelne
    in seinem Sexualleben männliche wie
    weibliche Wünsche befriedigen will, sind wir
    für die Möglichkeit vorbereitet, daß diese
    Ansprüche nicht durch das nämliche Objekt
    erfüllt werden und daß sie einander stören,
    wenn es nicht gelingt, sie auseinander zu
    halten und jede Regung in eine besondere
    ihr angemessene Bahn zu leiten. Eine andere
    Schwierigkeit ergiebt sich daraus, daß der erot-
    ischen Beziehung außer der ihr eigenen sadist-
    ischen Komponente so häufig ein Betrag von
    direkter Aggressionsneigung beigesellt ist.
    Das Liebesobjekt wird dieser Komplikation nicht
    immer soviel Verständnis und Toleranz
    entgegenbringen wie jene Bäuerin, die
    sich beklagt, daß ihr Mann sie nicht
    mehr liebt, weil er sie seit einer Woche
    nicht mehr geschlagen hat.

  • S.

    39 Note (Fortsetzg)

    Am tiefsten reicht aber die Vermutung die
    an die Ausführungen in der Anmerkung S. 62
    anknüpft, daß mit der Aufrichtung des Menschen
    und der Entwertung des Geruchssinnes die gesamte
    Sexualität, nicht nur die Analerotik, ein Opfer
    der organischen Verdrängung zu werden drohte,
    so daß seither die sexuelle Funktion von einem
    weiter nicht zu begründenden Widerstreben
    begleitet wird, das eine volle Befriedig-
    ung verhindert und vom Sexualziel wegdrängt
    zu Sublimierungen und Libidoverschiebungen.
    Ich glaube daß Bleuler einmal das Vorhandensein
    einer solchen ursprünglichen abweisenden
    Einstellung zum Sexualleben hingewiesen hat.
    An der Tatsache des Inter urinas et faeces nascimur
    nehmen alle Neurotiker und viele außer
    ihnen Anstoß. Die Genitalien erzeugen auch
    starke Geruchsempfindungen, die vielen
    Menschen unerträglich sind und ihnen den
    Sexualverkehr verleiden. So ergäbe sich
    als tiefste Wurzel der mit der Kultur
    fortschreitenden Sexualverdrängung
    die organische Abwehr der mit dem
    aufrechten Gang gewonnenen neuen
    Lebensform gegen die frühere animalische
    Existenz, ein Resultat wissenschaftlicher Erforsch-
    ung, das sich in merkwürdiger Weise mit
    oft laut gewordenen banalen Vorurteilen
    deckt. Immerhin sind dies derzeit nur
    ungesicherte von der Wissenschaft nicht er-
    härtete Möglichkeiten. Wir wollen auch
    nicht vergessen, daß trotz der unleugbaren
    Entwertung der Geruchsreize es selbst in
    Europa Völker giebt, die die starken, uns
    so widrigen Genitalgerüche als Reizmittel
    der Sexualität hochschätzen und auf sie nicht
    verzichten wollen. (I. S. Krauss.)

  • S.

    34 Note IV

    Auch in dem Kulturstreben nach Reinlichkeit, das in
    hygienischen Rücksichten eine nachträgliche Recht-
    fertigung findet, aber bereits sich vor dieser
    Einsicht geäußert hat, ist ein soziales Moment
    unverkennbar. Der Antrieb zur Reinlichkeit
    entspringt dem Drang nach Beseitigung der
    Exkremente, die der Sinneswahrnehmung unan-
    genehm geworden sind. Wir wissen daß es in
    der Kinderstube anders ist. Die Exkremente
    erregen beim Kinde keinen Abscheu, erscheinen
    ihm als losgelöster Teil seines Körpers wertvoll.
    Die Erziehung dringt hier besonders energisch
    auf die Beschleunigung des bevorstehenden
    Entwicklungsgangs, der die Exkremente
    wertlos, ekelhaft, abscheulich und verwerflich machen soll.
    Eine solche Umwertung wäre kaum möglich,
    wenn diese dem Körper entzogenen Stoffe
    nicht durch ihre starken Gerüche verurteilt
    wären an dem Schicksal teilzunehmen, das
    nach der Aufrichtung des Menschen vom Boden
    an den Geruchsreizen vorbehalten ist. Die
    Analerotik erliegt also zunächst der organischen
    Verdrängung, die den Weg zur Kultur
    gebahnt hat. Der soziale Faktor, der die weitere
    Umwandlung der Analerotik besorgt, bezeugt
    sich durch die Tatsache, daß trotz alles Ent-
    wicklungsfortschritts dem Menschen der
    Geruch der eigenen Exkremente kaum anstößig
    ist, immer nur der der Ausscheidungen des
    Anderen. Der Unreinliche, d. h. der der seine
    Exkremente nicht verbirgt, beleidigt also
    den Anderen, zeigt keine Rücksicht für
    ihn und dasselbe besagen ja auch die kräftig-
    sten, gebräuchlichsten Beschimpfungen. Es wäre
    auch unverständlich, daß der Mensch den
    Namen seines treuesten Freundes in der
    Tierwelt als Schimpfwort verwendet, wenn
    der Hund nicht durch zwei Eigenschaften die
    Verachtung des Menschen auf sich zöge, daß
    er ein Geruchstier ist, das sich vor Exkrementen
    nicht scheut und daß er sich seiner
    sexuellen Funktionen nicht schämt.

  • S.

    44

    bildet den Bodensatz aller zärtlichen und
    Liebesbeziehungen unter den Menschen vielleicht
    mit alleiniger Ausnahme der einer Mutter
    zu ihrem männlichen Kind.

    42 Note * Ein großer Dichter darf sich gestatten
    schwer verpönte psychologische Wahrheiten wenigstens
    scherzend zum Ausdruck zu bringen. So
    sagt gedichtet H. Heine: „“

    26 t mit der Brille korrigiert er die Mängel
    seiner Augenlinse in seinem Auge,

    19 # Hier kann man den interessanten Fall
    anschließen, daß das Lebensglück vorwiegend
    im Genusse der Schönheit gesucht wird, wo
    immer sie sich unseren Sinnen und
    unserem Urteil zeigt, der Schönheit
    menschlicher Formen und Gesten, Natur-
    objekte und Landschaften, künstlerischer
    und selbst wissenschaftlicher Schöpfungen.
    Diese ästhetische Einstellung zum Lebens-
    ziel bietet wenig Schutz gegen drohende Leiden,
    vermag aber für vieles zu entschädigen.
    Der Genuß an der Schönheit hat einen besonderen,
    mild berauschenden Empfindungscharakter.
    Ein Nutzen der Schönheit liegt nicht klar zu Tage, ihre kulturelle
    Notwendigkeit ist nicht einzusehen und
    doch könnte man sie in der Kultur nicht
    vermissen. Die Wissenschaft der Ästhetik
    untersucht die Bedingungen unter denen
    das Schöne empfunden wird; über Natur und
    Herkunft der Schönheit hat sie keine Auf-
    klärung geben können; wie gebräuchlich
    wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand
    an volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt.
    Leider weiß auch die Psychoanalyse über dies
    am wenigsten zu sagen. Einzig
    die Ableitung aus dem Gebiet des Sexual-
    empfindens scheint gesichert; es wäre ein
    vorbildliches Beispiel einer zielgehemmten
    Regung. Die „Schönheit“ und der „Reiz“ sind
    ursprünglich Eigenschaften des Sexualobjekts.
    Es ist bemerkenswert, daß die Genitalien
    selbst, deren Anblick immer erregend wirkt,
    doch fast nie selbst als schön beurteilt
    werden; dagegen scheint der Charakter
    der Schönheit an gewissen sekundären
    Geschlechtsmerkmalen zu haften.

  • S.

    Überschriften

    Überschriften

    6. I Das ozeanische Gefühl.
    7. Das Angebliche Quelle der Religiösität.
    8. I Das Ichgefühl
    9. I Entwickelung des Ichgefühls.
    10. I Außenwelt und Real-Ich.
    11. I Überleben des primären Ichgefühls
    12. I Die Erhaltung der Vergangenheit in einer Stadt.
    13. I Die Stadt Rom als Beispiel
    14. I Phantastische Konsequenzen einer Annahme.
    15. I Einwendungen und
    16. I Anderes
    17. I Zweifel an der
    18. I Andere Zusammenhänge.
    19.
    21. II Die Religion des gemeinen Mannes.
    22. II Schwierigkeiten des Lebens. Glück.
    23. II Das Streben nach dem Glück.
    24. II Die Quellen des Leidens.
    25. II Verschiedene Methoden der Lebensweisheit.
    26. II Intoxikation
    27. II Triebbeherrschung
    28. II Glücksbedürfniß und Triebbeherrschung
    29. II Libidoverschiebungen und Sublimierung
    30. II Phantasiebefriedigung
    31. II Abkehr von der Realität
    32. II Wahngebildung
    33. II Das Glück in der Liebe
    34. II Genuß der Schönheit
    35. II Unerfüllbarkeit des Glücksstrebens
    36. II Lebensbedürfnis
    37. II Die Beglückung durch die Religion
    38. II Ihr Fehlschlagen.
    39.
    41. III Die Kultur als Leidensquelle.
    42. III Historische Anlässe der Kulturfeindlichkeit.
    43. III Technische Fortschritte
    44. III Für und wider die technischen Fortschritte
    45. III Was ist Kultur?
    46. III Die Zähmung des Feuers
    47. III Werkzeuge als Organe
    48. III Erfüllung der Menschenwünsche.
    49. III Die Beherrschung der Erde
    50. III Die Forderung nach Schönheit
    51. III Die Forderung nach Reinlichkeit
    52. III und Ordnung
    53.
    54. III Die Schätzung der höheren psychischen Tätigkeiten.
    55. III Recht und rohe Gewalt.
    56. III Die Gerechtigkeit.
    57. III Die individuelle Freiheit.
    58. III Der Prozeß der Kulturentwicklung.
    59. III Triebsublimierung
    60. III Die Kulturversagung.
    62. IV Entwicklungsgeschichte der Familie.
    Die organische Verdrängung