S.
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wie man es möglich macht, einem Trieb die Befriedigung
zu entziehen. Es ist gar nicht so ungefährlich; wenn
man es nicht ökonomisch kompensiert, kann man
sich auf ernste Störungen gefaßt machen.
Wenn wir aber wissen wollen, welchen Wert
unsere Auffassung der Kulturentwicklung als
eines besonderen Prozesses, vergleichbar der
normalen Reifung des Individuums, beanspruchen
kann, müssen wir offenbar ein anderes Problem
in Angriff nehmen, uns die Frage stellen, welchen
Einflüssen die Kulturentwicklung ihren Ur-
sprung dankt, wie sie entstanden ist und
wodurch ihr Lauf bestimmt wurde.IV
Diese Aufgabe scheint übergroß, man darf
seine Verzagtheit eingestehen. Hier das
Wenige, was ich erraten konnte.
Nachdem der Urmensch entdeckt hatte, daß es
– wörtlich so verstanden – in seiner Hand lag,
sein Los auf der Erde durch Arbeit
zu verbessern, konnte es ihm nicht gleich-
giltig sein, ob ein anderer mit oder
gegen ihn arbeitete. Der andere gewann
für ihn den Wert des Mitarbeiters, mit
dem zusammen zu leben nützlich war. Noch
vorher, in seiner affenähnlichen Vorzeit,
hatte er die Gewohnheit angenommen,
Familien zu bilden; die Mitglieder der
Familie waren wahrscheinlich seine ersten
Helfer. Vermutlich hing die Gründung
der Familie damit zusammen, daß das Bedürfnis
nach genitaler Befriedigung nicht mehr wie ein
Gast auftrat, der plötzlich bei einem er-
scheint und nach seiner Abreise lange nichts
mehr von sich hören läßt, sondern sich als Dauer-
mieter beim Einzelnen niederließ. Damit
bekam das Männchen ein Motiv, das Weib
oder allgemeiner: die Sexualobjekte bei sich
zu behalten; die Weibchen, die sich von
ihren hilflosen Jungen nicht trennen
wollten, mußten auch in deren Interesse
beim stärkeren Männchen bleiben. x)
__________________________________________________
x) Die organische Periodicität des Sexualvorganges
ist zwar erhalten geblieben aber ihr Einfluß
auf die psychische Sexualerregung hat sich eher
ins Gegenteil verkehrt. Diese Veränderung
hängt am ehesten zusammen mit dem Zurück=
treten der Geruchsreize, durch welche der
Menstruationsvorgang auf die Psyche ein=
wirkte. Deren Rolle wurde von Gesichts=
erregungen übernommen, die im Gegen=
satz zu den intermittierenden Geruchsreizen
eine permanente Wirkung unterhalten
konnten. Das Tabu der Menstruation ent=
stammt dieser „organischen Verdrängung“S.
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als Abwehr einer überwundenen Entwicklungsphase;
alle anderen Motivierungen sind wahrscheinlich
sekundärer Natur. Dieser Vorgang wiederholt
sich auf anderem Niveau, wenn die Götter
einer überholten Kulturperiode zu Dämonen
werden. Das Zurücktreten der Geruchsreize scheint
aber selbst Folge der Abwendung des Menschen
von der Erde, des Entschlusses zum aufrechten
Gang, der jetzt nun die bisher gedeckten
Genitalien sichtbar und schutzbedürftig macht
und so das Schämen hervorruft. Am Beginne
des der Entwicklung des Menschen in die
Aufrichtung läuft also stünde also die Auf-
richtung des Menschen. Die Verkettung
läuft von hier aus über die Entwertung
der Geruchsreize und Isolierung der
Periode zum Übergewicht der Gesichts-
reize Sichtbarwerden der Genitalien, weiter
zur Kontinuität der Sexualerregung, Gründung
der Familie und damit zur Schwelle der
menschlichen Kultur. Dies ist nur eine theoretische
Spekulation, aber wichtig genug, um eine exakte
Nachprüfung an den Lebensverhältnissen
der dem Menschen nahe stehenden Tiere
zu verdienen.
In dieser primitiven Familie vermissen wir noch
einen wesentlichen Zug der Kultur; die Willkür
des Oberhauptes und Vaters war unbeschränkt.
In „Totem und Tabu“ habe ich versucht, den Weg
aufzuzeigen, der von dieser Familie zur nächsten
Stufe des Zusammenlebens in Form der
Brüderbünde führte. Bei der Überwältigung
des Vaters hatten die Söhne die Erfahrung
gemacht, daß eine Vereinigung stärker
sein kann als der Einzelne. Die totemistische
Kultur ruht auf den Einschränkungen, die
sie zur Aufrechterhaltung des neuen Zustandes
ein ander auferlegen mußten. Die Tabu-
vorschriften waren das erste „Recht“. Das
Zusammenleben der Menschen war
also zweifach begründet, durch den Zwang zur
Arbeit, den die äußere Not schuf, und
durch die Macht der Liebe, die von Seiten
des Mannes das Sexualobjekt im Weibe,
von Seiten des Weibes das von ihr ab-
gelöste Teilstück des Kindes nicht entbehren
wollte. Eros und Ananke sind auch die
Eltern der menschlichen Kultur geworden.
Der erste Kulturerfolg war, daß nun auch
eine größere Anzahl von Menschen in
Gemeinschaft bleiben konnten. Und da beide
großen Mächte dabei zusammenwirkten,
könnte man erwarten, daß sich die
weitere Entwicklung glatt vollziehen
würde, zu immer besserer Beherrschung
der Außenwelt wie zur weiteren
Ausdehnung der von der Gemeinschaft
umfaßten Menschenzahl. Man ver-
steht dannS.
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steht auch nicht leicht, wie diese Kultur auf ihre
Teilnehmer anders als beglückend wirken kann.
Ehe wir noch untersuchen, woher eine Störung
kommen kann, lassen wir uns durch die
Anerkennung der Liebe als einer Grundlage
der Kultur ablenken, um eine Lücke in
einer früheren Erörterung auszufüllen. Wir
sagten, die Erfahrung, daß die geschlechtliche (genitale)
Liebe dem Menschen die stärksten Befriedig-
ungserlebnisse gewähre, ihm eigentlich das Vorbild für alles
Glück gebe, müßte es nahe gelegt haben, die
Glücksbefriedigung im Leben auch weiterhin auf
dem Gebiet der geschlechtlichen Beziehungen
zu suchen, die genitale Erotik in den Mittelpunkt
des Lebens zu stellen. Wir setzten fort, daß
man sich auf diesem Wege in bedenklichster
Weise von einem Stück der Außenwelt, näm-
lich vom gewählten Liebesobjekt, abhängig mache
und dem stärksten Leiden aussetze, wenn man
von diesem verschmäht werde oder es durch
Untreue oder Tod verliere. Die Weisen
aller Zeiten haben darum nachdrücklichst von
diesem Lebensweg abgeraten; er hat dennoch
für eine große Anzahl von Menschenkindern
seine Anziehung nicht verloren.
Einer geringen Minderzahl wird es durch ihre
Konstitution ermöglicht, das Glück doch auf dem
Wege der Liebe zu finden, wobei aber
weitgehende seelische Abänderungen der
Liebesfunktion unerläßlich sind. Diese
Personen machen sich von der Zustimmung der
Objekte unabhängig, indem sie den Hauptwert
vom Geliebtwerden auf das eigene Lieben
verschieben, sie schützen sich gegen dessen Ver-
lust, indem sie ihre Liebe nicht auf einzelne
Objekte, sondern in gleichem Maße auf
alle Menschen richten, und sie vermeiden
die Schwankungen und Enttäuschungen der
genitalen Liebe dadurch, daß sie von
deren Sexualziel ablenken, den Trieb in
eine zielgehemmte Regung verwandeln.
Was sie auf diese Art bei sich zustande
bringen, der Zustand eines gleichschwebenden
unbeirrbaren zärtlichen Empfindens, hat mit
dem stürmisch bewegten genitalen Liebesleben, von dem
es doch abgeleitet ist, nicht mehr viel
äußere Ähnlichkeit. Der hl. Franciscus von Assisi mag
es in dieser Ausnützung der Liebe für das
innere Glücksgefühl am weitesten gebracht
haben; was wir als eine der Techniken der
Erfüllung des Lustprinzips erkennen,
ist auch vielfach in Beziehung zur
Religion gebracht worden, mit der es
in jenen entlegenen Regionen zusammen=S.
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hängen mag, wo die Unterscheidung des Ichs von
den Objekten und dieser von einander
vernachlässigt wird. Eine ethische Betrachtung,
deren Motivierung uns noch offenbar
werden wird, will in dieser Bereitschaft
zur allgemeinen Menschen- und Weltliebe
die höchste Einstellung sehen, zu der sich der
Mensch erheben kann. Wir möchten schon
hier unsere zwei hauptsächlichen Bedenken
nicht zurückhalten. Eine Liebe, die nicht
auswählt, scheint uns einen Teil ihres
eigenen Wertes einzubüßen, indem sie
an dem Objekt ein Unrecht tut, und zweitens:
es sind nicht alle Menschen liebenswert.
Jene Liebe, welche die Familie gründete,
bleibt in ihrer ursprünglichen Ausprägung,
in der sie auf direkte sexuelle Befried-
igung nicht verzichtet, und in ihrer Modifi-
kation als zielgehemmte Zärtlichkeit in
der Kultur weiter wirksam. In beiden
Formen setzt sie ihre Funktion fort, eine
größere Anzahl von Menschen an einander
zu binden, und in intensiverer Art als es
dem Interesse der Arbeitsgemeinschaft gelingt.
Die Nachlässigkeit der Sprache in
der Anwendung des Wortes „Liebe“
findet eine genetische Rechtfertigung. Liebe
nennt man die Beziehung zwischen Mann
und Weib, die auf Grund ihrer genitalen
Bedürfnisse eine Familie gegründet haben,
Liebe aber auch die positiven Gefühle
zwischen Eltern und Kindern, zwischen den
Geschwistern in der Familie,
obwol wir diese Beziehung als zielgehemmte
Liebe, als Zärtlichkeit, beschreiben müssen. Die
zielgehemmte Liebe war eben ursprünglich voll-
sinnliche Liebe und ist es im Unbewußten
des Menschen noch immer. Beide, voll-
sinnliche und zielgehemmte Liebe greifen
über die Familie hinaus und stellen
neue Bindungen an bisher Fremde her. Die
genitale Liebe führt zu neuen Familienbild-
ungen, die zielgehemmte zu „Freundschaften“,
welche kulturell wichtig werden, weil sie
manchen Beschränkungen der genitalen Liebe,
z. B. deren Ausschließlichkeit entgehen.
Aber das Verhältnis der Liebe zur
Kultur verliert im Verlaufe der Entwick-
lung seine Eindeutigkeit. Einerseits wider-
setzt sich die Liebe den Interessen der
Kultur, anderseits bedroht die Kultur
die Liebe mit empfindlichen Einschränk-
ungen.S.
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Diese Entzweiung scheint unvermeidlich, ihr Grund ist
nicht sofort zu erkennen. Sie äußert sich zunächst als
ein Konflikt zwischen der Familie und der größeren
Gemeinschaft, der der Einzelne angehört. Wir haben bereits
erraten, daß es eine der Hauptbestrebungen der
Kultur ist, die Menschen zu großen Einheiten
zusammen zu ballen. Die Familie will aber
das Individuum nicht freigeben. Je inniger
der Zusammenhalt der Familienmitglieder ist,
desto mehr sind sie oft geneigt, sich von anderen ab-
zuschließen, desto schwieriger wird ihnen
der Eintritt in den größeren Lebenskreis.
Die phylogenetisch ältere, in der Kindheit
allein bestehende Weise des Zusammen-
lebens wehrt sich, von der später erworbenen
kulturellen abgelöst zu werden. Die Ab-
lösung von der Familie wird für jeden Jugend-
lichen zu einer Aufgabe, bei deren Lösung
ihm die Gesellschaft oft durch Pubertäts-
und Aufnahmsriten unterstützt. Man gewinnt
den Eindruck, dies seien Schwierigkeiten, die
jeder psychischen, ja im Grunde auch jeder
organischen Entwicklung anhängen.
Ferner treten bald die Frauen in einen
Gegensatz zur Kulturströmung und entfalten
ihren verzögernden und zurückhaltenden Einfluß,
dieselben, die anfangs durch die Forderungen
ihrer Liebe das Fundament der Kultur gelegt
hatten. Die Frauen vertreten die Interessen
der Familie und des Sexuallebens; die Kultur-
arbeit ist immer mehr Sache der Männer ge-
worden, stellt ihnen immer schwierigere Aufgaben,
nötigt sie zu Triebsublimierungen, denen die
Frauen wenig gewachsen sind. Da der Mensch
nicht über unbegrenzte Quantitäten psychischer
Energie verfügt, muß er seine Aufgaben
durch zweckmäßige Verteilung der Libido
erledigen. Was er für kulturelle Zwecke
verbraucht, entzieht er großenteils den
Frauen und dem Sexualleben: das beständige
Zusammensein mit Männern, seine Abhängigkeit
von den Beziehungen zu ihnen entfremden
ihn sogar seinen Aufgaben als Ehemann und
Vater. So sieht sich die Frau durch die Ansprüche
der Kultur in den Hintergrund gedrängt
und tritt zu ihr in ein feindliches Verhältnis.
Von Seiten der Kultur ist die Tendenz
zur Einschränkung des Sexuallebens nicht
minder deutlich als die andere zur Aus-
dehnung des Kulturkreises. Schon die
erste Kulturphase, die des Totemismus,
bringt das Verbot der inzestuösen Ob-
jektwahl mit sich, vielleicht die ein-
schneidendste Verstümmelung, die das
menschliche Liebesleben im Laufe der
Zeiten erfahren hat. Durch Tabu,
Gesetz und Sitte werden weitereS.
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Einschränkungen hergestellt, die sowol die
Männer als die Frauen betreffen. Nicht alle
Kulturen gehen darin gleich weit; die wirtschaft-
liche Struktur der Gesellschaft beeinflußt
auch das Maß der restlichen Sexualfreiheit.
Wir wissen schon, daß die Kultur dabei dem Zwang
der ökonomischen Notwendigkeit folgt, da
sie der Sexualität einen großen Betrag
der psychischen Energie entziehen muß, die
sie selbst verbraucht. Dabei benimmt sich
die Kultur gegen die Sexualität wie ein
Volksstamm oder eine Schichte der Bevölkerung,
die eine andere ihrer Ausbeutung unter-
worfen hat. Die Angst vor dem Aufstand der
Unterdrückten treibt zu strengen Vorsichtsmaß-
regeln. Einen Höhepunkt solcher
Entwicklung zeigt unsere westeuropäische
Kultur. Es ist psychologisch durchaus berechtigt,
daß sie damit einsetzt, die Äußerungen
des kindlichen Sexuallebens zu verpönen,
denn die Eindämmung der sexuellen Gelüste
des Erwachsenen hat keine Aussicht, wenn
ihr nicht in der Kindheit vorgearbeitet
wurde. Nur läßt es sich auf keine Art
rechtfertigen, daß die Kulturgesellschaft
so weit gegangen ist, diese leicht nachweisbaren,
ja auffälligen Phänomene auch zu leugnen.
Die Objektwahl des geschlechtsreifen Individuums
wird auf das gegenteilige Geschlecht eingeengt,
die meisten außergenitalen Befriedigungen
als Perversionen untersagt. Die in diesen
Verboten kundgegebene Forderung eines
für Alle gleichartigen Sexuallebens setzt sich über die
Ungleichheiten in der angeborenen und erworbenen
Sexualkonstitution der Menschen hinaus, schneidet
eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexualgenuß
ab und wird so die Quelle schwerer Unge-
rechtigkeit. Der Erfolg dieser einschränkenden
Maßregeln könnte nun sein, daß bei denen,
die normal, die nicht konstitutionell daran
verhindert sind, alles Sexualinteresse ohne
Einbuße in die offen gelassenen Kanäle
einströmt. Aber was von der Ächtung frei
bleibt, die heterosexuelle genitale Liebe,
wird durch die Beschränkungen der Legitimität
und der Ehe weiter beeinträchtigt.
Die Kultur giebt deutlich zu erkennen, daß
sie sexuelle Beziehungen nur auf Grund einer
einmaligen unauflösbaren Bindung eines
Mannes an ein Weib gestatten will, daß
sie die Sexualität als selbständige Lustquelle
nicht mag und sie nur als bisher unersetzte
Quelle für die Vermehrung der Menschen
zu dulden gesonnen ist.
Das ist natürlich ein Extrem. Es ist bekannt, daß
es sich als undurchführbar, selbst für kürzere
Zeiten, erwiesen hat. Nur die SchwächlingeS.
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haben sich einem so weit gehenden Einbruch in ihre Sexual-
freiheit gefügt, stärkere Naturen nur unter einer
kompensierenden Bedingung, von der später die Rede
sein kann. Die Kulturgesellschaft hat sich genötigt
gesehen, viele Überschreitungen stillschweigend
zuzulassen, die sie nach ihren Satzungen hätte
verfolgen müssen. Doch darf man sich nach
der anderen Seite irre gehen und annehmen,
eine solche kulturelle Einstellung sei überhaupt harmlos,
weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das
Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer
geschädigt, es macht mitunter den Eindruck einer
in Rückbildung befindlichen Funktion, wie
unser Gebiß und unsere Kopfhaare als Organe
zu sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein
Recht anzunehmen, daß seine Bedeutung als Quelle
von Glücksempfindungen, also in der Erfüllung
unseres Lebenszweckes, empfindlich
nachgelassen hat. Manchmal glaubt man zu er-
kennen, es sei nicht allein der Druck
der Kultur, etwas am Wesen der Funktion
selbst versage uns die volle Befriedigung
und dränge uns auf andere Wege. Es mag
ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden. x)
__________________________________________________
x) Unter den Dichtungen des feinsinnigen Engländers
J. Galsworthy, der sich heute allgemeiner Aner-
kennung erfreut, schätzte ich früh eine
kleine Geschichte, betitelt The Apple Tree. Sie
zeigt in eindringlicher Weise, wie im Leben
des heutigen Kulturmenschen für die einfache,
natürliche Liebe zweier Menschenkinder
kein Raum mehr ist.
__________________________________________________
Die psychoanalytische Arbeit hat uns gelehrt, daß es
gerade diese Versagungen des Sexuallebens
sind, die den sogenannten Neurotikern nicht er-
tragen werden. Sie schaffen sich in ihren Symptomen
Ersatzbefriedigungen, die aber entweder an
sich leidensvoll sind oder zur Leidensquelle
werden, indem sie ihnen Schwierigkeiten
mit Umwelt und Gesellschaft bereiten.
Das Letztere ist leicht verständlich, das Andere
giebt uns ein neues Rätsel auf. Die Kultur
verlangt aber noch andere Opfer als die von
Sexualbefriedigung.
Wir haben die Schwierigkeit der Kulturent-
wicklung als eine allgemeine Entwicklungsschwierig-
keit erfaßt, aufgefaßt, indem wir sie auf
die Trägheit der Libido zurückgeführt haben,
auf deren Abneigung, eine alte Position
gegen eine neue zu verlassen.
Wir sagen ungefähr dasselbe, wenn wir den
Gegensatz zwischen Kultur und Sexualität
davon ableiten, daß die sexuelle Liebe
ein Verhältnis zwischen zwei Personen
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Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
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