Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
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    wie man es möglich macht, einem Trieb die Befriedigung
    zu entziehen. Es ist gar nicht so ungefährlich; wenn
    man es nicht ökonomisch kompensiert, kann man
    sich auf ernste Störungen gefaßt machen.
          Wenn wir aber wissen wollen, welchen Wert
    unsere Auffassung der Kulturentwicklung als
    eines besonderen Prozesses, vergleichbar der
    normalen Reifung des Individuums, beanspruchen
    kann, müssen wir offenbar ein anderes Problem
    in Angriff nehmen, uns die Frage stellen, welchen
    Einflüssen die Kulturentwicklung ihren Ur-
    sprung dankt, wie sie entstanden ist und
    wodurch ihr Lauf bestimmt wurde.

    IV

    Diese Aufgabe scheint übergroß, man darf
    seine Verzagtheit eingestehen. Hier das
    Wenige, was ich erraten konnte.
    Nachdem der Urmensch entdeckt hatte, daß es
    – wörtlich so verstanden – in seiner Hand lag,
    sein Los auf der Erde durch Arbeit
    zu verbessern, konnte es ihm nicht gleich-
    giltig sein, ob ein anderer mit oder
    gegen ihn arbeitete. Der andere gewann
    für ihn den Wert des Mitarbeiters, mit
    dem zusammen zu leben nützlich war. Noch
    vorher, in seiner affenähnlichen Vorzeit,
    hatte er die Gewohnheit angenommen,
    Familien zu bilden; die Mitglieder der
    Familie waren wahrscheinlich seine ersten
    Helfer. Vermutlich hing die Gründung
    der Familie damit zusammen, daß das Bedürfnis
    nach genitaler Befriedigung nicht mehr wie ein
    Gast auftrat, der plötzlich bei einem er-
    scheint und nach seiner Abreise lange nichts
    mehr von sich hören läßt, sondern sich als Dauer-
    mieter beim Einzelnen niederließ. Damit
    bekam das Männchen ein Motiv, das Weib
    oder allgemeiner: die Sexualobjekte bei sich
    zu behalten; die Weibchen, die sich von
    ihren hilflosen Jungen nicht trennen
    wollten, mußten auch in deren Interesse
    beim stärkeren Männchen bleiben. x)
    __________________________________________________
    x) Die organische Periodicität des Sexualvorganges
    ist zwar erhalten geblieben aber ihr Einfluß
    auf die psychische Sexualerregung hat sich eher
    ins Gegenteil verkehrt. Diese Veränderung
    hängt am ehesten zusammen mit dem Zurück=
    treten der Geruchsreize, durch welche der
    Menstruationsvorgang auf die Psyche ein=
    wirkte. Deren Rolle wurde von Gesichts=
    erregungen übernommen, die im Gegen=
    satz zu den intermittierenden Geruchsreizen
    eine permanente Wirkung unterhalten
    konnten. Das Tabu der Menstruation ent=
    stammt dieser „organischen Verdrängung“

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    als Abwehr einer überwundenen Entwicklungsphase;
    alle anderen Motivierungen sind wahrscheinlich
    sekundärer Natur. Dieser Vorgang wiederholt
    sich auf anderem Niveau, wenn die Götter
    einer überholten Kulturperiode zu Dämonen
    werden. Das Zurücktreten der Geruchsreize scheint
    aber selbst Folge der Abwendung des Menschen
    von der Erde, des Entschlusses zum aufrechten
    Gang, der jetzt nun die bisher gedeckten
    Genitalien sichtbar und schutzbedürftig macht
    und so das Schämen hervorruft. Am Beginne
    des der Entwicklung des Menschen in die
    Aufrichtung läuft also stünde also die Auf-
    richtung des Menschen. Die Verkettung
    läuft von hier aus über die Entwertung
    der Geruchsreize und Isolierung der
    Periode zum Übergewicht der Gesichts-
    reize Sichtbarwerden der Genitalien, weiter
    zur Kontinuität der Sexualerregung, Gründung
    der Familie und damit zur Schwelle der
    menschlichen Kultur. Dies ist nur eine theoretische
    Spekulation, aber wichtig genug, um eine exakte
    Nachprüfung an den Lebensverhältnissen
    der dem Menschen nahe stehenden Tiere
    zu verdienen.
          In dieser primitiven Familie vermissen wir noch
    einen wesentlichen Zug der Kultur; die Willkür
    des Oberhauptes und Vaters war unbeschränkt.
    In „Totem und Tabu“ habe ich versucht, den Weg
    aufzuzeigen, der von dieser Familie zur nächsten
    Stufe des Zusammenlebens in Form der
    Brüderbünde führte. Bei der Überwältigung
    des Vaters hatten die Söhne die Erfahrung
    gemacht, daß eine Vereinigung stärker
    sein kann als der Einzelne. Die totemistische
    Kultur ruht auf den Einschränkungen, die
    sie zur Aufrechterhaltung des neuen Zustandes
    ein ander auferlegen mußten. Die Tabu-
    vorschriften waren das erste „Recht“. Das
    Zusammenleben der Menschen war
    also zweifach begründet, durch den Zwang zur
    Arbeit, den die äußere Not schuf, und
    durch die Macht der Liebe, die von Seiten
    des Mannes das Sexualobjekt im Weibe,
    von Seiten des Weibes das von ihr ab-
    gelöste Teilstück des Kindes nicht entbehren
    wollte. Eros und Ananke sind auch die
    Eltern der menschlichen Kultur geworden.
    Der erste Kulturerfolg war, daß nun auch
    eine größere Anzahl von Menschen in
    Gemeinschaft bleiben konnten. Und da beide
    großen Mächte dabei zusammenwirkten,
    könnte man erwarten, daß sich die
    weitere Entwicklung glatt vollziehen
    würde, zu immer besserer Beherrschung
    der Außenwelt wie zur weiteren
    Ausdehnung der von der Gemeinschaft
    umfaßten Menschenzahl. Man ver-
    steht dann

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    steht auch nicht leicht, wie diese Kultur auf ihre
    Teilnehmer anders als beglückend wirken kann.
          Ehe wir noch untersuchen, woher eine Störung
    kommen kann, lassen wir uns durch die
    Anerkennung der Liebe als einer Grundlage
    der Kultur ablenken, um eine Lücke in
    einer früheren Erörterung auszufüllen. Wir
    sagten, die Erfahrung, daß die geschlechtliche (genitale)
    Liebe dem Menschen die stärksten Befriedig-
    ungserlebnisse gewähre, ihm eigentlich das Vorbild für alles
    Glück gebe, müßte es nahe gelegt haben, die
    Glücksbefriedigung im Leben auch weiterhin auf
    dem Gebiet der geschlechtlichen Beziehungen
    zu suchen, die genitale Erotik in den Mittelpunkt
    des Lebens zu stellen. Wir setzten fort, daß
    man sich auf diesem Wege in bedenklichster
    Weise von einem Stück der Außenwelt, näm-
    lich vom gewählten Liebesobjekt, abhängig mache
    und dem stärksten Leiden aussetze, wenn man
    von diesem verschmäht werde oder es durch
    Untreue oder Tod verliere. Die Weisen
    aller Zeiten haben darum nachdrücklichst von
    diesem Lebensweg abgeraten; er hat dennoch
    für eine große Anzahl von Menschenkindern
    seine Anziehung nicht verloren.
          Einer geringen Minderzahl wird es durch ihre
    Konstitution ermöglicht, das Glück doch auf dem
    Wege der Liebe zu finden, wobei aber
    weitgehende seelische Abänderungen der
    Liebesfunktion unerläßlich sind. Diese
    Personen machen sich von der Zustimmung der
    Objekte unabhängig, indem sie den Hauptwert
    vom Geliebtwerden auf das eigene Lieben
    verschieben, sie schützen sich gegen dessen Ver-
    lust, indem sie ihre Liebe nicht auf einzelne
    Objekte, sondern in gleichem Maße auf
    alle Menschen richten, und sie vermeiden
    die Schwankungen und Enttäuschungen der
    genitalen Liebe dadurch, daß sie von
    deren Sexualziel ablenken, den Trieb in
    eine zielgehemmte Regung verwandeln.
    Was sie auf diese Art bei sich zustande
    bringen, der Zustand eines gleichschwebenden
    unbeirrbaren zärtlichen Empfindens, hat mit
    dem stürmisch bewegten genitalen Liebesleben, von dem
    es doch abgeleitet ist, nicht mehr viel
    äußere Ähnlichkeit. Der hl. Franciscus von Assisi mag
    es in dieser Ausnützung der Liebe für das
    innere Glücksgefühl am weitesten gebracht
    haben; was wir als eine der Techniken der
    Erfüllung des Lustprinzips erkennen,
    ist auch vielfach in Beziehung zur
    Religion gebracht worden, mit der es
    in jenen entlegenen Regionen zusammen=

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    hängen mag, wo die Unterscheidung des Ichs von
    den Objekten und dieser von einander
    vernachlässigt wird. Eine ethische Betrachtung,
    deren Motivierung uns noch offenbar
    werden wird, will in dieser Bereitschaft
    zur allgemeinen Menschen- und Weltliebe
    die höchste Einstellung sehen, zu der sich der
    Mensch erheben kann. Wir möchten schon
    hier unsere zwei hauptsächlichen Bedenken
    nicht zurückhalten. Eine Liebe, die nicht
    auswählt, scheint uns einen Teil ihres
    eigenen Wertes einzubüßen, indem sie
    an dem Objekt ein Unrecht tut, und zweitens:
    es sind nicht alle Menschen liebenswert.
          Jene Liebe, welche die Familie gründete,
    bleibt in ihrer ursprünglichen Ausprägung,
    in der sie auf direkte sexuelle Befried-
    igung nicht verzichtet, und in ihrer Modifi-
    kation als zielgehemmte Zärtlichkeit in
    der Kultur weiter wirksam. In beiden
    Formen setzt sie ihre Funktion fort, eine
    größere Anzahl von Menschen an einander
    zu binden, und in intensiverer Art als es
    dem Interesse der Arbeitsgemeinschaft gelingt.
    Die Nachlässigkeit der Sprache in
    der Anwendung des Wortes „Liebe“
    findet eine genetische Rechtfertigung. Liebe
    nennt man die Beziehung zwischen Mann
    und Weib, die auf Grund ihrer genitalen
    Bedürfnisse eine Familie gegründet haben,
    Liebe aber auch die positiven Gefühle
    zwischen Eltern und Kindern, zwischen den
    Geschwistern in der Familie,
    obwol wir diese Beziehung als zielgehemmte
    Liebe, als Zärtlichkeit, beschreiben müssen. Die
    zielgehemmte Liebe war eben ursprünglich voll-
    sinnliche Liebe und ist es im Unbewußten
    des Menschen noch immer. Beide, voll-
    sinnliche und zielgehemmte Liebe greifen
    über die Familie hinaus und stellen
    neue Bindungen an bisher Fremde her. Die
    genitale Liebe führt zu neuen Familienbild-
    ungen, die zielgehemmte zu „Freundschaften“,
    welche kulturell wichtig werden, weil sie
    manchen Beschränkungen der genitalen Liebe,
    z. B. deren Ausschließlichkeit entgehen.
    Aber das Verhältnis der Liebe zur
    Kultur verliert im Verlaufe der Entwick-
    lung seine Eindeutigkeit. Einerseits wider-
    setzt sich die Liebe den Interessen der
    Kultur, anderseits bedroht die Kultur
    die Liebe mit empfindlichen Einschränk-
    ungen.

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    Diese Entzweiung scheint unvermeidlich, ihr Grund ist
    nicht sofort zu erkennen. Sie äußert sich zunächst als
    ein Konflikt zwischen der Familie und der größeren
    Gemeinschaft, der der Einzelne angehört. Wir haben bereits
    erraten, daß es eine der Hauptbestrebungen der
    Kultur ist, die Menschen zu großen Einheiten
    zusammen zu ballen. Die Familie will aber
    das Individuum nicht freigeben. Je inniger
    der Zusammenhalt der Familienmitglieder ist,
    desto mehr sind sie oft geneigt, sich von anderen ab-
    zuschließen, desto schwieriger wird ihnen
    der Eintritt in den größeren Lebenskreis.
    Die phylogenetisch ältere, in der Kindheit
    allein bestehende Weise des Zusammen-
    lebens wehrt sich, von der später erworbenen
    kulturellen abgelöst zu werden. Die Ab-
    lösung von der Familie wird für jeden Jugend-
    lichen zu einer Aufgabe, bei deren Lösung
    ihm die Gesellschaft oft durch Pubertäts-
    und Aufnahmsriten unterstützt. Man gewinnt
    den Eindruck, dies seien Schwierigkeiten, die
    jeder psychischen, ja im Grunde auch jeder
    organischen Entwicklung anhängen.
          Ferner treten bald die Frauen in einen
    Gegensatz zur Kulturströmung und entfalten
    ihren verzögernden und zurückhaltenden Einfluß,
    dieselben, die anfangs durch die Forderungen
    ihrer Liebe das Fundament der Kultur gelegt
    hatten. Die Frauen vertreten die Interessen
    der Familie und des Sexuallebens; die Kultur-
    arbeit ist immer mehr Sache der Männer ge-
    worden, stellt ihnen immer schwierigere Aufgaben,
    nötigt sie zu Triebsublimierungen, denen die
    Frauen wenig gewachsen sind. Da der Mensch
    nicht über unbegrenzte Quantitäten psychischer
    Energie verfügt, muß er seine Aufgaben
    durch zweckmäßige Verteilung der Libido
    erledigen. Was er für kulturelle Zwecke
    verbraucht, entzieht er großenteils den
    Frauen und dem Sexualleben: das beständige
    Zusammensein mit Männern, seine Abhängigkeit
    von den Beziehungen zu ihnen entfremden
    ihn sogar seinen Aufgaben als Ehemann und
    Vater. So sieht sich die Frau durch die Ansprüche
    der Kultur in den Hintergrund gedrängt
    und tritt zu ihr in ein feindliches Verhältnis.
          Von Seiten der Kultur ist die Tendenz
    zur Einschränkung des Sexuallebens nicht
    minder deutlich als die andere zur Aus-
    dehnung des Kulturkreises. Schon die
    erste Kulturphase, die des Totemismus,
    bringt das Verbot der inzestuösen Ob-
    jektwahl mit sich, vielleicht die ein-
    schneidendste Verstümmelung, die das
    menschliche Liebesleben im Laufe der
    Zeiten erfahren hat. Durch Tabu,
    Gesetz und Sitte werden weitere

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    Einschränkungen hergestellt, die sowol die
    Männer als die Frauen betreffen. Nicht alle
    Kulturen gehen darin gleich weit; die wirtschaft-
    liche Struktur der Gesellschaft beeinflußt
    auch das Maß der restlichen Sexualfreiheit.
    Wir wissen schon, daß die Kultur dabei dem Zwang
    der ökonomischen Notwendigkeit folgt, da
    sie der Sexualität einen großen Betrag
    der psychischen Energie entziehen muß, die
    sie selbst verbraucht. Dabei benimmt sich
    die Kultur gegen die Sexualität wie ein
    Volksstamm oder eine Schichte der Bevölkerung,
    die eine andere ihrer Ausbeutung unter-
    worfen hat. Die Angst vor dem Aufstand der
    Unterdrückten treibt zu strengen Vorsichtsmaß-
    regeln. Einen Höhepunkt solcher
    Entwicklung zeigt unsere westeuropäische
    Kultur. Es ist psychologisch durchaus berechtigt,
    daß sie damit einsetzt, die Äußerungen
    des kindlichen Sexuallebens zu verpönen,
    denn die Eindämmung der sexuellen Gelüste
    des Erwachsenen hat keine Aussicht, wenn
    ihr nicht in der Kindheit vorgearbeitet
    wurde. Nur läßt es sich auf keine Art
    rechtfertigen, daß die Kulturgesellschaft
    so weit gegangen ist, diese leicht nachweisbaren,
    ja auffälligen Phänomene auch zu leugnen.
    Die Objektwahl des geschlechtsreifen Individuums
    wird auf das gegenteilige Geschlecht eingeengt,
    die meisten außergenitalen Befriedigungen
    als Perversionen untersagt. Die in diesen
    Verboten kundgegebene Forderung eines
    für Alle gleichartigen Sexuallebens setzt sich über die
    Ungleichheiten in der angeborenen und erworbenen
    Sexualkonstitution der Menschen hinaus, schneidet
    eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexualgenuß
    ab und wird so die Quelle schwerer Unge-
    rechtigkeit. Der Erfolg dieser einschränkenden
    Maßregeln könnte nun sein, daß bei denen,
    die normal, die nicht konstitutionell daran
    verhindert sind, alles Sexualinteresse ohne
    Einbuße in die offen gelassenen Kanäle
    einströmt. Aber was von der Ächtung frei
    bleibt, die heterosexuelle genitale Liebe,
    wird durch die Beschränkungen der Legitimität
    und der Ehe weiter beeinträchtigt.
    Die Kultur giebt deutlich zu erkennen, daß
    sie sexuelle Beziehungen nur auf Grund einer
    einmaligen unauflösbaren Bindung eines
    Mannes an ein Weib gestatten will, daß
    sie die Sexualität als selbständige Lustquelle
    nicht mag und sie nur als bisher unersetzte
    Quelle für die Vermehrung der Menschen
    zu dulden gesonnen ist.
          Das ist natürlich ein Extrem. Es ist bekannt, daß
    es sich als undurchführbar, selbst für kürzere
    Zeiten, erwiesen hat. Nur die Schwächlinge

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    haben sich einem so weit gehenden Einbruch in ihre Sexual-
    freiheit gefügt, stärkere Naturen nur unter einer
    kompensierenden Bedingung, von der später die Rede
    sein kann. Die Kulturgesellschaft hat sich genötigt
    gesehen, viele Überschreitungen stillschweigend
    zuzulassen, die sie nach ihren Satzungen hätte
    verfolgen müssen. Doch darf man sich nach
    der anderen Seite irre gehen und annehmen,
    eine solche kulturelle Einstellung sei überhaupt harmlos,
    weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das
    Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer
    geschädigt, es macht mitunter den Eindruck einer
    in Rückbildung befindlichen Funktion, wie
    unser Gebiß und unsere Kopfhaare als Organe
    zu sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein
    Recht anzunehmen, daß seine Bedeutung als Quelle
    von Glücksempfindungen, also in der Erfüllung
    unseres Lebenszweckes, empfindlich
    nachgelassen hat. Manchmal glaubt man zu er-
    kennen, es sei nicht allein der Druck
    der Kultur, etwas am Wesen der Funktion
    selbst versage uns die volle Befriedigung
    und dränge uns auf andere Wege. Es mag
    ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden. x)
    __________________________________________________
    x) Unter den Dichtungen des feinsinnigen Engländers
    J. Galsworthy, der sich heute allgemeiner Aner-
    kennung erfreut, schätzte ich früh eine
    kleine Geschichte, betitelt The Apple Tree. Sie
    zeigt in eindringlicher Weise, wie im Leben
    des heutigen Kulturmenschen für die einfache,
    natürliche Liebe zweier Menschenkinder
    kein Raum mehr ist.
    __________________________________________________
    Die psychoanalytische Arbeit hat uns gelehrt, daß es
    gerade diese Versagungen des Sexuallebens
    sind, die den sogenannten Neurotikern nicht er-
    tragen werden. Sie schaffen sich in ihren Symptomen
    Ersatzbefriedigungen, die aber entweder an
    sich leidensvoll sind oder zur Leidensquelle
    werden, indem sie ihnen Schwierigkeiten
    mit Umwelt und Gesellschaft bereiten.
    Das Letztere ist leicht verständlich, das Andere
    giebt uns ein neues Rätsel auf. Die Kultur
    verlangt aber noch andere Opfer als die von
    Sexualbefriedigung.
    Wir haben die Schwierigkeit der Kulturent-
    wicklung als eine allgemeine Entwicklungsschwierig-
    keit erfaßt, aufgefaßt, indem wir sie auf
    die Trägheit der Libido zurückgeführt haben,
    auf deren Abneigung, eine alte Position
    gegen eine neue zu verlassen.
    Wir sagen ungefähr dasselbe, wenn wir den
    Gegensatz zwischen Kultur und Sexualität
    davon ableiten, daß die sexuelle Liebe
    ein Verhältnis zwischen zwei Personen