S.
21
III.
Unsere Untersuchung über das Glück hat uns
bisher nichtsVielgelehrt, was nicht allgemein
bekannt ist. Auch wenn wir sie mit der Frage
fortsetzen, warum es für die Menschen so
schwer ist, glücklich zu werden, scheint die Aus-
sicht, Neues zu erfahren, nicht viel größer.
Wir haben die Antwort bereits gegeben, indem
wir auf die drei Quellen hinwiesen, aus denen
unser Leiden kommt: die Übermacht der
Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen
Körpers und die Unzulänglichkeit der Einricht-
ungen, welche die Beziehungen der Menschen
zu einander in Familie, Staat und Gesellschaft
regeln. In Betreff der beiden ersten kann
unser Urteil nicht lange schwanken; es
zwingt uns zur Anerkennung dieser Leidensquellen
und zur Ergebung in's Unvermeidliche. Wir
werden die Natur nie vollkommen beherrschen,
unser Organismus,wird immer ein vergängliches,
selbst ein Stück dieser Natur, wird immer ein vergängliches,
in Anpassung und Leistung beschränktes Gebilde
bleiben.Selbst ein Stück dieser Natur,Von dieser
Erkenntnis geht keine lähmende Wirkung
aus, im Gegenteile, sie weist unserer Tätigkeit
die Richtung. Können wir nicht alles Leiden
aufheben, so doch manches, und anderes lindern;
mehrtausendjährige Erfahrung hat uns davon
überzeugt. Anders verhalten wir uns zur
dritten, zur sozialen Leidensquelle. Diese wollen
wir überhaupt nicht gelten lassen, können
nicht einsehen, warum die von uns selbst
geschaffenen Einrichtungen nicht vielmehr
Schutz und Wohltat für uns alle sein sollten.
Allerdings, wenn wir bedenken, wie schlecht
uns gerade dieses Stück der Leidverhütung
gelungen ist, erwacht der Verdacht, es könnte
auch hier ein Stück der unbesiegbaren Natur
dahinter stecken, diesmal unserer eigenen
psychischen Beschaffenheit.
Auf dem Wege, uns mit dieser Möglichkeit
zu beschäftigen, treffen wir auf eine Behaupt-
ung, die so erstaunlich ist, daß wir bei ihr
verweilen wollen. Sie lautet, einen großen
Teil der Schuld an unserem Elend trage
unsere sogenannte Kultur, wir wären
viel glücklicher, wenn wir sie aufgeben
und in primitive Verhältnisse zurückfinden
würden. Ich heiße sie erstaunlich, weil – wie
immer man den Begriff Kultur be-
stimmen mag – es doch feststeht, daß alles,
womit wir uns gegen die Bedrohung
aus den Quellen des Leidens zu schützen
versuchen,zueben dieser nämlichen
Kultur zugehört.S.
22
Auf welchem Weg sind wol so viele Menschen zu
diesem Standpunkt befremdlicher Kulturfeind-
lichkeit gekommen? Ich meine eine tiefe, lang
bestehende Unzufriedenheit mit dem jeweiligen
Kulturzustand stellte den Boden her, auf dem
sich dann bei bestimmten historischen Anlässen diese
Verurteilung erhob. Den letzten und den vor-
letzten dieser Anlässe glaube ich zu erkennen;
ich bin nicht gelehrt genug, um die Kette der-
selben weit genug in die Geschichte der Mensch-
heit zurückzuverfolgen. Schon beim
Sieg des Christentums über die heidnischen
Religionen muß ein solcher kulturfeindlicher
Faktor beteiligt gewesen sein. Der durch
die christliche Lehre vollzogenen Entwertung
des irdischen Lebens stand er ja sehr nahe.
Die vorletzte Veranlassung ergab sich, als man
im Fortschritt der Entdeckungsreisen in Be-
rührung mit primitiven Völkern und Stämmen
kam. Bei ungenügender Beobachtung und
mißverständlicher Auffassung ihrer Sitten und
Gebräuche schienen sie den Europäern ein
einfaches, bedürfnisarmes, glückliches Leben
zu führen, wie es den kulturell überlegenen
Besuchern unerreichbar war. Die spätere Er-
fahrung hat manches Urteil dieser Art
berichtigt; in vielen Fällen hatte man irr-
tümlich ein Maß von Lebenserleichterung,
das der Großmut der Natur und der Bequem-
lichkeit in der Befriedigung der großen Be-
dürfnisse zu danken war, der Abwesenheit
von verwickelten kulturellen Anforderungen
zugeschrieben. Die letzte Veranlassung
ist uns besonders vertraut; sie trat auf,
als man den Mechanismus der Neurosen
kennen lernte, die das bißchen Glück des
Kulturmenschen zu untergraben drohen. Man
fand, daß der Mensch neurotisch wird, weil
er das Maß von Versagung nicht er-
tragen kann, das ihm die Gesellschaft
im Dienste ihrer kulturellen Ideale
auferlegt, und man schloß daraus, daß es
eine Rückkehr zu Glücksmöglichkeiten
bedeutete, wenn diese Anforderungen
aufgehoben oder sehr herabgesetzt würden.
Es kommt noch ein Moment der
Enttäuschung dazu. In den letzten Generationen
haben die Menschen außerordentliche
Fortschritte in den Naturwissenschaften und
in ihrer technischen Anwendung gemacht,
ihre Herrschaft über die Natur in einer
früher unvorstellbaren Weise befestigt.S.
23
Die Einzelheiten dieser Fortschritte sind allgemein
bekannt, es erübrigt sich sie aufzuzählen. Die
Menschen sind stolz auf diese Errungenschaften
und haben ein Recht dazu. Aber sie glauben
bemerkt zu haben, daß diese neu gewonnene
Verfügung über Raum und Zeit, diese Unter-
werfung der Naturkräfte, die Erfüllung jahr-
tausende alter Sehnsucht, das Maß von
Lustbefriedigung, das sie vom Leben erwarten,
nicht erhöht, sie nach ihren Empfindungen nicht
glücklicher gemacht hat. Man sollte sich
begnügen, aus dieser Feststellung den Schluß
zu ziehen, die Macht über die Natur sei
nicht die einzige Bedingung des Menschenglücks,
wie sie ja auch nicht das einzige Ziel der
Kulturbestrebungen ist, und nicht die Wertlosigkeit
der technischen Fortschritte für unsere Glücksöko-
nomie daraus ableiten. Man möchte einwenden,
ist es denn nicht ein positiver Lustgewinn, ein
unzweideutiger Zuwachs an Glücksgefühl, wenn ich
beliebig oft die Stimme des Kindes hören
kann, das Hunderte von Kilometern weit
entfernt von mir lebt, wenn ich die kürzeste
Zeit nach der Landung des Freundes erfahren
kann, daß er die lange, beschwerliche Reise
gut bestanden hat? Bedeutet es nichts, daß
es der Medizin gelungen ist, die Sterblichkeit
der kleinen Kinder, die Infektionsgefahr der
gebärenden Frauen so außerordentlich herab-
zusetzen, ja, die mittlere Lebensdauer des
Kulturmenschen um eine beträchtliche Anzahl
von Jahren zu verlängern? Und solcher
Wohltaten, die wir dem vielgeschmähten
Zeitalter der wissenschaftlichen und technischen
Fortschritte verdanken, können wir noch eine
große Reihe anführen, – aber da
läßt sich die Stimme der pessimistischen
Kritik vernehmen und mahnt, die meisten
dieser Befriedigungen folgten dem Muster
jenes „billigen Vergnügens“, das in einer
bekannten Anekdote angepriesen wird.
Man verschafft sich diesen Genuß, indem man
in kalter Winternacht ein Bein nackt
aus der Decke herausstreckt und es dann
wieder einzieht. Gäbe es keine Eisenbahn,
die die Entfernungen überwindet, so hätte
das Kind die Vaterstadt nie verlassen, man
brauchte kein Telephon, um seine Stimme zu
hören. Wäre nicht die Schiffahrt über den
Ozean eingerichtet, so hätte der Freund
nicht die Seereise unternommen, ich brauchte
den Telegraphen nicht, um meine Sorge
um ihn zu beschwichtigen. Was nützt
uns die Einschränkung der Kindersterb-
lichkeit, wenn gerade sie uns die äußersteS.
24
Zurückhaltung in der Kinderzeugung aufnötigt,
so daß wir im Ganzen doch nicht mehr Kinder
aufziehen, als in den Zeiten vor der Herrschaft
der Hygiene, dabei aber unser Sexualleben
in der Ehe unter schwierige Bedingungen ge-
bracht und wahrscheinlich der wohltätigen,
natürlichen Auslese entgegen gearbeitet
haben? Und was soll uns endlich ein langes
Leben, wenn es beschwerlich, arm an Freuden
und so leidvoll ist, daß wir den Tod nur als
Erlöser bewillkomnen können?
Es scheint fast gewiß zu stehen, daß wir uns in unserer
heutigen Kultur nicht wohl fühlen, aber es ist
sehr schwer sich ein Urteil darüber zu bilden,
ob und in wieweit die Menschen früherer
Zeiten sich glücklicher gefühlt haben und welchen
Anteil ihre Kulturbedingungen daran hatten.
Wir werden immer die Neigung haben, das Elend
objektiv zu erfassen, d. h. uns mit unseren
Ansprüchen und Empfänglichkeiten in jene
Bedingungen zu versetzen, um dann zu
prüfen, welche Anlässe zu Glücks- und Un-
glücksempfindungen wir in ihnen fänden.
Diese Art der Betrachtung, die objektiv scheint,
weil sie von den Variationen der subjektiven
Empfindlichkeit absieht, ist in Wirklichkeit
natürlich die subjektivste, die möglich ist, indem sie
an die Stelle aller anderen unbekannten seelischen
Verfassungen die eigene einsetzt.
Das Glück ist aber etwas durchaus Subjektives.
Wir mögen noch so sehr vor gewissen Situationen
zurückschrecken, der des antiken Galeerensklaven,
des Bauern im 30jährigen Krieg, des Opfers
der heiligen Inquisition, des Juden der den
Pogrom erwartet, es ist uns doch unmöglich,
uns in diese Personen einzufühlen, die
Veränderungen zu erraten, die ursprüngliche
Stumpfheit, allmähliche Abstumpfung, Einstellung
der Erwartungen, gröbere und feinere
Weisen der Narkotisierung in der Empfäng-
lichkeit für Lust- und Unlustempfindungen
herbeigeführt haben. Im Falle äußerster
Leidmöglichkeit werden auch bestimmte seelische
Schutzvorrichtungen in Tätigkeit versetzt.
Es scheint mir unfruchtbar, diese Seite des
Problems weiter zu verfolgen.
Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen
dieser Kultur kümmern, deren Glücks-
wert in Zweifel gezogen wird. Wir werden
keine Formel fordern, die dieses Wesen
in wenigen Worten ausdrückt, noch ehe wir
etwas aus der Untersuchung erfahren
haben. Es genügt uns also zu wiederholen,
daß das Wort „Kultur“ die ganze Summe
der Leistungen und Einrichtungen be-
zeichnet, in denen sich unser Leben von dem
unserer tierischen Ahnen entfernt, und die
zwei Zwecken dienen: dem Schutz des MenschenS.
25
Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen dieserKultur kümmern, deren Glückswert in Zweifelgezogen wird. Wir werden keine Formelfordern, die dieses Wesen in wenigenWorten ausdrückt, noch ehe wir etwasaus der Untersuchung erfahren haben. Esgenügt uns also zu wiederholen, daß das
__________________________________________________
x) s. Zukunft einer Illusion
Wort „Kultur“ die ganze Summe der Einrichtungen
bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem
unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei
Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen
gegen die Natur und der Regelung der Bezieh-
ungen der Menschen unter einander. Um mehr
zu verstehen, werden wir die Züge der
Kultur im einzelnen zusammensuchen, wie
sie sich in menschlichen Gemeinschaften zeigen.
Wir lassen uns dabei ohne Bedenken vom
Sprachgebrauch, oder wie man auch sagt:
Sprachgefühl leiten im Vertrauen darauf,
daß wir so inneren Einsichten gerecht
werden, die sich demverständnisvollenabstrakten Worten noch
widersetzen.
Der Eingang ist leicht. Als kulturell anerkennen
wir alle Tätigkeiten und Werte, die den
Menschen nützen, indem sie ihm die Erde
dienstbar machen, ihn gegen die Gewalt der
Naturkräfte schützen u. dgl. Über diese Seite
des Kulturellen besteht ja am wenigsten
Zweifel. Um weit genug zurückzugehen, die
ersten kulturellen Taten waren der Gebrauch
von Werkzeugen, die Zähmung des Feuers,
der Bau von Wohnstätten. Unter ihnen
ragt die Zähmung des Feuers als eine ganz
außerordentliche, vorbildlose Leistung
hervor, mit den anderen schlug der
Mensch Wege ein, die er seither immer
weiter verfolgt hat, zu denen die Anregung
leicht zu erraten ist. Mit all seinen
Werkzeugen vervollkommnet der Mensch seine Organe
– die motorischen wie die sensorischen –undoder räumt die Schranken für ihre
Leistung weg. Die Motoren stellen ihm riesige
Kräfte zur Verfügung, die er wie seine
Muskeln in beliebige Richtungen schicken kann,
das Schiff und das Flugzeug machen, daß weder Wasser
noch Luft seine Fortbewegung hindern können.
Mit der Brille korrigiert er die Mängel
der Linse in seinem Auge, mit dem Fernrohr
schaut er in entfernte Weiten, mit dem Mikroskop
überwindet er die Grenzen der Sichtbarkeit,
die durch den Bau seiner Netzhaut abgesteckt
werden. In der photographischen Kamera hat er
ein Instrument geschaffen, das die flüchtigen
Seheindrücke festhält, was ihm die Grammo-
phonplatte für die ebenso vergänglichen Schall-
eindrücke leisten muß, beides im Grunde
Materialisationen des ihm gegebenen Vermögens
der Erinnerung, seines Gedächtnisses. Mit Hilfe
des Telephons hört er aus Entfernungen,
die selbst das Märchen als unerreichbar
respektieren würde; die Schrift ist ursprünglich
die Sprache des Abwesenden, das Wohnhaus
ein Ersatz für den Mutterleib, die erste,
wahrscheinlich noch immer ersehnte Behausung,
in der man sicher war und sich so wol
fühlte.
__________________________________________________
x) Psychoanalytisches Material, unvollständig, nicht
sicher deutbar läßt doch wenigstens eine – phantastisch klingende –
Vermutung über den Ursprung dieser menschlichen Großtat zu.
Als wäre der Urmensch gewohnt gewesen, wenn
er dem Feuer begegnete, eine infantile Lust
an ihm zu befriedigen, indem er es durch
seinen Harnstrahl auslöschte. An der ur-
sprünglichen phallischen Auffassung der
züngelnden, sich in die Höhe reckenden
Flamme kann nach vorhandenen Sagen
kein Zweifel sein. Das FeuerlöschenS.
26
durch Urinieren – auf das noch die späten Riesenkinder
Gulliver in Liliput und Rabelais' Gargantua zurück-
greifen – war also wie ein sexueller Akt mit einem
Mann, ein Genuß der männlichen Potenz im homosexuellen
Wettkampf. Wer zuerst auf diese Lust verzichtete, das Feuer
verschonte, konnte es mit sich forttragen und in seinen
Dienst zwingen. Dadurch daß er das Feuer seiner
eigenen sexuellen Erregung dämpfte, hatte er
die Naturkraft des Feuers gezähmt. Diese große
kulturelle Eroberung wäre also der Lohn
für einen Triebverzicht. Und weiter, als hätte
man das Weib zur Hüterin des auf dem häuslichen
Herd gefangen gehaltenen Feuers bestellt, weil ihr
anatomischer Bau es ihr verbietet, einer
solchen Lustversuchung nachzugeben. Es ist auch
bemerkenswert, wie regelmäßig die analytischen
Erfahrungen den Zusammenhang von Ehrgeiz,
Feuer und Harnerotik bezeugen.Werkzeugen vervollkommnet der Mensch seineeigenen Organe – die motorischen wie diesensorischen – oder er räumt die Schranken fürihre Leistung weg. Mit den Motoren stellt er sich riesigeKräfte zur Verfügung, die er wie seineMuskeln in beliebige Richtungen schicken kann,das Schiff und das Flugzeug machen, daß wederWasser noch Luft seiner Fortbewegung Hindernissein können. Mit der BrilleKorrektur des ObjektivsFernrohr ... Mit dem Mikroskop über-windet er die Grenzen der Sichtbarkeit, diedurch den Bau seiner Netzhaut abgesteckt werden.In der photographischen Kamera hat er ein Instrumentsich geschaffen, das die flüchtigen Seheindrückefesthält, was ihm das Grammophon fürdie ebenso vergänglichen Schalleindrückeleisten muß, beides im Grunde Materialisat-ionen des ihm gegebenen Vermögens der Er-innerung, seines Gedächtnisses. Mit Hilfedes Telephons hört er aus Entfernungen, dieselbst das Märchen als unerreichbarrespektieren würde; die Schrift ist ursprünglichdie Sprache des Abwesenden, dasWohnhaus ein Ersatz für den Mutterleib,die erste, wahrscheinlich noch immer ersehnteBehausung, in der man sicher war und sichso wol fühlte.
Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist
direkt die Erfüllung aller – nein der meisten
Märchenwünsche, was der Mensch durch seine
Wissenschaft und Technik auf dieser Erde
hergestellt hat, auf der er zuerst als ein
schwaches Tierwesen auftrat und in der
jedes Individuum seiner Art wiederum
als hilfloser Säugling – oh inch of nature –
eintreten muß. All diesen Besitz darf
er als Kulturerwerb ansprechen. ErS.
27
hatte sich seit langen Zeiten eine Idealvorstellung
von Allmacht und Allwissenheit gebildet, die er in
seinen Göttern verkörperte. Ihnen schrieb er
alles zu, was seinen Wünschen unerreichbar
schien – oder ihm verboten war. Man darf
also sagen, diese Götter waren Kulturideale.
Nun hat er sich der Erreichung dieses Ideals sehr
angenähert, ist beinahe selbst ein Gott geworden.
Freilich nur so, wie man nach allgemein menschlichen
Urteil Ideale zu erreichen pflegt. Nicht vollkommen,
in einigen Stücken gar nicht, in anderen nur
so halbwegs. Der Mensch ist sozusagen eine Art
Prothesengott geworden, recht großartig, wenn
er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie
sind nicht mit ihm verwachsen und machen
ihm gelegentlich noch viel zu schaffen. Er hat
übrigens ein Recht, sich damit zu trösten,
daß diese Entwicklung nicht gerade mit dem
Jahr 1930 A.D. abgeschlossen sein wird. Ferne
Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar
große Fortschritte auf diesem Gebiet der
Kultur mit sich bringen, die Gottähnlichkeit
noch weiter steigern. Im Interesse unserer
Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran
vergessen, daß der heutige Mensch sich in seiner
Gottähnlichkeit nicht glücklich fühlt.
Wir anerkennen also die Kulturhöhe eines
Landes, wenn wir finden, daß alles in ihm ge-
pflegt und zweckmäßig besorgt wird, was der
Ausnützung der Erde durch den Menschen und
dem Schutz desselben vor den Naturkräften
dienlich, also kurz zusammengefaßt: ihm nützlich
ist. In einem solchen Land seien Flüsse,
die mit Überschwemmungen drohen, in ihrem
Lauf reguliert, ihr Wasser durch Kanäle hinge-
leitet, wo es entbehrt wird. Der Erdboden
werde sorgfältig bearbeitet und mit den
Gewächsen beschickt, die er zu tragen geeignet
ist, die mineralischen Schätze der Tiefe
emsig zu Tage gefördert, und zu den verlangten
Werkzeugen und Geräten verarbeitet, die
Verkehrsmittel seien reichlich, rasch und zuver-
lässig, die wilden und gefährlichen Tiere
seien ausgerottet, die Zucht der zu Haustieren
gezähmten in Blüte. Wir haben aberAnforderungen
an die Kultur noch andere Anforderungen
zu stellen und hoffen bemerkenswerter
Weise sie in denselben Ländern verwirk-
licht zu finden. Als wollten wir unseren
zuerst erhobenen Anspruch verleugnen,
begrüßen wir es auch als kulturell, wenn wir
sehen, daß sich die Sorgfalt der Menschen
auch Dingen zuwendet, die ganz und gar
nicht nützlich sind, eher unnütz erscheinen,
z. B. wenn die in einer Stadt als Spielplätze
und Luftreservoirs notwendigen Garten-
flächen auch Blumenbeete tragen, oderS.
28
wenn die Fenster der Wohnungen mit Blumentöpfen
geschmückt sind. Wir merken bald, das Unnütze,
dessen Schätzung wir von der Kultur erwarten,
ist die Schönheit; wir fordern, daß der Kultur-
mensch die Schönheit verehre, wo sie ihm in
der Natur begegnet, und sie herstelle an Gegen-
ständen, soweit seiner Hände Arbeit es vermag.
Weit entfernt, daß unsere Ansprüche an die
Kultur damit erschöpft wären. Wir verlangen
noch die Zeichen von Reinlichkeit und Ordnung
zu sehen. Wir denken nicht hoch von der Kultur
einer englischen Landstadt zur Zeit Shakespeare's,
wenn wir lesen, daß ein hoher Misthaufen
vor der Türe seines väterlichen Hauses
in Stratford lagerte; wir sind ungehalten und
schelten es „barbarisch“, was der Gegensatz zu
„kulturell“ ist, wenn wir die Wege des Wiener
Waldes mit weggeworfenen Papieren bestreut
finden. Unsauberkeit jeder Art scheint uns
mit Kultur unvereinbar, auch auf den mensch-
lichen Körper dehnen wir die Forderung
der Reinlichkeit aus, hören mit Erstaunen
welch üblen Geruch die Person des Roi Soleil
zu verbreiten pflegte, und schütteln den Kopf,
wenn uns auf Isola bella die winzige Wasch-
schüssel gezeigt wird, deren sich Napoleon
bei seiner Morgentoilette bediente. Ja wir
sind nicht überrascht, wenn jemand den Gebrauch
von Seife direkt als Kulturmesser aufstellt.
Ähnlich ist es mit der Ordnung, die ebenso wie
die Reinlichkeit sich ganz auf Menschenwerk
bezieht. Aber während wir Reinlichkeit in der
Natur nicht erwarten dürfen, ist die Ord-
nung vielmehr der Natur abgelauscht; die
Beobachtung der großen astronomischen
Regelmäßigkeiten hat dem Menschen nicht
nur das Vorbild, sondern die ersten An-
haltspunkte für die Einführung der Ord-
nung in sein Leben gegeben. Die Ord-
nung ist eine Art Wiederholungszwang, die
durch einmalige Einrichtung entscheidet, wann,
wo und wie etwas getan
werden soll, sodaß man in jedem gleichen Falle Zögern
und Schwanken erspart. Die Wohltat
der Ordnung ist ganz unleugbar, sie er-
möglicht dem Menschen die beste Aus-
nützung von Raum und Zeit, während sie
seine psychischen Kräfte schont. Man hätte
ein Recht zu erwarten, daß sie sich
von Anfang an und zwanglos im mensch-
lichen Tun durchsetzt, und darf
erstaunen, daß dies nicht der Fall ist,
daß der Mensch vielmehr einen natür-
lichen Hang zur Nachlässigkeit, Unregel-
mäßigkeitS.
29
und Unzuverlässigkeit in seiner Arbeit an den Tag
legt und erst mühselig zur Nachahmung der himmlischen
Vorbilder erzogen werden muß.
Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung nehmen offenbar
eine besondere Stellung unter den Kultur-
anforderungen ein. Niemand wird behaupten, daß
sie ebenso lebenswichtig seien wie die Beherr-
schung der Naturkräfte und andere Momente, die
wir noch kennen lernen sollen, und doch wird
niemand gern sie als Nebensächlichkeiten zurück-
stellen wollen. Daß die Kultur nicht allein
auf Nutzen bedacht ist, zeigt schon das Bei-
spiel der Schönheit, die wir unter den Interessen
der Kultur nicht vermissen wollen. Der
Nutzen der Ordnung ist ganz offenbar; bei
der Reinlichkeit haben wir zu bedenken
daß sie auch von der Hygiene gefordert
wird, und können vermuten, daß dieser
Zusammenhang den Menschen auch vor der
Zeit einer wissenschaftlichen Krankheitsver-
hütung nicht ganz fremd war. Aber der
Nutzen erklärt uns das Streben nicht ganz;
es muß noch etwas anderes im Spiele sein.
Durch keinen anderen Zug vermeinen wir
aber die Kultur besser zu kennzeichnen als
durch die Schätzung und Pflege der höheren
psychischen Tätigkeiten, der intellektuellen, wissen-
schaftlichen und künstlerischen Leistungen, der
führenden Rolle, welche den Ideen im Leben
der Menschen eingeräumt wird. Unter
diesen Ideen stehen obenan die religiösen
Systeme, auf deren verwickelten Aufbau ich an
anderer Stelle Licht zu werfen versuchte; neben
ihnen die philosophischen Spekulationen und
endlich, was man die Idealbildungen der Menschen
heißen kann, ihre Vorstellungen von einer
möglichen Vollkommenheit der einzelnen
Person, des Volkes, der ganzen Menschheit,
und die Anforderungen, die sie auf Grund
solcher Vorstellungen erheben.
Daß diese Schöpfungen nicht unab-
hängig von einander sind, vielmehr innig unter
einander verwoben, erschwert sowohl ihre
Darstellung wie ihre psychologische Ableitung. Wenn
wir ganz allgemein annehmen, die Triebfeder
aller menschlichen Tätigkeiten sei das Streben
nach den beiden zusammenfließenden Zielen,
Nutzen und Lustgewinn, so müssen wir dasselbe
auch für die hier angeführten kulturellen
Äußerungen gelten lassen, obwol es nur
für die wissenschaftliche und künstlerische
Tätigkeit leicht ersichtlich ist. Man kann
aber nicht bezweifeln, daß auch die anderen
starken Bedürfnissen der Menschen ent-
sprechen, vielleicht solchen, die nur bei
einer Minderzahl entwickelt sind. Auch
darf man sich nicht durch Werturteile überS.
30
einzelne dieser religiösen, philosophischen Systeme
und dieser Ideale beirren lassen; ob man die höchste
Leistung des Menschengeistes in ihnen sucht
oder ob man sie als Verirrungen beklagt,
man muß anerkennen, daß ihr Vorhandensein, besonders
ihre Vorherrschaft, einen Hochstand der Kultur
bedeutet.
Als letzten, gewiß nicht unwichtigsten Charakterzug
einer Kultur haben wir es zu würdigen,
in welcher Weise die Beziehungen der
Menschen zu einander, die sozialen Beziehungen,
geregelt sind, die den Menschen als Nachbarn, als
Hilfskraft, als Sexualobjekt eines anderen, betreffen,
als Mitglied einer Familie, eines Staates. Es wird
hier besonders schwer, sich von bestimmten
Idealforderungen frei zu halten und das, was
überhaupt kulturell ist, zu erfassen. Vielleicht
beginnt man mit der Erklärung, das kulturelle
Element sei mit dem ersten Versuch, diese
sozialen Beziehungen zu regeln, gegeben.
Unterbliebe ein solcher Versuch, so wären
diese Beziehungen der Willkür des Einzelnen
unterworfen, d. h. der physisch Stärkere würde
sie im Sinne seiner Interessen und Trieb-
regungen entscheiden. Daran änderte sich
nichts, wenn dieser Stärkere seinerseits
einen noch Stärkeren fände. Das menschliche Zu-
sammenleben wird erst ermöglicht, wenn sich eine
Mehrheit zusammenfindet, die stärker ist als jeder
Einzelne und gegen jeden Einzelnen zusammenhält.
Die Macht dieser Gemeinschaft stellt sich nun als „Recht“ der
Macht des Einzelnen, die als „rohe Gewalt“
verurteilt wird, entgegen. Diese Ersetzung
der Macht des Einzelnen durch die der
Gemeinschaft ist der entscheidende kulturelle
Schritt. Ihr Wesen besteht darin, daß sich
die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren
Befriedigungsmöglichkeiten beschränken, während
der Einzelne keine solche Schranke kannte.
Die nächste kulturelle Anforderung ist also
die der Gerechtigkeit, d. h. die Versicherung,
daß die einmal gegebene Rechtsordnung
nicht wieder zu Gunsten eines Einzelnen
durchbrochen werde. Über den ethischen
Wert eines solchen Rechts wird hiermit
nicht entschieden. Der weitere Weg der
kulturellen Entwicklung scheint dahin zu
streben, daß dieses Recht nicht mehr der
Willensausdruck einer kleinen Gemeinschaft
– Kaste, Bevölkerungsschichte, Volksstammes – sei,
welche sich zu anderen und vielleicht um-
fassenderen solchen Massen wieder wie ein
gewalttätiges Individuum verhält. Das
Endergebnis soll ein Recht sein, zu dem
Alle – wenigstens alle Gemeinschaftsfähigen –S.
31
durch ihre Triebopfer beigetragen haben und das Keinen
– wiederum mit der gleichen Ausnahme – zum Opfer
der rohen Gewalt werden läßt.
Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie
war am größten vor jeder Kultur, allerdings
damals meist ohne Wert, weil das Individuum
kaum im Stande war, sie zu verteidigen.
Durch die Kulturentwicklung erfährt sie Ein-
schränkungen, und die Gerechtigkeit fordert,
daß Keinem diese Einschränkungen erspart
werden. Was sich in einer menschlichen Gemein-
schaft als Freiheitsdrang rührt, kann Auf-
lehnung gegen eine bestehende Ungerechtig-
keit sein und so einer weiteren Ent-
wicklung der Kultur günstig werden, mit
der Kultur verträglich bleiben. Es kann aber
auch dem Rest der ursprünglichen, von der
Kultur ungebändigten Persönlichkeit ent-
stammen und so Grundlage der Kulturfeind-
seligkeit werden. Der Freiheitsdrang richtet
sich also gegen bestimmte Formen und Ansprüche
der Kultur oder gegen Kultur überhaupt.
Es scheint nicht, daß man den Menschen durch
irgend welche Beeinflussung dazu bringen kann,
seine Natur in die eines Termiten umzu-
wandeln, er wird wol immer seinen Anspruch
auf individuelle Freiheit gegen den Willen
der Masse verteidigen. Ein gut Teil des Ringens
der Menschheit staut sich um die eine Auf-
gabe, einen zweckmäßigen, d. h. beglückenden
Ausgleich zwischen diesen individuellen und
den kulturellen Massenansprüchen zu finden;
es ist eines ihrer Schicksalsprobleme, ob dieser Ausgleich
durch eine bestimmte Gestaltung der
Kultur erreichbar oder ob der Konflikt
unversöhnlich ist.
Indem wir uns vom gemeinen Empfinden
sagen ließen, welche Züge im Leben der
Menschen kulturell zu nennen sind, haben
wir einen deutlichen Eindruck vom Gesamt-
bild der Kultur bekommen, freilich zunächst
nichts erfahren, was nicht allgemein bekannt
ist. Dabei haben wir uns gehütet, dem Vorurteil
beizustimmen, Kultur sei gleichbedeutend mit
Vervollkommnung, sei der Weg zur Voll-
kommenheit, die dem Menschen vorgezeichnet
ist. Nun aber drängt sich uns eine Auffassung
auf, die vielleicht anderswohin führt. Die
Kulturentwicklung erscheint uns als ein
eigenartiger Prozeß, der über die Menschheit
abläuft, an dem uns manches wie vertraut
anmutet. Diesen Prozeß können wir durch
die Veränderungen charakterisieren, die er
mit den bekannten menschlichen Trieban-
lagen vornimmt, deren Befriedigung doch die ökonomische
Aufgabe unseres Lebens ist. Einige dieserS.
32
Triebe werden in solcher Weise aufgezehrt, daß an ihrer
Stelle etwas auftritt, was wir beim Einzelindivi-
duum als Charaktereigenschaft beschreiben. Das
merkwürdigste Beispiel dieses Vorganges haben
wir an der Analerotik des jugendlichen Menschen
gefunden. Sein ursprüngliches Interesse an
der Exkretionsfunktion, ihren Organen und Pro-
dukten wandelt sich im Lauf des Wachstums
in die Gruppe von Eigenschaften um, die uns
als Sparsamkeit, Sinn für Ordnung und
Reinlichkeit bekannt sind, die, an und für
sich wertvoll und willkommen, sich zu auf-
fälliger Vorherrschaft steigern können und
dann das ergeben, was man den Anal-
charakter heißt. Wie das zugeht, wissen wir
nicht, an der Richtigkeit dieser Auffassung ist
kein Zweifel. x) Nun haben wir gefunden,
__________________________________________________
x) s. Charakter und Analerotik 1908 (Ges. Schriften Bd IV)
und zahlreiche weitere Beiträge von E. Jones u. a.
daß Ordnung und Reinlichkeit wesentliche Kultur-
ansprüche sind, obgleich ihre Lebensnotwendigkeit
nicht gerade einleuchtet, ebensowenig wie ihre
Eignung als Genußquellen. An dieser Stelle
mußte sich uns die Ähnlichkeit des Kulturpro-
zesses mit der Libidoentwicklung des
Einzelnen zuerst aufdrängen. Andere Triebe
werden dazu veranlaßt, die Bedingungen ihrer
Befriedigung zu verschieben, auf andere Wege
zu verlegen, was in den meisten Fällen
mit der uns wohlbekannten Sublimierung (der
Triebziele) zusammenfällt, in anderen sich noch
von ihr sondern läßt. Die Triebsublimierung
ist ein besonders hervorstechender Zug der
Kulturentwicklung, sie macht es möglich, daß
höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche,
künstlerische, ideologische, eine so bedeutsame
Rolle im Kulturleben spielen. Wenn man
dem ersten Eindruck nachgiebt, ist man
versucht zu sagen, die Sublimierung sei über-
haupt ein von der Kultur erzwungenes
Triebschicksal. Aber man tut besser, sich das
noch länger zu überlegen. Drittens endlich,
und das scheint das Wichtigste, ist es un-
möglich zu übersehen, in welchem Ausmaß
die Kultur auf Triebverzicht aufgebaut
ist, wie sehr sie gerade die Nichtbefriedigung
(Unterdrückung, Verdrängung oder sonst etwas?)
von mächtigen Trieben zur Voraussetzung
hat. Diese „Kulturversagung“ beherrscht das große
Gebiet der sozialen Beziehungen der Menschen;
wir wissen bereits, sie ist die Ursache der
Feindseligkeit, gegen die alle Kulturen
zu kämpfen haben. Sie wird auch an unsere
wissenschaftliche Arbeit schwere Anforder-
ungen stellen, wir haben da viel Aufklärung
zu geben. Es ist nicht leicht zu verstehen,S.
33
wie man es möglich macht, einem Trieb die Befriedigung
zu entziehen. Es ist gar nicht so ungefährlich; wenn
man es nicht ökonomisch kompensiert, kann man
sich auf ernste Störungen gefaßt machen.
Wenn wir aber wissen wollen, welchen Wert
unsere Auffassung der Kulturentwicklung als
eines besonderen Prozesses, vergleichbar der
normalen Reifung des Individuums, beanspruchen
kann, müssen wir offenbar ein anderes Problem
in Angriff nehmen, uns die Frage stellen, welchen
Einflüssen die Kulturentwicklung ihren Ur-
sprung dankt, wie sie entstanden ist und
wodurch ihr Lauf bestimmt wurde.
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Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
1930-001/1929.01/3