Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
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    III.

    Unsere Untersuchung über das Glück hat uns
    bisher nichts Viel gelehrt, was nicht allgemein
    bekannt ist. Auch wenn wir sie mit der Frage
    fortsetzen, warum es für die Menschen so
    schwer ist, glücklich zu werden, scheint die Aus-
    sicht, Neues zu erfahren, nicht viel größer.
    Wir haben die Antwort bereits gegeben, indem
    wir auf die drei Quellen hinwiesen, aus denen
    unser Leiden kommt: die Übermacht der
    Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen
    Körpers und die Unzulänglichkeit der Einricht-
    ungen, welche die Beziehungen der Menschen
    zu einander in Familie, Staat und Gesellschaft
    regeln. In Betreff der beiden ersten kann
    unser Urteil nicht lange schwanken; es
    zwingt uns zur Anerkennung dieser Leidensquellen
    und zur Ergebung in's Unvermeidliche. Wir
    werden die Natur nie vollkommen beherrschen,
    unser Organismus, wird immer ein vergängliches,
    selbst ein Stück dieser Natur, wird immer ein vergängliches,
    in Anpassung und Leistung beschränktes Gebilde
    bleiben. Selbst ein Stück dieser Natur, Von dieser
    Erkenntnis geht keine lähmende Wirkung
    aus, im Gegenteile, sie weist unserer Tätigkeit
    die Richtung. Können wir nicht alles Leiden
    aufheben, so doch manches, und anderes lindern;
    mehrtausendjährige Erfahrung hat uns davon
    überzeugt. Anders verhalten wir uns zur
    dritten, zur sozialen Leidensquelle. Diese wollen
    wir überhaupt nicht gelten lassen, können
    nicht einsehen, warum die von uns selbst
    geschaffenen Einrichtungen nicht vielmehr
    Schutz und Wohltat für uns alle sein sollten.
    Allerdings, wenn wir bedenken, wie schlecht
    uns gerade dieses Stück der Leidverhütung
    gelungen ist, erwacht der Verdacht, es könnte
    auch hier ein Stück der unbesiegbaren Natur
    dahinter stecken, diesmal unserer eigenen
    psychischen Beschaffenheit.
          Auf dem Wege, uns mit dieser Möglichkeit
    zu beschäftigen, treffen wir auf eine Behaupt-
    ung, die so erstaunlich ist, daß wir bei ihr
    verweilen wollen. Sie lautet, einen großen
    Teil der Schuld an unserem Elend trage
    unsere sogenannte Kultur, wir wären
    viel glücklicher, wenn wir sie aufgeben
    und in primitive Verhältnisse zurückfinden
    würden. Ich heiße sie erstaunlich, weil – wie
    immer man den Begriff Kultur be-
    stimmen mag – es doch feststeht, daß alles,
    womit wir uns gegen die Bedrohung
    aus den Quellen des Leidens zu schützen
    versuchen, zu eben dieser nämlichen
    Kultur zugehört.

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          Auf welchem Weg sind wol so viele Menschen zu
    diesem Standpunkt befremdlicher Kulturfeind-
    lichkeit gekommen? Ich meine eine tiefe, lang
    bestehende Unzufriedenheit mit dem jeweiligen
    Kulturzustand stellte den Boden her, auf dem
    sich dann bei bestimmten historischen Anlässen diese
    Verurteilung erhob. Den letzten und den vor-
    letzten dieser Anlässe glaube ich zu erkennen;
    ich bin nicht gelehrt genug, um die Kette der-
    selben weit genug in die Geschichte der Mensch-
    heit zurückzuverfolgen. Schon beim
    Sieg des Christentums über die heidnischen
    Religionen muß ein solcher kulturfeindlicher
    Faktor beteiligt gewesen sein. Der durch
    die christliche Lehre vollzogenen Entwertung
    des irdischen Lebens stand er ja sehr nahe.
    Die vorletzte Veranlassung ergab sich, als man
    im Fortschritt der Entdeckungsreisen in Be-
    rührung mit primitiven Völkern und Stämmen
    kam. Bei ungenügender Beobachtung und
    mißverständlicher Auffassung ihrer Sitten und
    Gebräuche schienen sie den Europäern ein
    einfaches, bedürfnisarmes, glückliches Leben
    zu führen, wie es den kulturell überlegenen
    Besuchern unerreichbar war. Die spätere Er-
    fahrung hat manches Urteil dieser Art
    berichtigt; in vielen Fällen hatte man irr-
    tümlich ein Maß von Lebenserleichterung,
    das der Großmut der Natur und der Bequem-
    lichkeit in der Befriedigung der großen Be-
    dürfnisse zu danken war, der Abwesenheit
    von verwickelten kulturellen Anforderungen
    zugeschrieben. Die letzte Veranlassung
    ist uns besonders vertraut; sie trat auf,
    als man den Mechanismus der Neurosen
    kennen lernte, die das bißchen Glück des
    Kulturmenschen zu untergraben drohen. Man
    fand, daß der Mensch neurotisch wird, weil
    er das Maß von Versagung nicht er-
    tragen kann, das ihm die Gesellschaft
    im Dienste ihrer kulturellen Ideale
    auferlegt, und man schloß daraus, daß es
    eine Rückkehr zu Glücksmöglichkeiten
    bedeutete, wenn diese Anforderungen
    aufgehoben oder sehr herabgesetzt würden.
          Es kommt noch ein Moment der
    Enttäuschung dazu. In den letzten Generationen
    haben die Menschen außerordentliche
    Fortschritte in den Naturwissenschaften und
    in ihrer technischen Anwendung gemacht,
    ihre Herrschaft über die Natur in einer
    früher unvorstellbaren Weise befestigt.

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    Die Einzelheiten dieser Fortschritte sind allgemein
    bekannt, es erübrigt sich sie aufzuzählen. Die
    Menschen sind stolz auf diese Errungenschaften
    und haben ein Recht dazu. Aber sie glauben
    bemerkt zu haben, daß diese neu gewonnene
    Verfügung über Raum und Zeit, diese Unter-
    werfung der Naturkräfte, die Erfüllung jahr-
    tausende alter Sehnsucht, das Maß von
    Lustbefriedigung, das sie vom Leben erwarten,
    nicht erhöht, sie nach ihren Empfindungen nicht
    glücklicher gemacht hat. Man sollte sich
    begnügen, aus dieser Feststellung den Schluß
    zu ziehen, die Macht über die Natur sei
    nicht die einzige Bedingung des Menschenglücks,
    wie sie ja auch nicht das einzige Ziel der
    Kulturbestrebungen ist, und nicht die Wertlosigkeit
    der technischen Fortschritte für unsere Glücksöko-
    nomie daraus ableiten. Man möchte einwenden,
    ist es denn nicht ein positiver Lustgewinn, ein
    unzweideutiger Zuwachs an Glücksgefühl, wenn ich
    beliebig oft die Stimme des Kindes hören
    kann, das Hunderte von Kilometern weit
    entfernt von mir lebt, wenn ich die kürzeste
    Zeit nach der Landung des Freundes erfahren
    kann, daß er die lange, beschwerliche Reise
    gut bestanden hat? Bedeutet es nichts, daß
    es der Medizin gelungen ist, die Sterblichkeit
    der kleinen Kinder, die Infektionsgefahr der
    gebärenden Frauen so außerordentlich herab-
    zusetzen, ja, die mittlere Lebensdauer des
    Kulturmenschen um eine beträchtliche Anzahl
    von Jahren zu verlängern? Und solcher
    Wohltaten, die wir dem vielgeschmähten
    Zeitalter der wissenschaftlichen und technischen
    Fortschritte verdanken, können wir noch eine
    große Reihe anführen, – aber da
    läßt sich die Stimme der pessimistischen
    Kritik vernehmen und mahnt, die meisten
    dieser Befriedigungen folgten dem Muster
    jenes „billigen Vergnügens“, das in einer
    bekannten Anekdote angepriesen wird.
    Man verschafft sich diesen Genuß, indem man
    in kalter Winternacht ein Bein nackt
    aus der Decke herausstreckt und es dann
    wieder einzieht. Gäbe es keine Eisenbahn,
    die die Entfernungen überwindet, so hätte
    das Kind die Vaterstadt nie verlassen, man
    brauchte kein Telephon, um seine Stimme zu
    hören. Wäre nicht die Schiffahrt über den
    Ozean eingerichtet, so hätte der Freund
    nicht die Seereise unternommen, ich brauchte
    den Telegraphen nicht, um meine Sorge
    um ihn zu beschwichtigen. Was nützt
    uns die Einschränkung der Kindersterb-
    lichkeit, wenn gerade sie uns die äußerste

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    Zurückhaltung in der Kinderzeugung aufnötigt,
    so daß wir im Ganzen doch nicht mehr Kinder
    aufziehen, als in den Zeiten vor der Herrschaft
    der Hygiene, dabei aber unser Sexualleben
    in der Ehe unter schwierige Bedingungen ge-
    bracht und wahrscheinlich der wohltätigen,
    natürlichen Auslese entgegen gearbeitet
    haben? Und was soll uns endlich ein langes
    Leben, wenn es beschwerlich, arm an Freuden
    und so leidvoll ist, daß wir den Tod nur als
    Erlöser bewillkomnen können?
          Es scheint fast gewiß zu stehen, daß wir uns in unserer
    heutigen Kultur nicht wohl fühlen, aber es ist
    sehr schwer sich ein Urteil darüber zu bilden,
    ob und in wieweit die Menschen früherer
    Zeiten sich glücklicher gefühlt haben und welchen
    Anteil ihre Kulturbedingungen daran hatten.
    Wir werden immer die Neigung haben, das Elend
    objektiv zu erfassen, d. h. uns mit unseren
    Ansprüchen und Empfänglichkeiten in jene
    Bedingungen zu versetzen, um dann zu
    prüfen, welche Anlässe zu Glücks- und Un-
    glücksempfindungen wir in ihnen fänden.
    Diese Art der Betrachtung, die objektiv scheint,
    weil sie von den Variationen der subjektiven
    Empfindlichkeit absieht, ist in Wirklichkeit
    natürlich die subjektivste, die möglich ist, indem sie
    an die Stelle aller anderen unbekannten seelischen
    Verfassungen die eigene einsetzt.
    Das Glück ist aber etwas durchaus Subjektives.
    Wir mögen noch so sehr vor gewissen Situationen
    zurückschrecken, der des antiken Galeerensklaven,
    des Bauern im 30jährigen Krieg, des Opfers
    der heiligen Inquisition, des Juden der den
    Pogrom erwartet, es ist uns doch unmöglich,
    uns in diese Personen einzufühlen, die
    Veränderungen zu erraten, die ursprüngliche
    Stumpfheit, allmähliche Abstumpfung, Einstellung
    der Erwartungen, gröbere und feinere
    Weisen der Narkotisierung in der Empfäng-
    lichkeit für Lust- und Unlustempfindungen
    herbeigeführt haben. Im Falle äußerster
    Leidmöglichkeit werden auch bestimmte seelische
    Schutzvorrichtungen in Tätigkeit versetzt.
    Es scheint mir unfruchtbar, diese Seite des
    Problems weiter zu verfolgen.
          Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen
    dieser Kultur kümmern, deren Glücks-
    wert in Zweifel gezogen wird. Wir werden
    keine Formel fordern, die dieses Wesen
    in wenigen Worten ausdrückt, noch ehe wir
    etwas aus der Untersuchung erfahren
    haben. Es genügt uns also zu wiederholen,
    daß das Wort „Kultur“ die ganze Summe
    der Leistungen und Einrichtungen be-
    zeichnet, in denen sich unser Leben von dem
    unserer tierischen Ahnen entfernt, und die
    zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen

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    Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen dieser
    Kultur kümmern, deren Glückswert in Zweifel
    gezogen wird. Wir werden keine Formel
    fordern, die dieses Wesen in wenigen
    Worten ausdrückt, noch ehe wir etwas
    aus der Untersuchung erfahren haben. Es
    genügt uns also zu wiederholen, daß das
    __________________________________________________
    x) s. Zukunft einer Illusion
    Wort „Kultur“ die ganze Summe der Einrichtungen
    bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem
    unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei
    Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen
    gegen die Natur und der Regelung der Bezieh-
    ungen der Menschen unter einander. Um mehr
    zu verstehen, werden wir die Züge der
    Kultur im einzelnen zusammensuchen, wie
    sie sich in menschlichen Gemeinschaften zeigen.
    Wir lassen uns dabei ohne Bedenken vom
    Sprachgebrauch, oder wie man auch sagt:
    Sprachgefühl leiten im Vertrauen darauf,
    daß wir so inneren Einsichten gerecht
    werden, die sich dem verständnisvollen abstrakten Worten noch
    widersetzen.
          Der Eingang ist leicht. Als kulturell anerkennen
    wir alle Tätigkeiten und Werte, die den
    Menschen nützen, indem sie ihm die Erde
    dienstbar machen, ihn gegen die Gewalt der
    Naturkräfte schützen u. dgl. Über diese Seite
    des Kulturellen besteht ja am wenigsten
    Zweifel. Um weit genug zurückzugehen, die
    ersten kulturellen Taten waren der Gebrauch
    von Werkzeugen, die Zähmung des Feuers,
    der Bau von Wohnstätten. Unter ihnen
    ragt die Zähmung des Feuers als eine ganz
    außerordentliche, vorbildlose Leistung
    hervor, mit den anderen schlug der
    Mensch Wege ein, die er seither immer
    weiter verfolgt hat, zu denen die Anregung
    leicht zu erraten ist. Mit all seinen
    Werkzeugen vervollkommnet der Mensch seine Organe
    – die motorischen wie die sensorischen –
    und oder räumt die Schranken für ihre
    Leistung weg. Die Motoren stellen ihm riesige
    Kräfte zur Verfügung, die er wie seine
    Muskeln in beliebige Richtungen schicken kann,
    das Schiff und das Flugzeug machen, daß weder Wasser
    noch Luft seine Fortbewegung hindern können.
    Mit der Brille korrigiert er die Mängel
    der Linse in seinem Auge, mit dem Fernrohr
    schaut er in entfernte Weiten, mit dem Mikroskop
    überwindet er die Grenzen der Sichtbarkeit,
    die durch den Bau seiner Netzhaut abgesteckt
    werden. In der photographischen Kamera hat er
    ein Instrument geschaffen, das die flüchtigen
    Seheindrücke festhält, was ihm die Grammo-
    phonplatte für die ebenso vergänglichen Schall-
    eindrücke leisten muß, beides im Grunde
    Materialisationen des ihm gegebenen Vermögens
    der Erinnerung, seines Gedächtnisses. Mit Hilfe
    des Telephons hört er aus Entfernungen,
    die selbst das Märchen als unerreichbar
    respektieren würde; die Schrift ist ursprünglich
    die Sprache des Abwesenden, das Wohnhaus
    ein Ersatz für den Mutterleib, die erste,
    wahrscheinlich noch immer ersehnte Behausung,
    in der man sicher war und sich so wol
    fühlte.
    __________________________________________________
    x) Psychoanalytisches Material, unvollständig, nicht
    sicher deutbar läßt doch wenigstens eine – phantastisch klingende –
    Vermutung über den Ursprung dieser menschlichen Großtat zu.
    Als wäre der Urmensch gewohnt gewesen, wenn
    er dem Feuer begegnete, eine infantile Lust
    an ihm zu befriedigen, indem er es durch
    seinen Harnstrahl auslöschte. An der ur-
    sprünglichen phallischen Auffassung der
    züngelnden, sich in die Höhe reckenden
    Flamme kann nach vorhandenen Sagen
    kein Zweifel sein. Das Feuerlöschen

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    durch Urinieren – auf das noch die späten Riesenkinder
    Gulliver in Liliput und Rabelais' Gargantua zurück-
    greifen – war also wie ein sexueller Akt mit einem
    Mann, ein Genuß der männlichen Potenz im homosexuellen
    Wettkampf. Wer zuerst auf diese Lust verzichtete, das Feuer
    verschonte, konnte es mit sich forttragen und in seinen
    Dienst zwingen. Dadurch daß er das Feuer seiner
    eigenen sexuellen Erregung dämpfte, hatte er
    die Naturkraft des Feuers gezähmt. Diese große
    kulturelle Eroberung wäre also der Lohn
    für einen Triebverzicht. Und weiter, als hätte
    man das Weib zur Hüterin des auf dem häuslichen
    Herd gefangen gehaltenen Feuers bestellt, weil ihr
    anatomischer Bau es ihr verbietet, einer
    solchen Lustversuchung nachzugeben. Es ist auch
    bemerkenswert, wie regelmäßig die analytischen
    Erfahrungen den Zusammenhang von Ehrgeiz,
    Feuer und Harnerotik bezeugen.
    Werkzeugen vervollkommnet der Mensch seine
    eigenen Organe – die motorischen wie die
    sensorischen – oder er räumt die Schranken für
    ihre Leistung weg. Mit den Motoren stellt er sich riesige
    Kräfte zur Verfügung, die er wie seine
    Muskeln in beliebige Richtungen schicken kann,
    das Schiff und das Flugzeug machen, daß weder
    Wasser noch Luft seiner Fortbewegung Hindernis
    sein können. Mit der Brille
    Korrektur des Objektivs
    Fernrohr ... Mit dem Mikroskop über-
    windet er die Grenzen der Sichtbarkeit, die
    durch den Bau seiner Netzhaut abgesteckt werden.
    In der photographischen Kamera hat er ein Instrument
    sich geschaffen, das die flüchtigen Seheindrücke
    festhält, was ihm das Grammophon für
    die ebenso vergänglichen Schalleindrücke
    leisten muß, beides im Grunde Materialisat-
    ionen des ihm gegebenen Vermögens der Er-
    innerung, seines Gedächtnisses. Mit Hilfe
    des Telephons hört er aus Entfernungen, die
    selbst das Märchen als unerreichbar
    respektieren würde; die Schrift ist ursprünglich
    die Sprache des Abwesenden, das
    Wohnhaus ein Ersatz für den Mutterleib,
    die erste, wahrscheinlich noch immer ersehnte
    Behausung, in der man sicher war und sich
    so wol fühlte.
          Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist
    direkt die Erfüllung aller – nein der meisten
    Märchenwünsche, was der Mensch durch seine
    Wissenschaft und Technik auf dieser Erde
    hergestellt hat, auf der er zuerst als ein
    schwaches Tierwesen auftrat und in der
    jedes Individuum seiner Art wiederum
    als hilfloser Säugling – oh inch of nature –
    eintreten muß. All diesen Besitz darf
    er als Kulturerwerb ansprechen. Er

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    hatte sich seit langen Zeiten eine Idealvorstellung
    von Allmacht und Allwissenheit gebildet, die er in
    seinen Göttern verkörperte. Ihnen schrieb er
    alles zu, was seinen Wünschen unerreichbar
    schien – oder ihm verboten war. Man darf
    also sagen, diese Götter waren Kulturideale.
    Nun hat er sich der Erreichung dieses Ideals sehr
    angenähert, ist beinahe selbst ein Gott geworden.
    Freilich nur so, wie man nach allgemein menschlichen
    Urteil Ideale zu erreichen pflegt. Nicht vollkommen,
    in einigen Stücken gar nicht, in anderen nur
    so halbwegs. Der Mensch ist sozusagen eine Art
    Prothesengott geworden, recht großartig, wenn
    er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie
    sind nicht mit ihm verwachsen und machen
    ihm gelegentlich noch viel zu schaffen. Er hat
    übrigens ein Recht, sich damit zu trösten,
    daß diese Entwicklung nicht gerade mit dem
    Jahr 1930 A.D. abgeschlossen sein wird. Ferne
    Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar
    große Fortschritte auf diesem Gebiet der
    Kultur mit sich bringen, die Gottähnlichkeit
    noch weiter steigern. Im Interesse unserer
    Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran
    vergessen, daß der heutige Mensch sich in seiner
    Gottähnlichkeit nicht glücklich fühlt.
          Wir anerkennen also die Kulturhöhe eines
    Landes, wenn wir finden, daß alles in ihm ge-
    pflegt und zweckmäßig besorgt wird, was der
    Ausnützung der Erde durch den Menschen und
    dem Schutz desselben vor den Naturkräften
    dienlich, also kurz zusammengefaßt: ihm nützlich
    ist. In einem solchen Land seien Flüsse,
    die mit Überschwemmungen drohen, in ihrem
    Lauf reguliert, ihr Wasser durch Kanäle hinge-
    leitet, wo es entbehrt wird. Der Erdboden
    werde sorgfältig bearbeitet und mit den
    Gewächsen beschickt, die er zu tragen geeignet
    ist, die mineralischen Schätze der Tiefe
    emsig zu Tage gefördert, und zu den verlangten
    Werkzeugen und Geräten verarbeitet, die
    Verkehrsmittel seien reichlich, rasch und zuver-
    lässig, die wilden und gefährlichen Tiere
    seien ausgerottet, die Zucht der zu Haustieren
    gezähmten in Blüte. Wir haben aber Anforderungen
    an die Kultur noch andere Anforderungen
    zu stellen und hoffen bemerkenswerter
    Weise sie in denselben Ländern verwirk-
    licht zu finden. Als wollten wir unseren
    zuerst erhobenen Anspruch verleugnen,
    begrüßen wir es auch als kulturell, wenn wir
    sehen, daß sich die Sorgfalt der Menschen
    auch Dingen zuwendet, die ganz und gar
    nicht nützlich sind, eher unnütz erscheinen,
    z. B. wenn die in einer Stadt als Spielplätze
    und Luftreservoirs notwendigen Garten-
    flächen auch Blumenbeete tragen, oder

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    wenn die Fenster der Wohnungen mit Blumentöpfen
    geschmückt sind. Wir merken bald, das Unnütze,
    dessen Schätzung wir von der Kultur erwarten,
    ist die Schönheit; wir fordern, daß der Kultur-
    mensch die Schönheit verehre, wo sie ihm in
    der Natur begegnet, und sie herstelle an Gegen-
    ständen, soweit seiner Hände Arbeit es vermag.
    Weit entfernt, daß unsere Ansprüche an die
    Kultur damit erschöpft wären. Wir verlangen
    noch die Zeichen von Reinlichkeit und Ordnung
    zu sehen. Wir denken nicht hoch von der Kultur
    einer englischen Landstadt zur Zeit Shakespeare's,
    wenn wir lesen, daß ein hoher Misthaufen
    vor der Türe seines väterlichen Hauses
    in Stratford lagerte; wir sind ungehalten und
    schelten es „barbarisch“, was der Gegensatz zu
    „kulturell“ ist, wenn wir die Wege des Wiener
    Waldes mit weggeworfenen Papieren bestreut
    finden. Unsauberkeit jeder Art scheint uns
    mit Kultur unvereinbar, auch auf den mensch-
    lichen Körper dehnen wir die Forderung
    der Reinlichkeit aus, hören mit Erstaunen
    welch üblen Geruch die Person des Roi Soleil
    zu verbreiten pflegte, und schütteln den Kopf,
    wenn uns auf Isola bella die winzige Wasch-
    schüssel gezeigt wird, deren sich Napoleon
    bei seiner Morgentoilette bediente. Ja wir
    sind nicht überrascht, wenn jemand den Gebrauch
    von Seife direkt als Kulturmesser aufstellt.
    Ähnlich ist es mit der Ordnung, die ebenso wie
    die Reinlichkeit sich ganz auf Menschenwerk
    bezieht. Aber während wir Reinlichkeit in der
    Natur nicht erwarten dürfen, ist die Ord-
    nung vielmehr der Natur abgelauscht; die
    Beobachtung der großen astronomischen
    Regelmäßigkeiten hat dem Menschen nicht
    nur das Vorbild, sondern die ersten An-
    haltspunkte für die Einführung der Ord-
    nung in sein Leben gegeben. Die Ord-
    nung ist eine Art Wiederholungszwang, die
    durch einmalige Einrichtung entscheidet, wann,
    wo und wie etwas getan
    werden soll, sodaß man in jedem gleichen Falle Zögern
    und Schwanken erspart. Die Wohltat
    der Ordnung ist ganz unleugbar, sie er-
    möglicht dem Menschen die beste Aus-
    nützung von Raum und Zeit, während sie
    seine psychischen Kräfte schont. Man hätte
    ein Recht zu erwarten, daß sie sich
    von Anfang an und zwanglos im mensch-
    lichen Tun durchsetzt, und darf
    erstaunen, daß dies nicht der Fall ist,
    daß der Mensch vielmehr einen natür-
    lichen Hang zur Nachlässigkeit, Unregel-
    mäßigkeit

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    und Unzuverlässigkeit in seiner Arbeit an den Tag
    legt und erst mühselig zur Nachahmung der himmlischen
    Vorbilder erzogen werden muß.
          Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung nehmen offenbar
    eine besondere Stellung unter den Kultur-
    anforderungen ein. Niemand wird behaupten, daß
    sie ebenso lebenswichtig seien wie die Beherr-
    schung der Naturkräfte und andere Momente, die
    wir noch kennen lernen sollen, und doch wird
    niemand gern sie als Nebensächlichkeiten zurück-
    stellen wollen. Daß die Kultur nicht allein
    auf Nutzen bedacht ist, zeigt schon das Bei-
    spiel der Schönheit, die wir unter den Interessen
    der Kultur nicht vermissen wollen. Der
    Nutzen der Ordnung ist ganz offenbar; bei
    der Reinlichkeit haben wir zu bedenken
    daß sie auch von der Hygiene gefordert
    wird, und können vermuten, daß dieser
    Zusammenhang den Menschen auch vor der
    Zeit einer wissenschaftlichen Krankheitsver-
    hütung nicht ganz fremd war. Aber der
    Nutzen erklärt uns das Streben nicht ganz;
    es muß noch etwas anderes im Spiele sein.
          Durch keinen anderen Zug vermeinen wir
    aber die Kultur besser zu kennzeichnen als
    durch die Schätzung und Pflege der höheren
    psychischen Tätigkeiten, der intellektuellen, wissen-
    schaftlichen und künstlerischen Leistungen, der
    führenden Rolle, welche den Ideen im Leben
    der Menschen eingeräumt wird. Unter
    diesen Ideen stehen obenan die religiösen
    Systeme, auf deren verwickelten Aufbau ich an
    anderer Stelle Licht zu werfen versuchte; neben
    ihnen die philosophischen Spekulationen und
    endlich, was man die Idealbildungen der Menschen
    heißen kann, ihre Vorstellungen von einer
    möglichen Vollkommenheit der einzelnen
    Person, des Volkes, der ganzen Menschheit,
    und die Anforderungen, die sie auf Grund
    solcher Vorstellungen erheben.
    Daß diese Schöpfungen nicht unab-
    hängig von einander sind, vielmehr innig unter
    einander verwoben, erschwert sowohl ihre
    Darstellung wie ihre psychologische Ableitung. Wenn
    wir ganz allgemein annehmen, die Triebfeder
    aller menschlichen Tätigkeiten sei das Streben
    nach den beiden zusammenfließenden Zielen,
    Nutzen und Lustgewinn, so müssen wir dasselbe
    auch für die hier angeführten kulturellen
    Äußerungen gelten lassen, obwol es nur
    für die wissenschaftliche und künstlerische
    Tätigkeit leicht ersichtlich ist. Man kann
    aber nicht bezweifeln, daß auch die anderen
    starken Bedürfnissen der Menschen ent-
    sprechen, vielleicht solchen, die nur bei
    einer Minderzahl entwickelt sind. Auch
    darf man sich nicht durch Werturteile über

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    einzelne dieser religiösen, philosophischen Systeme
    und dieser Ideale beirren lassen; ob man die höchste
    Leistung des Menschengeistes in ihnen sucht
    oder ob man sie als Verirrungen beklagt,
    man muß anerkennen, daß ihr Vorhandensein, besonders
    ihre Vorherrschaft, einen Hochstand der Kultur
    bedeutet.
          Als letzten, gewiß nicht unwichtigsten Charakterzug
    einer Kultur haben wir es zu würdigen,
    in welcher Weise die Beziehungen der
    Menschen zu einander, die sozialen Beziehungen,
    geregelt sind, die den Menschen als Nachbarn, als
    Hilfskraft, als Sexualobjekt eines anderen, betreffen,
    als Mitglied einer Familie, eines Staates. Es wird
    hier besonders schwer, sich von bestimmten
    Idealforderungen frei zu halten und das, was
    überhaupt kulturell ist, zu erfassen. Vielleicht
    beginnt man mit der Erklärung, das kulturelle
    Element sei mit dem ersten Versuch, diese
    sozialen Beziehungen zu regeln, gegeben.
    Unterbliebe ein solcher Versuch, so wären
    diese Beziehungen der Willkür des Einzelnen
    unterworfen, d. h. der physisch Stärkere würde
    sie im Sinne seiner Interessen und Trieb-
    regungen entscheiden. Daran änderte sich
    nichts, wenn dieser Stärkere seinerseits
    einen noch Stärkeren fände. Das menschliche Zu-
    sammenleben wird erst ermöglicht, wenn sich eine
    Mehrheit zusammenfindet, die stärker ist als jeder
    Einzelne und gegen jeden Einzelnen zusammenhält.
    Die Macht dieser Gemeinschaft stellt sich nun als „Recht“ der
    Macht des Einzelnen, die als „rohe Gewalt“
    verurteilt wird, entgegen. Diese Ersetzung
    der Macht des Einzelnen durch die der
    Gemeinschaft ist der entscheidende kulturelle
    Schritt. Ihr Wesen besteht darin, daß sich
    die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren
    Befriedigungsmöglichkeiten beschränken, während
    der Einzelne keine solche Schranke kannte.
    Die nächste kulturelle Anforderung ist also
    die der Gerechtigkeit, d. h. die Versicherung,
    daß die einmal gegebene Rechtsordnung
    nicht wieder zu Gunsten eines Einzelnen
    durchbrochen werde. Über den ethischen
    Wert eines solchen Rechts wird hiermit
    nicht entschieden. Der weitere Weg der
    kulturellen Entwicklung scheint dahin zu
    streben, daß dieses Recht nicht mehr der
    Willensausdruck einer kleinen Gemeinschaft
    – Kaste, Bevölkerungsschichte, Volksstammes – sei,
    welche sich zu anderen und vielleicht um-
    fassenderen solchen Massen wieder wie ein
    gewalttätiges Individuum verhält. Das
    Endergebnis soll ein Recht sein, zu dem
    Alle – wenigstens alle Gemeinschaftsfähigen –

  • S.

    31

    durch ihre Triebopfer beigetragen haben und das Keinen
    – wiederum mit der gleichen Ausnahme – zum Opfer
    der rohen Gewalt werden läßt.
          Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie
    war am größten vor jeder Kultur, allerdings
    damals meist ohne Wert, weil das Individuum
    kaum im Stande war, sie zu verteidigen.
    Durch die Kulturentwicklung erfährt sie Ein-
    schränkungen, und die Gerechtigkeit fordert,
    daß Keinem diese Einschränkungen erspart
    werden. Was sich in einer menschlichen Gemein-
    schaft als Freiheitsdrang rührt, kann Auf-
    lehnung gegen eine bestehende Ungerechtig-
    keit sein und so einer weiteren Ent-
    wicklung der Kultur günstig werden, mit
    der Kultur verträglich bleiben. Es kann aber
    auch dem Rest der ursprünglichen, von der
    Kultur ungebändigten Persönlichkeit ent-
    stammen und so Grundlage der Kulturfeind-
    seligkeit werden. Der Freiheitsdrang richtet
    sich also gegen bestimmte Formen und Ansprüche
    der Kultur oder gegen Kultur überhaupt.
    Es scheint nicht, daß man den Menschen durch
    irgend welche Beeinflussung dazu bringen kann,
    seine Natur in die eines Termiten umzu-
    wandeln, er wird wol immer seinen Anspruch
    auf individuelle Freiheit gegen den Willen
    der Masse verteidigen. Ein gut Teil des Ringens
    der Menschheit staut sich um die eine Auf-
    gabe, einen zweckmäßigen, d. h. beglückenden
    Ausgleich zwischen diesen individuellen und
    den kulturellen Massenansprüchen zu finden;
    es ist eines ihrer Schicksalsprobleme, ob dieser Ausgleich
    durch eine bestimmte Gestaltung der
    Kultur erreichbar oder ob der Konflikt
    unversöhnlich ist.
          Indem wir uns vom gemeinen Empfinden
    sagen ließen, welche Züge im Leben der
    Menschen kulturell zu nennen sind, haben
    wir einen deutlichen Eindruck vom Gesamt-
    bild der Kultur bekommen, freilich zunächst
    nichts erfahren, was nicht allgemein bekannt
    ist. Dabei haben wir uns gehütet, dem Vorurteil
    beizustimmen, Kultur sei gleichbedeutend mit
    Vervollkommnung, sei der Weg zur Voll-
    kommenheit, die dem Menschen vorgezeichnet
    ist. Nun aber drängt sich uns eine Auffassung
    auf, die vielleicht anderswohin führt. Die
    Kulturentwicklung erscheint uns als ein
    eigenartiger Prozeß, der über die Menschheit
    abläuft, an dem uns manches wie vertraut
    anmutet. Diesen Prozeß können wir durch
    die Veränderungen charakterisieren, die er
    mit den bekannten menschlichen Trieban-
    lagen vornimmt, deren Befriedigung doch die ökonomische
    Aufgabe unseres Lebens ist. Einige dieser

  • S.

    32

    Triebe werden in solcher Weise aufgezehrt, daß an ihrer
    Stelle etwas auftritt, was wir beim Einzelindivi-
    duum als Charaktereigenschaft beschreiben. Das
    merkwürdigste Beispiel dieses Vorganges haben
    wir an der Analerotik des jugendlichen Menschen
    gefunden. Sein ursprüngliches Interesse an
    der Exkretionsfunktion, ihren Organen und Pro-
    dukten wandelt sich im Lauf des Wachstums
    in die Gruppe von Eigenschaften um, die uns
    als Sparsamkeit, Sinn für Ordnung und
    Reinlichkeit bekannt sind, die, an und für
    sich wertvoll und willkommen, sich zu auf-
    fälliger Vorherrschaft steigern können und
    dann das ergeben, was man den Anal-
    charakter heißt. Wie das zugeht, wissen wir
    nicht, an der Richtigkeit dieser Auffassung ist
    kein Zweifel. x) Nun haben wir gefunden,
    __________________________________________________
    x) s. Charakter und Analerotik 1908 (Ges. Schriften Bd IV)
    und zahlreiche weitere Beiträge von E. Jones u. a.
    daß Ordnung und Reinlichkeit wesentliche Kultur-
    ansprüche sind, obgleich ihre Lebensnotwendigkeit
    nicht gerade einleuchtet, ebensowenig wie ihre
    Eignung als Genußquellen. An dieser Stelle
    mußte sich uns die Ähnlichkeit des Kulturpro-
    zesses mit der Libidoentwicklung des
    Einzelnen zuerst aufdrängen. Andere Triebe
    werden dazu veranlaßt, die Bedingungen ihrer
    Befriedigung zu verschieben, auf andere Wege
    zu verlegen, was in den meisten Fällen
    mit der uns wohlbekannten Sublimierung (der
    Triebziele) zusammenfällt, in anderen sich noch
    von ihr sondern läßt. Die Triebsublimierung
    ist ein besonders hervorstechender Zug der
    Kulturentwicklung, sie macht es möglich, daß
    höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche,
    künstlerische, ideologische, eine so bedeutsame
    Rolle im Kulturleben spielen. Wenn man
    dem ersten Eindruck nachgiebt, ist man
    versucht zu sagen, die Sublimierung sei über-
    haupt ein von der Kultur erzwungenes
    Triebschicksal. Aber man tut besser, sich das
    noch länger zu überlegen. Drittens endlich,
    und das scheint das Wichtigste, ist es un-
    möglich zu übersehen, in welchem Ausmaß
    die Kultur auf Triebverzicht aufgebaut
    ist, wie sehr sie gerade die Nichtbefriedigung
    (Unterdrückung, Verdrängung oder sonst etwas?)
    von mächtigen Trieben zur Voraussetzung
    hat. Diese „Kulturversagung“ beherrscht das große
    Gebiet der sozialen Beziehungen der Menschen;
    wir wissen bereits, sie ist die Ursache der
    Feindseligkeit, gegen die alle Kulturen
    zu kämpfen haben. Sie wird auch an unsere
    wissenschaftliche Arbeit schwere Anforder-
    ungen stellen, wir haben da viel Aufklärung
    zu geben. Es ist nicht leicht zu verstehen,

  • S.

    33

    wie man es möglich macht, einem Trieb die Befriedigung
    zu entziehen. Es ist gar nicht so ungefährlich; wenn
    man es nicht ökonomisch kompensiert, kann man
    sich auf ernste Störungen gefaßt machen.
          Wenn wir aber wissen wollen, welchen Wert
    unsere Auffassung der Kulturentwicklung als
    eines besonderen Prozesses, vergleichbar der
    normalen Reifung des Individuums, beanspruchen
    kann, müssen wir offenbar ein anderes Problem
    in Angriff nehmen, uns die Frage stellen, welchen
    Einflüssen die Kulturentwicklung ihren Ur-
    sprung dankt, wie sie entstanden ist und
    wodurch ihr Lauf bestimmt wurde.