S.
10.
erkennt. Ich wiederhole das Bekenntnis, daß
es mir sehr beschwerlich ist, mit diesen kaum
faßbaren Größen zu arbeiten. Ein anderer
meiner Freunde, den ein unstillbarer
Wissensdrang zu den ungewöhnlichsten Experi-
menten getrieben und endlich zum Allwisser
gemacht hat, versicherte mir, daß man in
den Yogapraktiken durch Abwendung von
der Außenwelt, durch Bindung der Aufmerk-
samkeit an körperliche Funktionen,
durch besondere Weisen der Atmung
tatsächlich neue Empfindungen und Allgemein-
gefühle in sich erwecken kann, die er als
Regressionen zu uralten, längst über-
lagerten Zuständen des Seelenlebens
auffassen will. Er sieht in ihnen eine
sozusagen physiologische Begründung vieler
Weisheiten der Mystik. Beziehungen
zu manchen dunkeln Modifikationen des
Seelenlebens wie Trance und Ekstase
lägen hier nahe. Allein mich drängt es,
auch einmal mit den Worten des Schiller'schen
Tauchers auszurufen:
„Es freue sich, wer da atmet im
rosigen Licht.“II.
In meiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion“
handelte es sich nicht um die tiefsten
Quellen des religiösen Gefühls, sondern
um das, was der gemeine Mann unter
seiner Religion versteht, um das System
von Lehren und Verheißungen, das
ihm einerseits die Rätsel dieser
Welt mit beneidenswerter Vollständigkeit aufklärt,
anderseits ihm versichert, daß
eine sorgsame Vorsehung über sein
Leben wachen und etwaige Versagungen
in einer jenseitigen Existenz gutmachen
wird. Diese Vorsehung kann der gemeine
Mann sich nicht anders als in der Person
eines großartig erhöhten Vaters vorstellen.
Nur ein solcher kennt die Bedürfnisse der
Menschenkinder, läßt sich durch ihre Bitten
erweichen, durch die Zeichen ihrer Reue
beschwichtigen. Das Ganze ist so
offenkundig infantil, so wirklichkeitsfremd,
daß es einer menschenfreundlichen Gesinnung
schmerzlich wird zu denken,
die große Mehrheit der Sterblichen
werde sich niemals über diese Auffassung
des Lebens erheben können. NochS.
11
beschämender wirkt es zu erfahren, ein wie
großer Anteil der heute Lebenden, die es
einsehen müssen, daß diese Religion nicht zu
halten ist, doch Stück für Stück von ihr
in kläglichen Rückzugsgefechten zu verteidigen
sucht. Man möchte sich in die Reihen der Gläubigen mengen, um den Philosophen, die den Gott der
Religion zu retten glauben, indem sie ihn
durch ein unpersönliches, schattenhaft abstraktes
Prinzip ersetzen,möchte mandie Mahnungaus den Reihen der Gläubigenvorhalten:
Du sollst den Namen des Herrn nicht zum
Eitlen anrufen! Wenn einige der größten
Geister vergangener Zeiten das Gleiche getan
haben, so darf man sich hierin nicht auf sie
berufen. Man weiß, warum sie so mußten.
Wir kehren zum gemeinen Mann und
zu seiner Religion zurück, der einzigen,
die diesen Namen verdient.Wer Wissen =schaft und Kunst nicht hat, der habe Religion
Da tritt uns zunächst die bekannte Äußerung
eines unserer großen Weisen und Dichter entgegen, der sich
über das Verhältnis der Religion zur Kunst
und Wissenschaftäußertausspricht. Sie lautet:
Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
der hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
der habe Religion! x)
Dieser Spruch bringt einerseits die Religion in einen
Gegensatz zu den beiden Höchstleistungen des Menschen,
anderseits behauptet er, daß sie einander in ihrem
Lebenswert vertreten oder ersetzen können.
Wenn wir auch dem gemeinen Mann die Religion
bestreiten wollen, haben wir offenbar die Autorität
des Dichters nicht auf unserer Seite. Wir versuchen
einen besonderen Weg, um uns der Würdigung
seines Satzes zu nähern.
Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer
für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen,
unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungs-
mittel nicht entbehren. (Es geht nicht ohne
Hilfskonstruktionen, hat uns Th. Fontane gesagt.)
Solcher Mittel giebt es vielleicht dreierlei:
mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend
gering schätzen lassen, Ersatzbefriedigungen,
die es verringern, Rauschstoffe, die uns für
dasselbe unempfindlich machen. Irgend etwas
dieser Art ist unerläßlich. x) Auf die Ablenkungen
__________________________________________________
x) auf erniedrigtem Niveau sagt Wilh. Busch
dasselbe: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“
zielt Voltaire, wenn er seinen Candide in den Rat aus-
klingen läßt, seinen Garten zu bearbeiten; solch
eine Ablenkung ist auch die wissenschaftliche Tätigkeit. Die Ersatzbefriedig-
ungen, wie die Kunst sie bietet, sind gegen
die Realität Illusionen, darum nicht minder
psychisch wirksam dank der Rolle, die die
Phantasie im Seelenleben behauptet hat. Die
Rauschmittel beeinflussen unser Körperliches,
ändern seinen Chemismus. Es ist nicht einfach,
die Stellung der Religion in dieser
Reihe anzugeben. Wir werden weiter
ausholen müssen.S.
12
Die Frage nach dem Zweck des menschlichen
Lebens ist ungezählte Male gestellt worden; sie
hat noch nie eine befriedigende Antwort ge-
funden, läßt eine solche vielleicht überhaupt
nicht zu. Manche Fragesteller haben
hinzugefügt, wenn sich ergeben sollte,
daß das Leben keinen Zweck hat, dann
würde es jeden Wert für sie verlieren.
Aber diese Drohung ändert nichts. Es scheint
vielmehr, daß man ein Recht dazu hat,
die Frage abzulehnen. Ihre Voraussetzung scheint jene
menschliche Überhebung, von der wir soviel
andere Äußerungen bereits kennen.
Von einem Zweck des Lebens der Tiere
wird nicht gesprochen, wenn deren Bestim-
mung nicht etwa darin besteht, dem Menschen
zu dienen. Allein auch das ist nicht haltbar,
denn mit vielen Tieren weiß der Mensch
nichts anzufangen – außer daß er sie beschreibt
klassifiziert, studiert – und ungezählte Tier-
arten habengelebt und sind ausgestorben,
sich auch dieser Verwendung entzogen, indem sie lebten und ausstarben,
ehe der Mensch sie gesehen hatte. Es ist
wiederum nur die Religion, die die
Frage nach einem Zweck des Lebens zu be-
antworten weiß. Man wird kaum irren
zu entscheiden, daß die Idee eines Lebens-
zwecks mit dem religiösen System steht und fällt.
Wir wenden uns darum der anspruchs-
loseren Frage zu, was die Menschen selbst
durch ihr Verhalten als Zweck und Absicht
ihres Lebens erkennen lassen, was sie vom
Leben fordern, in ihm erreichen wollen.
Die Antwort darauf ist kaum zu verfehlen;
sie streben nach dem Glück, sie wollen
glücklich werden und so bleiben. Dies
Streben hat zwei Seiten, ein positives und
ein negatives Ziel, es will einerseits
die Abwesenheit von Schmerz und Unlust,
anderseits das Erleben starker Lustempfindungen.
Im engeren Wortsinn wird
„Glück“ nur auf das letztere bezogen. Ent-
sprechend dieser Zweiteilung der Ziele
entfaltet sich die Tätigkeit der Men-
schen nach zwei Richtungen, je nachdem sie das eine oder
das andere dieser Ziele – vorwiegend oder
selbst ausschließlich – zu verwirklichen sucht.
Es ist, wie man merkt, einfach das Programm
des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt.
Dies Prinzip beherrscht die Leistung des seelischen
Apparats vom Anfang an; an seiner
Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein,S.
13
und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen
Welt, mit dem Makrokosmos ebenso wol wie mit
dem Mikrokosmos. Es ist überhaupt nicht durchführbar,
alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihm, mankönntemöchte sagen, dieMöglichkeitAbsicht, daß der Mensch glücklich
sei, ist im Plan der „Schöpfung“ nicht enthalten.
Was man im strengsten Sinne Glück heißt, entspringt
der eher plötzlichen Befriedigung hoch aufgestauter
Bedürfnisse und ist seiner Natur nach nur als
episodisches Phänomen möglich. Jede Fortdauer
einer vom Lustprinzip ersehnten Situation
ergibt nur ein Gefühl von lauem Behagen;
wir sind so eingerichtet, daß wir nur den
Kontrast intensiv genießen können, den
Zustand nur sehr wenig. x) Somit sind unsere
__________________________________________________
x) Goethe mahnt sogar: Nichts ist schwerer zu ertragen
als eine Reihe von schönen Tagen.
Das mag immerhin eine Übertreibung sein.annehmen der Dichter meint nicht odernicht nur Tage mit schönem Wetter.
Glücksmöglichkeiten schon durch unsere Konstitut-
ion beschränkt. Weit weniger Schwierigkeiten
hat es, Unglück zu erfahren. Von drei Seiten
droht das Leiden, vom eigenen Körper her,
der zu Verfall und Auflösung bestimmt sogar
Schmerz und Angst als Warnungssignale nicht
entbehren kann, von der Außenwelt, die
mit übermächtigen, unerbittlichen, zerstörenden Kräften
gegen uns wüten kann, und endlich aus den
Beziehungen zu anderen Menschen. Das Leiden,
das aus dieser Quelle stammt, empfinden wir
vielleicht schmerzlicher als jedes andere; wir
sind geneigt, es als eine gewissermaßen über-
flüssige Zutat anzusehen, obwol es nicht
weniger schicksalsmäßig unabwendbar sein
dürfte als das Leiden anderer Herkunft.
Kein Wunder, wenn unter dem Druck
dieser Leidensmöglichkeiten die Menschen
ihren Glücksanspruch zu ermäßigen pflegen,
wie ja auch das Lustprinzip selbst sich
unter dem Einfluß der Außenwelt zum
bescheideneren Realitätsprinzip umbildete,
wenn man sich bereits glücklich preist, dem
Unglück entgangen zu sein, das Leiden überstanden
zu haben, wenn ganz allgemein die Aufgabe der
Leidvermeidung die der Lustgewinnung
in den Hintergrund drängt. Die Überleg-
ung lehrt, daß man die Lösung dieser Aufgabe
auf sehr verschiedenen Wegen versuchen
kann; alle diese Wege sind von den
einzelnen Schulen der Lebensweisheit empfohlen und
von den Menschen begangen worden.S.
14
Uneingeschränkte Befriedigung aller Bedürfnisse
drängt sich als die verlockendste Art der Lebens-
führung vor, aber das heißt, den Genuß vor die
Vorsicht setzen und straft sich nach kurzem
Betrieb. Die anderen Methoden, bei denen
die Vermeidung von Unlust die vorwiegende
Absicht ist, scheiden sich je nach der Unlustquelle,
der sie die größere Aufmerksamkeit zu-
wenden. Es giebt da extreme und gemäßigte
Verfahren, einseitige und solche die zugleich
an mehreren Stellen angreifen. Gewollte Ver-
einsamung, Fernhaltung von den
Anderen, ist der nächstliegende Schutz gegen
das Leid, das einem aus menschlichen Be-
ziehungen erwachsen kann. Man versteht, das
Glück, das man auf diesem Weg erreichen
kann, ist das der Ruhe. Gegen die gefürchtete
Außenwelt kann man sich nicht anders
als durch irgend eine Art der Abwendung
verteidigen, wenn man diese Aufgabe
für sich allein lösen will. Es giebt freilich
einen anderen und besseren Weg, indem
man als ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft mit
Hilfe der von der Wissenschaft geleiteten
Technik zum Angriff auf die Natur
übergeht und sie menschlichem Willen
unterwirft. Man arbeitet dann mit Allen
am Glück Aller. Die interessantesten Methoden
zur Leidverhütung sind aber die, die den
eigenen Organismus zu beeinflussen
versuchen. Endlich ist alles Leid nur Empfindung,
es besteht nur insoferne wir es verspüren,
und wir verspüren es nur in Folge gewisser
Einrichtungen unseres Organismus.
Die roheste, aber auch wirksamste Methode dieser
Beeinflussung ist die chemische, die Intoxikation.
Ich glaube nicht, daß irgendwer ihren Mechanismus
durchschaut, aber es ist Tatsache, daß
es körperfremde Stoffe giebt, deren
Anwesenheit in Blut und Geweben
uns unmittelbare Lustempfindungen verschafft,
aber auch die Bedingungen unseres Empfind-
ungslebens so verändert, daß wir zur Auf-
nahme von Unlustregungen untauglich werden.
Beide Wirkungen erfolgen nicht nur gleichzeitig,
sie scheinen auch innig an einander verknüpft.
Es muß aber auch in unserem eigenen
Chemismus Stoffe geben, die Ähnliches leisten,
denn wir kennen wenigstens einen krankhaften
Zustand, die Manie, in dem dies
rauschähnliche Verhalten zu Stande kommt,
ohne daß ein Rauschgift eingeführt worden
wäre. Überdies zeigt unser normales
SeelenlebenS.
15
Schwankungen von erleichterter oder erschwerter
Lustentbindung, mit denen eine verringerte oder
vergrößerte Empfänglichkeit für Unlust parallel
geht. Es ist sehr zu bedauern, daß diese toxische
Seite der seelischen Vorgänge sich der
wissenschaftlichen Erforschung bisher entzogen hat. Die
Leistung der Rauschmittel im Kampf um das Glück
und zur Fernhaltung des Elends wird so sehr als
Wohltat geschätzt, daß Individuen wie Völker
ihnen eine feste Stellung in ihrer Libido-
Oekonomie eingeräumt haben. Man dankt ihnen
nicht nur den unmittelbaren Lustgewinn, sondern
auch ein heiß ersehntes Stück Unabhängigkeit von
der Außenwelt. Man weiß doch, daß man mit
Hilfe des „Sorgenbrechers“ sich jederzeit dem
Druck der Realität entziehen und in einer
eigenen Welt mit besseren Empfindungsbeding-
ungen Zuflucht finden kann. Es ist bekannt,
daß gerade diese Eigenschaft der Rauschmittel auch
ihre Gefahr und Schädlichkeit bedingt. Sie tragen
unter Umständen die Schuld daran, daß große
Energiebeträge, die zur Verbesserung des
menschlichen Loses verwendet werden
könnten, nutzlos verloren gehen.
Der complicierte Bau unseres seelischen Apparates
gestattet aber auch eine ganze Reihe anderer
Beeinflussungen. Wie Triebbefriedigung Glück
ist, so wird es Ursache schweren Leidens, wenn die
Außenwelt uns darben läßt, die Sättigung
unserer Bedürfnisse verweigert. Man kann
also hoffen, durch Einwirkung auf diese Triebreg-
ungen von einem Teil des Leidens frei zu
werden. Diese Art der Leidabwehr greift nicht
mehr am Empfindungsapparat an, sie sucht der
inneren Quellen der Bedürfnisse Herr zu
werden. In extremer Weise geschieht dies,
indem man die Triebe ertötet, wie die
orientalische Lebensweisheit lehrt und die
Yogapraxis ausführt. Gelingt es, so hat man freilich
damit auch alle andere Tätigkeit aufgegeben
(das Leben geopfert), auf anderem Wege wieder
nur das Glück der Ruhe erworben. Den
gleichen Weg verfolgt man, bei ermäßigten
Zielen, wenn man nur die Beherrschung
des Trieblebens anstrebt. Das Herrschende
sind dann die höheren psychischen Instanzen, die sich
dem Realitätsprinzip unterworfen
haben. Hierbei wird die Absicht der Befried-
igung keineswegs aufgegeben; ein gewisser
Schutz gegen Leiden wird dadurch erreicht, daß
die Unbefriedigung der in Abhängigkeit ge-
haltenen Triebe nicht so schmerzlich empfunden
wird wie die der ungehemmten. Dagegen stehtS.
16
aber eine unleugbare Herabsetzung der Genuß-
möglichkeiten. Das Glücksgefühl bei Befriedigung
einer wilden, vom Ich ungebändigten Trieb-
regung ist unvergleichlich intensiver als das
bei Sättigung eines gezähmten Triebes. Die
Unwiderstehlichkeit perverser Impulse, vielleicht
der Anreiz des Verbotenen überhaupt, findet
hierin eine ökonomische Erklärung.
Eine andere Technik der Leidabwehr bedient
sich der Libidoverschiebungen, welche unser
seelischer Apparat gestattet, durch die seine
Funktion so viel an Geschmeidigkeit gewinnt.
Die zu lösende Aufgabe ist, die Triebziele solcher
Art zu verlegen, daß sie von der Versagung
der Außenwelt nicht getroffen werden können.
Die Sublimierung der Triebe leiht dazu ihre Hilfe.
Am meisten erreicht man, wenn man den Lust-
gewinn aus den Quellen psychischer und intellek-
tueller Arbeit genügend zu erhöhen versteht.
Das Schicksal kann einem dann wenig anhaben.
Die Befriedigungen solcher Art, wie die Freude
des Künstlers am Schaffen, an der Verkörper-
ung seiner Phantasiegebilde, die des Forschers
an der Lösung von Problemen und Erkennen
der Wahrheit haben eine besondere
Qualität, die wir gewiß eines Tages werden
metapsychologisch charakterisieren können. Derzeit
können wir nur bildweise sagen, sie erscheinen
uns „feiner und höher“, aber ihre Intensität
ist im Vergleich mit der aus der Sättigung
grober, primärer Triebregungen gedämpft; sie
erschüttern nicht unsere Leiblichkeit. Die
Schwäche dieser Methode liegt aber darin, daß
sie nicht allgemein verwendbar, nur wenigen
Menschen zugänglich ist. Sie setzt besondere
im wirksamen Ausmaß nicht gerade häufige
Anlagen und Begabungen voraus. Auch diesen
Wenigen kann sie nicht vollkommenen Leidens-
schutz gewähren, sie schafft ihnen keinen
für die Pfeile des Schicksals undurch-
dringlichen Panzer, und sie pflegt zu
versagen, wenn der eigene Leib die
Quelle des Leidens wird.
Wenn schon bei diesem Verfahren die Absicht sich von der Außenwelt
unabhängig zu machen, indem man seine
Befriedigungen in inneren psychischen Vor-
gängen sucht, deutlich wird, so treten die gleichen Züge
noch stärker bei dem nächsten hervor.
Hier wird der Zusammenhang mit der
Realität noch mehr gelockert, dieS.
17
Befriedigung wird aus Illusionen gewonnen, die man
als solche erkennt, ohne sich durch deren Abweichung
von der Wirklichkeit im Genuß stören zu
lassen. Das Gebiet, aus dem diese Illusionen
stammen, ist das des Phantasielebens; es wurde
seinerzeit als sich die Entwicklung des Realitäts-
sinnes vollzog, ausdrücklich den Ansprüchen
der Realitätsprüfung entzogen und blieb für
die Erfüllung schwer durchsetzbarer Wünsche
bestimmt. Obenan unter diesen Phantasie-
befriedigungen steht der Genuß an Werken
der Kunst, der auch dem nicht selbst Schöpferischen
durch die Vermittlung des Künstlers zugänglich
gemacht wird. x) Wer für den Einfluß der Kunst
__________________________________________________
x) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen
Geschehens 1911 (Ges. Schriften Bd VI) und Vorlesungen zur Einführung
in die Psychoanalyse XXIII (Ges. Schriften Bd VII).
empfänglich ist, weiß ihn als Lustquelle und
Lebenströstung nicht hoch genug einzuschätzen.
Doch vermag die milde Narkose, in die
uns die Kunst versetzt, nicht mehr als eine
flüchtige Entrückung aus den Nöten des
Lebens herbeizuführen und ist nicht stark
genug, um reales Elend vergessen zu
machen.
Energischer und gründlicher geht ein anderes
Verfahren vor, das den einzigen Feind
in der Realität erblickt, die die Quelle
alles Leids ist, mit der sich nicht leben läßt,
mit der man darum alle Beziehungen ab-
brechen muß, wenn man in irgend einem
Sinne glücklich sein will. Der Eremit kehrt
dieser Welt den Rücken, er will nichts
mit ihr zu schaffen haben. Aber man kann
mehr tun, man kann sie umschaffen wollen,
an statt ihrer eine andere aufbauen, in der die
unerträglichsten Züge ausgetilgt und
durch andere im Sinne der eigenen Wünsche
ersetzt sind. Wer in verzweifelter Em-
pörung diesen Weg zum Glück einschlägt,
wird in der Regel nichts erreichen; die
Wirklichkeit ist zu stark für ihn. Er wird
ein Wahnsinniger, der in der Durch-
setzung seines Wahns meist keine Helfer findet.
Es wird aber behauptet, daß jeder von uns
sich in irgend einem Punkte ähnlich
dem Paranoiker benimmt, eine ihm unleidliche Seite der
Welt durch eine Wunschbildung korrigiert
und diesen Wahn in die Realität ein-
trägt. Eine besondere Bedeutung bean-
sprucht der Fall, daß eine größere
Anzahl von Menschen gemeinsam den Ver-
such unternimmt, sich Glücksversicherung
und Leidenschutz durch wahnhafteS.
18
Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als
solchen Massenwahn müssen wir auch die
Religionen der Menschheit kennzeichnen.
Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer
ihn selbst noch teilt.
Ich glaube nicht, daß diese Aufzählung der
Methoden, wie die Menschen das Glück
zu gewinnen und das Leiden fernzuhalten
bemüht sind, vollständig ist, weiß auch, daß
der Stoff andere Anordnungen zuläßt. Eines
dieser Verfahren habe ich noch nicht angeführt,
nicht daß ich daran vergessen
hätte, sondern weil es uns noch in anderem
Zusammenhange beschäftigen wird. Wie
wäre es auch möglich, gerade an diese Technik
der Lebenskunst zu vergessen. Sie zeichnet
sich durch die merkwürdigste Vereinigung
von charakteristischen Zügen aus. Sie strebt
natürlich auch die Unabhängigkeit vom
Schicksal – so nennen wir es am besten – an
und verlegt in dieser Absicht die Befriedigung
in innere seelische Vorgänge, bedient sich
dabei der vorhin erwähnten Verschiebarkeit
der Libido, aber sie wendet sich nicht von
der Außenwelt ab, klammert sich im Gegen-
teil an deren Objekte und gewinnt das
Glück aus einer Gefühlsbeziehung zu ihnen.
Sie gibt sich dabei auch nicht mit dem gleichsam
müde resignierenden Ziel der Unlustver-
meidung zufrieden, eher geht sie achtlos
an diesem vorbei und hält an dem ursprüng-
lichen leidenschaftlichen Streben nach positiver
Glückserfüllung fest. Vielleicht kommt sie
diesem Ziel in Wirklichkeit näher als jede andere
Methode. Ich meine natürlich jene Richtung
des Lebens, welche die Liebe zum Mittel-
punkt nimmt, alle Befriedigung aus dem
Lieben und Geliebtwerden erwartet.
Eine solche psychische Einstellung liegt uns
allen nahe genug; eine der Erscheinungs-
formen der Liebe, die geschlechtliche
Liebe, hat uns die stärkste Erfahrung einer
überwältigenden Lustempfindung ver-
mittelt und so das Vorbild für unser
Glücksstreben gegeben. Was ist natürlicher,
als daß wir dabei beharren, das Glück
auf demselben Wege zu suchen, auf
dem wir es zuerst begegnet haben. Die
schwache Seite dieser Lebenstechnik liegt
klar zu Tage; sonst wäre es auch keinem
Menschen eingefallen, diesen Weg
zum Glück für einen anderen zu
verlassen. Niemals sind wir ungeschützter
gegen das Leiden als wenn wir lieben,
niemals hilfloser unglücklich als wenn wirS.
19
das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren
haben. Aber die auf den Glückswert der Liebe
gegründete Lebenstechnik ist damit nicht erledigt,
es ist viel mehr darüber zu sagen.
Hier kann man den interessanten Fall anschließen,
daß das Lebensglück vorwiegend im Genusse der Schön-
heit gesucht wird, wo immer sie sich unseren Sinnen und
unserem Urteil zeigt, der Schönheit menschlicher Formen
und Gesten, Naturobjekte und Landschaften, künst-
lerischer und selbst wissenschaftlicher Schöpfungen. Diese
ästhetische Einstellung zum Lebensziel bietet wenig
Schutz gegen drohende Leiden, vermag aber für vieles
zu entschädigen. Der Genuß an der Schönheit hat
einen besonderen, mild berauschenden Empfindungs-
charakter. Ein Nutzen der Schönheit liegt nicht klar
zu Tage, ihre kulturelle Notwendigkeit ist nicht einzu-
sehen, und doch könnte man sie in der Kultur nicht
vermissen. Die Wissenschaft der Ästhetik untersucht
die Bedingungen, unter denen das Schöne empfunden
wird; über Natur und Herkunft der Schönheit hat sie
keine Aufklärung geben können; wie gebräuchlich,
wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand an
volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt. Leider
weiß auch die Psychoanalyse über die Schönheit am
wenigsten zu sagen. Einzig die Ableitung aus dem
Gebiet des Sexualempfindens scheint gesichert; es wäre
ein vorbildliches Beispiel einer zielgehemmten Regung.
Die „Schönheit“ und der „Reiz“ sind ursprünglich
Eigenschaften des Sexualobjekts. Es ist bemerkenswert,
daß die Genitalien selbst, deren Anblick immer er-
regend wirkt, doch fast nie als schön beurteilt werden, da-
gegen scheint der Charakter der Schönheit an gewissen
sekundären Geschlechtsmerkmalen zu haften.
Trotz dieser Unvollständigkeit getraue ich mich
bereits einiger unsere Untersuchung abschließ-
ender Bemerkungen. Das Programm, welches uns
das Lustprinzip aufdrängt, glücklich zu werden,
ist nicht zu erfüllen, doch darf man – nein,
kann man – die Bemühungen, es irgendwie
der Erfüllung näher zu bringen, nicht aufgeben.
Man kann sehr verschiedene Wege dahin ein-schlagen,
entweder den positiven Inhalt des Ziels voran-
stellen, den Lustgewinn, oder den negativen, die Unlust-
vermeidung, voranstellen. Auf keinem dieser
Wege können wir alles, was wir begehren,
erreichen. Das Glück, in jenem ermäßigten
Sinn, in dem es als möglich erkannt wird,
ist ein Problem der individuellen Libido-
Oekonomie. Es giebt hier keinen Rat, der
für alle taugt; ein jeder muß selbst ver-
suchen, auf welche besondere Fasson er
selig werden kann. Die mannigfaltigsten
Faktoren werden sich geltend machen, um
seiner Wahl die Wege zu weisen. Es kommt
darauf an, wieviel reale Befriedigung er
von der Außenwelt zu erwarten hat und in-
wie weit er veranlaßt ist, sich von ihr unabhängig
zu machen, zuletzt auch wieviel Kraft er sich
zutraut, diese nach seinen Wünschen abzu-
ändern. Schon dabei wird außer den äußeren
Verhältnissen die psychische Konstitution des Indivi-
duums entscheidend werden. Der vorwiegend
erotische Mensch wird die Gefühlsbeziehungen
zu anderen Personen voranstellen, der
eher selbstgenügsame Narzißtische die
wesentlichen Befriedigungen in seinen inneren
seelischen Vorgängen suchen, der Tatenmensch
von der Außenwelt nicht ablassen, an der
er seine Kraft erproben kann. Für den
mittleren dieser Typen wird die Art seiner
Begabung und das Ausmaß der ihm mög-
lichen Triebsublimierung dafür bestimmend
werden, wohin er seine Interessen verlegen
soll. Jede extreme Entscheidung wird sich
dadurch strafen, daß sie das Individuum
den Gefahren aussetzt, die die Unzuläng-
lichkeit der gar ausschließlich gewählten
Lebenstechnik mit sich bringt. Wie der
vorsichtige Kaufmann es vermeidet, sein ganzes
Kapital an einer Stelle festzulegen, so
wird vielleicht auch die Lebensweisheit raten,
nicht alle Befriedigung von einer einzigen
Strebung zu erwarten. Der Erfolg
ist niemals sicher, er hängt vom Zusammentr-
treffen vieler Momente ab, von keinem
vielleicht mehr als von der Fähigkeit der
psychischen Konstitution, ihre Funktion derS.
20
Umwelt anzupassen und diese für Lustgewinn aus-
zunutzen. Wer eine besonders ungünstige
Triebkonstitution mitgebracht und die zur späteren
Leistung unerläßliche Umbildung und Neu-
ordnung seiner Libidokomponenten nicht
regelrecht durchgemacht hat, wird es schwer haben,
aus seiner äußeren Situation Glück zu ge-
winnen, zumal wenn er vor schwierigere
Aufgaben gestellt wird. Als letzte Lebens-
technik, die ihm wenigstens Ersatzbefriedig-
ungen verspricht, bietet sich ihm die
Flucht in die neurotische Krankheit, die
er meist schon in jungen Jahren vollzieht.
Wer dann in späterer Lebenszeit seine
Bemühungen um das Glück vereitelt findet,
sucht Trost im Lustgewinn der
chronischen Intoxikation, oder er unternimmt
den verzweifelten Auflehnungsversuch
der Psychose.
Die Religion beeinträchtigt dieses Spiel der
Auswahl und Anpassung, indem sie ihren
Weg zum Glückserwerb und Leidenschutz
allen in gleicher Weise aufdrängt. Ihre
Technik besteht darin, den Wert des Lebens
herabzudrücken und das Bild der realen
Welt wahnhaft zu entstellen, was die
Einschüchterung der Intelligenz zur Voraus-
setzung hat. Um diesen Preis, durch gewalt-
same Fixierung eines psychischen Infantilismus
und Einbeziehung in einen Massenwahn,
gelingt es der Religion, vielen Menschen
die individuelle Neurose zu ersparen. Aber
kaum mehr; es gibt, wie wir gesagt haben, viele
Wege, die zu dem Glück führen können,
wie es dem Menschen erreichbar ist,
keinen der sicher dahin leitet. Auch die
Religion kann ihr Versprechen nicht
halten. Wenn der Gläubige sich endlich
genötigt findet, von Gottes „unerforschlichem
Ratschluß“ zu reden, so gesteht er damit ein,
daß ihm als letzte Trostmöglichkeit und
Lustquelle im Leiden nur die bedingungslose
Unterwerfung übrig geblieben ist. Und
wenn er zu dieser bereit ist, hätte
er sich wahrscheinlich den Umweg
ersparen können.
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Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
1930-001/1929.01/2