Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
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    wärtigen Kulturzustand Amerikas gäbe, eine gute
    Gelegenheit diesen befürchteten Kulturschaden zu
    studieren. Aber ich vermeide widerstehe die Versuchung
    in die Kritik der ame Kultur Amerikas einzugehen
    ich will nicht den Eindruck hervorrufen als ob ich mich
    wollte ich mich selbst mit amerikanischen Methoden bedienen.

    VI.

    wie diesmal Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung
    gehabt, daß ich allgemein Bekanntes darstelle erzähle,
    Papier und Tinte in weiterer Folge Setzerarbeit und
    Druckerschwärze aufbiete, um eigentlich
    selbstverständliche Dinge zu erzählen. Darum
    greife ich es gerne auf, wenn sich der Anschein
    ergiebt, daß die Anerkennung eines besonderen
    selbständigen Aggressionstriebes eine Abänd=
    erung der psychoanalytischen Trieblehre be=
    deutet.
          Es wird sich zeigen, daß dem nicht so ist, daß es sich
    blos darum handelt, eine Wendung die längst
    vollzogen worden ist, schärfer zu fassen und
    in ihre Consequenzen zu verfolgen. Von
    allen langsam entwickelten Stücken der
    analytischen Theorie hat sich die Trieblehre am
    mühseligsten vorwärts getastet. Und sie war
    doch dem Ganzen so unentbehrlich, daß irgend
    etwas an ihre Stelle gerückt werden mußte.
    In der vollen Ratlosigkeit der Anfänge gab
    mir der Satz des Dichterphilosophen Schiller den
    ersten Anhalt, daß „Hunger und Liebe“ das Getriebe
    der Welt zusammenhalten. Der Hunger konnte
    als Vertreter jener Triebe gelten die das
    Einzelwesen erhalten wollen, die Liebe strebt
    nach Objekten, ihre Hauptfunktion, von der
    Natur in jeder Weise begünstigt, ist die
    Erhaltung der Art. So traten zuerst Ichtriebe
    und Objekttriebe einander gegenüber. Für
    die Energie der letzteren und ausschließlich
    für sie führte ich den Namen Libido ein;
    somit lief der Gegensatz zwischen Ichtrieben
    und den auf's Objekt gerichteten libidinösen
    Trieben der Liebe im weitesten Sinne. Einer
    von diesen Objekttrieben, der sadistische,
    tat sich zwar dadurch hervor, daß sein Ziel
    so gar nicht liebevoll war, auch schloß er sich
    offenbar in manchen Stücken den Ichtrieben
    an, konnte seine nahe Verwandtschaft mit
    Bemächtigungstrieben ohne libidinöse Absicht
    nicht verbergen, aber man kam über diese
    Unstimmigkeit hinweg; der Sadismus gehörte
    doch offenbar zum Sexualleben, das grausame
    Spiel konnte das zärtliche ersetzen. Die
    Neurose erschien als der Ausgang eines
    Kampfes zwischen dem Interesse der
    Selbstbehauptung und den Anforderungen der
    Libido, ein Kampf in dem das Ich gesiegt
    hatte, aber um den Preis schwerer Leiden und
    Verzichte.

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    Jeder Analytiker wird zugeben, daß dies
    auch heute nicht wie ein längst überwundener
    Irrtum klingt. Doch wurde eine Abänderung un=
    erläßlich als unsere Forschung vom Verdrängten
    zum Verdrängenden, von den Objekttrieben
    zum Ich fortschritt. Entscheidend wurde hier
    die Einführung des Begriffes Narzißmus,
    d.h. die Einsicht, daß das Ich selbst mit Libido
    besetzt ist, ja daß es vielleicht deren ursprüngliche Heim=
    stätte sei und gewissermaßen auch ihr Haupt=
    quartier bleibe. Diese narzißtische Libido
    wendet sich den Objekten zu, wird so zur Objekt=
    libido und kann sich in narzißtische Libido
    zurückverwandeln. Der Begriff des Narzißmus
    machte es möglich, die traumatische Neurose
    sowie viele den Psychosen nahe stehenden Affekt=
    ionen und diese selbst analytisch zu erfassen.
    Die Deutung der Übertragungsneurosen als
    Versuch des Ich's sich der Sexualität zu erwehren
    brauchte nicht verlassen zu werden, aber der
    Begriff der Libido geriet in Gefahr. Da auch die
    Ichtriebe libidinös waren, schien es eine
    Weile unvermeidlich Libido mit Trieb=
    energie überhaupt zusammenfallen zu lassen,
    wie C. G. Jung schon früher gewollt hatte. Doch
    blieb etwas zurück wie eine noch nicht zu
    begründende Gewißheit, daß die Triebe nicht
    alle von gleicher Art sein können. Den
    nächsten Schritt machte ich in „Jenseits des Lust=
    prinzips“ (1920) als mir der Wiederholungszwang und
    der konservative Charakter des Trieblebens
    zuerst auffiel. Ausgehend von Spekulationen
    über den Anfang des Lebens und von bio=
    logischen Parallelen zog ich den Schluß,
    es müsse außer dem Trieb, die lebende
    Substanz zu erhalten und zu immer größeren
    Einheiten zusammenzufassen, einen anderen
    ihm gegensätzlichen geben, der diese Einheiten
    aufzulösen und in den uranfänglichen an=
    organischen Zustand zurückzuführen strebe.
    Also außer dem Eros einen Todestrieb; aus
    dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken dieser beiden ließen
    sich die Phänomene des Lebens erklären.
    Nun war es nicht leicht, die Tätigkeit dieses
    angenommenen Todestriebs aufzuzeigen. Die
    Äußerungen des Eros waren auffällig und
    geräuschvoll genug; man konnte annehmen
    daß der Todestrieb stumm im Inneren des
    Lebewesens an dessen Auflösung arbeite,
    aber das war natürlich kein Nachweis.

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    Weiter führte die Idee, daß sich ein Anteil des Triebes
    gegen die Außenwelt wende und dann als Trieb
    zur Destruktion (Aggression und) zum Vorschein
    komme. Der Trieb würde so selbst in den
    Dienst des Eros gezwängt, indem das Lebewesen
    anderes, Belebtes wie Unbelebtes, anstatt seines
    eigenen Selbst vernichte. Umgekehrt würde die
    Einstellung dieser Aggression nach außen
    die ohnehin immer vor sich gehende Selbstzerstörung
    steigern müssen. Gleichzeitig konnte man aus
    diesem Beispiel erraten, daß die beiden
    Triebarten selten – vielleicht niemals – von einander
    isoliert auftreten, sondern sich in verschiedensten,
    sehr wechselnden Mengungsverhältnissen mit
    einander legieren und dadurch unserem
    Urteil unkenntlich machen. Im längst als Partialtrieb der
    Sexualität
    bekannten
    Sadismus hätte man eine
    derartig besonders starke Legierung des Liebes=
    strebens mit dem Destruktionstrieb vor
    sich, wie in seinem Widerpart, im Masoch=
    ismus, eine Verbindung der nach innen
    gerichteten Destruktion mit der Sexualität,
    durch welche die sonst unwahrnehmbare Streb=
    ung eben auffällig und fühlbar wird.
          Die Annahme des Todes- oder Destruktions=
    triebes hat selbst in analytischen Kreisen
    Widerstand gefunden; ich weiß, daß vielfach die
    Neigung besteht alles was an der Liebe
    gefährlich und feindselig gefunden wird, lieber einer ursprüng=
    lichen Bipolarität ihres eigenen Wesens zuzu=
    schreiben. Ich hatte die hier entwickelten
    Auffassungen anfangs nur versuchsweise ver=
    treten, aber im Laufe der Zeit haben sie
    eine solche Macht über mich gewonnen, daß
    ich nicht mehr anders denken kann. Ich meine
    sie sind theoretisch ungleich brauchbarer als alle
    möglichen anderen, sie stellen jene Vereinfach=
    ung ohne Vernachlässigung oder Vergewaltigung
    der Tatsachen her, nach der wir in der wissen=
    schaftlichen Arbeit streben. Ich erkenne,
    daß wir im Sadismus und Masochismus
    die stark mit Erotik legierten Äußerungen des nach
    außen und nach innen gerichteten Destruk=
    tionstriebes immer vor uns gesehen haben,
    aber ich verstehe nicht mehr, daß wir die
    Ubiquität der nicht erotischen Aggression
    und Destruktion übersehen und versäumen
    konnten, ihr die gebührende Stellung in
    der Deutung des Lebens einzuräumen.
    (Die nach innen gewendete Destruktionssucht
    entzieht sich ja, wenn sie nicht erotisch gefärbt
    ist, meist der Wahrnehmung). Ich erinnere

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    mich meiner eigenen Abwehr, als die Idee des Destruktions=
    triebes zuerst in der psychoanalytischen Literatur
    auftauchte und wie lange es dauerte, bis ich für sie
    empfänglich wurde. Daß andere dieselbe Ablehnung
    zeigten und noch zeigen verwundert mich weniger.
    Denn die Kindlein, sie hören es nicht gerne
    wenn die angeborene Neigung des Menschen
    zum „Bösen“, zur Aggression, Destruktion und
    damit auch zur Grausamkeit erwähnt wird. Gott
    hat sie ja zum Ebenbild seiner eigenen Vollkommen=
    heit geschaffen; man will nicht daran gemahnt
    werden wie schwer es ist die – trotz der Beteue=
    rungen der Christian Science – unleugbare
    Existenz des Bösen mit seiner Allmacht und
    seiner Allgüte zu vereinen. Der Teufel wäre zur
    Entlastung Gottes die beste Auskunft, er würde
    dabei dieselbe ökonomisch entlastende Rolle
    übernehmen wie der Jude in der Welt des arischen Ideals. Aber selbst
    dann; man kann doch von Gott ebensowol Rechen=
    schaft für die Existenz des Teufels verlangen
    wie für die des Bösen, das er ver=
    körpert. Angesichts dieser Schwierigkeiten
    ist es für jedermann ratsam an geeigneter
    Stelle eine tiefe Verbeugung vor der tief
    sittlichen Natur des Menschen zu machen;
    es verhilft einem zur allgemeinen Beliebt=
    heit und es wird einem manches dafür
    nachgesehen. x)
    __________________________________________________
    x) Ganz besonders überzeugend wirkt die Identifiz=
    ierung des bösen Prinzips mit dem Destruktions=
    trieb in Goethe's Mephistopheles.
    Denn alles was entsteht ist wert, daß es zu Grunde
    geht.
    als freie Figur nennt der Teufel selbst auf daß
    das Heilige, das Gute sondern die Kraft der
    Natur den Heiligen, zur Mehrung des Lebens
    also den Eros.

    hätt' ich mir nicht die Flamme vorbehalten,
    Ich hätte nichts Apart's für mich.
    __________________________________________________
    Der Name Libido kann wiederum
    für die Kraftäußerungen des Eros verwendet
    werden um sie von der Energie des Todes=
    triebs zu sondern. Es ist zuzugestehen, daß
    wir letzteren umso viel schwerer erfassen,
    gewissermaßen nur als Rückstand hinter
    dem Eros erraten und daß er sich (uns)
    entzieht, wo er nicht durch die Legierung
    mit dem Eros verraten wird. Im Sadis=
    mus wo er das erotische Ziel in seinem
    Sinne umbiegt, dabei doch das sexuelle
    Streben voll befriedigt, gelingt uns

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    die klarste Einsicht in sein Wesen und seine Beziehung
    zum Eros. Aber auch, wo er ohne sexuelle Absich=
    tigung noch in der blindesten Zerstörungswut läßt
    sich nicht verkennen, daß seine Befriedigung
    mit einem außerordentlich hohen narzißtischen
    Genuß verknüpft ist, indem sie dem Ich die
    Erfüllung seiner alten Allmachtswünsche
    zeigt. Gemäßigt und gebändigt gleichsam zielge=
    hemmt muß der Destruktionstrieb auf die
    Objekte gerichtet dem Ich die Befriedigung seiner
    Lebensbedürfnisse und die Herrschaft über die
    Natur verschaffen. Da seine Annahme wesent=
    lich auf theoretischen Gründen gestützt ist, muß
    man zugeben, daß sie auch gegen theoretische
    Einwendungen nicht voll gesichert ist. Aber
    so erscheint es uns eben jetzt beim gegenwärt=
    igen Stand unserer Einsichten; zukünftige
    Forschung und Überlegung wird gewiß die
    entscheidende Klarheit bringen.
          Für alles Weitere stelle ich mich also auf den
    Standpunkt, daß die Aggressionsneigung eine
    ursprüngliche, selbständige Triebanlage des
    Menschen ist und komme darauf zurück,
    daß die Kultur ihr stärkstes Hindernis in
    ihr findet. Irgend einmal im Laufe dieser
    Untersuchung hat sich uns die Einsicht aufge=
    drängt, die Kultur sei ein besonderer Prozeß,
    der über die Menschheit abläuft,
    und wir stehen noch immer unter dem
    Banne dieser Idee. Wir fügen hinzu, sie
    sei ein Prozeß im Dienste des Eros, der
    vereinzelte menschliche Individuen, später
    Familien, dann Stämme, Völker, Nationen
    zu einer großen Einheit der Menschheit
    zusammenfassen wolle. Warum das geschehen
    müsse, wissen wir nicht; das sei eben das
    Werk des Eros. Diese Menschenmengen
    sollen libidinös an einander gebunden
    werden; die Notwendigkeit allein, die Vor=
    teile der Arbeitsgemeinschaft werden sie
    nicht zusammenhalten. Diesem Programm
    der Kultur widersetzt sich aber der natürliche
    Aggressionstrieb der Menschen, die Feindselig=
    keit eines gegen alle und aller gegen
    einen. Dieser Aggressionstrieb ist der Ab=
    kömmling und Hauptvertreter des Todestriebes,
    den wir neben dem Eros gefunden haben, der
    sich mit ihm in die Weltherrschaft teilt.
    Und nun, meine ich, ist uns der Sinn der
    Kulturentwicklung nicht mehr dunkel. Sie
    muß uns den Kampf zwischen Eros und Tod,
    Lebenstrieb und Destruktionstrieb zeigen,
    wie er sich an der Menschenart vollzieht.

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    Dieser Kampf ist der wesentliche Inhalt des Lebens
    überhaupt und darum ist die Kulturentwicklung
    kurzweg zu bezeichnen als der Lebenskampf
    der Menschenart. Und diesen Streit der Giganten
    wollen unsere Kinderfrauen beschwichtigen
    mit dem „Eiapopeia vom Himmel“!