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wärtigen Kulturzustand Amerikas gäbe, eine gute
Gelegenheit diesen befürchteten Kulturschaden zu
studieren. Aber ichvermeidewiderstehe die Versuchung
in die Kritik derameKultur Amerikas einzugehen
ich will nicht den Eindruck hervorrufen als ob ich mich
wollteich michselbst mit amerikanischen Methoden bedienen.VI.
wie diesmal Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung
gehabt, daß ich allgemein Bekanntesdarstelleerzähle,
Papier und Tinte in weiterer Folge Setzerarbeit und
Druckerschwärze aufbiete, um eigentlich
selbstverständliche Dinge zu erzählen. Darum
greife ich es gerne auf, wenn sich der Anschein
ergiebt, daß die Anerkennung eines besonderen
selbständigen Aggressionstriebes eine Abänd=
erung der psychoanalytischen Trieblehre be=
deutet.
Es wird sich zeigen, daß dem nicht so ist, daß es sich
blos darum handelt, eine Wendung die längst
vollzogen worden ist, schärfer zu fassen und
in ihre Consequenzen zu verfolgen. Von
allen langsam entwickelten Stücken der
analytischen Theorie hat sich die Trieblehre am
mühseligsten vorwärts getastet. Und sie war
doch dem Ganzen so unentbehrlich, daß irgend
etwas an ihre Stelle gerückt werden mußte.
In der vollen Ratlosigkeit der Anfänge gab
mir der Satz des Dichterphilosophen Schiller den
ersten Anhalt, daß „Hunger und Liebe“ das Getriebe
der Welt zusammenhalten. Der Hunger konnte
als Vertreter jener Triebe gelten die das
Einzelwesen erhalten wollen, die Liebe strebt
nach Objekten, ihre Hauptfunktion, von der
Natur in jeder Weise begünstigt, ist die
Erhaltung der Art. So traten zuerst Ichtriebe
und Objekttriebe einander gegenüber. Für
die Energie der letzteren und ausschließlich
für sie führte ich den Namen Libido ein;
somit lief der Gegensatz zwischen Ichtrieben
und den auf's Objekt gerichteten libidinösen
Trieben der Liebe im weitesten Sinne. Einer
von diesen Objekttrieben, der sadistische,
tat sich zwar dadurch hervor, daß sein Ziel
so gar nicht liebevoll war, auch schloß er sich
offenbar in manchen Stücken den Ichtrieben
an, konnte seine nahe Verwandtschaft mit
Bemächtigungstrieben ohne libidinöse Absicht
nicht verbergen, aber man kam über diese
Unstimmigkeit hinweg; der Sadismus gehörte
doch offenbar zum Sexualleben, das grausame
Spiel konnte das zärtliche ersetzen. Die
Neurose erschien als der Ausgang eines
Kampfes zwischen dem Interesse der
Selbstbehauptung und den Anforderungen der
Libido, ein Kampf in dem das Ich gesiegt
hatte, aber um den Preis schwerer Leiden und
Verzichte.S.
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Jeder Analytiker wird zugeben, daß dies
auch heute nicht wie ein längst überwundener
Irrtum klingt. Doch wurde eine Abänderung un=
erläßlich als unsere Forschung vom Verdrängten
zum Verdrängenden, von den Objekttrieben
zum Ich fortschritt. Entscheidend wurde hier
die Einführung des Begriffes Narzißmus,
d.h. die Einsicht, daß das Ich selbst mit Libido
besetzt ist, ja daß es vielleicht deren ursprüngliche Heim=
stätte sei und gewissermaßen auch ihr Haupt=
quartier bleibe. Diese narzißtische Libido
wendet sich den Objekten zu, wird so zur Objekt=
libido und kann sich in narzißtische Libido
zurückverwandeln. Der Begriff des Narzißmus
machte es möglich, die traumatische Neurose
sowie viele den Psychosen nahe stehenden Affekt=
ionen und diese selbst analytisch zu erfassen.
Die Deutung der Übertragungsneurosen als
Versuch des Ich's sich der Sexualität zu erwehren
brauchte nicht verlassen zu werden, aber der
Begriff der Libido geriet in Gefahr. Da auch die
Ichtriebe libidinös waren, schien es eine
Weile unvermeidlich Libido mit Trieb=
energie überhaupt zusammenfallen zu lassen,
wie C. G. Jung schon früher gewollt hatte. Doch
blieb etwas zurück wie eine noch nicht zu
begründende Gewißheit, daß die Triebe nicht
alle von gleicher Art sein können. Den
nächsten Schritt machte ich in „Jenseits des Lust=
prinzips“ (1920) als mir der Wiederholungszwang und
der konservative Charakter des Trieblebens
zuerst auffiel. Ausgehend von Spekulationen
über den Anfang des Lebens und von bio=
logischen Parallelen zog ich den Schluß,
es müsse außer dem Trieb, die lebende
Substanz zu erhalten und zu immer größeren
Einheiten zusammenzufassen, einen anderen
ihm gegensätzlichen geben, der diese Einheiten
aufzulösen und in den uranfänglichen an=
organischen Zustand zurückzuführen strebe.
Also außer dem Eros einen Todestrieb; aus
dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken dieser beiden ließen
sich die Phänomene des Lebens erklären.
Nun war es nicht leicht, die Tätigkeit dieses
angenommenen Todestriebs aufzuzeigen. Die
Äußerungen des Eros waren auffällig und
geräuschvoll genug; man konnte annehmen
daß der Todestrieb stumm im Inneren des
Lebewesens an dessen Auflösung arbeite,
aber das war natürlich kein Nachweis.S.
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Weiter führte die Idee, daß sich ein Anteil des Triebes
gegen die Außenwelt wende und dann als Trieb
zur Destruktion (Aggression und) zum Vorschein
komme. Der Trieb würde so selbst in den
Dienst des Eros gezwängt, indem das Lebewesen
anderes, Belebtes wie Unbelebtes, anstatt seines
eigenen Selbst vernichte. Umgekehrt würde die
Einstellung dieser Aggression nach außen
die ohnehin immer vor sich gehende Selbstzerstörung
steigern müssen. Gleichzeitig konnte man aus
diesem Beispiel erraten, daß die beiden
Triebarten selten – vielleicht niemals – von einander
isoliert auftreten, sondern sich in verschiedensten,
sehr wechselnden Mengungsverhältnissen mit
einander legieren und dadurch unserem
Urteil unkenntlich machen. Im längst als Partialtrieb der
Sexualität
bekannten
Sadismus hätte man eine
derartig besonders starke Legierung des Liebes=
strebens mit dem Destruktionstrieb vor
sich, wie in seinem Widerpart, im Masoch=
ismus, eine Verbindung der nach innen
gerichteten Destruktion mit der Sexualität,
durch welche die sonst unwahrnehmbare Streb=
ung eben auffällig und fühlbar wird.
Die Annahme des Todes- oder Destruktions=
triebes hat selbst in analytischen Kreisen
Widerstand gefunden; ich weiß, daß vielfach die
Neigung besteht alles was an der Liebe
gefährlich und feindselig gefunden wird, lieber einer ursprüng=
lichen Bipolarität ihres eigenen Wesens zuzu=
schreiben. Ich hatte die hier entwickelten
Auffassungen anfangs nur versuchsweise ver=
treten, aber im Laufe der Zeit haben sie
eine solche Macht über mich gewonnen, daß
ich nicht mehr anders denken kann. Ich meine
sie sind theoretisch ungleich brauchbarer als alle
möglichen anderen, sie stellen jene Vereinfach=
ung ohne Vernachlässigung oder Vergewaltigung
der Tatsachen her, nach der wir in der wissen=
schaftlichen Arbeit streben. Ich erkenne,
daß wir im Sadismus und Masochismus
die stark mit Erotik legierten Äußerungen des nach
außen und nach innen gerichteten Destruk=
tionstriebes immer vor uns gesehen haben,
aber ich verstehe nicht mehr, daß wir die
Ubiquität der nicht erotischen Aggression
und Destruktion übersehen und versäumen
konnten, ihr die gebührende Stellung in
der Deutung des Lebens einzuräumen.
(Die nach innen gewendete Destruktionssucht
entzieht sich ja, wenn sie nicht erotisch gefärbt
ist, meist der Wahrnehmung). Ich erinnereS.
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mich meiner eigenen Abwehr, als die Idee des Destruktions=
triebes zuerst in der psychoanalytischen Literatur
auftauchte und wie lange es dauerte, bis ich für sie
empfänglich wurde. Daß andere dieselbe Ablehnung
zeigten und noch zeigen verwundert mich weniger.
Denn die Kindlein, sie hören es nicht gerne
wenn die angeborene Neigung des Menschen
zum „Bösen“, zur Aggression, Destruktion und
damit auch zur Grausamkeit erwähnt wird. Gott
hat sie ja zum Ebenbild seiner eigenen Vollkommen=
heit geschaffen; man will nicht daran gemahnt
werden wie schwer es ist die – trotz der Beteue=
rungen der Christian Science – unleugbare
Existenz des Bösen mit seiner Allmacht und
seiner Allgüte zu vereinen. Der Teufel wäre zur
Entlastung Gottes die beste Auskunft, er würde
dabei dieselbe ökonomisch entlastende Rolle
übernehmen wie der Jude in der Welt des arischen Ideals. Aber selbst
dann; man kann doch von Gott ebensowol Rechen=
schaft für die Existenz des Teufels verlangen
wie für die des Bösen, das er ver=
körpert. Angesichts dieser Schwierigkeiten
ist es für jedermann ratsam an geeigneter
Stelle eine tiefe Verbeugung vor der tief
sittlichen Natur des Menschen zu machen;
es verhilft einem zur allgemeinen Beliebt=
heit und es wird einem manches dafür
nachgesehen. x)
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x) Ganz besonders überzeugend wirkt die Identifiz=
ierung des bösen Prinzips mit dem Destruktions=
trieb in Goethe's Mephistopheles.
Denn alles was entsteht ist wert, daß es zu Grunde
geht.als freie Figur nennt der Teufel selbst auf daßdas Heilige, das Gute sondern die Kraft derNatur den Heiligen, zur Mehrung des Lebensalso den Eros.
hätt' ich mir nicht die Flamme vorbehalten,
Ich hätte nichts Apart's für mich.
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Der Name Libido kann wiederum
für die Kraftäußerungen des Eros verwendet
werden um sie von der Energie des Todes=
triebs zu sondern. Es ist zuzugestehen, daß
wir letzteren umso viel schwerer erfassen,
gewissermaßen nur als Rückstand hinter
dem Eros erraten und daß er sich (uns)
entzieht, wo er nicht durch die Legierung
mit dem Eros verraten wird. Im Sadis=
mus wo er das erotische Ziel in seinem
Sinne umbiegt, dabei doch das sexuelle
Streben voll befriedigt, gelingt unsS.
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die klarste Einsicht in sein Wesen und seine Beziehung
zum Eros. Aber auch, wo er ohne sexuelle Absich=
tigung noch in der blindesten Zerstörungswut läßt
sich nicht verkennen, daß seine Befriedigung
mit einem außerordentlich hohen narzißtischen
Genuß verknüpft ist, indem sie dem Ich die
Erfüllung seiner alten Allmachtswünsche
zeigt. Gemäßigt und gebändigt gleichsam zielge=
hemmt muß der Destruktionstrieb auf die
Objekte gerichtet dem Ich die Befriedigung seiner
Lebensbedürfnisse und die Herrschaft über die
Natur verschaffen. Da seine Annahme wesent=
lich auf theoretischen Gründen gestützt ist, muß
man zugeben, daß sie auch gegen theoretische
Einwendungen nicht voll gesichert ist. Aber
so erscheint es uns eben jetzt beim gegenwärt=
igen Stand unserer Einsichten; zukünftige
Forschung und Überlegung wird gewiß die
entscheidende Klarheit bringen.
Für alles Weitere stelle ich mich also auf den
Standpunkt, daß die Aggressionsneigung eine
ursprüngliche, selbständige Triebanlage des
Menschen ist und komme darauf zurück,
daß die Kultur ihr stärkstes Hindernis in
ihr findet. Irgend einmal im Laufe dieser
Untersuchung hat sich uns die Einsicht aufge=
drängt, die Kultur sei ein besonderer Prozeß,
der über die Menschheit abläuft,
und wir stehen noch immer unter dem
Banne dieser Idee. Wir fügen hinzu, sie
sei ein Prozeß im Dienste des Eros, der
vereinzelte menschliche Individuen, später
Familien, dann Stämme, Völker, Nationen
zu einer großen Einheit der Menschheit
zusammenfassen wolle. Warum das geschehen
müsse, wissen wir nicht; das sei eben das
Werk des Eros. Diese Menschenmengen
sollen libidinös an einander gebunden
werden; die Notwendigkeit allein, die Vor=
teile der Arbeitsgemeinschaft werden sie
nicht zusammenhalten. Diesem Programm
der Kultur widersetzt sich aber der natürliche
Aggressionstrieb der Menschen, die Feindselig=
keit eines gegen alle und aller gegen
einen. Dieser Aggressionstrieb ist der Ab=
kömmling und Hauptvertreter des Todestriebes,
den wir neben dem Eros gefunden haben, der
sich mit ihm in die Weltherrschaft teilt.
Und nun, meine ich, ist uns der Sinn der
Kulturentwicklung nicht mehr dunkel. Sie
muß uns den Kampf zwischen Eros und Tod,
Lebenstrieb und Destruktionstrieb zeigen,
wie er sich an der Menschenart vollzieht.S.
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Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
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