S.
62
Und man darf wol aufseufzen bei der Er-
kenntnis, daß es einzelnen Menschen gegeben
ist, aus dem Wirbel der eigenen Gefühle
die tiefsten Einsichten doch eigentlich mühelos
heraufzuholen, zu denen wir Anderen uns
durch qualvolle Unsicherheit und
rastloses Tasten die Bahnen haben.VIII.
Am Ende eines solchen Weges angelangt,
muß der Autor seine Leser umVerzeihungEntschuldig-
bitten, daß er ihnen kein geschickterer
Führer gewesen, ihnen das Erlebnis öder
Strecken und beschwerlicher Umwege nicht
erspart hat. Es ist kein Zweifel, daß man
es besser machen kann, ich will versuchen,
nachträglich etwas gut zu machen.
Zunächst vermute ich bei den Lesern den Ein-
druck, daß die Erörterungen über das Schuldgefühl
den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, indem
sie zuviel Raum für sich einnehmen und
ihren anderen Inhalt, mit dem sie nicht
immer innig zusammenhängen, an den Rand
drängen. Das mag den Aufbau der Abhandlung
gestört haben, entspricht aber durchaus der
Absicht, das Schuldgefühl als das wichtigste
Problem der Kulturentwicklung hinzustellen
und darzutun, daß der Preis für den Kultur-
fortschritt in der Glückseinbuße durch die
Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird. x)
Was an diesem Satz, dem Endergebnis unserer
Untersuchung, noch befremdlich klingt, läßt
sich wahrscheinlich auf das ganz sonderbare, noch
durchaus unverstandene Verhältnis des
Schuldgefühls zu unserem Bewußtsein zurück-
führen. In den gemeinen, uns als
normal geltenden Fällen von Reue
macht es sich dem Bewußtsein deutlich genug
wahrnehmbar; wir sind doch gewohnt, anstatt
„Schuldgefühl“ „Schuldbewußtsein“
zu sagen. Aus dem Studium der Neurosen,
denen wir doch die wertvollsten Winke zum
Verständnis des Normalen danken, ergeben
sich widerspruchsvolle Verhältnisse. Bei einer dieser Affektionen,
der Zwangsneurose, drängt sich das Schuld-
gefühl überlaut dem Bewußtsein auf, es
beherrscht das Krankheitsbild
wie das Leben der Kranken, läßt
kaum anderes neben sich aufkommen.
Aber in den meisten anderen Fällen
und Formen von Neurose bleibt es
völlig unbewußt, ohne darum gering-
fügigere Wirkungen zu äußern. DieS.
63
Kranken glauben uns nicht, wenn wir ihnen ein
unbewußtes Schuldgefühl zumuten; um nur
halbwegs von ihnen verstanden zu werden,
erzählen wir ihnen von einem unbewußten
Strafbedürfnis, in dem sich das Schuldgefühl äußert.
Aber die Beziehung zur Neurosenform darf nicht
überschätzt werden; es giebt auch bei der Zwangs-
neurose Typen von Kranken, die ihr Schuld-
gefühl nicht wahrnehmen oder es als ein
quälendes Unbehagen, eine Art von Angst
erst dann empfinden, wenn sie an der
Ausführung gewisser Handlungen verhindert
werden. Diese Dinge sollte man endlich einmal
verstehen können, man kann es noch nicht.
Vielleicht ist hier die Bemerkung willkommen,
daß das Schuldgefühl im Grunde nichts ist als
eine topische Abart der Angst, in ihren
späteren Phasen fällt es ganz mit der
Angst vor dem Überich zusammen. Und bei
der Angst zeigen sich im Verhältnis
zum Bewußtsein dieselben außerordentlichen
Variationen. Irgendwie steckt die Angst
hinter allen Symptomen, aber bald nimmt
sie lärmend das Bewußtsein ganz für
sich in Anspruch, bald verbirgt sie sich so
vollkommen, daß wir genötigt sind von unbe-
wußter Angst – oder wenn wir ein reineres
psychologisches Gewissen haben wollen,
da ja die Angst zunächst nur eine
Empfindung ist – von Angstmöglichkeiten
zu reden. Und darum ist es sehr wol denkbar,
daß auch das durch die Kultur erzeugte
Schuldbewußtsein nicht als solches erkannt wird,
zum großen Teil unbewußt bleibt oder
als ein Unbehagen, eine Unzufriedenheit
zum Vorschein kommt, für die man
andere Motivierungen sucht. Die Religionen
wenigstens haben die Rolle des Schuldgefühls
in der Kultur nie verkannt. Sie treten
ja – was ich an anderer Stelle nicht gewürdigt
hatte x) – auch mit dem Anspruch auf, die
__________________________________________________
x) Ich meine: Die Zukunft einer Illusion
Menschheit von diesem Schuldgefühl, das
sie Sünde heißen, zu erlösen. Aus der
Art, wie im Christentum diese Erlösung
gewonnen wird, durch den Opfertod eines
Einzelnen, der damit eine Allen gemeinsame
Schuld auf sich nimmt, haben wir ja einen
Schluß gezogen, welches der erste Anlaß
zur Erwerbung dieser Urschuld, mit der
auch die Kultur begann, gewesen sein
mag. x)
__________________________________________________
x) Totem und Tabu.S.
64
Es kann nicht sehr wichtig werden, mag aber nicht
überflüssig sein, daß wir die Bedeutung einiger
Worte wie: Überich, Gewissen, Schuldgefühl, Straf-
bedürfnis, Reue erläutern, die wir vielleicht oft
zu lose und eines für's Andere gebraucht haben.
Alle beziehen sich auf dasselbe Verhältnis, benennen
aber verschiedene Seiten desselben. Das
Überich ist eine von uns erschlossene Instanz,
das Gewissen eine Funktion, die wir ihm
neben anderen zuschreiben, die die Handlungen
und Absichten des Ich's zu überwachen und
zu beurteilen hat, eine zensorische Tätigkeit ausübt.
Das Schuldgefühl, die Härte des Überichs, ist
also dasselbe wie die Strenge des Gewissens,
ist die dem Ich zugeteilte Wahrnehmung, daß es
in solcher Weise überwacht wird, die Abschätzung
der Spannung zwischen seinen Strebungen
und den Forderungen des Überichs, und die
der ganzen Beziehung zu Grunde liegende Angst
vor dieser kritischen Instanz; das Strafbe-
dürfnis ist eine Triebäußerung des Ich's, das
unter dem Einfluß des sadistischen Überichs masoch-
istisch geworden ist, d. h. ein Stück des in ihm
vorhandenen Triebes zur inneren Destruktion
zu einer erotischen Bindung an das Überich
verwendet. Vom Gewissen sollte man nicht
eher sprechen, als bis ein Überich nachweisbar
ist, vom Schuldbewußtsein muß man zugeben,
daß es früher besteht als das Überich, also
auch als das Gewissen. Es ist dann der unmittelbare
Ausdruck der Angst vor der äußeren Autorität, die Anerkennung
der Spannung zwischen dem Ich und dieser
letzteren, der direkte Abkömmling des
Konfliktes zwischen dem Bedürfnis nach deren
Liebe und dem Drang nach Triebbefriedigung,
dessen Hemmung die Neigung zur Aggression
erzeugt. Die Übereinanderlagerung dieser
beiden Schichten des Schuldgefühls – aus Angst
vor der äußeren und vor der inneren
Autorität – hat uns manchen Einblick in
die Beziehungen des Gewissens erschwert.
(also auf das Gewissen)
Reue ist eine Gesamtbezeichnung für die
Reaktion des Ich's in einem Falle des Schuld-
gefühls, enthält das wenig umgewandelte
Empfindungsmaterial der dahinter wirksamen
Angst, ist selbst eine Strafe und
kann das Strafbedürfnis einschließen;
auch sie kann also älter sein als das
Gewissen.
Es kann auch nichts schaden, daß wir uns
nochmals die Widersprüche vorführen, die
uns eine Weile bei unserer Untersuchung
verwirrt haben. Das Schuldgefühl sollte
einmal die Folge unterlassener Aggress-
ionen sein, aber ein andermal und
gerade bei seinem historischen AnfangS.
65
der Vaterabtötung, die Folge einer ausgeführten Aggress-
ion. Wir fanden auch den Ausweg aus dieser
Schwierigkeit. Die Einsetzung der inneren Autorität,
des Überichs, hat eben die Verhältnisse gründlich
geändert. Vorher fiel das Schuldgefühl mit der
Reue zusammen; wir merken dabei, daß die
Bezeichnung Reue für die Reaktion nach wirk-
licher Ausführung der Aggression zu reservieren
ist. Nachher verlor infolge der Allwissenheit
des Überichs der Unterschied zwischen beabsichtigter
und erfüllter Aggression seine Kraft; nun
konnte sowohl eine wirklich ausgeführte
Gewalttat Schuldgefühl erzeugen – wie alle
Welt weiß – als auch eine bloß beabsichtigte –
wie die Psychoanalyse erkannt hat. Über die
Veränderung der psychologischen Situation hinweg
hinterläßt der Ambivalenz-Konflikt der beiden
Urtriebe die nämliche Wirkung. Die Ver-
suchung liegt nahe, hier die Lösung des Rätsels
von der wechselvollen Beziehung des Schuldgefühls
zum Bewußtsein zu suchen. Das Schuldgefühl
aus Reue über die böse Tat müßte immer
bewußt sein, das aus Wahrnehmung des bösen
Impulses könnte unbewußt bleiben. Allein
so einfach ist das nicht, die Zwangsneurose
widerspricht dem energisch. Der zweite
Widerspruch war, daß die aggressive Energie,
mit der man das Überich ausgestattet denkt,
nach einer Auffassung bloß die Strafenergie der
äußeren Autorität fortsetzt und für das
Seelenleben erhält, während eine andere
Auffassung meint, es sei vielmehr die nicht zur Ver-
wendung gelangte eigene Aggression, die
man gegen diese hemmende Autorität auf-
bringt. Die erste Lehre schien sich der Geschichte,
die zweite der Theorie des Schuldgefühls
besser anzupassen. Eingehendere Überlegung
hat den anscheinend unversöhnlichen Gegensatz
beinahe allzuviel verwischt; es blieb als
wesentlich und gemeinsam übrig, daß es sich
um eine nach innen verschobene Aggression
handelt. Die klinische Beobachtung gestattet
wiederum, wirklich zwei Quellen für die
dem Überich zugeschriebene Aggression zu
unterscheiden, von denen im einzelnen
Fall die eine oder die andere die
stärkere Wirkung ausübt, die im Allge-
meinen aber zusammenwirken.
Hier ist, meine ich, der Ort, eine Auffassung ernst-
haft zu vertreten, die ich vorhin zur vor-
läufigen Annahme empfohlen hatte. In der
neuesten analytischen Literatur zeigt sich
eine Vorliebe für die Lehre, daß jede
Art von Versagung, jede verhinderteS.
66
Triebbefriedigung eine Steigerung des Schuldgefühls
zur Folge habe oder haben könne. Ich glaube,
man schafft sich eine große theoretische Erleich-
terung, wenn man das nur von den aggressiven
Trieben gelten läßt, und man wird nicht viel
finden, was dieser Annahme widerspricht.
Wie soll man es denn dynamisch und ökonomisch
erklären, daß an Stelle eines nicht erfüllten
erotischen Anspruchs eine Steigerung des
Schuldgefühls auftritt? Das scheint doch nur auf
dem Umwege möglich, daß die Verhinderung
der erotischen Befriedigung ein Stück Aggress-
ionsneigung gegen die Person hervorruft, welche
die Befriedigung stört, und daß diese Aggress-
ion selbst wieder unterdrückt werden
muß. Dann aber ist es doch nur die Aggression,
die sich in Schuldgefühl umwandelt, indem sie
unterdrückt und dem Überich zugeschoben wird.
Ich bin überzeugt, wir werden viele Vorgänge
einfacher und durchsichtiger darstellen
können, wenn wir den Fund der Psychoanalyse zur
Ableitung des Schuldgefühls auf die aggressiven
Triebe einschränken. Die Befragung des
klinischen Materials giebt hier keine
eindeutige Antwort, weil unserer Voraus-
setzung gemäß die beiden Triebarten
kaum jemals rein, von einander isoliert, auf-
treten; aber die Würdigung extremer Fälle
wird wol nach der Richtung weisen, die ich
erwarte. Ich bin versucht, von dieser strengeren
Auffassung einen ersten Nutzen zu ziehen,
indem ich sie auf den Verdrängungsvorgang
anwende. Die Symptome der Neurosen sind,
wie wir gelernt haben, wesentlich Ersatz-
befriedigungen für unerfüllte sexuelle
Wünsche. Im Laufe der analytischen Arbeit
haben wir zu unserer Überraschung erfahren,
daß vielleicht jede Neurose einen Betrag von
unbewußtem Schuldgefühl verhüllt, der
wiederum die Symptome durch ihre Verwend-
ung zur Strafe befestigt. Nun liegt es
nahe, den Satz zu formulieren: wenn eine
Triebstrebung der Verdrängung unterliegt,
so werden ihre libidinösen Anteile
in Symptome, ihre aggressiven Komponenten
in Schuldgefühl umgesetzt. Auch wenn dieser
Satz nur in durchschnittlicher Annäherung
richtig ist, verdient er unser Interesse.S.
67
Manche Leser dieser Abhandlung mögen auch unter
dem Eindruck stehen, daß sie die Formel vom
Kampf zwischen Eros und Todestrieb zu oft gehört
haben. Sie sollte den Kulturprozeß kennzeichnen,
der über die Menschheit abläuft, wurde aber
auch auf die Entwicklung des Einzelnen bezogen
und sollte überdies das Geheimnis des organischen
Lebens überhaupt enthüllt haben. Es scheint
unabweisbar, die Beziehungen dieser drei
Vorgänge zu einander zu untersuchen. Nun
ist die Wiederkehr derselben Formel sich durch
die Erwägung gerechtfertigt, daß der Kulturprozeß
der Menschheit wie der Entwicklung des
Einzelnen auch Lebensvorgänge sind, also am
allgemeinsten Charakter des Lebens Anteil
haben müssen. Anderseits trägt grade darum
der Nachweis dieses allgemeinen Zuges nichts
zur Unterscheidung bei, solange dieser nicht
durch besondere Bedingungen eingeengt wird.
Wir können uns also erst bei der Aussage be-
ruhigen, der Kulturprozeß sei jene Modifikation
des Lebensprozesses, die er unter dem
Einfluß einer vom Eros gestellten, von
der Ananke, der realen Not angeregten
Aufgabe erfährt, und diese Aufgabe ist die
Vereinigung vereinzelter Menschen zu einer
unter sich libidinös verbundenen Gemeinschaft.
Fassen wir aber die Beziehung zwischen dem
Kulturprozeß der Menschheit und dem Ent-
wicklungs- oder Erziehungsprozeß des einzelnen
Menschen in's Auge, so werden wir uns
ohne viel Schwanken dafür entscheiden, daß
die beiden sehr ähnlicher Natur sind, wenn
nicht überhaupt derselbe Vorgang an anders-
artigen Objekten. Der Kulturprozeß der
Menschheit ist natürlich eine Abstraktion
von höherer Ordnung als die Entwicklung
des Einzelnen, darum schwerer anschaulich
zu erfassen, und die Aufspürung von Analogi-
en soll nicht zwanghaft übertrieben werden;
aber bei der Gleichartigkeit der Ziele – hier
die Einreihung eines Einzelnen in eine mensch-
liche Masse, dort die Herstellung einer
Masseneinheit aus vielen Einzelnen – kann
die Ähnlichkeit der dazu verwendeten
Mittel und der zustande kommenden Phäno-
mene nicht überraschen. Ein die beiden
Vorgänge unterscheidender Zug darf wegen
seiner außerordentlichen Bedeutsamkeit
nicht lange unerwähnt bleiben. Im Ent-
wicklungsprozeß des Einzelmenschen wird
das Programm des Lustprinzips, Glücksbefried-
igung zu finden, als Hauptziel festgehalten,
die Einreihung in oder Anpassung an eine
menschliche Gemeinschaft erscheint als eineS.
68
kaum zu vermeidende Bedingung, die auf dem
Wege zur Erreichung dieses Glücksziels erfüllt
werden soll. Ginge es ohne diese Bedingung,
so wäre es vielleicht besser. Anders ausgedrückt:
die individuelle Entwicklung erscheint uns als
ein Produkt der Interferenz zweier Streb-
ungen, des Strebens nach Glück, das wir ge-
wöhnlich „egoistisch“, und des Strebens nach Ver-
einigung mit den Anderen in der Gemeinschaft,
das wir „altruistisch“ heißen. Beide Bezeichnungen
gehen nicht viel über die Oberfläche hinaus.
In der individuellen Entwicklung fällt, wie gesagt,
der Hauptakzent meist auf die egoistische
oder Glücksstrebung, die andere, „kulturell“
zu nennende begnügt sich in der Regel mit
der Rolle einer Einschränkung. Anders
beim Kulturprozeß; hier ist das Ziel der
Herstellung einer Einheit aus den menschlichen
Individuen bei Weitem die Hauptsache,
das Ziel der Beglückung besteht zwar noch,
aber es wird in den Hintergrund gedrängt;
fast scheint es, die Schöpfung einer großen
menschlichen Gemeinschaft würde am besten gelingen,
wenn man sich um das Glück des Einzelnen
nicht zu kümmern brauchte. Der Entwicklungs-
prozeß des Einzelnen darf also seine besonderen
Züge haben, die sich im Kulturprozeß der
Menschheit nicht wiederfinden; nur insofern
dieser erstere Vorgang den Anschluß an
die Gemeinschaft zum Ziel hat, muß er
mit dem letzteren zusammenfallen.
Wie der Planet noch um seinen Zentral-
körper kreist, außer daß er um die eigene
Achse rotiert, so nimmt auch der einzelne Mensch
am Entwicklungsgang der Menschheit teil, während
er seinen eigenen Lebensweg geht. Aber unserem
blöden Auge scheint das Kräftespiel am
Himmel zu ewiger gleicher Ordnung erstarrt;
im organischen Geschehen sehen wir noch, wie
die Kräfte mit einander ringen und die Ergeb-
nisse des Konflikts sich beständig verändern.
So haben auch die beiden Strebungen, die nach
individuellem Glück und die nach menschlichem
Anschluß, bei jedem Individuum mit einander
zu kämpfen, so müssen die beiden Prozesse
der individuellen und der Kulturentwicklung
einander feindlich begegnen und sich gegen-
seitig den Boden bestreiten. Aber dieser
Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft ist
nicht ein Abkömmling des wahrscheinlich
unversöhnlichen Gegensatzes der Urtriebe,
Eros und Tod, er bedeutet einen Zwist
im Haushalt der Libido, vergleichbar dem
Streit um die Aufteilung der Libido
zwischen dem Ich und den Objekten, und er
läßt einen endlichen Ausgleich zu, beim
Individuum wie hoffentlich auch in der Zukunft
der Kultur, mag er gegenwärtig das LebenS.
69
des Einzelnen noch so sehr beschweren.
Die Analogie zwischen dem Kulturprozeß
und dem Entwicklungsweg des Individuums läßt
sich um ein bedeutsames Stück erweitern. Man
darf nämlich behaupten, daß auch die Gemeinschaft
ein Überich ausbildet, unter dessen Einfluß
sich die Kulturentwicklung vollzieht. Es mag
eine verlockende Aufgabe für einen Kenner
menschlicher Kulturen sein, diese Gleichstellung
in's Einzelne zu verfolgen. Ich will mich
auf die Hervorhebung einiger auffälliger
Punkte beschränken. Das Überich einer
Kulturepoche hat einen ähnlichen Ursprung
wie das des Einzelmenschen, es ruht auf dem
Eindruck, (hinterlassenen Eindruck), den große Führerpersönlichkeiten hinterlassen
haben, Menschen von überwältigender Geisteskraft
oder solche, in denen eine der menschlichen
Strebungen die stärkste und reinste, darum
oft auch einseitigste, Ausbildung gefunden hat.
Die Analogie geht in vielen Fällen noch weiter,
indem diese Personen – häufig genug, wenn
auch nicht immer – zu ihrer Lebenszeit von den
Anderen verspottet, mißhandelt oder selbst auf
grausame Art beseitigt wurden, wie ja auch
der Urvater erst lange nach seiner gewaltsamen
Tötung zur Göttlichkeit aufstieg. Für diese
Schicksalsverknüpfung ist grade die Person
Jesu Christi das ergreifendste Beispiel, wenn
sie nicht etwa dem Mythus angehört, der
sie in dunkler Erinnerung an jenen Ur-
vorgang in's Leben rief. Ein anderer Punkt
der Übereinstimmung ist, daß das Kulturüberich
ganz wie das des Einzelnen strenge Ideal-
forderungen aufstellt, deren Nichtbefolg-
ung durch „Gewissensangst“ gestraft wird. Ja,
hier stellt sich der merkwürdige Fall her,
daß die hierher gehörigen seelischen Vorgänge
uns von der Seite der Masse vertrauter,
dem Bewußtsein zugänglicher sind, als sie es
beim Einzelmenschen werden können. Bei
diesem machen sich nur die Aggressionen des
Überichs im Falle der Spannung als Vorwürfe
überlaut vernehmbar, während die Forder-
ungen selbst im Hintergrunde oft
unbewußt bleiben. Bringt man sie zur bewußten Erkenntnis,
so zeigt sich (zeigt sich so), daß sie mit den Vor-
schriften des jeweiligen Kulturüberichs zu-
sammenfallen. An dieser Stelle sind sozusagen
beide Vorgänge, der kulturelle Entwicklungs-
prozeß der Menge und der eigene des Indivi-
duums regelmäßig mit einander verklebt.
Manche Äußerungen und Eigenschaften des
Überichs können darum leichter an
seinem Verhalten in der Kulturgemein-
schaft als beim Einzelnen erkannt
werden.S.
70
Das Kulturüberich hat seine Ideale ausgebildet
und erhebt seine Forderungen. Unter den
letzteren werden die, welche die Bezieh-
ungen der Menschen zu einander betreffen,
als Ethik zusammengefaßt. Zu allen Zeiten
wurde auf diese Ethik der größte Wert
gelegt, als ob man grade von ihr besonders
wichtige Leistungen erwartete. Und wirklich
wendet sich die Ethik jenem Punkt zu, der
als die wundeste Stelle jeder Kultur leicht
kenntlich ist. Die Ethik ist also als ein
therapeutischer Versuch aufzufassen, als Be-
mühung, durch ein Gebot des Überichs
zu erreichen, was bisher durch sonstige Kulturarbeit
nicht zu erreichen war. Wir wissen bereits,
es fragt sich hier darum, wie das größte
Hindernis der Kultur, die konstitutionelle
Neigung der Menschen zur Aggression
gegen einander, wegzuräumen ist, und gerade
darum wird uns das wahrscheinlich jüngste der
kulturellen Überichgebote besonders inter-
essant, das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie
dich selbst. In der Neurosenforschung und
Neurosentherapie kommen wir dazu, zwei
Vorwürfe gegen das Überich des Einzelnen
zu erheben; es kümmert sich in der Strenge
seiner Gebote und Verbote zu wenig um
das Glück des Ichs, indem es die Wider-
stände gegen die Befolgung, die Triebstärke
des Es und die Schwierigkeiten der realen
Umwelt nicht genügend in Rechnung bringt.
Wir sind daher in therapeutischer Absicht sehr
oft genötigt, das Überich zu bekämpfen und
bemühen uns, seine Ansprüche zu erniedrigen.
Ganz ähnliche Einwendungen können wir gegen
die ethischen Forderungen des Kulturüberichs
erheben. Auch dies kümmert sich nicht genug
um die Tatsachen der seelischen Konstitution des
Menschen, es erläßt ein Gebot und fragt
nicht, ob es dem Menschen möglich ist, es
zu befolgen. Vielmehr es nimmt an, daß
dem Ich des Menschen alles psychologisch möglich
ist, was man ihm aufträgt, daß dem
Ich die unumschränkte Herrschaft über
sein Es zusteht. Das ist ein Irrtum und
auch bei den sogenannt normalen Menschen
läßt sich die Beherrschung des Es nicht
über bestimmte Grenzen steigern. Fordert
man mehr, so erzeugt man beim Einzelnen
Auflehnung oder Neurose oder macht ihn
unglücklich. Das Gebot „Liebe deinen Nächsten
wie dich selbst“ ist die stärkste Abwehr
der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes
Beispiel für das unpsychologische Vorgehen
des Kulturüberichs. Das Gebot ist undurch-
führbar; eine so großartige InflationS.
71
der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die
Not beseitigen. Die Kultur vernachlässigt all das;
sie mahnt nur, je schwerer die Befolgung der Vorschrift
ist, desto verdienstvoller ist sie. Allein wer in der
gegenwärtigen Kultur eine solche Vorschrift einhält, setzt sich nur in Nachteil
gegen den, der sich über sie hinaussetzt. Wie
gewaltig muß das Kulturhindernis der Aggression
sein, wenn die Abwehr derselben ebenso
unglücklich machen kann wie die Aggression
selbst! Die sogenannte natürliche Ethik hat
hier nichts zu bieten, außer der narzißtischen Befriedigung,
sich für besser halten zu dürfen, als die Anderen
sind. Die Ethik, die sich an die Religion
anlehnt, läßt hier ihre Versprechungen eines
besseren Jenseits eingreifen. Ich meine, solange
sich die Tugend nicht schon auf Erden
lohnt, wird die Ethik vergeblich predigen.
Es scheint auch mir unzweifelhaft, daß eine reale
Veränderung in den Beziehungen der
Menschen (zum Besitz) hier mehr Abhilfe bringen wird
als jedes ethische Gebot; doch wird diese
Einsicht bei den Sozialisten durch ein neuer-
liches idealistisches Verkennen der menschlichen
Natur getrübt und für die Ausführung ent-
wertet.
Die Betrachtungsweise, die in den Erscheinungen
der Kulturentwicklung die Rolle eines
Überichs verfolgen will, scheint mir
noch andere Aufschlüsse zu versprechen. Ich eile
zum Abschluß. Einer Frage kann ich allerdings
schwer ausweichen. Wenn die Kulturentwick-
lung so weitgehende Ähnlichkeit mit der des
Einzelnen hat und mit denselben Mitteln
arbeitet, soll man nicht zur Diagnose be-
rechtigt sein, daß manche Kulturen oder
Kulturepochen – möglicherweise die ganze Mensch-
heit – unter dem Einfluß der Kulturstrebungen
„neurotisch“ geworden sind? An die analyt-
ische Zergliederung dieser Neurosen könnten
therapeutische Vorschläge anschließen, die
auf großes praktisches Interesse Anspruch
hätten. Ich könnte nicht sagen, daß ein
solcher Versuch zur Übertragung der Psycho-
analyse auf die Kulturgemeinschaft unsinnig
oder zur Unfruchtbarkeit verurteilt
wäre. Aber man müßte sehr vorsichtig
sein, nicht vergessen, daß es sich doch
nur um Analogien handelt, und daß es
nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Begriffen
gefährlich ist, sie aus der Sphäre zu reißen,
in der sie entstanden und entwickelt
worden sind. Auch stößt die DiagnoseS.
72
der Gemeinschaftsneurosen auf eine besondere
Schwierigkeit. Bei der Einzelneurose dient uns
als nächster Anhalt der Kontrast, in dem sich
der Kranke von seiner als „normal“ angenommenen
Umgebung abhebt. Ein solcher Hintergrund entfällt
bei einer gleichartig affizierten Masse, er müßte
anderswoher geholt werden. Und was die
therapeutische Verwendung der Einsicht be-
trifft, was hülfe die zutreffendste Analyse
der sozialen Neurose, da niemand die
Autorität besitzt, der Masse die Therapie
aufzudrängen? Trotz aller dieser Erschwer-
ungen darf man erwarten, daß jemand
eines Tages das Wagnis einer solchen
Pathologie der kulturellen Gemeinschaften unter-
nehmen wird.
Eine Wertung der menschlichen Kultur zu geben
liegt mir aus den verschiedensten Motiven
sehr ferne. Ich habe mich bemüht, das enthusiastische
Vorurteil von mir abzuhalten, unsere
Kultur sei das Kostbarste, was wir besitzen
oder erwerben können, und ihr Weg
müsse uns notwendiger Weise zu Höhen
ungeahnter Vollkommenheit führen. Ich kann
wenigstens ohne Entrüstung den Kritiker an-
hören, der meint, wenn man die Ziele der
Kulturstrebung und die Mittel, deren sie
sich bedient, in's Auge faßt, müsse man
zu dem Schlusse kommen, die ganze
Anstrengung sei nicht der Mühe wert und
das Ergebnis könne nur ein Zustand sein,
den der Einzelne unerträglich finden
muß. Meine Unparteilichkeit wird mir
dadurch leicht, daß ich über all diese Dinge
sehr wenig weiß, mit Sicherheit nur das
eine, daß die Werturteile der Menschen
unbedingt von ihren Glückswünschen geleitet
werden, also ein Versuch sind, ihre Illusionen
mit Argumenten zu stützen. Ich verstände
es sehr wol, wenn Jemand den zwangs-
läufigen Charakter der menschlichen Kultur
hervorheben und z. B. sagen würde, die Neigung
zur Einschränkung des Sexuallebens oder
zur Durchsetzung des Humanitätsideals
auf Kosten der natürlichen Auslese seien
Entwicklungseinrichtungen, die sich nicht abwenden
und nicht ablenken lassen, und denen man
sich am besten beugt, wie wenn es
Naturnotwendigkeiten wären. Ich kenne
auch die Einwendung dagegen, daß solche Streb-
ungen, die man für unüberwindbar hielt,
oft im Laufe der Menschheitsgeschichte bei Seite
geworfen und durch andere ersetzt worden
sind. So sinkt mir der Mut, mich vorS.
73
meinen Mitmenschen als Prophet aufzustellen und ich
beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich ihnen keinen Trost
zu bringen weiß, denn das verlangen sie im
Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht
weniger leidenschaftlich als die bravsten
frommgläubigen.
Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir
zu sein, ob und in welchem Maße ihrer Kulturentwicklung
es gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens
durch den menschlichen Aggressions- und Selbst-
vernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem
Bezug verdient vielleicht grade die gegenwärtige
Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen
haben es jetzt in der Beherrschung der Natur-
kräfte soweit gebracht, daß sie es mit deren
Hilfe leicht haben, einander bis auf den
letzten Mann auszurotten. Sie wissen das,
daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks,
ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten,
daß die andere der beiden „himmlischen Mächte“,
der ewige Eros, eine Anstrengung machen
wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso
unsterblichen Gegner zu behaupten.
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Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
1930-001/1929.01/8