Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
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    Und man darf wol aufseufzen bei der Er-
    kenntnis, daß es einzelnen Menschen gegeben
    ist, aus dem Wirbel der eigenen Gefühle
    die tiefsten Einsichten doch eigentlich mühelos
    heraufzuholen, zu denen wir Anderen uns
    durch qualvolle Unsicherheit und
    rastloses Tasten die Bahnen haben.

    VIII.

    Am Ende eines solchen Weges angelangt,
    muß der Autor seine Leser um Verzeihung Entschuldig-
    bitten, daß er ihnen kein geschickterer
    Führer gewesen, ihnen das Erlebnis öder
    Strecken und beschwerlicher Umwege nicht
    erspart hat. Es ist kein Zweifel, daß man
    es besser machen kann, ich will versuchen,
    nachträglich etwas gut zu machen.
          Zunächst vermute ich bei den Lesern den Ein-
    druck, daß die Erörterungen über das Schuldgefühl
    den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, indem
    sie zuviel Raum für sich einnehmen und
    ihren anderen Inhalt, mit dem sie nicht
    immer innig zusammenhängen, an den Rand
    drängen. Das mag den Aufbau der Abhandlung
    gestört haben, entspricht aber durchaus der
    Absicht, das Schuldgefühl als das wichtigste
    Problem der Kulturentwicklung hinzustellen
    und darzutun, daß der Preis für den Kultur-
    fortschritt in der Glückseinbuße durch die
    Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird. x)
    Was an diesem Satz, dem Endergebnis unserer
    Untersuchung, noch befremdlich klingt, läßt
    sich wahrscheinlich auf das ganz sonderbare, noch
    durchaus unverstandene Verhältnis des
    Schuldgefühls zu unserem Bewußtsein zurück-
    führen. In den gemeinen, uns als
    normal geltenden Fällen von Reue
    macht es sich dem Bewußtsein deutlich genug
    wahrnehmbar; wir sind doch gewohnt, anstatt
    „Schuldgefühl“ „Schuldbewußtsein“
    zu sagen. Aus dem Studium der Neurosen,
    denen wir doch die wertvollsten Winke zum
    Verständnis des Normalen danken, ergeben
    sich widerspruchsvolle Verhältnisse. Bei einer dieser Affektionen,
    der Zwangsneurose, drängt sich das Schuld-
    gefühl überlaut dem Bewußtsein auf, es
    beherrscht das Krankheitsbild
    wie das Leben der Kranken, läßt
    kaum anderes neben sich aufkommen.
    Aber in den meisten anderen Fällen
    und Formen von Neurose bleibt es
    völlig unbewußt, ohne darum gering-
    fügigere Wirkungen zu äußern. Die

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    Kranken glauben uns nicht, wenn wir ihnen ein
    unbewußtes Schuldgefühl zumuten; um nur
    halbwegs von ihnen verstanden zu werden,
    erzählen wir ihnen von einem unbewußten
    Strafbedürfnis, in dem sich das Schuldgefühl äußert.
    Aber die Beziehung zur Neurosenform darf nicht
    überschätzt werden; es giebt auch bei der Zwangs-
    neurose Typen von Kranken, die ihr Schuld-
    gefühl nicht wahrnehmen oder es als ein
    quälendes Unbehagen, eine Art von Angst
    erst dann empfinden, wenn sie an der
    Ausführung gewisser Handlungen verhindert
    werden. Diese Dinge sollte man endlich einmal
    verstehen können, man kann es noch nicht.
    Vielleicht ist hier die Bemerkung willkommen,
    daß das Schuldgefühl im Grunde nichts ist als
    eine topische Abart der Angst, in ihren
    späteren Phasen fällt es ganz mit der
    Angst vor dem Überich zusammen. Und bei
    der Angst zeigen sich im Verhältnis
    zum Bewußtsein dieselben außerordentlichen
    Variationen. Irgendwie steckt die Angst
    hinter allen Symptomen, aber bald nimmt
    sie lärmend das Bewußtsein ganz für
    sich in Anspruch, bald verbirgt sie sich so
    vollkommen, daß wir genötigt sind von unbe-
    wußter Angst – oder wenn wir ein reineres
    psychologisches Gewissen haben wollen,
    da ja die Angst zunächst nur eine
    Empfindung ist – von Angstmöglichkeiten
    zu reden. Und darum ist es sehr wol denkbar,
    daß auch das durch die Kultur erzeugte
    Schuldbewußtsein nicht als solches erkannt wird,
    zum großen Teil unbewußt bleibt oder
    als ein Unbehagen, eine Unzufriedenheit
    zum Vorschein kommt, für die man
    andere Motivierungen sucht. Die Religionen
    wenigstens haben die Rolle des Schuldgefühls
    in der Kultur nie verkannt. Sie treten
    ja – was ich an anderer Stelle nicht gewürdigt
    hatte x) – auch mit dem Anspruch auf, die
    __________________________________________________
    x) Ich meine: Die Zukunft einer Illusion
    Menschheit von diesem Schuldgefühl, das
    sie Sünde heißen, zu erlösen. Aus der
    Art, wie im Christentum diese Erlösung
    gewonnen wird, durch den Opfertod eines
    Einzelnen, der damit eine Allen gemeinsame
    Schuld auf sich nimmt, haben wir ja einen
    Schluß gezogen, welches der erste Anlaß
    zur Erwerbung dieser Urschuld, mit der
    auch die Kultur begann, gewesen sein
    mag. x)
    __________________________________________________
    x) Totem und Tabu.

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    Es kann nicht sehr wichtig werden, mag aber nicht
    überflüssig sein, daß wir die Bedeutung einiger
    Worte wie: Überich, Gewissen, Schuldgefühl, Straf-
    bedürfnis, Reue erläutern, die wir vielleicht oft
    zu lose und eines für's Andere gebraucht haben.
    Alle beziehen sich auf dasselbe Verhältnis, benennen
    aber verschiedene Seiten desselben. Das
    Überich ist eine von uns erschlossene Instanz,
    das Gewissen eine Funktion, die wir ihm
    neben anderen zuschreiben, die die Handlungen
    und Absichten des Ich's zu überwachen und
    zu beurteilen hat, eine zensorische Tätigkeit ausübt.
    Das Schuldgefühl, die Härte des Überichs, ist
    also dasselbe wie die Strenge des Gewissens,
    ist die dem Ich zugeteilte Wahrnehmung, daß es
    in solcher Weise überwacht wird, die Abschätzung
    der Spannung zwischen seinen Strebungen
    und den Forderungen des Überichs, und die
    der ganzen Beziehung zu Grunde liegende Angst
    vor dieser kritischen Instanz; das Strafbe-
    dürfnis ist eine Triebäußerung des Ich's, das
    unter dem Einfluß des sadistischen Überichs masoch-
    istisch geworden ist, d. h. ein Stück des in ihm
    vorhandenen Triebes zur inneren Destruktion
    zu einer erotischen Bindung an das Überich
    verwendet. Vom Gewissen sollte man nicht
    eher sprechen, als bis ein Überich nachweisbar
    ist, vom Schuldbewußtsein muß man zugeben,
    daß es früher besteht als das Überich, also
    auch als das Gewissen. Es ist dann der unmittelbare
    Ausdruck der Angst vor der äußeren Autorität, die Anerkennung
    der Spannung zwischen dem Ich und dieser
    letzteren, der direkte Abkömmling des
    Konfliktes zwischen dem Bedürfnis nach deren
    Liebe und dem Drang nach Triebbefriedigung,
    dessen Hemmung die Neigung zur Aggression
    erzeugt. Die Übereinanderlagerung dieser
    beiden Schichten des Schuldgefühls – aus Angst
    vor der äußeren und vor der inneren
    Autorität – hat uns manchen Einblick in
    die Beziehungen des Gewissens erschwert.
    (also auf das Gewissen)
    Reue ist eine Gesamtbezeichnung für die
    Reaktion des Ich's in einem Falle des Schuld-
    gefühls, enthält das wenig umgewandelte
    Empfindungsmaterial der dahinter wirksamen
    Angst, ist selbst eine Strafe und
    kann das Strafbedürfnis einschließen;
    auch sie kann also älter sein als das
    Gewissen.
          Es kann auch nichts schaden, daß wir uns
    nochmals die Widersprüche vorführen, die
    uns eine Weile bei unserer Untersuchung
    verwirrt haben. Das Schuldgefühl sollte
    einmal die Folge unterlassener Aggress-
    ionen sein, aber ein andermal und
    gerade bei seinem historischen Anfang

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    der Vaterabtötung, die Folge einer ausgeführten Aggress-
    ion. Wir fanden auch den Ausweg aus dieser
    Schwierigkeit. Die Einsetzung der inneren Autorität,
    des Überichs, hat eben die Verhältnisse gründlich
    geändert. Vorher fiel das Schuldgefühl mit der
    Reue zusammen; wir merken dabei, daß die
    Bezeichnung Reue für die Reaktion nach wirk-
    licher Ausführung der Aggression zu reservieren
    ist. Nachher verlor infolge der Allwissenheit
    des Überichs der Unterschied zwischen beabsichtigter
    und erfüllter Aggression seine Kraft; nun
    konnte sowohl eine wirklich ausgeführte
    Gewalttat Schuldgefühl erzeugen – wie alle
    Welt weiß – als auch eine bloß beabsichtigte –
    wie die Psychoanalyse erkannt hat. Über die
    Veränderung der psychologischen Situation hinweg
    hinterläßt der Ambivalenz-Konflikt der beiden
    Urtriebe die nämliche Wirkung. Die Ver-
    suchung liegt nahe, hier die Lösung des Rätsels
    von der wechselvollen Beziehung des Schuldgefühls
    zum Bewußtsein zu suchen. Das Schuldgefühl
    aus Reue über die böse Tat müßte immer
    bewußt sein, das aus Wahrnehmung des bösen
    Impulses könnte unbewußt bleiben. Allein
    so einfach ist das nicht, die Zwangsneurose
    widerspricht dem energisch. Der zweite
    Widerspruch war, daß die aggressive Energie,
    mit der man das Überich ausgestattet denkt,
    nach einer Auffassung bloß die Strafenergie der
    äußeren Autorität fortsetzt und für das
    Seelenleben erhält, während eine andere
    Auffassung meint, es sei vielmehr die nicht zur Ver-
    wendung gelangte eigene Aggression, die
    man gegen diese hemmende Autorität auf-
    bringt. Die erste Lehre schien sich der Geschichte,
    die zweite der Theorie des Schuldgefühls
    besser anzupassen. Eingehendere Überlegung
    hat den anscheinend unversöhnlichen Gegensatz
    beinahe allzuviel verwischt; es blieb als
    wesentlich und gemeinsam übrig, daß es sich
    um eine nach innen verschobene Aggression
    handelt. Die klinische Beobachtung gestattet
    wiederum, wirklich zwei Quellen für die
    dem Überich zugeschriebene Aggression zu
    unterscheiden, von denen im einzelnen
    Fall die eine oder die andere die
    stärkere Wirkung ausübt, die im Allge-
    meinen aber zusammenwirken.
          Hier ist, meine ich, der Ort, eine Auffassung ernst-
    haft zu vertreten, die ich vorhin zur vor-
    läufigen Annahme empfohlen hatte. In der
    neuesten analytischen Literatur zeigt sich
    eine Vorliebe für die Lehre, daß jede
    Art von Versagung, jede verhinderte

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    Triebbefriedigung eine Steigerung des Schuldgefühls
    zur Folge habe oder haben könne. Ich glaube,
    man schafft sich eine große theoretische Erleich-
    terung, wenn man das nur von den aggressiven
    Trieben gelten läßt, und man wird nicht viel
    finden, was dieser Annahme widerspricht.
    Wie soll man es denn dynamisch und ökonomisch
    erklären, daß an Stelle eines nicht erfüllten
    erotischen Anspruchs eine Steigerung des
    Schuldgefühls auftritt? Das scheint doch nur auf
    dem Umwege möglich, daß die Verhinderung
    der erotischen Befriedigung ein Stück Aggress-
    ionsneigung gegen die Person hervorruft, welche
    die Befriedigung stört, und daß diese Aggress-
    ion selbst wieder unterdrückt werden
    muß. Dann aber ist es doch nur die Aggression,
    die sich in Schuldgefühl umwandelt, indem sie
    unterdrückt und dem Überich zugeschoben wird.
    Ich bin überzeugt, wir werden viele Vorgänge
    einfacher und durchsichtiger darstellen
    können, wenn wir den Fund der Psychoanalyse zur
    Ableitung des Schuldgefühls auf die aggressiven
    Triebe einschränken. Die Befragung des
    klinischen Materials giebt hier keine
    eindeutige Antwort, weil unserer Voraus-
    setzung gemäß die beiden Triebarten
    kaum jemals rein, von einander isoliert, auf-
    treten; aber die Würdigung extremer Fälle
    wird wol nach der Richtung weisen, die ich
    erwarte. Ich bin versucht, von dieser strengeren
    Auffassung einen ersten Nutzen zu ziehen,
    indem ich sie auf den Verdrängungsvorgang
    anwende. Die Symptome der Neurosen sind,
    wie wir gelernt haben, wesentlich Ersatz-
    befriedigungen für unerfüllte sexuelle
    Wünsche. Im Laufe der analytischen Arbeit
    haben wir zu unserer Überraschung erfahren,
    daß vielleicht jede Neurose einen Betrag von
    unbewußtem Schuldgefühl verhüllt, der
    wiederum die Symptome durch ihre Verwend-
    ung zur Strafe befestigt. Nun liegt es
    nahe, den Satz zu formulieren: wenn eine
    Triebstrebung der Verdrängung unterliegt,
    so werden ihre libidinösen Anteile
    in Symptome, ihre aggressiven Komponenten
    in Schuldgefühl umgesetzt. Auch wenn dieser
    Satz nur in durchschnittlicher Annäherung
    richtig ist, verdient er unser Interesse.

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    Manche Leser dieser Abhandlung mögen auch unter
    dem Eindruck stehen, daß sie die Formel vom
    Kampf zwischen Eros und Todestrieb zu oft gehört
    haben. Sie sollte den Kulturprozeß kennzeichnen,
    der über die Menschheit abläuft, wurde aber
    auch auf die Entwicklung des Einzelnen bezogen
    und sollte überdies das Geheimnis des organischen
    Lebens überhaupt enthüllt haben. Es scheint
    unabweisbar, die Beziehungen dieser drei
    Vorgänge zu einander zu untersuchen. Nun
    ist die Wiederkehr derselben Formel sich durch
    die Erwägung gerechtfertigt, daß der Kulturprozeß
    der Menschheit wie der Entwicklung des
    Einzelnen auch Lebensvorgänge sind, also am
    allgemeinsten Charakter des Lebens Anteil
    haben müssen. Anderseits trägt grade darum
    der Nachweis dieses allgemeinen Zuges nichts
    zur Unterscheidung bei, solange dieser nicht
    durch besondere Bedingungen eingeengt wird.
    Wir können uns also erst bei der Aussage be-
    ruhigen, der Kulturprozeß sei jene Modifikation
    des Lebensprozesses, die er unter dem
    Einfluß einer vom Eros gestellten, von
    der Ananke, der realen Not angeregten
    Aufgabe erfährt, und diese Aufgabe ist die
    Vereinigung vereinzelter Menschen zu einer
    unter sich libidinös verbundenen Gemeinschaft.
    Fassen wir aber die Beziehung zwischen dem
    Kulturprozeß der Menschheit und dem Ent-
    wicklungs- oder Erziehungsprozeß des einzelnen
    Menschen in's Auge, so werden wir uns
    ohne viel Schwanken dafür entscheiden, daß
    die beiden sehr ähnlicher Natur sind, wenn
    nicht überhaupt derselbe Vorgang an anders-
    artigen Objekten. Der Kulturprozeß der
    Menschheit ist natürlich eine Abstraktion
    von höherer Ordnung als die Entwicklung
    des Einzelnen, darum schwerer anschaulich
    zu erfassen, und die Aufspürung von Analogi-
    en soll nicht zwanghaft übertrieben werden;
    aber bei der Gleichartigkeit der Ziele – hier
    die Einreihung eines Einzelnen in eine mensch-
    liche Masse, dort die Herstellung einer
    Masseneinheit aus vielen Einzelnen – kann
    die Ähnlichkeit der dazu verwendeten
    Mittel und der zustande kommenden Phäno-
    mene nicht überraschen. Ein die beiden
    Vorgänge unterscheidender Zug darf wegen
    seiner außerordentlichen Bedeutsamkeit
    nicht lange unerwähnt bleiben. Im Ent-
    wicklungsprozeß des Einzelmenschen wird
    das Programm des Lustprinzips, Glücksbefried-
    igung zu finden, als Hauptziel festgehalten,
    die Einreihung in oder Anpassung an eine
    menschliche Gemeinschaft erscheint als eine

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    kaum zu vermeidende Bedingung, die auf dem
    Wege zur Erreichung dieses Glücksziels erfüllt
    werden soll. Ginge es ohne diese Bedingung,
    so wäre es vielleicht besser. Anders ausgedrückt:
    die individuelle Entwicklung erscheint uns als
    ein Produkt der Interferenz zweier Streb-
    ungen, des Strebens nach Glück, das wir ge-
    wöhnlich „egoistisch“, und des Strebens nach Ver-
    einigung mit den Anderen in der Gemeinschaft,
    das wir „altruistisch“ heißen. Beide Bezeichnungen
    gehen nicht viel über die Oberfläche hinaus.
    In der individuellen Entwicklung fällt, wie gesagt,
    der Hauptakzent meist auf die egoistische
    oder Glücksstrebung, die andere, „kulturell“
    zu nennende begnügt sich in der Regel mit
    der Rolle einer Einschränkung. Anders
    beim Kulturprozeß; hier ist das Ziel der
    Herstellung einer Einheit aus den menschlichen
    Individuen bei Weitem die Hauptsache,
    das Ziel der Beglückung besteht zwar noch,
    aber es wird in den Hintergrund gedrängt;
    fast scheint es, die Schöpfung einer großen
    menschlichen Gemeinschaft würde am besten gelingen,
    wenn man sich um das Glück des Einzelnen
    nicht zu kümmern brauchte. Der Entwicklungs-
    prozeß des Einzelnen darf also seine besonderen
    Züge haben, die sich im Kulturprozeß der
    Menschheit nicht wiederfinden; nur insofern
    dieser erstere Vorgang den Anschluß an
    die Gemeinschaft zum Ziel hat, muß er
    mit dem letzteren zusammenfallen.
          Wie der Planet noch um seinen Zentral-
    körper kreist, außer daß er um die eigene
    Achse rotiert, so nimmt auch der einzelne Mensch
    am Entwicklungsgang der Menschheit teil, während
    er seinen eigenen Lebensweg geht. Aber unserem
    blöden Auge scheint das Kräftespiel am
    Himmel zu ewiger gleicher Ordnung erstarrt;
    im organischen Geschehen sehen wir noch, wie
    die Kräfte mit einander ringen und die Ergeb-
    nisse des Konflikts sich beständig verändern.
    So haben auch die beiden Strebungen, die nach
    individuellem Glück und die nach menschlichem
    Anschluß, bei jedem Individuum mit einander
    zu kämpfen, so müssen die beiden Prozesse
    der individuellen und der Kulturentwicklung
    einander feindlich begegnen und sich gegen-
    seitig den Boden bestreiten. Aber dieser
    Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft ist
    nicht ein Abkömmling des wahrscheinlich
    unversöhnlichen Gegensatzes der Urtriebe,
    Eros und Tod, er bedeutet einen Zwist
    im Haushalt der Libido, vergleichbar dem
    Streit um die Aufteilung der Libido
    zwischen dem Ich und den Objekten, und er
    läßt einen endlichen Ausgleich zu, beim
    Individuum wie hoffentlich auch in der Zukunft
    der Kultur, mag er gegenwärtig das Leben

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    des Einzelnen noch so sehr beschweren.
          Die Analogie zwischen dem Kulturprozeß
    und dem Entwicklungsweg des Individuums läßt
    sich um ein bedeutsames Stück erweitern. Man
    darf nämlich behaupten, daß auch die Gemeinschaft
    ein Überich ausbildet, unter dessen Einfluß
    sich die Kulturentwicklung vollzieht. Es mag
    eine verlockende Aufgabe für einen Kenner
    menschlicher Kulturen sein, diese Gleichstellung
    in's Einzelne zu verfolgen. Ich will mich
    auf die Hervorhebung einiger auffälliger
    Punkte beschränken. Das Überich einer
    Kulturepoche hat einen ähnlichen Ursprung
    wie das des Einzelmenschen, es ruht auf dem
    Eindruck, (hinterlassenen Eindruck), den große Führerpersönlichkeiten hinterlassen
    haben, Menschen von überwältigender Geisteskraft
    oder solche, in denen eine der menschlichen
    Strebungen die stärkste und reinste, darum
    oft auch einseitigste, Ausbildung gefunden hat.
    Die Analogie geht in vielen Fällen noch weiter,
    indem diese Personen – häufig genug, wenn
    auch nicht immer – zu ihrer Lebenszeit von den
    Anderen verspottet, mißhandelt oder selbst auf
    grausame Art beseitigt wurden, wie ja auch
    der Urvater erst lange nach seiner gewaltsamen
    Tötung zur Göttlichkeit aufstieg. Für diese
    Schicksalsverknüpfung ist grade die Person
    Jesu Christi das ergreifendste Beispiel, wenn
    sie nicht etwa dem Mythus angehört, der
    sie in dunkler Erinnerung an jenen Ur-
    vorgang in's Leben rief. Ein anderer Punkt
    der Übereinstimmung ist, daß das Kulturüberich
    ganz wie das des Einzelnen strenge Ideal-
    forderungen aufstellt, deren Nichtbefolg-
    ung durch „Gewissensangst“ gestraft wird. Ja,
    hier stellt sich der merkwürdige Fall her,
    daß die hierher gehörigen seelischen Vorgänge
    uns von der Seite der Masse vertrauter,
    dem Bewußtsein zugänglicher sind, als sie es
    beim Einzelmenschen werden können. Bei
    diesem machen sich nur die Aggressionen des
    Überichs im Falle der Spannung als Vorwürfe
    überlaut vernehmbar, während die Forder-
    ungen selbst im Hintergrunde oft
    unbewußt bleiben. Bringt man sie zur bewußten Erkenntnis,
    so zeigt sich (zeigt sich so), daß sie mit den Vor-
    schriften des jeweiligen Kulturüberichs zu-
    sammenfallen. An dieser Stelle sind sozusagen
    beide Vorgänge, der kulturelle Entwicklungs-
    prozeß der Menge und der eigene des Indivi-
    duums regelmäßig mit einander verklebt.
    Manche Äußerungen und Eigenschaften des
    Überichs können darum leichter an
    seinem Verhalten in der Kulturgemein-
    schaft als beim Einzelnen erkannt
    werden.

  • S.

    70

    Das Kulturüberich hat seine Ideale ausgebildet
    und erhebt seine Forderungen. Unter den
    letzteren werden die, welche die Bezieh-
    ungen der Menschen zu einander betreffen,
    als Ethik zusammengefaßt. Zu allen Zeiten
    wurde auf diese Ethik der größte Wert
    gelegt, als ob man grade von ihr besonders
    wichtige Leistungen erwartete. Und wirklich
    wendet sich die Ethik jenem Punkt zu, der
    als die wundeste Stelle jeder Kultur leicht
    kenntlich ist. Die Ethik ist also als ein
    therapeutischer Versuch aufzufassen, als Be-
    mühung, durch ein Gebot des Überichs
    zu erreichen, was bisher durch sonstige Kulturarbeit
    nicht zu erreichen war. Wir wissen bereits,
    es fragt sich hier darum, wie das größte
    Hindernis der Kultur, die konstitutionelle
    Neigung der Menschen zur Aggression
    gegen einander, wegzuräumen ist, und gerade
    darum wird uns das wahrscheinlich jüngste der
    kulturellen Überichgebote besonders inter-
    essant, das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie
    dich selbst. In der Neurosenforschung und
    Neurosentherapie kommen wir dazu, zwei
    Vorwürfe gegen das Überich des Einzelnen
    zu erheben; es kümmert sich in der Strenge
    seiner Gebote und Verbote zu wenig um
    das Glück des Ichs, indem es die Wider-
    stände gegen die Befolgung, die Triebstärke
    des Es und die Schwierigkeiten der realen
    Umwelt nicht genügend in Rechnung bringt.
    Wir sind daher in therapeutischer Absicht sehr
    oft genötigt, das Überich zu bekämpfen und
    bemühen uns, seine Ansprüche zu erniedrigen.
    Ganz ähnliche Einwendungen können wir gegen
    die ethischen Forderungen des Kulturüberichs
    erheben. Auch dies kümmert sich nicht genug
    um die Tatsachen der seelischen Konstitution des
    Menschen, es erläßt ein Gebot und fragt
    nicht, ob es dem Menschen möglich ist, es
    zu befolgen. Vielmehr es nimmt an, daß
    dem Ich des Menschen alles psychologisch möglich
    ist, was man ihm aufträgt, daß dem
    Ich die unumschränkte Herrschaft über
    sein Es zusteht. Das ist ein Irrtum und
    auch bei den sogenannt normalen Menschen
    läßt sich die Beherrschung des Es nicht
    über bestimmte Grenzen steigern. Fordert
    man mehr, so erzeugt man beim Einzelnen
    Auflehnung oder Neurose oder macht ihn
    unglücklich. Das Gebot „Liebe deinen Nächsten
    wie dich selbst“ ist die stärkste Abwehr
    der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes
    Beispiel für das unpsychologische Vorgehen
    des Kulturüberichs. Das Gebot ist undurch-
    führbar; eine so großartige Inflation

  • S.

    71

    der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die
    Not beseitigen. Die Kultur vernachlässigt all das;
    sie mahnt nur, je schwerer die Befolgung der Vorschrift
    ist, desto verdienstvoller ist sie. Allein wer in der
    gegenwärtigen Kultur eine solche Vorschrift einhält, setzt sich nur in Nachteil
    gegen den, der sich über sie hinaussetzt. Wie
    gewaltig muß das Kulturhindernis der Aggression
    sein, wenn die Abwehr derselben ebenso
    unglücklich machen kann wie die Aggression
    selbst! Die sogenannte natürliche Ethik hat
    hier nichts zu bieten, außer der narzißtischen Befriedigung,
    sich für besser halten zu dürfen, als die Anderen
    sind. Die Ethik, die sich an die Religion
    anlehnt, läßt hier ihre Versprechungen eines
    besseren Jenseits eingreifen. Ich meine, solange
    sich die Tugend nicht schon auf Erden
    lohnt, wird die Ethik vergeblich predigen.
    Es scheint auch mir unzweifelhaft, daß eine reale
    Veränderung in den Beziehungen der
    Menschen (zum Besitz) hier mehr Abhilfe bringen wird
    als jedes ethische Gebot; doch wird diese
    Einsicht bei den Sozialisten durch ein neuer-
    liches idealistisches Verkennen der menschlichen
    Natur getrübt und für die Ausführung ent-
    wertet.
          Die Betrachtungsweise, die in den Erscheinungen
    der Kulturentwicklung die Rolle eines
    Überichs verfolgen will, scheint mir
    noch andere Aufschlüsse zu versprechen. Ich eile
    zum Abschluß. Einer Frage kann ich allerdings
    schwer ausweichen. Wenn die Kulturentwick-
    lung so weitgehende Ähnlichkeit mit der des
    Einzelnen hat und mit denselben Mitteln
    arbeitet, soll man nicht zur Diagnose be-
    rechtigt sein, daß manche Kulturen oder
    Kulturepochen – möglicherweise die ganze Mensch-
    heit – unter dem Einfluß der Kulturstrebungen
    „neurotisch“ geworden sind? An die analyt-
    ische Zergliederung dieser Neurosen könnten
    therapeutische Vorschläge anschließen, die
    auf großes praktisches Interesse Anspruch
    hätten. Ich könnte nicht sagen, daß ein
    solcher Versuch zur Übertragung der Psycho-
    analyse auf die Kulturgemeinschaft unsinnig
    oder zur Unfruchtbarkeit verurteilt
    wäre. Aber man müßte sehr vorsichtig
    sein, nicht vergessen, daß es sich doch
    nur um Analogien handelt, und daß es
    nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Begriffen
    gefährlich ist, sie aus der Sphäre zu reißen,
    in der sie entstanden und entwickelt
    worden sind. Auch stößt die Diagnose

  • S.

    72

    der Gemeinschaftsneurosen auf eine besondere
    Schwierigkeit. Bei der Einzelneurose dient uns
    als nächster Anhalt der Kontrast, in dem sich
    der Kranke von seiner als „normal“ angenommenen
    Umgebung abhebt. Ein solcher Hintergrund entfällt
    bei einer gleichartig affizierten Masse, er müßte
    anderswoher geholt werden. Und was die
    therapeutische Verwendung der Einsicht be-
    trifft, was hülfe die zutreffendste Analyse
    der sozialen Neurose, da niemand die
    Autorität besitzt, der Masse die Therapie
    aufzudrängen? Trotz aller dieser Erschwer-
    ungen darf man erwarten, daß jemand
    eines Tages das Wagnis einer solchen
    Pathologie der kulturellen Gemeinschaften unter-
    nehmen wird.
          Eine Wertung der menschlichen Kultur zu geben
    liegt mir aus den verschiedensten Motiven
    sehr ferne. Ich habe mich bemüht, das enthusiastische
    Vorurteil von mir abzuhalten, unsere
    Kultur sei das Kostbarste, was wir besitzen
    oder erwerben können, und ihr Weg
    müsse uns notwendiger Weise zu Höhen
    ungeahnter Vollkommenheit führen. Ich kann
    wenigstens ohne Entrüstung den Kritiker an-
    hören, der meint, wenn man die Ziele der
    Kulturstrebung und die Mittel, deren sie
    sich bedient, in's Auge faßt, müsse man
    zu dem Schlusse kommen, die ganze
    Anstrengung sei nicht der Mühe wert und
    das Ergebnis könne nur ein Zustand sein,
    den der Einzelne unerträglich finden
    muß. Meine Unparteilichkeit wird mir
    dadurch leicht, daß ich über all diese Dinge
    sehr wenig weiß, mit Sicherheit nur das
    eine, daß die Werturteile der Menschen
    unbedingt von ihren Glückswünschen geleitet
    werden, also ein Versuch sind, ihre Illusionen
    mit Argumenten zu stützen. Ich verstände
    es sehr wol, wenn Jemand den zwangs-
    läufigen Charakter der menschlichen Kultur
    hervorheben und z. B. sagen würde, die Neigung
    zur Einschränkung des Sexuallebens oder
    zur Durchsetzung des Humanitätsideals
    auf Kosten der natürlichen Auslese seien
    Entwicklungseinrichtungen, die sich nicht abwenden
    und nicht ablenken lassen, und denen man
    sich am besten beugt, wie wenn es
    Naturnotwendigkeiten wären. Ich kenne
    auch die Einwendung dagegen, daß solche Streb-
    ungen, die man für unüberwindbar hielt,
    oft im Laufe der Menschheitsgeschichte bei Seite
    geworfen und durch andere ersetzt worden
    sind. So sinkt mir der Mut, mich vor

  • S.

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    meinen Mitmenschen als Prophet aufzustellen und ich
    beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich ihnen keinen Trost
    zu bringen weiß, denn das verlangen sie im
    Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht
    weniger leidenschaftlich als die bravsten
    frommgläubigen.
          Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir
    zu sein, ob und in welchem Maße ihrer Kulturentwicklung
    es gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens
    durch den menschlichen Aggressions- und Selbst-
    vernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem
    Bezug verdient vielleicht grade die gegenwärtige
    Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen
    haben es jetzt in der Beherrschung der Natur-
    kräfte soweit gebracht, daß sie es mit deren
    Hilfe leicht haben, einander bis auf den
    letzten Mann auszurotten. Sie wissen das,
    daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks,
    ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten,
    daß die andere der beiden „himmlischen Mächte“,
    der ewige Eros, eine Anstrengung machen
    wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso
    unsterblichen Gegner zu behaupten.