Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
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    haben sich einem so weit gehenden Einbruch in ihre Sexual-
    freiheit gefügt, stärkere Naturen nur unter einer
    kompensierenden Bedingung, von der später die Rede
    sein kann. Die Kulturgesellschaft hat sich genötigt
    gesehen, viele Überschreitungen stillschweigend
    zuzulassen, die sie nach ihren Satzungen hätte
    verfolgen müssen. Doch darf man sich nicht nach
    der anderen Seite irre gehen und annehmen,
    eine solche kulturelle Einstellung sei überhaupt harmlos,
    weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das
    Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer
    geschädigt, es macht mitunter den Eindruck einer
    in Rückbildung befindlichen Funktion, wie
    unser Gebiß und unsere Kopfhaare als Organe
    zu sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein
    Recht anzunehmen, daß seine Bedeutung als Quelle
    von Glücksempfindungen, also in der Erfüllung
    unseres Lebenszweckes, empfindlich
    nachgelassen hat. Manchmal glaubt man zu er-
    kennen, es sei nicht allein der Druck
    der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion
    selbst versage uns die volle Befriedigung
    und dränge uns auf andere Wege. Es mag
    ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden. x)
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    V° x) Unter den Dichtungen des feinsinnigen Engländers
    J. Galsworthy, der sich heute allgemeiner Aner-
    kennung erfreut, schätzte ich früh eine
    kleine Geschichte, betitelt The Apple Tree. Sie
    zeigt in eindringlicher Weise, wie im Leben
    des heutigen Kulturmenschen für die einfache,
    natürliche Liebe zweier Menschenkinder
    kein Raum mehr ist.
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    V Die psychoanalytische Arbeit hat uns gelehrt, daß es
    gerade diese Versagungen des Sexuallebens
    sind, die den sogenannten Neurotikern nicht er-
    tragen werden. Sie schaffen sich in ihren Symptomen
    Ersatzbefriedigungen, die aber entweder an
    sich leidensvoll sind oder zur Leidensquelle
    werden, indem sie ihnen Schwierigkeiten
    mit Umwelt und Gesellschaft bereiten.
    Das Letztere ist leicht verständlich, das Andere
    giebt uns ein neues Rätsel auf. Die Kultur
    verlangt aber noch andere Opfer als die von
    Sexualbefriedigung.
          Wir haben die Schwierigkeit der Kulturent-
    wicklung als eine allgemeine Entwicklungsschwierig-
    keit erfaßt, aufgefaßt, indem wir sie auf
    die Trägheit der Libido zurückgeführt haben,
    auf deren Abneigung, eine alte Position
    gegen eine neue zu verlassen.
    Wir sagen ungefähr dasselbe, wenn wir den
    Gegensatz zwischen Kultur und Sexualität
    davon ableiten, daß die sexuelle Liebe
    ein Verhältnis zwischen zwei Personen

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    ist, bei dem ein Dritter nur
    überflüssig oder störend sein kann, während
    die Kultur auf Beziehungen unter einer größeren
    Menschenanzahl ruht. Auf der Höhe eines Liebes-
    verhältnisses bleibt kein Interesse für die
    Umwelt übrig; das Liebespaar genügt sich selbst,
    braucht auch nicht das Kind, um glücklich zu sein.
    In keinem anderen Falle verrät der Eros
    so deutlich den Kern seines Wesens, die
    Absicht aus mehreren Eines zu machen; aber
    wenn er dies, wie es sprichwörtlich geworden
    ist, in der Verliebtheit zweier Menschen zu einander
    erreicht hat, will
    er darüber nicht hinausgehen.
          Wir können uns bisher sehr gut vorstellen,
    daß eine Kulturgemeinschaft aus solchen Doppel-
    individuen bestünde, die in sich libidinös
    gesättigt, durch das Band der Arbeits- und Interessengemein-
    schaft mit einander verknüpft sind. In
    diesem Falle brauchte die Kultur der
    Sexualität keine Energie zu entziehen.
    Aber dieser wünschenswerte Zustand besteht nicht
    und hat niemals bestanden; die Wirklichkeit
    zeigt uns, daß die Kultur sich nicht mit den
    ihr bisher zugestandenen Bindungen begnügt, daß
    sie die Mitglieder der Gemeinschaft auch
    libidinös an einander binden will, daß
    sie sich aller Mittel hiezu bedient, jeden
    Weg begünstigt, starke Identifizierungen unter
    ihnen herzustellen, im größten Ausmaße ziel-
    gehemmte Libido aufbietet, um die Freundschafts-
    beziehungen die Gemeinschaftsbande durch
    zu kräftigen. Zur Erfüllung dieser Ab-
    sichten wird die Einschränkung des Sexual-
    lebens unvermeidlich. Uns fehlt aber die
    Einsicht in die Notwendigkeit, welche die
    Kultur auf diesen Weg drängt und ihre
    Gegnerschaft zur Sexualität begründet.
    Es muß sich um einen von uns noch nicht
    entdeckten, störenden Faktor
    handeln.
          Eine der sogenannten Idealforderungen der
    Kulturgesellschaft kann uns hier die Spur zeigen.
    Sie lautet: Du sollst den Nächsten lieben
    wie dich selbst; sie ist weltberühmt, gewiß
    älter als das Christentum, das sie als
    seinen stolzesten Anspruch vorweist, aber
    sicherlich nicht sehr alt, in historischen Zeiten
    war sie den Menschen noch fremd. Wir wollen
    uns naiv zu ihr einstellen, als hörten wir
    von ihr zum ersten Mal. Dann können
    wir ein Gefühl von Überraschung und
    Befremden nicht unterdrücken. Warum
    sollen wir das? Was soll es uns helfen?
    Vor allem aber, wie bringen wir
    das zustande? Wie wird es uns möglich?

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    Meine Liebe ist etwas mir Wertvolles, das
    ich nicht ohne Rechenschaft wegwerfen darf.
    Sie legt mir Pflichten auf, die ich mit Opfern
    zu erfüllen bereit sein muß. Wenn ich
    einen anderen liebe, muß er es auf irgend
    eine Art verdienen. (Ich sehe von dem Nutzen,
    den er mir bringen kann, sowie von seiner
    möglichen Bedeutung als Sexualobjekt für mich
    ab; diese beiden Arten der Beziehung kommen
    für die Vorschrift der Nächstenliebe nicht in
    Betracht). Er verdient es, wenn er mir in
    wichtigen Stücken so ähnlich ist, daß ich in ihm mich
    selbst lieben kann; er verdient es, wenn
    er soviel vollkommener ist als ich, daß ich
    mein Ideal von meiner eigenen Person in
    ihm lieben kann; ich muß ihn lieben, wenn
    er der Sohn meines Freundes ist, denn der
    Schmerz des Freundes, wenn ihm ein Leid
    zustößt, wäre auch mein Schmerz, ich müßte
    ihn teilen. Aber wenn er mir fremd ist
    und mich durch keinen eigenen Wert, keine
    bereits erworbene Bedeutung für mein
    Gefühlsleben anziehen kann, wird es schwer
    ihn zu lieben. Ich tue sogar Unrecht damit,
    denn meine Liebe wird von allen den
    Meinen als Bevorzugung geschätzt, es ist
    ein Unrecht an ihnen, wenn ich den Fremden
    ihnen gleichstelle. Wenn ich ihn aber lieben
    soll, mit jener Weltliebe, bloß weil er auch
    ein Wesen dieser Erde ist, wie das Insekt,
    der Regenwurm, die Ringelnatter, dann
    wird, fürchte ich, ein geringer Betrag Liebe
    auf ihn entfallen, unmöglich soviel, als ich
    nach dem Urteil der Vernunft berechtigt
    bin, für mich selbst zurückzubehalten. Wozu
    eine so feierlich auftretende Vorschrift, wenn
    ihre Erfüllung sich nicht als vernünftig empfehlen
    kann?
          Wenn ich näher zusehe, finde ich noch mehr Schwierig-
    keiten. Dieser Fremde ist nicht nur im All-
    gemeinen nicht liebenswert, – ich muß ehrlich
    bekennen, er hat mehr Anspruch auf meinen
    Haß, auf meine Feindseligkeit. Er scheint
    nicht die mindeste Liebe für mich zu haben, zeigt
    mir nicht die geringste Rücksicht. Wenn es
    ihm einen Nutzen bringt, hat er kein Bedenken
    mich zu schädigen, fragt sich dabei auch nicht,
    ob die Größe seines Nutzens der Größe des
    Schadens, den er mir zufügt, entspricht.
    Ja er braucht nicht einmal einen Nutzen davon
    zu haben, wenn er nur irgend eine Lust damit
    befriedigen kann, macht er sich nichts daraus,
    mich zu verspotten, zu beleidigen, zu verleumden,
    seine Macht an mir zu zeigen, und je sicherer
    er sich fühlt, je hilfloser ich bin, desto mehr

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    darf ich dies Benehmen gegen mich von ihm erwarten.
    Wenn er sich anders verhält, wenn er mir als
    Fremden Rücksicht und Schonung erweist, bin
    ich ohnedies, ohne jene Vorschrift, bereit,
    es ihm in ähnlicher Weise zu vergelten. Ja
    wenn jenes großartige Gebot lauten würde:
    Liebe deinen Nächsten wie dein Nächster
    dich liebt, dann würde ich nicht widersprechen.
    Es giebt ein zweites Gebot, das mir noch unfaßbarer
    scheint und ein noch heftigeres Sträuben
    in mir entfesselt. Es heißt: Liebe deine
    Feinde. Wenn ich's recht überlege, habe
    ich Unrecht, es als eine noch stärkere Zu-
    mutung abzuweisen. Es ist im Grunde dasselbe.
    X Ich glaube nun von einer würdevollen Stimme
    die Mahnung zu hören: Eben darum, weil
    der Nächste nicht liebenswert und eher dein
    Feind ist, sollst du ihn lieben wie dich selbst.
    Ich verstehe dann, das ist ein ähnlicher Fall
    wie das: Credo quia absurdum.
          Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der Nächste,
    wenn er aufgefordert wird, mich so zu lieben
    wie sich selbst, genau so antworten wird wie
    ich, und mich mit den nämlichen Begründ-
    ungen abweisen wird. Ich hoffe, nicht mit dem-
    selben objektiven Recht, aber er wird es
    auch meinen. Immerhin giebt es Unterschiede
    in Verhalten der Menschen, die die
    Ethik mit Hinwegsetzung über deren Bedingtheit
    als „gut“ und „böse“ klassifiziert. Solange diese
    unleugbaren Unterschiede nicht aufgehoben
    sind, bedeutet die Befolgung der hohen ethischen
    Forderungen eine Schädigung der Kultur-
    absichten, indem sie direkte Prämien
    für das Bösesein aufstellt. Man kann
    hier die Erinnerung an einen Vorgang
    nicht abweisen, der sich in der französischen
    Kammer zutrug, als über die Todesstrafe
    verhandelt wurde; ein Redner hatte
    sich leidenschaftlich für ihre Abschaffung
    eingesetzt und erntete stürmischen Beifall,
    bis eine Stimme aus dem Saale die
    Worte dazwischenrief: Que messieurs
    les assassins commencent!
          Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit
    hinter alle dem ist, daß der Mensch
    nicht ein sanftes, liebebedürftiges Wesen
    ist, das sich wenn angegriffen, auch zu
    verteidigen vermag, sondern daß er
    zu seinen Triebbegabungen auch einen
    mächtigen Anteil von Aggressionsneigung
    rechnen darf. Infolge dessen ist ihm der

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    Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt,
    sondern auch eine Versuchung, seine Aggression
    an ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne
    Entschädigung auszunützen, ihn ohne seine Ein-
    willigung sexuell zu gebrauchen, sich in den Besitz
    seiner Habe zu setzen, ihn zu demütigen, ihm
    Schmerzen zu bereiten, zu martern und zu
    töten. Homo homini lupus; wer hat nach allen
    Erfahrungen des Lebens und der Geschichte
    den Mut, diesen Satz zu bestreiten? Diese
    grausame Aggression wartet in der Regel eine
    Provokation ab oder stellt sich in den Dienst
    einer anderen Absicht, deren Ziel auch mit
    milderen Mitteln zu erreichen wäre. Unter
    ihr günstigen Umständen, wenn die seelischen
    Gegenkräfte, die sie sonst hemmen, weggefallen
    sind, äußert sie sich auch spontan, enthüllt den
    Menschen als wilde Bestie, der die Schonung
    der eigenen Art fremd ist. Wer die Greuel
    der Völkerwanderung, der Einbrüche der Hunnen,
    der sogenannten Mongolen unter Dschengis Khan
    und Timur lenk, der Eroberung Jerusalems durch
    die frommen Kreuzfahrer, ja selbst noch die
    Schrecken des letzten Weltkrieges in seine
    Erinnerung ruft, wird sich vor der Tatsächlichkeit
    dieser Auffassung demütig beugen müssen.
          Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die
    wir bei uns selbst verspüren können, beim
    anderen mit Recht voraussetzen, ist das
    Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten
    stört und die Kultur zu ihrem Aufwand
    nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit
    der Menschen für einander ist die Kultur-
    gesellschaft beständig vom Zerfall bedroht.
    Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde
    sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leiden-
    schaften sind stärker als vernünftige Interessen.
    Die Kultur muß alles aufbieten, um den Aggress-
    ionstrieben der Menschen Schranken zu setzen,
    ihre Äußerungen durch psychische Reaktionsbild-
    ungen niederzuhalten. Daher also das Aufgebot
    von Methoden, die die Menschen zu Identifizier-
    ungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen
    antreiben sollen, daher die Einschränkung der
    Sexualleben und daher auch das Idealgebot,
    den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das
    sich wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes
    der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr
    zuwiderläuft. Durch alle ihre Mühen hat die
    Kulturströmung bisher nicht sehr viel erreicht.
    Die gröbsten Ausschreitungen der brutalen Gewalt
    hofft sie zu verhüten, indem sie sich
    selbst das Recht beilegt, an den Verbrechern

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    Gewalt zu üben, aber die vorsichtigeren und feineren
    Äußerungen der menschlichen Aggression vermag
    das Gesetz nicht zu erfassen. Jeder von uns kommt dahin,
    die Erwartungen, die er in der Jugend an
    seine Mitmenschen geknüpft, als Illusionen
    fallen zu lassen, und kann erfahren, wie sehr ihm das Leben
    durch ihr Übelwollen erschwert und schmerzhaft
    gemacht wird. Dabei wäre es ein Unrecht, der
    Kultur vorzuwerfen, daß sie Streit und
    Wettkampf aus den menschlichen Betätigungen
    ausschließen will. Diese sind sicherlich unent-
    behrlich, aber Gegnerschaft ist nicht notwendig
    Feindschaft, wird nur zum Anlaß für sie
    mißbraucht.
          Die Kommunisten glauben, den Weg zur Erlösung
    vom Übel gefunden zu haben. Der Mensch ist
    eindeutig gut, seinem Nächsten wohlgesinnt, aber
    die Einrichtung des privaten Eigentums hat
    seine Natur verdorben. Der Besitz an privaten
    Gütern gibt dem Einen die Macht und
    damit die Versuchung, den Nächsten zu
    mißhandeln; der vom Besitz Ausgeschlossene
    muß sich in Feindseligkeit gegen den Unter-
    drücker auflehnen. Wenn man das Privat-
    eigentum aufhebt, alle Güter gemeinsam
    macht und alle Menschen an deren Genuß
    teilnehmen läßt, werden Übelwollen und
    Feindseligkeit unter den Menschen ver-
    schwinden. Da alle Bedürfnisse befriedigt sind,
    wird Keiner Grund haben, in dem
    Anderen seinen Feind zu sehen; der
    notwendigen Arbeit werden sich alle be-
    reitwillig unterziehen. Ich habe nichts mit
    der wirtschaftlichen Kritik des kommunistischen
    Systems zu tun, ich kann nicht untersuchen, ob die Abschaffung
    des Privateigentums zweckdienlich und vorteilhaft
    ist. Aber seine psychologische
    Voraussetzung vermag ich als haltlose
    Illusion zu erkennen. Mit der Aufhebung
    des Privateigentums entzieht man der
    menschlichen Aggressionslust eines ihrer
    Werkzeuge, gewiß ein starkes, und gewiß
    nicht das stärkste. An den Unterschieden
    von Macht und Einfluß, welche die Aggression
    mißbrauchen, daran hat man nichts
    geändert, auch an ihrem Wesen nicht. Sie
    ist nicht durch das Eigentum geschaffen
    worden, herrschte fast uneingeschränkt
    in Urzeiten, als das Eigentum noch sehr
    armselig war, zeigt sich bereits in der
    Kinderstube, kaum daß das Eigentum seine
    anale Urform aufgegeben hat, bildet den Boden-
    satz aller zärtlichen und Liebesbeziehungen
    unter den Menschen, mit vielleicht einziger
    Ausnahme der einer Mutter zu ihrem
    männlichen Kind. Räumt man das persönliche
    Anrecht auf dingliche Güter weg, so bleibt
    noch das Vorrecht aus sexuellen Beziehungen,
    das die Quelle der stärksten Mißgunst und
    der heftigsten Feindseligkeit unter den sonst
    gleichgestellten Menschen werden muß.

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    Hebt man auch dieses auf durch die völlige Befreiung
    des Sexuallebens, beseitigt also die Familie, die
    Keimzelle der Kultur, so läßt sich zwar nicht
    vorhersehen, welche neuen Wege die Kultur-
    entwicklung einschlagen kann, aber eines darf
    man erwarten, daß der unzerstörbare Zug
    der menschlichen Natur ihr auch dorthin folgen
    wird.
          Es wird den Menschen offenbar nicht leicht,
    auf die Befriedigung dieser ihrer Aggressions-
    neigung zu verzichten; sie fühlen sich nicht
    wohl dabei. Der Vorteil eines kleineren
    Kulturkreises, daß er dem Trieb einen Ausweg
    an der Befehdung der Außenstehenden
    gestattet, ist nicht gering zu schätzen. Es ist immer
    möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe an
    einander zu binden, wenn nur andere für die
    Äußerung der Aggression übrig bleiben. Ich habe
    mich einmal mit dem Phänomen beschäftigt, daß
    gerade benachbarte und einander auch sonst nahe
    stehende Gemeinschaften sich gegenseitig befehden
    und verspotten, so Spanier und Portugiesen, Nord-
    und Süddeutsche, Engländer und Schotten usw. Ich gab
    ihm den Namen: „Narzismus der kleinen Differenzen“,
    der nicht viel zur Erklärung beiträgt. Man
    erkennt nun darin eine bequeme und relativ
    harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung,
    durch die den Mitgliedern der Gemeinschaft
    das Zusammenhalten erleichtert wird. Das
    überall hin versprengte Volk der Juden hat sich
    in dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um
    die Kulturen seiner Wirtsvölker erworben; leider
    haben alle Juden-gemetzel des Mittelalters nicht ausgereicht,
    dieses Zeitalter friedlicher und sicherer für
    seine christlichen Genossen zu gestalten. Nach-
    dem der Apostel Paulus die allgemeine
    Menschenliebe zum Fundament seiner christ-
    lichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste
    Intoleranz des Christentums gegen die draußen
    Verbliebenen eine unvermeidliche Folge ge-
    worden; den Römern, die ihr staatliches
    Gemeinwesen nicht auf die Liebe begründet
    hatten, war religiöse Unduldsamkeit fremd
    gewesen, obwol die Religion bei ihnen Sache
    des Staates und der Staat von
    Religion durchtränkt war.

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    Es war auch kein unverständlicher Zufall, daß der Traum
    einer germanischen Weltherrschaft zu seiner
    Ergänzung den Antisemitismus aufrief, und man
    erkennt es als begreiflich, daß der Versuch, eine
    neue kommunistische Kultur in Rußland auf-
    zurichten, in der Verfolgung der Bourgeois
    seine psychologische Unterstützung findet. Man fragt
    sich nur besorgt, was die Sowjets anfangen
    werden, nachdem sie ihre Bourgeois
    ausgerottet haben.
          Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität,
    sondern auch der Aggressionsneigung des
    Menschen so große Opfer auferlegt, so verstehen
    wir es besser, daß es dem Menschen schwer
    wird, sich in ihr beglückt zu finden. Der
    Urmensch hatte es in der Tat darin besser, da
    er keine Triebbeschränkungen kannte. Zum
    Ausgleich war seine Sicherheit, solches Glück
    lange zu genießen, eine sehr geringe. Der
    Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglich-
    keit ein Stück Sicherheit eingetauscht. Wir
    wollen aber nicht vergessen, daß in der Urfamilie
    nur das Oberhaupt sich solcher Triebfreiheit
    erfreute, die anderen lebten in sklavischer
    Unterdrückung. Der Gegensatz zwischen einer
    die Vorteile der Kultur genießenden
    Minderheit und einer dieser Vorteile be-
    raubten Mehrzahl war also in jener Urzeit
    der Kultur aufs Äußerste getrieben.
    Über den heute lebenden Primitiven haben wir
    durch sorgfältigere Erkundung erfahren, daß
    sein Triebleben keineswegs ob seiner Freiheit
    beneidet werden darf; es unterliegt Ein-
    schränkungen von anderer Art, aber vielleicht
    von größerer Strenge als das des modernen
    Kulturmenschen.
          Wenn wir gegen unseren jetzigen Kulturzustand
    mit Recht einwenden, wie unzureichend
    er unsere Forderungen an eine beglückende
    Lebensordnung erfüllt, wie viel Leid er gewähren
    läßt, das wahrscheinlich zu vermeiden wäre,
    wenn wir mit schonungsloser Kritik die Wurzeln
    seiner Unvollkommenheit aufzudecken streben,
    üben wir gewiß unser gutes Recht und zeigen
    uns nicht als Kulturfeinde. Wir dürfen
    erwarten, allmälich solche Abänderungen unserer
    Kultur durchzusetzen, die unsere Bedürfnisse
    besser befriedigen und jener Kritik entgehen.
    Aber vielleicht machen wir uns auch mit der
    Idee vertraut, daß es Schwierigkeiten giebt,
    die dem Wesen der Kultur anhaften
    und die keinem Reformversuch weichen
    werden. Außer den Aufgaben der Trieb-
    einschränkung, auf die wir vorbereitet sind,
    drängt sich uns die Gefahr eines Zustandes
    auf, den man „das psychologische Elend der
    Masse“ benennen kann. Diese Gefahr droht
    am ehesten, wo die gesellschaftliche Bindung
    hauptsächlich durch Identifizierung der Teilnehmer
    unter einander hergestellt wird, während
    Führerindividualitäten nicht zu jener Be-
    deutung kommen, die ihnen bei der
    Massenbildung zufallen sollte.x) Der gegen-
    __________________________________________________
    x) Siehe Massenpsy...

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    47

    wärtige Kulturzustand Amerikas gäbe eine gute
    Gelegenheit, diesen befürchteten Kulturschaden zu
    studieren. Aber ich vermeide die Versuchung,
    in die Kritik der Kultur Amerikas einzugehen;
    ich will nicht den Eindruck hervorrufen, als
    wollte ich mich selbst amerikanischer Methoden bedienen.
     

    VI.

    Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung
    gehabt, daß ich allgemein Bekanntes darstelle,
    Tinte zu verbrauchen Papier und Setzerarbeit aufbiete,
    um eigentlich selbstverständliche Dinge zu erzählen. Darum
    greife ich es gern auf, wenn sich die Aussicht
    ergiebt, daß die Anerkennung eines besonderen,
    selbständigen Aggressionstriebes eine Abänd-
    erung der psychoanalytischen Trieblehre be-
    deutet.
          Es wird sich zeigen, daß dem nicht so ist, daß es sich
    nur darum handelt, eine Wendung, die längst
    vollzogen worden ist, schärfer zu fassen und
    in ihre Konsequenzen zu verfolgen. Von
    allen langsam entwickelten Stücken der
    analytischen Theorie hat sich die Trieblehre am
    mühseligsten vorwärts getastet. Und sie war
    doch für das Ganze so unentbehrlich, daß irgend
    etwas an ihre Stelle gerückt werden mußte.
    In der vollen Ratlosigkeit der Anfänge gab
    mir der Satz des Dichter-Philosophen Schiller den
    ersten Anhalt, daß Hunger und Liebe das Getriebe
    der Welt zusammenhalten. Die Liebe konnte
    als Vertreter der gesamten der Psychoanalyse
    nach Objekten greifenden Sexualität gelten;
    der Hunger der Art nach vertrat die Triebe,
    welche das eigene Wesen erhalten. So traten zunächt
    die Ichtriebe und die Objekt-triebe einander gegenüber. Ein
    Teil der letzteren, gliedausschließlich
    die Liebestriebe, wurde auf den Namen Libido hin
    vereint, auf die Erforschung dieses Libido
    und von den Ichtrieben war da die erste
    Triebausstattung.