S.
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haben sich einem so weit gehenden Einbruch in ihre Sexual-
freiheit gefügt, stärkere Naturen nur unter einer
kompensierenden Bedingung, von der später die Rede
sein kann. Die Kulturgesellschaft hat sich genötigt
gesehen, viele Überschreitungen stillschweigend
zuzulassen, die sie nach ihren Satzungen hätte
verfolgen müssen. Doch darf mansichnicht nach
der anderen Seite irre gehen und annehmen,
eine solche kulturelle Einstellung sei überhaupt harmlos,
weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das
Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer
geschädigt, es macht mitunter den Eindruck einer
in Rückbildung befindlichen Funktion, wie
unser Gebiß und unsere Kopfhaare als Organe
zu sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein
Recht anzunehmen, daß seine Bedeutung als Quelle
von Glücksempfindungen, also in der Erfüllung
unseres Lebenszweckes, empfindlich
nachgelassen hat. Manchmal glaubt man zu er-
kennen, es sei nicht allein der Druck
der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion
selbst versage uns die volle Befriedigung
und dränge uns auf andere Wege. Es mag
ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden. x)
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V° x) Unter den Dichtungen des feinsinnigen Engländers
J. Galsworthy, der sich heute allgemeiner Aner-
kennung erfreut, schätzte ich früh eine
kleine Geschichte, betitelt The Apple Tree. Sie
zeigt in eindringlicher Weise, wie im Leben
des heutigen Kulturmenschen für die einfache,
natürliche Liebe zweier Menschenkinder
kein Raum mehr ist.
__________________________________________________
V Die psychoanalytische Arbeit hat uns gelehrt, daß es
gerade diese Versagungen des Sexuallebens
sind, die den sogenannten Neurotikern nicht er-
tragen werden. Sie schaffen sich in ihren Symptomen
Ersatzbefriedigungen, die aber entweder an
sich leidensvoll sind oder zur Leidensquelle
werden, indem sie ihnen Schwierigkeiten
mit Umwelt und Gesellschaft bereiten.
Das Letztere ist leicht verständlich, das Andere
giebt uns ein neues Rätsel auf. Die Kultur
verlangt aber noch andere Opfer als die von
Sexualbefriedigung.
Wir haben die Schwierigkeit der Kulturent-
wicklung als eine allgemeine Entwicklungsschwierig-
keit erfaßt, aufgefaßt, indem wir sie auf
die Trägheit der Libido zurückgeführt haben,
auf deren Abneigung, eine alte Position
gegen eine neue zu verlassen.
Wir sagen ungefähr dasselbe, wenn wir den
Gegensatz zwischen Kultur und Sexualität
davon ableiten, daß die sexuelle Liebe
ein Verhältnis zwischen zwei PersonenS.
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ist, bei dem ein Dritter nur
überflüssig oder störend sein kann, während
die Kultur auf Beziehungen unter einer größeren
Menschenanzahl ruht. Auf der Höhe eines Liebes-
verhältnisses bleibt kein Interesse für die
Umwelt übrig; das Liebespaar genügt sich selbst,
braucht auch nicht das Kind, um glücklich zu sein.
In keinem anderen Falle verrät der Eros
so deutlich den Kern seines Wesens, die
Absicht aus mehreren Eines zu machen; aber
wenn er dies, wie es sprichwörtlich geworden
ist, in der Verliebtheit zweier Menschen zu einander
erreicht hat, will
er darüber nicht hinausgehen.
Wir können uns bisher sehr gut vorstellen,
daß eine Kulturgemeinschaft aus solchen Doppel-
individuen bestünde, die in sich libidinös
gesättigt, durch das Band der Arbeits- und Interessengemein-
schaft mit einander verknüpft sind. In
diesem Falle brauchte die Kultur der
Sexualität keine Energie zu entziehen.
Aber dieser wünschenswerte Zustand besteht nicht
und hat niemals bestanden; die Wirklichkeit
zeigt uns, daß die Kultur sich nicht mit den
ihr bisher zugestandenen Bindungen begnügt, daß
sie die Mitglieder der Gemeinschaft auch
libidinös an einander binden will, daß
sie sich aller Mittel hiezu bedient, jeden
Weg begünstigt, starke Identifizierungen unter
ihnen herzustellen, im größten Ausmaße ziel-
gehemmte Libido aufbietet, um die Freundschafts-
beziehungen die Gemeinschaftsbande durch
zu kräftigen. Zur Erfüllung dieser Ab-
sichten wird die Einschränkung des Sexual-
lebens unvermeidlich. Uns fehlt aber die
Einsicht in die Notwendigkeit, welche die
Kultur auf diesen Weg drängt und ihre
Gegnerschaft zur Sexualität begründet.
Es muß sich um einen von uns noch nicht
entdeckten, störenden Faktor
handeln.
Eine der sogenannten Idealforderungen der
Kulturgesellschaft kann uns hier die Spur zeigen.
Sie lautet: Du sollst den Nächsten lieben
wie dich selbst; sie ist weltberühmt, gewiß
älter als das Christentum, das sie als
seinen stolzesten Anspruch vorweist, aber
sicherlich nicht sehr alt, in historischen Zeiten
war sie den Menschen noch fremd. Wir wollen
uns naiv zu ihr einstellen, als hörten wir
von ihr zum ersten Mal. Dann können
wir ein Gefühl von Überraschung und
Befremden nicht unterdrücken. Warum
sollen wir das? Was soll es uns helfen?
Vor allem aber, wie bringen wir
das zustande? Wie wird es uns möglich?S.
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Meine Liebe ist etwas mir Wertvolles, das
ich nicht ohne Rechenschaft wegwerfen darf.
Sie legt mir Pflichten auf, die ich mit Opfern
zu erfüllen bereit sein muß. Wenn ich
einen anderen liebe, muß er es auf irgend
eine Art verdienen. (Ich sehe von dem Nutzen,
den er mir bringen kann, sowie von seiner
möglichen Bedeutung als Sexualobjekt für mich
ab; diese beiden Arten der Beziehung kommen
für die Vorschrift der Nächstenliebe nicht in
Betracht). Er verdient es, wenn er mir in
wichtigen Stücken so ähnlich ist, daß ich in ihm mich
selbst lieben kann; er verdient es, wenn
er soviel vollkommener ist als ich, daß ich
mein Ideal von meiner eigenen Person in
ihm lieben kann; ich muß ihn lieben, wenn
er der Sohn meines Freundes ist, denn der
Schmerz des Freundes, wenn ihm ein Leid
zustößt, wäre auch mein Schmerz, ich müßte
ihn teilen. Aber wenn er mir fremd ist
und mich durch keinen eigenen Wert, keine
bereits erworbene Bedeutung für mein
Gefühlsleben anziehen kann, wird es schwer
ihn zu lieben. Ich tue sogar Unrecht damit,
denn meine Liebe wird von allen den
Meinen als Bevorzugung geschätzt, es ist
ein Unrecht an ihnen, wenn ich den Fremden
ihnen gleichstelle. Wenn ich ihn aber lieben
soll, mit jener Weltliebe, bloß weil er auch
ein Wesen dieser Erde ist, wie das Insekt,
der Regenwurm, die Ringelnatter, dann
wird, fürchte ich, ein geringer Betrag Liebe
auf ihn entfallen, unmöglich soviel, als ich
nach dem Urteil der Vernunft berechtigt
bin, für mich selbst zurückzubehalten. Wozu
eine so feierlich auftretende Vorschrift, wenn
ihre Erfüllung sich nicht als vernünftig empfehlen
kann?
Wenn ich näher zusehe, finde ich noch mehr Schwierig-
keiten. Dieser Fremde ist nicht nur im All-
gemeinen nicht liebenswert, – ich muß ehrlich
bekennen, er hat mehr Anspruch auf meinen
Haß, auf meine Feindseligkeit. Er scheint
nicht die mindeste Liebe für mich zu haben, zeigt
mir nicht die geringste Rücksicht. Wenn es
ihm einen Nutzen bringt, hat er kein Bedenken
mich zu schädigen, fragt sich dabei auch nicht,
ob die Größe seines Nutzens der Größe des
Schadens, den er mir zufügt, entspricht.
Ja er braucht nicht einmal einen Nutzen davon
zu haben, wenn er nur irgend eine Lust damit
befriedigen kann, macht er sich nichts daraus,
mich zu verspotten, zu beleidigen, zu verleumden,
seine Macht an mir zu zeigen, und je sicherer
er sich fühlt, je hilfloser ich bin, desto mehrS.
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darf ich dies Benehmen gegen mich von ihm erwarten.
Wenn er sich anders verhält, wenn er mir als
Fremden Rücksicht und Schonung erweist, bin
ich ohnedies, ohne jene Vorschrift, bereit,
es ihm in ähnlicher Weise zu vergelten. Ja
wenn jenes großartige Gebot lauten würde:
Liebe deinen Nächsten wie dein Nächster
dich liebt, dann würde ich nicht widersprechen.
Es giebt ein zweites Gebot, das mir noch unfaßbarer
scheint und ein noch heftigeres Sträuben
in mir entfesselt. Es heißt: Liebe deine
Feinde. Wenn ich's recht überlege, habe
ich Unrecht, es als eine noch stärkere Zu-
mutung abzuweisen. Es ist im Grunde dasselbe.
X Ich glaube nun von einer würdevollen Stimme
die Mahnung zu hören: Eben darum, weil
der Nächste nicht liebenswert und eher dein
Feind ist, sollst du ihn lieben wie dich selbst.
Ich verstehe dann, das ist ein ähnlicher Fall
wie das: Credo quia absurdum.
Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der Nächste,
wenn er aufgefordert wird, mich so zu lieben
wie sich selbst, genau so antworten wird wie
ich, und mich mit den nämlichen Begründ-
ungen abweisen wird. Ich hoffe, nicht mit dem-
selben objektiven Recht, aber er wird es
auch meinen. Immerhin giebt es Unterschiede
in Verhalten der Menschen, die die
Ethik mit Hinwegsetzung über deren Bedingtheit
als „gut“ und „böse“ klassifiziert. Solange diese
unleugbaren Unterschiede nicht aufgehoben
sind, bedeutet die Befolgung der hohen ethischen
Forderungen eine Schädigung der Kultur-
absichten, indem sie direkte Prämien
für das Bösesein aufstellt. Man kann
hier die Erinnerung an einen Vorgang
nicht abweisen, der sich in der französischen
Kammer zutrug, als über die Todesstrafe
verhandelt wurde; ein Redner hatte
sich leidenschaftlich für ihre Abschaffung
eingesetzt und erntete stürmischen Beifall,
bis eine Stimme aus dem Saale die
Worte dazwischenrief: Que messieurs
les assassins commencent!
Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit
hinter alle dem ist, daß der Mensch
nicht ein sanftes, liebebedürftiges Wesen
ist, das sich wenn angegriffen, auch zu
verteidigen vermag, sondern daß er
zu seinen Triebbegabungen auch einen
mächtigen Anteil von Aggressionsneigung
rechnen darf. Infolge dessen ist ihm derS.
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Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt,
sondern auch eine Versuchung, seine Aggression
an ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne
Entschädigung auszunützen, ihn ohne seine Ein-
willigung sexuell zu gebrauchen, sich in den Besitz
seiner Habe zu setzen, ihn zu demütigen, ihm
Schmerzen zu bereiten, zu martern und zu
töten. Homo homini lupus; wer hat nach allen
Erfahrungen des Lebens und der Geschichte
den Mut, diesen Satz zu bestreiten? Diese
grausame Aggression wartet in der Regel eine
Provokation ab oder stellt sich in den Dienst
einer anderen Absicht, deren Ziel auch mit
milderen Mitteln zu erreichen wäre. Unter
ihr günstigen Umständen, wenn die seelischen
Gegenkräfte, die sie sonst hemmen, weggefallen
sind, äußert sie sich auch spontan, enthüllt den
Menschen als wilde Bestie, der die Schonung
der eigenen Art fremd ist. Wer die Greuel
der Völkerwanderung, der Einbrüche der Hunnen,
der sogenannten Mongolen unter Dschengis Khan
und Timur lenk, der Eroberung Jerusalems durch
die frommen Kreuzfahrer, ja selbst noch die
Schrecken des letzten Weltkrieges in seine
Erinnerung ruft, wird sich vor der Tatsächlichkeit
dieser Auffassung demütig beugen müssen.
Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die
wir bei uns selbst verspüren können, beim
anderen mit Recht voraussetzen, ist das
Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten
stört und die Kultur zu ihrem Aufwand
nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit
der Menschen für einander ist die Kultur-
gesellschaft beständig vom Zerfall bedroht.
Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde
sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leiden-
schaften sind stärker als vernünftige Interessen.
Die Kultur muß alles aufbieten, um den Aggress-
ionstrieben der Menschen Schranken zu setzen,
ihre Äußerungen durch psychische Reaktionsbild-
ungen niederzuhalten. Daher also das Aufgebot
von Methoden, die die Menschen zu Identifizier-
ungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen
antreiben sollen, daher die Einschränkung der
Sexualleben und daher auch das Idealgebot,
den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das
sich wirklich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes
der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr
zuwiderläuft. Durch alle ihre Mühen hat die
Kulturströmung bisher nicht sehr viel erreicht.
Die gröbsten Ausschreitungen der brutalen Gewalt
hofft sie zu verhüten, indem sie sich
selbst das Recht beilegt, an den VerbrechernS.
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Gewalt zu üben, aber die vorsichtigeren und feineren
Äußerungen der menschlichen Aggression vermag
das Gesetz nicht zu erfassen. Jeder von uns kommt dahin,
die Erwartungen, die er in der Jugend an
seine Mitmenschen geknüpft, als Illusionen
fallen zu lassen, und kann erfahren, wie sehr ihm das Leben
durch ihr Übelwollen erschwert und schmerzhaft
gemacht wird. Dabei wäre es ein Unrecht, der
Kultur vorzuwerfen, daß sie Streit und
Wettkampf aus den menschlichen Betätigungen
ausschließen will. Diese sind sicherlich unent-
behrlich, aber Gegnerschaft ist nicht notwendig
Feindschaft, wird nur zum Anlaß für sie
mißbraucht.
Die Kommunisten glauben, den Weg zur Erlösung
vom Übel gefunden zu haben. Der Mensch ist
eindeutig gut, seinem Nächsten wohlgesinnt, aber
die Einrichtung des privaten Eigentums hat
seine Natur verdorben. Der Besitz an privaten
Gütern gibt dem Einen die Macht und
damit die Versuchung, den Nächsten zu
mißhandeln; der vom Besitz Ausgeschlossene
muß sich in Feindseligkeit gegen den Unter-
drücker auflehnen. Wenn man das Privat-
eigentum aufhebt, alle Güter gemeinsam
macht und alle Menschen an deren Genuß
teilnehmen läßt, werden Übelwollen und
Feindseligkeit unter den Menschen ver-
schwinden. Da alle Bedürfnisse befriedigt sind,
wird Keiner Grund haben, in dem
Anderen seinen Feind zu sehen; der
notwendigen Arbeit werden sich alle be-
reitwillig unterziehen. Ich habe nichts mit
der wirtschaftlichen Kritik des kommunistischen
Systems zu tun, ich kann nicht untersuchen, ob die Abschaffung
des Privateigentums zweckdienlich und vorteilhaft
ist. Aber seine psychologische
Voraussetzung vermag ich als haltlose
Illusion zu erkennen. Mit der Aufhebung
des Privateigentums entzieht man der
menschlichen Aggressionslust eines ihrer
Werkzeuge, gewiß ein starkes, und gewiß
nicht das stärkste. An den Unterschieden
von Macht und Einfluß, welche die Aggression
mißbrauchen, daran hat man nichts
geändert, auch an ihrem Wesen nicht. Sie
ist nicht durch das Eigentum geschaffen
worden, herrschte fast uneingeschränkt
in Urzeiten, als das Eigentum noch sehr
armselig war, zeigt sich bereits in der
Kinderstube, kaum daß das Eigentum seine
anale Urform aufgegeben hat, bildet den Boden-
satz aller zärtlichen und Liebesbeziehungen
unter den Menschen, mit vielleicht einziger
Ausnahme der einer Mutter zu ihrem
männlichen Kind. Räumt man das persönliche
Anrecht auf dingliche Güter weg, so bleibt
noch das Vorrecht aus sexuellen Beziehungen,
das die Quelle der stärksten Mißgunst und
der heftigsten Feindseligkeit unter den sonst
gleichgestellten Menschen werden muß.S.
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Hebt man auch dieses auf durch die völlige Befreiung
des Sexuallebens, beseitigt also die Familie, die
Keimzelle der Kultur, so läßt sich zwar nicht
vorhersehen, welche neuen Wege die Kultur-
entwicklung einschlagen kann, aber eines darf
man erwarten, daß der unzerstörbare Zug
der menschlichen Natur ihr auch dorthin folgen
wird.
Es wird den Menschen offenbar nicht leicht,
auf die Befriedigung dieser ihrer Aggressions-
neigung zu verzichten; sie fühlen sich nicht
wohl dabei. Der Vorteil eines kleineren
Kulturkreises, daß er dem Trieb einen Ausweg
an der Befehdung der Außenstehenden
gestattet, ist nicht gering zu schätzen. Es ist immer
möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe an
einander zu binden, wenn nur andere für die
Äußerung der Aggression übrig bleiben. Ich habe
mich einmal mit dem Phänomen beschäftigt, daß
gerade benachbarte und einander auch sonst nahe
stehende Gemeinschaften sich gegenseitig befehden
und verspotten, so Spanier und Portugiesen, Nord-
und Süddeutsche, Engländer und Schotten usw. Ich gab
ihm den Namen: „Narzismus der kleinen Differenzen“,
der nicht viel zur Erklärung beiträgt. Man
erkennt nun darin eine bequeme und relativ
harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung,
durch die den Mitgliedern der Gemeinschaft
das Zusammenhalten erleichtert wird. Das
überall hin versprengte Volk der Juden hat sich
in dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um
die Kulturen seiner Wirtsvölker erworben; leider
haben alle Juden-gemetzel des Mittelalters nicht ausgereicht,
dieses Zeitalter friedlicher und sicherer für
seine christlichen Genossen zu gestalten. Nach-
dem der Apostel Paulus die allgemeine
Menschenliebe zum Fundament seiner christ-
lichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste
Intoleranz des Christentums gegen die draußen
Verbliebenen eine unvermeidliche Folge ge-
worden; den Römern, die ihr staatliches
Gemeinwesen nicht auf die Liebe begründet
hatten, war religiöse Unduldsamkeit fremd
gewesen, obwol die Religion bei ihnen Sache
des Staates und der Staat von
Religion durchtränkt war.S.
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Es war auch kein unverständlicher Zufall, daß der Traum
einer germanischen Weltherrschaft zu seiner
Ergänzung den Antisemitismus aufrief, und man
erkennt es als begreiflich, daß der Versuch, eine
neue kommunistische Kultur in Rußland auf-
zurichten, in der Verfolgung der Bourgeois
seine psychologische Unterstützung findet. Man fragt
sich nur besorgt, was die Sowjets anfangen
werden, nachdem sie ihre Bourgeois
ausgerottet haben.
Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität,
sondern auch der Aggressionsneigung des
Menschen so große Opfer auferlegt, so verstehen
wir es besser, daß es dem Menschen schwer
wird, sich in ihr beglückt zu finden. Der
Urmensch hatte es in der Tat darin besser, da
er keine Triebbeschränkungen kannte. Zum
Ausgleich war seine Sicherheit, solches Glück
lange zu genießen, eine sehr geringe. Der
Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglich-
keit ein Stück Sicherheit eingetauscht. Wir
wollen aber nicht vergessen, daß in der Urfamilie
nur das Oberhaupt sich solcher Triebfreiheit
erfreute, die anderen lebten in sklavischer
Unterdrückung. Der Gegensatz zwischen einer
die Vorteile der Kultur genießenden
Minderheit und einer dieser Vorteile be-
raubten Mehrzahl war also in jener Urzeit
der Kultur aufs Äußerste getrieben.
Über den heute lebenden Primitiven haben wir
durch sorgfältigere Erkundung erfahren, daß
sein Triebleben keineswegs ob seiner Freiheit
beneidet werden darf; es unterliegt Ein-
schränkungen von anderer Art, aber vielleicht
von größerer Strenge als das des modernen
Kulturmenschen.
Wenn wir gegen unseren jetzigen Kulturzustand
mit Recht einwenden, wie unzureichend
er unsere Forderungen an eine beglückende
Lebensordnung erfüllt, wie viel Leid er gewähren
läßt, das wahrscheinlich zu vermeiden wäre,
wenn wir mit schonungsloser Kritik die Wurzeln
seiner Unvollkommenheit aufzudecken streben,
üben wir gewiß unser gutes Recht und zeigen
uns nicht als Kulturfeinde. Wir dürfen
erwarten, allmälich solche Abänderungen unserer
Kultur durchzusetzen, die unsere Bedürfnisse
besser befriedigen und jener Kritik entgehen.
Aber vielleicht machen wir uns auch mit der
Idee vertraut, daß es Schwierigkeiten giebt,
die dem Wesen der Kultur anhaften
und die keinem Reformversuch weichen
werden. Außer den Aufgaben der Trieb-
einschränkung, auf die wir vorbereitet sind,
drängt sich uns die Gefahr eines Zustandes
auf, den man „das psychologische Elend der
Masse“ benennen kann. Diese Gefahr droht
am ehesten, wo die gesellschaftliche Bindung
hauptsächlich durch Identifizierung der Teilnehmer
unter einander hergestellt wird, während
Führerindividualitäten nicht zu jener Be-
deutung kommen, die ihnen bei der
Massenbildung zufallen sollte.x) Der gegen-
__________________________________________________
x) Siehe Massenpsy...S.
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wärtige Kulturzustand Amerikas gäbe eine gute
Gelegenheit, diesen befürchteten Kulturschaden zu
studieren. Aber ich vermeide die Versuchung,
in die Kritik der Kultur Amerikas einzugehen;
ich will nicht den Eindruck hervorrufen, als
wollte ich mich selbst amerikanischer Methoden bedienen.
VI.
Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung
gehabt, daß ich allgemein Bekanntes darstelle,
Tinte zu verbrauchen Papier und Setzerarbeit aufbiete,
um eigentlich selbstverständliche Dinge zu erzählen. Darum
greife ich es gern auf, wenn sich die Aussicht
ergiebt, daß die Anerkennung eines besonderen,
selbständigen Aggressionstriebes eine Abänd-
erung der psychoanalytischen Trieblehre be-
deutet.
Es wird sich zeigen, daß dem nicht so ist, daß es sich
nur darum handelt, eine Wendung, die längst
vollzogen worden ist, schärfer zu fassen und
in ihre Konsequenzen zu verfolgen. Von
allen langsam entwickelten Stücken der
analytischen Theorie hat sich die Trieblehre am
mühseligsten vorwärts getastet. Und sie war
doch für das Ganze so unentbehrlich, daß irgend
etwas an ihre Stelle gerückt werden mußte.
In der vollen Ratlosigkeit der Anfänge gab
mir der Satz des Dichter-Philosophen Schiller den
ersten Anhalt, daß Hunger und Liebe das Getriebe
der Welt zusammenhalten. Die Liebe konnte
als Vertreter der gesamten der Psychoanalyse
nach Objekten greifenden Sexualität gelten;
der Hunger der Art nach vertrat die Triebe,
welche das eigene Wesen erhalten. So traten zunächt
die Ichtriebe und die Objekt-triebe einander gegenüber. Ein
Teil der letzteren, gliedausschließlich
die Liebestriebe, wurde auf den Namen Libido hin
vereint, auf die Erforschung dieses Libido
und von den Ichtrieben war da die erste
Triebausstattung.
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Das Unglück in der Kultur1930-001/1929.01
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