S.
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Hemmung, Symptom und Angst.
von
Sigm. FreudI
Unser Sprachgebrauch läßt uns in der Beschreib-
ung pathologischer Phänomene Symptome
und Hemmungen unterscheiden, aber er legt
dieserm Unterschied nicht viel Wert bei. Kämen
uns nicht Krankheitsfälle vor, von denen
wir aussagen müßen, daß sie nur Hem̄ungen
und keine Symptome zeigen, und wollten wir nicht wissen, was dafür
die Bedingung ist, so brächten
wir kaum das Interesse auf,
die Begriffe Hemmung und Symptom gegen
einander abzugrenzen.Die beiden sind nicht auf dem nämlichen Boden
erwachsen. Hemmung hat eine besondere Beziehung
zur Funktion und bedeutet nicht notwendig
etwas Pathologisches, man kann auch eine normale
Einschränkung einer Funktion eine Hemmung
derselbenheißennennen. Symptom hingegen heißt soviel
wieanAnzeichen eines krankhaften Vorgangs. Es
kann also auch eine Hemmung ein Symptom
sein. Der Sprachgebrauch verfährt dann so, daß
er von Hemmung spricht, wo eine einfache
Herabsetzung der Funktion vorliegt, von
Symptom, wo es sich um eine ungewöhnliche
Abänderung derselben oder um eine neue
Leistung handelt. In vielen Fällen scheint es der
Willkür überlassen, ob man die positive
oder die negative Seite des pathologischen
Vorgangs betonen, seinen Erfolg als
Symptom oder als Hemmung bezeichnen
will. Das alles ist wirklich nicht interessant
und die Fragestellung, von der wir aus-
gingen, erweist sich als wenig fruchtbar.Da die Hemmung begrifflich so innig an die
Funktion geknüpft ist, kann man auf die Idee
kommen, die verschiedenen Ichfunktionen
daraufhin zu untersuchen, in welchen Formen
sich deren Störung bei den einzelnen neur-
otischen Affektionen äußert. Wir wählen für
diese vergleichende Studie: die Sexualfunktion,
das Eßen, die Lokomotion und die Berufs-
arbeit.a) Die Sexualfunktion unterliegt sehr mannig-
faltigen Störungen, von denen die meisten
den Charakter einfacher Hem̄ungen zeigen.
Diese werden als psychische Impotenz zusam̄en-
gefaßt. Das Zustandekom̄en der normalen
Sexualleistung setzt einen sehr komplizirten
Ablauf voraus, die Störung kann an jeder
Stelle desselben eingreifen. Die Hauptstat-
ionen der Hem̄ung sind beim Manne: die Ab-
wendung der Libido zur Einleitung des Vorgangs,S.
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(psychische Unlust), das Ausbleiben der physischen Vorbereit-
ung (Erektionslosigkeit), die Abkürzung des Aktes
(Ejaculatio praecox, die ebensowol als positives
Symptom beschrieben werden kann), die Auf-
haltung desselben vor dem natürlichen Ausgang
(Ejakulationsmangel), das Nichtzustandekom̄en
des psychischen Effekts (derLustempfindungBe
des Orgasmus). Andere Störungen erfolgen
durch die Verknüpfung der Funktion mit
besonderen Bedingungen, perverser oder
fetischistischer Natur.Eine Beziehung der Hemmung zur Angst kann
uns nicht lange entgehen. Manche Hem̄ungen
sind offenbar Verzichte auf Funktion, weil
bei deren Ausübung Angst entwickelt
werden würde. Direkte Angst vor der
Sexualfunktion ist beim Weibe häufig; wir ordnen
sie der Hysterie zu, ebenso das Abwehrsymptom
des Ekels, das sich ursprünglich als nachträgliche
Reaktion auf den passiv erlebten Sexual-akt einstellt, später bei der Vor-eint¿
stellung desselben auftritt. Auch eine große
Anzal von Zwangshandlungen erweisen
sich als Vorsichten und Versicherungen
gegen sexuelles Erleben, sind also phobischer
Natur.Man kommt da im Verständnis nicht sehrb).
weit; man merkt nur,die Sexualfunktion
daß sehr verschiedene Verfahren verwendet
werden, um die Funktion zu stören: 1) die
bloße Abwendung der Libido, die am ehesten
zu ergeben scheint, was wir eine reine Hem̄ung
heißen, 2) die Verschlechterung in der Ausführung
der Funktion, 3) die Erschwerung derselben
durch besondere Bedingungen und ihre Modifik-
ation durch Ablenkung auf andere Ziele, 4) ihre
Vorbeugungdurch Angstentwicklung oder
durch Sicherungsmaßregeln, 5) ihre Unterbrechung
durch Angstentwicklung, sowie sich ihr Ansatz
nicht mehr verhindern läßt, endlich 6) eine
nachträgliche Reaktion, die dagegenprotestirt¿¿
und das Geschehene rückgängig machen will,
wenn die Funktion doch durchgeführt wurde.b) Die häufigste Störung der Nahrungsfunktion ist
die Eßunlust durch Abziehung der Libido. Auch Steiger-
ungen der Eßlust sind nicht selten; ein Eßzwang
motivirt sich durch Angst vor dem Verhungern,
ist wenig untersucht. Als hysterische Abwehr des
Eßens kennen wir das Symptom des Erbrechens.
Die Nahrungsverweigerung infolge von Angst
gehört psychotischen Zuständen an (Vergiftungswahn).c) Die Lokomotion wird bei manchen neurotischen
Zuständen durch Gehunlust und Gehschwäche gehem̄t,
die hysterische Behinderung bedient sich der
motorischen Lähmung des BewegungsapparatesS.
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oder schafft eine spezialisierte Aufhebung dieser einen
Funktion desselben (Abasie). Besonders charakter-
istisch sind die Erschwerungen der Lokomotion
durch Einschaltung bestim̄ter Bedingungen, bei
deren Nichterfüllung Angst auftritt (Phobie).d)
Die Arbeitshem̄ung, die so oft als isolirtesArb
Symptom Gegenstand der Behandlung wird,
zeigt uns verminderte Lust oder schlechtere Aus-
führung oder Reaktionserscheinungen wie
Müdigkeit (Schwindel, Erbrechen), wenn die Fort-
setzung der Arbeit erzwungen :9 wird. Die Hysterie
erzwingt die Einstellung der Arbeit durch
Erzeugung von Organ‑ und Funktionslähm-
ungen, deren Bestand mit der Ausführung
der Arbeit unvereinbar ist. Die Zwangs-
neurose stört die Arbeit durch fortgesetzte
Ablenkung und durch den Zeitverlust bei
eingeschobenen Verweilungen und Wieder-
holungen.Wir könnten diese Übersicht noch auf andere
Funktionen ausdehnen, aber wir dürfen nicht
erwarten, dabei mehr zu erreichen. Wir kämen
nicht über die Oberfläche der Erscheinungen
hinaus. Entschließen wir uns darum zu einer
Auffassung, die dem Begriff der Hemmung
nicht mehr viel Rätselhaftes beläßt. Die Hem̄-
ung ist der Ausdruck einer Funktionseinschränk-
ung des Ichs, die selbst sehr verschiedene Ursachen
haben kann. Manche der Mechanismen dieses
Verzichts auf Funktion und eine allgemeine
Tendenz desselben sind uns wolbekannt.An den spezialisirten Hemmungen ist die
Tendenz leichter zu erkennen. Wenn das
Klavierspielen, Schreiben und selbst das Gehen
neurotischen Hem̄ungen unterliegen, so zeigt
uns die Analyse den Grund hiefür in einer
überstarken Erotisierung der bei diesen
Funktionen in Anspruch genom̄enen Organe
der Finger und der Füße. Wir haben ganz
allgemein die Einsicht gewonnen, daß die
Ichfunktion eines Organs geschädigt wird,
wenn seine Erogenität, seine sexuelle Bedeut-
ung, zunim̄t. Es benim̄t sich dann, wenn man
den einigermaßen skurrilen Vergleich wagen
darf, wie eine Köchin, die nicht mehr am Herd
arbeiten will, weil der Herr des Hauses
Liebesbeziehungen zu ihr angeknüpft hat. Wenn
das Schreiben, das darin besteht, aus einem Rohr
Flüssigkeit auf ein Stück weißes Papier fließen
zu lassen, die symbolische Bedeutung des
Koitus angenom̄en hat, oder wenn das Gehen
zum symbolischen Ersatz des Stampfens auf
dem Leib der Mutter Erde geworden ist,
dann wird beides Schreiben und Gehen unter-
lassen, weil es so ist, als ob man die verboteneS.
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sexuelle Handlung ausführen würde. Das Ich verzichtet
auf diese ihm zustehenden Funktionen, um nicht
eine neuerliche Verdrängung vornehmen zu müßen,
um einem Konflikt mit dem Es auszuweichen.Andere Hem̄ungen erfolgen offenbar im
Dienste der Selbstbestrafung, wie nicht selten die
der beruflichen Tätigkeiten. Das Ich darf diese
Dinge nicht thun, weil sie ihm Nutzen und Erfolg
bringen würden, was das gestrenge Überich
versagt hat. Dann verzichtet das Ich auch auf
diese Leistungen, um nicht in Konflikt mit
dem Überich zu geraten.Die allgemeineren Hem̄ungen des Ichs folgen einem
einfachen anderen Mechanismus. Wenn das
Ich durch eine psychische Aufgabe von besonderer
Schwere in Anspruch genom̄en ist wie zB
durch eine Trauer, eine großartige
Affektunterdrückung, durch die Nötigung
beständig aufsteigende sexuelle Phantasien
niederzuhalten, dann verarmt es so sehr
an der ihm verfügbaren Energie, daß
es seinenLeistungAufwand an vielen Stellen zugleich ein-
schränken muß wie ein Spekulant, der
seine Gelder in seinen Unternehmungen
immobilisirt hat. Ein lehrreiches Beispiel einer
solchen intensiven Allgemeinhem̄ung von
kurzer Dauer konnte ich an einem
Zwangskranken beobachten, der in eine
lähmende Müdigkeit von ein‑ bis mehr-
tägiger Dauer bei Anlässen verfiel, die
offenbar einen Wutausbruch hätten herbei-
führen sollen. Von hier aus muß auch ein
Weg zum Verständnis der Allgemeinhem-
mung zu finden sein, durch die sich die
Depressionszustände und der schwerste derselben,
die Melancholie, kennzeichnen.Man kann also abschließend über die Hem̄ungen
sagen, sie seien Einschränkungen der
Ichfunktionen, entweder aus Vorsicht
oder infolge von Energieverarmung. Es
ist nun leicht zu erkennen, worin sich die Hem-
mung vom Symbolptom unterscheidet. Das Symptom
kann nicht mehr als ein Vorgang in oder
am Ich beschrieben werden.II
Die Grundzüge der Symptombildung sind
längst studiert und in hoffentlich unanfecht-
barer Weise ausgesprochen worden. Das
Symptom sei Anzeichen und Ersatz einer
unterbliebenen Triebbefriedigung, ein Erfolg
des Verdrängungsvorganges. Die Verdräng-
ung geht vom Ich aus, das, eventuell im
Auftrage des Überichs, eine im Es angeregte
Triebbesetzung nicht mitmachen will. Das Ich
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Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926.01
1926-001/1926.01/1