Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926.01
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    Hemmung, Symptom und Angst.

    von
    Sigm. Freud

    I

    Unser Sprachgebrauch läßt uns in der Beschreib-
    ung pathologischer Phänomene Symptome 
    und Hemmungen unterscheiden, aber er legt 
    dieserm Unterschied nicht viel Wert bei. Kämen 
    uns nicht Krankheitsfälle vor, von denen 
    wir aussagen müßen, daß sie nur Hem̄ungen 
    und keine Symptome zeigen, und wollten wir nicht wissen, was dafür 
    die Bedingung ist, so brächten 
    wir kaum das Interesse auf, 
    die Begriffe Hemmung und Symptom gegen 
    einander abzugrenzen.

    Die beiden sind nicht auf dem nämlichen Boden 
    erwachsen. Hemmung hat eine besondere Beziehung 
    zur Funktion und bedeutet nicht notwendig 
    etwas Pathologisches, man kann auch eine normale 
    Einschränkung einer Funktion eine Hemmung 
    derselben heißen nennen. Symptom hingegen heißt soviel 
    wie an Anzeichen eines krankhaften Vorgangs. Es 
    kann also auch eine Hemmung ein Symptom 
    sein. Der Sprachgebrauch verfährt dann so, daß 
    er von Hemmung spricht, wo eine einfache 
    Herabsetzung der Funktion vorliegt, von 
    Symptom, wo es sich um eine ungewöhnliche 
    Abänderung derselben oder um eine neue 
    Leistung handelt. In vielen Fällen scheint es der 
    Willkür überlassen, ob man die positive 
    oder die negative Seite des pathologischen 
    Vorgangs betonen, seinen Erfolg als 
    Symptom oder als Hemmung bezeichnen 
    will. Das alles ist wirklich nicht interessant 
    und die Fragestellung, von der wir aus-
    gingen, erweist sich als wenig fruchtbar.

    Da die Hemmung begrifflich so innig an die 
    Funktion geknüpft ist, kann man auf die Idee 
    kommen, die verschiedenen Ichfunktionen 
    daraufhin zu untersuchen, in welchen Formen 
    sich deren Störung bei den einzelnen neur-
    otischen Affektionen äußert. Wir wählen für 
    diese vergleichende Studie: die Sexualfunktion, 
    das Eßen, die Lokomotion und die Berufs-
    arbeit.

    a) Die Sexualfunktion unterliegt sehr mannig-
    faltigen Störungen, von denen die meisten 
    den Charakter einfacher Hem̄ungen zeigen. 
    Diese werden als psychische Impotenz zusam̄en-
    gefaßt. Das Zustandekom̄en der normalen 
    Sexualleistung setzt einen sehr komplizirten 
    Ablauf voraus, die Störung kann an jeder 
    Stelle desselben eingreifen. Die Hauptstat-
    ionen der Hem̄ung sind beim Manne: die Ab-
    wendung der Libido zur Einleitung des Vorgangs, 

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    (psychische Unlust), das Ausbleiben der physischen Vorbereit-
    ung (Erektionslosigkeit), die Abkürzung des Aktes 
    (Ejaculatio praecox, die ebensowol als positives 
    Symptom beschrieben werden kann), die Auf-
    haltung desselben vor dem natürlichen Ausgang 
    (Ejakulationsmangel), das Nichtzustandekom̄en 
    des psychischen Effekts (der Be Lustempfindung 
    des Orgasmus). Andere Störungen erfolgen 
    durch die Verknüpfung der Funktion mit 
    besonderen Bedingungen, perverser oder 
    fetischistischer Natur.

    Eine Beziehung der Hemmung zur Angst kann 
    uns nicht lange entgehen. Manche Hem̄ungen 
    sind offenbar Verzichte auf Funktion, weil 
    bei deren Ausübung Angst entwickelt 
    werden würde. Direkte Angst vor der 
    Sexualfunktion ist beim Weibe häufig; wir ordnen 
    sie der Hysterie zu, ebenso das Abwehrsymptom 
    des Ekels, das sich ursprünglich als nachträgliche 
    Reaktion auf den passiv erlebten Sexual-
    eint¿ akt einstellt, später bei der Vor-
    stellung desselben auftritt. Auch eine große 
    Anzal von Zwangshandlungen erweisen 
    sich als Vorsichten und Versicherungen 
    gegen sexuelles Erleben, sind also phobischer 
    Natur.

    b). Man kommt da im Verständnis nicht sehr 
    weit; man merkt nur, die Sexualfunktion 
    daß sehr verschiedene Verfahren verwendet 
    werden, um die Funktion zu stören: 1) die 
    bloße Abwendung der Libido, die am ehesten 
    zu ergeben scheint, was wir eine reine Hem̄ung 
    heißen, 2) die Verschlechterung in der Ausführung 
    der Funktion, 3) die Erschwerung derselben 
    durch besondere Bedingungen und ihre Modifik-
    ation durch Ablenkung auf andere Ziele, 4) ihre 
    Vorbeugung durch Angstentwicklung oder 
    durch Sicherungsmaßregeln, 5) ihre Unterbrechung 
    durch Angstentwicklung, sowie sich ihr Ansatz 
    nicht mehr verhindern läßt, endlich 6) eine 
    nachträgliche Reaktion, die dagegen ¿¿ protestirt 
    und das Geschehene rückgängig machen will, 
    wenn die Funktion doch durchgeführt wurde.

    b) Die häufigste Störung der Nahrungsfunktion ist 
    die Eßunlust durch Abziehung der Libido. Auch Steiger-
    ungen der Eßlust sind nicht selten; ein Eßzwang 
    motivirt sich durch Angst vor dem Verhungern, 
    ist wenig untersucht. Als hysterische Abwehr des 
    Eßens kennen wir das Symptom des Erbrechens. 
    Die Nahrungsverweigerung infolge von Angst 
    gehört psychotischen Zuständen an (Vergiftungswahn).

    c) Die Lokomotion wird bei manchen neurotischen 
    Zuständen durch Gehunlust und Gehschwäche gehem̄t, 
    die hysterische Behinderung bedient sich der 
    motorischen Lähmung des Bewegungsapparates 

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    oder schafft eine spezialisierte Aufhebung dieser einen 
    Funktion desselben (Abasie). Besonders charakter-
    istisch sind die Erschwerungen der Lokomotion 
    durch Einschaltung bestim̄ter Bedingungen, bei 
    deren Nichterfüllung Angst auftritt (Phobie).

    d) Arb Die Arbeitshem̄ung, die so oft als isolirtes 
    Symptom Gegenstand der Behandlung wird, 
    zeigt uns verminderte Lust oder schlechtere Aus-
    führung oder Reaktionserscheinungen wie 
    Müdigkeit (Schwindel, Erbrechen), wenn die Fort-
    setzung der Arbeit erzwungen :9 wird. Die Hysterie 
    erzwingt die Einstellung der Arbeit durch 
    Erzeugung von Organ‑ und Funktionslähm-
    ungen, deren Bestand mit der Ausführung 
    der Arbeit unvereinbar ist. Die Zwangs-
    neurose stört die Arbeit durch fortgesetzte 
    Ablenkung und durch den Zeitverlust bei 
    eingeschobenen Verweilungen und Wieder-
    holungen.

    Wir könnten diese Übersicht noch auf andere 
    Funktionen ausdehnen, aber wir dürfen nicht 
    erwarten, dabei mehr zu erreichen. Wir kämen 
    nicht über die Oberfläche der Erscheinungen 
    hinaus. Entschließen wir uns darum zu einer 
    Auffassung, die dem Begriff der Hemmung 
    nicht mehr viel Rätselhaftes beläßt. Die Hem̄-
    ung ist der Ausdruck einer Funktionseinschränk-
    ung des Ichs, die selbst sehr verschiedene Ursachen 
    haben kann. Manche der Mechanismen dieses 
    Verzichts auf Funktion und eine allgemeine 
    Tendenz desselben sind uns wolbekannt.

    An den spezialisirten Hemmungen ist die 
    Tendenz leichter zu erkennen. Wenn das 
    Klavierspielen, Schreiben und selbst das Gehen 
    neurotischen Hem̄ungen unterliegen, so zeigt 
    uns die Analyse den Grund hiefür in einer 
    überstarken Erotisierung der bei diesen 
    Funktionen in Anspruch genom̄enen Organe 
    der Finger und der Füße. Wir haben ganz 
    allgemein die Einsicht gewonnen, daß die 
    Ichfunktion eines Organs geschädigt wird, 
    wenn seine Erogenität, seine sexuelle Bedeut-
    ung, zunim̄t. Es benim̄t sich dann, wenn man 
    den einigermaßen skurrilen Vergleich wagen 
    darf, wie eine Köchin, die nicht mehr am Herd 
    arbeiten will, weil der Herr des Hauses 
    Liebesbeziehungen zu ihr angeknüpft hat. Wenn 
    das Schreiben, das darin besteht, aus einem Rohr 
    Flüssigkeit auf ein Stück weißes Papier fließen 
    zu lassen, die symbolische Bedeutung des 
    Koitus angenom̄en hat, oder wenn das Gehen 
    zum symbolischen Ersatz des Stampfens auf 
    dem Leib der Mutter Erde geworden ist, 
    dann wird beides Schreiben und Gehen unter-
    lassen, weil es so ist, als ob man die verbotene 

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    sexuelle Handlung ausführen würde. Das Ich verzichtet 
    auf diese ihm zustehenden Funktionen, um nicht 
    eine neuerliche Verdrängung vornehmen zu müßen, 
    um einem Konflikt mit dem Es auszuweichen.

    Andere Hem̄ungen erfolgen offenbar im 
    Dienste der Selbstbestrafung, wie nicht selten die 
    der beruflichen Tätigkeiten. Das Ich darf diese 
    Dinge nicht thun, weil sie ihm Nutzen und Erfolg 
    bringen würden, was das gestrenge Überich 
    versagt hat. Dann verzichtet das Ich auch auf 
    diese Leistungen, um nicht in Konflikt mit 
    dem Überich zu geraten.

    Die allgemeineren Hem̄ungen des Ichs folgen einem 
    einfachen anderen Mechanismus. Wenn das 
    Ich durch eine psychische Aufgabe von besonderer 
    Schwere in Anspruch genom̄en ist wie zB 
    durch eine Trauer, eine großartige 
    Affektunterdrückung, durch die Nötigung 
    beständig aufsteigende sexuelle Phantasien 
    niederzuhalten, dann verarmt es so sehr 
    an der ihm verfügbaren Energie, daß 
    es seinen Leistung Aufwand an vielen Stellen zugleich ein-
    schränken muß wie ein Spekulant, der 
    seine Gelder in seinen Unternehmungen 
    immobilisirt hat. Ein lehrreiches Beispiel einer 
    solchen intensiven Allgemeinhem̄ung von 
    kurzer Dauer konnte ich an einem 
    Zwangskranken beobachten, der in eine 
    lähmende Müdigkeit von ein‑ bis mehr-
    tägiger Dauer bei Anlässen verfiel, die 
    offenbar einen Wutausbruch hätten herbei-
    führen sollen. Von hier aus muß auch ein 
    Weg zum Verständnis der Allgemeinhem-
    mung zu finden sein, durch die sich die 
    Depressionszustände und der schwerste derselben, 
    die Melancholie, kennzeichnen.

    Man kann also abschließend über die Hem̄ungen 
    sagen, sie seien Einschränkungen der 
    Ichfunktionen, entweder aus Vorsicht 
    oder infolge von Energieverarmung. Es 
    ist nun leicht zu erkennen, worin sich die Hem-
    mung vom Symbolptom unterscheidet. Das Symptom 
    kann nicht mehr als ein Vorgang in oder 
    am Ich beschrieben werden.

    II

    Die Grundzüge der Symptombildung sind 
    längst studiert und in hoffentlich unanfecht-
    barer Weise ausgesprochen worden. Das 
    Symptom sei Anzeichen und Ersatz einer 
    unterbliebenen Triebbefriedigung, ein Erfolg
    des Verdrängungsvorganges. Die Verdräng-
    ung geht vom Ich aus, das, eventuell im 
    Auftrage des Überichs, eine im Es angeregte 
    Triebbesetzung nicht mitmachen will. Das Ich