Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926.01
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    und Angstbereitschaft gegen beide, seine 
    mühsam aufrecht erhaltene Überheblichkeit 
    entlarvt. Dieses Bild Urteil hat seither einen starken 
    Widerhall in der psychoanalytischen Literatur 
    gefunden. Zalreiche Stimmen betonen ein-
    dringlich die Schwäche des Ichs gegen das Es, 
    des Rationellen gegen das Daemonische in 
    uns und schicken sich an, diesen Satz zu einem 
    Grundpfeiler einer psychoanalytischen „Welt-
    anschauung“ zu machen. Sollte nicht die Ein-
    sicht in die Wirkungsweise der Verdräng-
    ung gerade den Analytiker von so 
    extremer Parteinahme zurückhalten?

    Ich bin überhaupt nicht für die Fabrik-
    ation von „Weltanschauungen“. Die über-
    lasse man gestrost den Philosophen, die 
    eingestandener Maßen die Lebensreise 
    ohne einen solchen Baedeker, der über 
    alles Auskunft giebt, nicht ausführbar finden. 
    Nehmen wir demütig die Verachtung auf uns, 
    mit der die Philosophen vom Standpunkt 
    ihrer höheren Bedürftigkeit auf uns herab-
    schauen. Da auch wir unseren narzißtischen 
    Stolz nicht verleugnen können, wollen 
    wir unseren Trost in der Erwägung finden suchen, 
    daß alle diese „Lebensführer“ rasch veralten, 
    daß es gerade unsere kurzsichtig beschränkte 
    Kleinarbeit ist, welche deren Neuauflagen 
    notwendig macht, und daß selbst die modern-
    sten dieser Baedeker Versuche sind, den 
    alten, so bequemen und so vollständigen 
    Katechismus zu ersetzen. Wir wissen genau, 
    wie wenig Licht die Wissenschaft bisher 
    über auf die Rätsel dieser Welt verbreiten 
    konnte; alles Poltern der Philosophen 
    kann daran nichts ändern, nur geduldige 
    Fortsetzung der Arbeit, die alles der einen 
    Forderung der nach Gewißheit unterordnet, 
    kann langsam Wandel schaffen. Wenn 
    der Wanderer in der Dunkelheit singt, 
    verleugnet er seine Ängstlichkeit, aber 
    er sieht darum um nichts heller.

    III

    Um zum Problem des Ichs zurückzu-
    kehren: Der Anschein des Widerspruches kom̄t 
    daher, daß wir Abstraktionen zu starr 
    nehmen und aus einem komplizirten 
    Sachverhalt bald die eine, bald die andere 
    Seite allein herausgreifen. Die Scheidung 
    des Ichs vom Es scheint gerechtfertigt, sie wird 
    uns durch bestim̄te Verhältniße aufgedrängt. 

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    Aber anderseits ist das Ich mit dem Es identisch, nur 
    ein besonders differenzirter Anteil desselben. 
    Stellen wir dieses Stück in Gedanken dem 
    Ganzen gegenüber, oder hat sich ein wirklicher 
    Zwiespalt zwischen den beiden ergeben, 
    so wird uns die Schwäche dieses Ichs offenbar. 
    Bleibt das Ich aber mit dem Es verbunden, von 
    ihm nicht unterscheidbar, so zeigt sich seine 
    Stärke. Für den Fall der Ähnlich ist das 
    Verhältnis des Ichs zum Überichs. Für viele 
    Situationen fließen uns die beiden zu-
    sammen; meistens können wir sie nur 
    unterscheiden, wenn sich eine Spannung, 
    ein Konflikt zwischen ihn hergestellt hat. 
    Für den Fall der Verdrängung wird die Tat-
    sache entscheidend, daß das Ich eine Organisation 
    ist, das Es aber keine; das Ich ist eben der 
    organisirte Anteil des Es. Es wäre ganz 
    ungerechtfertigt, wenn man sich vorstellte, Ich 
    und Es seien wie zwei verschiedene Heerlager; 
    durch die Verdrängung suche das Ich ein 
    Stück des Es zu unterdrücken, nun kom̄e 
    das übrige Es dem Angegriffenen zu Hilfe 
    und messe seine Stärke mit der des Ichs. 
    Das mag auch einmal oft genug zustande kom̄en, aber es 
    ist gewiß nicht die Eingangssituation der Ver-
    drängung; ist de in der Regel bleibt die 
    zu verdrängende Triebregung isolirt. 
    Hat der Akt der Verdrängung uns die 
    Stärke des Ichs gezeigt, so legt er doch in einem 
    auch Zeugnis ab für dessen Ohnmacht und für 
    die Unbeeinflußbarkeit der einzelnen Trieb-
    regung des Es. Denn der Vorgang, der durch 
    die Verdrängung zum Symptom geworden 
    ist, behauptet nun seine Existenz außerhalb 
    der Ichorganisation und unabhängig von ihr. 
    Und nicht er allein, auch alle seine Abköm̄-
    linge genießen das selbe Vorrecht, man möchte 
    sagen: der Exterritorialität, und wo sie mit 
    Anteilen der Ichorganisation assoziativ zusam̄en 
    treffen, bleibt wird es fraglich, ob sie diese nicht 
    zu sich herüberziehen und sich mit diesem 
    Gewinn auf Kosten des Ichs ausbreiten 
    werden. Ein uns längst vertrauter Ver-
    gleich betrachtet das Symptom als einen 
    Fremdkörper, der unaufhörlich Reiz‑ und 
    Reaktionserscheinungen in dem Gewebe 
    unterhält, in das er sich eingebettet hat. 
    Der Abwehrkampf des Ichs gegen die unliebsame 
    Triebregung ist darum durch denie Verdräng-
    ungsakt nicht zu Ende gebracht. zumeist 
    schließt sich an diesen ersten Akt 

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    einn langes und qualvolles Nachspiel. Es kommt zwar 
    vor, daß der Abwehrkampf gegen die unliebsame 
    Triebregung durch die Symptombildung abgeschloßen 
    wird; soweit wir sehen, ist dies am ehesten bei 
    der hysterischen Konversion möglich, aber in 
    der Regel ist der Verlauf ein anderer; 
    nach dem ersten Akt der Verdrängung 
    folgt ein langwieriges oder nie zu beenden-
    des Nachspiel, der Kampf gegen die Triebregung 
    findet seine Fortsetzung in dem Kampf 
    gegen das Symptom.

    Dieser sekundäre Abwehrkampf zeigt uns zwei 
    Gesichter – mit widersprechendem Ausdruck. Einer-
    seits wird das Ich durch seine Natur genötigt etwas 
    zu unternehmen, was wir als Herstellungs‑ oder 
    Versöhnungsversuch beurteilen müßen. Das Ich 
    ist eine Organisation, es beruht auf dem freien 
    Verkehr und der Möglichkeit gegenseitiger 
    Beeinflußung unter all seinen Bestandteilen, 
    seine desexualisirte Energie bekundet ihre 
    Herkunft in dem Streben nach Bindung und 
    Vereinheitlichung und dieser Zwang zur 
    Synthese nim̄t immer mehr zu, je kräftiger 
    sich das Ich entwickelt. So wird es verständlich, 
    daß das Ich auch versucht, die Fremdheit und 
    Isolirung des Symptoms aufzuheben, indem 
    es alle Möglichkeiten ausnützt, es irgendwie 
    an sich zu binden und durch solche Bande 
    seiner Organisation einzuverleiben. Wir 
    wissen, daß ein solches Bestreben bereits 
    den Akt der Symptombildung beeinflußt. 
    Ein klassisches Beispiel dafür sind jene hysterischen Symptome, 
    die deren Natur uns als Kompromiß zwischen 
    Befriedigungsersatz‑ und Strafbedürfnis 
    ve durchsichtig geworden sind. Als Erfüllungen 
    einer Forderung des Überichs haben solche 
    Symptome von vorne herein Anteil am 
    Ich, während sie anderseits Positionen des 
    Verdrängten und Einbruchsstellen des-
    selben in die Ichorganisation bedeuten; 
    sie sind sozusagen Grenzstationen mit 
    gemischter Besetzung. Ob alle primären 
    hysterischen Symptome so gebaut sind, ver-
    diente eine sorgfältige Untersuchung. 
    Im weiteren Verlaufe benim̄t sich das Ich so, 
    als ob es von der Erwägung geleitet würde: 
    das Symptom ist einmal da und kann nicht 
    beseitigt werden; nun heißt es, sich mit 
    dieser Situation befreunden und den 
    größtmöglichen Vorteil aus ihr ziehen. Es 
    findet eine Anpassung an das ichfremde 
    Stück der Innenwelt statt, das durch 

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    das Symptom repraesentirt wird, wie sie das Ich 
    sonst normaler Weise gegen die reale Außen-
    welt leistet zu Stande bringt. An Anläßen hiezu fehlt es nie. 
    Die Existenz des Symptoms mag eine gewiße Behind-
    erung der Leistung mit sich mitbringen, mit der man eine 
    Anforderung des Überichs beschwichtigen oder 
    einen Anspruch der Außenwelt zurückweisen 
    kann. So wird das Symptom allmälich mit 
    der Vertretung wichtiger Interessen betraut, 
    es erhält einen Wert für die Selbstbehaupt-
    ung, verwächst im̄er inniger mit dem Ich 
    wird immm ihm immer unentbehrlicher. Nur in 
    ganz seltenen Fällen kann der Prozeß der 
    Einheilung eines Fremdkörpers etwas 
    ähnliches wiederholen. Man kann die Bedeut-
    ung dieser sekundären Anpassung an das 
    Symptom auch übertreiben, indem man be-
    aussagt hauptet, das Ich habe sich das Symptom über-
    haupt nur angeschafft, um dessen Vorteile 
    zu genießen. Das ist dann so richtig oder 
    so falsch, wie wenn man die Ansicht ver-
    tritt, der Kriegsverletzte habe sich das 
    Bein nur abschießen lassen, um dann 
    arbeitsfrei von seiner Invalidenrente 
    zu leben.

    Andere Symptomgestaltungen, die der Zwangs-
    neurose und der Paranoia, bekom̄en einen 
    hohen Wert für das Ich, nicht weil sie ihm 
    Vorteile, sondern weil sie ihm eine sonst 
    entbehrte narzißtische Befriedigung bringen. 
    Die Systembildungen der Zwangsneurotiker 
    schmeicheln der ihrer Eigenliebe durch die Vorspiegel-
    ung, sie seien als besonders reinliche 
    oder gewissenhafte Menschen besser als 
    andere; die Wahnbildungen der Paranoia 
    eröffnen dem Scharfsinn und der Phantasie 
    dieser Kranken eine Gelege Feld zur Be-
    tätigung, das ihnen nicht leicht ersetzt werden 
    kann. Aus all den erwähnten Beziehungen 
    resultirt, was uns als der (sekundäre) 
    Krankheitsgewinn der Neurose bekannt 
    ist. Er kom̄t dem Bestreben des Ichs, sich das 
    Symptom einzuverleiben zu Hilfe und ver-
    stärkt die Fixirung des letzteren. Wenn wir 
    dann den Versuch machen, dem Ich in seinem 
    Kampf gegen das Symptom analytischen Bei-
    stand zu leisten, finden wir diese ver-
    söhnlichen Bindungen zwischen Ich und 
    Symptom auf der Seite der Widerstände 
    wirksam. Es wird uns nicht leicht gemacht, sie 
    zu lösen. Die beiden Verfahren, die das Ich 
    gegen das Symptom anwendet, stehen wirk-
    lich in Widerspruch zu einander.

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    Das andere Verfahren hat weniger freund-
    lichen Charakter, es setzt die Richtung der 
    Verdrängung fort. Aber es scheint, daß wir 
    das Ich nicht mit dem Vorwurf der Inkon-
    sequenz belasten dürfen. Das Ich ist fried-
    fertig und möchte sich das Symptom einver-
    leiben, es in sein Ensemble aufnehmen, 
    die Störung geht vom Symptom aus, das als 
    richtiger Ersatz und Abköm̄ling der ver-
    drängten Regung deren Rolle weiterspielt, 
    deren Befriedigungsanspruch immer wieder 
    erneuert und so das Ich nötigt, wiederum 
    das Unlustsignal zu geben und sich zur 
    Wehre zu setzen.

    Der sekundäre Abwehrkampf gegen das Symptom 
    ist vielgestaltig, spielt sich auf verschiedenen 
    Schauplätzen ab und bedient sich mannigfaltiger 
    Mittel. Wir werden nicht viel über ihn 
    aussagen können, wenn wir nicht die einzelnen 
    Fälle der Symptombildung zum Gegenstand 
    der Untersuchung nehmen. Dabei werden wir 
    Anlaß finden, auf das Problem der Angst 
    einzugehen, das wir längst wie im Hintergrunde 
    lauernd verspüren. Es empfiehlt sich von den 
    Symptomen, welche die hysterische Neurose 
    schafft, auszugehen; auf die Voraussetzungen 
    der Symptombildung bei der Zwangsneurose, 
    Paranoia und anderen Neurosen sind wir 
    noch nicht vorbereitet.

    IV

    Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer
    infantilen hysterischen Thierphobie, also zB der 
    gewiß in allen Hauptzügen typische Fall 
    der Pferdephobie des „Kleinen Hans“.x) Schon 
    der erste Blick läßt uns erkennen, daß die 
    Verhältnisse eines realen Falles von neur-
    otischer Erkrankung weit komplizirter 
    sind als unsere Erwartung, solange wir mit 
    Abstraktionen arbeiten, sich vorstellt. Es 
    gehört einige Arbeit dazu, sich zu orientiren, 
    welches die verdrängte Regung, was ihr 
    Symptomsatz ist, wo das Motiv der Ver-
    drängung kenntlich wird.

    Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße 
    zu gehen, weil er Angst vor dem Pferd 
    hat. Dies ist der Rohstoff. Was ist nun daran 
    das Symptom: die Angstentwicklung, die 
    Wal des Angstobjekts, oder der Verzicht 
    auf die freie Beweglichkeit, oder mehreres
    davon zugleich? Wo ist die Befriedigung, 

    x)Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. (Ges.
    Schriften, Bd. VIII.)