S.
13
Das andere Verfahren hat weniger freund-
lichen Charakter, es setzt die Richtung der
Verdrängung fort. Aber es scheint, daß wir
das Ich nicht mit dem Vorwurf der Inkon-
sequenz belasten dürfen. Das Ich ist fried-
fertig und möchte sich das Symptom einver-
leiben, es in sein Ensemble aufnehmen,
die Störung geht vom Symptom aus, das als
richtiger Ersatz und Abköm̄ling der ver-
drängten Regung deren Rolle weiterspielt,
deren Befriedigungsanspruch immer wieder
erneuert und so das Ich nötigt, wiederum
das Unlustsignal zu geben und sich zur
Wehre zu setzen.Der sekundäre Abwehrkampf gegen das Symptom
ist vielgestaltig, spielt sich auf verschiedenen
Schauplätzen ab und bedient sich mannigfaltiger
Mittel. Wir werden nicht viel über ihn
aussagen können, wenn wir nicht die einzelnen
Fälle der Symptombildung zum Gegenstand
der Untersuchung nehmen. Dabei werden wir
Anlaß finden, auf das Problem der Angst
einzugehen, das wir längst wie im Hintergrunde
lauernd verspüren. Es empfiehlt sich von den
Symptomen, welche die hysterische Neurose
schafft, auszugehen; auf die Voraussetzungen
der Symptombildung bei der Zwangsneurose,
Paranoia und anderen Neurosen sind wir
noch nicht vorbereitet.IV
Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer
infantilen hysterischen Thierphobie, also zB der
gewiß in allen Hauptzügen typische Fall
der Pferdephobie des „Kleinen Hans“.x) Schon
der erste Blick läßt uns erkennen, daß die
Verhältnisse eines realen Falles von neur-
otischer Erkrankung weit komplizirter
sind als unsere Erwartung, solange wir mit
Abstraktionen arbeiten, sich vorstellt. Es
gehört einige Arbeit dazu, sich zu orientiren,
welches die verdrängte Regung, was ihr
Symptomsatz ist, wo das Motiv der Ver-
drängung kenntlich wird.Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße
zu gehen, weil er Angst vor dem Pferd
hat. Dies ist der Rohstoff. Was ist nun daran
das Symptom: die Angstentwicklung, die
Wal des Angstobjekts, oder der Verzicht
auf die freie Beweglichkeit, oder mehreres
davon zugleich? Wo ist die Befriedigung,x)Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. (Ges.
Schriften, Bd. VIII.)S.
14
die er sich versagt? Warum muß er
sich diese versagen?Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei nicht
so viel rätselhaft. Die unverständliche Angst
vor dem Pferd ist das Symptom, die Unfähig-
keit, auf die Straße zu gehen ist eine Hem̄-
ungserscheinung, eine Einschränkung die sich
das Ich auferlegt, um nicht das Angstsymptom
zu wecken. Man sieht ohne weiteres die
Richtigkeit der Erklärung des letztenung
Punktes ein und wird nun diese Hem̄ung
bei der weiteren Diskussion außer Betracht
laßen. Aber die erste flüchtige Bekanntschaft
mit dem Falle lehrt uns nicht einmal
den wirklichen Ausdruck des vermeint-
lichen Symptoms kennen. Es handelt sich
wie wir bei genauerem Verhör erfahren,
gar nicht um eine unbestim̄te Angst
vor dem Pferd, sondern um die be-
stimmte ängstliche Erwartung: das Pferd
werde ihn beißen. Allerdings sucht sich
dieser Inhalt dem Bewußtsein zu ent-
ziehen und sich durch die unbestim̄te Phobie,
in der nur noch die Angst und ihr
Objekt vorkom̄en, zu ersetzen. Ist nun
etwa dieser Inhalt der Kern des Symptoms?Wir kommen keinen Schritt weiter,
so lange wir nicht die ganze psychische
Situation des Kleinen in Betracht ziehen,
wie sie uns während der analytischen
Arbeit enthüllt wird. Er befindet sich
in der eifersüchtigen und feindseligen
Oedipuseinstellung zu seinem Vater, den
er doch, so weit die Mutter nicht alsStörererinUrsache der Entzweiung in Betrachtin diese
kom̄t, herzlich liebt. Also ein Ambivalenz-
konflikt, gut begründete Liebe und nicht
minder berechtigter Haß, beide auf die-
selbe Person gerichtet. Seine Phobie muß
ein Versuch zur Lösung dieses Konflikts
sein. Solche Ambivalenzkonflikte sind
sehr häufig, wir kennen einen anderen
typischen Ausgang derselben. Bei dem
wird die eine der beiden mit einander
ringenden Regungen, in der Regel
die zärtliche, enorm verstärkt, die andere
verschwindet. Nur das Übermaß und das
Zwangsmäßige der Zärtlichkeit verrät¿¿
uns, daß diese Einstellung nicht die
einzig vorhandene ist, daß sie ständig
auf der Hut ist, ihr Gegenteil in Unter-
drückung zu halten und läßt uns einen
Hergang konstruiren, den wir als
Verdrängung durch Reaktionsbildung
(im Ich)beschreiben. Fälle wie derkonsS.
15
kleine Hans zeigen nichts von solcher Reaktionsbild-
ung; es giebt offenbar verschiedene Wege, die aus
einem Ambivalenzkonflikt herausführen.Etwas anderes haben wir unterdeß mit Sicherheit
erkannt. Die Triebregung, die der Verdrängung
unterliegt, ist ein feindseliger Impuls gegen den
Vater. Die Analyse lieferte uns den Beweis
hiefür während sie der Herkunft der Idee des
beißenden Pferdes nachspürte. Hans hat ein Pferd
fallen gesehen, einen Spielkameraden fallen
und sich verletzen, mit dem er „Pferdl“ gespielt
hatte. Sie hat uns das Recht gegeben, bei Hans
einenWunschregung zu konstruiren, die ge-
lautet hat, der Vater möge hinfallen, sich
beschädigen, wie das Pferd und der Kamerad.
Beziehungen zu einer beobachteten Abreise lassen
vermuten, daß der Wunsch nach der Beseitigung
des Vaters auch minder zaghaften Ausdruck
gefunden hat. Ein solcher Wunsch ist aber gleich-
wertig mit der Absicht, ihn selbst zu beseitigen,
mit der mörderischen Regung des Oedipus-
komplexes.Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt
kein Weg zu dem Ersatz für sie, den wir in
der Pferdephobie vermuten. Vereinfachen wir
nun die psychische Situation des kleinen Hans, indem
wir das infantile Moment und die Ambivalenz
wegräumen; er sei etwa ein jüngerer Diener
in einem Haushalt, der in die Herrin verliebt
ist und sich gewißer Gunstbezeugungen von
ihrer Seite erfreue. Erhalten bleibt, daß er
den stärkeren Hausherrn haßt und ihn beseitigt
wissen möchte; dann ist es die natürlichste Folge
dieser Situation, daß er die Rache dieses Herrn
fürchtet, daß sich bei ihm ein Zustand von Angst
vor diesem einstellt – ganz ähnlich wie die
Phobie des kleinen Hans vor dem Pferd.
Das heißt, wir können die Angst dieser Phobie
nicht als Symptom bezeichnen; wenn der
kleine Hans, der in seine Mutter verliebt
ist, Angst vor dem Vater¿¿zeigen würde,
hätten wir kein Recht, ihm eine Neurose,
eine Phobie, zuzuschreiben. Wir hätten
eine durchaus begreifliche affektive Reaktion
vor uns. Was diese zur Neurose macht,
ist einzig und allein ein anderer Zug,
die Ersetzung des Vaters durch das
Pferd. Diese Verschiebung stellt also das her,
was auf den Namen eines Symptoms
Anspruch hat. Sie ist jener andere Mechanis-
mus, der die Erledigung des Ambivalenz-
konflikts ohne die Hilfe der Reaktions-
bildung gestattet. Ermöglicht oder erleichtert
wird sie durch den Umstand, daß dieS.
16
mitgeborenen Spuren totemistischer Denkweise in
diesem zarten Alter noch leicht zu beleben
sind. Die Kluft zwischen Mensch und Thier ist noch
nicht anerkannt, gewiß nicht so überbetont
wie später. Der erwachsene bewunderte aber
auch gefürchtete Mann steht noch in einer
Reihe mit dem großen Thier, das man um
so vielerlei beneidet, vor dem man auch aber
gewarnt worden ist, weil es gefährlich werden
kann. Der Ambivalenzkonflikt wird also nichtsoweit dieser er
an derselben Person erledigt, sondern gleich-
sam umgangen, indem man einer seiner
Regungen eine andere Person als Ersatz-
mann unterschiebt.Soweit sehen wir ja klar, aber in einem
anderen Punkte hat uns die Analyse der
Phobie des kleinen Hans eine volle Ent-
täuschung gebracht. Die Entstellung, in der
die Symptombildung besteht, wird gar nicht
an der Repraesentanz (dem Vorstellungsinhalt)
der zu verdrängenden Triebregung vorge-
nom̄en, sondern an einer davon ganz verschiedenen,
die nur einer Reaktion auf das eigentlich
Unliebsame entspricht. Unsere Erwartung
fände eher Befriedigung, wenn der kleine
Hanseinean Stelle seiner Angst vor
dem Pferd eine Neigung entwickelt hätte,
Pferde zu mishandeln, sie zu schlagen, oder
deutlich seinen Wunsch kundgegeben hätte zu
sehen, wie sie hinfallen, zu Schaden kom̄en
eventuell unter Zuckungen verenden (das
Krawallmachen mit den Beinen). Etwas der
Art tritt auch wirklich während seiner Analyse
auf, aber es steht lange nicht voran in
der Neurose,und – sonderbar –, wenn er
wirklich solche Feindseligkeit, nur gegen das
Pferd, anstatt gegen den Vater gerichtet,
als Hauptsymptom entwickelt hätte, würden
wir gar nicht geurteilt haben, er befinde
sich in einer Neurose. Etwas ist also da
nicht in Ordnung, entweder an unserer
Auffassung der Verdrängung oder in
unserer Definition eines Symptoms. Eines
fällt uns natürlich sofort auf: Wenn der
kleine Hans wirklich ein solchesBVerhalten
gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja der
Charakter der anstößigen, aggressiven
Triebregung durch die Verdrängung gar
nicht verändertworden, nur deren
Objekt gewandelt worden.Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung
giebt, die nicht mehr leisten als dies; bei der
Genese der Phobie des kleinen Hans ist aber
mehr geschehen. Um wieviel mehr, erraten
wir aus einem anderen StückderAnalyse.S.
17
Wir haben bereits gehört, daß der kleine
Hans als den Inhalt seiner Phobie die Vorstellung
angab, vom Pferd gebißen zu werden. Nun
haben wir später Einblick in die GeneseundBedeutungeines anderen Falles von Thier-
phobie bekommen, in der der Wolf das Angst-
tier war, aber gleichfalls die Bedeutung
eines Vaterersatzes hatte.x) Im Anschluß an
einen Traum, den die Analyse durchsichtig
machen konnte, entwickelte sich bei diesem
Knaben die Angst, vom Wolf gefreßen
zu werden wie eines der sieben Geislein
im Märchen. Daß der Vater des kleinen
Hans nachweisbar „Pferdl“ mit ihm gespielt
hatte, war gewiß bestimmend für die Wal
des Angsttieres geworden; ebenso ließ sich
wenigstens sehr wahrscheinlich machen, daß
der Vater meines erst im dritten Jahrzehnt
analysirten Russen in den Spielen mit dem
Kleinen den Wolf gemimt und scherzend mit
dem Auffressen gedroht hatte. Seither habe ich
als dritten Fall einen jungen Amerikaner
gefunden, bei dem sich zwar keine Thierphobie
ausbildete,beder aber gerade durch diesen Aus-
fall die anderen Fälle verstehen hilft. Seine
sexuelle Erregung hatte sich an einer phantastischen
Kindergeschichte entzündet, die man ihm vorlas,
von einem arabischen Häuptling, der einemr aus
eßbarer Substanz bestehenden Person, dem
Gingerbreadman nachjagt, um ihn zu verzehren.
Mit diesem eßbaren Menschen identifizirte er
sich selbst, der Häuptling war als Vaterersatz
leicht kenntlich und diese Phantasie wurde
die erste Unterlage seiner autoerotischen
Betätigung. Die Vorstellung, vom Vater gefressen
zu werden ist also typisches uraltes Kinder-
gut; die Analogien aus der Mythologie
(Kronos) und dem Thierleben sind allgemein
bekannt.Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungsinhalt
uns so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur
ungläubig zugestehen können. Wir wissen auch
nicht, ob er wirklich das bedeutet, was er
auszusagen scheint, und verstehen nicht, wie
er Gegenstand einer Phobie werden kann.
Die analytische Erfahrung gibt uns allerdings die
erforderlichen Auskünfte. Sie lehrt uns, daß
die Vorstellung, vom Vater gefressen zu
werde der regressiv erniedrigte Ausdruck
für eine passive zärtliche Regung ist, die
vom Vater als Objekt im¿¿Sinne der Genitalerotik
geliebt zu werden begehrt. Die Verfolgungx)Aus der Geschichte einer infantilen Neurose.
(Ges. Schriften, Bd. VIII.)S.
18
der Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel
an der Richtigkeit dieser Deutung aufkom̄en.
Die genitale Regung verrät freilich nichts mehr von
ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der Sprache
der überwundenen Übergangsphase von der oralen
zur sadistischen Libidoorganisation ausgedrückt wird.
Handelt es sich übrigens nur um eine Ersetzung
der Repraesentanz durch einen regressiven Aus-
druck oder um eine wirkliche regressive
Erniedrigung der genitalgerichteten Regung im
Es? Das scheint gar nicht so leicht zu entscheiden.
Die Krankengeschichte des russischen „Wolfsman̄es“
spricht ganz entschieden für die letztere, ernstere
Möglichkeit, denn er benim̄t sich von dem
entscheidenden Traum an „schlim̄“, quälerisch,
sadistisch, und entwickelt bald darauf eine
richtige Zwangsneurose. Jedenfalls gewinnen
wir die Einsicht, daß die Verdrängung nicht
das einzige Mittel ist, das dem Ich zur
Abwehr einer unliebsamen Triebregung
zu Gebote steht. Wenn es ihm gelingt, den
Trieb zur Regression zu bringen, so hat es ihn
im Grunde energischer beeinträchtigt, als
durch die Verdrängung möglich wäre. Aller-
dings läßt es manchmal derzunachzuerst
erzwungenen Regression die Verdrängung
folgen.Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas
einfachere beim kleinen Hans regen noch manch-
erlei andere Überlegungen an, aber zwei
unerwartete Einsichten gewinnen wir schon jetzt.
Kein Zweifel, die bei diesen Phobien verdrängte
Triebregung ist eine feindselige gegen den Vater.
Man kann sagen, sie wird verdrängt durch den
Prozeß der Verwandlung ins Gegenteil; an
Stelle der Aggression gegen den Vater tritt
die Aggression – die Rache – des Vaters gegen
die eigene Person. Da eine solche Aggression
ohnedies in der sadistischen Libidophase wurzelt,
bedarf sie nur noch einer gewissen Erniedrigung
zur oralen Stufe, die bei Hans durch das Gebißen-
werden angedeutet, beim Russen aber im
Gefressenwerden grell ausgeführt ist. Aber
außerdem läßt ja die Analyse über jeden
Zweifel gesichert feststellen, daß gleichzeitig noch eine
andere Triebregung der Verdrängung erlegen
ist, die gegensinnige einer zärtlichen passiven
Regung für den Vater, die bereits das
Niveau genitalen (phallischen) Libidoorgan-
isation erreicht hatte. Die letztere scheint
sogar die für das Endergebnis des Verdräng-
ungsvorganges bedeutsamere zu sein, sieS.
19
erfährt die weitergehende Regression, sie erhält den
bestimmenden Einfluß auf den Inhalt der
Phobie. Wo wir also nur einer Triebverdrängung
nachgespürt haben, müßen wir das Zusam̄entreffen
von zwei solchen Vorgängen anerken̄en; die
beiden betroffenen Triebregungen – sadistische
Aggression gegen den Vater und zärtlich passive
Einstellung zu ihm – bilden ein Gegensatzpaar
ja, noch mehr: wenn wir die Geschichte des kleinen
Hans richtig würdigen, erkennen wir, daß durch
die Bildung seiner Phobie auch die zärtliche Objekt-
besetzung der Mutter aufgehoben worden ist,
wovon der Inhalt der Phobie nichts verrät.
Es handelt sich bei Hans – beim Russen ist das weit
weniger deutlich – um einen Verdrängungsvorgang,
der fast alle Komponenten des Oedipuskom-
plexes betrifft, die feindliche wie die zärtliche
Regung gegen den Vater und die zärtliche
für die Mutter.Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die
wir nur einfache Fälle von Symptombildung infolge
von Verdrängung studiren wollten und uns
in dieser Absicht an die frühesten und anschein-
end durchsichtigsten Neurosen der Kindheit
gewendet hatten. Anstatt einer einzigen Ver-
drängung fanden wir eine Häufung von solchen
vor und überdieß bekamen wir es mit der Re-
gression zu thun. Vielleicht haben wir aber die
Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die
beiden verfügbaren Analysen von Thierphobien
– die des kleinen Hans und des Wolfsmannes –
durchaus auf denselben Leisten schlagen wollten.
Nun fallen uns gewiße Unterschiede der beiden
auf. Nur vom kleinen Hans kann man mit
Bestim̄theit aussagen, daß er durch seine Phobie
die beiden Hauptregungen des Oedipuskom-
plexes, die aggressive gegen den Vater und
die überzärtliche gegen die Mutter, erledigt;
die zärtliche für den Vater ist gewiß auch
vorhanden, sie spielt ihre Rolle bei der
Verdrängung ihres Gegensatzes, aber es ist weder
nachweisbar, daß sie stark genug war, um eine
Verdrängung zu provoziren, noch daß sie
nachher aufgehoben ist. Hans scheint eben ein
normaler Junge mit sog. „positivem“ Oedip-
uskomplex gewesen zu sein. Möglich, daß die
Momente, die wir vermissen, auch bei ihm
mittätig waren, aber wir können sie nicht
aufzeigen, das Material selbst unserer
eingehendsten Analysen ist eben lückenhaft,
unsere Dokumentirung unvollständig.
Beim Russen ist der Defekt an anderer Stelle;
seine Beziehung zum weiblichen Objekt istS.
20
durch eine frühzeitige Verführung gestört worden,
die passive, feminine, Seite ist bei ihm stark
ausgebildet und die Analyse seines Wolfs-
traumes enthüllt wenig von beabsichtigter
Aggression gegen den Vater, erbringt
dafür die unzweideutigsten Beweise, daß
die Verdrängung die passive, zärtliche, Ein-
stellung zum Vater betrifft. Auch hier
mögen die anderen Faktoren beteiligt
gewesen sein, sie treten aber nicht vor.
Wenn trotz dieser Unterschiede der beiden
Fälle, die sich fast einer Gegensätzlichkeit
nähern, der Enderfolg der Phobie fast der
nämliche ist, so muß uns die Erklärung dafür
von anderer Seite kommen. s
Sie kom̄t von dem zweiten Ergebnis unserer
kleinen vergleichenden Untersuchung. Wir
glauben den Motor der Verdrängung
in beiden Fällen zu kennen und sehen
seine Rolle durch den Verlauf bestätigt,
den die Entwicklung derbeidenzwei Kinder
nim̄t. Er ist in beiden Fällen der nämliche,
die Angst vor einer drohenden Kastrations-.
Aus Kastrationsangst giebt der kleine
Hans die Aggression gegen den Vater auf;
seine Angst, das Pferd werde ihn beißen, kann
zwanglos vervollständigt werden, das Pferd
werde ihm das Genitale abbeißen, ihn
kastriren. Aber aus Kastrationsangst ver-
zichtet auch der kleine Russe auf den Wunsch,
vom Vater als Sexualobjekt geliebt
zu werden, denn er hat verstanden, eine
solche Beziehung hätte zur Voraussetzung,
daß er sein Genitale aufopfert, das, was ihn
vom Weib unterscheidet. Beide Gestalt-
ungen des Oedipuskomplexes, die normale,
aktive, wie die invertirte, scheitern ja
am Kastrationskomplex. Die Angstidee
des Russen, vom Wolf gefressen zu werden,
enthält zwar keine Andeutung der Kast-
ration, sie hat sich durch orale Regression
zu weit von der phallischen Phase ent-
fernt, aber die Analyse seines Traumes
macht jeden anderen Beweis überflüßig.
Es ist auch ein voller Triumph der Ver-
drängung, daß im Wortlaut der Phobie
nichts mehr auf die Kastration hindeutet.Hier nun das unerwartete Ergebnis:
In beiden Fällen ist der Motor der
Verdrängungder ¿die Kastrations-
angst; die Angstinhalte, vom Pferd gebißen
und vom Wolf gefressen zu werden, sind
Entstellungsersatz für den Inhalt, vomS.
21
Vater kastrirt zu werden. Dieser Inhalt ist es
eigentlich, der die Verdrängung an sich erfahren
hat. Beim Russen war er Ausdruck eines
Wunsches der gegen die Auflehnung der Männ-
lichkeit nicht bestehen konnte, bei Hans Aus-
druck einer Reaktion, welche die Aggression in
ihr Gegenteil umwandelte. Aber der Angst-
affekt der Phobie, der ihr Wesen ausmacht,
stammt nicht aus dem Verdrängungsvorgang,sondernnicht aus den libidinösen Besetzungen
der verdrängten Regungen, sondern aus
dem Verdrängenden selbst. Die Angst der
Thierphobie ist die unverwandelte Kastrat-
ionsangst, also eine Realangst, Angst vor einer
wirklich drohendenundoder¿¿¿¿als real
beurteilten Gefahr. Hier macht die Angst
die Verdrängung, nicht, wie ich früher
gemeint habe, die Verdrängung die Angst.Es ist nicht angenehm, daran zu denken,
aber es hilft nichts, es zu verleugnen, ich
habe oftmals den Satz vertreten, durch
die Verdrängung werde die Triebrepraesen-
tanz entstellt, verschoben udgl, die Libido
der Triebregung aber in Angst verwandelt.
Die Untersuchung der Phobien, die vor allem be-
rufen sein sollte, diesen Satz zu erweisen,
bestätigt ihn also nicht, sie scheint ihm vielmehr
direkt zu widersprechen. Die Angst der Thier-
phobien ist¿¿die Kastrationsangst des Ichs,
die der weniger gründlich studirten Agoraphobie
scheint Versuchungsangst zu sein, die ja genetisch
mit der Kastrationsangst zusam̄enhängen muß.
Die meisten Phobien gehen, so weit wir es
heute übersehen, auf eine solche Angst des
Ichs vor den Ansprüchen der Libido zu-
rück. Immer ist dabei die Angsteinstellung
des Ichs das Primäre und der Antrieb
zur Verdrängung. Niemals geht die Angst
aus der verdrängten Libido hervor. Wenn
ich mich früher begnügt hätte zu sagen, nach
der Verdrängung erscheint an Stelle der
zu erwartenden Äußerung von Libido ein
Maß von Angst, so hätte ich heute nichts
zurückzunehmen. Die Beschreibung ist richtig
und zwischen der Stärke der zu verdräng-
enden Regung und der Intensität der
resultirenden Angst besteht wol die be-
hauptete Entsprechung. Aber ich gestehe, ich
glaubte mehr als eine bloße Beschreibung
zu geben – ich nahm an, daß ich den meta-
psychologischen Vorgang einer direkten Um-
setzung der Libido in Angst erkannt
hatte; das kann ich also heute nicht mehr
festhalten. Ich konnte auch früher nichtS.
22
angeben, wie sich eine solche Umwandlung
vollzieht.Woher schöpfte ich überhaupt die Idee
einer solchen
dieser Umsetzung? Zur Zeit, als es uns noch sehr
ferne lag, zwischen Vorgängen im Ich und Vor-
gängen im Es zu unterscheiden, aus dem Studium
der Aktualneurosen. Ich fand, daß bestim̄te
sexuelle Praktiken, wie Coitus interruptus,
frustrane Erregung, erzwungene Abstinenz
Angstausbrüche und eine allgemeine Angstbereit-
schaft erzeugen, also immer wenn die Sexual-
erregung in ihrem Ablauf zur Befriedigung
gehemmt, aufgehalten oder abgelenkt wird.
Da die Sexualerregung der Ausdruck libidinöser
Triebregungen ist, schien es nicht gewagt, anzu-
nehmen, daß die Libido sich durch die Einwirkung
solcher Störungen in Angst verwandelt. Nun
istdiese Beobachtung auch heute noch giltig,auch
anderseits ist nicht abzuweisen, daß die Libido
der Es‑Vorgänge durch die Anregung der
Verdrängung eine Störung erfährt; es
kann also noch immer richtig sein, daß
sich bei der Verdrängung Angst aus
derLibidobesetzung der Triebregungen¿¿¿¿¿
bildet. Aber wie soll man dieses Ergebnis
mit dem anderen zusam̄enbringen, daß
die Angst der Phobien eine Ich‑Angst ist,
im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung
hervorgeht, sondern die Verdrängung hervor-
ruft? Das scheint ein Widerspruch und nicht
einfach zu lösen. Die Reduktion der beiden
Ursprünge der Angst auf einen einzigen läßt
sich nicht durchsetzen. Man kann es mit der An-
nahme versuchen, daß das Ich in der Situation
des gestörten Coitus, der unterbrochenen Erregung,
der Abstinenz,Gefahren wittert, auf dieeine
es mit Angst reagirt, aber es ist nichts damit
zu machen. Anderseits scheint die Analyse der
Phobien, die wir vorgenom̄en haben, eine
Berichtigung nicht zuzulassen. Non liquet!V
Wir wollten die Symptombildung und
den sekundären Kampf des Ichs gegen das Symptom
studiren, aber wir haben offenbar mit der
Wal der Phobien keinen glücklichen Griff
gethan. Die Angst, welche im Bild dieser
Affektionen vorherrscht, erscheint uns
nun als eine den Sachverhalt verhüllende
Komplikation. Es giebt reichlich Neurosen, bei
denen sich nichts von Angst zeigt. Die echte
Konversionshysterie ist von solcher Art,
deren schwerste Symptome ohne Beimischung
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Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926.01
1926-001/1926.01/4