Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926.01
  • S.

    33

    dann nach der Regression die als Aggression maskirte 
    Berührung verfolgte, ist nichts anderes für sie in so 
    hohem Grade verpönt worden, nichts so geeignet, 
    zum Mittelpunkt eines Verbotsystems zu werden. 
    Die Isolierung ist aber Aufhebung der Kontaktmöglich-
    keit, Mittel, ein Ding jeder Berührung zu ent-
    ziehen, und wenn der Neurotiker auch einen Eindruck 
    oder eine Tätigkeit durch eine Pause isolirt gibt 
    er uns symbolisch zu verstehen, daß er die Gedanken 
    an sie nicht in assoziative Berührung mit 
    anderen kommen lassen will.

    So weit reichen unsere Untersuchungen über die 
    Symptombildung. Es verlohnt sich kaum, sie zu 
    resumiren, sie sind ergebnisarm und unvoll-
    ständig geblieben, haben auch wenig gebracht, was 
    nicht schon früher bekannt gewesen wäre. Die 
    Symptombildung bei anderen Affektionen als bei 
    den Phobien, der Konversionshysterie und der 
    Zwangsneurose in Betracht zu ziehen, wäre aussichtslos; 
    es ist zu wenig darüber bekannt. Aber auch schon 
    aus der Zusam̄enstellung dieser drei Neurosen erhebt 
    sich ein schwerwiegendes, nicht mehr aufzuschiebendes 
    Problem. Für alle drei ist die Zerstörung des 
    Oedipuskomplexes der Ausgang, in allen, nehmen 
    wir an, die Kastrationsangst der Motor des 
    Ichsträubens. Aber nur in den Phobien kom̄t solche 
    Angst zum Vorschein, wird sie eingestanden. 
    Was ist bei den zwei anderen Formen aus ihr 
    geworden, wie hat das Ich sich solche Angst erspart? 
    Das Problem verschärft sich noch, wenn wir an die 
    vorhin erwähnte Möglichkeit denken, daß die 
    Angst durch eine Art Vergärung aus der im 
    Ablauf gestörten Libidobesetzung selbst hervor-
    geht, und weiters: steht es fest, daß die Kastrations-
    angst der einzige Motor der Verdrängung 
    (oder Abwehr) ist? Wenn man an die Neurosen 
    der Frauen denkt, muß man das bezweifeln, 
    denn so sicher sich der Kastrationskomplex bei 
    ihnen konstatiren läßt, von einer Kastrations-
    angst im richtigen Sinne kann man bei bereits 
    vollzogener Kastration doch nicht sprechen.

    VII

    Kehren wir zu den infantilen Thierphobien zurück, 
    wir verstehen diese Fülle doch besser als alle anderen. 
    Das Ich muß also hier gegen eine libidinöse Objekt-
    besetzung des Es (die des positiven oder des 
    negativen Oedipuskomplexes) einschreiten, weil 
    es verstanden hat, ihr nachgeben brächte die 
    Gefahr der Kastration mit sich. Wir haben 
    das schon erörtert und finden noch Anlaß, uns 
    einen Zweifel klar zu machen, der von dieser 
    ersten Diskussion erübrigt ist. Sollen wir 
    beim kl. Hans (also im Falle des positiven 
    Oedipuskomplexes) annehmen, daß es die zärtliche 
    Regung für die Mutter oder die aggressive 

  • S.

    34

    gegen den Vater ist, welche die Abwehr des Ichs 
    herausfordert? Praktisch schiene das gleichgiltig, 
    besonders da die beiden Regungen einander 
    bedingen, aber ein theoretisches Interesse knüpft 
    sich an die Frage, weil nur die zärtliche 
    Strömung für die Mutter als eine rein erotische 
    gelten kann. Die aggressive ist weg wesentlich vom 
    Destruktionstrieb abhängig, und wir haben im̄er 
    geglaubt, bei der Neurose wehre sich das Ich 
    gegen Ansprüche der Libido, nicht der anderen 
    Triebe. In der Tat sehen wir, daß nach der Bildung 
    der Phobie die zärtliche Mutterbindung wie 
    verschwunden ist, sie ist durch die Verdrängung 
    gründlich erledigt worden, an der aggressiven 
    Regung hat sich aber die Symptom‑(Ersatz‑)Bildung 
    vollzogen. Im Falle des Wolfsman̄es 
    liegt es einfacher, die verdrängte Regung 
    ist wirklich eine erotische, die feminine 
    Einstellung zum Vater, und an ihr vollzieht 
    sich auch die Symptombildung.

    Es ist fast beschämend, daß wir nach so langer 
    Arbeit noch im̄er Schwierigkeiten in 
    der Auffassung der fundamentalsten 
    Verhältniße finden, aber wir haben uns 
    vorgenom̄en, nichts zu vereinfachen und 
    nichts zu verheimlichen. Wenn wir nicht 
    klar sehen können, wollen wir wenig-
    stens die Unklarheiten schart sehen. 
    Was uns hier im Wege steht, ist offenbar 
    eine Unebenheit in der Entwicklung 
    unserer Trieblehre. Wir hatten zuerst 
    die Organisationen der Libido von der 
    oralen über die sadistisch‑anale zur 
    genitalen Stufe verfolgt und dabei alle 
    Komponenten des Sexualtriebs einander 
    gleichgestellt. Später erschien uns der Sadismus 
    als der Vertreter eines anderen, dem 
    Eros gegensätzlichen Triebes. Die neue Auf-
    fassung von den zwei Triebgruppen scheint 
    die frühere Konstruktion von den 
    sukzessiven Phasen der Libidoorganisation 
    zu sprengen. Die hilfreiche Auskunft aus 
    dieser Schwierigkeit brauchen wir aber 
    nicht neu zu erfinden. Sie hat sich uns 
    längst geboten und lautet, daß wir es 
    kaum jemals mit reinen Triebregungen 
    zu thun haben, sondern durchwegs mit 
    Legierungen beider Triebe in verschied-
    enen Mengenverhältnißen. Die sadistische 
    Objektbesetzung hat also auch ein Anrecht, 
    als eine libidinöse behandelt zu 
    werden, die Organisationen der Libido 
    brauchen nicht revidirt zu werden, 

  • S.

    35

    die aggressive Regung gegen den Vater kann 
    mit demselben Anrecht Objekt der Verdräng-
    ung werden wie die zärtliche für die 
    Mutter. Immerhin setzen wir als Stoff für 
    spätere Überlegung die Möglichkeit bei Seite, 
    daß die Verdrängung ein Prozeß ist, der 
    eine besondere Beziehung zur Genital-
    organisation der Libido hat, daß das Ich 
    zu anderen Methoden der Abwehr greift, 
    wenn es sich der Libido auf anderen Stufen 
    der Organisation zu erwehren hat, und 
    setzen wir fort. Ein Fall wie der des kl. 
    Hans gestattet uns keine Entscheidung; hier 
    wird zwar eine aggressive Regung durch 
    Verdrängung erledigt, aber nachdem die 
    Genitalorganisation bereits erreicht ist.

    Wir wollen diesmal die Beziehung 
    zur Angst nicht aus den Augen lassen. 
    Wir sagten, so wie das Ich die Kastrationsgefahr 
    erkannt hat, gibt es das Angstsignal und 
    inhibirt mittels der Lust‑Unlust‑Instanz 
    auf eine weiter nicht einsichtliche Weise 
    den bedrohlichen Besetzungsvorgang im Es. 
    Gleichzeitig vollzieht sich die Bildung der Phobie. 
    Die Kastrationsangst erhält ein anderes Objekt 
    und einen entstellten Ausdruck: vom Pferd 
    gebissen (vom Wolf gefreßen), anstatt vom 
    Vater kastrirt zu werden. Die Ersatz-
    bildung hat zwei offenkundige Vorteile, erstens 
    daß sie de¿ einem Ambivalenzkonflikt 
    ausweicht, denn der Vater ist ein gleichzeitig 
    geliebtes Objekt und zweitens, daß sie 
    dem Ich gestattet die Angstentwicklung einzu-
    stellen. Die Angst der Phobie ist nämlich 
    eine fakultative, sie tritt nur auf, wenn ihr Objekt 
    Gegenstand der Wahrnehmung wird. Das ist ganz 
    korrekt, nur dann ist nämlich die Gefahr-
    situation vorhanden. Von einem abwesenden 
    Vater braucht man auch die Kastration 
    nicht zu befürchten. Nun kann man den 
    Vater nicht wegschaffen, er zeigt sich immer, 
    wann man er will. Ist er aber durch das Thier 
    ersetzt, so braucht man nur den Anblick, d. h. 
    die Gegenwart des Thieres zu vermeiden, um 
    frei von Gefahr und Angst zu sein. Der kl. Hans 
    legt seinem Ich also eine Einschränkung auf, er 
    produzirt die Hem̄ung, nicht auszugehen, um 
    nicht mit Pferden zusam̄enzutreffen. Der kleine 
    Russe hat es noch bequemer, es ist kaum ein 
    Verzicht für ihn, daß er ein gewißes Bilder-
    buch nicht mehr zur Hand nim̄t. Wenn die 
    schlim̄e Schwester ihm nicht immer wieder 
    das Bild des aufrechtstehenden Wolfes 
    in diesem Buch vor Augen halten würde, 
    dürfte er sich vor seiner Angst gesichert fühlen.

  • S.

    36

    Ich habe früher einmal der Phobie den Charakter 
    einer Projektion zugeschrieben, indem sie eine 
    innere Triebgefahr durch eine äußere Wahrnehm-
    ungsgefahr ersetzt. Das bringt den Vorteil daß 
    man sich gegen die äußere Gefahr durch 
    Flucht und Vermeidung der Wahrnehmung 
    schützen kann, während gegen die Gefahr 
    von innen keine Flucht nützen kann. 
    Meine Bemerkung ist nicht unrichtig, aber sie 
    bleibt an der Oberfläche. Der Triebanspruch 
    ist ja nicht an sich eine Gefahr, sondern 
    nur darum, weil er eine richtige äußere 
    Gefahr, die der Kastration, mit sich bringt. 
    So ist im Grunde bei der Phobie doch nur eine äußere 
    Gefahr durch eine andere ersetzt. 
    Daß das Ich sich bei der Phobie durch eine Ver-
    meidung oder ein Hem̄ungssymptom der 
    Angst entziehen kann, stim̄t sehr gut zur 
    Auffassung, diese Angst sei nur ein Affekt-
    signal und an der oekonomischen Situation 
    kann das Auftreten oder Ausblieben einer 
    Wahnehmung nichts geändert worden.

    Die Angst der Thierphobien ist also eine Affekt-
    reaktion des Ichs auf die Gefahr; die Gefahr, 
    die hier signalisirt wird, die der Kastration. 
    Kein anderer Unterschied von der Realangst, die das 
    Ich normaler Weise in Gefahrsituationen äußert, 
    als daß das Motiv der Inhalt der Angst unbewuft bleibt 
    und nur in einer ¿ Entstellung bewußt wird.

    Dieselbe Auffassung wird sich uns, glaube ich, auch 
    für die Phobien Erwachsener, giltig erweisen, 
    wenngleich das Material, das die Neurose verar-
    beitet, sehr viel reichhaltiger ist und einige 
    Momente zur Symptombildung hinzukom̄en. Im 
    Grunde ist es das nämliche. Der Agoraphobe legt 
    seinem Ich eine Beschrinkung auf, um einer 
    Triebgefahr zu entgehen. Die Triebgefahr ist 
    die Versuchung, seinen erotischen Gelüsten 
    nachzugeben, wodurch er wieder wie in der 
    Kindheit die Gefahr der Kastration, oder eine 
    ihr analoge heraufbeschwören würde. Als Beispiel 
    führe ich den Fall eines jungen Mannes 
    an, der agoraphob wurde, weil er befürchtete, 
    den Lockungen von Prostituirten nachzugeben 
    und sich zur Strafe Syphilis zu holen. Ich weiß 
    wohl, daß viele Fälle eine komplizirtere 
    Struktur zeigen, und daß viele andere 
    verdrängte Triebregungen in die Phobie 
    einmünden können, aber diese sind nur 
    auxiliär und haben sich meist nachträglich mit 
    dem Fundament Kern der Neurose in Ver-
    bindung gesetzt. Die Symptomatik der Agora-
    phobie wird dadurch komplizirt, daß das Ich 
    sich nicht damit begnügt, auf etwas zu verzichten; 

  • S.

    37

    es thut noch etwas hinzu, um der Situation ihre Gefahr 
    zu benehmen. Diese Zutat ist gewöhnlich eine zeitliche 
    Regression in die Kinderjahre (im extremen Fall 
    bis in den Mutterleib) in Zeiten, in denen man 
    gegen die heute drohenden Gefahren geschützt war 
    und ersehe tritt als die Bedingung auf, unter der 
    der Verzicht unterbleiben kann. So kann der 
    Agoraphobe auf die Straße gehen, wenn er wie 
    ein kleines Kind von einer Person seines 
    Vertrauens begleitet wird. Das selbe Dieselbe Rücksicht 
    mag ihm auch gestatten, allein auszugehen, wenn 
    er sich nur nicht über eine bestim̄te Strecke 
    von seinem Haus entfernt, nicht in Gegenden 
    geht, die er nicht gut kennt und wo er den 
    Leuten nicht bekannt ist. In der Auswal 
    dieser Bestimmungen zeigt sich der Einfluß 
    der infantilen Momente, die ihn durch 
    seine Neurose beherrschen. Ganz eindeutig, auch 
    ohne solche infantile Regression ist die Phobie vor 
    dem Alleinsein, die im Grunde der Versuchung 
    zur einsamen Onanie ausweichen will. Die 
    Bedingung der infantilen Regression ist natürlich die 
    zeitliche Entfernung von der Kindheit.

    Die Phobie stellt sich in der Regel her nachdem unter ge-
    wissen Umständen – auf der Strafte, auf der Eisenbahn, 
    im Alleinsein – ein erster Angstanfall erlebt 
    worden ist. Dann ist die Angst gebannt, tritt aber 
    jedesmal wieder auf, wenn die schützende Beding-
    ung nicht eingehalten werden kann. Der Mechan-
    ismus der Phobie thut als Abwehrmittel gute 
    Dienste und zeigt eine große Neigung zur Stabil-
    ität. Eine Fortsetzung des Abwehrkampfes, der sich 
    jetzt gegen das Symptom richtet, tritt nicht not-
    wendig, ein.

    VIII

    Was wir über die Angst bei den Phobien erfahren 
    haben, bleibt noch für die Zwangsneurose verwert-
    bar. Es ist nicht schwierig, die Situation der Zwangs-
    neurose auf die der Phobie zu reduziren. Der 
    Motor aller späteren Symptombildung ist hier offenbar 
    die Angst des Ichs vor seinem Überich. Die Feind-
    seligkeit des Überichs ist die Gefahrsituation, der 
    sich das Ich entziehen muß. Hier fehlt jeder 
    Anschein einer Projektion, die Gefahr ist 
    durchaus verinnerlicht. Aber wenn wir uns 
    fragen, was das Ich von seiten des Überichs 
    befürchtet, so drängt sich die Auffassung auf, daß die 
    Strafe des Überichs eine Fortbildung der Kastrat-
    ionsstrafe ist. Wie das Überich der unpersönlich 
    gewordene Vater ist, so hat sich die Angst vor 
    der durch ihn drohenden Kastration zur unbestim̄-
    ten sozialen oder Gewissensangst umgewandelt. 
    Aber diese Angst ist gedeckt, das Ich entzieht sich ihr, 
    indem es die ihm auferlegten Gebote, Vorsichten 
    und Bußhandlungen gehorsam ausführt. Wenn es 
    daran gehindert wird, dann tritt sofort ein 
    äußerst peinliches Unbehagen auf, in dem wir 

  • S.

    38

    das Aequivalent der Angst erblicken dürfen, 
    das die Kranken selbst der Angst gleichstellen. 
    Unser Ergebnis lautet also: Die Angst ist die Reaktion 
    auf die Gefahrsituation; sie wird dadurch erspart, 
    daß das Ich etwas thut, um die Situation zu 
    vermeiden oder sich ihr zu entziehen. Man 
    könnte nun sagen, die Symptome werden geschaffen, 
    um die Angstentwicklung zu vermeiden, aber 
    das läßt nicht tief blicken. Es ist richtiger zu 
    sagen, die Symptome werden geschaffen, um 
    die Gefahrsituation zu vermeiden, die durch 
    die Angstentwicklung signalisirt wird. Diese 
    Gefahr war aber in den bisher betrachteten 
    Fällen die Kastration oder etwas von ihr 
    Abgeleitetes.

    Wenn die Angst die Reaktion des Ichs auf die Gefahr 
    ist, so liegt es nahe, die traumatische Neurose 
    welche sich so häufig an überstandene Lebensge-
    fahr anschließt, als direkte Folge der Lebens‑ oder 
    ¿a¿esTodesangst mit Beiseitesetzung der 
    Abhängigkeiten des Ichs und der Kastration aufzu-
    fassen. Das ist auch von den meisten Beobachtern 
    der traumatischen Neurosen des letzten Krieges 
    geschehen, und es ist triumphierend verkündet 
    worden, nun sei der Beweis erbracht, daß eine 
    Gefährdung des Selbsterhaltungstriebes eine 
    Neurose erzeugen könne ohne jede Beteilig-
    ung der Sexualität und ohne Rücksicht auf die die komplizirten 
    Annahmen der Psychoanalyse. Es ist in der Tat 
    außerordentlich zu bedauern, daß nicht eine 
    einzige verwertbare Analyse einer traum-
    atischen Neurose vorliegt. Nicht wegen des 
    Widerspruches gegen die ätiologische Bedeut-
    ung der Sexualität, denn dieser ist längst 
    durch die Einführung des Narzißmus aufge-
    hoben worden, der die libidinöse Besetzung 
    des Ichs in eine Reihe mit den Objektbesetz-
    ungen bringt und die libidinöse Natur des 
    Selbsterhaltungstriebes betont, sondern weil wir 
    durch den Ausfall dieser Analysen die kostbarste 
    Gelegenheit zu entscheidenden Aufschlüßen über 
    das Verhältnis zwischen Angst und Symptom-
    bildung versäumt haben. Es ist nach allem, was 
    wir von der Struktur der simpleren Neurosen 
    des täglichen Lebens wissen, sehr unwahrscheinlich, 
    daß eine Neurose nur durch die objektive 
    Tatsache der Gefährdung ohne Beteiligung der 
    tieferen unbewußten Schichten des seelischen 
    Apparats zustande kom̄en sollte. Im Unbewußten 
    ist aber nichts vorhanden, was unserem Begriff 
    der Lebensvernichtung Inhalt geben kann. 
    Die Kastration wird sozusagen vorstellbar durch 
    die tägliche Erfahrung der Trennung vom Darm-
    inhalt und durch den bei der Entwöhnung 
    erlebten Verlust der mütterlichen Brust; etwas 
    dem Tod Ähnliches ist aber nie erlebt worden, 

  • S.

    39

    oder hat wie die Ohnmacht keine nachweisbare Spur 
    hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung 
    fest, daß die Todesangst als Analogon der Kastrat-
    ionsangst aufzufassen ist, und daß die Situation 
    auf welche das Ich reagirt, das Verlassensein vom 
    schützenden Überich – den Schicksalsmächten – ist –, 
    womit die Sicherung gegen alle Gefahren ein 
    Ende hat. Außerdem kom̄t in Betracht, daß 
    bei den Erlebnißen, die zur traumatischen 
    Neurose führen, äußerer Reizschutz durchbrochen 
    wird und übergroße Erregungsmengen an den 
    seelischen Apparat herantreten, so daß hier 
    die zweite Möglichkeit vorliegt, daß Angst 
    nicht nur als Affekt signalisirt sondern auch aus den 
    oekonomischen Bedingungen der Situation 
    neu erzeugt wird.

    Durch die letzte Bemerkung, das Ich sei durch regel-
    mäßig wiederholte Objektverluste auf die Kastrat-
    ion vorbereitet worden, haben wir eine neue 
    Auffassung der Angst gewonnen. Betrachteten 
    wir sie bisher als Affektsignal der Gefahr, so 
    erscheint sie uns nun, da es sich so oft um die 
    Gefahr der Kastration handelt, als die Reaktion 
    auf einen Verlust, eine Tren̄ung. Mag auch 
    mancherlei, was sich sofort ergiebt, gegen diesen 
    Schluß sprechen, so muß uns doch eine sehr 
    merkwürdige Übereinstim̄ung auffallen. 
    Das erste Angsterlebnis des Menschen wenig-
    stens ist die Geburt und diese bedeutet 
    objektiv die Trennung von der Mutter, kön̄te 
    einer Kastration der Mutter (nach der Gleichung 
    Kind = Penis) verglichen werden. Nun wäre es sehr 
    befriedigend, wenn die Angst als Symbol einer 
    Trennung bei jeder späteren Tren̄ung wieder-
    holt würde, aber leider steht einer Verwert-
    ung dieses Zusam̄enstim̄ens im Wege, daß ja 
    die Geburt subjektiv nicht als Tren̄ung 
    von der Mutter erlebt wird, da diese 
    als Objekt dem durchaus narzißtischen Foetus 
    völlig unbekannt ist. Ein anderes Bedenken 
    wird lauten, daß uns die Affektreaktionen 
    auf eine Tren̄ung bekannt sind und daß 
    wir sie als Schmerz und Trauer, nicht als 
    Angst empfinden. Allerdings erinnern wir 
    uns, wir haben bei der Diskussion der 
    Trauer auch nicht verstehen können, warum 
    sie so schmerzhaft ist.

    VIII

    Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar 
    nach einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst 
    erschließt, nach einem Entweder‑Oder, das die 
    Wahrheit über sie vom Irrtum scheidet. Aber 
    das ist schwer zu haben, die Angst ist nicht einfach 
    zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreicht