S.
39
oder hat wie die Ohnmacht keine nachweisbare Spur
hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung
fest, daß die Todesangst als Analogon der Kastrat-
ionsangst aufzufassen ist, und daß die Situation
auf welche das Ich reagirt, das Verlassensein vom
schützenden Überich – den Schicksalsmächten – ist –,
womit die Sicherung gegen alle Gefahren ein
Ende hat. Außerdem kom̄t in Betracht, daß
bei den Erlebnißen, die zur traumatischen
Neurose führen, äußerer Reizschutz durchbrochen
wird und übergroße Erregungsmengen an den
seelischen Apparat herantreten, so daß hier
die zweite Möglichkeit vorliegt, daß Angst
nicht nur als Affekt signalisirt sondern auch aus den
oekonomischen Bedingungen der Situation
neu erzeugt wird.Durch die letzte Bemerkung, das Ich sei durch regel-
mäßig wiederholte Objektverluste auf die Kastrat-
ion vorbereitet worden, haben wir eine neue
Auffassung der Angst gewonnen. Betrachteten
wir sie bisher als Affektsignal der Gefahr, so
erscheint sie uns nun, da es sich so oft um die
Gefahr der Kastration handelt, als die Reaktion
auf einen Verlust, eine Tren̄ung. Mag auch
mancherlei, was sich sofort ergiebt, gegen diesen
Schluß sprechen, so muß uns doch eine sehr
merkwürdige Übereinstim̄ung auffallen.
Das erste Angsterlebnis des Menschen wenig-
stens ist die Geburt und diese bedeutet
objektiv die Trennung von der Mutter, kön̄te
einer Kastration der Mutter (nach der Gleichung
Kind = Penis) verglichen werden. Nun wäre es sehr
befriedigend, wenn die Angst als Symbol einer
Trennung bei jeder späteren Tren̄ung wieder-
holt würde, aber leider steht einer Verwert-
ung dieses Zusam̄enstim̄ens im Wege, daß ja
die Geburt subjektiv nicht als Tren̄ung
von der Mutter erlebt wird, da diese
als Objekt dem durchaus narzißtischen Foetus
völlig unbekannt ist. Ein anderes Bedenken
wird lauten, daß uns die Affektreaktionen
auf eine Tren̄ung bekannt sind und daß
wir sie als Schmerz und Trauer, nicht als
Angst empfinden. Allerdings erinnern wir
uns, wir haben bei der Diskussion der
Trauer auch nicht verstehen können, warum
sie so schmerzhaft ist.VIII
Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar
nach einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst
erschließt, nach einem Entweder‑Oder, das die
Wahrheit über sie vom Irrtum scheidet. Aber
das ist schwer zu haben, die Angst ist nicht einfach
zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreichtS.
40
als Widersprüche, zwischen denen ohne Vorurteil
keine Wal möglich war. Ich schlage jetzt vor, es
anders zu machen; wir wollen unparteiisch
alles zusam̄entragen, was wir von der Angst
aussagen können, und dabei auf die Erwartung einer
nahen Synthese verzichten.Die Angst ist also in erster Linie etwas Empfundenes
Wir heißen sie einen Affektzustand, obwol wir
auch nicht wissen, was ein Affekt ist. Sie hat
als Empfindung offenbarsten Unlustcharakter
aber das erschöpft nicht ihre Qualität; nicht
jede Unlust können wir Angst heißen. Es
giebt andere Empfindungen mit Unlustcharakter
(Span̄ungen, Schmerz, Trauer) und die Angst
muß außer diesemr Unlustqualität andere
Besonderheiten haben. Eine Frage: werden
wir es dazu bringen, die Unterschiede zwischen
diesen verschiedenen Unlustaffekten zu
verstehen?Aus der Empfindung der Angst können wir
immerhin etwas entnehmen. Ihr Unlustchar-
akter scheint eine besondere Note zu haben,
das ist schwer zu beweisen, aber wahrscheinlich,
es wäre nichts Auffälliges. Aber außer diesem
schwer isolirbaren Eigencharakter nehmen
wir an der Angst bestim̄tere körperliche
Sensationen wahr, die wir auf bestim̄te
Organe beziehen. Da uns die Physiologie
der Angst hier nicht interessirt, genügt es
uns, einzelne Repräesentanten dieser Sensat-
ionen hervorzuheben, also die häufigsten
und deutlichsten, an den Atmungsorganen
und am Herzen. Sie sind uns Beweise dafür,
daß motorische Innervationen, also Abfuhr-
vorgänge an dem Ganzen der Angst Anteil
haben. Die Analyse des Angstzustandes
ergiebt also 1) einen spezifischen Unlust-
charakter, 2) Abfuhrreaktionen, 3) die Wahr-
nehmungen derselben.Die Punkte 2) und 3) ergeben uns bereits einen
Unterschied gegen die ähnlichen Zustände
zB der Trauer und des Schmerzes. Bei diesen
gehören die motorischen Äußerungen nicht
dazu; wo sie vorhanden sind, sondern sie
sich deutlich nicht als Bestandteile des
Ganzen, sondern als Konsequenzen oder
Reaktionen darauf. Die Angst ist also ein
besonderer Unlustzustand mit Abfuhrreaktionen
auf bestimmte Bahnen. Nach unseren allge-
meinen Anschauungen werden wir glauben,
daßbeider Angst eine Steigerung der Erreg-
ung zu Grunde liegt, die einerseits den
Unlustcharakter schafft, andererseits sich
durch die genannten Abfuhren erleichtert.S.
41
Diese rein physiologische Zusam̄enfassung wird uns
aber kaum genügen, wir sind versucht anzunehmen,
daß ein historisches Moment da ist welches die
Sensationen und Innervationen der Angst
fest an einander bindet. Mit anderen Worten,
daß der Angstzustand die Reproduktion
eines Erlebnißes ist, das die Bedingungen
einer solchen Reizsteigerung und der Abfuhr
auf bestimmte Bahnen enthielt, wodurch also
die Unlust der Angst ihren spezifischen Charakter
erhält. Als solches vorbildliches Erlebnis
bietet sich uns für den Menschen die Geburt
und darum sind wir geneigt, im Angstzu-
stand eine Reproduktion des Geburtstrau-
mas zu sehen.Wir haben damit nichts behauptet, was der
Angst eine Ausnahmestellung unter den
Affektzuständen einräumen würde. Wir
meinen, auch die anderen Affekte sind
Reproduktionen alter, lebenswichtiger
eventuell vorindividueller Ereigniße und
bringen sie als allgemeine, typische, mitge-
borene hysterische Anfälle in Vergleich
mit den spät und individuell erworbenen
Attaquen der hysterischen Neurose, deren
Genese und Bedeutung als Erinnerungssymbole
uns durch die Analyse deutlich geworden ist.
Natürlich wäre es sehr wünschenswert, diese Auf-
fassung für eine Reihe anderer Affekte
beweisend durchführen zu können, wovon
wir heute weit entfernt sind.Die Zurückführung der Angst auf das Geburts-
ereignis hat sich gegen naheliegende Einwände
zu verteidigen. Die Angst ist eine wahrscheinlich
allen Organismen, jedenfalls allen höheren
zukom̄ende Reaktion, die Geburt wird nur
von den Säugetieren erlebt, und es ist fraglich,
ob sie bei allen diesen die Bedeutung eines
Traumas hat. Es gibt also Angst ohne Geburts-
vorbild. Aber dieser Einwand setzt sich über die
Schranken zwischen Biologie und Psychologie
hinaus. Gerade weil die Angst eine biologisch
unentbehrliche Funktion zu erfüllen hat, als
Reaktion auf den Zustand der Gefahr, mag sie
bei verschiedenen Lebewesen auf verschiedene
Art eingerichtet worden sein. Wir wissen auch
nicht, ob sie bei dem Menschen ferner stehenden
Lebewesen denselben Inhalt an Sensationen
und Innervationen hat wie beim Menschen.
Das hindert also nicht, daß die Angst beim
Menschen den Geburtsvorgang zum Vorbild
nimmt.S.
42
Wenn dies die Struktur und die Herkunft der
Angst ist, so lautet die weitere Frage: Was ist ihre
Funktion? Bei welchen Gelegenheiten wird
sie reproduzirt? Die Antwort scheint nahe liegend
und zwingend zu sein. Die Angst entstand als
Reaktion auf einen Zustand der Gefahr, sie
wird nun regelmäßig reproduzirt, wenn sich
ein solcher Zustand wieder einstellt.Dazu ist aber einiges zu bemerken. Die Innervationen
des ursprünglichen Angstzustandes waren wahr-
scheinlich auch sinnvoll und zweckmäßig, ganz so
wie die Muskelaktionen des ersten hysterischen
Anfalls. Wenn man den hysterischen Anfall
erklären will, braucht man ja nurdiezu
Situation zu suchen, in der die betreffenden
Bewegungen Anteile einer berechtigten Hand-
lung waren. So hat wahrscheinlich während der
Geburt die Richtung der Innervation auf
die Atmungsorgane die Tätigkeit der Lungenvorbereitet, die Beschleunigung deswachge
Herzschlags gegen die Vergiftung des Blutes
arbeiten wollen. Diese Zweckmäßigkeit
entfällt natürlich bei der späteren Repro-
duktion des Angstzustandes als Affekt, wie
sie auch beim wiederholten hysterischen Anfall
vermißt wird. Wenn also das Individuum in
eine neue Gefahrsituation gerät, so kann es
leicht unzweckmäßig werden, daß es mit
dem Angstzustand, der Reaktion auf eine frühere
Gefahr antwortet, anstatt die der jetzigen adaeq-
uaten Reaktion einzuschlagen. Die Zweck-
mäßigkeit tritt aber wieder hervor, wenn die
Gefahrsituation als herannahend erkannt und
durch den Angstausbruch signalisirt wird. Die
Angst kann dann sofort durch geeignetere
Maßnahmen abgelöst werden. Es sondern sich
also sofort zwei Möglichkeiten des Auftretens
der Angst die eine, unzweckmäßige, in einer
neuen Gefahrsituation, die andere, zweckmäßige
zur Signalisierung und Verhütung einer solchen.Was aber ist eine „Gefahr“? Im Geburtsakt
besteht eine objektive Gefahr für die Erhaltung
des Lebens, wir wissen, was das in der Realität
bedeutet. Aber psychologisch sagt es uns gar nichts.
Die Gefahr der Geburt hat noch keinen psychischen
Inhalt. Sicherlich dürfen wir beim Foetus nichts
voraussetzen, was sich irgendwie einer Art
von Wissen um die Möglichkeit eines Ausgangs
in Lebensvernichtung annähert. Der Foetus kann
nichts anderes bemerken als eine großartige
Störung in der Oekonomie seiner narzißtischen
Libido. Große Erregungssum̄enkomdringen zu ihm,
erzeugenungneuartige Unlustempfindungen, manche
Organe erzwingen sich erhöhte Besetzungen, was wie
ein Vorspiel der bald beginnenden Objektbesetz-
ung ist; was davon wird als Merkzeichen einer
„Gefahrsituation“ Verwertung finden?S.
43
Wir wissen leider viel zu wenig von der seelischen
Verfassung des Neugeborenen, um diese Frage
direkt zu beantworten. Ich kann nicht einmal für
die Brauchbarkeit der eben gegebenen Schilderung
einstehen. Es ist leicht zu sagen, das Neugeborene werde
den Angstaffekt in allen Situationen wiederholen,durchdieanes an das Geburtsereignis erinnertewird. Der entscheidende Punkt bleibt aber, wodurch
und woran es erinnert wird.Es bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als die
Anläße zu studiren, bei denen der Säugling
oder das ein wenig ältere Kind sich zur Angstent-
wicklung bereit zeigt. Rank hat in seinem
Buch „Das Trauma der Geburt“x) einen sehr energ-
ischen Versuch gemacht,die Beziehungen der
frühesten Phobien des Kindes zum Eindruck
des Geburtsereignißes zu erweisen, allein
ich kann ihn nicht für geglückt halten. Man
kann ihm zweierlei vorwerfen: Erstens, daß
er auf der Voraussetzung beruht, das Kind
habe bestim̄te Sinneseindrücke, insbesondere
visueller Natur, bei seiner Geburt empfangen
deren Erneuerung die Erinnerung an das
Geburtstrauma und somit die Angstreaktion
hervorrufen kann. Diese Annahme ist völlig
unbewiesen und sehr unwahrscheinlich; es ist
nicht glaubhaft, daß das Kind andere als taktile
und Allgemeinsensationen vom Geburtsvorgang
bewahrt hat. Wenn es also später Angst vor
kleinen Thieren zeigt, die in Löchern ver-
schwinden oder aus diesen herauskom̄en,so nehmen wir eine Analogie wahr derenKenntnis wirso erklärt Rank diese Reaktion
durch die Wahrnehmung einer Analogie, die
aber dem Kinde nicht auffällig werden
kann. Zweitens, daß Rank in der Würdigung
dieser späteren Angstsituationen je nach
Bedürfnis die Erinnerung an die glück-
liche intrauterine Existenz oder an deren
traumatische Störung wirksam werden
läßt, womit der Willkür in der Deutung
Thür und Thor geöffnet wird. Einzelne
Fälle dieser Kinderangst widersetzen sich direkt
der Anwendung des Rank’schen Prinzips. Wenn
das Kind in Dunkelheit und Einsamkeit gebracht
wird, so sollten wir erwarten, daß es diese
Wiederherstellung der intrauterinen Situation
mit Befriedigung aufnim̄t, und wenn die
Tatsache, daß es gerade dann mit Angst
reagirt, auf die Erinnerung an die Störung
dieses Glücks durch die Geburt zurückgeführt
wird, so kann man das Gezwungene
dieses Erklärungsversuches nicht länger
verkennen.Ich muß den Schluß ziehen, daß die frühesten
Kindheitsphobien eine direkte Rückführung
auf den Eindruck des Geburtsaktes nicht
zulassen und sich überhaupt bis jetzt der
Erklärung entzogen haben. Eine gewißeS.
44
Angstbereitschaft des Säuglings ist unverkennbar.
Sie ist nicht etwa unmittelbar nach der Geburt
am stärksten, um dann langsam abzunehmen,
sondern tritt erst später mit dem Fort-
schritt der seelischen Entwicklung hervor,
und hält über eine gewiße Periode der
Kinderzeit an. Wenn sich solche Frühphobien
über diese Zeit hinaus erstrecken, erwecken
sie den Verdacht einer neurotischen Störung,
wiewol uns ihre Beziehung zu den späteren
deutlichen Neurosen der Kindheit keineswegs
einsichtlich ist.Nur wenige Fälle der kindlichen Angstäußerung
sind uns verständlich; an diese werden
wir uns halten müßen. So, wenn das Kind
allein, in der Dunkelheit ist und wenn es eine
fremde Person an Stelle der ihm vertrauten
(der Mutter) findet. Diese drei Fälle reduziren
sich auf eine einzige Bedingung, das Vermissen
der geliebten (ersehnten) Person. Von da an
ist aber der Weg zum Verständnis der Angst
und zur Vereinigung der Widersprüche, die sich
an sie zu knüpfen scheinen, frei.Das Erinnerungsbild der ersehnten Person wird
gewiß intensiv, wahrscheinlich zunächst halluzinatorisch
besetzt. Aber das hat keinen Erfolg und nun hat es
den Anschein, als ob diese Sehnsucht in Angst
umschlüge. Es macht geradezu den Eindruck, als wäre
diese Angst ein Ausdruck der Ratlosigkeit,
als wüßte das noch sehr unentwickelte Wesen
mit dieser sehnsüchtigen Besetzung nichts Besseres
anzufangen. Die Angst erscheint so als Reaktion
auf das Vermissen des Objekts und es drängen
sich uns die Analogien auf daßdauch die
Kastrationsangst die Tren̄ung von einem
hochgeschätzten Objekt zum Inhalt hat und
daß die ursprünglichste Angst (die „Urangst“
der Geburt) bei der Trennung von der
Mutter entstand.Die nächste Überlegung führt über diese
Betonung des Objektverlustes hinaus.
Wenn der Säugling nach der Wahrnehmung der
Mutter verlangt, so doch nur darum, weil
er bereits aus Erfahrung weiß, daß sie
alle seine Bedürfniße ohne Verzug
befriedigt. Die Situation, die er als
„Gefahr" wertet, gegen die er versichert
sein will, ist also die der Unbefried-
igung, des Anwachsens der Bedürfnisspan-
nung, gegen die er ohnmächtig ist. Ich
meine, von diesem Gesichtspunkt aus ordnet
sich alles ein, die Situation der Unbefried-
igung, in der Reizgrößen eine unlustvolle
Höhe erreichen, ohne Bewältigung durchS.
45
psychische Verwendung und Abfuhr zu finden, muß
für den Säugling die Analogie mit dem Geburts-
erlebnis, die Wiederholung der Gefahrsituation
sein; das beiden Gemeinsame ist die oekonomische
Störung durch das Anwachsen der Erledigung
heischenden Reizgrößen, dieses Moment also
der eigentliche Kern der „Gefahr“. In beiden
Fällen tritt die Angstreaktion auf, die sich auch
noch beim Säugling als zweckmäßig er-
weist, indem die Richtung der Abfuhr auf
Atem‑ und Stim̄muskulatur nun die
Mutter herbeiruft, wie sie früher die
Lungentätigkeit zur Wegschaffung der inneren
Reize anregte. Mehr als diese Kennzeichnung
der Gefahr braucht das Kind von seiner
Geburt nicht bewahrt zu haben.Mit der Erfahrung, daß ein äußeres, durch
Wahrnehmung erfaßbares Objekt der an
die Geburt mahnenden gefährlichen Situation
ein Ende machen kann, verschiebt sich
nun der Inhalt der Gefahr von der oekonom-
ischen Situation auf seine Bedingung, den Objektverlust. Das
Vermissen der Mutter wird nun die Gefahr,
bei deren Eintritt der Säugling das Angst-
signal giebt, noch ehe die gefürchtete oekonom-
ische Situation eingetreten ist. Diese Wandlung
bedeutet einen ersten großen Fortschritt
in der Fürsorge für die Selbsterhaltung, sie
schließt gleichzeitig den Übergang von der
automatisch ungewollten Neuentstehung der Angst
zu ihrer beabsichtigten Reproduktion als
Signal der Gefahr ein.In beiden Hinsichten, sowol als automatisches
Phänomen wie als rettendes Signal,istzeigt
sich die Angsteinals Produkt der psychischen
Hilflosigkeit des Säuglings, welche das selbst-
verständliche Gegenstück seiner biologischen
Hilflosigkeit ist. Das auffällige Zusam̄entreffen,
daß sowol die Geburtsangst wie die Säuglings-
angst die Bedingung der Tren̄ung von
der Mutter anerkennt, bedarf keiner psycho-
logischen Deutung; es erklärt sich biologisch
einfach genugdaßaus der Tatsache, daß die
Mutter, die zuerst alle Bedürfnisse des
Foetus durch die Einrichtungen ihres Leibes
beschwichtigt hatte, dieselbe Funktion
zum Teil mit anderen Mitteln, auch nach
der Geburt fortsetzt. Intrauterinleben und
erste Kindheit sind weit mehr ein Kontinuum,
als uns die auffällige Zensur des Geburtsaktes
glauben läßt. Das psychische Mutterobjekt ersetzt dem
Kinde die biologische Foetalsituation. WirS.
46
dürfen darum nicht vergessen, daß im Intrauterin-
leben die Mutter kein Objekt war, und daß
es damals keine Objekte gab.Es ist leicht zu sehen, daß es in diesem Zusam̄enhange
keinen Raum für ein Abreagiren des
Geburtstraumas giebt, und daß eine andere
Funktion der Angst als die eines Signals
zur Vermeidung der Gefahrsituation nicht
aufzufinden ist. Die Angstbedingung des Objekt-
verlustes trägt nun noch ein ganzes Stück
weiter. Auch die nächste Wandlung der Angst,
die in der phallischen Phase auftretende
Kastrationsangst, ist eine Tren̄ungsangst
und an dieselbe Bedingung gebunden. Die
Gefahr ist hier die Tren̄ung von dem Genitale.
Ein vollberechtigt scheinender Gedankengang von
Ferenczi läßt uns hier die Linie des Zusam̄en-
hanges mit den früheren Inhalten der Gefahr-
situation deutlich erken̄en. Die hohe narzißt-
ische Einschätzung des Penis kann sich darauf be-
rufen, daß¿¿¿¿der Besitz dieses Organs
die Gewähr für eine Wiedervereinigung
mit der Mutter (dem Mutterersatz) im
Akt des Coitus enthält. Die Beraubung
dieses Gliedes ist soviel wie eine neuerliche
Trennung von der Mutter, bedeutet also
wiederum, einer unlustvollen Bedürfnis-
spannung (wie bei der Geburt) hilflos ausgeliefert
zu sein. Das Bedürfnis, dessen Ansteigen ge-
fürchtet wird, ist aber nun ein spezialisirtes,
das der genitalen Libido, nicht mehr ein
beliebiges wie in der Säuglingszeit. Ich
füge hier an, daß die Phantasie der Rückkehr
in den Mutterleib der Coitusersatz des
Impotenten (durch die Kastrationsdrohung Ge-
hem̄ten) ist. Im Sinne Ferenczi’s kann man
sagen, das Individuum, das sich zur Rückkehr
in den Mutterleib durch sein Genital-
organ vertreten lassen wollte, ersetzt
nun regressiv dies Organ durch seine ganze
Person.Die Fortschritte in der Entwicklung des Kindes,
die Zunahme seiner Unabhängigkeit, die
scharfe Sonderung seines seelischen Apparats
in mehrere Instanzen, das Auftreten neuer
Bedürfniße, können nicht ohne Einfluß
auf den Inhalt der Gefahrsituation bleiben.
Wir haben dessen Wandlung vom Verlust des
Mutterobjekts zur Kastration verfolgt und sehen
den nächsten Schritt durchdasdie Macht des
Überichserfolgenverursacht. Mit dem Un-
persönlichwerden der Elterninstanz, von der
man die Kastration befürchtete, wird
die Gefahr unbestim̄ter. Die Kastrations-
angst entwickelt sich zur Gewissensangst, zurS.
47
sozialen Angst. Es ist jetzt nicht mehr so leicht anzugeben,
was die Angst befürchtet. Die Formel: „Trevung,
Ausschluß aus der Horde“, trifft nur jenen
späteren Anteil des Überichs, der sich in An-
lehnung an soziale Vorbilder entwickelt
hat, nicht den Kern des Überichs, der der
introjizirten Elterninstanz entspricht.
Allgemeiner ausgedrückt, ist es der Zorn, die Strafe
des Überichs, der Liebesverlust von dessen
Seite, den das Ich als Gefahr wertet und mit
dem Angstsignal beantwortet. Als letzte Wand-
lung dieser Angst vor dem Überich ist mir
die Todes‑(Lebens‑)Angst, die Angst vor
der Projektion des Überichs in den Schicksals-
mächten erschienen.Ich habe früher einmal einen gewissen Wert auf
die Darstellung gelegt, daß es die bei der Ver-
drängung abgezogene Besetzung ist, welche die
Verwendung als Angstabfuhr erfährt. Das er-
scheint mir nun heute kaum wissenswert.
Der Unterschied liegt darin, daß ich vormals
die Angst in jedem Falle durch einen oekon-
omischen Vorgang automatisch entstanden glaubte,
während die jetzige Auffassung der Angst
als eines vom Ich beabsichtigtenFalleSignals
zum Zweck der Beeinflussung der Lust‑Unlustinstanz
uns von diesem oekonomischen Zwange
unabhängig macht. Es ist natürlich nichts gegen
die Annahme zu sagen, daß das Ich gerade
die durch die Abziehung bei der Verdräng-
ung frei gewordene Energie zur Erweckung
des Affekts verwendet, aber es ist bedeutungs-
los geworden, mit welchem Anteil Energie
dies geschieht.Ein anderer Satz, den ich einmal ausgesprochen,
verlangt nun nach Überprüfung im Lichte unserer
neuen Auffassung. Es ist die Behauptung, das Ich sei
die eigentliche Angststätte; ich meine, sie wird
sich als zutreffend erweisen. Wir haben nämlich
keinen Anlaß dem Überich irgendeine Angstäußer-
ung zuzuteilen.WasWenn aber von einer „Angst des Es“betrifftdie Rede ist, so hat man nicht zu wider-
sprechen, sondern einen ungeschickten Ausdruck
zu korrigiren. Die Angst ist ein Affektzustand,
der natürlich nur vom Ich verspürt werden kann.
Das Es kann nicht Angst haben wie das Ich, es ist
keine Organisation, kann Gefahrsituationen
nicht beurteilen. Dagegen ist es ein überaus häufiges
Vorkommnis, daß sich im Es Vorgänge vorbereiten
oder vollziehen, die dem Ich Anlaß zur Angstent-
wicklung geben; in der That sind die wahrschein-
lich frühesten Verdrängungen, wie die Mehr-
zal aller späteren, durch solche Angst des Ichs
vor einzelnen Vorgängen im Es motivirt. WirS.
48
unterscheiden hier wiederum mit gutem Grund die
beiden Fälle, daß sich im Es etwas ereignet, was
eine der Gefahrsituationen für’s Ich aktivirt
und es somit bewegt, zurHem̄ungInhibition das Angstsignal
zu geben, und den anderen Fall, daß sich im
Es die dem Geburtstrauma analoge Situation
herstellt, in der es automatisch zur Angstreaktion
kom̄t. Man bringt die beiden Fälle einander
näher, wenn man hervorhebt, daß der zweite
der ersten und ursprünglichen Gefahrsituation
entspricht, der erste aber einer der später aus
ihr abgeleiteten Angstbedingungen. Oder auf
die wirklich vorkom̄enden Affektionen be-
zogen, daß der zweite Fall in der Aetiologie
der Aktualneurosen verwirklicht ist, der erste
für die die Psychoneurosen charakteristisch
bleibt.Wir sehen nun, daß wir frühere Ermittlungen
nicht zu bezweifeln, sondern blog mit den
neueren Einsichten in Verbindung zu bringen
brauchen. Es ist nicht abzuzuweisen, daß bei Abstinenz,
mißbräuchlicher Störung im Ablauf der Sexual-
erregung, Ablenkung derselben von ihrer
psychischen Verarbeitung, direkt Angst ausLibidoentsteht, d. h. jener Zustand von Hilflosig-
keit des Ichs gegen eine übergroße Be-
dürfnisspan̄ung hergestellt wird, der wie
bei der Geburt in Angstentwicklung ausgeht
wobei es wieder eine gleichgiltige, aber nahe
liegende Möglichkeit ist, daß gerade der
Überschuß an unverwendeter Libido seine
Abfuhr in der Angstentwicklung findet.
Wir sehen, daß sich auf dem Boden dieser Aktual-
neurosen besonders leicht Psychoneurosen ent-
wickeln, das heißt wol, daß das Ich Versuche
macht, die Angst, die es eine Weile suspendirt
zu erhalten gelernt hat, zu ersparen und
durch Symptombildung zu binden.Wahrscheinlich würde die Analyse der traumat-
ischen Kriegsneurosen, welcher Name allerdings
sehr verschiedenartige Affektionen umfaßt, ergeben
haben, daß eine Anzal von ihnen an den Char-
akteren der Aktualneurosen Anteil hat.Als wir die Entwicklung der verschiedenen Ge-
fahrsituationen aus dem ursprünglichen Geburts-
vorbild darstellten, lag es uns ferne zu behaupten,
daß jede spätere Angstbedingung die
frühere einfach außer Kraft setzt. Die
Fortschritte der Ichentwicklung tragen allerding
dazu bei, die frühere Gefahrsituation zu
entwerten und bei Seite zu schieben, so
daß man sagen kann, einem bestim̄ten
Entwicklungsalter sei eine gewiße Angst-
bedingung wie adaequat zugeteilt. Die
Gefahr der psychischen Hilflosigkeit paßt zur
Lebenszeit der Unreife des Ichs,
Gefahr des zur Unselbständigkeit der
ersten Kinderjahre, wie die Kast-
rationsgefahr zur phallischen Phase die
Überichangst zur Latenzzeit. Aber es kön̄enS.
49
doch alle diese Gefahrsituationen und Angstbedingungen
nebeneinander fortbestehen bleiben und das Ich
auch zu späteren als den adäquaten Zeiten
zur Angstreaktion veranlassen, oder es können
mehrere von ihnen gleichzeitig in Wirksamkeit
treten. Möglicherweise bestehen auch engere
Beziehungen zwischen der wirksamen Gefahrsit-
uation und der Form der auf sie folgenden Neurose.xx)Als wir in einem früheren Stück dieser Untersuch-
ungen auf die Bedeutung der Kastrationsgefahr
bei mehr als einer neurotischen Affektion
stießen, erteilten wir uns die Mahnung, dies
Moment doch nicht zu überschätzen, da es bei
dem gewiß mehr zur Neurose disponirten weib-
lichen Geschlecht doch nicht ausschlaggebend sein
könnte. Wir sehen jetzt, daß wir nicht in Gefahr
sind, die Kastrationsangst für den einzigen
Motor der zur¿¿¿Neurose führenden
Abwehrvorgänge zu erklären. Ich habe an anderer
Stelle auseinandergesetzt, wie die Entwicklung
des kleinen Mädchens durch den Kastrations-
komplex zur zärtlichen Objektbe-
setzung gelenktwezur zärtlichen Obehktbe-
beziehung wird. Gerade beim Weibe scheint dieGefahrsituationAngstbedingung des Objektverlustes die wirk-
samste geblieben zu sein. Wir dürfen ander
ihrer Angstbedingung die kleine Modifikation
anbringen, daß es sich nicht mehr um das Ver-
missen oder den realen Verlust des Objekts
handelt, sondern um den Liebesverlust von
Seiten des Objekts. Da es sicher steht, daß die
Hysterie eine größere Affinität zur Weiblichkeit
hat ebenso wie die Zwangsneurose zur Männlichkeit,
so liegt die Vermutung nahe, die Angstbedingung
des Liebesverlustesstehtspiele bei Hysterie eine ähnliche
Rolle wie die Kastrationsdrohung bei den
Phobien, die Überichangst bei der Zwangsneurose.√49 gehört in Manus S. 48
IX
Was jetzt erübrigt, ist die Behandlung der Be-
ziehungen zwischen Symptombildung und Angst-
entwicklung.Zwei Meinungen darüber scheinen weit verbreitet
zu sein. Die eine nennt die Angst selbst ein
Symptom der Neurose, die andere glaubt an
ein weit innigeres Verhältnis zwischen beiden.
Ihr zufolge würde alle Symptombildung nur
unternommen werden, um der Angst zu
entgehen; die Symptome binden die psychische
Energie, die sonst als Angst abgeführt würde,
so daß die Angst das Grundphänomen
und Hauptproblem der Neurose wäre.S.
49a
xx)Seit der Unterscheidung von Ich und Es mußte auch
unser Interesse an den Problemen der Verdrängung
eine neue Belebung erfahren. Bisher hatte es uns
genügt, die dem Ich zugewendeten Seiten des
Vorgangs, die Abhaltung vom Bewußtsein und
von der Motilität und die Ersatz‑(Symptom‑)Bildung
ins’ Auge zu fassen, von der verdrängten
Triebregung selbst nahmen wir an, sie bleibe
im Unbewußten unbestimmt lange unver-
ändert bestehen. Nun wendet sich das Inter-
esse den Schicksalen des Verdrängten zu,
und wir ahnen, daß ein solcher unveränderter
und unveränderlicher Fortbestand nicht selbst-
verständlich, vielleicht nicht einmal gewöhnlich
ist. Die ursprüngliche Triebregung ist jedenfalls
durch die Verdrängung gehem̄t und von
ihrem Ziel abgelenkt worden. Ist aber ihr
Ansatz im Unbewußten erhalten gebliebenerhalten gebliebenund hat er sich resistent
gegen die verändernden und entwertenden
Einflüße des Lebens erwiesen? Bestehen also
die alten Wünsche noch, von deren früherenm
Existenz uns die Analyse berichtet? Die Ant-
wort scheint naheliegend und gesichert: Die ver-
drängten alten Wünsche müßen im Unbewußten
noch fortbestehen, da wir ihre Abköm̄linge, die
Symptome, noch wirksam finden. Aber sie ist nicht
zureichend, sie läßtnicht zwischen den beidenfür
Möglichkeiten entscheiden, ob der alte Wunsch
jetzt nur durch seine Abköm̄linge wirkt, denen
er all seine Besetzungsenergie übertragen
hat oder ob er außerdem selbst erhalten
geblieben ist. Wenn es sein Schicksal war, sich in
der Besetzung seiner Abköm̄linge zu erschöpfen,
so bleibt noch die dritte Möglichkeit, daß
er im Verlauf der Neurose durch Regression
wiederbelebt wurde, so unzeitgemäß er gegen-
wärtig sein mag. Man braucht diese Erwägungen
nicht für müßig zu halten, vieles an den Erschein-
ungen des krankhaften wie des normalen
Seelenlebens scheintsolche Fragestellungendiese
zu erfordern. In meiner Studie über den
Untergang des Oedipuskomplexes bin ich
auf den Unterschied zwischeneinerder bloßen
Verdrängung undeinerder wirklichen
Aufhebung einer alten Wunschregung auf-
merksam geworden.
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Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926.01
1926-001/1926.01/8