Hemmung, Symptom und Angst1926-001/1926.01
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    Diese kleinen Berichtigungen können unmög-
    lich die Bestimmung haben, an der Tatsache zu 
    rütteln, die hier erörtert wird, der Tatsache, 
    daß so viele Menschen in ihrem Verhalten zur 
    Gefahr infantil bleiben und verjährte Angst-
    bedingungen nicht überwinden; dies bestreiten, 
    hieße die Tatsache der Neurose leugnen, 
    denn solche Personen heißt man eben Neurot-
    iker. Wie ist das aber möglich? Warum sind 
    nicht alle Neurosen Episoden der Entwicklung, 
    die mit Erreichung der nächsten Phase abgeschloßen 
    werden? Woher das Dauermoment in diesen 
    Reaktionen auf die Gefahr? Woher der Vorzug, 
    den der Angstaffekt vor allen anderen Affekten 
    zu genießen scheint, daß er allein Reaktionen 
    hervorruft, die sich als abnorm von den anderen 
    sondern und sich als unzweckmäßig dem 
    Strom des Lebens entgegenstellen? Mit 
    anderen Worten, wir finden uns unver-
    sehens wieder vor der so oft gestellten Vexir-
    frage, woher kom̄t die Neurose, was ist 
    ihr letztes, das ihr besondere Motiv? Nach 
    jahrzehntelangen analytischen Bemühungen 
    erhebt sich dies Problem vor uns, unangetastet 
    wie zu Anfang.

    XI

    Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahr. Man kann 
    doch die Idee nicht abweisen, daß es mit dem
    Wesen der Gefahr zusam̄enhängt, wenn sich 
    der Angstaffekt eine Ausnahmsstellung in 
    der seelischen Oekonomie erzwingen kann. 
    Aber die Gefahren sind allgemein menschliche, für 
    alle Individuen die nämlichen; was wir 
    brauchen und nicht zur Verfügung haben, ist ein 
    Moment, das uns die Auslese der Individuen 
    verständlich macht, die den Angstaffekt trotz 
    seiner Besonderheit dem normalen seelischen 
    Betrieb unterwerfen können, oder das be-
    stimmt, wer an dieser Aufgabe scheitern muß. 
    Ich sehe zwei Versuche vor mir, ein solches 
    Moment aufzudecken; es ist begreiflich, daß 
    jeder solche Versuch eine sympathische Aufnahme 
    erwarten darf, da er einem quälenden 
    Bedürfnis Abhilfe verspricht. Die beiden 
    Versuche ergänzen einander, indem sie das 
    Problem an entgegengesetzten Enden an-
    greifen. Der erste ist vor mehr als zehn 
    Jahren von Alfred Adler unternommen 
    worden; er behauptet, auf seinen innersten 
    Kern redizirt, daß diejenigen Menschen 
    an der Bewältigung der durch die Gefahr 
    gestellten Aufgaben scheitern, denen die 
    Minderwertigkeit ihrer Organe zu große 
    Schwierigkeiten bereitet. Bestünde der 
    Satz Simplex sigillum veri zurecht, so müßte 

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    man eine solche Lösung wie eine Erlösung begrüßen. 
    Aber im Gegenteile, die Kritik des abgelaufenen 
    Jahrzehnts hat die volle Unzulänglichkeit dieser 
    Erklärung, die sich überdieß über die Mannig-
    faltigkeit den ganzen Reichtum der von der Psychoanalyse aufge-
    deckten Tatbestände hinaussetzt, beweisend dar-
    getan.

    Den zweiten Versuch hat Otto Rank 1923 in seinem 
    Buch „Das Trauma der Geburt“ unternom̄en. 
    Er steht uns näher, denn er ist auf dem Boden 
    der Psychoanalyse erwachen und setzt deren 
    Gedankengänge fort.  


    In der gegebenen Relation 
    zwischen Individuum und Gefahr lenkt Rank 
    von der Organschwäche des Individuums ab und 
    auf die veränderliche Intensität der Gefahr hin. 
    Die Der Geburtsvorgang ist die erste Gefahrsituation, 
    der von ihm produzirte oekonomische Aufruhr 
    wird das Vorbild der Angstreaktion; wir haben 
    vorhin die Entwicklungslinie verfolgt, welche 
    diese erste Gefahrsituation und Angstbedingung 
    mit allen späteren verbindet, und dabei 
    gesehen, daß sie alle etwas Gemeinsames bewahren, 
    indem sie alle in gewißem Sinne eine Trennung 
    von der Mutter bedeuten, zuerst nur in 
    biologischer Hinsicht, dann im Sinn eines direkten 
    Objektverlusts und später eines durch indir-
    ekte Zusam̄enhänge Wege vermittelten. Die Auf-
    deckung dieses großen Zusam̄enhanges ist ein 
    unbestrittenes Verdienst der Rank’schen 
    Konstruktion. Nun trifft das Trauma der 
    Geburt die einzelnen Individuen in verschiedener 
    Intensität, mit der Stärke des Traumas variirt 
    die Heftigkeit der Angstreaktion, und nun 
    soll es von dieser Anfangsgröße der Angst-
    entwicklung abhängen, ob das Individuum 
    jemals ihre Beherrschung erlernen kann, ob 
    es neurotisch wird oder normal. 

    Die Einzelkritik der Rank’schen Aufstellungen ist 
    nicht unsere Aufgabe, blos deren Prüfung, 
    ob sie zur Lösung unseres Problems brauchbar 
    sind. Die Formel Ranks, Neurotiker werde der, 
    dem es wegen der Stärke des Geburtstraumas 
    niemals gelinge, dieses völlig abzureagiren, ist 
    theoretisch höchst anfechtbar. Man weiß nicht 
    recht, was mit dem Abreagiren des Traumas 
    gemeint ist. Versteht man es wörtlich, so 
    kom̄t man zu dem unhaltbaren Schluß, daß 
    der Neurotiker sich umsomehr der Gesund-
    ung nähert, je häufiger und intensiver 
    er den Angstaffekt reproduzirt. Wegen 
    dieses Widerspruchs mit der Wirklichkeit habe ich 
    ja seinerzeit die Theorie des Abreagierens, 
    aufgegeben, die in der Katharsis eine so 
    große Rolle spielte. Die Betonung der wech-
    selnden Stärke des Geburtstraumas läßt 
    keinen Raum für den berechtigten aetiologischen 
    Anspruch der hereditären Konstitution. 

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    Es wäre unbillig, ihn dem Versuch von 
    Adler in einem anderen Punkte als dem 
    einen hier betonten gleichzustellen, denn 
    er bleibt auf dem Boden der Psychoanalyse, 
    deren Gedankengänge er fortsetzt, und ist als 
    eine legitime Bemühung zur Lösung der 
    analytischen Probleme anzuerkennen.

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    Sie ist ja ein organisches Moment, welches sich gegen 
    die Konstitution wie eine Zufälligkeit verhält 
    und selbst von vielen, zufällig zu nennenden Ein-
    flüßen von zB von der rechtzeitigen Hilfeleistung 
    bei der Geburt abhängig ist. Die Rank’sche 
    Lehre hat konstitutionelle wie phylogenetische 
    Faktoren überhaupt außer Betracht gelassen. 
    Will man aber für die Bedeutung der 
    Konstitution Raum schaffen, etwa durch 
    die Modifikation, es käme viel mehr darauf 
    an, wie s ausgiebig das Individuum auf die 
    variable Intensität des Geburtstraumas reagire, 
    so hat man der Theorie ihre Bedeutung ge-
    raubt und den neu eingeführten Faktor 
    auf eine Nebenrolle eingeschränkt. Die 
    Entscheidung über den Ausgang in Neurose 
    liegt dann doch auf einem anderen, wiederum 
    auf einem unbekannten Gebiet.

    Die Tatsache, daß der Mensch den Geburtsvorgang 
    mit den anderen Säugetieren gemein hat, 
    während ihm eine besondere Disposition zur 
    Neurose als Vorrecht vor den Thieren zukom̄t, 
    wird kaum günstig für die Rank’sche Lehre 
    stimmen. Der Haupteinwand bleibt aber, daß 
    sie in der Luft schwebt, anstatt sich auf gesich-
    erte Beobachtung zu stützen. Es giebt keine 
    Untersuchungen darüber, ob schwere und protrahirte 
    Geburt in unverken̄barer Weise mit Entwick-
    lung von Neurose zusam̄en treffen, ja ob 
    so geborene Kinder nur die Phänomene 
    der frühinfantilen Ängstlichkeit länger oder 
    stärker zeigen als andere. Macht man geltend, 
    daß praezipitirte und für die Mutter leichte Ge-
    burten doch für das Kind möglicher Weise die Bedeut-
    ung von schweren Traumen haben, so bleibt doch 
    die Forderung aufrecht, daß Geburt, die zur 
    Asphyxie führen, die behaupteten Folgen 
    mit Sicherheit erkennen lassen müßten. Es 
    scheint ein Vorteil der Rankschen Aetiologie 
    daß sie ein Moment voranstellt, das 
    der Nachprüfung am Material der Erfahr-
    ung zugänglich ist; solange man eine solche 
    Prüfung nicht wirklich vorgenom̄en hat, 
    ist es unmöglich, ihren Wert zu beurteilen.

    Dagegen kann ich mich der Meinung nicht 
    anschließen, daß die Rank’sche Lehre der bisher 
    in der Psychoanalyse anerkannten aetiologischen Bedeutung 
    der Sexualtriebe widerspricht, denn sie bezieht 
    sich nur auf das Verhältnis des Individuums 
    zur Gefahrsituation und läßt die gute Auskunft 
    offen, daß, wer die anfänglichen Gefahren 
    nicht bewältigen konnte, auch in den später 
    auftauchenden Situationen sexueller Gefahr 
    versagen muß und dadurch in die Neurose 
    gedrängt wird.

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    Ich glaube also nicht, daß der Rank‘sche Versuch uns die 
    Antwort auf die Frage nach der Begründung der 
    Neurose gebracht hat und ich meine, es läßt sich noch 
    nicht entscheiden, einen wie großen Beitrag 
    zur Lösung der Frage sie er doch enthilt. Wenn 
    die Untersuchungen über den Einfluß schwerer 
    Geburt auf die Disposition zu Neurosen negativ 
    ausfallen, ist dieser Beitrag gering einzuschätzen. 
    Es ist sehr zu besorgen, daß das Bedürfnis nach 
    einer greifbaren und einheitlichen „letzten Ursache" 
    der Nervosität immer unbefriedigt bleiben 
    wird. Der ideale Fall, nach dem sich der Mediziner 
    wahrscheinlich noch heute sehnt, wäre der des Bazillus, 
    der sich isoliren und reinzüchten läßt, und dessen 
    Impfung bei jedem Individuum die nämliche 
    Affektion hervorruft. Oder etwas weniger phantast-
    isch die Darstellung von chemischen Stoffen, deren 
    Verabreichung bestim̄te Neurosen produzirt und aufhebt. 
    Aber die Wahrscheinlichkeit spricht nicht für 
    solche Lósungen des Problems.

    Die Psychoanalyse führt zu weniger einfachen, 
    minder befriedigenden Auskünften. Ich habe 
    hier nur längst Bekanntes zu wiederholen, nichts 
    Neues hinzuzufügen. Wenn es dem Ich gelungen 
    ist, sich einer gefährlichen Triebregung zu erwehren, 
    zB durch den Vorgang der Verdrängung, so hat 
    es diesesn Stück Teil des Es zwar gehemmt und geschädigt, 
    aber ihm gleichzeitig auch ein Stück Unabhängig-
    keit gegeben und auf ein Stück seiner eigenen 
    Souveränität verzichtet. Das folgt aus der Natur 
    der Verdrängung, die im Grunde ein Fluchtversuch 
    ist. Das Verdrngte ist nun „vogelfrei“, ausgeschloßen 
    aus der großen Organisation des Ichs, nur den 
    Gesetzen unterworfen, die im Bereich des Unbe-
    wußten herrschen. Ändert sich nun die Gefahr-
    situation, so daß das Ich kein Motiv zur Abwehr 
    einer neuerlichen, der verdrängten analogen Trieb-
    regung hat, so werden die Folgen der Ichein-
    schränkung manifest. Der neuerliche Triebab-
    lauf vollzieht sich unter dem Einfluß des Auto-
    matismus – ich zöge vor zu sagen: des Wieder-
    holungszwanges – er wandelt dieselben Wege 
    wie der früher verdrängte, als ob die über-
    wundene Gefahrsituation noch bestiinde. Das 
    fixirende Moment an der Verdrängung ist also 
    der Wiederholungszwang des unbewußten Es, 
    der normaler Weise nur durch die frei beweg-
    liche Funktion des Ichs aufgehoben wird. Nun 
    mag es dem Ich mitunter gelingen, die Schranken der Ver-
    drängung, die es selbst aufgerichtet, wieder 
    einzureißen, seinen Einfluß auf die Trieb-
    regung wiederzugewinnen und den neuerlichen 

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    Triebablauf im Sinne der veränderten Gefahrsituation 
    zu lenken. Tatsache ist, daß es ihm so oft mislingt 
    und daß es seine Verdrängungen nicht rück-
    gängig machen kann. Quantitative Relationen 
    mögen für den Ausgang dieses Kampfes maß-
    gebend sein. In manchen Fällen haben wir den 
    Eindruck, daß die Entscheidung eine zwangsläufige 
    ist, die regressive Anziehung der verdrängten 
    Regung und die Stärke der Verdrängung 
    sind so groß, daß die neuerliche Regung 
    nur dem Wiederholungszwange folgen 
    kann. In anderen Fällen nehmen wir den 
    Beitrag eines anderen Kräftespiels wahr, die 
    Anziehung des verdrängten Vorbild wird ver-
    stärkt durch die Abstoßung von Seiten der 
    realen Schwierigkeiten, die sich einem anderen Ab-
    lauf der neuerlichen Triebregung entgegen-
    setzen.

    Daß dies der Hergang der Fixierung an die Verdräng-
    ung d und der Erhaltung der nicht mehr akt-
    uellen Gefahrsituation ist, findet seinen Er-
    weis in der an sich bescheidenen, aber theoret-
    isch kaum überschätzbaren Tatsache der analyt-
    ischen Therapie. Wenn wir dem Ich in der 
    Analyse die Hilfe leisten, die es in den Stand 
    setzen, seine Verdrängungen aufzuheben, 
    bekom̄t es seine Macht über das verdrängte 
    Es wieder und kann die Triebregungen so 
    ablaufen lassen, als ob die alten Gefahrsituat-
    ionen nicht mehr bestünden. Was wir so er-
    reichen, steht in gutem Einklang mit dem 
    sonstigen Machtbereich unserer ärztlichen Leistung. 
    In der Regel muß sich ja unsere Therapie damit 
    begnügen, den guten Ausgang rascher, verläßlicher, 
    mit weniger Aufwand herbeizuführen, der 
    sich unter günstigen Verhältnißen spontan 
    ergeben hätte.

    Die bisherigen Erwägungen lehren uns, es sind 
    quantitative Relationen, nicht direkt faßbar aufzuzeigen 
    nur auf dem Wege des Rückschlußes faßbar 
    die darüber entscheiden, ob die alten Gefahr-
    situationen festgehalten werden, ob die Ver-
    drängungen des Ichs erhalten bleiben, ob die 
    Kinderneurosen ihre Fortsetzung finden 
    oder nicht. Von den Faktoren, die an 
    der Verursachung der Neurosen beteiligt 
    sind, die die Bedingungen geschaffen haben, 
    unter denen sich die psychischen Kräfte mit 
    einander messen, heben sich für unser Ver-
    ständnis drei hervor, ein biologischer, ein 
    phylogenetischer und ein rein psychologischer. Der 
    biologische ist die lang hingezogene Hilflosigkeit 
    und Abhängigkeit des kleinen Menschenkindes. 
    Die Intrauterinexistenz des Menschen erscheint 
    gegen die der meisten Thiere relativ verkürzt, 
    es wird unfertiger als diese in die Welt 
    geschickt. Dadurch wird der Einfluß der realen 
    Außenwelt verstärkt, die Differenzierung 

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    des Ichs vom Es frühzeitig gefördert, die Gefahren 
    der Außenwelt in ihrer Bedeutung erhöht und 
    der Wert des Objekts, das allein gegen diese 
    Gefahren schützen und das verlorene Intrauterin-
    leben ersetzen kann, enorm gesteigert. Dies 
    biologische Moment stellt also die ersten Gefahr-
    situationen her und schafft das Bedürfnis geliebt 
    zu werden, das den Menschen nicht mehr ver-
    lassen wird.

    Der zweite, phylogenetische, Faktor ist von uns nur 
    erschloßen worden; eine sehr merkwürdige 
    Tatsache der Libidoentwicklung hat uns zu 
    seiner Annahme gedrängt. Wir finden, daß 
    das Sexualleben des Menschen sich nicht wie das 
    der meisten ihm nahestehenden ¿¿¿¿ Thiere vom 
    Anfang bis zur Reifung stetig weiter entwickelt, 
    sondern daß am es nach einer ersten Früh-
    blüte bis zum fünften Jahr eine energische 
    Unterbrechung erfährt, worauf es dann mit 
    der Pubertät von neuem anhebt und an 
    die infantilen Ansätze anknüpft. Wir meinen, 
    es müßte in den Schicksalen der Menschenart 
    etwas Wichtiges vorgefallen sein, was diese 
    Unterbrechung der Sexualentwicklung als 
    historischen Niederschlag hinterlassen hat. Die pathogene 
    Bedeutung dieses Moments ergibt sich daraus, 
    daß die meisten Triebanspriiche dieser kindlichen 
    Sexualität vom Ich als Gefahren behandelt und 
    abgewehrt werden, so daß die späteren sexuellen 
    Regungen der Pubertät, die ichgerecht sein sollten, 
    in Gefahr sind, der Anziehung der infantilen 
    Vorbilder zu unterliegen und ihnen in die 
    Verdrängung zu folgen. Hier stoßen wir auf die 
    direkteste Aetiologie der Neurosen. Es ist merk-
    würdig, daß der frühe Kontakt mit den Ansprüchen 
    der Sexualität auf das Ich ähnlich wirkt wie die 
    vorzeitige Berührung mit der Außenwelt.

    Der dritte oder psychologische Faktor ist in einer 
    Unvollkom̄enheit unseres seelischen Apparates zu 
    finden, die grade mit seiner Differenzirung in 
    ein Ich und ein Es zusam̄enhängt, also in letzter 
    Linie auch über auf den Einfluß der Außen-
    welt zurückgeht. Durch die Rücksicht auf die 
    Gefahren der Realität wird das Ich genötigt, 
    sich gegen gewiße Triebregungen des Es zur 
    Wehre zu setzen, sie als Gefahren zu behandeln. 
    Das Ich kann sich aber gegen innere Triebgefahren 
    nicht in so wirksamer Weise schützen wie gegen 
    ein Stück der ihm fremden Realität. Mit dem 
    Es selbst innig verbunden, kann es die Triebgefahr 
    nur abwehren, indem es seine eigene Organisation 
    einschränkt und sich die Symptombildung als 
    Ersatz für seine Beeinträchtigung des Triebes 
    gefallen läßt. Erneuert sich dann der Andrang 
    des abgewiesenen Triebes, so ergeben sich für 
    das Ich alle die Schwierigkeiten, die wir als das 
    neurotische Leiden kennen.

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    Weiter muß ich glauben, ist unsere Einsicht 
    in das Wesen und die Verursachung der 
    Neurosen vorläufig nicht gekommen.

    XII. Nachträge

    Im Laufe dieser Erörterungen sind verschiedene
    Themen berührt worden, die vorzeitig verlassen 
    werden mußten und die jetzt gesammelt werden 
    sollen, um den Anteil Aufmerksamkeit 
    zu erhalten, auf den sie Anspruch haben.

    A. Modifikationen früher geäußerter Ansichten.

    a) Widerstand und Gegenbesetzung.

    Es ist ein wichtiges Stück der Theorie der Ver-
    drängung, daß sie nicht einen einmaligen 
    Vorgang darstellt, sondern einen dauernden 
    Aufwand erfordert. Wenn dieser entfiele, 
    würde der verdrängte Trieb, der kontinuir-
    lich Zuflüße aus seinen Quellen erhält, ein 
    nächstes Mal denselben Weg einschlagen, von 
    dem er abgedrängt wurde, die Verdrängung 
    würde um ihren Erfolg gebracht oder sie 
    müßte unbestimmt oft  wiederholt werden. 
    So folgt aus der kontinuirlichen Natur des 
    Triebes die Anforderung an das Ich, seine 
    Abwehraktion durch einen Daueraufwand 
    zu versichern. Diese Aktion zum Schutz der 
    Verdrängung ist es, die wir bei der therap-
    eutischen Bemühung als Widerstand ver-
    spüren. Widerstand setzt das voraus, was 
    ich als Gegenbesetzung bezeichnet habe. 
    Eine solche Gegenbesetzung wird bei der Zwangs-
    neurose greifbar. Sie erscheint hier als Ichver-
    änderung, als Reaktionsbildung im Ich durch 
    Verstärkung jener Einstellung, welche der 
    zu verdrängenden Triebrichtung gegen-
    sätzlich ist (Mitleid, Gewissenhaftigkeit, 
    Reinlichkeit). Diese Reaktionsbildungen 
    der Zwangsneurose sind durchwegs 
    Übertreibungen der normaler, im Verlauf 
    der Latenzzeit gebildeter entwickelter Charakterzüge. 
    Es ist weit schwieriger, die Gegenbesetzung 
    bei der Hysterie aufzuweisen, wo sie nach 
    der theoretischen Erwartung ebenso un-
    entbehrlich ist. Auch hier ist ein gewißes 
    Maß von Ichveränderung durch Reaktions-
    bildung unverkennbar und wird in 
    manchen Fällen Verhältnißen so auffällig, daß es sich der 
    Aufmerksamkeit als das Hauptsymptom 
    des Zustandes aufdrängt. In solcher Weise 
    wird zB. der Ambivalenzkonflikt der 
    Hysterie gelöst, der Haß gegen eine ge-
    liebte Person wird durch ein Über-
    maß von Zärtlichkeit für sie und