• S.

    Falzeder:

    28. 5. 22

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

     

    Lieber Herr Doktor

     

    Durch vielerlei in Anspruch genommen, gehe ich erst an diesem Sonntag daran, Ihnen die gewünschten Äusserungen über Ihre beiden Impotenten zu schicken.  Keine leichte Aufgabe!  Da Sie selbst soviel wissen, kann ich nicht leicht herausfinden, wo Sie etwas übersehen haben könnten.

     

    Der erste, Ingen. L., ist offenbar ein wertvoller Mensch, verdient noch weiter behandelt zu werden u hat wol auch gute Chancen.  Er scheint sich Ihnen noch nicht völlig erschlossen zu haben, u so lange dies nicht der Fall ist, bekommt man ja auch nichts das Material für ein untrügliches Urteil.  Indess sind 6 Monate noch keine lange Zeit u es kann noch werden.  Vielleicht zeigen Sie ihm zu viel Ungeduld und thera­peutischen Ehrgeiz, anstatt sich nur auf seine persönliche Eroberung zu verlegen.  Also ich meine: keine Terminsetzung.  Die Schwierigkeit liegt offenbar in seinem Verhältnis zum Mann (Vater, mit dem er Sie nicht leicht identifiziren kann).  In Betreff der Onanie stellen Sie ihm nur vor, dass er sich durch sie endgiltig den normalen Weg zum Weib verlegen würde, und dass eine Abstinenz trotz ihrer gelegentlichen Durchbrüche analytisch der Mühe lohnt.  Von den anderen Motiven, welche seine Impotenz halten, ist nicht leicht etwas zu erraten.  Vielleicht war auch die Frau Vaterersatz für ihn, hat mit ihren maskulinen Eigenschaften seine femininen gesättigt.  Reue u Busse, also Schuldbw als Motiv der festgehaltenen Versagung des Weibes sind kaum zu bezweifeln.  Den Ersatz durch Prostitution halte ich nicht für günstig, besser ihn volle Enthaltung üben zu lassen, bis er sie zeitweise durch Onanie unterbricht.  Seiner Potenz wird dabei kein dauernder Schaden geschehen, das zeigt ja sein Verhalten in der Ehe.  Kein Versuch, ihm unsere freieren Ansichten über den Sexualverkehr aufzudrängen.  Ich bin nicht sicher, dass ich Ihnen in diesen Bemerkgen etwas bieten konnte.  Das Problem ist wesentlich ein technisches.

     

    Der zweite Fall, der Slowene, ist ein offenbarer Lump, der Ihre Mühe nicht wert ist.  Unsere analyt. Kunst versagt bei solchen Leuten, auch unsere Einsicht vermag die bei ihnen herrschenden dynamischen Verhältnisse noch nicht zu durchschauen.  Ich antworte ihm nicht direkt, nehme an, dass Sie ihn wegschicken werden.

     

    Vielen Dank für den zweiten Band der Übersetzung.  Ich hoffe, sie wird sich Ihnen bald lohnen, da das Interesse in Frankreich u Spanien jetzt so erstarkt.  Wollen Sie von jedem der beiden Pat. 100 Lire an Frl Minna Bernays (meine Schwägerin) Abbazia, Savoy Hotel schicken lassen.

     

    Mit herzlichem Gruss