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S.
Falzeder:
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
30.IX.26.
Lieber Herr Doktor,
Ich danke Ihnen für Ihre Nachrichten über die italienische Gesellschaft, die allerdings günstiger lauten könnten, die man aber so annehmen muss wie sie sind. Es kommt ja oft vor, dass die Form früher da ist als der Inhalt und ich freue mich, dass Sie nicht die Absicht haben, diese Form jetzt zu zerstören. Hoffen wir, dass sie sich mit der Zeit mit Inhalt erfüllen wird und wenn dies geschieht, wird es Ihr Werk und Ihr Verdienst sein. Ueber Bianchini denke ich genau so wie Sie. Ich habe seine Schwächen und seine guten Seiten immer so beurteilt wie Sie es in Ihrem Briefe tun. Ihre Morsellikritik ist durchaus was wir gewünscht haben. Wo sie hart scheint, hat Morselli diese Härte wohl verdient. Man hat mir erzählt, dass die Redaktion der Zeitschrift Ihren Aufsatz um etwas verkürzt hat. Umso befriedigter bin ich, dass Sie ihn in italienischer Sprache unverkürzt publizieren konnten.
Ihre Anfrage betreffs meiner Aeusserung in der Einführung des Narzissmus, ob es Neurosen gibt, bei denen der Kastrationskomplex keine Rolle spielt, bringt mich in Verlegenheit. Ich weiss nicht mehr, woran ich damals gedacht habe. Heute wüsste ich allerdings keine Neurose zu nennen, in der nicht dieser Komplex anzutreffen wäre und würde jedenfalls den Satz heute nicht niedergeschrieben haben. Aber wir übersehen das ganze Gebiet noch zu wenig, ich möchte mich lieber nach keiner Seite endgültig binden.
Mit herzlichem Gruss
Ihr
[signed:] Freud
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S.
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C43F24
- Schreibmaschine
- Zusatz in Freuds Hand