• S.

    Noordwijk  20. 8. 10.
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Lieber Herr Doktor

    Dr Rapp ist ein besonders schöner u schwieriger Fall, an dessen Redressement man leicht verzagen kann.  Es bleibt nicht viel anderes übrig als ihm seinen Weg zu lassen u gut mit ihm zu sein.  Letzteres wird dadurch erleichtert, dass er ein besonders vornehmer, feiner Mensch ist.  Ich behandle ihn erst seit Monaten, weiss gerade genug von ihm um sein jetziges Benehmen zu erklären.  Aus einer sehr pervers angelegten Familie, konstitutionell sadistisch-koprophil-homosexuell, hat er einen hohen Aufschwung zur Sublimirg genommen und in ausserordentlicher Vergötterung des im Leben sehr erfolgreichen, für ihn früh verstorbenen Vaters geschwelgt.

    Da muss es einen innerlichen Krach gegeben haben, dessen Hergang noch nicht aufgeklärt ist. Aber er wiederholt jetzt dies Stück seines unbew. Erlebens, denn er hat sich sehr rasch u intensiv für mich enthusiasmirt um sich jetzt in der entschiedensten Opposition gegen mich zu finden.  Daher der Wert aufs Körperliche, Kräftigung, Electr. Darmthätigkeit etc.  Lassen Sie ihn gewähren.

  • S.

    Mit seiner Ehe hat er eine rechte Dummheit gemacht, u wenn er nicht Erfolg als Komponist findet, wird der Strick, der ihn ans Leben knüpft, vielleicht einmal reissen.

    Thun Sie am besten als wüssten Sie nichts von mir über ihn; ich will der diskrete bleiben.  Ich meine, wenn Sie nur gleichmässig freundlich sind, wird er sich leicht mehr an Sie attachiren, als für die Analyse notwendig.

    Das Jahrb. hat auch mir sehr gefallen.  Ich stehe gerade bei Ihrer u Riklins Arbeit.  Binswanger danke ich sehr für seine Zuschrift, ich freue mich über nichts mehr als über die Anzeichen der Freundschaft in unserem Kreis.

    In acht Tagen werde ich mit Ferenczi auf eine Reise gehen, die uns bis nach Sizilien führen soll.  Vor dem 1 Okt. wird nicht gearbeitet.

    Herzlichst
    Ihr
    Freud