• S.

    9. Okt 10
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Lieber Herr Doktor

    Ich habe jetzt Ihre Arbeit zum ersten Male durchgelesen u beeile mich meinem Versprechen gemäss, Ihnen über sie [zu] schreiben, obwol ich aus einer zweiten Lesung weit mehr Gewinn erwarte.

    Ich weiss nicht aus welchem Grunde Sie mein Urteil haben wollten; es freut mich aber Ihnen sagen zu können, dass ich sie als vortrefflich gelungen u als eine wichtige Station auf dem Wege zum ψα Verständnis des Paranoiatypus betrachte.  Ich wüsste nichts zurückzuweisen u in viellen Stücken finde ich Sie meine früheren Erwartungen bestätigend oder meinen neuerlichen Gedanken voraneilend.

    Ich plage mich jetzt selbst mit diesen Problemen, suche einiges schärfer zu fassen und von anderem die richtige psychische Schichtung zu erkennen.  Ganz einverstanden bin ich mit Ihrer Auffassung des Grössenwahnes; man könnte sagen, er sei die Sexualüberschätzung des eigenen Ichs u eine Regression zum Stadium des Narzissmus, den man normaler Weise auf dem Wege vom Auto-Erotismus zur Objektliebe durchgemacht hat.

    Von der Homosexualität vermute ich, dass sie bei allen Paranoiafällen die gleiche

  • S.

    Rolle spielt wie bei Ihrem Fall I u Schreber, die übrigens viel gemeinsames haben.  Ihr Fall II ist in dieser Hinsicht minder durchsichtig

    Für den Verfolggswahn halte ich den zweiten Mechanism, dessen Bedeutg Sie so scharf erkennen, für den bedeutsameren.  Regel, die Angaben des Kranken umzukehren u anzunehmen, dass es seine Liebesobjekte sind, von denen er sich jetzt verfolgt glaubt.  Fall I ist auch als Erotomane interessant.

    Die grösste theoret. Schwierigkeit bieten mir noch die hypochondr. Züge, denen eine grosse Rolle zuzuschreiben ist.  Aber an welcher Stelle?

    Die Betonung biologischer Gesichtspunkte halte ich noch für verfrüht.  Wir wollen die Ψ [sic] unabhängig halten u nicht für die alte Anlehnung an die Physiologie eine neue eintauschen.  Sind wir erst weiter, so werden sich die Beziehungen zur Biologie von selbst ergeben.

    Ich verkenne nicht, dass viele Ihrer Sätze, die für unseren Kreis fast selbstevident sind, den Aussenstehenden wie Offenbarungen erscheinen müssen.

    Manches, was ich noch zu sagen hätte, ist in die gegenwärtige Gährung einbezogen u wartet daher auf eine andere Gelegenheit.  Ich sende diesen Brief an die Adresse Ihrer Eltern u wünsche Ihnen eine schöne Zeit in England.

    Ihr
    herzlich ergebener
    Freud