• S.

    20. 4. 11.
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Lieber Herr Doktor

    Wir verstehen uns jetzt über die Funktion des Traumes, wenngleich mir die Sonderung in Vorgang u Produkt noch immer die schärfere zu sein scheint.  Die Denkprodukte, die man so als Träume (in die Sprache der Wunscherfüllung übersetzt) erhascht, verdienen gewiss nach den von Ihnen betonten Gesichtspunkten geprüft zu werden, aber auch nach anderen.  Sie stellen allerlei Vorstufen der definitiven -- zur Handlung führenden -- Denkvorgänge dar u dürften sich kaum als eine besondere, nicht ins Tagesleben gehörige Gattung absondern lassen.

    Den Aufsatz von Moll habe ich nicht gelesen.  Sie sind als Referent im Zentralbl so glänzend, dass Sie ohne weiteres Bedenken auch diese Leistung übernehmen könnten.  Hart's Aufsatz kenne ich nur aus einer Notiz im Lancet.  Er hätte ihn mir zusenden sollen.  Von H. Ellis liegt ein neues Traumbuch vor, in demer gegen mich sehr liebenswürdig ist, aber kaum etwas akzeptirt.  Er ist kein Mann der Entschliessung.  Seine Argumente erscheinen

  • S.

    mir bemerkenswert schwach.  Er will nicht glauben, dass man nur von Dingen träume, die "worth wile" sind.  Und dann bestreitet er, dass die Träume der Neurotiker, die wir zumeist analysiren, auf die der Gesunden schliessen lassen.  Im Gegenteil scheint mir, dass im Tr die Unterschiede zwischen den Normalen u Nervösen wegfallen, wie die militärischen Dinstinktionen im Bad u dass gerade die Träume Gesunder mit unnachahmlicher Naivität die Traumgeheimnisse verraten.  Schade, dass Ellis nicht mehr begriffen hat.

    Für Ihre Nachrichten über die Patienten herzlichen Dank.  Die kleine Polin wird ja doch eine Dem. pr. sein, aber die Versuche mit ΨA sind bei ihr gewiss berechtigt.

    Wir warten jetzt aufs Jahrb, das in 3-4 Wochen herauskommen muss.

    Mit herzlichem Gruss
    Ihr Freud